26.04.2012 Neuerscheinung

Strichnin Grafik: Sarah Stowasser, Fakultät für Gestaltung Auszug aus: Asphalt-Blüten.

Strichnin: Release Party

Comicmagazin der Hochschule Augsburg erfindet sich immer wieder neu

Manchmal machen wir eine Reise ins Unterbewusstsein. Ein Gegenstand – ganz zufällig entdeckt – kann tiefe Neugier in uns wecken. Woher kommt dieser Gegenstand? Birgt er ein Geheimnis? Weckt er eine alte Erinnerung? Diesen Faden können wir aufgreifen und weiterspinnen. Unsere Gedanken lassen die ganz persönlichen Geschichten lebendig werden, die jedes Ding in sich trägt. Darauf hatten sich die Teilnehmer des Projekts „Comicwerkstatt“ im Sommersemster 2011 eingelassen.

Die Aufgabe lautete: „Entdecke etwas, das dich neugierig macht. Erfinde dessen Vorgeschichte oder denke dir aus, wie es damit weiter gehen könnte.“ Fünf Monate lang lautete der Marschbefehl: Auf zum Triathlon „suchen – finden – erfinden“. Das Ergebnis heißt „Strichnin 4“. Unter dem Leitgedanken „visuell – trivial – narrativ“ ist jetzt das 96 Seiten dicke Comicmagazin der Hochschule Augsburg aus der Druckerei gekommen. Die Fachklasse Illustration an der Fakultät für Gestaltung unter Leitung von Prof. Mike Loos bleibt damit ihrer Tradition seit 2007 treu.

Selbstkritisch und gefühlsbetont

Beiträge von insgesamt acht Studierenden entführen den Leser in der aktuellen Ausgabe in das bunte Gefühlsleben einer Generation, die sich nicht etwa nur aufs Partyleben stürzt, sondern sich im Gegenteil mit zum Teil sehr ernsten gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetzt.

„Ich sehe mich selbst. Weinend und lachend, in längst vergangenen Stunden. Ich erinnere mich: Als Kind war ich viel mutiger“, schreibt Yi Luo und hat für sich entdeckt: „Manchmal muss man zu bestimmten Dingen gezwungen werden, sonst macht man sie nie, und verpasst den ganzen Spaß, den sie einem bringen können.“ Ein Kinderfoto und eine Zeichnung, die sie als Erasmusstudentin in Italien angefertigt hatte, haben die Kommunikationsdesign-Studentin auf ihre Geschichte gebracht. „Das kleine Ich“ handelt von Sehnsucht und Heimweh, von der Suche nach Augenblicken, die vergangen sind, und dem Nachdenken über die Gegenwart. „Zeichnen ist meine Sprache“, damit trifft sie den Nagel des Projekts „Strichnin“ auf den Kopf.

Sarah Stowasser erzählt in „Asphalt-Blüten“ von den in Augsburg an allen Wänden und Trafohäuschen auffindbaren Blumen-Graffitos. Diese locken ihre Protagonistin in eine geheimnisvolle Welt, in der Blumen die Besucher verzaubern, zum Spielen anregen aber auch necken. Ganz ungewollt entfaltet diese Geschichte einen aktuellen Bezug. Denn der Schöpfer dieser tatsächlich existierenden Spray-Kunstwerke  – es sind Fundstücke – wurde Ende März von der Polizei gestellt und wartet nun auf ein Strafverfahren wegen Sachbeschädigung.

Raum für persönliche Empfindungen

„ ... peng, peng, peng, dann war es passiert“, so banal schildert ein Kriegsverbrecher seine Tat in einem authentischen Gerichtsverfahren. Christine Ostermaier (von der auch das Titelbild des Heftes stammt) baut daraus eine fiktive Geschichte von Schuld und Sühne. Dabei transferiert sie das Geschehen von der großen politischen Bühne ins Private, schafft Raum für persönliche Empfindungen.

Eva Gräbeldinger ließ sich vom Struwelpeter inspirieren, dessen schwarze Pädagogik sie fassungslos betrachtet und darauf mit einem anarchisch überdrehten Minidrama über das „deterministische Chaos“ reagiert.

An das eigene Gefühlschaos als Teenager erinnert sich Kerstin Buzelan, die sich als „Riot Gurl“ selbstironisch auf alte Tagebucheintragungen stürzt.

Ebenso heiter blickt Katharina Netolitzky auf sich selbst und ihren inneren „Schweinehund“ und den aussichtlosen Versuchen, diesen zu zähmen. So manchem  Leser dürfte dies nicht unbekannt sein.

Kafkaeske Szenen

Um echte Tiere geht es bei Arthur Aschenbrenners „Untermieter“. Doch hier wird es düster. In kafkaesken Szenen schildert er, wie Tauben den privaten Lebensraum eines Mannes Stück für Stück besetzen. In kleinen Schritten eskalieren diese Grenzüberschreitungen, die Tauben scheinen dabei einem geheimnisvollen Plan zu folgen, gewähren ihrem Opfer aber auch keine Möglichkeit, sich ihren Attacken zu entziehen. So erzählt die Geschichte auf subtile Weise von der Unbehaustheit eines Menschen, der sich nach und nach selbst verliert.

Auch Corinna Pickart zeichnet in „Die Gedanken sind frei“ Bilder, die vom Identitätsverlust handeln. Doch hier ist es ihre eigene Familiengeschichte. Das Thema ist sehr persönlich, dennoch schafft die Sprache die nötige Distanz und vermeidet jegliche rührselige Sentimentalität. „Verständnis konnte ich nicht länger aufbringen“ berichtet sie in Bezug auf die seelische Erkrankung des Bruders. In äußerst nüchternern Worten geht sie da schonungslos ehrlich mit sich selbst um. Ein Happy End ist nicht in Sicht, bestenfalls die Hoffnung, dass sich die Situation stabilisieren lässt.

Hochschulcomic überwindet Stereotypen

Neben den Beiträgen der jungen Zeichnerinnen und Zeichner enthält „Strichnin 4“ ein Vorwort von Klaus Schikowski, Chefredakteur der Zeitschrift „Comixene“. Er hat die Erfahrung gemacht, dass die Studierenden durch die professionelle Betreuung, wie sie an Hochschulen in der Regel stattfindet, neue Methoden und Herangehensweisen an das Genre entwickeln. „Für den Comic ist das sozusagen eine Win-win-Situation“, schreibt er. Der „Hochschulcomic“ hebe sich dadurch von der Masse der Veröffentlichungen ab und habe die stereotype Wiederholung traditionsreicher Comic-Kulturen sowohl inhaltlich als auch stilistisch überwunden. Dass dies als Erfolg für die Szene zu verbuchen sei, habe unter anderem auch die Auszeichnung von „Strichnin 2“ als „beste studentische Comic-Publikation“ mit dem Max und Moritz Preis auf dem Comic-Salon in Erlangen im Jahr 2010 gezeigt.

Ob es den Studentinnen und Studenten auch dieses Mal wieder gelungen ist, ihren inneren Schweinehund zu überwinden und den Gedanken freien Lauf bzw. freie Feder zu lassen, darf nun das Publikum entscheiden.

Release Party: Strichnin – Ausgabe 4

Termin: Donnerstag, 26. April, 19.30 Uhr
Ab 21.00 Uhr spielt die Band » Jack Snipe«
Ort: Grandhotelaugsburg
Konzept einer sozialen Skulptur in Augsburgs Herzen
Springergäßchen
86152 Augsburg

http://grandhotelaugsburg.wordpress.com/

Bezugsadresse

Exemplare können angefordert werden unter:

www.strichnin-comic.de oder
mike.loos@hs-augsburg.de

Preis: 9 Euro
Kostenloses Besprechungsexemplar nach Rücksprache möglich

Beiträge und Autoren „Strichnin 4“

  • Titelbild: Christine Ostermaier
  • Illustration zum Vorwort: Katharina Netolitzky
  • „Riot Girl“: Kerstin Buzelan
  • „Das deterministische Chaos: Eva Gräbeldinger
  • „Asphalt-Blüten“: Sarah Stowasser
  • „Des Schweinehunds Zähmung“: Katharina Netolitzky
  • „Das kleine Ich“: Yi Luo
  • „Peng! Peng! Peng!“: Christine Ostermaier
  • „Untermieter“: Arthur Aschenbrenner
  • „Die Gedanken sind frei“ Corinna Pickart
  • Back-Cover: Olga Borovleva

Weitere Infos über „Strichnin“ im Internet

http://www.strichnin-comic.de/

http://www.facebook.com/pages/Strichnin-Das-Comicmagazin-der-Hochschule-Augsburg/133251283409565

 

Meldung vom 13. April 2012