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Konrad von Würzburg
Trojanerkrieg
 


 






 



P r o l o g

Die Klage der Kunst

1 - 324

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Waz sol nû sprechen unde sanc?
man seit ir beider cleinen danc,
und ist ir zwâre doch unvil,
die mit getihte fröuden spil
5
den liuten bringen unde geben.
man siht der meister wênic leben,
die singen oder sprechen wol;
dâ von mich wunder nemen sol,
daz beide rîche und arme sint
10
an êren worden alsô blint,
daz si die wîsen ringe wegent,
die wol gebluomter rede pflegent,
diu schœne ist unde wæhe.
ich wânde, swaz man sæhe
15
tiur unde fremde werden,
daz solte man ûf erden
für manic sache minnen,
der man hie gnuoc gewinnen
und alze vil gehaben mac.
20
den weisen ie vil hôhe wac
der keiser und daz rîche,
dur daz nie sîn gelîche
wart under manigem steine.
sît man gimmen reine
25
dar umb ie künde triuten,
daz si niht al den liuten
wol veile sint, sô diuhte mich
gevellic unde mügelich,
daz guot getihte wære
30
ze hove niht unmære
durch sîne tiuren fremdekeit.
diu schrift von einem vogele seit,
der fênix ist genennet.
ze pulver sich der brennet,
35
dar ûz er lebende wider wirt,
sô daz kein ander vogel birt
sîn fleisch und sîn gebeine;
jô lebt er alters eine,
und wart nie sîn genôz erkant.
40
vlüg er ûf eines herren hant,
mich diuhte wol gefüege,
daz er in gerner trüege
denn einen sperwære,
der niht sô fremde wære,
45
noch alsô tiure worden.
ich wil den spæhen orden
getihtes ime gelîchen,
der schiere in tiutschen rîchen
sô vaste wil verswinden,
50
daz man kûm einen vinden
mac in der lande creizen,
der müge ein meister heizen
red unde guoter dœne;
dâ von getihte schœne
55
den liuten adelbære
billichen lieber wære,
denn ob der wîsen wære gnuoc,
die mit ir sange wæren cluoc
und mit ir sprechen hövelich.
60
die nû verstânt ze rehte sich
getihtes in den landen,
die trüege man ûf handen
billîche enbor durch die geschiht,
daz man ir alsô wênic siht
65
und man der vindet gnuoge,
die trîben ander fuoge
schôn unde rehte kunnent.
ist, daz ir mir sîn gunnent,
ich sage zwivalt êre,
70
die got mit sîner lêre
ûf einen tihter hat geleit.
sîn herze sunderlichen treit
ob allen künsten die vernunst,
daz sîne fuoge und sîne kunst
75
nâch volleclichen êren
mac nieman in gelêren,
wan gotes gunst aleine.
kein mensche lebt sô reine,
dem got der sælden günde,
80
daz er gelernen künde
wort unde wîse tihten.
swaz künste man verrihten
hie kan ûf al der erden,
diu mac gelernet werden
85
von liuten, wan der eine list,
der tihten wol geheizen ist
und iemer ist alsô genant.
diz ist ein êre wîte erkant
und rîlîche ein wirdikeit,
90
die got besunder hât geleit
ûf einen tihter ûz erwelt.
ein ander lop wirt iu gezelt,
dâ mite in hât getiuret got.
im gap sîn götelich gebot
95
als edellîche zuoversiht,
daz er bedürfe râtes niht,
noch helfe zuo der künste sîn,
wan daz im unser trehtîn
sinn unde mundes günne,
100
dâ mite er schône künne
gedenken unde reden wol.
swer ander kunst bewæren sol
den jungen und den alten,
der muoz geziuges walten
105
und helferîcher stiure,
mit der sîn kunst gehiure
müg an daz lieht gefliezen.
und sol ein schütze schiezen,
er muoz hân bogen unde bolz.
110
kein snîder lebt sô rehte stolz,
der sîne kunst bewære,
gebristet im der schære,
dâ mite er schrôte ein edel tuoch.
ein kurdiwæner wæhen schuoch
115
nâch lobelichen sachen
mac niemer wol gemachen,
hât er niht alen unde borst.
nieman des wilden waldes worst
ân akes mac gehouwen.
120
swer durch die werden frouwen
rîlîche sol turnieren,
den müezen schône zieren
ros unde wâpenkleider:
jô darf er wol ir beider,
125
sol im sîn frouwe nîgen.
tambûren, harpfen, gîgen
bedürfen ouch geziuges wol.
swaz künste man eht öugen sol,
die müezen hân gerüste,
130
mit dem si von der brüste
ze liehte künnen dringen,
wan sprechen unde singen:
diu zwei sint alsô tugenthêr,
daz si bedürfen nihtes mêr
135
wan zungen unde sinnes.
der wirde und des gewinnes
genüzzen si von schulden,
daz man si gerne dulden
ze hove solte und anderswâ.
140
nû tuot man in ze liebe dâ
vil harte lützel guotes.
die wilden junges muotes
an der bescheidenheite sint
sô toup und alsô rehte blint,
145
daz guotiu rede und edel sanc
si dunket leider alze kranc,
swie si doch sîn ein künstic hort.
diu swachen schemelichen wort
von künstelôsen tôren
150
baz hellent in ir ôren,
dann edele sprüche tugentsam.
ir muot der ist getihte gram,
daz prüeve ich unde kiuse:
si tuont der fledermiuse
155
gelîch, diu nahtes fliuget,
daz si der glanz betriuget
an einem fûlen spâne,
daz si lebt in dem wâne,
daz von dem holze fiuhte
160
ein wârez lieht dâ liuhte
und ein gar endelicher schîn.
sus kan ze hove manger sîn
sô vinster an dem muote
und an wîslicher huote
165
sô gar unmâzen tunkel,
daz als ein lieht karfunkel
ein fûler und ein bœser funt
in sînes trüeben herzen grunt
vür edele sprüche schînet.
170
swer sich ûf tihten pînet,
der kan sich selben tœren:
man wil ungerne hœren
wol sprechen unde singen.
unfuoge diu kan dringen
175
vür aller zühte mâze.
dar umb ich doch niht lâze
mîn sprechen und mîn singen abe.
swie cleine ich drumbe lônes habe
von alten und von jungen,
180
doch mac ich mîner zungen
ir ambet niht verbieten.
ich wil und muoz mich nieten
getihtes al die wîle ich lebe:
ze lône und z'einer hôhen gebe
185
mir selben üebe ich mîne kunst.
dur waz verbære ich die vernunst,
diu dicke und ofte fröuwet mich?
ob nieman lepte mêr, denn ich,
doch seite ich unde sünge,
190
dur daz mir selben clünge
mîn rede und mîner stimme schal.
ich tæte alsam diu nahtegal,
diu mit ir sanges dône
ir selben dicke schône
195
die langen stunde kürzet.
swenn über si gestürzet
wirt ein gezelt von loube,
sô wirt von ir daz toube
gevilde lûte erschellet.
200
ir dôn ir wol gevellet,
dur daz er trûren stœret.
ob si dâ nieman hœret,
daz ist ir alsô mære,
als ob ieman dâ wære,
205
der si vernemen künde wol.
seht, alsô wil ich unde sol
dur daz niht lâzen mînen list,
daz ir sô rehte wênic ist,
die mîn getihte wol vernemen.
210
mîn kunst mir selben sol gezemen:
wan mir ist sanfte gnuoc dâ mite.
dâ von ich mînen alten site
ungerne wil vermîden:
ich muoz eht aber lîden
215
den kumber, des ich hân gewent.
mîn sin der spannet unde dent
dar ûf mit hôhem flîze,
daz ich vil tage verslîze
ob einem tiefen buoche,
220
dar inne ich boden suoche,
den ich doch vinde kûme.
z'eim endelôsen pflûme,
dar inne ein berc versünke wol,
gelîchen man diz mære sol,
225
des ich mit rede beginne.
wil ich den grunt dar inne
mit worten undergrîfen,
sô muoz ich balde slîfen
hie mîner zungen enker.
230
mîn lop daz würde krenker,
ob ich des hie begünde,
daz ich mit rede niht künde
z'eim ende wol gerihten.
ich wil ein mære tihten,
235
daz allen mæren ist ein her.
als in daz wilde tobende mer
vil manic wazzer diuzet,
sus rinnet unde fliuzet
vil mære in diz getihte grôz.
240
ez hât von rede sô wîten vlôz,
daz man ez kûme ergründen
mit herzen und mit münden
biz ûf des endes boden kan.
daz ich ez hebe mit willen an,
245
dar ûf hât wol gestiuret mich
der werde singer Dietrich
von Basel an dem Orte,
der als ein êren borte
mit zühten ist gesteinet;
250
vor schanden ist gereinet
sîn herze alsam ein lûter golt.
dur sîner miltekeite solt,
den ich hân dicke enpfangen,
ist von mir an gevangen
255
vil snelleclîche ein ursuoch,
der zieren künne wol diz buoch
mit rede in allen enden.
geruochet helfe senden
ein meister aller künste mir,
260
sô kêre ich mînes herzen gir
mit flîze ûf einen prologum,
der nütze werde und alsô frum,
daz er den liuten künne geben
ein bilde ûf tugentrîchez leben
265
und ûf bescheidenlîche tât.
von Wirzeburc ich Cuonrât
von welsche in tiutsch getihte
mit rîmen gerne rihte
daz alte buoch von Troye.
270
schôn als ein vrischiu gloye
sol ez hie wider blüejen.
beginnet sich des müejen
mîn herze in ganzen triuwen,
daz ich ez welle erniuwen
275
mit worten lûter unde glanz,
ich büeze im sîner brüche schranz:
den kan ich wol gelîmen
z'ein ander hie mit rîmen,
daz er niht fürbaz spaltet.
280
ob sîn gelücke waltet,
und wil mir got ze helfe komen,
sô wirt ein wunder hie vernomen
von âventiuren wilde,
dâ bî man sælic bilde
285
und edel bîschaft nemen sol:
man hœret übel unde wol
gedenken hie der liute.
swer zuht und êre triute,
der biete herze und ôren her:
290
sô merket und erkennet er
überflüzzeclichen hort
von strîte, daz er hie noch dort
bevant nie grœzer slahte,
sô die vor Troye mahte
295
vil manic ellentrîcher helt.
Dâres, ein ritter ûz erwelt,
der selbe vil vor Troye streit,
swaz der in kriechisch hât geseit
von dirre küniclichen stift,
300
daz wart mit endelicher schrift
ze welsche und in latîne brâht.
dâ wider hân ich des gedâht,
daz ich ez welle breiten
und mit getihte leiten
305
von welsche und von latîne:
ze tiuscher worte schîne
wirt ez von mir verwandelt.
wird ich sô wol gehandelt
von götelicher stiure,
310
daz ich dis âventiure
mac ûf ein ende bringen,
ich sag iu von den dingen,
wie daz vil keiserlîche wîp
Helêne manigen werden lîp
315
biz ûf den tôt versêrte,
und waz man bluotes rêrte,
daz durch si wart vergozzen.
ir clârheit was geflozzen
für alle frouwen ûz erkorn.
320
des wart vil manic lîp verlorn,
der von ir minne tôt gelac:
daz man vil wol gehœren mac,
ê diz getihte neme ein zil,
des ich nû hie beginnen wil.
 
 
 
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