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Konrad von Würzburg
Trojanerkrieg
 


 






 



P a r i s '  K i n d h e i t 
u n d  J u g e n d


Hekubas Traum.
Aussetzung des Paris.
Jugendzeit beim Hirten.
Paris und Oenone.


325 - 812

___________________


325
Ein künic was ze Troye,
den twanc der tugende boye,
daz er nâch hôher wirde vaht.
ûf êre leit er sîne maht,
daz er die volleclîche erstrite.
330
er was rîche und wol gesite,
gewaltic, milte und ellenthaft.
ouch diente sîner magenkraft
und sîner hende manic lant.
Gelücke het ûf in gewant
335
vil hôher wirdikeit alsus:
er was geheizen Prîamus
und het ein wunneclichez wîp,
diu zierte leben unde lîp
mit êren und mit reiner tugent.
340
ir herze was von kindes jugent
vor allem wandel gar behuot.
diu frouwe tugentrîchgemuot
was Ecubâ genennet.
man hete wîte erkennet
345
ir namen und îr hohen prîs.
diu selbe küniginne wîs
wart eines kindes swanger,
daz ûf der Eren anger
sît der tugent bluomen las.
350
und dô si swanger worden was,
dô viel ûf si der sorgen soum,
wande ir kom ein leider troum
in ir slâfe nahtes für.
daz schœne wîp von hôher kür
355
bescheidenlîche dûhte,
daz von ir herzen lûhte
ein vackel, des geloubent mir,
diu gewahsen wære ûz ir
und alsô vaste wære enzunt,
360
daz si Troye unz an den grunt
mit ir fiure brande,
noch in des rîches lande
liez eine stütze niht bestân.
der küniginne wol getân
365
was dirre troum vil swære
und seit in dô ze mære
der werden künige Prîamô.
der wart sîn trûric und unfrô,
wan er in angeslîche entsaz.
370
sîn herze leides niht vergaz
und inneclicher sorgen;
sîn fröude wart verborgen
und al sîn wunne diu verswant,
wan er gedâhte sâ zehant,
375
daz sich der selbe troum gezüge
ûf daz kint ân alle trüge,
daz diu küniginne truoc.
dâ von sîn riuwic herze gnuoc
beswæret wart von grunde.
380
dar nâch in kurzer stunde
diu frouwe ein knebelîn gebar,
daz schein sô rehte minnevar
und alsô liehter wunne rîch,
daz niender lepte sîn gelîch,
385
noch niemer lîhte wirt geborn.
liutsælic gar und ûz erkorn
was sîn lîp und sîn gebâr.
und dô der künic alsô clâr
daz selbe knebelîn ersach,
390
dô wart er leidic unde sprach:

Diz ist ein schedelîchiu fruht.
mîn lant möht allez mit genuht
von im zerstœret werden.
ob dirre knabe ûf erden
395
gewüehse z'einem manne,
sô würde Troye danne
von sîner schulde wüeste.
ê daz er leben müeste
mir ze schedelicher nôt,
400
ê tæt ich selber im den tôt,
dur daz ich sorgen würde entladen.
der wîse man sol sînen schaden
vor betrahten und besehen.
verlüste möhte vil geschehen.
405
der si niht wolte wenden.
man sol die sorge swenden,
die wîle si gefüege sî,
dur daz man grôzer swære vrî
belîbe und man îr werde erlôst.
410
ûz einer gneisten wirt ein rôst,
der niht ir zünden understât:
reht alsô dringet unde gât
ûz kranker swære stamme
vil starker sorgen flamme,
415
der si lât frühten unde beren.
des wil ich muoten unde geren,
daz mîn geburt verderbe,
ê daz ich selbe ersterbe
und al mîn rîche werde swach.
420
diu vackel, die mîn frouwe sach,
dô si geleite slâfen sich,
diu machet mir bezeichenlich
diz kint, daz von ir ist geboren
wirt nû sîn leben niht verloren,
425
mîn lant zergât in kurzer vrist.
ez ist vil bezzer, wizze Krist,
daz ez gelige aleine tôt,
dan daz ich von im kæme in nôt
und allez mîn geslehte.
430
wâ nû zwêne knehte,
die mîr zehant verderbent ez?
swie got ein volleclichez mez
von sælden habe ûf ez gewant,
ez muoz geligen tôt zehant.

435
Mit disen dingen und alsus
wart der künic Prîamus
ze râte des ân underbint,
daz er sîn eigenlichez kint
verderben heizen wolte,
440
dar umbe daz im solte
kein schade von im ûf erstân.
daz kint nâch wunsche wol getân
zwêne knehte er nemen liez;
ze walde er si daz füeren hiez,
445
dur daz si tæten im den tôt.
bî sîner hulde er in gebôt,
daz si durch keiner slahte dinc
den niuwebornen jungelinc
liezen bî der zît genesen.
450
wan ez müeste ir ende wesen,
ob im belibe der lebetage.
sus wart hin zuo dem wilden hage
daz kint gefüeret al zestunt.
des wart an hôchgemüete wunt
455
sîn muoter und diu hovediet.
ûz vröuden sich ir herze schiet
dur die küniclichen fruht.
dâ wart vil jâmers mit genuht
begangen unde güebet.
460
der hof der wart betrüebet
und al sîn massenîe.
nû man diz wandelvrîe
kindelîn brâht in den walt
und ez die zwêne knehte balt
465
verderben solten under in,
dô wart ez von der strâze hin
gefüeret zuo der wüeste grôz.
ein swert gar lûter unde blôz
der eine ûz sîner scheiden zôch.
470
daz kint von edelkeite hôch
wolt er dâ mite ermürdet hân,
und hete im ouch den tôt getân,
wær ez von gote erwendet niht.
dô vor des kindes angesiht
475
schein daz swert sô lûtervar,
und ez dar inne wart gewar
des bildes und des schaten sîn:
seht, dô began daz kindelîn
die zwêne mortgîtigen man
480
sô rêhte suoze lachen an,
daz si'z ungerne sluogen.
an smieren und an luogen
begunde ez si dô beide,
sam ûf der liehten heide
485
den küelen tou diu rôse tuot,
dur daz si bleter unde bluot
naz unde fiuhte mache.
die minnecliche sache
die knehte gerne sâhen.
490
si sprâchen unde jâhen:
uns solte niht diu erde tragen,
ob ein sô klârez kint erslagen
würde von uns beiden:
wir sulen von im scheiden
495
und ez genesen lâzen.
hie mite si dô mâzen
dem kinde lûterlichen prîs.
si leiten ez ûf dickez rîs
und in ein grüenez stûdach,
500
dâ von den tieren im geschach
ze leide keiner slahte dinc:
sus wart der kleine jungelinc
verlâzen in dem walde.
die knehte sniten balde
505
die zungen ûz dem munde
eim edelen jungen hunde,
der in gevolget hæte.
durch ein urkünde stæte
brahten si die Prîamô,
510
dâ bî solt er gelouben dô
für ein gewislich mære,
daz von in beiden wære
daz kindelîn gelegen tôt.
des lônd er in mit golde rôt,
515
wan er gap in rîlichen solt
und was in beiden iemer holt.

Er wânde ân allen widerstrît,
daz kint daz wære bî der zît
von ir henden tôt gelegen.
520
dô lac der niuweborne degen
dort in dem walde aleine.
und dô der knabe kleine
wart irre sîner ammen,
seht, dô begunde enpflammen
525
sîn herze ûf jâmerunge.
daz edel und daz junge
wunneclîche süeze kint
daz weinte lûte ân underbint:
wan im gebrast der lîpnar.
530
nû wolte got sîn nemen war
mit sîner reinen huote,
des liez er im ze guote
dar komen eine hinden;
an der begund er vinden
535
zehant die lîpnarunge sîn.
si stuont über daz kindelîn
des tages iemer drîstunt,
und hienc ir brust für sînen munt,
die souc der junge süeze knabe
540
und hete sîne genist dar abe
und den lebetagen sîn.
nû daz erwelte knebelîn
alsus lac in dem wilden hage,
und sîn diu hinde eht alle tage
545
nam mit hôhem flîze war,
dô was ein hirte komen dar
in den walt mit sînem vihe,
der hôrte, des ich mich versihe,
daz kindelîn dô weinen.
550
des îlt er nâch der cleinen
jæmerlichen stimme lût
über gras und über krût
und kam reht in den selben hac,
dar inne ûf grüenem rîse lac
555
daz kint von hôher art geborn.
nû was sîn lîp als ûz erkorn
und alsô rehte wunneclich,
daz der hirte vröute sich
dur sîn vil clârez bilde:
560
er truoc ez von der wilde
und ûz dem wüesten walde
ze sînem hûse balde,
dar inne er sîn vil schône pflac.
des hirten wîp dô kindes lac;
565
daz kam ze heile dirre fruht.
diu frouwe leite durch ir zuht
und durch sînen clâren schîn
an ir brust daz knebelîn,
und zôch ez minneclichen dran.
570
ein ander ammen si gewan,
der si bevalch ir selbes kint.
ir trûren wart vil gar ein wint
dur den hochgebornen knaben:
si wolte in verre lieber haben
575
danne ir kint, daz si gebar.
si nam sîn vlîzeclîche war
mit süezer handelunge,
sô lange biz der junge
wart ein wol gewahsen kneht.
580
got leite ûf in der gnâden reht
und alsô volleclîche tugent,
daz edel knabe in sîner jugent
nie wart sô zühtic, noch sô wîs;
er bluote sam ein rôsenrîs
585
in manicvalter güete.
sîn herze und sîn gemüete.
stuonden ûf gerihte starc,
daz er vil selten ie verbarc,
swâ man' z bewæren solte.
590
der süeze wænen wolte
für ein gewislich mære,
daz der hirte wære
ân allen schimpf der vater sîn;
ouch tet er im die triuwe schîn,
595
daz er ûf in solte hân
billîche vaterlichen wân.
Er zôch in schône und alsô wol,
als ein kint sîn vater sol
durch wâre schulde ziehen.
600
er kunde schande fliehen
und alle untugende von im jagen.
nû kam vil schiere zuo den tagen
der jungelinc schœn unde stolz,
daz er daz vihe treip ze holz
605
und ûf der grüenen heide velt.
ez wuohs vil rîcher tugende gelt
ûf sînes herzen acker.
er was rösch unde wacker
ûf allen hövelichen schimpf.
610
schœn unde guot was sîn gelimpf
und alliu diu gebærde sîn.
swenn er und ander hirtelîn,
diu sîne gesellen wâren,
ir spils begunden vâren,
615
sô tet er ie daz beste
und was sô tugentveste,
daz man in lopte denne.
si wâren eteswenne
mit strîte sament gemellich,
620
alsô daz si dô teilten sich
und machten krieges parte:
jô was er ein griezwarte
und ein guot rihter under in.
wan swer den sic dô fuorte hin,
625
dem sazte er ûf sîn houbet
ein schapel wol geloubet,
dâ mite er in dô krônte
daz er sô frumeclichen streit.
daz er sô frumeclichen streit
630
unreht daz vlôch er unde meit
und allen wandelbæren sin.
swâ noch der apfel walzet hin,
er dræjet nâch dem stamme sîn:
daz wart bewæret unde schîn
635
an dem juncherren adellich.
swie vaste er dô gesellet sich
zuo den gebûren hæte,
sô was er doch vil stæte
an allen hövelichen siten.
640
sô vremde pfarren dicke striten
mit den sînen von geschiht,
son liez er sîn engelten niht,
daz si dâ fremde wâren.
er wolte rehtes vâren
645
und tet in guot gerihte kunt.
swaz dâ gesigte bî der stunt:
ez wære ein ohse, ez wære ein wider,
daz reht enleit er dô niht nider,
wan er im eine crône
650
sazt ûf sîn houbet schône.
Er was an rehte vollebrâht.
der arme von im wart bedâht
rehte als der vil rîche.
in beiden er gelîche
655
rihte nâch ir schulden.
daz herze sîn verdulden
wolt in dem walde keinen zorn.
sîn lîp von hôher art geborn
mit gerihte dâ geschuof,
660
daz er gewan des lobes ruof
und den werdeclichen prîs,
daz er geheizen Pârîs
wart dur sîn gelîchez reht.
pâr und gelîch sint ebensleht
665
und ist an in kein underbint,
wan daz si mit den worten sint
gesundert und gescheiden.
ein sin lît an in beiden
und ein bezeichenunge.
670
dar umbe daz der junge
gelîche rihten wolte,
als er von rehte solte,
dô wart er Pârîs dô genant
und alsô rehte wîte erkant,
675
daz er ûf allen velden
und in den wilden welden
wart der jungen hirten voget:
die kâmen alle z' im gezoget,
sô si krieges heten iht,
680
dur daz vor siner angesiht
ir strît würd aller hin geleit.
er hete die bescheidenheit,
daz er nie keinen valsch geriet
und allez dinc ze rehte schiet,
685
daz verlâzen wart an in.
er leite ûf êren sînen sin
und ûf edellîchiu dinc.
er was der schœnste jungelinc,
der ûf der erde ie wart geborn.
690
sîn dinc was allez ûz erkorn
an lîbe und an gebâre.
an antlitz und an hâre
was er liutsælic unde stolz.
swenn er daz vihe treip ze holz
695
und ûf die grüenen heide,
sô kunde er sîn mit weide
nâch dem wunsche nemen war.

Nû der juncherre wunnevar
bî dem hirten sus beleip
700
und sîne zît alsô vertreip,
daz man im hôher tugende jach,
dô treip er dicke in einen bach
daz vihe trenken in dem wage,
der flôz in einem schœnen hage
705
vür eine wilde clûse.
dar inne was mit hûse
gesezzen ein götinne,
diu leben unde sinne
gar ûf Pârîsen kêrte.
710
sîn minne si versêrte,
des wart ir herzen dicke wê.
geheizen was Egenoê
diu selbe feine wilde.
ez wart nie wîplich bilde
715
sô schœne und alsô rehte fîn,
sô diu gotinne kunde sîn
mit lîbe und mit gebærde.
vil grôz wart ir beswærde
nâch Pârîse z' aller stunt.
720
ouch wart von ir sîn herze wunt
und allez sîn gemüete.
si twanc gemeine güete
ûf der gelîchen minne solt:
si wurden beide ein ander holt
725
vil schiere ân allen valschen mein,
wan si begunden under ein
ir muot verstricken unde ir lîp.
er wart ir man, si wart sîn wîp;
si wart im trût, er wart ir liep.
730
Arîs, der hübsche minnediep,
und diu schœne Egenoê,
die truogen tougen âne wê
mit herzen und mit sinne
z'ein ander stæte minne.

735
Si kunden wol ir fröude heln.
sô Pârîs mohte sich versteln
ze sînes herzen künigîn
von der geselleschefte sîn,
sô wart im inneclichen wol.
740
ir beider muot was fröuden vol
und wart ir leit verborgen,
wan daz diu schœne sorgen
begunde sêre z'aller stunt,
daz im ander minne kunt
745
würd eteswenne von geschiht.
ob si der vorhte hæte niht
gehabet in ir herzen,
sô wære sunder smerzen
gewesen al ir wunne ganz.
750
wan dô sîn varwe schein sô glanz
und er sô tugentrîche was,
dô nam dick an sich unde las
vil sorgen ir getriuwer lîp.
si vorhte, daz ein ander wîp
755
in schiede von ir minne.
diz lac ir allez inne
und was ir meistez ungemach,
dâ von s z'einer stunde sprach
erbermeclichen wider in:
760
ach herzefriunt, wie sêre ich bin
betrüebet alle stunde!
mîn herze ist gar ze grunde
beswæret, süezer jungelinc,
dur daz vil angestbære dinc,
765
daz ich des grôze vorhte hân,
daz mir schade an dir getân
von vremder minne werde.
ich sorge des ûf erde,
daz von mir dînen werden lîp
770
scheide lîhte ein ander wîp
und mîner minne dich entwene,
sô daz dîn herze nâch ir sene
und mîn vergezzen müeze.
nein, frouwe, sprach der süeze,
775
die sorge maht dû lâzen.
dû solt dich leides mâzen
und âne vorhte wesen vrô!
sus gienc er z'einem boume dô,
der nâhe bî dem wazzer stuont,
780
ir tuonde, als die getriuwen tuont,
die liep von herzeleiden
mit trôste wellen scheiden
und ûz ir sorge enbinden.
tief an des boumes rinden
785
begund er schœne buochstaben
mit sînem mezzerlîne graben.
die sprâchen sus ze tiute:
man sol daz wizzen hiute
und êweclichen iemer mê,
790
sô Pârîs und Egenoê
von ir minne scheident
und beide ein ander leident,
sô muoz diz wazzer wunneclich
ze berge fliezen hinder sich
795
und widersinnes riuschen.
sus wolt er âne tiuschen
machen si dô sicherhaft,
daz si mit ganzer liebe craft
versigelt im ze herzen was.
800
und dô si disiu wort gelas,
dô wart diu wilde feine
der vorhte blôz und eine,
daz er iht von ir schiede sich.
nû der juncherre wunneclich
805
sus tougenlicher minne pflac
und ofte bûte disen hac
beswærde und aller sorgen vrî,
dô wart ein hôchgezît dâ bî
geboten in dem lande,
810
dâ wunne maniger hande
von küniclicher rîcheit
gesehen wart und ûf geleit.
 
 
 
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