B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A
           
  Johann Wolfgang Goethe
1749 - 1832
     
   


F a u s t .   E i n   F r a g m e n t .

1 7 9 0

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N A C H T.
In einem hochgewölbten, engen, gothischen Zimmer
Faust unruhig auf seinem Sessel am Pulte.


F a u s t.
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerey und Medicin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studirt, mit heißem Bemühn.
5
Da steh ich nun, ich armer Thor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doctor gar,
Und ziehe schon an die zehen Jahr'
Herauf, herab und quer und krumm,
10
Meine Schüler an der Nase herum -
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.
Zwar bin ich gescheidter als alle die Laffen,
Doctoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
15
Mich plagen keine Scrupel noch Zweifel,
Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel -
Dafür ist mir auch alle Freud' entrissen,
Bilde mir nicht ein, was rechts zu wissen,
Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,
20
Die Menschen zu bessern und zu bekehren.
Auch hab' ich weder Gut noch Geld,
Noch Ehr' und Herrlichkeit der Welt.
Es möchte kein Hund so länger leben!
Drum hab' ich mich der Magie ergeben,
25
Ob mir, durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch Geheimniß würde kund;
Daß ich nicht mehr, mit saurem Schweiß,
Zu sagen brauche, was ich nicht weiß;
Daß ich erkenne, was die Welt
30
Im Innersten zusammen hält,
Schau' alle Wirkenskraft und Samen,
Und thu' nicht mehr in Worten kramen.

O säh'st du, voller Mondenschein,
Zum letztenmal auf meine Pein,
35
Den ich so manche Mitternacht
An diesem Pult herangewacht:
Dann über Bücher und Papier,
Trübsel'ger Freund, erschienst du mir!
Ach könnt' ich doch auf Berges Höh'n
40
In deinem lieben Lichte gehn,
Um Bergeshöhle mit Geistern schweben,
Auf Wiesen in deinem Dämmer weben,
Von allem Wissensqualm entladen,
In deinem Thau gesund mich baden!

45
Weh! steck' ich in dem Kerker noch?
Verfluchtes, dumpfes Mauerloch!
Wo selbst das liebe Himmelslicht
Trüb' durch gemahlte Scheiben bricht.
Beschränkt von diesem Bücherhauf,
50
Den Würme nagen, Staub bedeckt,
Den, bis an's hohe Gewölb' hinauf,
Ein angeraucht Papier umsteckt;
Mit Gläsern, Büchsen rings umstellt,
Mit Instrumenten vollgepfropft,
55
Urväter Hausrath drein gestopft -
Das ist deine Welt! Das heißt eine Welt!

Und fragst du noch, warum dein Herz
Sich bang' in deinem Busen klemmt?
Warum ein unerklärter Schmerz
60
Dir alle Lebensregung hemmt?
Statt der lebendigen Natur,
Da Gott die Menschen schuf hinein,
Umgibt in Rauch und Moder nur
Dich Thiergeripp und Todtenbein.

65
Flieh! auf! hinaus in's weite Land!
Und dieß geheimnißvolle Buch,
Von Nostradamus eigner Hand,
Ist dir es nicht Geleit genug?
Erkennest dann der Sterne Lauf,
70
Und wenn Natur dich unterweis't,
Dann geht die Seelenkraft dir auf,
Wie spricht ein Geist zum andern Geist.
Umsonst, daß trocknes Sinnen hier
Die heil'gen Zeichen dir erklärt.
75
Ihr schwebt, ihr Geister, neben mir;
Antwortet mir, wenn ihr mich hört!
(Er schlägt das Buch auf und erblickt das Zeichen des Makrokosmus.)
Ha! welche Wonne fließt, in diesem Blick
Auf einmal mir durch alle meine Sinnen?
Ich fühle junges, heil'ges Lebensglück
80
Neuglühend mir durch Nerv' und Adern rinnen.
War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb,
Die mir das innre Toben stillen,
Das arme Herz mit Freude füllen,
Und, mit geheimnißvollem Trieb,
85
Die Kräfte der Natur rings um mich her enthüllen?
Bin ich ein Gott? Mir wird so licht!
Ich schau' in diesen reinen Zügen
Die wirkende Natur vor meiner Seele liegen.
Jetzt erst erkenn' ich, was der Weise spricht:
90
«Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist todt!
Auf bade, Schüler, unverdrossen
Die ird'sche Brust im Morgenroth!»
(Er beschaut das Zeichen.)
Wie alles sich zum Ganzen webt,
95
Eins in dem andern wirkt und lebt!
Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen
Und sich die goldnen Eimer reichen!
Mit segenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
100
Harmonisch all' das All durchklingen!

Welch Schauspiel! aber ach! ein Schauspiel nur!
Wo fass' ich dich, unendliche Natur?
Euch Brüste, wo? Ihr Quellen alles Lebens,
An denen Himmel und Erde hängt,
105
Dahin die welke Brust sich drängt -
Ihr quellt, ihr tränkt, und schmacht' ich so vergebens?
(Er schlägt unwillig das Buch um und erblickt das Zeichen des Erdgeistes.)
Wie anders wirkt dieß Zeichen auf mich ein!
Du, Geist der Erde, bist mir näher;
Schon fühl' ich meine Kräfte höher,
110
Schon glüh' ich wie von neuem Wein.
Ich fühle Muth, mich in die Welt zu wagen,
Der Erde Weh, der Erde Glück zu tragen,
Mit Stürmen mich herumzuschlagen,
Und in des Schiffbruchs Knirschen nicht zu zagen.
115
Es wölkt sich über mir -
Der Mond verbirgt sein Licht -
Die Lampe schwindet!
Es dampft! - Es zucken rothe Strahlen
Mir um das Haupt - Es weht
120
Ein Schauer vom Gewölb' herab
Und faßt mich an!
Ich fühl's, du schwebst um mich, erflehter Geist.
Enthülle dich!
Ha! wie's in meinem Herzen reißt!
125
Zu neuen Gefühlen
All' meine Sinnen sich erwühlen!
Ich fühle ganz mein Herz dir hingegeben!
Du mußt! du mußt! und kostet' es mein Leben!
(Er faßt das Buch und spricht das Zeichen des Geistes geheimnißvoll aus. Es zuckt eine röthliche Flamme, der Geist erscheint in der Flamme.)

G e i s t.
Wer ruft mir?

F a u s t (abgewendet).
                Schreckliches Gesicht!

G e i s t.
Du hast mich mächtig angezogen,
130
An meiner Sphäre lang' gesogen,
Und nun -

F a u s t.
                Weh! ich ertrag dich nicht!

G e i s t.
Du flehst erathmend mich zu schauen,
Meine Stimme zu hören, mein Antlitz zu sehn,
135
Mich neigt dein mächtig Seelenflehn,
Da bin ich! - Welch erbärmlich Grauen
Faßt Übermenschen dich! Wo ist der Seele Ruf?
Wo ist die Brust, die eine Welt in sich erschuf,
Und trug, und hegte? Die mit Freudebeben
140
Erschwoll, sich uns, den Geistern, gleich zu heben?
Wo bist du, Faust, deß Stimme mir erklang?
Der sich an mich mit allen Kräften drang?
Bist du es? der, von meinem Hauch umwittert,
In allen Lebenstiefen zittert,
145
Ein furchtsam weggekrümmter Wurm!

F a u s t.
Soll ich dir, Flammenbildung, weichen?
Ich bin's, bin Faust, bin deines gleichen!

G e i s t.
In Lebensfluthen, im Thatensturm
Wall' ich auf und ab,
150
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
155
So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit,
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

F a u s t.
Der du die weite Welt umschweifst,

Geschäftiger Geist, wie nah' fühl ich' mich dir!

G e i s t.
Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
160
Nicht mir!
(Verschwindet.)

F a u s t (zusammenstürzend).
                Nicht dir!
Wem denn?
Ich Ebenbild der Gottheit!
Und nicht einmal dir! (Es klopft.)
O Tod! ich kenn's - das ist mein Famulus -
Es wird mein schönstes Glück zu nichte!
165
Daß diese Fülle der Gesichte
Der trockne Schleicher stören muß!

Wagner im Schlafrocke und der Nachtmütze, eine Lampe in der Hand. Faust wendet sich unwillig.

W a g n e r.
Verzeiht! ich hör' euch declamiren;
Ihr las't gewiß ein Griechisch Trauerspiel?
In dieser Kunst möcht' ich was profitiren,
170
Denn heut' zu Tage wirkt das viel.
Ich hab' es öfters rühmen hören,
Ein Kommödiant könnt' einen Pfarrer lehren.

F a u s t.
Ja, wenn der Pfarrer ein Kommödiant ist;
Wie das denn wohl zu Zeiten kommen mag.

W a g n e r.
175
Ach! wenn man so in sein Museum gebannt ist,
Und sieht die Welt kaum einen Feyertag,
Kaum durch ein Fernglas, nur von weiten,
Wie soll man sie durch Überredung leiten?

F a u s t.
Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen,
180
Wenn es nicht aus der Seele dringt,
Und mit urkräftigem Behagen
Die Herzen aller Hörer zwingt.
Sitzt ihr nur immer! leimt zusammen,
Braut ein Ragout von andrer Schmaus,
185
Und blas't die kümmerlichen Flammen
Aus eurem Aschenhäufchen aus!
Bewund'rung von Kindern und Affen,
Wenn euch darnach der Gaumen steht.
Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen,
190
Wenn es euch nicht von Herzen geht.

W a g n e r.
Allein der Vortrag macht des Redners Glück;
Ich fühl' es wohl, noch bin ich weit zurück.

F a u s t.
Such' Er den redlichen Gewinn!
Sey Er kein schellenlauter Thor!
195
Es trägt Verstand und rechter Sinn
Mit wenig Kunst sich selber vor;
Und wenn's euch Ernst ist, was zu sagen,
Ist's nöthig, Worten nachzujagen?
Ja, eure Reden, die so blinkend sind,
200
In denen ihr der Menschheit Schnitzel kräuselt,
Sind unerquicklich wie der Nebelwind,
Der herbstlich durch die dürren Blätter säuselt!

W a g n e r.
Ach Gott! die Kunst ist lang!
Und kurz ist unser Leben.
205
Mir wird, bey meinem kritischen Bestreben,
Doch oft um Kopf und Busen bang'.
Wie schwer sind nicht die Mittel zu erwerben,
Durch die man zu den Quellen steigt!
Und eh' man nur den halben Weg erreicht,
210
Muß wohl ein armer Teufel sterben.

F a u s t.
Das Pergament, ist das der heil'ge Bronnen,
Woraus ein Trunk den Durst auf ewig stillt?
Erquickung hast du nicht gewonnen,
Wenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt.

W a g n e r.
215
Verzeiht! es ist ein groß Ergetzen,
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen;
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
Und wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht.

F a u s t.
O ja, bis an die Sterne weit!
220
Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit
Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.
Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.
225
Da ist's denn wahrlich oft ein Jammer!
Man läuft euch bey dem ersten Blick davon.
Ein Kehrichtfaß und eine Rumpelkammer,
Und höchstens eine Haupt- und Staatsaction
Mit trefflichen, pragmatischen Maximen,
230
Wie sie den Puppen wohl im Munde ziemen!

W a g n e r.
Allein die Welt! des Menschen Herz und Geist!
Möcht' jeglicher doch was davon erkennen.

F a u s t.
Ja, was man so erkennen heißt!
Wer darf das Kind bey'm rechten Nahmen nennen?
235
Die wenigen, die was davon erkannt,
Die thöricht g'nug ihr volles Herz nicht wahrten,
Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,
Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.
Ich bitt' euch, Freund, es ist tief in der Nacht,
Wir müssen's dießmal unterbrechen.

W a g n e r.
240
Ich hätte gern bis morgen früh gewacht,
Um so gelehrt mit euch mich zu besprechen. (Ab.)

F a u s t.
Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,
Der immerfort an schalem Zeuge klebt,
Mit gier'ger Hand nach Schätzen gräbt,
245
Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet!

Faust. Mephistopheles

F a u s t.
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Und was der ganzen Menschheit zugetheilt ist,
Will ich in meinem innern Selbst genießen,
Mit meinem Geist das Höchst' und Tiefste greifen,
250
Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen,
Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern,
Und, wie sie selbst, am End' auch ich zerscheitern.

M e p h i s t o p h e l e s.
O glaube mir, der manche tausend Jahre
An dieser harten Speise kaut,
255
Daß in der Wieg' und auf der Bahre
Kein Mensch den alten Sauerteig verdaut!
Glaub' unser einem, dieses Ganze
Ist nur für einen Gott gemacht;
Er findet sich in einem ew'gen Glanze,
260
Uns hat er in die Finsterniß gebracht,
Und euch taugt einzig Tag und Nacht.

F a u s t.
Allein ich will!

M e p h i s t o p h e l e s.
                Das läßt sich hören!
Doch nur vor Einem ist mir bang';
Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang.
265
Ich dächt' ihr ließet euch belehren.
Associirt euch mit einem Poeten,
Laßt den Herrn in Gedanken schweifen,
Und alle edlen Qualitäten
Auf euren Ehren-Scheitel häufen,
270
Des Löwen Muth,
Des Hirsches Schnelligkeit,
Des Italiäners feurig Blut,
Des Norden Dau'rbarkeit.
Laßt ihn euch das Geheimniß finden,
275
Großmuth und Arglist zu verbinden,
Und euch, mit warmen Jugendtrieben,
Nach einem Plane zu verlieben.
Möchte selbst solch einen Herren kennen,
Würd' ihn Herrn Mikrokosmus nennen.

F a u s t.
280
Was bin ich denn, wenn es nicht möglich ist,
Der Menschheit Krone zu erringen,
Nach der sich alle Sinne dringen?

M e p h i s t o p h e l e s.
Du bist am Ende - was du bist.
Setz' dir Perücken auf von Millionen Locken,
285
Setz' deinen Fuß auf ellenhohe Sokken,
Du bleibst doch immer, was du bist.

F a u s t.
Ich fühl's, vergebens hab ich alle Schätze
Des Menschengeists auf mich herbeygerafft,
Und wenn ich mich am Ende niedersetze,
290
Quillt innerlich doch keine neue Kraft;
Ich bin nicht um ein Haar breit höher,
Bin dem Unendlichen nicht näher.

M e p h i s t o p h e l e s.
Mein guter Herr, ihr seht die Sachen,
Wie man die Sachen eben sieht;
295
Wir müssen das gescheidter machen,
Eh' uns des Lebens Freude flieht.
Was Henker! freylich Händ' und Füße
Und Kopf und H. . die sind dein;
Doch alles, was ich frisch genieße,
300
Ist das drum weniger mein?
Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,
Sind ihre Kräfte nicht die meine?
Ich renne zu und bin ein rechter Mann,
Als hätt' ich vier und zwanzig Beine.
305
Drum frisch! laß alles Sinnen seyn,
Und g'rad' mit in die Welt hinein.
Ich sag' es dir: ein Kerl, der speculirt,
Ist wie ein Thier, auf einer Heide
Von einem bösen Geist im Kreis herum geführt,
310
Und rings umher liegt schöne grüne Weide.

F a u s t.
Wie fangen wir das an?

M e p h i s t o p h e l e s.
                Wir gehen eben fort.
Was ist das für ein Marterort?
Was heißt das für ein Leben führen,
Sich und die Jungens ennüyiren?
315
Laß du das dem Herrn Nachbar Wanst!
Was willst du dich das Stroh zu dreschen plagen?
Das beste, was du wissen kannst,
Darfst du den Buben doch nicht sagen.
Gleich hör' ich einen auf dem Gange!

F a u s t.
320
Mir ist's nicht möglich ihn zu sehn.

M e p h i s t o p h e l e s.
Der arme Knabe wartet lange,
Der darf nicht ungetröstet gehn.
Komm, gib mir deinen Rock und Mütze;
Die Maske muß mir köstlich stehn.
(Er kleidet sich um.)
325
Nun überlaß es meinem Witze!
Ich brauche nur ein Viertelstündchen Zeit;
Indessen mache dich zur schönen Fahrt bereit!
(Faust ab.)

M e p h i s t o p h e l e s (in Fausts langem Kleide).
Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhöchste Kraft,
330
Laß nur in Blend- und Zauberwerken
Dich von dem Lügengeist bestärken,
So hab' ich dich schon unbedingt -
Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben,
Der ungebändigt immer vorwärts dringt,
335
Und dessen übereiltes Streben
Der Erde Freuden überspringt.
Den schlepp' ich durch das wilde Leben,
Durch flache Unbedeutenheit,
Er soll mir zappeln, starren, kleben,
340
Und seiner Unersättlichkeit
Soll Speis' und Trank vor gier'gen Lippen schweben;
Er wird Erquickung sich umsonst erflehn,
Und hätt' er sich auch nicht dem Teufel übergeben,
Er müßte doch zu Grunde gehn!

Ein Schüler tritt auf.

S c h ü l e r.
345
Ich bin allhier erst kurze Zeit,
Und komme voll Ergebenheit,
Einen Mann zu sprechen und zu kennen,
Den alle mir mit Ehrfucht nennen.

M e p h i s t o p h e l e s.
Eure Höflichkeit erfreut mich sehr!
350
Ihr seht einen Mann wie andre mehr.
Habt ihr euch sonst schon umgethan?

S c h ü l e r.
Ich bitt' euch, nehmt euch meiner an!
Ich komme mit allem guten Muth,
Leidlichem Geld und frischem Blut,
355
Meine Mutter wollte mich kaum entfernen,
Möchte gern was rechts hieraußen lernen.

M e p h i s t o p h e l e s.
Da seyd ihr eben recht am Ort.

S c h ü l e r.
Aufrichtig, möchte schon wieder fort:
In diesen Mauern, diesen Hallen
360
Will es mir keineswegs gefallen.
Es ist ein gar beschränkter Raum,
Man sieht nichts grünes, keinen Baum
Und in den Sälen, auf den Bänken,
Vergeht mir Hören, Sehn und Denken.

M e p h i s t o p h e l e s.
365
Das kommt nur auf Gewohnheit an.
So nimmt ein Kind der Mutter Brust
Nicht gleich im Anfang willig an,
Doch bald ernährt es sich mit Lust.
So wird's euch an der Weisheit Brüsten
370
Mit jedem Tage mehr gelüsten.

S c h ü l e r.
An ihrem Hals will ich mit Freuden hangen;
Doch sagt mir nur, wie kann ich hingelangen?

M e p h i s t o p h e l e s.
Erklärt euch, eh' ihr weiter geht,
Was wählt ihr für eine Facultät?

S c h ü l e r.
375
Ich wünschte recht gelehrt zu werden,
Und möchte gern, was auf der Erden
Und in dem Himmel ist, erfassen,
Die Wissenschaft und die Natur.

M e p h i s t o p h e l e s.
Da seyd ihr auf der rechten Spur;
380
Doch müßt ihr euch nicht zerstreuen lassen.

S c h ü l e r.
Ich bin dabey mit Seele und Leib;
Doch freylich würde mir behagen
Ein wenig Freyheit und Zeitvertreib
An schönen Sommerfeyertagen.

M e p h i s t o p h e l e s.
385
Gebraucht der Zeit, sie geht so schnell von hinnen,
Doch Ordnung lehrt euch Zeit gewinnen.
Mein theurer Freund, ich rath' euch drum
Zuerst Collegium Logicum.
Da wird der Geist euch wohl dressirt,
390
In Spanische Stiefeln eingeschnürt,
Daß er bedächtiger so fortan
Hinschleiche die Gedankenbahn,
Und nicht etwa, die kreuz und quer,
Irrlichtelire hin und her.
395
Dann lehret man euch manchen Tag,
Daß, was ihr sonst auf Einen Schlag
Getrieben, wie Essen und Trinken frey,
Eins! Zwey! Drey! dazu nöthig sey.
Zwar ist's mit der Gedanken-Fabrik
400
Wie mit einem Weber-Meisterstück,
Wo Ein Tritt tausend Fäden regt,
Die Schifflein herüber hinüber schießen,
Die Fäden ungesehen fließen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt:
405
Der Philosoph der tritt herein,
Und beweis't euch, es müßt' so seyn.
Das Erst' wär' so, das Zweyte so,
Und drum das Dritt' und Vierte so;
Und wenn das Erst' und Zweyt' nicht wär',
410
Das Dritt' und Viert' wär' nimmermehr.
Das preisen die Schüler aller Orten,
Sind aber keine Weber geworden.
Wer will was lebendigs erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist heraus zu treiben,
415
Dann hat er die Theile in seiner Hand
Fehlt leider! nur das geistige Band.
Encheiresin naturae nennt's die Chimie,
Spottet ihrer selbst, und weiß nicht wie.

S c h ü l e r.
Kann euch nicht eben ganz verstehen.

M e p h i s t o p h e l e s.
420
Das wird nächstens schon besser gehen,
Wenn ihr lernt alles reduciren
Und gehörig klassificiren.

S c h ü l e r.
Mir wird von allem dem so dumm,
Als ging' mir ein Mühlrad im Kopf herum.

M e p h i s t o p h e l e s.
425
Nachher vor allen andern Sachen
Müßt ihr euch an die Metaphysik machen!
Da seht, daß ihr tiefsinnig faßt,
Was in des Menschen Hirn nicht paßt;
Für, was drein geht und nicht drein geht,
430
Ein prächtig Wort zu Diensten steht.
Doch vorerst dieses halbe Jahr
Nehmt ja der besten Ordnung wahr.
Fünf Stunden habt ihr jeden Tag;
Seyd drinne mit dem Glockenschlag!
435
Habt euch vorher wohl präparirt,
Paragraphos wohl einstudirt,
Damit ihr nachher besser seht,
Daß er nichts sagt, als was im Buche steht;
Doch euch des Schreibens ja befleißt,
440
Als dictirt' euch der Heilig' Geist!

S c h ü l e r.
Das sollt ihr mir nicht zweymal sagen!
Ich denke mir wie viel es nützt;
Denn, was man schwarz auf weiß besitzt,
Kann man getrost nach Hause tragen.

M e p h i s t o p h e l e s.
445
Doch wählt mir eine Facultät!

S c h ü l e r.
Zur Rechtsgelehrsamkeit kann ich mich nicht bequemen.

M e p h i s t o p h e l e s.
Ich kann es euch so sehr nicht übel nehmen,
Ich weiß wie es um diese Lehre steht.
Es erben sich Gesetz' und Rechte
450
Wie eine ew'ge Krankheit, fort,
Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte,
Und rücken sacht von Ort zu Ort.
Vernunft wird Unsinn, Wohlthat Plage;
Weh dir, daß du ein Enkel bist!
455
Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
Von dem ist leider! nie die Frage.

S c h ü l e r.
Mein Abscheu wird durch euch vermehrt.
O glücklich der, den ihr belehrt!
Fast möcht' ich nun Theologie studiren.

M e p h i s t o p h e l e s.
460
Ich wünschte nicht euch irre zu führen.
Was diese Wissenschaft betrifft,
Es ist so schwer den falschen Weg zu meiden,
Es liegt in ihr so viel verborgnes Gift,
Und von der Arzeney ist's kaum zu unterscheiden.
465
Am besten ist's auch hier, wenn ihr nur Einen hört,
Und auf des Meisters Worte schwört.
Im Ganzen - haltet euch an Worte!
Dann geht ihr durch die sichre Pforte
Zum Tempel der Gewißheit ein.

S c h ü l e r.
470
Doch ein Begriff muß bey dem Worte seyn.

M e p h i s t o p h e l e s.
Schon gut! Nur muß man sich nicht allzu ängstlich quälen;
Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
475
Mit Worten ein System bereiten,
An Worte läßt sich trefflich glauben,
Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben.

S c h ü l e r.
Verzeiht, ich halt' euch auf mit vielen Fragen,
Allein, ich muß euch noch bemühn.
480
Wollt ihr mir von der Medicin
Nicht auch ein kräftig Wörtchen sagen?
Drey Jahr' ist eine kurze Zeit,
Und, Gott! das Feld ist gar zu weit.
Wenn man einen Fingerzeig nur hat,
485
Läßt sich's schon eher weiter fühlen.

M e p h i s t o p h e l e s (für sich).
Ich bin des trocknen Tons nun satt,
Muß wieder recht den Teufel spielen.
(Laut.)
Der Geist der Medicin ist leicht zu fassen;
Ihr durchstudirt die groß' und kleine Welt,
490
Um es am Ende gehn zu lassen,
Wie's Gott gefällt.
Vergebens, daß ihr ringsum wissenschaftlich schweift,
Ein jeder lernt nur, was er lernen kann;
Doch der den Augenblick ergreift,
495
Das ist der rechte Mann.
Ihr seyd noch ziemlich wohl gebaut,
An Kühnheit wird's euch auch nicht fehlen,
Und wenn ihr euch nur selbst vertraut,
Vertrauen euch die andern Seelen.
500
Besonders lernt die Weiber führen;
Es ist ihr ewig Weh und Ach,
So tausendfach
Aus Einem Puncte zu curiren,
Und wenn ihr halbweg ehrbar thut,
505
Dann habt ihr sie all' unter'm Hut.
Ein Titel muß sie erst vertraulich machen,
Daß eure Kunst viel' Künste übersteigt,
Zum Willkomm' tappt ihr dann nach allen Siebensachen,
Um die ein andrer viele Jahre streicht,
510
Versteht das Pülslein wohl zu drücken,
Und fasset sie, mit feurig schlauen Blicken
Wohl um die schlanke Hüfte frey,
Zu sehn, wie fest geschnürt sie sey.

S c h ü l e r.
Das sieht schon besser aus! Man sieht doch, wo und wie.

M e p h i s t o p h e l e s.
515
Grau, theurer Freund, ist alle Theorie,
Und grün des Lebens goldner Baum.

S c h ü l e r.
Ich schwör' euch zu, mir ist's als wie ein Traum.
Dürft' ich euch wohl ein andermal beschweren,
Von eurer Weisheit auf den Grund zu hören?

M e p h i s t o p h e l e s.
520
Was ich vermag, soll gern geschehn.

S c h ü l e r.
Ich kann unmöglich wieder gehn,
Ich muß euch noch mein Stammbuch überreichen,
Gönn' eure Gunst mir dieses Zeichen!

M e p h i s t o p h e l e s.
Sehr wohl. (Er schreibt und gibt's.)

S c h ü l e r (lies't).
525
Eritis sicut Deus scientes bonum et malum.
(Macht's ehrerbiethig zu und empfiehlt sich.)

M e p h i s t o p h e l e s.
Folg' nur dem alten Spruch und meiner Muhme, der Schlange,
Dir wird gewiß einmal bey deiner Gottähnlichkeit bange!

Faust tritt auf.

F a u s t.
Wohin soll es nun gehn?

M e p h i s t o p h e l e s.
                Wohin es dir gefällt.
Wir sehn die kleine, dann die große Welt.
530
Mit welcher Freude, welchem Nutzen
Wirst du den Cursum durchschmarutzen!

F a u s t.
Allein bey meinem langen Bart
Fehlt mir die leichte Lebensart.
Es wird mir der Versuch nicht glücken;
535
Ich wußte nie mich in die Welt zu schicken.
Vor andern fühl' ich mich so klein;
Ich werde stets verlegen seyn.

M e p h i s t o p h e l e s.
Mein guter Freund, das wird sich alles geben;
Sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben.

F a u s t.
540
Wie kommen wir denn aus dem Haus?
Wo hast du Pferde, Knecht und Wagen?

M e p h i s t o p h e l e s.
Wir breiten nur den Mantel aus,
Der soll uns durch die Lüfte tragen.
Du nimmst bey diesem kühnen Schritt
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Nur keinen großen Bündel mit.
Ein Bißchen Feuerluft, die ich bereiten werde,
Hebt uns behend von dieser Erde.
Und sind wir leicht, so geht es schnell hinauf;
Ich gratulire dir zum neuen Lebenslauf.