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B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  Karl Philipp Moritz
1756 - 1793

 
 
   
   



A n t o n   R e i s e r .

V i e r t e r   T h e i l .

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[ V o r r e d e   1 7 9 0 ]

Dieser vierte Teil von Anton Reisers Lebensgeschichte handelt, so wie die vorigen, eigentlich die wichtige Frage ab, in wiefern ein junger Mensch sich selber seinen Beruf zu wählen im Stande sey?
     Er enthält eine getreue Darstellung von den mancherlei Arten von Selbsttäuschungen, wozu ein mißverstandener Trieb zur Poesie und Schauspielkunst den Unerfahrnen verleitet hat.
     Dieser Theil enthält auch einige vielleicht nicht unnütze und nicht unbedeutende Winke, für Lehrer und Erzieher sowohl, als für junge Leute, die ernsthaft genug sind, um sich selbst zu prüfen, durch welche Merkzeichen vorzüglich der falsche Kunsttrieb von dem wahren sich unterscheidet?
     Man sieht aus dieser Geschichte, daß ein mißverstandener Kunsttrieb, der bloß die Neigung ohne den Beruf voraussetzt, eben so mächtig werden und eben die Erscheinungen hervorbringen kann, welche bei dem wirklichen Kunstgenie sich äußern, welches auch das äußerste erduldet, und alles aufopfert, um nur seinen Endzweck zu erreichen.
     Aus den vorigen Theilen dieser Geschichte erhellet deutlich: daß Reisers unwiderstehliche Leidenschaft für das Theater eigentlich ein Resultat seines Lebens und seiner Schicksale war, wodurch er von Kindheit auf, aus der wirklichen Welt verdrängt wurde, und da ihm diese einmal auf das bitterste verleidet war, mehr in Phantasieen, als in der Wirklichkeit lebte - das Theater als die eigentliche Phantasieenwelt sollte ihm also ein Zufluchtsort gegen alle diese Widerwärtigkeiten und Bedrückungen seyn. - Hier allein glaubte er freier zu athmen, und sich gleichsam in seinem Elemente zu befinden.
     Und doch hatte er hiebei ein gewisses Gefühl von den reellen Dingen in der Welt, die ihn umgaben, und worauf er auch ungern ganz Verzicht thun wollte, da er doch einmal, so gut wie die andern Menschen, Leben und Daseyn fühlte.
     Dieß machte, daß er mit sich selbst im immerwährenden Kampfe war. Er dachte nicht leichtsinnig genug, um ganz den Eingebungen seiner Phantasie zu folgen, und dabei mit sich selber zufrieden zu seyn; und wiederum hatte er nicht Festigkeit genug, um irgend einen reellen Plan, der sich mit seiner schwärmerischen Vorstellungsart durchkreutzte, standhaft zu verfolgen.
     Eigentlich kämpften in ihm, so wie in tausend Seelen, die Wahrheit mit dem Blendwerk, der Traum mit der Wirklichkeit, und es blieb unentschieden, welches von beiden obsiegen würde, woraus sich die sonderbaren Seelenzustände, in die er gerieth, zur Genüge erklären lassen.
     Widerspruch von außen und von innen war bis dahin sein ganzes Leben. - Es kömmt darauf an, wie diese Widersprüche sich lösen werden!

 
 
 
 
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