B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A
           
  Friedrich Schiller
1759 - 1805
     
   


A n t h o l o g i e
a u f   d a s   J a h r   1 7 8 2


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[163]
      An mein Täubchen.
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Geh trautes liebes Täubchen du
      Zu Minna meiner kleinen,
Und was ich sag, das thu, das thu
      Bei Minna meiner kleinen.

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Siehst du zwei Augen himmelblau
      Die sanft von Sehnsucht glühen,
Und Wangen, die gleich Rosenthau
      In Frühlingsanmuth blühen;

Lacht aus den Bliken Himmelsruh
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      Und holde Engelreine,
O Täubchen, trautes Täubchen du,
      'S ist Minna meine kleine!

[164]
Nun fliehe zärtlich schmeichelnd hin
      Der kleinen liebzukosen,
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Und lisple sanft in Seufzergen
      Durch Düfte junger Rosen.

„Ich bin ein Täubchen jung und zart
      Aus Zypris Myrtenhayne,
Bin auch gar freundlich, frommer Art,
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      Heiß die verliebte kleine.

„Ein Täubchen liebt mich, schöner ist
      Kein Täubchen in dem Hayne,
Scherzt, tändelt, nikt und pikt und küßt,
      Heißt der verliebte kleine.

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„So fließet unser Dasein hin
      Wie Wonnethränchen süße,
Süß wie ein Wollustseufzergen
      Im Taumel trunkner Küsse.“

[165]
Dann flattre zärtlich um sie her
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      Wie Rosenblüthchen schwirre
In bangem süßen Krais umher
      Und liebeseufzend girre,

Bis sich die liebetrunkne Brust
      Von sanfter Ahnung hebet,
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Und schon geheimer Liebe Lust
      Im bangen Busen bebet.

Dann flieh ich, zitternd fliehe ich
      Zur kleinen Liebewarmen,
Ach Minna, Minna höre mich!
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      Ich sterb in deinen Armen.

X.