BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Clemens Brentano

1778 - 1842

 

Gockel, Hinkel, Gackeleia

 

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Als Gockel in der Nacht erwachte, gedachte er der Frau Hinkel und seines Töchterleins Gackeleia mit vieler Liebe, und entschloß sich, ihnen nach dem vielen Schrecken, den sie gehabt, eine rechte Freude zu machen, und zugleich den Siegelring Salomonis zu versuchen. Er nahm daher den Ring aus der Tasche, steckte ihn an den Finger und drehte ihn an demselben herum mit den Worten:

 

«Salomon du weiser König,

Dem die Geister unterthänig,

Mach' mich und Frau Hinkel jung,

Trag' uns dann mit einem Sprung

Nach Gelnhausen in ein Schloß,

Gieb uns Knecht und Magd und Roß,

Gieb uns Gut und Gold und Geld,

Brunnen, Garten, Ackerfeld,

Füll' uns Küch und Keller auch,

Wie's bei großen Herrn der Brauch,

Gieb uns Schönheit, Weisheit, Glanz,

Mach' uns reich und herrlich ganz,

Ringlein, Ringlein, dreh' dich um,

Mach's recht schön, ich bitt' dich drum!»

 

Unter dem Drehen des Ringes und dem öfteren Wiederholen dieses Spruches schlief Gockel endlich ein. Da träumte ihm, es trete ein Mann in ausländischer reicher Tracht vor ihn, der ein grosses Buch vor ihm aufschlug, worin die schönsten Paläste, Gärten, Springbrunnen, Hausgeräthe, Kleidungsstücke, Tapeten, Schildereien, Alamode-Kutschen, Pferde, Livreen und andere dergleichen Dinge abgebildet waren, aus welchen er sich heraussuchen mußte, was ihm wohlgefiel. Gockel beobachtete bei der Wahl Alles mit großem Fleiße, was Frau Hinkel und Gackeleia gefallen konnte, denn er träumte so klar und deutlich, als ob er wache. Da er aber das Buch durchblättert hatte, schlug der Mann im Traume es so heftig zu, daß Gockel plötzlich erwachte.

Es war noch dunkel, und er war so voll von seinem Traume, daß er sich entschloß, seine Frau zu wecken, um ihr denselben zu erzählen; auch fühlte er ein so wunderbares Behagen durch alle seine Glieder, daß er sich kaum enthalten konnte, laut zu jauchzen. Da er sich immer mehr vom Schlafe erholte, empfand er die lieblichsten Wohlgerüche um sich her und konnte gar nicht begreifen, was nur in aller Welt für köstliche Gewürzblumen in seinem alten Hühnerstall über Nacht müßten aufgeblüht seyn. Als er aber, sich auf seinem Lager wendend, bemerkte, daß kein Stroh unter ihm knistre, sondern daß er auf seidenen Kissen ruhe, begann er vor Erstaunen auszurufen: «o Jemine, was ist das?» In demselben Augenblicke rief Frau Hinkel dasselbe, und dann riefen beide: «wer ist hier?» und beide antworteten: «ich bin's, Gockel! – ich bin's Hinkel!» aber sie wollten's beide nicht glauben, daß sie es seyen. Es hatte ihnen beiden dasselbe geträumt, und sie würden geglaubt haben, daß sie noch träumten, aber sie fanden gegenseitig ihre Stimmen so verändert, daß sie vor Verwunderung gar nicht zu Sinnen kommen konnten. «Gockel,» flüsterte Frau Hinkel, «was ist mit uns geschehen? Es ist mir, als wäre ich zwanzig Jahre alt.» «Ach ich weiß nicht,» sagte Gockel, «aber ich möchte eine Wette anstellen, daß ich nicht über fünf und zwanzig alt bin.» «Aber sage nur, wie kommen wir auf die seidenen Betten?» fragte Frau Hinkel, «so weich habe ich selbst nicht gelegen, als du noch Fasanenminister in Gelnhausen warst, – und die himmlischen Wohlgerüche umher, – aber ach, was ist das? Der Trauring, der mir immer so lose an dem Finger hieng, daß ich ihn oft Nachts im Bettstroh verloren, sitzt mir jetzt ganz ordentlich, so daß ich ihn eben drehen kann, ich bin gar nicht mehr so klapperdürr.» – Diese letzten Worte erinnerten Gockel an den Ring Salomonis; er dachte: «ach, das mag Alles von meinem gestrigen Wunsche herkommen;» da hörte er auch Roße im Stalle stampfen und wiehern, hörte eine Thüre gehen, und es fuhr ein Licht durch die Stube an der Decke weg, als wenn jemand mit einer Laterne Nachts über den Hof geht. Er und Hinkel sprangen auf, aber sie fielen ziemlich hart auf die Nase, denn jetzt merkten sie, daß sie nicht mehr auf der ebenen Erde, sondern auf hohen Polsterbetten geschlafen hatten, und der Schein, der durch die Stube gezogen war, hatte nicht die rauhe Wand ihres Hühnerstalles, an welcher Stroh und die alte Hühnerleiter lag, sondern prächtige gemalte und vergoldete Wände, seidene Vorhänge und aufgestellte Silber- und Gold-Gefäße beleuchtet. Sie rafften sich auf von einem spiegelglatten Boden, sie stürzten sich in die Arme und weinten vor Freude, wie Kinder. Sie hatten sich so lieb, als hätten sie sich zum erstenmale gesehen. Nun bemerkten sie den Schein wieder, und sahen, daß er durch ein hohes Fenster herein fiel. Mit verschlungenen Armen liefen sie nach dem Fenster und sahen, daß es von der Laterne eines Kutschers in einer reichen Livree herkam, der in einem großen geräumigen Hof stand, Haber siebte und ein Liedchen pfiff. Im Schein der Laterne, der an das Fenster fiel, sah Gockel Hinkel an und Hinkel Gockel, und beide lachten und weinten und fielen sich um den Hals und riefen aus: «ach Gockel, ach Hinkel, wie jung und schön bist du geworden!» Da sprach Gockel: «Alektryo hat die Wahrheit gesprochen, der Ring Salomonis hat Probe gehalten, alle meine Wünsche, bei welchen ich ihn drehte, sind in Erfüllung gegangen»; und da erzählte er der Frau Hinkel, wie ihm der Mann mit dem großen Bilderbuch erschienen und er Alles heraus gesucht und den Ring dabei gedreht habe. – «Ach Gockel, Herzens-Gockel! hast du wirklich Alles so gewünscht, Alles wie es mich freuet und erquicket? Dieses lange, lange Hemd, diesen tiefrothen, chinesischen Schlafrock, fein, fein, man kann ihn ganz in den Raum einer Nuß verbergen. Gockel! und dieses seidene Netz um meine Haare – Alles, Alles so nach meiner Lust?» – «Ja», sagte Gockel, «Alles nach deiner Lust, es wird schon Tag werden, da wirst du erst sehen die hohen, hellen Räume, Sääle, um Wettrennen darin anzustellen, lauter Doppelthüren, Fußböden mit Purpurteppichen bedeckt, herrliche breite Treppen auf Säulen ruhend, Terrassen, Gallerien, offne Hallen; ach Hinkel! welche Gärten und Springbrunnen und Säulenhallen und Statuen und Aussichten und schöne Berglinien und Lorbeern-, Myrten-, Cypressen-, Citronen-, Pomeranzen-, Orangen-, Granatenhaine und eine Schaukel darin von weißen Rosen – und eine Wiege von weißen Lilien – vom Küchengarten will ich gar nicht reden, es wird dir genug seyn, wenn ich sage, daß die Pflaumenbäume ihre Aeste mit getrockneten Früchten zum Küchenfenster hineinhängen. – Was soll ich von der Garderobe sprechen, ehe ich dir nur den hundertsten Theil der Stiefelchen, Pantöffelchen, Röckchen, Schürzchen, Hütchen, Tüchelchen, Quästchen, Trottelchen u. s. w. nenne, ist es Tag, und du knieest mitten darunter und räumst und packst und probirst Alles nach der Reihe; – aber Herz Hinkel, das Schönste ist: da ist kein Zapfenbrett, wie im Hühnerministerium, nein, da stehen ganze Chöre der großartigsten, edelsten, lieblichsten, erhabensten, kindlichsten Marmorfiguren von Engeln, Genien, Denkern, Dichtern, Propheten, Göttern und Helden, und auf ihren Händen tragen sie die Kleider, die in krystallenen Schalen zwischen duftenden Blumen ruhen, in der Mitte der Garderobe stehen die drei Grazien um einen dicken Lilienbusch, und wenn du zu träge bist, dich selbst anzukleiden, trittst du zwischen die Grazien und sagst nur den Spruch deiner Ahnfrau von Hennegau:

 

«O Stern und Blume, Geist und Kleid,

Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!

Schönster Baum im Paradies,

Gieb mir Das und gieb mir Dies,

Rüttel dich und schüttel dich,

Schüttel Leib und Herz und Geist,

Und was diesen zierlich heißt,

Hüllend, füllend über mich.»

 

O Hinkel! – dein blaues, oder wie du willst, farbiges Wunder sollst du da sehen, augenblicklich sollst du da fix und fertig auf die schönste und vortheilhafteste Weise bekleidet dastehen. – Ich will nicht weiter sprechen, o Hinkel von Hennegau, von allen Kabinetten und Kabinettchen, von der Bibliothek, der Hauskapelle, der Küche, der Speisekammer, dem Saal, Ball zu schlagen, dem Musiksaal, der Gemälde-Gallerie, der Aepfelkammer, der tiefsinnigen Denkhalle, der Kinderstube, dem Karoussel, dem Badhaus, dem Hühnerhof, ach! und dem bezaubernd schönen Stall voll der edelsten Pferde und Pferdchen, vor Allem ein arabisches Schimmelchen, weiß wie der gefallne Schnee, Mähnen und Schweif mit Purpurbändern durchflochten, mit tief rothem Sammet gezäumt, Gebiß und Bügel von Gold und Rubin; ach Hinkel! und der Sattel! – der Sattel ist ihm von Natur auf den Rücken gewachsen! nun denke!»

«Lieber Gockel,» sagte Frau Hinkel, «es ist nicht möglich, es ist zu viel, ich kanns nicht glauben; aber ich möchte trinken, kannst du mir nicht ein Glas Wasser herbeidrehen?» – «Geh nur links an deinen Waschtisch,» erwiederte Gockel, «und halte den Krystall-Pokal zum Fenster hinaus.» «O Gockel, gehe mit,» sagte Hinkel, sich an seinen Arm hängend, «ich weiß nicht Bescheid hier, es ist mir ganz bang vor lauter Schönheit, ich fürchte, ich möchte über das siebente Wunder der Welt stolpern und in das achte hineinstürzen.»

 

 

Da führte Gockel sie zu ihrem Waschtisch an ein zweites Fenster, dessen Vorhang der volle Mond mit angenehmem Licht durchstrahlte. O da gieng das Verwundern erst recht an; neben einem Schirm von goldnen Stäben, an welchem weiße Rosensträucher hinaufrankten, die alle ihre Rosen nach Innen senkten, stand das Waschtischchen; aber welch ein Waschtischchen, ein Waschtischchen, das sich nicht nur gewaschen hatte, sondern sich auch in alle Ewigkeit fortwusch. – In den mit tiefrothem Sammet belegten Marmorboden war ein eirundes tiefes Becken von Krystall versenkt, der Rand oben war von Muscheln, Korallen und lebendigen Blumen umgeben, Reseda und Veilchen und Vergißmeinnicht; diese Wanne war voll Rosenwasser; über diesem ragte wie schwimmend ein mit Lotos-Blumen gesattelter Delphin von Perlenmutter hervor, auf seinem Rücken saß ein feingeflügeltes Kind von weißem Marmor, in der einen Hand hielt es ein Sieb von Krystall voll der duftendsten Rosen, in welches von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zwey Strahlen des frischesten, klaresten Wassers aus den Nüstern des Delphins sprudelten und als Rosenwasser in das Becken niederfloßen, mit der andern Hand stützte das Marmorkind die krystallne, durchsichtige Tischplatte, welche den Waschtisch bildete, und da war erst die rechte Herrlichkeit von schönen sieben Sachen.

Frau Hinkel sah und fühlte Alles mit großem Entzücken an, aber sie hatte gestern so viel geweint und nachher so viel gesalzenes Fleisch gegessen, so daß sie ungemein dürstete und sprach:

 

Wunder über Wunder, Gockel!

Wunderherrlich ist der Sockel

Von dem Wischiwaschi-Tisch;

Herzerquicklich scheint der Fisch

Lustig in dem Meer zu gaukeln

Und das flinke Kind zu schaukeln

Mit dem vollen Rosensieb,

Alles ist so süß und lieb,

Alles ist so fein und frisch! -

Doch, eh ich das Glas erwisch,

Kann ich gar nichts recht betrachten

Und muß schier vor Durst verschmachten.

 

«Verzeih, Herz Hinkel!» sprach Gockel, «ich selbst vergesse über den kuriosen Sachen Essen und Trinken» – da gab er ihr das Glas von dem Waschtisch, dünn und klar und rein wie eine Seifenblase, die sich auf eine Lilie niedergelassen, so war Kelch und Stiel gebildet – «halte es zum Fenster hinaus, ich will den Ring Salomonis drehen.»

Gockel zog den rothdamastenen Vorhang hinweg, da sah man durch die blüthenvollen Wipfel der Orangenbäume in den blauen Himmel, an dessen Osten der Tag graute; der Mond stand am Himmel wie ein freigebiger Kavalier, welcher der Frau Gräfin Hinkel von Hennegau ein Ständchen von der Nachtigall will bringen lassen. – «Reiche nur den Pokal hinaus,» sagte Gockel, «fahre nur mit der Hand mitten durch die Orangenblüthen, die Geister Salomonis werden schon einen Wasserstrahl senden, der dir das Herz erlabt.» – Frau Hinkel that, wie Gockel befahl, und Gockel sprach den Ring drehend:

 

«Salomo, du weiser König,

Dem die Geister unterthänig,

Füll' Frau Hinkel den Pokal

Mit der reinsten Quelle Strahl,

In der Felsen Herz entsprungen,

Durch der Erde Brust gedrungen,

Durch der Blüthen Duft geschwungen,

Von der Nachtigall besungen,

Von der Sterne Licht gegrüßt,

Von des Mondes Strahl geküß't;

Gieb zum Labsal durst'ger Zungen

Ein Glas Wasser, bitt' dich drum!

Ringlein, Ringlein, dreh dich um.»

 

Schon während diesen Worten plätscherte es unter den Orangen-Bäumen heftiger, die Blätter bewegten sich, die Blüthen küßten sich, und zwischen ihnen spritzte der feine, im Mond- und Sternenlicht schimmernde Strahl eines Springbrunnens aus dem unten liegenden Garten empor und füllte den Pokal, welchen die Hand der Frau Hinkel hinaushielt, ohne sie selbst im Mindesten zu benetzen. Frau Hinkel trank und trank wieder, auch Gockel trank, und die allerliebste Frau Nachtigall sang in der nahen Linde das freundlichste: «wohl bekomm's, Frau Gräfin von Hennegau» dazu.

«Ach»! sagte Frau Hinkel, indem sie den Pokal wieder auf den Waschtisch setzte, «das hat aber einmal geschmeckt, das Wasser duftete ganz von Blüthen, und wie die liebe Nachtigall singt»! – «Horch»! sagte Gockel, «da singt noch was», es war aber der Kutscher, der den Haber siebte; als er die Nachtigall hörte, fieng er an zu singen:

 

«Nachtigall, ich hör dich singen,

s'Herz im Leib möcht mir zerspringen,

Komme doch und sag mir bald,

Wie sich Alles hier verhalt'.

Nachtigall, ich seh dich laufen,

An dem Bächlein thust du saufen,

Tunkst hinein dein Schnäbelein,

Meinst es sey der beste Wein!

Nachtigall, wohl ist gut wohnen

In der Linde grünen Kronen,

Bei dir, lieb Frau Nachtigall,

Küß' dich Gott viel tausendmal!»

 

Das gefiel nun Gockel und Hinkel gar wohl, denn es war ihr Lieblingslied und ihre Mutter hatte es ihr an der Wiege gesungen. – Gockel war so froh, über Alles, was er so erfinderisch herbeigewünscht hatte, daß er wünschte, Frau Hinkel möge gleich Alles betrachten, was auf ihrem Waschtisch weiter liege. Sie sagte aber: «nein, ich muß warten bis der Tag anbricht, es ist Alles so herrlich und fein, ich zittre so vor Freude, ich habe eine solche Wallung im Blut. Wir sahen nun dort in den Hof, hier in den blühenden Garten, voll Duft und Springbrunnen und Nachtigallen, jetzt laß uns an jener Seite hinaus schauen, was dort zu sehen ist.» – Nun liefen sie an ein drittes Fenster; «o je, welche Freude!» rief Frau Hinkel aus, «Wir sind in Gelnhausen, da oben liegt das Schloß des Königs, und da drüben, o zum Entzücken! da sehe ich in einer Reihe alle die Bäcker- und Fleischerladen; es ist noch ganz stille in der Stadt; horch, der Nachtwächter ruft in einer entfernten Straße, drei Uhr ist es; ach, was wird er sich wundern, wenn er hieher auf den Markt kömmt und auf einmal unsern prächtigen Palast sieht! Und der König, was wird der König die Augen aufreissen und alle die Hofherrn und Hofdamen, die uns so spöttisch ansahen, da wir in Ungnade fielen, was werden sie gedemüthiget seyn durch unsern Glanz! O Gockel, liebster Gockel, was bist du für ein herzallerliebster, beßter Gockel mit deinem Ring Salomonis!» und da fielen sie sich wieder um den Hals und fuhren vor Freude gleichsam Schlitten auf dem spiegelglatten Boden.

Es brach aber der Tag an und es war kein Traum; Alles hatte Bestand, sie blickten Arm in Arm scheu und doch freudig bald sich in ihrer verjüngten Gestalt und prächtigen Kleidung, bald die wunderbare Pracht ihres Schlafgemaches an, und als sie neben ihrem großen Prachtbett, welches wie ein Himmelwagen aussah, mit Federbüschen besteckt, ein anderes schönes Bettchen sahen, fiel ihnen erst im Taumel der großen Freude ihre liebe Gackeleia ein; sie rissen die rothsammetnen, goldgestickten Vorhänge hinweg, da lag Gackeleia schön wie ein Engel, ach viel schöner als sie je gewesen. Gockel und Hinkel erweckten sie mit Küssen und Thränen: «wach auf, Gackeleia, ach alle Freude ist um uns her; ach Gackeleia, sieh alle die schönen Sachen an!» Da schlug Gackeleia die blauen Augen auf, und glaubte, sie träume das Alles nur; und da sie Vater und Mutter, welche beide so jung und schön geworden waren, gar nicht wieder erkannte, fieng sie an zu weinen und verlangte nach ihren lieben Aeltern. Ja alle die schönen Sachen konnten sie nicht zufrieden stellen; sie sagte immer: «o was soll ich mit all der Herrlichkeit, ich will zu meiner lieben Mutter, Frau Hinkel, zu meinem guten Vater, Gockel, zurück.» Die Mutter und der Vater konnten sie auf keine Weise bereden, daß sie es selbst seyen. Endlich sagte Gockel zu ihr: «Wer bist du denn?» «Gackeleia bin ich,» erwiederte das Kind. «So», sagte Gockel»,du bist Gackeleia? Aber Gackeleia hatte ja gestern ein Röckchen von grauer Leinwand an, wie kömmt den Gackeleia in das schöne, buntgeblümte, seidene Schlafröckchen?» «Ach, das weiß ich nicht,» antwortete Gackeleia, «aber ich bin doch ganz gewiß Gackeleia; ach ich weiß es gewiß, die Augen schmerzen mich so sehr, ich habe gestern gar viel geweint, ich habe grosses Unglück angestellt, ich habe die Katze an das Nest der Gallina geführt; ich bin Schuld, daß sie gefressen worden, ich habe dadurch den guten Alektryo in den Tod gebracht, ach ich bin gewiß die böse Gackeleia;» dabei weinte sie so bitterlich und fuhr fort: «o du bist Gockel nicht; der Vater Gockel hat ganz schneeweiße Haare und einen weißen Bart und ist bleich im Gesicht und hat eine spitze Nase; du Schwarzer mit den rothen Wangen bist Gockel nicht; du bist auch die Mutter Hinkel nicht; du bist ja so hübsch glatt und anmuthig wie ein Turteltäubchen; die Mutter Hinkel ist klapperdürr wie ein Zaunpfahl; ich will fort in das alte Schloß, ihr habt mich gestohlen;» und da weinte das Kind wieder heftig. Gockel wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er sagte: «Schau mich einmal recht an, ob ich dein Vater Gockel nicht bin.» Da guckte ihn Gackeleia scharf an, und er drehte den Ring Salomonis ganz sachte am Finger und sprach leis:

 

«Salomon, du großer König,

Mache mich doch gleich ein wenig

Dem ganz alten Gockel ähnlich;

Mach' mich wieder wie gewöhnlich.»

 

Und wie er am Ring drehte, ward er immer älter und grauer, und das Kind sagte immer: «ach Herrje, ja, fast wie der Vater!» und als er ganz fertig mit dem Drehen war, sprang das Kind aus dem Bett, und flog ihm um den Hals und schrie: «ach ja, du bist's, du bist's, liebes, gutes, altes Väterchen! aber die Mutter ist es mein Lebtag nicht.» Da begann Gockel auch für Frau Hinkel den Ring zu drehen, daß sie wieder ganz alt ward. Aber dieser machte das gar keine Freude, und sie sagte immer: «halt ein Gockel, nein das ist doch ganz abscheulich, einen so herunter zu bringen, nein das ist zu arg! so habe ich mein Lebtag nicht ausgesehen; du machst mich viel älter, als ich war!» und begann zu weinen und zu zanken, und wollte dem Gockel mit Gewalt nach der Hand greifen und ihm den Ring wieder zurückdrehen. Aber Gackeleia sprang ihr in die Arme und küßte und herzte sie, und rief einmal über das anderemal aus: «ach Mutter, liebe Mutter, du bist's, du bist's ganz gewiß!» Da sagte Frau Hinkel: «nun meinethalben,» und küßte das Kind Gackeleia von ganzem Herzen. Gockel aber sprach: «ei, ei, Frau Hinkel, ich hätte mein Lebtag nicht gedacht, daß du so eitel wärest; es ist gut, nun habe ich ein Mittel, dich zu strafen; sieh, bist du mir nun nicht fein ordentlich und fleißig, oder brummest du, oder bist du neugierig, so drehe ich gleich den Ring um und mache dich hundert Jahre alt.» Da sagte Frau Hinkel: «thue was du willst, ich habe es nicht gern gethan, es hat mich nur so überrascht.» Nun umarmte sie Gockel und drehte den Ring wieder, und sie wurden wieder jung und schön. So erfuhr auch Gackeleia das Geheimniß mit dem Ringe, und Gockel schärfte ihr und der Frau Hinkel ein, ja niemals etwas von dem Ringe zu sprechen, sonst könnte er ihnen gestohlen werden, und dann müßten sie wohl wieder arm und elend in das alte Schloß zurück. «Bewahr uns Gott davor!» sagten alle, und Gockel fuhr fort: «ja, daß er uns davor bewahre, lasset uns vor Allem beten und danken; ihm allein gebührt die Ehre!» da knieten sie in Mitte der Stube nieder und dankten Gott von Herzen.

Als sie wieder aufgestanden waren, sagte Frau Hinkel: «jetzt kommt, jetzt geht das Hauptplaisir an, jetzt geht es ans Betrachten, und mit uns selbst wird angefangen.» Nun traten sie alle drei vor einen großen Spiegel und beschauten sich in Lebensgröße von allen Seiten und lachten und hüpften; Frau Hinkel machte einige spitze Mäulchen und Gackeleia probirte so vielerlei, daß sie sogar die Zunge ziemlich weit herausstreckte, worauf aber Gockel sagte: «Pfui, wawa, das ist unartig!» Hierauf gieng Frau Hinkel nach ihrem Waschtisch, um Alles zu betrachten, was sie in der Nacht noch nicht gesehen. In einer andern Fensternische stand der Waschtisch Gockels, und zwischen beiden ein Waschtischchen Gackeleia's.

Auf der krystallenen Platte des Tisches stand Waschbecken und Kanne von gleichem Stoff, man konnte sie so oft man wollte bei dem Delphin unter dem Tische füllen; hinter dem Waschbecken war etwas Hohes mit einem feinsten weißen Tuche bedeckt. – «Was ist nur das?» – sagte Frau Hinkel und zog das Tuch weg, – aber Alle wurden still und ernst, als sie sahen, was es war; denn es war das Bild einer Gluckhenne auf dem Neste sitzend mit ausgebreiteten Flügeln und über Hühnchen brütend, die hie und da die Köpfchen hervorstreckten; Alles von Gold und Silber, auf das natürlichste kunstreich ausgearbeitet; die Augen waren alle von Edelsteinen und die Kämme von Rubinen!

«Ach!» sagte Frau Hinkel, «das ist wohl eine ernste Erinnerung, das kann uns wohl demüthigen; sieh Gackeleia, da ist das Bild der Gallina, wie sie leibte und lebte, da können wir an die betrübte Geschichte denken!» – «Ach ja,» sagte Gackeleia, und weinte. Gockel aber sprach: «wollen wir dabei an irgend etwas denken, was uns vor Uebermuth bewahrt, so ist das gut. Hier aber steht die goldene Henne nur als ein altes Familienkleinod, das ich selbst zum erstenmal sehe; dort auf meinem Waschtisch wird wohl der goldene Hahn stehen.» – Da deckte Gockel auf seinem Waschtisch das Gefäß auf, und wirklich stand das Bild Alektryos von Gold in größter Vollkommenheit da. – Sie waren Alle ganz erstaunt.

Gockel aber sprach weiter: «du wirst dich erinnern, Frau Hinkel, daß in unsrer Familie ein altes Sprichwort ist, der goldne Hahn kräht nicht mehr, die goldne Henne legt nicht mehr, um unsre Verarmung anzudeuten. Das bezieht sich auf diese beiden unschätzbaren Kunstwerke, die lange in dem Schatze der Kapelle zu Gockelsruh bewahrt wurden. Als aber die Franzosen ihre angeblichen Rechte auf alle Hahnen geltend machten, weil in dem wohl anatomirten Gehirn jedes Hahns ihr Wappen, nämlich das Bild einer Lilie zu finden seyn soll, haben sie sich dieses goldnen Geflügels vor allem Andern bemeistert. – Bei seiner Vermählung mit Urhinkel von Hennegau drehte Urgockel den Ring Salomos, und wünschte ihr das herrlichste Toiletten-Geschenk, das Salomo selbst der Königin von Saba gegeben; – dann drehte die Gräfin von Hennegau den Ring und wünschte dem Urgockel das Gegengeschenk der Königin von Saba, und so standen am Hochzeitmorgen dieser Waschtisch mit der goldnen Henne und jener dort mit dem goldnen Hahn im Brautgemache, und von dieser Hochzeit an wurden die goldne Henne und der goldne Hahn bei jeder Hochzeit in Gockelsruh dem Brautpaar vorgetragen und bei der Mahlzeit aufgestellt, bis sie verloren giengen. Jetzt wollen wir einmal sehen, wie die Geschenke beschaffen sind, vor Allem die Probe, ob es gut Gold ist. Sieh da unten an dem Neste die Probe in phönizischer Schrift; ich drehe den Ring und wünsche es zu lesen, und sieh, ich kanns lesen.

«‹Dieses Necessaire, vorstellend das Siebengestirn als eine Gluckhenne mit sechs Küchlein für ihre Majestät die Königin Balkis von Saba, verfertigte auf Befehl Seiner Majestät des Königs Salomo von Jerusalem, dessen erster Goldschmied Hieram von Tyrus, aus 24karatigem Gold von Ophir in Augsburgirter Butzbacher-Façon.› Nun sieh, welche Rarität, was mag aber Alles darin enthalten seyn?»

Nun zerlegte Gockel das ganze Huhn nach der Transchierkunst, die er als Hühnerminister aus dem Fundament verstand; Alles bestand aus Deckeln, Büchschen und Fächern u. s. w. Wenn man den Rücken mit den ausgebreiteten Flügeln der Henne in die Höhe schlug, hatte man einen aufgerichteten Handspiegel; im Innern der Henne befanden sich in verschiedenen goldenen Kästchen mehrere Schwämme und Kämme, weite und enge, Haarbürsten, Zahnbürsten, Ohrlöffel, Zahnstocher, Puderbüchsen von allen Farben, Schönheitspflästerchen, Schminke aller Farben, Nagelscheeren und Bürsten, eine Haarzange, ein Kämmchen für die Augenbraunen, erstaunlich viele Sachen. In dem Kopf der Henne fand man Hühneraugensalbe für den linken und rechten Fuß. Der Hals enthielt eine Nadelbüchse voll allerlei Nadeln, auch eine Insektenfalle. In jedem der Hühnchen, die man öffnen konnte, fand sich eine andre wohlriechende Seife, oder Salbe, oder Essenz; das Nest im Innern selbst war ein Näh- und Nadelkissen von tyrischem Purpur, worauf die schönsten Muster mit goldenen Demantnadeln abgesteckt waren. Das ganze künstliche Flechtwerk des goldenen Nestes hieng und stack voll tausenderlei Geschmeid, Ringen, Ketten, Spangen, Agraffen, Amuletten, Talismanen, Perlen und Bernsteinschnüren. Aus dem Nest streckten sich vier Zweige von gewachsenem Gold mit Lilien, weißen und rothen Rosen von Edelsteinen. Diese Zweige bildeten Leuchter, worauf Wachskerzen standen und woran viele Wachsstöckchen hiengen, alle von wohlriechendem Wachse gemacht, das Erstlingsbienen beim Aufgang des Siebengestirns auf den Linden des Hymettus und von Lilien gesammelt hatten, die schöner bekleidet waren als Salomo selbst. Außerdem hiengen an diesen Goldzweigen Siegelringe, kleine Kalenderchen und Notizbüchelchen von Elfenbein. Vor der Henne kniete ein feines Kind mit Flügeln von Edelsteinen; es hielt in der einen Hand eine Schale voll der köstlichsten Stärkungskügelchen, in der andern eine Schale voll Balsam von Mekka, als wolle es die Henne füttern. Das Wunderbarste aber war, daß die Henne die Stundenzahl und die Hühnchen die Viertelstundenzahl mit süßem Glucksen und Piepen angaben, und wenn man an einer Feder zog, so sang eine im Innern befindliche Orgel die Melodie des höchsten Liedes, das Salomo je gedichtet.

Frau Hinkel wußte sich gar keinen Rath über allen diesen Wundern und schaute sich weiter bei dem Waschtische um, da sah sie in das Gitter des Rosenschirms mehrere Engelchen geflochten; einige reichten Körbe mit Rosenblättern, Orangenblüthen und Mandelkleie herein, andre boten lange weiche Tücher von weißer oder purpurfarbiger indischer Leinwand oder Wolle dar. – «Ach,» sagte Frau Hinkel, «allen Respekt vor der Frau Königin Balkis, aber sie muß viele Zeit und wenige Schönheit gehabt haben, wenn sie Alles das gebraucht hat, sich zu waschen; ich werde es nie gebrauchen.» – «Da hast du wieder Recht,» sagte Gockel, «es ist auch nur ein Schau- und Familienstück, du wirst schon ein andres Waschtischchen mit allem Nöthigen finden; ich aber will meinen goldenen salomonischen Alektryo gleich gebrauchen, denn ich sehe, er enthält nichts außer Stiefelzieher und Stiefelhacken, Schuh-, Kleider- und Zahnbürste, Kamm und Scheere, nicht viel mehr, als ein veritables englisches Rasirzeug, das habe ich mir lange gewünscht,» und somit fing er gleich an und pinselte sich den Bart mit Seifenschaum ein.

Gackeleia gieng auch nach ihrem Waschtischchen, aber es wollte ihr nicht recht gefallen, denn es stand ein goldnes Kätzchen darauf, das ein silbernes Hühnchen im Maul hatte. Sie wollte schon wieder anfangen zu weinen, aber Frau Hinkel sagte zu ihr: «komm Gackeleia, damit wir den Vater beim Rasiren nicht stören, er ist es lange nicht mehr gewohnt, er könnte sich schneiden. – Wir wollen in die Kleiderkammer gehen und uns unter das Bäumchen stellen und sagen:

 

Bäumchen rüttel dich und schüttel dich,

Schüttle schöne Kleider über mich!»

 

Da verließ Gackeleia sehr erfreut die Stube mit ihr, und bald traten sie in schönen Morgenkleidern von schneeweißem Piqué mit leichter Goldstickerei wieder herein.

Nun war die Sonne aufgegangen und der Nachtwächter war auf den Markt gekommen und hatte das Wunder-Schloß Gockels, das wie ein Pilz in der Nacht hervorgewachsen, kaum erblickt, als er ein ungemeines Geschrei erhob:

 

«Hört ihr Herrn und laßt euch sagen,

Die Glocke hat vier Uhr geschlagen,

Aber das ist noch gar nicht viel

Gegen ein Schloß, das vom Himmel fiel;

Da steht's vor mir ganz lang und breit,

Wir leben in wunderbarer Zeit,

Ich schau es an, es kömmt mir vor,

Wie der alten Kuh das neue Thor.

Wacht auf ihr Herrn und werdet munter,

Schaut an das Wunder über Wunder,

Und wahrt das Feuer und das Licht,

Daß dieser Stadt kein Leid geschiecht

Und lobet Gott den Herren!»

 

Da wachten die Bürger rings am Markte auf, die Bäcker und die Fleischer rieben sich die Augen und rissen die Mäuler sperrangelweit auf und streckten die Köpfe mit sammt den Nachtmützen zum Fenster heraus und schauten das Schloß mit großem Spektakel der Verwunderung an. – Gockel, Hinkel und Gackeleia standen am Fenster und guckten hinter dem Vorhang Allem zu. Endlich schrie ein dicker Fleischer: «da ist da, das Schloß kann Keiner wegdisputiren; aber, ob Leute darin sind, die Fleisch essen, das möcht ich wissen.» «Ja, und Brod und Semmeln und Eierwecken,» fuhr ein staubiger, untersetzter Bäckermeister fort.

 

 

Da gieng aber auf einmal die Schloßthüre auf, und es trat ein großer, bärtiger Thürsteher heraus mit einem großen Kragen, wie ein Wagenrad, und einem breiten, silberbordirten Bandelier über der Brust und weiten gepufften Hosen und einem Federhut, wie ein alter Schweizer gekleidet; er trug einen langen Stock, woran ein silberner Knopf war, wie ein Kürbis so groß, und auf diesem ein großer silberner Hahn mit ausgebreiteten Flügeln. Die versammelten Leute fuhren alle auseinander, als er mit ernster drohender Miene ganz breitbeinig auf sie zuschritt; sie meinten, er sey ein Gespenst. Auch Gockel und Hinkel oben am Fenster waren sehr über ihn verwundert und öffneten das Fenster ein wenig, um zu hören, was er sagte. Er sprach aber: «hört einmal ihr lieben Bürger von Gelnhausen, es ist sehr unartig, daß ihr hier bei Anbruch des Tages einen so abscheulichen Lärm vor dem Schloße Seiner Hoheit des hochgebornen Raugrafen Gockel von Hanau, Hennegau und Henneberg, Erbherrn auf Hühnerbein und Katzenellenbogen macht, Seine hochgräflichen Gnaden werden es sehr ungern vernehmen, so ihr Sie also frühe in der Ruhe störet, und wünsche sich das nicht wieder zu erleben, das laßt euch gesagt seyn.» – «Mit Gunst» sagte da der Fleischer und zog seine Mütze höflich ab, «wenn erlaubt ist zu fragen, wird dieß Schloß, das über Nacht wie ein Pilz aus der Erde gewachsen ist, von dem ehemaligen hiesigen Hühnerminister bewohnt?» «Allerdings,» erwiederte der Schweizer, «es ist bewohnt von ihm und seiner Gräflichen Gemahlin Hinkel und Hochdero Töchterlein Gackeleia, außerdem von zwei Kammerdienern, zwei Kammerfrauen, vier Bedienten, vier Stubenmädchen, zwei Jägern, zwei Laufern, zwei Kammerriesen, zwei Kammerzwergen, zwei Thürstehern, wovon ich einer zu seyn mir schmeicheln kann, zwei Leibkutschern, sechs Stallknechten, zwei Köchen, sechs Küchenjungen, zwei Gärtnern, sechs Gärtnerburschen, einem Haushofmeister, einer Haushofmeisterin, einem Kapaunenstopfer, einem Hühnerhofmeister, einem Fasanenmeister und noch allerlei anderem Gesinde, welche alle zusammen hundert Pfund Kalbfleisch, fünfzig Pfund Hammelfleisch, fünfzig Pfund Schweinfleisch, sechszig Würste und dergleichen essen.» – «Ach», schrie da der Metzger und kniete beinahe vor dem Schweizer nieder, «ich recommandire mich beßtens als Hochgräflicher Hofmetzger.» Und der Bäcker zupfte den Schweizer am Aermel mit den Worten: «Seine Hochgräflichen Gnaden nebst Familie werden doch das viele Fleisch nicht so ohne Brod in den nüchternen Magen hineinfressen; das könnte ihnen unmöglich gesund seyn.» «Ei behüte,» sagte der Schweizer, «Sie brauchen täglich dreißig große Weißbrode, hundert fünfzig Semmeln, hundert Eierwecken, hundert Bubenschenkel und zweihundert und sechs und neunzig Zwiebacke zum Kaffee» – «O so empfehle ich mich beßtens zum Hochgräflichen Hofbäcker», rief der Bäckermeister. «Wir wollen sehen», sprach der Schweizer, «wer heute gleich das beßte liefern wird, kömmt ans Brett.» Da stürzten alle die Bäcker und Fleischer nach ihren Buden und hackten und kneteten und rollten und glasirten die Eierwecken und rissen die Läden auf und stellten Alles hinaus, daß es eine Pracht war; und so gieng es nun auf allen Seiten von Gelnhausen; alle Krämer und alle Krauthändler kamen, sahen, staunten und wurden berichtet und waren voll Freude, daß sie so viel Geld verdienen sollten.

Gockel und Hinkel und Gackeleia aber liefen im Schloß herum und sahen Alles an; alle die Dienerschaft setzte sich in Bewegung; man kleidete sich an, man wurde frisirt, man putzte Stiefel und Schuh, man klopfte Kleider aus, tränkte die Pferde, fütterte Hühner, frühstückte; es war ein Leben und Weben wie in dem größten Schloß. Die Bürgerschaft, um ihre Freude zu bezeigen, kam mit fliegenden Fahnen gezogen, jede Zunft mit dem Bild ihres Schutzpatronen auf der Fahne und schöner Musik; sie standen Alle vor dem Schloße, feuerten ihre rostigen Flinten in die Luft und schrieen: «Vivat der Herr Graf Gockel von Hanau! Vivat die Gräfin Hinkel und die Comtesse Gackeleia! Vivat hoch! und abermal hoch!» – Gockel und Hinkel und Gackeleia standen auf dem Balkon am Fenster und warfen Geld unter das Volk. Gockel warf den Männern hundert Stück neue Gockeld'ors, Hinkel den Frauen hundert Stück neue Hinkeld'ors, worunter auch eine große Anzahl Basler Hennenthaler, und Gackeleia den Kindern hundert Stück neue Gackeleid'ors aus. Sie riefen dabei immer: «theilt untereinander aus, laßt wechseln, Einer gebe dem Andern heraus!» Weil aber damals der Cours in Gelnhausen sehr hoch stand und das Gold sehr gesucht und man mit Scheidemünze und Stübern und mit Waaren, z. B. Nüssen, Feigen, Schellen und Kappen wohl assortirt war, so ward der Wechsel- und Tauschhandel sehr lebhaft auf dem Markt. Je mehr das Gold fiel, desto höher stieg es; der Platz ward mit ausgetheilten, gewechselten, ausgetauschten, vollwichtigen Nasenstübern, Kopfnüssen, Ohrfeigen, Maulschellen und gestochenen Kappen überschwemmt und Alles mußte losschlagen, weil Viele ganz unverzeihlich mit diesen Artikeln schleuderten. Man hat auch unter der Hand vertrauliche Informationen eingezogen, daß damals das Haus: «Gebrüder Vatermörder», welches später die Frankfurter Messe in Wachs poussirt bezog, den ersten Grund zu seinem Renommee gelegt habe. – Als man sich nun bereits bei den Haaren um das Gold riß, so daß Keiner mit einem blauen Auge davon kam, der nicht Haare gelassen hatte, drehte Gockel den Ring Salomonis und mit ihm den Kellermeister nebst einem Stück Faß Wein aus dem Keller, und es ward eingeschenkt, jedem der trinken wollte und ein Gefäß bei sich hatte. Da liefen sie auseinander nach Haus und holten Eimer und Kübel und Züber und Schöpfkellen und Kessel und Krüge und was sie fanden, und tranken, da der Goldregen aufgehört, Gockels Gesundheit am Weinfaß.

Der König von Gelnhausen wohnte damals nicht in der Stadt, sondern eine Meile davon, in seinem Lustschloße Kastellovo, auf deutsch Eier-Burg, denn das ganze Schloß war von ausgeblasenen Eierschalen errichtet, und in die Wände waren bunte Sterne von Ostereiern hineingemauert. Dieses Schloß war des Königs Lieblingsaufenthalt, denn der ganze Bau war seine Erfindung, und alle diese Eierschalen waren bei seiner eigenen Haushaltung ausgeleert worden. Das Dach der Eierburg aber war in Gestalt einer brütenden Henne wirklich von lauter Hühnerfedern zusammengesetzt, und inwendig waren alle Wände eiergelb ausgeschlagen. Gerade der Bau dieses Schloßes war schuld gewesen, daß Gockel einstens aus den Diensten des Königs gegangen war, weil er sich der entsetzlichen Hühner- und Eierverschwendung widersetzte und dadurch den König erbittert hatte. Täglich kam nun der königliche Küchenmeister mit einem Küchenwagen nach Gelnhausen gefahren, um die nöthigen Vorräthe für den Hofstaat einzukaufen. Wie erstaunte er aber heute, als er die ganze Stadt in einem allgemeinen Bürgerfest vor einem nie gesehenen Palaste erblickte und den Namen Gockels an allen Ecken ausrufen hörte. Aber sein Erstaunen ward bald in einen großen Aerger verwandelt; denn wo er zu einem Bäcker oder Fleischer oder Krämer mit seinem Küchenwagen hinfuhr, um einzukehren, hieß es überall: Alles ist schon für Seine Raugräflichen Gnaden Gockel von Hanau gekauft. Da nun endlich der königliche Küchenmeister sich mit Gewalt der nöthigen Lebensmittel bemächtigen wollte, widersetzten sich die Bürger und es entstand ein Getümmel. Gockel, der die Ursache davon erfuhr, ließ sogleich dem Küchenmeister sagen, er möge ohne Sorgen seyn, denn er wolle Seine Majestät den König und Seine ganze Familie und Seine ganze Dienerschaft allerunterthänigst heute auf einen Löffel Suppe zu sich einladen lassen, und er, der Küchenmeister, möchte nur mit seinem Küchenwagen vor seine Schloß-Speisekammer heranfahren, um ein kleines Frühstück für den König mitzunehmen. Der Küchenmeister fuhr nun hinüber, und Gockel ließ ihm den ganzen Küchenwagen mit Kibitzeneiern anfüllen und setzte seine zwei Kammermohren oben drauf, welche den König unterrichten sollten, wie man die Kibitzeneier mit Anstand esse; denn der König hatte seiner Lebtage noch keine gegessen.

Der Küchenmeister fuhr durch den Sand in gestrecktem Galopp mit seinem Küchenwagen voll Eiern nach dem Lustschloß, ohne ein Einziges zu zerbrechen, nur daß die zwei Mohren, wo es zu langsam ging, manchmal absteigen und zu Fuß gehen mußten; sie kamen jedoch zugleich in der Eierburg an.

Mit höchster Verwunderung hörte König Eifrasius die Geschichte von dem Schloß und dem Gockel durch den Küchenmeister erzählen, und ließ sich sogleich ein Hundert von den Kibitzeneiern hart sieden. Als nun die zwei schwarzen Kammermohren in ihren goldbordirten Röcken mit der silbernen Schüssel voll Salz, in welches die Eier festgestellt waren, hereintreten, und mit ihrer schwarzen Farbe so schön gegen den weißen Eierpalast abstachen, hatte der König Eifrasius große Freude daran. Er ließ seine Gemahlin Eilegia, und seinen Kronprinzen Kronovus zum Frühstück berufen, und erzählte ihnen das große Wunder vom Palast Gockels. «Ach», sagte Kronovus, «da ist wohl die kleine Gackeleia, mit welcher ich sonst spielte, auch wieder dabei.» «Natürlich», sprach Eifrasius, «wir wollen gleich nach diesem Frühstück hinein fahren und das ganze Spektackel ansehen. Aber seht nur die kuriosen Eier, die er uns zum Frühstück sendet; grün sind sie mit schwarzen Puncten; man nennt sie Kibitzeneier, sie kommen weit aus Rußland und werden so genannt, weil sie in Kibitken, einer Art von Hühnerstall auf vier Rädern gefunden, oder gelegt, oder hieher gefahren werden.»

Da sprach der eine Kammermohr: «ich bitte Eure Majestät um Vergebung, man nennt sie Kibitzeneier, sie werden vom Kibitz, einem Vogel gelegt, der ungefähr so groß wie eine Taube und grau wie eine Schnepfe ist, und wie eine französische Schildwache beim Eierlegen immer Ki wi, Ki wi schreit, wenn man dann: «gut Freund» antwortet, so kann man hingehen und ihm die Eier nehmen, worauf er gleich wieder andere legt.»

Den König Eifrasius ärgerte es, daß der Mohr ihn in Eierkenntnissen belehren wollte, und sagte zu ihm: «halt er sein Maul, er versteht nichts davon, sey er nicht so nasenweis.» Darüber erschrack der Mohr wirklich so sehr, daß er ganz weiß um den Schnabel wurde. Der andere Mohr sprach nun: «der Raugraf Gockel hat uns befohlen, Eurer Majestät zu zeigen, wie diese Eier jetzt nach der neuesten Mode gespeist zu werden pflegen.» «Ich bin begierig», sagte der König, «es zu sehen.» Da nahm jeder der Kammermohren eins von den Eiern in die flache linke Hand, und nun traten sie mit aufgehobener Rechte einander gegenüber und baten den König eins, zwei, drei zu kommandiren. Das that Eifrasius, und wie er drei sagte, schlug der eine Mohr dem andern so auf das Ei, daß der gelbe Dotter gar artig auf die schwarze Hand herausfuhr. Dem König gefiel dieses über die Massen, und sie mußten es ihm bei allen hundert Eiern da Capo machen, wofür er ihnen beim Abschied beiden den Orden des rothen Ostereies dritter Klasse ohne Dotter taxfrei zur Belohnung um den Hals hängte.

Nun fuhr der König und seine Gemahlin und der Kronprinz mit dem ganzen Hofstaat auf einer Wurst nach Gelnhausen zu Gockel, der ihm mit Hinkel und Gackeleia an der Schloßthüre entgegen trat. Die Verwunderung über den Reichthum und die jugendliche Schönheit Gockels konnte nur durch die außerordentliche Mahlzeit noch übertroffen werden. Alles war in vollem Jubel. Kronovus und Gackeleia saßen an einem aparten Tischchen und wurden von den zwei Kammerzwergen bedient, und Musik war an allen Ecken. Beim Nachtisch tranken Eifrasius und Gockel Bruderschaft, und Eilegia und Hinkel Schwesterschaft, und Kronovus und Gackeleia Spielkameradschaft, sprechend: «du bist mein König und du bist meine Königin.» Eifrasius zog dann den Gockel an ein Fenster und hieng ihm das Großei des Ordens des goldnen Ostereies mit zwei Dottern und Petersilie um den Hals und borgte hundert Gockeld'ors von ihm, worauf das Ganze mit einem grossen Volksfeste beschlossen wurde.

So lebten Gockel und die Seinigen beinah ein Jahr in einer ganz ungemeinen irdischen Glückseligkeit zu Gelnhausen, und der König war so gut Freund mit ihm und seiner vortrefflichen Küche und seinem unerschöpflichen Geldbeutel, und alle Einwohner des Landes hatten ihn seiner grossen Freigebigkeit wegen so lieb, daß man eigentlich gar nicht mehr unterscheiden konnte, wer der König von Gelnhausen war, Gockel oder Eifrasius. Auch wurde es unter beiden fest beschlossen, daß einstens Gackeleia die Gemahlin des Erbprinzen Kronovus werden und an seiner Seite den Thron von Gelnhausen besteigen sollte. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt, und so kamen auch über diese guten Leute noch manche Schicksale, an die sie gar nicht gedacht hatten.

Alles hatte die kleine Gackeleia in vollem Ueberfluß, nur keine Puppe; denn Gockel bestand streng auf dem Verbot, das er über sie bei dem Tode des Alektryo hatte ergehen lassen, sie sollte zur Strafe niemals eine Puppe haben. Wenn sie nun um Weihnachten oder am St. Niklastage alle Mägdlein in Gelnhausen mit schönen neuen Puppen herumziehen sah, war sie gar betrübt und weinte oft im Stillen; eine solche Sehnsucht hatte sie nach einer Puppe. Merkte der alte Gockel aber, daß Gackeleia, die er wie seinen Augapfel liebte, so traurig war, so that er ihr Alles zu lieb, um sie zu trösten, zeigte ihr die schönsten Bilderbücher, erzählte ihr die wunderbarsten Mährchen, ja er gab ihr auch wohl manchmal den köstlichen Ring Salomonis in die Hände, der mit seinem funkelnden Smaragd und den wunderbaren Zügen, die darauf eingeschnitten waren, alle Augen erquickte, die ihn anschauten.

Einstens gierig nun Gackeleia in ihrem kleinen Gärtchen spazieren, welches am Ende des Schloßgartens, dicht an der Landstraße lag. Da waren die zierlichsten Beete voll schöner Blumen, alle mit Buchs, Salbei und Schnittlauch eingefaßt, und die Wege waren mit glitzerndem Goldsand bestreut; in der Mitte war ein Springbrünnchen, worin Goldfischchen schwammen, und über demselben ein goldener Käfig voll der buntesten singenden Vögel; hinter dem Brunnen aber war eine kleine Laube von Rosen und eine kleine Rasenbank. Ein schönes goldenes Gitter umgab das ganze liebe Gärtchen. «Ach», dachte Gackeleia, «wie glückselig wäre ich, wenn ich eine Puppe in meinem schönen Garten spazieren führen könnte, so allein gefällt er mir gar nicht, was hilft es mir auch, wenn ich mir aus meinem Taschentuche durch allerlei Knoten eine Puppe zusammenknüpfe, sie ist doch nie eine schöne Gliederpuppe, ganz wie ein Mensch, mit einem schönen lakirten Gesicht – und der Vater hat mir selbst solche Puppen verboten.»

Während Gackeleia so in schweren Puppensorgen auf ihrer Rasenbank saß, hörte sie auf einmal eine angenehme summende, aber sehr leise Musik ganz nahe hinter ihr vor dem Garten, der an einem Feldweg lag. Da guckte sie durch die Blätter und sah etwas Seltsames. Dicht vor dem Gitter saß ein Mann in einem schwarzen Mantel ohne Kopf an der Erde zusammengehuckt, und unter dem Mantel hervor schnurrte die Musik. Gackeleia beugte sich zur Erde, um zu sehen, wo nur in aller Welt die feine Musik herkomme; wie war sie erstaunt, als sie da unten ein paar allerliebste Puppenbeinchen in himmelblauen, mit Silber gestickten Schnürstiefelchen ganz im Takte der Musik herumschnurren sah, sie wußte gar nicht, was sie vor Neugier, die Puppe ganz zu sehen, anfangen sollte. Oft war sie im Begriffe, die Hand durchs Gitter zu stecken und den schwarzen Mantel ein wenig aufzuheben, aber die Furcht, weil sie an dieser Gestalt keinen Kopf sah, hielt sie immer wieder zurück. Endlich brach sie sich eine lange Weidenruthe ab, steckte sie durch das Gitter und lüftete den Mantel ein wenig, da schnurrte eine wunderschöne Puppe in den artigsten Kleidern, wie eine Reisende geputzt, unter dem Mantel hervor, und rannte gerade auf das Gitter des Gartens zu, stieß einigemale an die goldenen Gitterstäbe und würde gewiß zu ihr hineingekommen seyn, wenn sich nicht eine hagere Hand aus dem Mantel nach ihr hingestreckt und sie wieder in die Verborgenheit zurückgezogen hätte, wo die kleine Puppe von einer rauhen Stimme sehr ausgeschimpft wurde, daß sie sich unterstanden habe, unter dem Mantel hervorzulaufen.

 

 

Gackeleia konnte nicht mehr länger zurückhalten, und rief einmal über das anderemal: «bitte, bitte du schwarzer Mantel, zanke doch die liebe schöne Puppe nicht so, lasse sie doch ein wenig heraus zu mir in den Garten.» Da that sich auf einmal der Mantel auf, und ein alter Mann mit einem langen weißen Bart richtete sich vor Gackeleia auf und sprach: «ich bitte recht sehr um Verzeihung, daß ich meine Puppe hier ein wenig unter meinen Mantel tanzen ließ und auf der Maultrommel dazu spielte, ich habe nicht gewußt, daß das Comteßchen zusah. Ich wollte nur versuchen, ob sie mir auf der Reise nicht melancholisch geworden sey; denn ich will sie hier in Gelnhausen für Geld auf dem Rathhause tanzen lassen. Sehen das Comteßchen nur, sie ist ganz artig, jetzt ist sie in ihren Reisekleidern mit einem Mantel und Reisehut und einem Blumenstrauß und einer Landkarte und einem Nachtsack; aber die Schnürstiefelchen sind doch allerliebst, sie hält gewaltig auf einen schönen Fuß, aber Comteßchen, sie hat eine viel schönere Garderobe, sie kann sich verkleiden, in was sie will, bald so, bald so, wenn das Comteßchen erlaubt, werde ich die Ehre haben, Ihnen alle ihre Kleidchen und sieben Sächelchen zu zeigen, ich habe mir hier um meinen Regenschirm sechszehn Silberglöckchen befestigt und bei jedem Glöckchen ein anderes Kleidchen und was dazu gehört, und wenn sie schmutzig sind, wäscht mir sie der Regen und im Sonnenschein trocknen sie. Lasse ich im Wetter tanzen, geschieht es unter dem Schirm, da ist sie wie unter einem chinesischen Dach, Alles ist einfach und kurz beisammen, man muß auf Alles denken.» – Da rief Gackeleia aus: «ach! zeige mir Alles, Alles, explicire mir Alles; o wie artig ist die Puppe! wie wackelt sie mit dem Köpfchen, wie schüttelt sie die Zöpfchen, wie reicht sie die Aermchen, ach gieb sie mir nur ein klein Bischen zu betrachten.»

Der Alte sagte: «Comtesse, das kann ich nicht, aber die Kleider will ich Ihnen gleich zeigen und Alles expliciren.»

Da steckte er die Puppe in den Gürtel, die anfangs mit dem Kopf daraus hervorwackelte und nachher stille ward; dann spannte der alte Mann einen großen Regenschirm aus, der am Rande mit vielen kleinen Glöckchen und bei jedem mit allerlei niedlichen Puppenkleidchen und Kleinigkeiten behängt war. Zuerst drehte er den Schirm schnell herum, daß die Schellen lieblich klingelten und die Puppenkleider bunt im Kreise wehten, dann hielt er plötzlich den Schirm still und fing an, mit einem Stäbchen deutend jedes Stück zu expliciren, wobei er halb sprach, halb durch die Nase sang, und Gackeleia jedesmal antwortete.

 

Der Alte sang:

«Guck', hier bei dem ersten Glöckchen

Dieses grüne, kurze Röckchen

Zieht sie an als Gärtnerin,

Möchte in dein Gärtchen hin;

Hier dies Gießkännchen, zu gießen

Alle Blümchen, die drin sprießen,

Kriegt sie in die kleine Hand.»

 

Gackeleia:

«O wie artig, wie scharmant!

Sie ist klein, kann ohne Bücken

Mir die schönsten Sträußchen pflücken.»

 

Der Alte:

«Guck', hier bei dem zweiten Glöckchen

Dieses schwarze, seidne Röckchen

Und das schwarze Schürzchen dran,

Zieht sie als Scribentin an;

Denn da giebt's leicht Tintenfleckchen.

Sieh' das Tintenfäßchen klein

Und das art'ge Federlein.

Hier ist auch das Wochenblatt,

Wenn sie es gelesen hat,

Putzt sie dran die Feder rein,

Alles muß hübsch sauber seyn.

Ein Wachsstöckchen hängt auch hier

Und ein niedliches Petschier

Und ein Sieg'llakstängelchen,

Grad wie für ein Engelchen.

Und dies Briefchen mit Adresse,

Alles voll Accuratesse,

Kriegt sie dann in ihre Hand.»

 

Gackeleia:

«O wie artig, wie scharmant

Wollen wir correspondiren,

Invitiren, gratuliren!»

 

Der Alte:

«Guck', hier bei dem dritten Glöckchen

Hängt ein grünes, krauses Röckchen

Und ein Hut mit grünem Band,

Goldne Fransen an dem Rand;

Spielhahnfeder, Gemsenbart

Stecket drauf, nichts ist gespart;

Sieh' den Brustlatz goldgeschnürt,

Alles, wie es sich gebührt,

Rothe Strümpfe, goldne Zwickel,

Ja, es fehlet kein Artikel,

Wenn sie als Tyrolermädchen,

Schmuck als wie ein Silberdräthchen,

Zitherspielend zieht durch's Land.»

 

Gackeleia:

«O wie artig, wie scharmant!

Zimm, zimm, zimm so spielest du,

Und ich singe Eins dazu.»

 

Der Alte:

«Guck', hier bei dem vierten Glöckchen

Hängt ein dunkelbraunes Röckchen

Und ein Häubchen in der Ferne,

Denn sie trägt es gar nicht gerne

Und ein ABC-Büchlein,

Wenn sie Lehrerin soll seyn,

Auch von Christoph Schmidt nicht fehlen

Die Histörchen, zum Erzählen.

O, wie kann sie buchstabiren!

Fast so gut als deklamiren;

Und hier diese feine Ruthe

Für die kleinen Thunichtgute

Kriegt sie dann in ihre Hand.»

 

Gackeleia:

«O wie artig, wie scharmant!

Nur die Ruthe nicht probiren,

Ich will recht hübsch deklamiren.»

 

Der Alte:

«Hier bei diesem fünften Glöckchen

Blinkt ein luft'ges Flitterröckchen

Ganz voll Troddeln, Quästchen, Fransen,

Wenn sie soll als Tänz'rin tanzen;

Sieh' die Goldpantöffelchen,

Wie zwei Zuckerlöffelchen,

Zieht sie an und mit dem netten

Tamburin und Kastagnetten

Schnurrt und rasselt ihre Hand.»

 

Gackeleia:

«O wie artig, wie scharmant!

Schnurre, raßle, klappre nur

Und wir tanzen nach der Schnur.»

 

Der Alte:

«Guck', bei diesem sechsten Glöckchen

Hängt ein schwarz und weißes Röckchen;

Wenn sie soll ein Nönnchen seyn,

Hüllt man ihr die krausen Löckchen

Hier in dieses Schleierlein,

Setzt ihr auf dies Dornenkränzchen,

Und giebt ihr dies Rosenkränzchen

In die kleine, fromme Hand.»

 

Gackeleia:

«O wie artig, wie scharmant!

Sag' hast du auch Pfeffernüßchen,

Bildchen, Blümchen, Leckerbißchen?»

 

Der Alte:

«Guck', hier bei dem sieb'ten Glöckchen

Hängt ein feuerfarbig Röckchen

Nach der Mode von Vadutz

Zugestutzt, ein Zauberputz.

Auf dem Gürtel schwarz auf weiß,

Der zugleich der Zauberkreis,

Groß das ganze Alphabeth

Abera-Cadabra steht.

Hier ist auch der Zauberstab,

Wen er anrührt, geht in's Grab;

Ist es heut nicht, ist es morgen,

Keiner braucht darum zu sorgen.

Und hier ist der Zauberspiegel,

Wer hineinblickt, sieht das Siegel

Seiner Thorheit im Gesicht,

So bei Nacht als Tageslicht.

Und hier ist das Zaubersieb,

Wer es stiehlt, der kennt den Dieb;

Doch sieh' hier ein Wunderding,

Sieh' von Gold ein runder Ring,

Wer ihn trägt, ist nicht ganz klug,

Hat zu viel und nie genug.

Lischt die Zauberlampe hier,

Riecht der Docht gar übel schier,

Zünde schnell den Wachsstock an,

Weil man sonst nichts sehen kann.

Dieses hier der Wünschhut ist,

Wünsch dich hin, wo du nicht bist.

Dies der Sack des Fortunat,

Gold ist drin, so viel man hat.

Aber hier dies Bäumchen heißt:

Rüttel dich und schüttel dich,

Schüttle, rüttle Herz und Geist,

Leib und Seele über mich.

Gieb mir Das und gieb mir Dies,

Schönster Baum im Paradies;

Wer dies sagt und rührt den Baum

Hat, was ihm gebührt, im Traum,

Schwer und leicht und seicht und tief,

Links und rechts und grad und schief.

Alles dies mit sauber'm Sinn

Braucht sie, wenn als Zauberin

Sie die Geister um sich bannt.»

 

Gackeleia:

«O wie artig, wie scharmant!

Rüttel dich und schüttel dich

Liebes Bäumchen über mich.»

 

Der Alte:

«Guck', hier bei dem achten Glöckchen

Hängt ein grünes, kurzes Röckchen,

Jägerhut und Jägertasche

Und die fein umflocht'ne Flasche

Und die Stiefelchen, die knappen,

Um im Wald herum zu tappen;

Alles dies wird angezogen,

Wenn geschmückt mit Pfeil und Bogen

Sie die flinke Jäg'rin spielt,

Und nach Reh und Häschen zielt;

Dann auch führt an einem Band

Sie dies Windspiel an der Hand.»

 

Gackeleia:

«O wie artig, wie scharmant!

Doch, das sollst du nicht mehr thun,

Lass' nur Reh und Häschen ruhn.»

 

Der Alte:

«Guck', hier bei dem neunten Glöckchen

Ein ganz reputirlich Röckchen,

Wenn sie ist ein Nähemädchen;

Hier im Körbchen, Nähelädchen,

Sind viel Zwirn- und Seidenfädchen,

Nadeln, Scheerchen, Fingerhut

Und noch viele Dinger gut.

Nimmermehr ihr Finger ruht,

Denn zuletzt noch zupfet sie

Alle Restchen zur Charpie;

Und nimmt dann die Kinderkäppchen,

Flickelfleckt aus hundert Läppchen,

All die Hemdchen, Röckchen, Jäckchen

Und die Schürzchen mit zwei Säckchen,

Ausgespitzt aus vielen Fleckchen,

All' die art'gen Dingerchen

Auf die feinen Fingerchen,

Drehet sie mit Freudenblicken

Und mit kind'schem Beifallnicken

Appetitlich auf der Hand.»

 

Gackeleia:

«O wie artig, wie scharmant!

Komm', ich hab gar schöne Läppchen,

Komm', wir machen Kinderkäppchen.»

 

Der Alte:

«Guck', hier bei dem zehnten Glöckchen

Hängt für sie ein krauses Röckchen

Und ein Hut mit Blumenstrauß,

Geht als Sennerin sie aus.

Sieh' im Korb die Blätter decken

Viele reine Butterwecken;

Fette Milch und frische Eier

Trägt sie feil, ist gar nicht theuer,

Jeder sie noch billig fand.»

 

Gackeleia:

«O wie artig, wie scharmant!

Sennerin komm' und mess' geschwind

Mir ein Schöppchen Milch für's Kind.»

 

Der Alte:

«Guck', bei diesem eilften Glöckchen

Hängt ein grob geflicktes Röckchen

Und ein graues Futtersäckchen,

Und hier in dem Wanderbündlein

Trägt ein schreiend Wickelkindlein,

Mit dem Lutscher in dem Mündchen,

Sie als Pilgerin durch's Land;

Hier ihr kluges, mag'res Hündchen,

Das Septemberle genannt,

Ist in aller Welt bekannt.»

 

Gackeleia:

«O wie artig, wie scharmant!

Armes Kindchen komm' zu mir,

Deinen Lutscher füll' ich dir.»

 

Der Alte:

«Guck', bei diesem zwölften Glöckchen

Glänzt ein Purpur-Sammetröckchen,

Breit verbrämt mit Hermelin,

Und am Krönchen goldig, perlich,

Und am Scepter blitzend herrlich

Lacht Smaragd und glüht Rubin.

Wenn sie sich als Königin

Setzt auf's goldne Thrönchen hin,

Und die goldgestickte Schleppe

Niederhänget auf der Treppe,

Küßt man still den goldnen Rand.»

 

Gackeleia:

«O wie artig, wie scharmant!

Doch ich küsse ihre Hand,

Denn ich bin vom Grafenstand.»

 

Der Alte:

«Guck', hier bei'm dreizehnten Glöckchen

Hänget bei dem braunen Röckchen

Schäferhut mit breitem Rand,

Rosen drauf und grünes Band,

Und dazu auch Schäfertasche,

Schäferstab und Kürbisflasche,

Und dies Lamm an rothem Band

Führt die Hirtin durch das Land.»

 

Gackeleia:

«O wie artig, wie scharmant!

Braucht mein Lamm nicht mehr zu seyn

So allein, allein, allein!»

 

Der Alte:

«Guck', hier bei'm vierzehnten Glöckchen

Hänget für das flinke Döckchen

Ein garnirtes Kaffeebrett,

Wenn sie schön die Wirthin macht;

O, das kann sie gar zu nett!

Sie nimmt Alles wohl in Acht,

Trägt nicht hoch das feine Näschen,

Stößt nicht um die kleinen Gläschen,

Theilt den Kuchen ein so klug,

Daß er reicht mehr, als genug.

Flinker als ein Wassernixchen

Präsentirt sie, macht ein Knixchen:

«Bitte, bitte!» rings herum.

Und kein Bischen kömmt je um,

Alles, was da übrig blieb,

Giebt den Armen sie aus Lieb',

Oder streut's den Vögelein -

Kann man allerliebster seyn! -

Mit der milden, treuen Hand.»

 

Gackeleia:

«O wie artig! wie scharmant

Invitir ich sie zur Noth

Gleich auf Thee und Butterbrod.»

 

Der Alte:

«Guck', hier bei'm fünfzehnten Glöckchen

Hängt ihr spiegelnd Panzer-Röckchen,

Helm und Speer und Schwert und Schild

Herrlich in der Sonne blitzt,

Wenn sie für Minerva gilt

Und das Eulchen bei ihr sitzt.

Ich verstehe nichts davon,

Doch ein hoher Kunstpatron,

Der mir schuldet, leider, leider!

Zahlte mich durch diese Kleider;

Er ist Extheaterschneider

Von Person und Condition,

Giebt auch Kindern Lektion

In der Mytholologie

Und Demagogokolie.

Er sprach: «Industrierende,

Krieger und Studierende

Rufen dir bei vollem Haus

Ihre Göttin gern heraus.»

Wie er sprach, so ist's gescheh'n,

Jeder will Minervchen sehn.

Keiner weiß doch, was im Schild

Führt das kleine Götterbild;

Durch das Gitter aus dem Helm

Lauscht sie wie ein schlauer Schelm.

Hält sie's mit der Wissenschaft,

Gleich um ihres Speeres Schaft

Rosen, Myrthen und Gedanken

Sich in buntem Wechsel ranken.

Tritt sie krieg'risch in die Schranken,

Eifersüchtig gleich ihr Schwert

Jedes Listgeweb zerstört,

Das der Mückchen heiter'm Leben

Gift'ge Spinnen lauernd weben.

Rächend, daß Arachne's Hand

Sie einst webend überwand.

Ich verstehe nichts davon,

Sag' nur her die Lektion

Von dem hohen Kunstpatron,

Der wohl selbst sie nicht verstand.»

 

Gackeleia:

«O wie artig, wie scharmant!

Kann die Spinnen nicht bedauern,

Die so auf die Mückchen lauern.»

 

Der Alte:

«Guck', hier bei dem letzten Glöckchen

Hängt ein lust'ges, rothes Röckchen,

Fallhut, Rassel, rothe Schuh'

Und ein Püppchen auch dazu,

An Figur und Art und Sitten,

Wie ihr aus dem Aug geschnitten.

Wenn sie spielt die Kinderrolle,

Hüpft dies Püppchen hinter drein,

Und sie neckt es: Molle, Molle!

Weil es nicht wie sie so fein.

Kind und Püppchen wetten dann,

Wer von ihnen beiden kann

Süßer: «bitte, bitte» sagen,

Daß Mama nichts ab kann schlagen.

Und dann spielt das Kind Verstecken,

Mit dem Püppchen sich zu necken,

Thut sich mit dem Schurz bedecken,

Ruft: «Wu Wu», es zu erschrecken.

Hierauf streut das noch verhüllte

Kind, den Vöglein die Brosamen,

Womit es die Säckchen füllte,

Und sie rathen seinen Namen:

Klandestinchen? Schirosellchen?

Penseröschen? Hirondellchen?

Kaschettinchen? Allerleja?

Und das Kind spricht: «Eja! Eja!

Gukuk! gukuk – nit da, nit da!»

Läßt sie fressen aus der Hand.»

 

Gackeleia:

«O wie artig, wie scharmant!

Aber ich ruf', um zu necken,

Girri, girri beim Verstecken.»

 

Nun drehte der wunderliche Alte seinen Schellenschirm wieder klingend im Kreis und machte ihn dann plötzlich vor den Augen Gackeleia's zu, der das Herz flog vor Begierde nach der Puppe und all den schönen Kleinigkeiten. – «Ach die Puppe, die Puppe, ach die schönen Kleider», sagte sie einmal über das andremal, «ach dürfte ich sie nur ein bischen haben, nur ein klein bischen! bitte, bitte, bitte!»

«Halten Sie ein Comteßchen,» sagte der Alte: «halten Sie ein, es wird mir so rührend, mein Herz läuft mir aus; ich kann das Lamentiren nicht hören von einem so artigen Frauenzimmerchen; wollen Sie mir eine kleine Freundschaft erweisen, nur ein bischen, ein bischen, so sollen sie die Puppe und die schönen Kleidchen haben für immer, für immer! bitte, bitte, bitte!»

«Die Puppe haben?» sagte Gackeleia mit großem Schmerz und rang die Händchen, «ach edler Mann! Gackeleia darf keine Puppe haben, nie, nie! Gackeleia hat Schurrimurri zu Gallina geführt, Gallina ward erwürgt, und Gackeleia ward verurtheilt: nie, nie eine Puppe haben zu dürfen – ach und ich hätte diese so gern! ach nur ein bischen, ein bischen, bitte, bitte!»

Während Gackeleia so wehklagte, machte der Alte seinen Schirm bald halb auf, bald wieder zu, so daß alle die schönen Kleidchen immer vor den Augen des Kindes herumflatterten, und sagte dann: «ein grausames Urtheil, ein hartes Wort, da müßte sich ein Stein erbarmen, wider die Natur, wider die Menschheit, wider alle Sinnlichkeit für religiöse Gefühle! ein Kind, ein so schönes, liebes Comteßchen soll keine Puppe haben? – hat doch jed Hündchen sein Knöchelchen, hat doch jed Kätzchen sein Mäuschen, womit es spielt!» – «Schweig still, schweig still», sagte Gackeleia, «sag nichts von den Kätzchen, ach die Kätzchen sind eben daran Schuld, daß ich keine Puppe haben darf! – aber es geht nicht, es geht nicht, ich hätte diese doch gar zu gern, ach nur ein Bischen, bitte, bitte!» Da fieng Gackeleia an zu weinen, und der gefühlvolle Alte, der unter einem rauhen Aeußern ein zartes kindliches Herz im Busen zu tragen hatte, weinte, oder ich müßte mich sehr irren, mit.

«Comteßchen», sagte er, «ich halte das Mitleid nicht länger aus, mir wird wie der große Dichter in der Poesie sagt:

 

Liebes Kind! was soll mir das?

Wein' nicht so, du wirst ganz naß,

Ich muß lachend dir gestehen,

Gleich werd' ich dich trocken sehn.»

 

«Comteßchen, wischen Sie sich die Augen, putzen Sie sich die Augen, putzen Sie sich das Näschen an die Schürze, aber an der innern Seite, damit man's nicht sieht; Heimlichkeit, Verborgenheit sitzt ganz still und kömmt doch weit. Jetzt geben Sie acht: verbietet uns der Herr Doctor das Bier, so trinken wir Gerstensaft, die Aepfel, essen wir süße Pomeranzen, das Brod, essen wir Kuchen – verstehen Sie Comteßchen, jed Ding will sein Sach haben, man muß dem Beil einen Stiel suchen und dem Kind ein Püppchen.» -

«Ach! ich darf aber keine haben», jammerte Gackeleia, «gewiß, gewiß, ich darf keine Puppe haben»! -

«Ganz gut», sagte der Alte, «bei Leibe nicht! Gehorsam muß seyn, aber können das Comteßchen lesen? schauen Sie da oben auf die Inschrift über meinem chinesischen Sonnenschirm, was steht da geschrieben? denn man muß immer sehen, was geschrieben steht.» Da fieng Gackeleia an zu buchstabiren: k. e. i. kei, n. e. ne keine u. s. w. – keine Puppe, sondern nur eine schöne Kunstfigur – und sie guckte den Mann und dann wieder die Puppe in seinem Gürtel mit großen Augen an und sprach: «wie, das wäre keine Puppe? keine Puppe?»

Nun nahm der Alte die Puppe aus seinem Gürtel in seine Hand und sagte:

 

«Mit Verstand sind wir erschaffen,

Menschen haben nicht, wie Affen,

Alles nur gleich nachzumachen;

Zu begründen sind die Sachen.

Und so werd' ich auch beweisen,

Daß dies nicht kann Puppe heißen,

Daß Comteßchen ohne List

Sie darf haben, denn es ist

Keine Puppe, sondern nur

Eine schöne Kunstfigur

Nach der Schnur und nach der Uhr,

Und ein Mäuschen von Natur.

Eine Puppe steht ganz starr,

Aber hier der liebe Narr,

Hat da an dem Kettchen fein

Zu der Uhr ein Schlüßelein.

Ich zieh' auf – horch – knirr, knirr, knirr!

Sieh', schon geht sie in's Geschirr!

Wackelt mit dem klugen Köpfchen,

Schüttelt ihre Seidenzöpfchen,

Regt die Aermchen hin und her,

Bis die Stund vorüber wär'.

Alles, Alles nach der Schnur,

Alles, Alles nach der Uhr

Thut kein Püppchen, sondern nur

Eine schöne Kunstfigur.»

 

«Ja», sagte Gackeleia, «das ist einmal richtig, keine Puppe, sondern nur eine schöne Kunstfigur»; und der Alte fuhr fort:

 

«Eine Puppe kann nicht laufen,

Man muß stäts herum sie schleppen,

Diese rennt auf Flur und Treppen

Jede Puppe über'n Haufen.

Eine Puppe kann nicht hören,

Diese hier ist leicht zu stören,

Niemand hört sie, doch sie hört,

Wenn ein Blumenblatt sich kehrt,

Wenn ein Holzwurm leise pickt,

Das Figürchen um sich blickt,

Spitzt die Oehrchen und erschrickt;

Und wenn gar die Katze maut,

Schaudert ihr die zarte Haut,

Bang ist ihr, es könnt' die Katze

Halten sie für eine Ratze,

Und sie hielt' mit einem Satze

Sie in ihrer scharfen Tatze;

Und gleich sucht sie eine Ecke,

Daß sie sich darin verstecke.

Keine Puppe, so thut nur

Eine schöne Kunstfigur,

Die trotz Uhr und die trotz Schnur

Ist ein Mäuschen von Natur;

Darum bitt' ich um die Güte,

Daß man sie vor Katzen hüte.»

 

Da sprach Gackeleia:

 

«Ach ich hüt' mich schon davor,

Vater schrieb mir's hinter's Ohr!»

 

Der Alte fuhr fort:

 

«Eine Puppe kann nicht essen,

Die Figur hat's nie vergessen,

Ißt zu der bestimmten Stund'

immer sich hübsch satt und rund;

Braungebackne Semmelrinde

Knuppert sie gern ab geschwinde,

Könnte auch nach ihrem Magen

Speck und Schinken wohl vertragen,

Was sie aber niemals that,

Denn sie ist zu delikat,

Daß des Morgenlands Gesetze

Sie durch solche Kost verletze,

Drum lass' ich steinharten Kuchen

Sie belohnend oft versuchen.

Andern gönnt sie stäts das Beste,

Und sich selbst läßt sie die Reste,

Was so übrig ist geblieben,

Ganz demüthiglich belieben.

Zuseh'n läßt sie sich nicht gerne,

Wenn sie ißt, sonst wär's gar leicht,

Daß man menschlich essen lerne

Und nicht mehr den Thieren gleicht. -

Ja ich zweifle, ob Comtessen

Jemals zierlicher gegessen.»

 

Bei diesen Worten des Alten hob Gackeleia ihr Köpfchen mit einigem Selbstgefühl in die Höhe, denn sie wußte wohl, daß sie eine Comtesse sey, und daß sie sehr anständig nach den Tischregeln zu essen gelernt hatte; ja sie bildete sich etwas darauf ein; daher sprach sie zu dem Alten etwas in verweisendem Tone:

 

«Wie Comtessen essen, weiß ich,

Denn ich übe mich gar fleißig.

Die Erzmundwischmeisterin,

Comteß Torschon de Popin,

Lehrte mich, wie stäts bei Tische

Jeder anders, ländlich, sittlich,

Appe- und unappetitlich,

Standsgemäß das Maul sich wische.

Denk', die große Lektion

Vom Maulwischrecht kann ich schon;

Als ich mit Gefühlsbetonung

Sie bei Hof hab' deklamirt,

Wischt' die Königin, gerührt,

Mir das Mäulchen zur Belohnung.»

 

Dann wendete sich Gackeleia gegen die Puppe und erzählte ihr, was ihr vom anständigen Betragen bei Tisch gelehrt worden war:

 

«Hör'- nicht Puppe, sondern nur

Allerschönste Kunstfigur

Nach der Uhr und nach der Schnur

Und du Mäuschen von Natur!

Hör', was sittlich und dezent

Nach dem Tischzuchtreglement,

Alles, Alles sag ich dir.

Meine Meist'rin sprach zu mir:

«Alle Prinzen und Prinzessen,

Alle Grafen und Comtessen,

Alle Junker, alle Fräulchen

Wischen sich so Mund als Mäulchen,

Dupse-Däumchen, Fingerlein

An der Serviette rein.

O Comtesse, nie vergesse,

Wie ein Kind von deinem Adel

Mit Delikatesse esse -

Gackeleia ohne Tadel!

Schluck' nicht große Brocken ein,

Spuck' hübsch aus die Pflaumenstein';

Alles esse mit Manier,

Ohne Trägheit, ohne Gier,

Doch mit angeborner Zier;

Prüfe, ordne jeden Bissen

Recht mit zartestem Gewissen,

Ja mit feinem Skrupel schier.

Schiebe mit der Gabelspitze

Zierlich Alles, was nichts nütze,

Nicht an Reinheit ebenbürtig,

Nicht an Feinheit speisewürdig,

Daß du's über's Herzchen bringst

Und in's Mägelchen verschlingst,

Zähe Adern, harte Flechsen,

Harte Fasern von Gewächsen,

Schiebe solche Dingerchen

Leis auf deines Tellers Rand,

Heb' das kleine Fingerchen

Fein dabei an rechter Hand,

O, das steht dir ganz scharmant!

Niemals hör' ein Mensch dich schmatzen

Wie die Teller-Lecker-Katzen,

Die unehrbar unter'm Tisch

Hörbar fressen Fleisch und Fisch.

Nein, mit stäts geschloss'nen Lippen

Mußt du knuppern, und bei'm Trinken

Läßt du sanft die Aeuglein sinken,

Mußt du wie ein Vöglein nippen.

Wie man leckt und schmeckt und kaut,

Werde nie durch einen Laut

Irgendjemand anvertraut,

Eben so, wie man verdaut -

Alles still, gleich wie es thaut.

Gar Nichts lass' zu Grunde geh'n,

Was nicht soll zum Munde geh'n,

Jedes Krümchen noch so klein,

Streue aus den Vögelein!»

 

Gackeleia hatte ihre Lektion hergesagt und erwartete eine Antwort von der Puppe, indem sie fortfuhr:

 

«Wie ich esse sagt' ich dir,

Wie du ißt, auch sage mir,

O! du Puppe, o du nur

Eine schöne Kunstfigur

Nach der Uhr und nach der Schnur

Und ein Mäuschen von Natur!»

 

So plauderte Gackeleia mit der Puppe, welche mit Kopf und Aermchen in der Hand des Alten wackelte.

Der Alte aber sagte: «Comtesse Gackeleia, sie wird es Ihnen nicht sagen, Sie sollen sie auch nicht fragen, ich habe es nie gewagt; es giebt Geheimnisse im kunstfigürlichen Herzen, es ist gefährlich da eindringen zu wollen nach den Worten des großen Abulfeda:

 

«In's Inn're der Natur dringt kein erschaffner Geist,

Zu glücklich, wem sie nur die äußre Schaale weis't.

Zum Kern der Kunstfigur, zu wissen wie sie speis't,

Dringt jener Frevler nur, den in die Nas' sie beißt.»

 

«Sehen kann man es nicht, aber hören sollen Sie es gleich!» – «Hören?» sagte Gackeleia, «sie schmatzt doch nicht, das wäre nicht artig!» – «Geduld,» sagte der Alte, «geben mir das Comteßchen ihr Körbchen, haben Sie nichts zu naschen?» – «O ja», sagte Gackeleia, «da sind Knackmandeln von Jungfer Widder, der Schuljungfer, sie hat sie nach ihrem Bräutigam geworfen, und Prinz Kronovus hat sie aufgelesen und mir geschenkt.» – «Herrlich,» sagte der Alte, «aber eine ist genug,» und er that die Figur in den Korb und die Knackmandel dazu und den Deckel darüber, und nun stellte er den Korb dicht ans Gartengitter und sagte: «Jetzt horchen Sie, wie die Kunstfigur krustilliret.» – Gackeleia hielt das Ohr an den Korb und hörte die Kunstfigur bald so artig mit den Zähnchen knuppern, daß sie freudig ausrief:

 

«Knupper, Knupper Kneischen,

Du knupperst ja im Häuschen,

O du schöne Kunstfigur!

Wie ein Mäuschen von Natur.»

 

Dann nahm der Alte die Kunstfigur wieder heraus, zog das Uhrwerk auf und sagte: «Jetzt wird ihr zur Verdauung ein Spaziergang gesund seyn, sonst schläft sie uns ein:

 

Denn nach Tische soll man stehn,

Oder tausend Schritte gehn,

Sagt der würdige Galen.»

 

Die Puppe aber wackelte mit Kopf und Händchen und da er sie an den Boden setzte, lief sie gar geschäftig am Gartengitter hin und her, nickte und winkte und stieß manchmal ans Gitter, weil sie durch wollte in den Garten, aber nicht konnte, denn die Oeffnungen waren nicht groß genug.

Gackeleia außer sich vor Freude rief. «ach sie winkt mir, sie winkt mir, sie möchte zu mir in den Garten – ach lieber alter Mann sage mir geschwind, was ich dir zu Gefallen thun soll, daß du mir die Kunstfigur giebst!» – Da steckte der Mann die Kunstfigur wieder in seinen Gürtel und sprach: «O Comteßchen! es ist nur eine Miniatur von einer Kleinigkeit von einer Bagatelle; ach! ich bin ein armer, betrübter, verlassener Mann, ich habe nicht Vater nicht Mutter, nicht Schwester nicht Bruder, nicht Kind nicht Rind, nicht Kuh und nicht Kalb, nicht ganz und nicht halb, mir fehlet Alles, was man nicht begehren darf, seines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Ochs, Esel und Alles, was sein ist, ach! ich habe selbst keine Puppe, sondern nur diese schöne Kunstfigur nach der Uhr und nach der Schnur und ein Mäuschen von Natur; aber mein Kummer ist so groß, daß auch sie mich nicht trösten kann. Doch Sie können es, o Exzellenzchen, daß ich lustig werde wie ein Lämmerschwänzchen.»

Nach diesen Worten fieng der wunderliche Alte so zu weinen und zu wimmern an, daß Gackeleia mit Thränen in den Augen zu ihm sprach: «ach weine nur nicht so, du armer Mann! ich will dir ja Alles thun, was dich trösten kann, wenn du mir die schöne Kunstfigur giebst; sage mir doch um Gotteswillen, was dich trösten kann.» – Da erwiederte der Alte:

 

«Dein Vater hat ein Ringelein

Mit einem grünen Edelstein,

Der hat gar einen schönen Schein,

Laß mich nur einmal sehn hinein,

So werd ich gleich durch Mark und Bein

Froh wie ein Lämmerschwänzchen seyn,

Dann soll das Kunstfigürchen fein

Zu dir ins Gärtchen gleich hinein;

Es bleibt mit allen Kleidern sein

O lieb Comteßchen! immer dein,

Damit die Gackeleia klein

Nicht so allein, allein, allein!»

 

«Ei!» sagte Gackeleia»,den Ring kenne ich wohl, er hat auch mich manchmal schon fröhlich gemacht, wenn ich ihn ansehen durfte. Gehe nur ein bischen weg, gleich wird mein Vater in einer nahen Laube sein Mittagsschläfchen halten, da will ich den Ring schon auf ein Weilchen kriegen. Aber, daß du mir gleich wieder da bist, wenn ich den Ring bringe.»

«Ganz gewiß», sagte der Alte, «ich will Ihnen die Kleider der Kunstfigur als ein Pfand gleich hier lassen, Sie können sie alle hübsch glatt streichen und in ihr Körbchen legen, sie sind an dem Schirm ein bischen aus der Façon gekommen.» Da gab er ihr die Kleider und Kleinigkeiten, die er von dem Schirme ablöste, und verließ dann mit der Kunstfigur die kleine Gackeleia, die ihm immer nachrief «aber daß du nur auch ganz gewiß kömmst, der Ring soll dich recht anlachen!» «Ja, ja ganz gewiß», rief der Alte und verschwand hinter den Hecken. Gackeleia aber setzte sich in ihre Laube, musterte und ordnete alle Kleider der Puppe, und dachte schon, wie die kleine Gärtnerin bei ihr zwischen den Blumenbeeten herumlaufen würde, und konnte sich zum Voraus vor Freude gar nicht fassen.

Aber schnell bewahrte sie die Kleider in ihrem Korb, da sie den Vater Gockel auf seinem Stuhle in der Laube schnarchen hörte. Sie schlich hin, setzte sich zu seinen Füßen, hatte seine Hand in der ihrigen und sah in den grünen Stein des Ringes. Als sie nun den Stein berührte und vor sich sagte: «ach wenn ich den Ring nur leise von seinem Finger herunter hätte!» da that der Ring seine Wirkung. Gockel schlief fest und schnarchte, und der Ring fiel in das Händchen der Gackeleia, welche geschwind wie der Wind nach ihrem Gärtchen lief, wo der alte Mann vor Begierde nach dem Ring sein mageres Gesicht mit dem Barte schon wie ein alter Ziegenbock über das Gitter herüber streckte. Gackeleia hielt ihm den Ring entgegen und sprach: «die Kunstfigur her! die Kunstfigur her! sieh hier ist der Ring; aber ich gebe ihn nicht, bis du mir erkläret hast, wie man die Figur aufzieht und wie ich sonst mit ihr umgehen muß, damit sie mir nicht krank wird, und bis ich sie in den Händen habe, dann kannst du geschwind in den Ring gucken, denn ich muß ihn schnell in die Laube zurück bringen, ehe der Vater aufwacht.»

Der Alte, der nach dem Ring noch gieriger hin sah, als das Kind nach der Puppe, nahm diese, steckte ihr das Schlüßelchen, welches sie anhängen hatte, in das Ohr und sagte: «Comteßchen! links müssen Sie leise drehen, bis Sie Widerstand fühlen, sonst könnte die Figur überschnappen. Sie müssen sich nicht wundern, daß man die Kunstfigur durch das Ohr aufzieht, man zieht ja auch die Kinder auf durch das Gehör. Man schraubt auch die Jugend auf und verschraubt sie eben so leicht, daß kein Uhrmacher mehr helfen kann, nur knarrt es ein bischen mehr bei der Kunstfigur. Aber ich hoffe, die Comtesse werden ihr dieses wegen anderer trefflicher Eigenschaften zu Gute halten. Wenn ich nun aufgezogen, knirr, knirr, knirr, nickt sie ein Weilchen gar lieblich mit dem Kopf und winkt mit den Händchen, ja läuft auch auf ebenem Boden, weil aber Berg und Thal zusammen kommen, so wird ihr das Laufen beschwerlich, und muß darum die Natur der Kunst zu Hülfe kommen, wie umgekehrt bei Menschen die Kunst der Natur oft nachhelfen muß. Was nun die Kunst dieser Figur betrifft, so lassen ihr die Comtesse, so sie harthörig würde, manchmal ein Tröpfchen Mandelöl ins andere Ohr laufen; dann geht sie wieder wie geschmiert. Was die Natur betrifft, habe ich schon gesagt, was sie gern ißt: braune Semmelrinde, auch hartes Zuckerbrod und Knackmandeln; ich rathe nicht zu vielen fetten Speisen, weil sie sich leicht dadurch ihre Garderobe beflecken könnte. Sie trinkt nicht viel, und setzt Comteßchen ihr alle Tage ihr Fingerhütchen voll Wasser in den Korb, ist es zum Trinken, Mundausspühlen und Waschen genug. In das Körbchen machen Sie ihr Bettchen, Sie brauchen sie nicht schlafen zu legen, sie legt sich von selbst. Morgens den Fingerhut und was zu knuppern, Mittags, Abends eben so. Die Kleiderchen halten Sie hübsch reinlich, und verbleichen sie, so lassen Sie sie färben. Hüten Sie sie vor Ungeziefer, besonders vor Spinnen und vor Allem vor Katzen. Ihre Stiefelchen und Tanzschuhe halten Sie besonders in Ordnung, denn sie hält viel darauf und hat Hühneraugen; darum bitte ich, ihr nicht auf die Füße zu treten; sie ist sehr empfindlich. – Hören Sie, um Sie ganz zu überzeugen, daß sie keine Puppe ist, will ich Ihnen ihr Stimmchen hören lassen.» Da zwickte der Alte die Figur an der Spitze des Füßchens, und sie piepte wie ein Mäuschen, so daß Gackeleia laut aufschrie: «ach dem Klandestinchen nicht weh, weh thun!» der Alte aber sagte: «nicht wahr Comteßchen, schreien kann doch

 

Keine Puppe, sondern nur

Eine schöne Kunstfigur

Nach der Uhr und nach der Schnur

Und ein Mäuschen von Natur.»

 

«Gewiß», sagte Gackeleia und sprach diese Worte mit. Der Alte aber sagte noch: «Sie müssen ihr nicht beim Essen und Trinken zusehen; wenn sie heraus ist, lassen Sie sie ruhig laufen, aber nicht wo es ganz offen ist, sonst läuft sie Ihnen davon.» Dann gab er die Puppe der Gackeleia, und sie gab ihm den Ring, mit dem er sich unter seinem Mantel verbarg, wo er ihn eifrig zu betrachten schien.

Gackeleia setzte die Puppe in dem Gärtchen nieder und tanzte voll Entzücken vor ihr her, die ihr überall artig nachschnurrte; Gackeleia patschte freudig in die kleinen Hände, der Alte aber patschte in seine großen Hände. «Ach!» rief ihm Gackeleia zu, «gelt, du hast dich in dem Ring schon recht lustig geguckt? O gieb ihn geschwind, geschwind zurück, ich höre den Vater schon in der Laube gähnen.» – «O mir ist schon ganz fröhlich», sagte der Alte, «bald werde ich noch lustiger seyn!» Nun gab er ihr den Ring zurück und wünschte ihr mit einem häßlichen Gelächter viel Glück zu der schönen Kunstfigur, worauf er sich in das Gebüsch verlor.

Gackeleia hatte bereits alle Kleiderchen in ihr Körbchen gelegt, sie legte nun die Kunstfigur oben drauf und deckte den Deckel hübsch darüber. Das Körbchen am Arm lief sie schnell in die Laube und setzte sich zu den Füßen Gockels, der wieder eingeschlafen war, und leise, leise schob sie ihm den Ring wieder an den Finger. Es war ihr, als hätte sie einen Stein von dem Herzen.

Gackeleia saß nicht so lange zu den Füßen Gockels, als man braucht, um ein Ei zu sieden, da ertönte in der Ferne ein Oratorium von sechs Posthörnern von der Composition des Cospetto di Bacco, und von der berühmten Agatha Gaddi ward darin eine Fuge Solo gesungen nach den tiefsinnigen Worten des Königlich Gelnhausenischen General-Ober-Hofpostamts-Dichters, der, seinen Namen zu verschweigen, aus übertriebener Bescheidenheit allzufrüh mit Tod abgegangen ist:

 

«Fahr', fahr', fahr' auf der Post,

Frag', frag', frag' nit, was's kost,

Spann' mir sechs Schimmel ein,

Ich will der Postknecht seyn,

Fahr', fahr', fahr' auf der Post!»

 

Gleich erwachte Gockel und sprach: «ei, es ist schon vorgefahren, gut, daß du da bist Gackeleia, geschwind laß uns einsteigen, die Mutter sitzt gewiß schon in der Alamode-Barutsche, wir sind von Eifrasius auf die Eierburg zum Eiertanz eingeladen.» «Ich habe es gewußt», sagte Gackeleia, «ich bin schon ganz geputzt und habe Alles bei mir.» – Da eilten sie vors Schloß, wo bereits Frau Hinkel breit in der Barutsche saß, die mit sechs Schimmeln bespannt war, auf welchen sechs Postillone das Oratorium bliesen. Die Signora Agatha Gaddi gieng, die Fuge Solo singend, mit einem Teller unter den versammelten Bäckern und Metzgern herum und nahm Heller und Pfennige ein, als sie aber Gockel kommen sah, legte sie ein variirtes Hahnengeschrei in ihre Partie ein, und Gockel warf ihr eine brilliantene Repetir-Uhr mit Schnupftabackdosen von Lava besetzt, worauf der Adler des Gesangs, den Ganymed des Gefühls zum Himmel hinreißend, in Stein gehauen war, in die Schürze, dabei rief er: «bravissimo! da capissimo! cito citissimo!» – hob Gackeleia in die Barutsche und sprang mit gleichen Beinen hinter ihr drein; Alles das zugleich, und die Postillone knallten ein Finale mit den Peitschen, und sie kamen gerade auf der Eierburg an, als die Signora ihren Danktriller geendet, der bis zum Pfarrthurm hinauf stieg. Wir haben es aus seinem Munde vernommen. – Das heiße ich mir gefahren! -

 

 

Bei der Eierburg waren viele Menschen auf einer grünen Wiese versammelt, wo getanzt und gespielt wurde um Eier; denn es war Ostern, und das große Ordensfest des Ostereierordens. Man lief und sprang um die Wette nach aufgestellten Eiern, man warf mit Eiern nach Eiern, man stieß mit Eiern gegen Eier, und wessen Ei eingeknickt wurde, der hatte verloren. Die Kinder von ganz Gelnhausen suchten Eier, welche der große königliche geheime Oberhof-Osterhaas in versteckten Winkeln ins hohe Gras gelegt hatte; kurz die Freude war allgemein. Bei Gockels Ankunft war das Volk in einem weiten Kreis unter dem Baume versammelt, auf welchem die königlichen Hofmusikanten und die Gelnhausener Stadtpfeifer einen herrlichen Tanz aufspielten, nämlich den Eiertanz, den die königliche Familie mit der Raugräflichen in höchsteigener Person tanzen wollte. Auf einem köstlichen Teppich wurden hundert vergoldete Pfaueneier, immer zehn und zehn, in Reihen gelegt. Nun trat die Königin Eilegia zu Gockel und verband ihm die Augen mit einem seidenen Tuch, und er that ihr dasselbe; eben so verbanden der König Eifrasius und Frau Hinkel, und der Prinz Kronovus und Gackeleia sich die Augen und wurden nun von den Hofmarschällen auf den Eierteppich geführt, auf welchem sie mit den zierlichsten Schritten, Sprüngen und Wendungen zwischen den Eiern herumtanzen mußten, ohne auch nur Eines mit den Füßen zu berühren. Die Zuschauer sahen mit gespannter Aufmerksamkeit ganz stille zu, und bewunderten die erstaunliche Agilität der hohen Herrschaften.

Aber nicht weit davon in einem Gebüsche saßen ein paar alte Männer, die hatten keine Freude an dem Tanz und guckten mit unabgewendeten Augen nach dem Fußsteige, der aus der Stadt herlief, ob ihr Geselle, der dritte, nicht bald komme, und ehe sie sichs versahen, stand er mitten unter ihnen. «Hast du, hast du?» schrieen sie dem Neuangekommenen entgegen und machten Finger so spitz wie Krallen gegen seine festgeschlossene Faust, und er erwiederte: «Ja ich habe glücklich den Ring durch Gackeleia's Puppensucht ertappt, ich habe ihr einen ganz ähnlichen mit einem falschen grünen Glasstein gegeben, welchen Gockel jetzt am Finger hat. Jetzt können wir uns an ihm rächen, daß er uns bei dem Hahnenkauf betrogen und uns in die Wolfsgrube hat fallen lassen, wo wir elend verhungert wären, wenn uns die Bauern nicht herausgeholten hätten.»

So sprachen die drei alten morgenländischen Petschierstecher, die Gockel hatten anführen wollen, und die er angeführt hatte. Sie hatten sich doch durch ihre List in den Besitz des Ringes gebracht und wollten jetzt gleich seine Wunderkraft versuchen. Sie faßten alle drei an den Ring und sprachen zu gleicher Zeit die Worte:

 

«Salomon du weiser König,

Dem die Geister unterthänig,

Mach' den Gockel wieder alt,

Zumpig, lumpig, mißgestalt,

Mach' Frau Hinkel wieder häßlich,

Zänkisch, ränkisch, griesgram, gräßlich,

Mach' die Gackeleia schmutzig,

Ruppig, stuppig, zuppig, trutzig.

Nehme ihnen Gut und Geld,

Schloß und Roß und Hof und Feld,

Jag' sie wieder Knall und Fall

In den alten Hühnerstall.

Aber uns drei Petschaftstechern,

Bau' ein Haus mit goldnen Dächern,

Mache uns zu Hofagenten,

Hoffactoren, Consulenten,

Rittern und Kommerzienräthen,

Commissären und Propheten.

Gieb uns Gold und Geld und Glanz,

Stell' uns hoch in der Finanz,

Mach' uns schön wie Davids Sohn,

Den scharmanten Absalon,

Mach' uns glücklich ganz enorm,

Orden gieb und Uniform!

Ringlein, Ringlein dreh' dich um,

Mach' es schön, wir bitten drum.

 

Während sie so am Ring drehten, entstand lautes Murren und Lachen und Schimpfen unter dem versammelten Volk. «Ei, seht den alten Bettler, die alte schmutzige Bettlerin, das schmutzige freche Kind, nein das ist unverschämt; jagt sie fort, pratsch, pratsch, wie sie die Eier zertreten!» – und bald ward das Geschrei und Getümmel so allgemein, daß der König Eifrasius und die Königin Eilegia und der Prinz Kronovus ihre Binden von den Augen rissen, und wie erstaunten sie nicht, als sie den Raugrafen Gockel und die Frau Hinkel und Fräulein Gackeleia, die vorher so schön und jung, und prächtig gekleidet gewesen waren, in eine alte, häßliche, zerrissene Bettlerfamilie verwandelt sahen, welche alle Eier auf dem köstlichen Teppich zertreten hatten; auf ihr unwilliges Geschrei rissen nun auch diese Unglücklichen die Binden von den Augen, und fiengen an, bitterlich zu weinen und zu klagen über ihren verwandelten Zustand, denn sie erkannten sich kaum mehr wieder. Gockel griff nach seinem Ring Salomonis und drehte, aber der falsche verwechselte Ring vermochte nichts; da sah er den Ring an und erkannte, daß er ausgetauscht war, und schrie laut aus: «o weh mir! ich bin verloren, ich bin um den Ring betrogen!»

 

 

Er wollte eben dem König Eifrasius zu Füßen fallen und ihm sein Unglück klagen, aber dieser stieß ihn zurück, zog sein Schwert und stieß einen Schwur aus, auf welchen seine Adjutanten, ihn in jedem Falle zurückzuhalten, perennirenden Befehl hatten, damit er nicht das Alleräußerste thue. Die Königin Eilegia war so entsetzt, daß sie unter Glucksen und Schluchsen in Nerven-Zu- und Umstände und in die Arme der Ober- und Unter-Eiermarschallin ohnmächtig sank. Gockel und Hinkel welche diese Erscheinungen theils aus früherer Erfahrung, theils aus den Annalen der leidenden Menschheit kannten, nahmen die Beine auf die Schultern und liefen davon, um so mehr und schneller aber, als die Mitglieder der k. Hofkapelle erstaunliche Leistungen, mit Eiern nach ihnen werfend, gegen sie zu Stande brachten, worin sie von der hochlöblichen Gelnhausener bürgerlichen Scharfschützen-Compagnie patriotisch unterstützt wurden, nachdem der wachsame Stadthürmer zu Hülfe geblasen hatte.

Das hoffnungsvolle Prinzchen Kronovus allein statuirte abermals ein Exempel seines standhaften Charakters. Als Gackeleia die Eltern alt, häßlich und verlumpt fliehen und sich selbst schmutzig und zerrißen sah, schrie sie weinend: «ach Kronovus, ach wie bin ich so schmutzig und wa wa geworden! wer hat mich so schmutzig gemacht?» da reichte mit schöner Fassung ihr Kronovus sein Schnupftuch mit den Worten: «da Gackeleia wische dich schön ab und putze dir die Nase tüchtig, so – so, das ist brav, da hast du auch dein Körbchen, ich hab dirs beim Tanzen aufgehoben.» – dann warf er ihr noch einen Thaler in die Schürze – «da hast du mein Taschengeld. Samstag Abends hinten am Entenpfuhl, wo die Vergißmeinnicht stehen, sollst du immer ein Ei finden, worauf Vivat Gackeleia steht, und worin mein Taschengeld steckt, das hole dir!» – dann zog er eine Bretzel hervor und sagte: «ziehe!» – da zogen sie, und jedes riß ein Stück davon; – und einen Bubenschenkel und sprach: «reiße!» und jedes riß die Hälfte davon; dann sprach er: «jedes von uns bewahre seinen Theil, und wenn wir uns wieder sehen und jeder bringt seinen Theil wieder, und die Stücke passen noch hübsch zusammen, dann sind wir recht brave, treue Spielkameraden gewesen, und ich schwöre dir, wie du mir, bei dem Grab des alten Urgockels, von dem du mir erzählet hast, daß wir dann immer beisammen bleiben wollen!» – da hoben sie beide die Hände auf und schworen. – Gackeleia weinte in dem feierlichen Momente und wollte Kronovus umarmen, da rief Gockel: «Gackeleia tummle dich geschwind, der Bettelvogt kömmt!» – worauf Kronovus diesem zurief: «halte er sich zurück, Meister Schelm, ich werde das Comteßchen selbst fortführen»; in demselben Augenblicke kam aber ein Adjutant des Eifrasius, forderte dem Prinzchen seinen Degen ab und führte ihn fort in das königliche Oberhof-Ofenloch. Kronovus aber sagte vorher noch dem Bettelvogt: «daß er sich nicht untersteht, meine liebe Spielkamerädin, das Comteßchen anzurühren!» reichte ihr die Hand und sprach: «leide geduldig, aber jetzt laufe, was du kannst!» da lief Gackeleia, was giebst du, was hast du? ihren Eltern mit ihrem Körbchen nach, und der Bettelvogt begleitete die unglückliche Familie, mehr um sie mit seinem ausgespannten Regenschirm gegen den Regen von Eiern zu schützen, welchen die unartigen Gassenbuben auf sie schleuderten, als daß er sie fortgetrieben hätte.

Auf dem Eiercirkus war große Verwirrung eingetreten; der König Eifrasius war allzusehr außer sich, die Königin Eilegia allzusehr inner sich gekommen. Eifrasius hatte sein Schwert gezogen, er wollte dem Gockel ans Leben, er strampelte mit allen vier Füßen, da er aber den allerhöchsten Familienschwur ausstieß: «in Kraft sechzig destillirter Eierschnäpse, ich fresse den Kerl auf einem Butterbrod!» so faßten ihn der Kommandant der Leibgarde unter den Armen und der Obrist des Garde-Zwergen-Korps hielt ihm ein Bein fest, bis die erste Courage beruhiget und die Außersichkeit wieder nach Haus gekommen war. Die Königin Eilegia forderte noch größere Anstrengung, um sie aus ihrer Innerlichkeit wieder ans Tageslicht zu bringen; sie war in sich selbst, wie in einen tiefen Ziehbrunnen, vor Schrecken hinabgestürzt. Die Nerven, an welchen bekanntlich der goldene Eimer hängt, in dem die Seele des Menschen sitzt, waren bei Eilegia von so großer Zartheit und Feinheit, daß sie vor Schrecken zerrissen und die hehre Seele mit sammt dem goldenen Eimer tief, tief, tief in ihr schönes Gemüth hinunter plumps'te. Eilegia war unter einem lauten Schrei: «horreur! welche Bettelbagage!» der Oberhof-Eiermarschallin ohnmächtig in die Arme gesunken. Nur den vereinten Anstrengungen der Akademie der Rettungs-wissenschaften für Verunglückte, welche sogleich eine außerordentliche Sitzung hielt, gelang es, die theure Innige wieder zurückzurufen; die geheime Kammer-Schnürdame schnürte sie auf, um ihrem hehren Gemüthe mehr Luft zu geben; der so ganz fürs Vaterland glühende Oberhof-Osterhaas legte sinnig in kürzester Bälde ein frisches Osterei mit der Inschrift: «Vivat Eilegia!», mit welchem die Ohnmächtige angestrichen ward; und der für das Beßte der leidenden Menschheit immer auf dem Sprung stehende Leibchirurg und Aderlaßschnepper rief die Seele der edeln, sinnigen, innigen Eilegia durch eine, mit eben so viel Geschmack, als Wirkung, mit eben so viel Grazie als Präzision geleistete Blutentlassung wieder aus der innern Tiefe ihres herrlichen Gemüthes auf ihr edles Antlitz zurück – ach! – und ihr erstes schönes Thun war, ihre geliebten Gelnhausener anzulächeln. Die Hofkapelle spielte eine patriotische Dankgallopade, unter welcher Eifrasius und Eilegia in zwei Portchaisen sitzend in die Eierburg zurückwalzten, um sich ganz zu erholen; Prinz Kronovus aber mußte die Nacht im Oberhof-Ofenloch bei Bisquit-Torte und süßem Wein einen strengen Arrest aushalten.

Alles Volk zog nach Gelnhausen lärmend zurück, um Gockels Palast zu plündern und dem Boden gleich zu machen, aber sie kehrten unterwegs so oft in den Wirthshäusern ein, daß sie erst in tiefer Nacht auf dem Markte ankamen, wo ihnen der Nachtwächter entgegen sang:

 

«Hört ihr Herrn und laßt euch sagen,

Die Glocke hat zwölf Uhr geschlagen,

Aber das ist noch gar nicht viel

Gegen ein Schloß, das in Staub zerfiel;

Hier hat's gestanden lang und breit,

Wir leben in wunderbarer Zeit;

Der Markt ist leer als wie zuvor,

Die Kuh steht wieder vor dem alten Thor,

Schaut an ihr Herren dieses Wunder

Gieng schnell, wie es entstanden, unter;

Bewahrt das Feuer und das Licht,

Daß nicht der Stadt selbst Unglück g'schiecht,

Und lobet Gott den Herrn.»

 

Wirklich war auch das herrliche Schloß Gockels und alle seine Gärten und Alles, was darin war, mit Mann und Maus verschwunden; auf dem Markte plätscherte der alte Stadtbrunnen, als wenn er gar nichts wüßte. Die guten Bürger giengen nach Hause, nachdem sie lange in die leere Luft geschaut hatten, und überlegten, wo sie mit allen ihren Semmeln und Braten hin sollten, da der große Hofstaat Gockels nicht mehr bei ihnen einkaufen würde. – Die guten Gelnhausener konnten aber doch nicht viel schlafen, denn der Bürgermeister hatte von der Eierburg bis auf das Rathhaus eine lange Reihe von Nachtwächtern aufgestellt, welche sich einander zubliesen, wie Eifrasius und Eilegia sich befänden, was der Leibarzt alle Viertelstunden auf der Schloßwache melden ließ, und was die Nachtswächter sich in der ganzen Stadt wieder zuflüsterten, wozu die unzähligen Metzgerhunde bellten und heulten und alle Hähne krähten. Es war eine beispiellos angestrengte, theilnahmvolle, schlaflose, patriotische Nacht für Gelnhausen. Kaum hatten die Bürger die Schlafkappen aufgesetzt, als plötzlich alle Nachtwächter an den Fensterladen pochten und ausriefen:

 

«Patriotisches Gelnhausen jubilire,

Deine Fenster gleich all' illuminire,

Hochlöbliche städtische Metzgerschaft

Beurkunde jetzt deiner Treue Kraft;

Liefre Schweinsblasen viel und billig,

Zeig' edles Gelnhausen dich willig,

Lass' donnern den hehren Feierknall,

Erfülle die Nacht mit Freudenschall;

Eifrasius und Eilegia theuer

Geruhen harmonisch ungeheuer

Zu ruhen, zu schlafen und zu schnarchen,

Wer kanns ihnen unterthänigst verargen?

Es war ja, was ich schier heiser sag,

Wohl gestern fürwahr ein heißer Tag.

Prinz Kronovus im Oberhof-Ofenloch

Ist ganz wohl auf und singt munter noch:

«Gackeleia, liebste Gackeleia mein,

«Wann werden wir wieder beisammen seyn.»

 

Postskriptum

«Jetzt allgemeine Illumination,

Nebst großer Blasendetonation;

Morgen früh vor dem Hanauerthor

Große Parade vom Nachtwächterchor,

Dann nach Eierburg Deputation

Vom weißgekleideten Bataillon

Der Mädchen, Blumen zu streuen,

Sie können heute Nacht noch heuen

Im Mondschein auf städtischer Weide;

Daß keinen Schaden doch leide

Die Au bürgermeisterlicher Schafe

Wird geboten bei fünf Gulden Strafe.»

 

Auf diese Bekanntmachung hatten schon mehrere Bürger ihre Nachtlichter ans Fenster gestellt, da kam ein anderer Befehl:

 

«Der Patriotismus soll sich noch fassen

Und alles Obige unterlassen;

Nach einem ärztlichen Consulte

Sind zu vermeiden alle Tumulte.

Ein Genesungsfest in leisester Stille

Ist Eifrasii allerweisester Wille.»

 

Die guten Bürger waren so müd und schläfrig, daß sie ihren Patriotismus diesmal beruhigen ließen, und ganz Gelnhausen in das tiefe Schnarchen der Eierburger einstimmte. – Auf dem Markt am folgenden Tag stieg der Eierpreis um 3 und 7/87 Procent.