BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Paul Cauer

1854 - 1921

 

Deutsches Lesebuch für Prima

 

Erste Abteilung

 

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2.

Die Bewegung der Geschichte.

Von Richard Scheppig.

 

Rede zur Feier des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers und Königs am 22. März 1882 gehalten in der Ober-Realschule zu Kiel. Abgedruckt im Programm derselben Schule 1883. – Am Anfang sind einige Absätze fortgelassen.

 

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Mit dem Leben unseres Kaisers verknüpft sich die Geschichte unseres Volkes. Stolz blicken wir zurück auf das Stück Weges, das wir zurückgelegt haben, und freudig versuchen wir, von den trennenden Schranken frei, als Nation unseren Anteil zu nehmen an der Arbeit der Menschheit. Jeder Arbeiter freut sich eben seines Werks. Aber von außen kommt die Kritik und sagt ihm geschäftig, was es und ob es überhaupt etwas wert ist. Nicht anders bei der geschichtlichen Arbeit, der Arbeit des Menschengeschlechts und seiner Helden: die Kritiker sind die Geschichtsphilosophen. Wieder klingen durch unsere Tage Meinungen wie die uralte, daß alles eitel sei, nur ein wechselnder Schein des ewigen Einerlei, daß jede andere Ansicht zu den Phantasiegebilden [13] zähle, angeregt von dem Wunsche und der täuschenden Hoffnung. Die Weltgeschichte ist danach eine bloß zufällige Konfiguration. Der einzige wirkliche Fortschritt, der der bewußten Intelligenz, hat nur das Ziel, durch Vertiefung der Erkenntnis vom Elend der Welt die Verneinung des Willens zum Leben hervorzurufen und das gesamte aktuelle Wollen in das Nichts zurückzuschleudern, womit der Prozeß und die Welt aufhört. Hat dieser Pessimismus recht, so ist geschichtliche Arbeit eine nichtige Selbsttäuschung, im besten Falle eine Beschleunigung des Endes. Aber wenn man auch den Kampf gegen diese trostlose Ansicht der Dinge der Lebenskraft des Menschengeschlechts, die sich mit jeder Regung dagegen auflehnt, überlassen dürfte – hängt nicht der Wert jeder Thätigkeit von dem Ganzen ab, dem sie gilt? Kann es der geschichtlichen Arbeit gleichgültig sein, woran sie schafft? Sei es darum an diesem Festtage eines geschichtlichen Helden gestattet, einen Blick zu werfen auf die alte Frage der Bewegung der Geschichte.

Die primitiven Völker gehen im Leben des Tages auf. Haben sie schon keine starke Empfindung, daß es seit dem Auftauchen aus dem Urgrunde der Natur je viel anders mit ihnen gewesen, so setzen sie erst recht keine andere Zukunft voraus – selbst im Jenseits, das oft die idealen Strebungen der Seele abspiegelt, bedürfen sie der Dinge ihres alltäglichen irdischen Lebens, um dies nur unter wenig günstigeren Bedingungen fortzusetzen. Aber sobald das Bewußtsein über die unmittelbare Gegenwart hinweg die Folge der Geschlechter zu umspannen beginnt, hebt auch die Reflexion darüber an, wie die bisher naiv genossene Gegenwart steht zu Vergangenheit und Zukunft. Drei Antworten sind möglich. Die eine wird eingegeben von der in der Menschennatur begründeten Neigung, die Vergangenheit in einen freundlich verschönernden Schimmer zu kleiden. Sie lautet: abwärts von dem lichten Gipfel eines goldenen Zeitalters gleitet der Mensch von Stufe zu Stufe. Dies ist so recht die psychologische Antwort, und sie ist darum weniger wie die übrigen an Zeit und Ort gebunden. Aber eine andere Betrachtung drängt die umgebende Natur auf. Die Pflanzen keimen, wachsen, blühen und verwelken und werden durch andere ersetzt, die durch dieselben Stadien gehen; die Sterne erscheinen in jeder Nacht an anderem Platze und nach Ablauf einer Periode wieder am gleichen. Warum sollen die Völker, soll die Menschheit nicht denselben ewig erneuten Cyklus durchlaufen? Darum läßt die Lehre der brahmanischen Inder die Menschheit und alle belebten Wesen am Ende eines Prozesses, dessen erstes Zeitalter das der Vollkommenheit, dessen letztes das der Sünde ist, zerstört und nach einer Periode der Ruhe und Finsternis zur Wiederholung desselben Ganges neu geschaffen werden. Diese Anschauung kann thatkräftigen Naturen nicht genügen: ihres eigenen Vorwärtsstrebens sich bewußt, sehen sie darin ein Bild [14] der Aufwärtsbewegung des Menschengeschlechts. So lehrte unter den Eraniern Zarathustra, daß ein Kampf geführt werde um die Erde und die Menschheit zwischen Ahuramazda und Angromainjus, zwischen den Mächten des Lichts und der Finsternis. Lange überwiegen die letzteren, aber jeder Mensch, der in sich die Reinheit verwirklicht, mehrt die Vorkämpfer des Lichts, befördert damit seinen Sieg, und am Ende der Jahrtausende wird der Tag der Rettung kommen, wo Angromainjus für immer verschwindet. Diese drei Anschauungsweisen enthalten im Kern die allein möglichen Antworten, die auf die Frage nach der Bewegung der Geschichte gegeben werden können, wenn in derselben nicht bloß ein wirres Spiel des Zufalls gesehen wird: sie ist eine absteigende, sie führt aufwärts oder sie bewegt sich im Kreise. In verschiedener Weise eingekleidet und verschieden begründet, werden wir sie immer von neuem auftauchen sehen, wenn wir nun die Entwickelung der Meinungen in dem Kulturzusammenhange betrachten, in dem wir selbst stehen.

Die Wurzeln unserer Bildung ruhen im griechischen Altertum. Passend ist dies das Zeitalter der Diskussion genannt worden: während im Orient meist Originalität verboten und durch die feste Regel des Lebens unterdrückt ist, sind es die kleinen Republiken Griechenlands, die, das Joch fixierter Gewohnheit brechend, einen Gegenstand nach dem andern in die Diskussion hineinziehen und so zu geistiger Freiheit sich erheben. Nicht mehr bloß nationale, auch individuelle Ansichten treten uns in Griechenland und seinem italischen Tochterlande entgegen. So auch hinsichtlich unserer Frage – es beginnt der Kampf der Meinungen. Jeder kennt die Schilderung der Weltalter in Hesiods Weken und Tagen. In dem goldenen trug der Acker freiwillig seine Frucht, in dem silbernen begannen die Schmerzen, das eherne pflog nur der Werke des Ares; auf das heroische folgte endlich das eiserne Zeitalter, das elendeste von allen, in dem der Dichter zu seinem Schmerze leben muß. Dies ist die Theorie der Degeneration; aber wenn Hesiod wünscht, früher oder später geboren zu sein, so blickt entweder der unabhängige Blick des Griechen hindurch, der eine künftige Erhebung nicht auszuschließen vermag, oder vielleicht die cyklische Theorie. Klar ist diese ausgedrückt in der Lehre der Stoiker, daß in festen Perioden, aber in endlosem Kreise, der göttliche Feuergeist die Welt schafft oder zerstört. Auch der Gedanke, daß die Menschheit aus dunkeln Anfängen im Fortschreiten begriffen sei, hat im Altertum seine Vertreter gefunden. Wohl schließt der bedeutendste derselben Lukrez, sein großes Lehrgedicht:

 

Also bringt allmählich die Zeit jedwedes zum Vorschein

Und Nachdenken erhebt und stellt in gehöriges Licht es:

Denn wir bemerken es wohl, daß in Künsten sich eins aus dem andern

Aufhellt, bis sie zuletzt zu des Gipfels Höhen gelangen![15]

 

Doch an anderen Stellen seines Werkes weist er auf „die entkräftete Zeit, die erschöpfte Erde“. So wirkten im klassischen Altertum die vom Orient überkommene cyklische Ansicht, die von der Unbefriedigung mit der Gegenwart eingegebene Meinung von einer früheren besseren Zeit und die steigende Kenntnis gemachten Fortschritts durcheinander. Allerdings bekommt allmählich diese letztere das Übergewicht, aber kein ferneres Ziel richtete die Gedanken auf die Möglichkeit zukünftigen Fortschritts, und eine solche auch noch jenseits des Höhepunktes der eigenen Entwickelung anzunehmen, dazu war der weitere Blick der Universalgeschichte gefordert. Auch hierzu finden sich im Altertum Ansätze. Dem klaren Auge des Polybios konnte es nicht entgehen, daß Griechenland nicht die Welt war – aber er sah sie im römischen Reiche. Zu tief eingegraben war dem antiken Kulturmenschen die Verachtung der Barbaren, als daß er in ihm, selbst wenn er ihn sich mit seinen Bildungskeimen befruchtet dachte, den Fortsetzer seines Werkes hätte erblicken können.

Aber schon war für alle Zeit der Grund gelegt zur Überwindung des nationalen Partikularismus. In dem verachteten Erdenwinkel Palästina hatten die Propheten ein kommendes messianisches Reich verkündet und, als sie an der Bekehrung ihres eignen Volkes fast verzweifelten, den Eintritt der Völker durch Annahme des Gesetzes Gottes verheißen. Dieser große Gedanke des Universalismus, verdunkelt als die neue Gemeinde nach ihrer Rückkehr aus dem Exil sich immer engherziger abschloß, fand seine Erfüllung im Christentum, dessen Botschaft sich an die ganze Menschheit richtet. Der Menschheit ist ein hohes Ziel gesteckt, ihre Geschichte entfaltet sich nach einem providentiellen Plane. So weit sie vorchristlich ist, sind sich verschiedene Stufen der Offenbarung gefolgt, die auf Christus vorbereiten. So weit sie nach Christus verläuft, handelt es sich um die Eroberung der Welt durch seine Lehre, um die Vorbereitung des Millenniums. So mußte denn mit dem Christentum die Idee des Fortschritts der Geschichte als großes Princip in das geistige Leben der Völker eintreten. Für lange Zeit hinaus ist nun dem antiken Schwanken über die Richtung der geschichtlichen Bewegung ein Ende gemacht. Aber eine Beschränkung ist dabei: nur die religiöse Entwickelung wird in diesem Lichte betrachtet. Die glänzendste und unfassendste Darstellung hat dies Princip in seiner Kraft und seiner Beschränkung gefunden in den Büchern des heiligen Augustinus vom Gottesstaate. Rom war von Alarich erobert: der Ruin der römischen Herrlichkeit war nicht länger zu leugnen – aber nun behaupteten die Heiden, daß sie gefallen, weil die Verehrung der Götter erlahmt sei, die sie so groß gemacht. Auf der Wende der Zeiten stehend, wägt dem gegenüber der thränenreiche Sohn der Monica ab zwischen dem Alten, dem er selbst so lange angehangen, und dem Neuen, in das er sich mit aller Kraft seiner Feuerseele geworfen: in [16] einer Betrachtung des weltgeschichtlichen Entwickelungsganges will er die Bedeutung des Christentums im Gegensatze zum Heidentum darlegen. In großartiger Weise faßt er die beiden als das himmlische und das irdische Gemeinwesen. Beider Ausgang liegt im Jenseits. Der Gottesstaat beginnt mit der Schöpfung der Engel – der Abfall eines Teils derselben, die als Dämonen das Princip des Heidentums werden, begründet den irdischen oder Teufelsstaat. Innerhalb der Menschheit vollzieht sich die Scheidung durch den Sündenfall und die Gnadenwahl. Gottesliebe ist zur Verachtung des eigenen Selbst, nur bei Gott gesuchter Ruhm, Frömmigkeit auf dieser, Selbstliebe bis zur Verachtung Gottes, Sucht nach Ruhm bei den Menschen, Menschenweisheit auf der andern Seite, – das sind die Kennzeichen der beiden Gemeinwesen, deren eines Abel, deren anderes Kain eröffnet. Bis zur Sündflut als Kindheit, bis Abraham als Knabenalter, bis David und bis zur babylonischen Gefangenschaft als erste und zweite Stufe der Jugend entwickelt sich der Gottesstaat in den Auserwählten, die von Abel bis auf Moses das Zeitalter des Naturgesetzes, von da ab das des jüdischen Gesetzes repräsentieren und den Welterlöser vorbereiten: in den großen Weltreichen das durch seinen Egoismus in Sieger und Besiegte, in Herrscher und Beherrschte gespaltene irdische Gemeinwesen, dem Augustinus nur geringe Aufmerksamkeit schenkt. Dann folgen die beiden letzten Weltalter, das erste bis zu Christi Geburt, dem Mittelpunkt der Weltgeschichte, das zweite als Geschichte des neuen Jerusalems, der christlichen Kirche. Das höchste Gut ist das ewige Leben, das höchste Übel der ewige Tod: so liegt das Endziel der beiden Gemeinwesen im Jenseits, in dem die beiden hienieden verflochtenen mit dem jüngsten Gerichte aufgehen zu ewiger Trennung.

Diese Ansichten beherrschten das Mittelalter. Noch einmal schrieb ein Mönch und ein Fürst ein Buch von den zwei Staaten; doch auch Otto von Freising, nachdem er von dem Elende erzählt hat, das die Menschheit seit dem Sündenfall verfolgt, sieht für die Kinder Gottes keinen Ausweg als in der Annahme des baldigen Endes. Wohl regte sich der Widerstand des weltlichen Elements gegen das Übergewicht des geistlichen: aber es erlag wie im Schnee vor Kanossa und im Schlachtgetümmel bei Legnano, so vor dem Senken der Fackeln des fluchsprechenden Konzils von Lyon. Erst eine neue große Bewegung der Geister führte auf eine andere Bahn. Es ist der erste Humanist, Dante, der den hohen Gedanken faßte, daß es auch eine gottgewollte Seligkeit des Diesseits gebe, statt des Teufelstaates ein Gottesreich auf Erden. Wohl scheint ihm die Welt aus den Fugen, aber sie ist es, weil die Macht des Kaisertums gebrochen und das Papsttum darum durch Verweltlichung entartet ist. Das Kaisertum, das ebenso von Gott ist wie die Kirche, muß daher wieder hergestellt werden und das Papsttum in die Schranken des geistlichen Berufs [17] zurückweisen; die bürgerliche Ordnung, die sich Dante als römische Universalmonarchie denkt, wird dann die irdische Glückseligkeit begründen. Der einseitigen Hervorhebung der religiös-kirchlichen Bewegung, wie sie dem Mittelalter eignete, folgte nun in der Periode des Humanismus ein eben so ausschließliches Wertlegen auf die staatliche Seite der Menschenentwickelung. Damit verknüpfte sich der Rückfall in die Annahme einer cyklischen Bewegung der Geschichte. Erfüllt von der neugewonnenen Anschauung des klassischen Altertums mußten die Humanisten die Gegenwart, die sie umgab, mit jenem vergleichen. Und schaute da nicht dieselbe Menschennatur hinter den Dingen hervor? Macchiavellis scharfem Blick entging es nicht, daß der Sieg der germanischen Völker über das Römertum einen Abschnitt in der Geschichte macht, den die Annahme von Daniels Weltmonarchieen und die Fiktion einer Fortdauer des römischen Reichs verdunkelt hatte. Wiederholten sich nun auf dem neuen Felde die politischen Formen der Gemeinwesen in der Folge, die Aristoteles auf dem alten entdeckt, so schien der Cyklus bewiesen. Derselbe einseitige Vergleich hat zwei Jahrhunderte später den Neapolitaner Vico zu derselben Annahme geführt. Aber die Fortschrittsidee wurde nicht unterdrückt: die ungeheure Erweiterung des Anschauungskreises, die aus der Wiederbelebung des Altertums und der Entdeckung der neuen Welt folgte, die Überwindung der einseitig politischen Gesichtspunkte des Humanismus, das Wiederanknüpfen an die Perfektionstheorie der mittelalterlichen Mystik wirkten alle mit, sie nach der Breite und Tiefe sich entwickeln zu lassen. Im 18. Jahrhundert ward die Perfektibilität der Menschheit als philosophisches Problem in Angriff genommen. In welchem Sinn der Geist des Jahrhunderts die Frage entschied, erhellt auch aus dem leidenschaftlichen Proteste, den Rousseau dagegen erhob, daß der sogenannte Fortschritt der Kultur zugleich eine Besserung der Menschheit bedeute. In dem die Humanität ideal gefaßt wurde, mußten sich wieder Ziele aufbauen, die, halb erreicht, halb zu erreichen, den menschlichen Fortschritt als etwas Notwendiges erscheinen ließen. In Deutschland leitete ihn die idealistische Philosophie aus den Finalursachen ab. So geht Kant davon aus, daß alle Naturanlagen eines Geschöpfes dazu bestimmt sind, sich einmal vollständig und zweckmäßig auszuwickeln, und zwar diejenigen, die auf den Gebrauch seiner Vernunft abgezielt sind, nicht im Individuum, sondern in der Gattung, – und findet in der Geschichte der Menschengattung im großen die Vollziehung des verborgenen Naturplans der Erreichung einer allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft. So sieht Fichte das Ziel des irdischen Lebens der Menschheit darin, daß sie alle ihre Beziehungen mit Freiheit vernunftgemäß ordnet. So denkt sich Hegel die Geschichte in der Selbstverwirklichung der Idee der Freiheit beschlossen. Freilich ist es nur Fichte, der für den Geschichtsphilosophen in Anspruch nimmt, [18] daß er ohne alle historische Belehrung wissen kann, daß die Epochen des Verlaufs, wie er sie charakterisiert hat, einander folgen müssen, und daß er die Geschichte nur erläuternd braucht, sich ihrer nur bedient inwiefern sie einem Zwecke dient und alles andere ignoriert, was dazu nicht dient. Aber alle diese Spekulationen stimmen doch darin überein, daß sie einen Weltplan, der eine etwas größere Bestimmtheit nur durch um so größere Einseitigkeit erkauft, von sich aus setzen und danach den wirklichen, geschichtlich bekannten Verlauf auffassen, definieren und periodisieren. Sie machen sich dadurch von vornherein abhängig von den Schulsystemen, deren Bestandteile sie bilden, und können keine über dieselben hinausgehende Anerkennung erwarten.

So müssen sie denn als gewaltig erschüttert angesehen werden, seitdem sich der moderne Geist der Erforschung der Einzelthatsachen zugewendet und begonnen hat, auf den festen Boden der Erfahrung seine allgemeinen Sätze zu gründen. Diese moderne Forschung geht nicht von einem gegebenen Ziele aus: sie prüft die von der geschichtlichen Erfahrung gebotenen Thatsachen und sucht aus ihrer zeitlichen Verschiedenheit zu ergründen, welches die Richtung der geschichtlichen Bewegung, welches ihr Rhythmus ist. Hält sie sich somit von vorgefaßten Zielbestimmungen frei, so vermeidet sie andererseits auch die Enge der früheren Betrachtungsweisen, indem sie ihre Schlüsse aus dem ganzen erlangbaren Material zieht. Nicht bloß der Kreis der Kulturvölker, in dem wir selbst stehen, sondern alles, was Menschenantlitz trägt, die ganze Menschheit ist ihr Objekt, und an dieser wieder nicht nur die eine oder andere Seite, wie sie gerade der Richtung der Zeit im Vordergrund zu stehen scheinen mag, sondern alles, was die Menschennatur ausmacht, jedes soziale Aggregat, das Menschen bilden, jedes Produkt, das ihrer einzelnen oder vereinten Thätigkeit entspringt. Welche Antwort ergiebt sich nun dieser Anschauungsweise auf die Frage nach der Bewegung der Geschichte? Zeigt ihr der erweiterte Gesichtskreis nur um so zahlreichere Cyklen, die durch Rückfälle in die Barbarei von einander getrennt sind, und Gründe, die annehmen lassen, daß es immer so bleiben wird? Giebt die vielseitigere Betrachtung der lähmenden Klage der Deterioristen Recht oder der spornenden Hoffnung derer, die an einen Fortschritt der Menschheit glauben?

Die cyklische Theorie beruht wesentlich auf der Annahme gewaltsamer Unterbrechungen des einfachen geschichtlichen Verlaufs. So in ihrer kosmologischen Form, die durch große Weltkatastrophen alles Leben vernichten und durch neue Schöpfungsakte es wieder erstehen läßt. So in ihrer geschichtlichen, uns allein interessierenden Fassung, nach der Kulturwelten durch Zwischenräume der Barbarei getrennt sind und immer neue Anfänge stattfinden müssen, um durch dieselben Stadien zu demselben Ende zu führen. Freilich behauptet [19] Macchiavelli, daß die Staatsformen, auf die allein er sein Augenmerk richtet, auch innerhalb desselben Gesichtskreises wieder in sich zurücklaufen; aber auch er hebt hervor, daß so gut wie kein Staat solange vor der Zerstörung durch Zusammenstoß bewahrt werde, um an sich selbst diese innere cyklische Bewegung durchzumachen, und klar erscheint der Grundsatz bei dem klassischen Vertreter der Cyklus-Theorie, bei Vico. Zudem kann diese Bewegung innerhalb der einzelnen getrennten Verläufe zunächst dahingestellt bleiben: sei sie ein Herabsinken von ursprünglicher Herrlichkeit, wie die Inder meinten, sei sie aufwärts gerichtet, sei sie nach Macchiavellis Vorstellung selber wieder cyklisch – immer bleibt geleugnet, daß die ganze menschliche Entwickelung einen Verlauf bildet oder auch nur mehr oder weniger zu bilden beginnt. Dies ist also der Punkt, auf den sich die Prüfung zu richten hat.

Leicht war die Erdrückung eines Kulturanfangs, so lange er, gepflegt von wenigen, beschränkt auf geringen Raum, vereinzelt in mitten einer ihm feindlichen Welt erschien. Sicher ist vielmals ein Licht aufgeblitzt und wieder erloschen, ehe die Flamme sich entzündete, die, durch feindliche Stürme mehr als einmal fast ausgeweht, von der heutigen Menschheit genährt wird. Und doch sind auf verschiedenen Erdstellen, wo die Natur befähigtere Rassen unter günstige Bedingungen stellte, Kulturen erwachsen, die hunderte von Millionen auf lange Zeit weit hinaushoben über den Zustand ihrer Umgebung. Von den Ufern des Ganges, von dem chinesischen Niederlande, von den Hochebenen des westlichen Amerika, vom Zweistromlande und von der schwarzen Erde, die der Nil spendet, flossen auch Einwirkungen aus, die über die Grenzen des Gebiets der Begründer und Träger dieser Kulturen hinausreichten; aber eigentlich nur die letzten beiden ließen wesentliche Elemente eingehen in eine Entwickelung, die so weit greifen sollte, daß sie auch die andern zu erobern versuchen konnte. Von ihnen ausgehende Kulturreize trafen das empfängliche Griechenvolk und in raschem Wachstum hob sich die ausgestreute Saat. Bald konnten die Schüler ihre Lehrmeister als Barbaren verachten, nachdem sie deren Reichen ihren Staat, deren wüster Symbolik ihre klassische Kunst, deren Theosophie ihre Weltweisheit entgegengestellt hatten. Das ägäische Meer ist das Centrum ihres irdisch bedingten Lebens. Nicht darum über die rauen Scheidegebirge gegen den Innerkontinent hinaus, sondern durch die Furchen der heiligen Salzflut trugen sie ihre Bildung weiter. Wo immer an den Küsten des einst wilden Pontos, den sie zur gastlichen See machten, und des Mittelmeeres sie das Feuer der heimischen Altäre auflodern ließen, ward es Licht und verbreitete sich die milde Wärme des Hellenentums.

Aber andere Kräfte regten sich, ein anderes Volkstum erwuchs hinter ihnen, das sie nur als einen veredelten Blutstropfen in sich aufnahm. Die [20] Bauernrepublik am Tiberstrom ward zur mittelitalienischen Großmacht, sie gewann ihrer semitischen Rivalin und dann des Archimedes mit ihr verbündetem Genie das gräcisierte Sicilien ab, sie sicherte, nachdem sie das neue Keltenland am Po erkämpft, auch das alte Ibererland der arischen Civilisation und ein echter Römer zeigte, daß er auch im griechischen Philosophenmantel zu siegen verstehe. Selbst nur Träger der griechischen Kultur, einten die Römer unter ihrer Herrschaft das sich selber aufreibende Hellenenvolk, machten in neuem Alexanderzug die europäische Eroberung des Ostens auch politisch zu einer Wahrheit, und nachdem noch das Südgestade bis an die große Wüstengrenze einverleibt war, bildete das ganze Gebiet des Mittelmeers ein großes Reich. Aber über die wilden Gebirge, die das mediterrane Land von dem centralen Europa trennen, wurden die römischen Adler getragen. Zur Sicherung Italiens mußte das keltische Gallien erobert und romanisiert werden. Über den Kanal hinüber ward aus ähnlichem Zwange der Schritt gewagt, dann die Eroberung getragen und durch ein Netzwerk fester Städte und unverwüstlicher Heerstraßen befestigt, bis wo an den Föhrden des Clyde und Forth unbezwingbare nordische Barbarei und Rauheit dem Wunsch und der Macht ein Ziel setzten. Am Rhein stauten bewehrte Grenzen die germanische Flut und wenn die Römer jenseits des von ihnen selber gezogenen Grabens sich nicht auf die Dauer zu halten vermochten, so hatte sich doch der Fuß der Legionäre in die düsteren Wälder Germaniens gewagt und an der Elbe selbst waren sie in ihrer glänzenden Rüstung unsern stauenden Vorfahren als die lebendigen Götter erschienen. Auch die Donau entlang ging die römische Eroberung und selbst an dem Westufer des Pontus konnte, wenngleich nur in der Verbannung, der süße Laut italischer Dichtkunst erschallen. Die orientalischen Reiche klammerten eine Reihe von Nationen zusammen, ohne sie innerlich zu verschmelzen. Nicht so das römische Reich. Alle Völker, die es vereinte, fanden in ihm eine neue Rechtsordnung und wurden allmählich hineingezogen in das volle römische Bürgerrecht.

Die Reichseinheit ebnete der Ausbreitung des Christentums den Weg, aber mehr und mehr ward dieses selbst ein nötiges Bindemittel. Als das westliche Reich durch den Einbruch der Germanen fiel, nähren dieselben freilich zunächst als besiegte Sieger die Vorstellung, daß es noch fortbestehe; doch in Wirklichkeit ward die Kluft zwischen dem Alten und dem Neuen hauptsächlich durch die Kirche überbrückt, in deren Organisation sie allmählich eintraten und aus deren Händen auch die ferner Stehenden die geretteten Reste der antiken kultur empfingen. So erhob sich die christliche Kirche als eine neue und größere Einigerin der Völker, als es das Römerreich gewesen war. Glaubensboten überschritten die Grenzen, an denen der Legionär hatte Halt machen [21] müssen. Von dem bekehrten England aus ward das früh christianisierte Irland gewonnen, Deutschland ketteten Bonifatius und Karl an sie. Nach Skandinavien zog Ansgar und streute die Saat, die dann politische Veränderungen zum Reifen brachten. Die Westslaven fügten sich ein, wie die germanische Eroberung fortschritt; die nordöstlichen Stämme, von denen fast nur der Bernsteinhändler den Römern Kunde gebracht, wurden durch ritterliche Thaten dem Kreuze unterworfen. Von Byzanz aus pflanzte sich das Christentum in das alte Sarmatenland fort, die neuen Völker der Donauländer erhielten es von Ost und West zugetragen. Trotz Justinian, trotz Karl und seinen Erben gelang es keiner staatlichen Gewalt, diesen Völkerkreis ganz zusammenzufassen. Aber die christliche Kirche that es, wenn sie gleich, wie einst das römische Reich, nachmals in zwei Hälften sich spaltete. Ein neues Bürgerrecht kam auf: in der Kirche waren die Bekenner gleich und ein Richter machte dasselbe Gesetz geltend gegen den mächtigen König wie gegen den draußen verachteten Leibeigenen. Wohl überflutete der Völkersturm des Islam Vorderasien, Nordafrika, die iberische Halbinsel; aber die Kirche war stark genug, in den Kreuzzügen sogar die Wiedereroberung des Ostens zu versuchen.

Wie eine Fortsetzung der Kreuzzüge erscheint die Entdeckungs- und Eroberungszeit, die darauf die Bildung einer neuen noch viel umfassenderen Völkergemeinschaft eröffnet. Derselbe Geist, der die Kreuzfahrer beseelt hatte, führte die Portugiesen an die afrikanische Küste und gab Colon den Mut zur Fahrt über den uferlosen Ocean. Aber gewaltiger und dauernder war der Erfolg. Was das Mittelmeer den Vorfahren gewesen, das ward der atlantische Ocean den neuen Generationen. Wohl dachten die Eroberer und Kolonisten zunächst nur daran, jenseits des Meeres ein neues Mutterland zu gründen, das sie ängstlich vor der Berührung mt anderen Nationen abschlossen. Der Hidalgo schuf ein neues Spanien, der Angelsachse nahm im Kampf mit der Natur der Wildnis gleichsam das altdeutsche Leben wieder auf und, geflüchtet um seine religiöse Überzeugung zu retten, gründete der Puritaner rein konfessionelle Staatswesen. Aber weit darüber hinaus wurdn sie gedrängt. Mit der Abhängigkeit fiel die Abgeschlossenheit, mit dem Zusammenstrom der Völker bildete sich ein Kolonialtypus, in dem das angelsächsische Element siegreich, aber doch modifiziert ist. In raschem Schritt ist in unserm Jahrhundert die Kolonisation des nördlichen Kontinents über den Mississippi, durch die Prärien und über die Felsengebirge zum stillen Ocean gedrungen, dessen entgegengesetzte Ufer inzwischen schon von der anderen Seite her durch europäische Besiedelung erreicht war – im Süden in Australien, das Südasien und Südafrika mit dem Mutterlande verbinden, im Norden durch die feste Kette von Stationen, welche die Russen durch das beherrschte Nordasien gelegt haben. Auf den [22] Inseln des großen Oceans erheben sich die Flaggen der europäischen Nationen, die den Augenblick erwarten, wo der atlantische Ocean einen ebenbürtigen Rivalen im Völkerverkehr erhält.

So steht die moderne europäische Kultur auf gewaltigem Raume da. Schon ist, wenigstens in den äußersten Umrissen, umspannt, was das klimatische Gesetz zu umspannen erlaubt. Sie wird getragen von Zahlen, wie sie weder der Bereich der römischen Herrschaft, noch der der mttelalterlichen Kirche gekannt hat. Ist es wahrscheinlich, daß die Draußenstehenden imstande sein werden, sie zu zerstören? Noch sind sie in der Mehrzahl; auch eine selbständige Kultur besitzt ihre größte Gruppe und was die Mongolen in spasmodischem Drange vermögen, lehrt die Geschichte. Dennoch fürchtet niemand mehr im Ernst, daß die europäische Völkergemeinschaft auch nur so weit überrannt werden könne, wie das römische Reich von den Germanen. Ganz andere Mittel zur Verteidigung als die alte hat die moderne Kultur ihren Söhnen in die Hand gegeben und nicht mehr durch die bloße physische Kraft, sondern erst, wenn sie von ihr gelernt haben, können die Gegner ihr gefährlich werden. Teile des Ganzen mögen immerhin für eine Zeit wieder abgerissen werden: wie viele Glieder aber müßten verstümmelt sein, um dem Gesamtkörper das Fortleben unmöglich zu machen! – Und nicht bloß ausgedehnt in Gebetsraum und Zahl ist die moderne Völkergemeinschaft – es ist auch eine Enge der Vergesellschaftung bei ihr eingetreten, wie sie die älteren Völkerkreise nicht kannten. Weit liegen ihre Gebiete auseinander; aber menschliche Thatkraft und Erfindsamkeit hat die Entfernungen wirksam zu verringern gewußt. Durch Kanäle werden die Erdteile auseinander gerissen, um dem Seeverkehr kürzere Bahnen zu eröffnen, Schienenwege legen sich über die Kontinente und überschreiten in schwindelnden Höhen oder durch lange Tunnel einst hemmende Gebirge – auf Meer und Land führt die gebändigte Dampfkraft den Menschen und seine Güter in sausender Eile dahin, während der elektrische Funke seinen Gedanken in Blitzesschnelle voranträgt. Viele und verschiedene Völker bilden die große Gemeinschaft; aber der große Strom der europäischen Kultur, in dem sie stehen, macht sie unter sich ähnlicher als die einzelnen ihren Vorfahren sind. Keine gemeinsame Kirche hegt sie in ihrem Schoße; aber wenigstens der Gedanke des Christentums ist Gemeingut geworden, der allen Menschen Menschenrecht gewährleistet. Kein Staat oder Staatenbund eint sie politisch, aber der lebhafteste Verkehr hat, wie vordem im Einzelstaat, eine Arbeitsteilung geschaffen, die mehr und mehr zur Weltwirtschaft führt und damit, als stärkstes Bindemittel, eine Interessengemeinschaft stiftet, die den Schaden des einzelnen zum Schaden aller macht. Diese zunehmend Enge der Vergesellschaftung macht in immer höheren Grade eine Zerstörung durch innere [23] Zusammenstöße unwahrscheinlich. Allerdings liegt der ewige Friede in dunkler Ferne; aber das, was so eng zusammenhängt, mag um den Vorrang und um Rechte streiten, nie wird es sich gänzlich vernichten. Wenn aber keine Vernichtung der bestehenden Kultur durch Zusammenstoß zu besorgen ist, so ist auch kein neues Anfangen nötig – und damit ist der Annahme von der cyklischen Bewegung der menschlichen Geschichte ihre eigentliche Stütze entzogen. Die Sicherheit ungebrochener Entwickelung, die wir aus der Herausbildung einer immer umfassenderen und engeren Völkergemeinschaft hervorgehen sehen, wird auch eine immer größere Gleichmäßigkeit herbeiführen. Freilich stehen wir erst am Anfang, aber immerhin am Anfange wirklicher Menschheitsgeschichte. Als erstes Beispiel kann die moderne Wissenschaft mit der von ihr abhängigen Technik dienen, die, obwohl natürlich getragen von der Eigenart der einzelnen Nationen, sich auf dem großen gemeinschaftlichen Boden der kultivierten Völker in einer Richtung entwickelt.

Ist somit bewiesen, daß die Bewegung der Geschichte nicht cyklisch, sondern zunehmend linear ist, so haben wir weiter zu fragen, ob diese Linie nach unten oder nach oben geht, ob die Betrachtung der Thatsachen den Anhängern der Degenerations- oder denen der Fortschritts-Theorie Recht giebt. Oft ist, und namentlich von Pessimisten, die Empfindung des Glücks zum Maßstab genommen worden. Doch wer sagt uns, wie stark schon das Gefühl des Nichtbefriedigtseins bei dem ursprünglichen Menschen war, wer sagt uns, wenn es sich in der That verstärkt hat, ob der Grund dazu nicht vielmehr in der wachsenden Fähigkeit der Empfindung liegt, die doch im gleichen Maße für das Glück vorhanden ist? Soviel scheint sicher, daß im großen und ganzen die Zähigkeit, mt der der Mensch am Leben hängt, nur zugenommen hat. Auch die vom ästhetischen Standpunkte aus urteilen und den schönen Moment der Geschichte, gleichsam den Silberblick ihres Gusses suchend, daneben nur tiefe Schatten erblicken, haben vergessen, daß das alles vom Gesichtswinkel abhängt und manches, was uns schön erscheint, von der später erreichten Kulturhöhe aus gesehen werden muß, um so zu erscheinen. Die meisten Anhänger der Degenerationslehre gehen entweder von einem erträumten Anfange aus, wie das goldene Zeitalter oder der Naturzustand nach Rousseaus Vorstellung, oder sie beschränken ihre Betrachtung auf einzelne Seiten des Menschentums, die sie zu ihrem Schmerze im Augenblick zurückstehen sehen müssen, oder sie nehmen willkürlich Ziele der Weltentwickelung an, denen ihre wirkliche Richtung nicht entspricht. Die Vertreter der Fortschritts-Theorie wiederum haben oft triumphierend auf die Annäherung an das eine oder andere beschränkte Ideal hingewiesen, dessen Verwirklichung nicht mehr fern liegt. Will sich die Prüfung der Ansichten an den Thatsachen vor allen diesen Einseitigkeiten [24] bewahren, so muß sie von bekannten Anfängen ausgehen, alle Seiten der Entwickelung ins Auge fassen und willkürlicher Zielsetzung sich ganz enthalten.

Alle gesellschaftlichen Erscheinungen sind das Ergebnis des Zusammenwirkens der geschichtlichen Einheiten und der Bedingungen, unter denen sie existieren. Wir müssen also prüfen, wie sich diese Faktoren am Anfange und am Ende einer bekannten Entwickelungsreihe uns zeigen. Oft ist geleugnet worden, daß der Mensch überhaupt perfektibel sei. Und allerdings tritt uns, wenn wir nicht sehr weit zurückblicken, die menschliche Natur so wesentlich gleichartig entgegen, daß viel mehr das Übereinstimmende als das Verschiedene ins Auge fällt. Darum müssen wir, um zu einem Ergebnis zu kommen, so weit zurückgehen wie irgend möglich. Es soll hier nicht in die vielumstrittene Frage eingetreten werden, ob die rohesten Völker, die wir kennen, von einem höheren Zustand herabgesunken sind: immer wird von der geschichtlichen Betrachtung zugestanden werden müssen, daß der uncivilisierte Mensch dem ursprünglichen Zustande näher steht als der civilisierte Bürger unseres eigenen Jahrhunderts. Betrachten wir nun den ersteren, wie die moderne, historisch gewordene Psychologie insbesondere der Engländer ihn uns malt, so werden wir sehen, wie weit von einer Vervollkommnung oder Verschlechterung der Einheiten die Rede sein kann, mit welchem Rechte also Rousseau von der Schädigung des Menschentums durch die Kultur hat sprechen können.

Wenigstens in körperlicher Beziehung ist man vielfach geneigt, die Kultur als schädigend zu betrachten: nicht einmal dies ist richtig. Schlechtere und unregelmäßigere Ernährung und geringere Entwickelung des Nervensystems, von dem alle Bewegung ausgeht, machen die rohesten Rassen auch körperlich schwächer. Die Gefühle der Wilden fallen auf durch die stoßweise Art, in der sie sich äußern: sie balancieren sich nicht, wie sie es bei den Gebildeten thun, sondern es folgt Ausbruch auf Ausbruch. Die unmittelbare Begierde herrscht vor: weder lockt ferne Hoffnung, noch schreckt fernes Übel – und damit fehlen ihm zwei wesentliche Ausgleichmittel. Wenig Neigung fühlt er zur Geselligkeit und wenn er dazu fortgeschritten, zeigt er wenig altruistische, d. h. nicht auf eigene Befriedigung gerichtete Gefühle, am wenigsten das höchste derselben, den Sinn für Gerechtigkeit. Seine intellektuellen Eigenschaften ähneln denen der Kinder. Unbestritten ist seine Überlegenheit in der einfachen sinnlichen Wahrnehmung und sehr natürlicherweise, wenn man erwägt, wie stündlich seine Existenz davon abhängt. Aber gerade dieses Überwiegen des niedrigeren intellektuellen Lebens hindert das höhere. Die Menge der Einzelwahrnehmungen, die in keiner Weise generalisiert werden, bietet keinen Stoff zur Bildung von Ideen; nur zu einer allerdings stammeswerten Fähigkeit der Nachahmung führt sie ihn. Bald ermüdet er im Denken, da er nur Konkretes aufzufassen [25] weiß, die große Erleichterung der generalisierenden Abstraktion nicht kennt, zu ihr unfähig ist. Daher die weitere Unfähigkeit, natürliche und unnatürliche Verknüpfung von Ursache und Wirkung zu unterscheiden, und eine gewaltige Leichtgläubigkeit, eine Abwesenheit von rationalem Erstaunen und von intelligenter Neugier. Gering endlich ist seine konstruierende Erfindungsgabe, daher ungemein langsam der Fortschritt in den wenigen Schöpfungen, zu denen ihn das Bedürfnis des Lebens treibt.

Dies ist der Unterschied der Einheiten. Aber genügt er, um die große Verschiedenheit der gesellschaftlichen Phänomene zu erklären? Nicht individuelle Empfindungen sind es, die einst den verwundten Feind verstümmeln, jetzt ihn unter dem roten Kreuze pflegen lassen. Der größte Intellekt würde, unter einer primitiven Gesellschaft erscheinend, keine kopernikanischen, keine kantischen Ideen hervorbringen können. Und auch wenn sich in ihr der bildsamste Wille fände, es würden die disciplinierenden Kräfte fehlen, um Motive, wie sie den modernen Menschen treiben, herauszubilden. Noch etwas anderes als die Individuen hat sich gewandelt und zwar durch deren eigene Thätigkeit – es ist die Umgebung, in die jeder einzelne hineingeboren wird, es sind die Bedingungen seiner Existenz. An diesem zweiten Faktor der gesellschaftlichen Erscheinungen, dessen Veränderungen meßbar sind und eine von Stimmungen mehr unabhängige Beurteilung nach einem innern Wertmaßstabe ertragen, unternimmt es die modrne Kulturwissenschaft, den Fortschritt der Menschheit zu erweisen. Noch ist die Gesamtformel nicht gefunden, die den Inhalt der Veränderung allgemein genug und doch nicht aller Bestimmtheit bar zusammenfaßte. Aber daß diese Bedingungen der Existenz, die natürlichen sowohl wie die gesellschaftlichen, sich gebessert haben, ist auch durch wenige Hinweise zu zeigen. Überwältigend ist der Einfluß der umgebenden Natur auf die ursprünglichen Völker. Aber an nicht wenigen Erdstellen hat die Kultur durch Entforstung und Entwässerung das Klima gebessert, durch tausendjährige Arbeit den Boden tragfähiger gemacht, durch Ausrottung und Anzucht Pflanzen- und Tierwelt nützlicher gestaltet – und durch alles dies den nachwachsenden Geschlechtern ihre Thätigkeit erleichtert. In noch bedeutungsvollerer Weise haben sich die sozialen Lebensbedingungen fortschreitend gebessert. Die ganze Struktur der Gesellschaft hebt den Nachgeborenen von vornherein auf eine andere Stufe. Die Entwickelung der Familie aus dunklen Gruppenverhältnissen heraus hat die Stellung des Weibes zum Manne von den harten Normen des Rechtes des Stärkeren befreit, die Kinder aufhören lassen ein bloß materieller Besitz der Eltern zu sein – damit freie Bahn für die Thätigkeit moralischer Kräfte gemacht. Nicht mehr erkauft die Gemeinschaft staatliche Existenz dadurch, daß sie das Eigentum eines Despoten wird: die Herrscher [26] werden zu ersten Dienern des Staates, der sich die Förderung aller seiner Glieder zum Ziele setzt. An die Stelle der Gaukelei von Zauberern ist die liebevolle Arbeit von Seelenärzten getreten. Aus dem Zwange eines rohen Ceremoniells wird zunehmend das ungeschriebene Gesetz feinfühliger Achtung der fremden Besonderheit. Nicht anders mit den Funktionen der Gesellschaft. In eine ganz verschiedene Empfindungswelt tritt der neue Bürger. Mußten die kleinen einander feindlichen Gesellschaften ursprünglicher Zeiten zu ihrer eigenen Erhaltung die egoistischen Triebe fördern, so verlangt jetzt die engere Vergesellschaftung im Staate und in der Menschheit altruistische Ziele und weiß sie zu erziehen. Eine hochentwickelte Sprache, ein sich durch sebständiges Finden und durch rüstige Arbeit an der Eroberung der Vergangenheit immer mehrender Ideenschatz ist schon ein Erbteil der Väter, das jeder erwerben kann, um es zu besitzen. Aus dem Wissen folgt eine Beherrschung der Natur, deren Möglichkeit der Barbar nicht ahnte. All die dürftigen Prozesse, in denen er mit ihr rang, sind so vervollkommnet, eine aufgespeicherte Menge von Produkten gewährt von vornherein einen solchen Wohlstand, daß nicht mehr die ganze Menschheit im Kampfe um des Tages Notdurft aufgeht. Offen steht endlich der hohe Saal der Kunst, und wem ein Ohr gegeben, kann in sich widerhallen lassen, was begnadete Künstler auf einsamen Höhen des Lebens in geweihten Augenblicken erlauscht haben von der Harmonie der Sphären.

Aber, so wird eingewendet, nicht von dem ältesten Zustande bis zum gegenwärtigen – deren Zusammenhang zudem der Natur der geschichtlichen Kunde nach nie streng erweislich sein kann – zwischen jeden zwei Punkten der Entwickelung müßte der Fortschritt vorgemessen werden können, wenn jene wirklich eine aufsteigende Linie darstellte. Er müßte es, wenn er in gerader Linie erfolgte. Aber gerade die kann er der Natur der Sache, der Menschennatur nach nicht. Solange noch mehr vereinzelte Völker die Träger des menschlichen Forschritts waren, wechselte selbst das Subjekt; in der Völkergemeinschaft geht wenigstens die Führung vom einen zum andern über. Und hier wie dort gilt, um nur das wichtigste zu erwähnen, das Gesetz der natürlichen Reaktion: eine Zeitlang wird einseitig eine Entwickelung gefördert, die andere vernachlässigt, vielleicht geradezu geschädigt – dann erfolgt ein Umschlag und daselbe beginnt von der andern Seite. Aber diese so ungleiche, sprunghafte Art der Entwickelung mit ihren Rückschlägen, ihrer bald in die Höhe, bald in die Breite gehende Richtung widerlegt nicht die Perfektibilität der Menschheit. Ist sie eine unbegrenzte? Sanguiniker wie Fourier haben es behauptet. Zwar hat nur falsche Analogiebildung den Völkern Lebensalter nach Art derer des sterblichen Individuums zugeschrieben; aber im Dunkeln liegt die Zukunft; niemand weiß, wann der Entwickelung [27] ein Ziel gesetzt sein wird. Nur soviel ist sicher: auch die Betrachtung der Thatsachen, wie sie in dem übersehbaren Stücke der Menschengeschichte vorliegen, zeigt eine aufwärts gerichtete Bewegung.

 

Ist es aber so, dann kann auch der Wert der geschichtlichen Arbeit nicht fraglich sein. Nicht an einem festliegenden Rade dreht der geschichtliche Held, nicht den traurigen Weg zum Verfall leitet er, sein Banner trägt die Inschrift „Excelsior.“ Im Wettkampf der Nationen wird nach dem Fortschritt der Menschheit gerungen. Für die Menschheit hat also gearbeitet, wer eine Nation so geeint hat, daß sie ihrer eigenen Kräfte sicher als Mitstreiter eintreten kann in die große Arena. Darum freuen wir uns, daß wir einen solchen den unseren nennen können, freuen uns immer von neuem, wenn der Tag wiederkehrt, an dem er uns einst geschenkt ward, und aus vollem Herzen rufen wir: Unser Kaiser und König Wilhelm, er lebe hoch!