BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Paul Cauer

1854 - 1921

 

Deutsches Lesebuch für Prima

 

Erste Abteilung

 

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11.

Ursprung des Christentums.

Von Leopold von Ranke.

 

Weltgeschichte. Dritter Teil, erste Abteilung. (1883.) S. 160-171

 

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Die Autorität der Römer im Lande, welche von den Juden doch selbst gewünscht worden war, bildete einen Teil der Weltherrschaft der Römer, deren Idee zugleich eine religiöse Seite hatte; der Widerstand, den die Juden leisteten, beruhte auf dem religiösen Partikularismus, den sie bekannten. Es [118] zeigte sich unmöglich, Kaisertum und nationale Religion mit einander zu vereinigen. Die Juden träumten von einem König, der sie von Rom losreißen und die Welt mit eisernem Scepter regieren werde, so gut wie sie jetzt von einem solchen regiert wurden. So verstanden sie die ihnen vom Altertum her überlieferte Prophezeiung eines Messias, der sie befreien und die Welt ihnen unterwerfen werde.

In der That aber war doch ihre Religion in der provinzialen Form, die sie annahm, unfähig, nicht allein sich in der Welt Bahn zu machen, sondern auch nur sich einer viel stärkeren Macht gegenüber zu behaupten; wenn der Kampf begann, so konnte er nicht anders als zum Untergang Judäas führen. In dieser Krisis nun, in welcher die politisch-militärische Vielgötterei und der aus den Urzeiten stammende, mit den hierarchischen Formen einer Landesverfassung umkleidete Monotheismus miteinander in einen Kampf gerieten, in dem sich für den letzteren nichts als der Untergang absehen ließ, ist Jesus Christus erschienen.

Indem ich diesen Namen nenne, muß ich, obwohl ich glaube, ein guter evangelischer Christ zu sein, mich dennoch gegen die Vermutung verwahren, als könnte ich hier von dem religiösen Geheimnis zu reden unternehmen, das doch, unbegreiflich wie es ist, von der geschichtlichen Auffassung nicht erreicht werden kann. So wenig wie von Gott dem Vater, kann ich von Gott dem Sohne handeln. Die Begriffe der Verschuldung, Genugthuung, Erlösung gehören in das Reich der Theologie und der die Seele mit der Gottheit verknüpfenden Konfession. Dem Geschichtschreiber kann es nur darauf ankommen, die große Kombination der welthistorischen Momente, in welchen das Christentum erschienen ist und wodurch denn auch seine Einwirkung bedingt wurde, zur Anschauung zu bringen.

Von allen herrlichen Worten, die von Jesus Christus vernommen worden sind, ist keines wichtiger, folgenreicher, als die Weisung, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist.

Das Wort hatte nach beiden Seiten hin eine zugleich nahe und unermeßliche Tragweite. Denn an der von dem römischen Imperium in Anspruch genommenen Divinität konnte man dann nicht länger festhalten. Die religiösen Vorstellungen der römisch-griechischen Welt, wie sie noch obwalteten, die uralten und niemals aufzulösenden Beziehungen zu den politischen Zuständen mußten aufgegeben werden. Ebenso stand der Gedanke im Widerstreit mit den Gebräuchen und Gesetzen der Juden. Diese waren ohne Zweifel notwendig gewesen, um den Monotheismus zu behaupten; jetzt aber verhinderten sie vielmehr, daß er sich in der Welt geltend machen und von allem Zufälligen gereinigt als Religion hätte angenommen werden können. [119]

Und unter den Juden selbst war der Gedanke einer principiellen Abweichung bereits gefaßt worden.

Aus der Einsamkeit der Wüste kommend, wo er sich von Heuschrecken und wildem Honig nährte, war Johannes, wie einer der alten Propheten anzusehen in seinem Gewande von Kamelhaaren, das durch einen ledernen Gurt zusammengehalten wurde, in den oberen Jordanlanden als Lehrer des Volkes aufgetreten. Er predigte Verpflichtung zu einem frommen, sittlichen und gerechten Lebenswandel durch Eintauchen in das Wasser. Die Reinheit des Körpers sollte die Reinheit der Seele bedeuten. Wenn wir den bei einem jüdischen Autor vorliegenden Bericht recht verstehen, so hat sich Johannes der Vorstellung, als liege in Waschungen eine Befreiung von der Schuld, entgegengesetzt; erst nach vollbrachter Büßung soll die Verpflichtung zu einem reinen und gottgefälligen Lebenswandel eintreten, nicht als Genugthuung für das Vergangene, sondern als Pflicht für das Zukünftige. Johannes meinte die jüdische Nation in diesem Sinne zu vereinigen; denn ein Jude war er durch und durch. Herodes Antipas in Galiläa, sein Landesherr, dessen Ehe er tadelte, da sie den jüdischen Begriffen entgegenlief, hat ihn deswegen umbringen lassen; er ward ein Opfer des häuslichen Unwesens, das in der idumäischen Familie überhaupt herrschte.

Zu der Schule des Johannes nun gehörte auch Jesus von Nazareth. Aber zu einem Anachoreten, wie Johannes, war er nicht geboren; er schlug seinen Sitz nicht in der Wüste Juda, sondern in einer volkreichen, durch mannigfaltigen Verkehr belebten Landschaft am See Genezareth auf. Wer hat nicht von den Naturschönheiten der Umgebung dieses Sees, die noch heute die Bewunderung der Reisenden auf sich zieht, gehört und von dem Überfluß, den die Fruchtbarkeit seiner Ufer hervorbringt, so daß das Leben leicht und mühelos dahinrinnt.

Was aber den Schüler des Johannes, der auch seinerseits Jünger um sich sammelte, dahin zog und daselbst fesselte, war die kleine Stadt Kapernaum, deren die frühere und auch die spätere Geschichte kaum gedenkt. Sie bildete den Mittelpunkt des dortigen Lebens. An der großen Landstraße gelegen, die auf der einen Seite nach Ägypten, auf der anderen nach Phönizien führte, wurde sie von Fremden verschiedener Nationalitäten besucht. Schon darin zeigt sich die Wirkung der Römerherrschaft, welche alle diese Landschaften zu einem Ganzen vereinigte. Die Römer hatten daselbst die ihnen eigentümlichen Einrichtungen getroffen: Kapernaum war zugleich eine römische Zollstätte und Station einer Abteilung römischer Truppen unter einem Centurio. Fast mehr als in dem übrigen Judäa, namentlich auch in Jerusalem, griff hier das weltbeherrschende Verhältnis, der Gegensatz zwischen den Eingeborenen [120] und der römischen Autorität in das tägliche Leben ein. Jesus, der in der Synagoge lehrte, trat doch mit den Beamten des Zollamts, welche von den übrigen Juden als Befleckte betrachtet wurden, und mit den Römern selbst in gesellschaftliche Verbindung. Daß er nun aber hier etwa die Vielgötterei der Römer, oder die Juden, welche sich an dieselben anschlossen, hätte bekämpfen und anderen Sinnes machen können, ließ sich nicht erwarten, da gerade dort in den Synagogen die starke provinzielle Färbung, mit welcher der Monotheismus für andere unverständlich war, den Gegensatz verstärkte.

Kapernaum kann als die Metropole eines neuen Glaubens betrachtet werden, der die Gegensätze aufzulösen bestimmt war. Es war nur Ein Schritt, durch welchen sich Jesus von Johannes entfernte, – aber ein Schritt, welcher der intellektuellen und religiösen Weltbewegung eine neue Richtung gegeben hat. Johannes war bei den jüdischen Ceremonien stehen geblieben, die eigentlichen Johannesjünger beobachteten sie so streng, wie andere Juden; Jesus wandte sich von denselben ab. Denn wenn die Idee des Johannes nur dahin gegangen war, die Juden, welche von ihm die Taufe nahmen, zu einem gottgefälligen Lebenswandel zu verpflichten, so erhob sich in Jesu der universalhistorische Gedanke, nicht die Juden allein, sondern alle Völker zu einem Leben der Gerechtigkeit und gottgefälligen Tugend zu erwecken und in diesem Bestreben zu vereinigen.

Die heiligen Bücher, in welchen die Schriftgelehrten vornehmlich die Verpflichtung zu dem ceremoniellen Judaismus sahen, erklärte Jesus auf eine Weise, daß vielmehr die Einheit der göttlichen Gewalt, welche alle Völker umfassen konnte, hervortrat. Von der jüdischen Überlieferung riß er sich keineswegs los; aber er gab ihr eine Auslegung, die ohne Zweifel ihrem ursprünglichen Geist entsprach. Denn von dem höchsten Gott, den Abraham anbetete, war sie in die nationale Strömung der jüdischen Geschichte verflochten worden. Von der strengen und strafenden Gottheit, die jede Abweichung von dem Gesetze unnachsichtig heimsucht, ging Jesus zu der Lehre von der väterlichen Liebe Gottes über, welche alle Menschen umfaßt, – er nahm Abstand von den Ideen des Imperiums, auf denen die damalige Welt beruhte, aber auch von den Ideen, welche den Tempel von Jerusalem und die Schriftgelehrten beherrschten: – eine allgemeine Kindschaft zu dem ewigen Vater, gleich weit entfernt von den beiden religiösen Begriffen, zwischen denen die Überlieferung und Verehrung sich teilte. Er sah in der Religion ein heiliges Kleinod der Menschen, das durch keine politische Zuthat in seiner Echtheit verdunkelt werden könne. Jesus verkündigte ein Gottesreich, zu welchem nur die Sittlichreinen, die wahren Kinder Gottes sich vereinigen sollten. Und wenn die Juden durch den vermeinten Messias, den sie erwarteten, zur Herrschaft über [121] alle Nachbarn erhoben zu werden hofften, so faßte Jesus eben diese Idee in ihrer geistigen Bedeutung. Der Messias war ihm der Verkündiger des an das Alte anknüpfenden, aber doch ein unbekanntes Neue eröffnenden Gottesreiches, das von allem Nationalen abstrahierte; er selbst der Messias.

Darin, dies Reich zu verkündigen zugleich und zu stiften, sah er seinen göttlichen Beruf.

Niemand wird erwarten, daß ich die Lebens- und Leidensgeschichte Jesu, wie sie in den heiligen Schriften kindlich und populär, tiefsinnig und erhaben überliefert wird, in die Weltgeschichte einflechte.

Die Gebiete des religiösen Glaubens und des historischen Wissens stehen, wie angedeutet, nicht im Gegensatz miteinander, sind aber doch ihrer Natur nach getrennt. Der Historiker kann von dem eigentlich Religiösen abstrahieren; er hat nur die Ideen zu erforschen, welche durch ihre Macht die allgemeinen Bewegungen veranlassen und ihre Strömung beherrschen , und an die Thatsachen zu erinnern, in denen sie sich manifestiert haben.

Dort an dem galiläischen See hat Jesus von einem Schiffe her das neue Evangelium von dem anbrechenden Reiche Gottes verkündigt, welches, eben im Gegensatz sowohl mit der Herrschaft der Cäsaren, als mit dem partikularen Gemeinwesen der Juden, der Menschheit eine allgemeine Vereinigung rein geistiger Art in Aussicht stellte. Er verstand darunter die Genossenschaft der Gläubigen. Er sprach unumwunden aus, daß sich diese Genossenschaft keineswegs auf die Juden allein beschränken werde. In Kapernaum fand er in dem römischen Centurio mehr gläubige Hingebung, als bei irgend einem Israeliten. Auf einer seiner Wanderungen, die ihn in die Nähe von Samaria führte, finden wir ihn bei einem Brunnen sitzend, wo er sich, ohne Rücksicht auf die Antipathie der Juden, aus dem Schöpfgefäße eines samaritischen Weibes erlabt. Einige tiefsinnige Fragmente sind uns aufbewahrt, in denen von dem Verhältnis der sinnlichen Nahrung zu der geistigen die Rede ist. Dort in Samaria wurde er wohl zuerst als der verheißene Messias anerkannt: ein Gedanke, der das Prinzip seines Lebens war, durch den er doch allezeit wieder an den Sinn und Inhalt der jüdischen Lehren und der heiligen Schrift anknüpfte.

In ihrer zurückgedrängten Stellung hatten die Juden, wie gesagt, von jeher auf die Rettung durch einen göttlichen Menschen, der zugleich Gesandter Gottes sein und ihr König werden sollte, gehofft. Was wäre aber damit der Menschheit geholfen gewesen? Die Religion wäre zugleich in eine politische Herrschaft ausgeartet. Und niemand konnte sich in jenen Zeiten ohne fanatische Impulse ein Ereignis dieser Art auch nur möglich denken. Christus belehrte die Juden, daß ihre messianische Erwartung nicht den Staat betreffe, sondern [122] die Religion. Die Religion sollte als solche die Menschheit durchdringen, der Monotheismus, frei von dem Ceremonialdienst, die Religion der Welt werden im Sinne der Urzeit. Der Messias ist der Gründer des Reiches Gottes, welches eben darin besteht, daß der Mensch sich demselben hingiebt, in ihm lebt und stirbt. So kann es den geistigen Boden bilden, auf welchem, neben dem politischen Bestand, sich das Gefühl einer höheren allumfassenden Gemeinschaft der Menschheit erhebt und ausbildet.

Hätte sich nicht, so darf man fragen, die Idee der Menschheit auch auf eine andere Weise entwickeln können, – in dem Sinne der platonischen oder auch der stoischen Philosophie? Aber das wäre dann nicht Religion gewesen, es hätte nicht an die ältesten Überlieferungen der Menschheit und ihre Überzeugungen angeknüpft. Auf diese Verbindung kam es an.

Gerade dadurch aber mußte der Stifter sich mächtige Widersacher erwecken, deren Feindseligkeit sein Leben bestimmte. Hohepriester und Schriftgelehrte nahmen an seinen Überschreitungen des Ceremonialgesetzes, besonders auch an seinen Heilungen am Sabbath Anstoß. Das Unerträglichste aber war ihnen, daß der Gedanke, auf welchem ihre Volksgenossenschaft beruhte, überboten und dadurch zerstört wurde. Als Jesus sich in den unmittelbaren Bereich dieser priesterlichen Gewalt begab, wie sie damals unter den Römern bestand, welche sie hätten vernichten können, aber doch anzuerkennen verpflichtet waren, wurde er ergriffen und vor Gericht gestellt. Er hatte wohl gesagt, er würde den Tempel zu zerstören und in kurzem wiederherzustellen imstande sein, was doch unverhohlen ankündigt, daß die bestehende beschränkte Gottesverehrung aufhören und eine andere in seinem Sinne an deren Stelle treten werde. Damit greift es zusammen, wenn er behauptete, der Messias zu sein und eine unmittelbare göttliche Mission im Leben und selbst nach seinem Tode dafür in Anspruch nahm. Das Synedrium, das nach einem in der Nacht vorgenommenen Verhör des Morgens früh zusammen berufen wurde, verurteilte ihn zum Tode.

Um jedoch das Urteil zu vollstrecken, war die Einwilligung und Mitwirkung des Prokurators notwendig. Dieser widmete den gegen Jesus vorgebrachten Beschwerden keine besondere Aufmerksamkeit; an und für sich würde er zu keiner Verurteilung geschritten sein. Aber das Verhältnis, in dem er sich befand, war nicht dazu angethan, einem von den Landesbehörden gefaßten Beschluß zu widerstreben. Und überdies: Jesus hatte sich im Sinne der Messiasidee als König begrüßen lassen und wohl auch selbst bezeichnet. Er war entfernt davon, das jüdische Königtum etwa den Römern gegenüber aufrichten zu wollen: der Gedanke kam ihm nicht in die Seele. Allein der Hohepriester machte den Prokurator aufmerksam, daß sich Jesus als König der [123] Juden geberdet habe: Pilatus würde der Freund des Kaisers nicht sein, wenn er einen Menschen dieser Art am Leben lasse. Angewiesen, die den Juden noch verbliebenen Reste der Selbständigkeit zu schonen, und mit einer Beschwerde bedroht, die ihm in Rom gefährlich werden konnte, gewann es Pilatus über sich, den Unschuldigen hinrichten zu lassen. Die hierarchische Gewalt, welche die eine, und die militärische, welche die andere Religion bekannte, vereinigten sich dazu, den Verkündiger einer von beiden unabhängigen Religion umzubringen. Die Inschrift, die Pilatus üder das Kreuz setzte, bezeichnete den Anspruch auf die Königswürde unter den Juden als die Ursache seiner Hinrichtung: denn in der den Römern unterworfenen Provinz durfte es keinen König geben. Aber die Ankläger Jesu wußten doch sehr wohl, daß ein weltlicher Anspruch, wie er in dieser Bezeichnung lag, von ihm niemals gehegt worden war. Sein Königtum war nur der Ausdruck der messianischen Idee, die bei ihm eine außerweltliche Bedeutung hatte. Ihr Unrecht bestand darin, daß sie, um sich selbst zu erhalten, dem göttlichen Meister eine Prätension zuschrieben, an die er in Wahrheit nicht dachte.

Das fleckenloseste, tiefsinnigste, menschenfreundlichste Wesen, das je auf Erden erschienen war, fand keinen Platz in der damaligen Welt. Jesus hatte seinen Tod mit voller Bestimmtheit kommen sehen; aber er wußte, daß damit seine Lehre bekräftigt und gerettet werde. Was wir das Nachtmahl nennen, war nicht ein bloßer Abschied; es war ein Bund zwischen ihm und den Jüngern auf der mystischen Grundlage einer göttlichen Mission; Taufe und Abendmahl haben den Charakter von gegenseitigen Verpflichtungen zwischen Göttlichem und Menschlichem.

Wer hätte nicht meinen sollen, daß mit dem Meister, dessen Jünger bisher sich oft sehr schwach und zweifelhaft erwiesen hatten, auch die Lehre vertilgt sein werde? Allein der Tod selbst und die Erscheinungen, die ihn begleiteten und ihm folgten, von deren Realität sie so fest überzeugt waren, wie von irgend etwas, das man mit Augen gesehen und mit Händen betastet hat, erhoben ihre Seele zu einer Freudigkeit, die sie bisher nie bewiesen: aus Jüngern wurden sie selbst Lehrer der Welt, Apostel des Meisters, den sie, seinen eigenen Äußerungen folgend, als Gottheit verkündigten.

Ich vermeide, wie berührt, auf das Geheimnis einzugehen. Auf dem Standpunkt der historischen Verknüpfung der Ideen drängt sich mir beim Anblick dieser Erscheinung mitten in der gräco-romanischen Welt noch eine Erinnerung auf, die ich nicht übergehen darf.

In jenem Widerstreit der Naturkräfte, den die alte Mythologie als einen Kampf zwischen Göttern und Titanen auffaßt, in welchem die Götter den Sieg erringen, bildet vielleicht die in sich bedeutendste Gestalt jener [124] Prometheus, der besiegt und an den Kaukasus geschmiedet wird. Die Götter bestraften ihn, weil er sich der Menschheit, ihren Bedürfnissen, ihrem Leben, der Ausbildung ihrer Kräfte, der geistigen sowohl wie der materiellen, gewidmet hatte. Die Menschheit war seitdem den Göttern des Olymp unterlegen. Seit vielen Jahrhunderten hatten die polytheistischen Vorstellungen die Welt beherrscht; jetzt aber waren sie in dem Widerstreit der nationalen Götter, der übrigen mit den römischen, dieser selbst mit einander, unhaltbar geworden. Das Extrem dieser Vorstellungen, die Divinität des römischen Cäsar, schien das System zu vollenden, trug aber doch das meiste bei, es zu zerstören. Da mußte denn auch, wenn wir uns so ausdrücken dürfen, Prometheus von seinem Felsen gelöst und die Menschheit in ihr ursprüngliches Dasein zurückgerufen werden. Sie trat in eine unmittelbare Verbindung mit dem Göttlichen, nicht aber den Naturkräften, sondern der Gottheit, welche über denselben allwaltend gedacht wurde, und diese Verbindung vor allem erscheint in dem christlichen Glauben.

Dies höchste göttliche Wesen, Schöpfer des Alls, stand bisher zu hoch über der Welt, unerreichbar, jenseits aller Begriffe; in Christus erscheint es dem Menschen zugewandt, selbst menschlich, nicht allein mit seinem moralischen, sondern auch seinem intellektuellen Wesen innig vereinigt. Der Menschheit wurde damit eine neue Bahn eröffnet.