BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Paul Cauer

1854 - 1921

 

Deutsches Lesebuch für Prima

 

Zweite Abteilung

 

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[127]

12.

Ursachen des gesunkenen Geschmacks bei den

verschiedenen Völkern, da er geblühet.

Von Johann Gottfried von Herder.

 

Eine Preisschrift, 1773. – Sämtliche Werke . Zur schönen Litteratur und Kunst, XV (Stuttgart und Tübingen 1829), S. 5 - 61. – Fortgelassen sind der letzte Absatz der Einleitung und der erste und dritte Hauptteil. Der erste handelt über „Grundsätze zu Betrachtung der Frage aus der Seelenlehre“ (S. 8 - 21), der dritte bespricht die „Folgen, die sich daraus zur Anwendung ergeben“ (S. 55 - 61).

 

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Multa renascentur, quae iam cecidere –.

[Hor. De arte poet. 70]

 

Es ist ein wunderbarer Anblick, daß der Geschmack, diese schöne Gabe des Himmels, die er dem menschlichen Geiste nur in den Zeiten seiner schönsten Blüte bestimmt zu haben scheint, nicht bloß nur noch einen schmalen Strich des Erdbodens berührt, sondern auch auf diesem schmalen Striche nur durch kurze Perioden gewirkt habe. Kaum ließ er sich irgendwo auf einer glücklichen Stätte nieder, so sammelte er sich auch bald Brennreiser zu seinem eigenen Grabmale, bis spät aus seiner Asche anderswo ein anderer Phönix entstand, und wieder das Schicksal hatte, wie sein Vater.

Woher nun diese Wellen auf dem großen Meere des Zeitraums? Aus Ursachen von innen oder von außen? Wer lehrt uns das große Naturgesetz der Veränderungen des Geschmacks aus der Geschichte? Wüßte man's, so erschiene zugleich, ob sich den Ursachen seines unglücklichen Verfalls nicht zuvorkommen; ob sich der gute Geschmack, wenn er fliehen will, nicht festhalten ließe? Oder, wenn sich aus Kennzeichen seine Ankunft nahet, wie kann man sie befördern? wie selbst die Samenkörner seiner Zerstörung anwenden, daß er sich neu belebe? Oder, wenn man dies alles nicht kann, wozu wirkt selbst dieser Verfall? Zu keinem anderweitigen Guten? Nicht auch etwa zur Glückseligkeit der Menschheit?

Wahrlich eine philosophische, menschenfreundliche, und selbst zur Blüte äußerer Verfassungen mitwirkende Frage! Und der Weg, auf dem sie untersucht [128] werden soll, das Buch der Geschichte, das der Betrachtung hierüber so merkwürdige und verschiedene Fälle liefert, ist allerdings die reichst?, sicherste und angenehmste Straße. Hier ist die freie Wahrheit sich selbst Bestätigung und Anmut.

 

I. Wenn wir nach den Ursachen forschen, aus denen sich der Geschmack unter den Griechen erzeugt, und zu solcher Höhe erhoben hat: so sind wir auf dem Wege, die Geschichte des verfallenden Geschmacks zu ersehen. Jene Veranlassungen wirkten, wie alles unter dem Monde, nicht ewig: es traten andere schädliche an ihre Stelle, und der Geschmack sank. Er sank selbst bei dem Volke, bei dem er am meisten Natur war.

1) Homer entstand im schönen griechischen Ionien in einem Zeitalter, da er die ersten Schritte zu einer feineren Bildung sah, und von den starken Sitten der früheren Welt in lebendigen Sagen hörte. Die Heldenfabeln lebten damals im Munde der Griechen, und nahmen in einer Zeit, wo Schrift und Prosa noch nicht erfunden war, von selbst eine dichterische Gestalt an. Der Heldenzug der Griechen vor Troja war ihnen ein Nationalgegenstand, wie es ihnen einst der Zug der Argonauten gewesen war; nur war dieser Gegenstand ihnen heller, näher und stärker. In ihm lagen die Keime abgesonderter Helden- und Freiheitsstaaten in jenen großen Bildern ihrer Könige vor Troja: zehn Dichter hatten ihn gesungen. Homer sang ihn auch auf eine eben so natürliche, und dazu seinem Zeitalter die angenehmste und mildeste Weise. Die griechische Sprache trieb damals in asiatischer Himmelsluft Blüten: die Mythologie formte sich zu einer schönen, menschlichen Gestalt: die Leidenschaften der Menschen wirkten freier, ihre Seele war offen; Homer sang, wie er sie sah und hörte, und seine Gesänge blieben im Ohr und Munde der Nachwelt. Lykurg sammelte sie endlich, da eben das Zeitalter der griechischen Bürgerkultur anbrach, und so wurden sie mit der Zeit ein Kodex der Sitten, der Gesetze, ja, der ganzen Geschmackslehre in den Städten; Homer ward Vater des griechischen Geschmacks auf die natürlichste Weise. Eine Reihe schicklicher Veranlassungen bildete ihn, und Griechenland ward für ihn gebildet.

2) Eben so natürlich entstand das griechische Drama in aller Blüte seines Geschmacks. Aus Heldenfabeln und Spielen, aus Musik, Zeitvertreib und Gottesdienst, (alles auf griechische Art gefühlt, gemischt und behandelt) stieg jene Bühne hervor, auf der Äschylos, Sophokles und Euripides ihre Wunder wirkten. Alle Vestandteile, die Aristoteles aufzählt: Handlung, [129] Sitten, Meinungen, Musik, Sprache, Verzierung, lagen im Keime der Entstehung des griechischen Drama, und waren kein Schulgeheimnis. Das Wesen des Gedichts, die Vorstellung einer Handlung, war zugleich Probestein des Ganzen, und was dahin nicht wirkte, war, Fehler. Jeder edle Mann von griechischer Bildung war, wie man aus den Wettstreiten sieht, darüber Richter, und auch dem Inhalte und der Wirkung nach, war die griechische Bühne eine lebendige Angelegenheit eines solchen Publikums, wie Athen war. Die ganze Dramaturgie des Aristoteles ist gleichsam dem Munde des Volks entnommen, so wie in den nordischen Gerichten erwählte Schiedsrichter der Gemeine, jedesmal nach der Natur der Sache, über sie erkannten. Kurz, das griechische Drama war eine Naturblume der Zeit, aus Veranlassungen des damals lebenden Geschmacks hervorgewachsen, wie Jahrhunderte vorher die Märchen und Rhapsodien der Aöden. Sophokles entstand wie Homer, und Pindar wie alle beide.

3) Die griechische Redekunst nicht anders. Sie war in den Republiken eine öffentliche Anstalt und Triebfeder: Gemeingeist, öffentliche Ratschlagung über Geschäfte des Staats, kurz die Verfassung der griechischen Republiken war ihr Element; da gab es denn eben sowohl zu öffentlichen Vorträgen, als zu Geschäften geborne Männer; die damalige Philosophie, Erziehung und Übung ging ebenfalls dahin, aufs Leben der Republik, nämlich auf Sinnesart und Thätigkeit des Bürgers. Die griechische Sprache war in ihrer schönsten lebendigen Form; alle äußeren Anstalten trieben zu eben dem Zweck; sie weckten, sie bildeten und belebten. Da gab's also Perikles, Alcibiades und einen Demosthenes, noch ehe die Flamme verlöschte. Naturgeist einer griechischen Republik oder Lehre wehte in den Reden griechischer Redner.

4) Die Kunst endlich, die das weiteste Feld von Veranlassungen hatte, ging eben die Bahn. Die Bildung der Griechen, ihr Gefühl für Wohlgestalt, für leichte Handlung, Lust und Freude, ihre Mythologie und Gottesdienst, die Liebe zur Freiheit, die ihre tapfern Männer und edlen Jünglinge belohnte , und mehrere Ursachen, die Winckelmann vortrefflich entwickelt hat, schufen ihre Kunst zur Blume der Schönheit: sie war eine lebendige, veredelte griechische Natur, wie alle vorigen Produkte.

Was folgt aus dem allen? Ein sehr einfacher Satz, den man sich immer gar zu gern als künstlich und vielfach denkt: nämlich, der gute Geschmack war bei den Griechen in ihren schönsten Zeiten eine so natürliche Hervorbringung, als sie selbst, als ihre Stammes- und Lebensart, als ihre Situation und Verfassung waren. Er existierte, [130] wie alles, zu seiner Zeit und an seinem Orte, zwanglos, aus den simpelsten Veranlassungen durch Zeitmittel, zu Zeitzwecken: und da diese schöne Zeitverbindung auseinander ging, schwand auch das Resultat derselben, der griechische Geschmack.

a) Hätte jemand der Griechen Homer sein wollen, unter Umständen, da kein Homer sein konnte, gewiß ist's, daß er nur ein falscher Homer geworden wäre. Apollonios unter den Ptolemäern ist davon Zeuge. Er trat ins Schiff der Argonauten; wie kam er dahin? weshalb bestieg er's? konnte und wollte ihm jemand nachsteigen? Sein Zeitalter lieferte ihm dazu weder Sitten noch Sprache, weder Inhalt, noch Ohr, noch Zweck, noch Empfindung: er ward also ein toter Nachahmer: er sang außer seinem Elemente. Hätten die Griechen früher so angestrebt und gesungen, was ihnen zu singen nicht gebührte, so hätte auch der gute Geschmack so lange nicht geblüht. Ihr guter Genius bewahrte sie aber vor dieser Bahn des unnützen, kraftlosen Neides. Sie sangen, worüber sie Herren waren: die Dichtkunst rückte mit dem Zeitalter weiter: sie folgten Homer, indem sie sich von ihm entfernten.

b) Sobald die Zeit entwich, da die Triebfedern des guten dramatischen Geschmacks zusammengewirkt hatten, sank dieser mit ihnen. Die Gegenstände der Bühne aus dem Kreise der griechischen Fabel, den sie den Cyklus nannten, waren erschöpft: man wählte schlechtere, oder behandelte die vorigen neu, das ist schlechter. Der erste glückliche Blick war von den Meistern des Drama geschehen: die Muster standen da und verschatteten den Nachfolgern die Sonne. Man ahmte nach, statt frei zu behandeln, und eine zwischen Freiheit und Knechtschaft geteilte Seele wirkt nie ganz und edel. Da der Geschmack nur im ganzen, freiwirkenden Genie lebt, so wich man natürlich um so mehr von ihm ab, je mehr man ihm in Regeln und Vorurteilen auf eine tote Weise nachstrebte. Auch die Umstände des Volks hatten sich geändert. Was voraus Angelegenheit des Publikums gewesen war, ward Spiel einer unmäßigen Liebhaberei. Man ließ Tage hinab mit Schauspielen wetteifern, da dann durch die Menge der Speisen der Gaum gewiß den Geschmack verlor und schon der unersättliche Hunger von Krankheit zeugte. Wie sich der Thaten- und Freiheitsgeist des Volks verlor, hatte die Bühne ihr Element verloren; der gute Geschmack lebte also in alten Resten, und war zu neuen Hervorbringungen tot, wie man bereits die Keime zu diesem Verfall in Aristoteles Poetik selbst sieht.

c) Mit der Redekunst ging's eben also. Als die Freiheit der Griechen sank, war auch ihr Feuer dahin; in Demosthenes war es, wie in der letzten Not, eine auflodernde Flamme gewesen. Die Redekunst kroch in Schulen, [131] oder in enge Gerichtsschranken, sie krümmte sich im Staube und verstummte. Das hat Longin schon simpel und stark gezeigt.

d) Die Kunst, die ein größer Feld von Veranlassungen, zudem einen sehr sinnlichen, anschaubaren und beinahe mechanischen Zirkel hatte, konnte sich länger, und auch im Vorhofe der Monarchie noch erhalten, so lange sie entweder keine Sklavin war oder unter einem guten Joch diente. Der gute Geschmack in ihr war gleichsam fixiert, und da bei ihr alles auf Übung und Nachahmung beruht, so konnte ihr diese nicht schaden, sondern erhielt sie. Viel /i>Anwendung der Kunst, z. B. zur Verehrung der Gottheiten und idealischen Bildsäulen blieb, und die Achtung der Künstler gewann an liebhaberischen Höfen, so wie auch Sieg und Reichtum ihr mehr Materialien schaffte. Die Kunst also, zusamt der Komödie, dauerten über das Zeitalter der griechischen Freiheit und Staatswirksamkeit hinaus, nur aber, wie man offenbar sieht, aus Samenkörnern voriger Zeiten. Wären diese nicht längst vorausgepflanzt und gepflegt worden, so hätten sie jetzt diese Gestalt nicht gewonnen. Auch die Kunst hatte ihre schönste Zeit gehabt, da sie am meisten Nationalblüte und lebendige griechische Natur war, in den Zeiten des Wohlgeschmacks, des Ruhms, der politischen Wirksamkeit und Freiheit, zwischen dem persischen und peloponnesischen Kriege. Später brannte sie nur ruckweise und aus vorigen Funken. So ging's mit dem griechischen Geschmack bis auf seine kleinsten Produktionenwar jetzt statt.

Das Zeitalter Alexanders also, so blühend es für die Gegenwart schien, so tief untergrub's den griechischen Geschmack in seinen ersten Quellen. Sobald der republikanische Gemeingeist der Griechen, ihre leichte Art, mit Lust und Freude zu wirken, hin war: was sollte nun blühen? Dichtkunst, wo keine Sitten und Leidenschaften für die offne Muse mehr waren? Oder Redekunst des thatvollen, mutigen Herzens, wo keine Selbstwirksamkeit, keine politische Freiheit mehr war? Selbst die Geschichte geriet in Fesseln, und Alexander hat für seine Thaten keinen Xenophon oder Thukydides gefunden, weil zu beiden es gehörte, daß kein Alexander da sein mußte. Die Kunst blühte hie und da, und dann und wann an Höfen; diese waren aber Treibhäuser und nicht mehr Gärten der Natur. Die Komödie verfeinte sich mit Menander, eben weil sie sich jetzt an seinen Spiele begnügen konnte. An Ptolemäos' Hofe gab's ein Siebengestirn von Dichtern, die aber auch der Größe nach ein Siebengestirn waren. Der einzige Theokrit, der sich ins Schäferleben, von welchem immer Reste alter Unschuld und Wahrheit überbleiben, zurück verirrte, fand einigermaßen eine wahre Sphäre, den andern fehlte es offenbar an Inhalt, Muse und an freiem, lebendigen [132] Raum zu wirken. Die Dichtkunst wartete im Vorgemach auf, sie schnitzelte Becher und Blumen, wenn sie nur gefallen konnte, oder suchte durch Kunst, durch Zwang, durch Schmeichelei und Gelehrsamkeit ihren Mangel zu ersetzen, das ist, alles zu verderben. Selbst die griechische Sprache verfiel, da sie in andere Länder wanderte; und die Länder, wohin sie wandern mußte, waren leider Asien und Ägypten, in denen so viel Schwärmerei, so manches süße Gift keimte. Bis ins Herz von Persien und Indien waren Griechen verstreuet. Geistige, überspannte Ideen der Perserphilosophie und des neuen Hellenismus gärten also vom Kaukasus bis nach Libyen zusammen; der griechische Geschmack verlor sein Anschaubares, seine schöne Sinnlichkeit und Reinheit; ja er wäre ein Ungeheuer geworden, wenn er nicht bald durch etwas anders verdrängt worden wäre. Der naturvolle Charakter der Griechen war aber nicht bestimmt, bis zum Ungeheuer erniedrigt zu werden, er erhielt sich, auch in seinem Verfall, noch Spuren voriger Schönheit. Noch bis auf den heutigen Tag haben die Griechen eine Anlage zum guten Geschmack von Natur; Leichtigkeit und eine feine Organisation, insonderheit Lust und Freude bewahren sie vor der Unnatur, der Pest des guten Geschmackes. Man sieht aus allen Nachrichten, daß nur der Genius einer schönen Zeit, die vielleicht nur Einmal in der Welt gewesen, von ihnen gewichen ist, und mit dem glücklichen Zusammentreffen von Umständen schwerlich je wieder kommen dürfte. Kurz, der griechische Geschmack war die schöne Nationalblume ihrer freien Wirksamkeit, ihres schönheittrunkenen Genies, ihres hellen, treffenden Verstandes; als der schönen Blume Boden, Saft, Nahrung, Äther fehlte, und verpestende Winde wehten, starb sie.

 

II. Die Römer drängten sich hart auf die Griechen; der Geschmack ist ihnen aber nie geworden, was er den Griechen war, weder Nationalsache, noch Element der Bildung. Man weiß, wie lange sie sich ohne Geschmack behalfen, ja ohne ihn groß und mächtig wurden, sogar, daß sich die alten, wahren Römer der Einführung des Geschmacks, als einer fremden, schädlichen Pflanze, widersetzen; die Griechen hatten sich, wie unter dem Gesange Amphions und Homers gebildet. Den Römern sind also auch die Produktionen des Geschmacks, die bei den Griechen Grundlage zu allem waren, Kunst und Dichtkunst, nie wirksame Triebfedern geworden; die Dichtkunst entstand nur spät, d. i. sie ward aus griechischem Samen in den Garten eines Kaisers verpflanzt, wo sie als eine schöne müßige Blume dastand und blühte. Die Bühne (nach Aristoteles der Mittelpunkt wirksamer Dichtkunst) hat bei den Römern nie echte Wirkung gehabt; die Kunst ebenso wenig; ihre besten Dichter waren [133] Versifikatoren, d. i. Philosophen, Redner oder gar Schmeichler in Versen. Gleich hinter der schönsten Dichterperiode konnte, sobald sich zwei Augen schlossen, auf einmal der falsche Geschmack einbrechen; welches, wenn Dichtkunst, Kunst und guter Geschmack ein Nationalmedium der römischen Denkart gewesen wäre, nie hätte sein können. Daß aber der Geist eines Horaz und Virgil mit nichten Geschmack des Publikums gewesen, dies zeigt des Horaz Brief von der Dichtkunst mit seiner ganzen Seele. Trotz aller Schmeicheleien der Dichter konnte August sein goldnes Rom nicht einen Augenblick zum Athen in Absicht auf Geschmack und schöne Fühlung, schaffen. –

Redekunst und Geschichte waren die Nationalprodukte des römischen Geistes, an denen sich ihr Geschmack bilden konnte, und an denen er sich auch tüchtig und stark den Griechen nachgebildet hat. Die ältesten Namen derer, die ihre Sprache übten, waren Geschichtschreiber; selbst Ennius schlug dahin, und die alten Tragiker gaben mehr Geschichte zur Anschaunng, als Gedicht. Cato kam bald und gab einen starken Druck auf Bürgerredekunst und Geschichte, bis Livius, Cicero, Sallust, Cäsar, den Geschmack, der etwa Römergeist heißen könnte, gleichsam feststellten. Die Dichtkunst blühte bei erster Muße des Staats jenen Früchten nach, und hat allerdings viel zur Bildung der Sprache und Philosophie der Römer beigetragen; nur aber als ein fremdes Gewächs, das eben nicht tief aus römischem Boden sproßte, noch auch dahin einwirkte. Der Geschmack der Römer war Geschichte oder ernste gesetzgebende Beredsamkeit, kurz That; so wie er bei den Griechen jene leichte Wirksamkeit gewesen war, die allem eine schöne Sinnlichkeit und einen süßen Wohlklang anschuf.

So lange also in Rom Veranlassungen waren, den echten Thaten-, Rede- und Geschichtgeist zu wecken: so wuchs auch der feste römische Geschmack. Die ersten Redner waren einfache, verehrte Obrigkeiten, Oberpriester, Feldherren, Censoren; ihre Beredsamkeit war aus dem Herzen, ihr Wort war That und Mut. Die ersten Geschichtschreiber Roms waren Chronikschreiber voll Stadt-und Bürger- und Familiengefühls, voll That und Wahrheit. Väterliche Majestät und das Gedächtnis der Vorfahren belebten alles. Aus dem Geiste ist Rom erwachsen; in dem Geiste konnten die Gracchen wüten, Cato donnern, Antonius fortreißen, bis Cicero sich endlich mit allem Wohlklange der Griechen schmückte. Thatvolle Rede war das Steuer, das ihr ruderndes Schiff lenkte, und Geschichte das weisheitsvolle Reisebuch, danach es gelenkt ward. Die Scipionen, Catonen, Sulla, Crassus, Lucullus, Brutus, Antonius, Pompejus, Cäsar waren Redner, Geschichtschreiber oder Freunde derselben; es war Geist des alten Roms. [134]

Da dieser Geist wich und das republikanische Rom unter das Joch der Monarchie kam; so hoch auch die Blumen und Kränze dieses Jochs gepriesen wurden, so wenig konnte doch ein zierlicher August und ein spielender Mäcenas mit allen ihren Geschenken das ersetzen, woraus Römergeist geworden war; das sieht man sogleich nach Augusts Tode. Ein argwöhnischer, neidiger Fuchs, ein Ungeheuer über das andere waren nun schöne Auguste; und die Geschichte hat's mit Blut und Thränen geschrieben, wozu jener echte Geschmack, der Sohn des alten Römergeistes, nun ward. Er ward als Rebell und Verräter angesehen: Ein Tyrann strafte den mit dem Leben, der ihm im äolischen Dialekt antwortete; der andere will den Homer verbannen; der dritte neuen Wörtern und Buchstaben das Bürgerrecht geben; der vierte dringt gereimte Verse und eine erbärmliche aber mit eigner Hand verfertigte Geschichte, als Muster auf; das war jetzt statt Römergeschmacks. Alles versinkt in Sklavenfurcht vor Lieblingen und Tyrannen; die wahre Geschichte schweigt und muß schweigen; wo irgend ein besseres Genie aufblickt, wenn es sich nicht wie Persius in ein unverständliches Dunkel hüllen will, muß es seinen bessern Geschmack und die Wahrheit mit dem Leben büßen. O ihr Mörder der menschlichen Freiheit, Unterdrücker der Gesetze des Staats und der Rechte eurer Mitbürger, an welchen Greueln der Nachwelt seid ihr schuldig! Wenn denn nun auch Ein August mit Ruhe, Geschmack und Milde zu regieren denkt, aber Tiberen, Calligulas, Claudius' und Neronen in seinem Geschlechte Platz macht, welche Folge von Unthaten und unwiederbringlichen Räubereien ruhet auf ihm!

Wo war nun die alte Römererziehung? jene ehrwürdigen Bilder der Vorfahren? die Freiheit, selbst den Censor und Diktator zu strafen? Das Leben in Geschäften, die Bildung für die Republik, Ehre und Wert im Wohl des Vaterlandes, die Macht darüber reden, ratschlagen, überreden, handeln zu dürfen – wo war das alles jetzt? In Üppigkeit und Schande, in Furcht und Elend war alles versunken, die Beredsamkeit staubigen Pedanten, die Erziehung den Sklaven, die Geschichte den Schmeichlern, das Wohl aller dem Wink des Tyrannen und der Raserei seines Lieblings überlassen. – Das vortreffliche Gespräch über den Verfall der römischen Beredsamkeit spricht hier, statt meiner, als Richter und Zeuge.

Man denke nicht, daß dies Zeitalter kein Gefühl seiner Krankheit gehabt habe, wie man ihm oft vorzubuchstabieren pflegt. Eben das genannte Gespräch über den Verfall der Beredsamkeit, desgleichen Quintilian u. a.entdecken die Quellen dieses Verfalls mit [135] bitterer Empfindung. Wer hat mehr und stärkere Stellen vom einreißendem übeln Geschmack, als Petronius? Plinius sagt treuherzig, daß die natürlichsten Stellen seiner Rede, die ihm die wenigste Mühe gekostet hätten, auch die wirksamsten gewesen sein. Selbst in Seneca sind Klagen über den Verfall des Geschmacks häufig, und Persius, Martial, Juvenal machen ja eben das zum Gegenstande ihrer empfindlichen Geißel, was ihnen doch oft selbst anhängt. Wie anders ist's aber, ein Übel bemerken, und es ausrotten; die Pest fühlen und ein ganzes Land von der Pest heilen.

Noch weniger glaube man, es habe den Leuten von Geschmack (wie man das Wort in einem schwatzenden Zeitalter nimmt) damals an Speise und Trank, an Dach und Fach gefehlt. Tiber hielt sich ja seine Akademie von Grammatikern, denen er's einst an einem Morgen antrug, eine Barbarei seines Mundes in ihre Schriften aufzunehmen, und also viel gnädiges Zutrauen zu seiner Akademie hegte. Claudius schrieb Bücher, eine Schutzschrift für den Cicero sogar, und hieß also gewiß ein Herr von Geschmack. Er sprach in Versen, erfand Buchstaben, erweiterte das Museum zu Alexandrien; er hieß also gewiß ein großer Beförderer der Wissenschaften. Nero raubte aus Griechenland alles Schöne, das er wegbringen konnte; er war also ein großer Liebhaber des Schönen und bereicherte Rom mit den schönsten Denkmalen der Kunst. Der sparsame Vespasian gab den griechischen und lateinischen Rhetoren Pensionen. Domitian ehrte den Quintilian, daß er sogar die Gnade hatte, ihm die Erziehung seiner Prinzen anzuvertrauen. Trajan schrieb an den Plinius wie Freund an Freund, und ließ jungen Leuten von Hoffnung nach ihrem Tode Statuen setzen. Der bereiste Hadrian war Kenner, Dichter, Gelehrter, Künstler: an seinem Hofe gab's Atellanische Spiele, Komödien, Rhetoren, Poeten, Geometer, Philosophen, denen er nach ihrem Tode selbst Grabschriften schrieb u. s. f. – Ferne, daß wir ein einziges Goldstäubchen verunglimpfen wollten, das je vom Thron in die Harfe eines Dichters, auf die Schrift eines Weisen gestreuet worden; das Körnchen Goldstaub macht aber nicht alles: vielmehr kann's die Harfe stumpf machen und der Schrift Farbe, Leben und Kraft nehmen. Nichts in der Welt kann ohne Anlässe und Triebe, ohne Wahrheit und rufendes Bedürfnis werden, was es werden soll; am wenigsten die edelste Gottesgabe, Geschmack und Genie. Nehmt diesen Baum, aus seinem Klima und Erdboden, aus seiner freien, hohen, milden Luft, und pflanzt ihn in die enge Luft des Treibhauses; so fängt er doch unvermerkt zu kränkeln an, und ehe man es glaubt, ist er dahin. Füttert dies kostbare, fremde Vieh außer seinem Element, ganz umsonst, in öffentlichen Gebäuden; es stirbt, trotz Speise und Trank, oder wird fett und abgeartet. Es pflanzt sich gar [136] nicht, oder äußerst mühselig fort, und ist langen, lebendigen Todes vermodert. So war's mit dem römischen Geschmacke, da auch er gefüttert werden mußte.

Traurig ist die Bemerkung, aber wahr, daß, sobald der Geschmack sein lebendiges Element verloren hat, ihn auch einzelne Regeln und gute Bemühungen nicht herstellen können. Quintilian predigte umsonst; Plinius und Tacitus in der kleinen besseren Zwischenzeit, auf die sie trafen, blieben immer noch sehr fern von der alten Kraft und Einfalt. Die Ursachen davon ergeben sich aus ihren Werken. In einer eigen angelegten Lobrede, wenn es auch auf einen Trajan wäre, kann sich so wenig Römerberedsamkeit zeigen; als in Briefen, die man für's Publikum schreibt und sammelt, der echte Briefgeist, gleichsam der Spiritus familiaris unsres Lebens atmen kann. Des Tacitus tiefsinnige, überladene Kürze ist offenbar nur zur Bedeckung seiner und seines Zeitalters Mängel. Wäre die Geschichte noch eine so offene, gemeine, republikanische Sache gewesen , als sie zu Sallusts und Livius' Zeiten war, so würde er gewiß nicht so raffiniert haben. In einer Republik, in der jeder am Ganzen Teil nahm und keiner solche Winkelzüge kannte, wäre er mit seinem Roman tiefer Bosheits- und Staatsgeheimnisse verachtet oder verlacht worden; er hätte ihn aber auch nicht geschrieben. Jetzt aber, da er alles aus fernen Zeiten der Tyrannei, der List, des Ohrenblasens herholte, nahm auch seine Geschichte unvermutet die Gestalt der Zeit an, die sie beschreibt. Sie flieht die offene Einfalt und liebt das Zulispeln des Harpokrates, mit dem Finger auf dem Munde, d. i. einen vieldeutigen, verborgnen und zusammengesetzten Charakter. Tacitus schreibt über schwarze, argwöhnische Zeiten auch argwöhnisch, schwarz und mit philosophischer Galle. Der liebe Quintilian schrieb seine Institutionen für seinen eignen Sohn aus Herzensgrunde; er konnte aber nicht ohne Wind segeln, er war Deklamator und Sachenführer statt eines Römers und Redners. Seneca wollte sein Zeitalter übertreffen, und übertraf's in spitzfindigem Scharfsinn und süßen Fehlern. Sein Weiser und freiwillig Armer wohnte in Palästen: seine Moral flog in Lüften, denn sie hatte auf der Erde keinen bestimmten Raum zu wirken. So war's mit den Produktionen, die noch näher am Zeitgeist hingen; die anderen, die jenem als Zierat folgten, konnten noch leichter des Weges verfehlen. Wie Seneca, der Tragiker, die Windsucht hat, weil er nämlich auf keiner Bühne eigentlich wirken konnte, was Sophokles in Athen gewirkt hatte; so hat Lucan's Muse die Wassersucht, weil seine Zeit wohl keine Heldenzeit war. Juvenals Satyr ward ein starker Waldfaun mit blutiger Geißel, weil der kleine, leichte, Satyr des Horaz jetzt nicht mehr taugte. Persius voller Genie, ward mit seiner Satire, was Tacitus mit seiner Geschichte damals geworden wäre, und [137] Silius betete Virgils Statue an, ohne seinen Dämon aus ihr zu erobern. Martial endlich pflückte unten am Parnaß, wenn auch in Morästen und Schandpfuhlen Blumen; das beste und leichteste, das er für sein witziges, üppiges Zeitalter thun konnte: denn oben in den Sturm hinauf, war's zu weit, auch zu gefährlich. Über das alles läßt sich nichts sagen, als: Fluch auf die Tyrannen, die mit den Kräften menschlicher Thätigkeit auch jeden edeln Schwung des menschlichen Geistes fesseln!

So schleppte sich die Zeit hinunter, bis die Barbaren andrangen und sich allmählich schon Sprachen, Sitten und Denkarten mischten. Im großen Römischen Reiche waren überall fremde Kriegsvölker: die Provinzen drängten sich mit Bürgerrecht und ohne Bürgerrecht und ohne Bürgergesinnung ins üppige Rom, ins erschöpfte, verlassene Italien; es war also eine Sprachenverwirrung. Die Kaiser liebten barbarische Tracht und barbarischen Geschmack; die römische Üppigkeit hatte schon, der griechischen Einfalt müde, das Ungeheuer des ägyptischen Geschmacks lange geliebt; unter den dreißig Tyrannen goß sich auch aus Asien ein verdorbener Geschmack hinüber; es ward also ein Taumelkelch von Sitten und Denkarten, wie von Völkern im römischen Reiche. Die Griechen verstanden unter Commodus den Homer nicht mehr, und die lateinische Sprache neigte sich zur Rustica Romana; alles ging endlich in die große barbarische Flut unter. Zufälligerweise trug von den Zeiten Hadrians und der Antonine an die christliche Religion auch ihren Teil zum allgemeinen Verfalle bei: denn da die Muster des alten, echten Geschmacks mit dem Systeme der Abgötterei verbunden waren, so mußten die Christen, wenn sie wider dies stritten, auch jenen zu schaden oder zu entweichen scheinen. Mit Götzentempeln verödeten sie auch schöne Statuen, und das Gift der Abgötterei schien ihnen auch im Honig der Dichtkunst ein zu gefährliches Gift. Ihre Religion sollte die Welt zu einem höhern, unsinnlichen Systeme läutern; vorerst ging also auch vieles von der schönen Sinnlichkeit unter, bis endlich die barbarische Form alles füllte.

Der Verfall des römischen Geschmacks hat also eine simple Geschichte. Dieser war aus Griechenland her und in Rom lange ein Fremdling; er hielt sich so lange, als es Boden und Luft und Wartung erlaubten; und währender Zeit nahm er eine harte, festere, die römische Gestalt an. Sturmwinde rissen bald, wie alles, so auch diese Pflanze aus der Erde, sie hielt eine Zeitlang am oberen Rasen, unter zufällig guten Umständen, und insonderheit an den Resten der wirklich großen Form Roms und ihrer vortreflichen Sprache; aber nur noch mit weniger Kraft und Wirkung. Der römische Geschmack war nur die kurze Blütenzeit gewesen, da Rom sich in seinem Thatengeiste zuerst mit sicherer Ruhe [138] und Majestät fühlte; Parteiengeist, Üppigkeit und Sklaverei vertilgten bald die schöne, dem Staat minder wesentliche Blüte. Wehe also uns, wenn der Wunsch unserer Grammatiker einträfe, die von keinen Mustern der Geschichte des Geschmacks, als von den gewöhnlich figurierenden römischen Zeitaltern, dem goldenen, silbernen, ehernen u. dergl. wissen. Des völlig Zufälligen, das nie wieder kommen kann, zu geschweigen, weissagen sie uns damit eine schleunige Verderbnis, Pestilenz und Tod auf den Rücken; das ihnen denn freilich nichts thäte, sobald man dabei nur Latein spräche.

 

III. Im neueren Europa ist man gewohnt, Leo dem Zehnten und den Medicis die Wiederherstellung des guten Geschmacks zuzuschreiben, und nichts ist wahrer, als dies, wenn man dabei nur Genie und Geschmack unterscheidet. Die Genies, die die Iitalienische Sprache in Dichtkunst und Prosa gebildet hatten, hatten auf die Medici nicht gewartet; sie hatten in trübseligen Zeiten das Werk ihres Berufs gethan, und auch noch zu Leos Zeiten wurde nicht Ariost, das große Genie, sondern die Lustigmacher und lateinischen Nachahmer belohnt. Da nun bekanntermaßen die Wiederhersteller der Wissenschaften und Künste, Lorenz von Medici, Politian, Bembo, Casa, selbst der große Michael Angelo, da Vinci u. s. w. allesamt Petrarchisten, und zwar zum Teil mit unter den mittelmäßigen Cinquecentisten waren: so sieht man, die Wiederherstellung des guten Geschmacks hatte längst im Verborgenen gearbeitet, ehe diese sogenannte goldene Zeit kam. Petrarca, Dante, Boccaccio, Cimabue, Giotto hatten längst gewirket; auch war in allen dunkeln Zeiten das Schöne und die Kunst nicht so ganz weggewesen von der Erde, wie man oft wähnt; aber die Mischung der barbarischen Ideen hatte sich zu tief und zu weit verbreitet, als daß sie plötzlich verschwinden konnte. Der Strom des guten Geschmacks floß hinter einer so tiefen Vorburg unter der Erde, daß er erst nach vielen vergeblichen kleinen Ausbrüchen im Ganzen vorstreben konnte, als es das Schicksal wollte. Und auf diesen Zeitpunkt, da Griechenland wieder nach Italien kam, trafen die Medici, und machten von dem, was in den dunkeln Jahrhunderten gesäet war, Ernte.

Weiß man also, was der Geschmack des Zeitalters war? woraus er sich bildete, neu bildete? wornach er strebte, so weiß man zugleich die Ursachen seines Verfalls. Die unvollkommene Genesis selbst schloß diese schon in sich.

Man fand die Alten wieder, reinigte und glättete nach ihrem Muster die Sprache, ahmte ihren Vortrag und ihre Kunst nach – eine schöne, beneidenswerte Periode! Nur das feine, scharfsinnige, unter [139] vieler Leidenschaft noch stille, tiefe Genie der Italiener konnte seine Vorahnen und die Lehrer derselben also nachahmen! Wenn's aber nur Nachahmung war; wie lange konnte das dauern? Bis es nachgeahmt war und man nun nicht mehr nachahmen konnte oder wollte. Das Werkzeug war poliert, nun hing man es auf, oder zerbrach's, oder ließ es rosten, um es aufs neue polieren zu können; – das ist, dünkt mich, die Geschichte des Italiänischen Geschmacks.

Bei den Griechen war der Geschmack Natur gewesen, ein Bedürfnis, eine Angelegenheit, wozu sie zu gewissen Zeiten und unter gewissen Umständen alles einlud; bei den Römern, obwohl in kürzerer Frist, und auf eine eingeschränktere, unvollkommenere Weise ebenfalls. In Italien jetzt ungleich weniger, als selbst in Rom. Die Alten nachzuahmen, damit sie nachgeahmt würden, und weil, sie nachzuahmen, doch schön sei, ist ein zu kalter, bebender Zweck. Sich von einem feinen freigebigen Kenner der Kunst belohnen zu lassen, noch ein kälterer. Mit den Alten zu wetteifern, ja sie neben ihren Werken zu übertreffen, wollte mehr sagen; ward aber von den wenigsten gesucht, und konnte nicht gesucht werden, weil nicht dieselben lebenden Antriebe da waren, die die Alten gehabt hatten, und doch immer die neuere Kunst nur bestimmt war, ein Kranz der Alten zu sein. Wozu z. B. die den griechischen Göttern und Helden nachgeahmten Bildsäulen jetzt? Etwa um Allegorien, Tugenden, Päpste, biblische Personen vorzustellen? war das im mindesten mit der griechischen Kunst vergleichbar? Der Künstler ward also nicht befeuert, der Lauf der Kunst nicht von lebendiger Geschichte, noch von edeln Bedürfnissen des Volks fortgestoßen; also auch nicht durch solche bestimmt und in Schranken gehalten; und siehe, darin lag schon der Verfall der Kunst. Wenn's nur Nachahmung war, so durfte man auch nicht, oder nur bis zu einem gewissen Grade nachahmen, d. i. man durfte ausschweifen, wohin man wollte. Weder Religion, noch Geschichte, noch Staat, noch der lebendige Geschmack des Volks gab einen engen, starken Trieb und diesem Triebe regelmäßige Schranken; die Kunst schwebte also wirklich in der Luft oder beruhte nur auf einem Hauche, in dem guten Willen des Künstlers und seiner Belohner.

Selbst die Künste, die eine nähere Bestimmung für ihre Zeit hatten, Malerei und Baukunst, bezeugen, was ich sage. Allerdings fanden sich im Staate und in der Religion mehr Gegenstände, Bedürfnisse und Anwendung, als die Bildnerei; noch aber konnten sie sich an sicherer Natur mit den Griechen nicht vergleichen. Nachahmung lag doch nur zum Grunde, nicht etwa ein ursprüngliches, erstes, dringendes Bedürfnis. [140] So lange also die vorstehenden Muster noch Reiz genug hatten, um Liebhaberei und Nacheiferung zu erwecken, wurden sie nachgeahmt und im ersten Feuer der Nacheiferung sehr glücklich. Als der Nachahmungen zu viel wurden, und selbst die glücklichen Nachahmungen schon verzagt machten: war es allerdings ein stumpferer Stachel, sich hinter hundert Nachahmern, vielleicht als der hundert und erste, bloß leidliche, Nachahmer aufgestellt zu sehen; man suchte sich also durch Originalität, d. i. durch Keckheit zu unterscheiden. Die Kunst hatte keine neuen, zum Guten und Bessern dringenden, lebendigen Zwecke, und gerade, was den ersten Malern geholfen hatte, das Licht der Neuheit, schreckte jetzt ab oder verführte. Man sah selbst das Schöne in seinen frappanten Zügen nicht mehr, weil man es zu oft sah; die gesättigte Henne ging über die Körner weg und hackte nach Farben. Es war nichts als Mangel des Bedürfnisses am guten Geschmacke, wodurch der gute Geschmack verdarb und ein schlechterer aufkam.

Die schöne lateinische und griechische Sprache waren als Werkzeuge des Schönen in der Wissenschaft freilich viel; was sind aber Werkzeuge, sobald sie selbst Zwecke werden? Wenn Bembo die venetianische Geschichte römisch schreibt, die doch nicht römisch gedacht und geführt war; wenn der Kardinal sich scheut, die Vulgata seiner Kirche zu lesen, um sich seinen Stil nicht zu verderben, und seinen allerheiligsten Vater selbst als einen römischen Grammatiker schreiben läßt, in dessen Qualität er doch nicht Briefe eines solchen Inhalts schreiben konnte: so sieht man das Spiel, die Disproportion zwischen Zweck und Werkzeug, den phantastischen Zwang. Und alles Spiel, aller Zwang, alle Phantasterei muß sich bald selbst auflösen. Über solche schöne Nachahmung der Alten ohne ihre Gedanken und Sitten war nun nichts möglich, als tote Gelehrsamkeit, Buchstabenkram, Akrosticha und Anagramme, die also auch alle folgten. Das siebzehnte Jahrhundert, folgte aufs sechzehnte, und noch unterliegt Italien, einem großen Teile nach, solchem Wuste. Die Samenkörner des guten Geschmacks sind in ihm aufgeschüttet; sie können also nicht Früchte tragen.

Der Verfall der Dichtkunst hat eben den Weg genommen. Da sie ganz idealisch war und am Geiste der Zeitbedürfnisse und Zwecke so wenig, als möglich, hing, so geriet ihr nächster Schritt immer ins Land des Abenteuers und des Übertriebnen. Das Jahrhundert des wiedererweckten griechischen Geschmacks, der doch überall auf Natur, Richtigkeit und Wahrheit führte, konnte daher neben allen den hohen Mustern und vortrefflichen Nachahmungen, von elenden Petrarchisten wimmeln, ja die Nachahmer [141] der Alten waren dies oft selbst; ein deutlicher Beweis, wie untief der damalige Geschmack war, um die ganze Natur und Seele in allem, und für alles griechisch zu bilden. Ariost kam und bauete ein Zauberschloß mit hundert Pforten in der Luft; denn einen Nationaltempel auf festem Boden konnte er nicht bauen; was drüber ging, ward natürlich Fratze und Märchen. Tasso ahmte im Lande der Phantasien kalt nach; Marino übertrieb – es konnte nicht anders werden. Ein englischer Kunstrichter meint, man könne sich den Geschmack an nichts so leicht, als an italienischen, zumal Liebes- und Schäfergedichten, verderben, und ich weiß nicht, ob er ganz Unrecht habe? Die wirksamste und natürlichste Dichtungsart, das Trauerspiel, hat daher in Italien nie Kräfte gewonnen: der Welsche schwebt mit seiner Musik, mit seiner Kunst, und auf gewisse Art selbst mit seiner Dichtkunst in der Luft, in einem Ideale, das ihn nie auf festen Boden kommen läßt. Der Grund davon, daß er nicht weiter kommt, ist, weil er schon so weit kam und nichts ihn dringet, etwas anderes zu werden.

So traurig dies auf der einen Seite scheint, so ist's auf der andern wiederum ein gutes Werkzeug in den Händen des Schicksals. Eben, weil die Italiener nur fanden, nur nachbildeten und nachahmten, dies aber auf eine Weise thaten, wie es keiner thun konnte, so idealisierten und imitierten sie, zwar nicht enge und tief genug für sich, aber gewissermaßen für ganz Europa. Sie haben alle Nachbarn gebildet, und die Samenkörner des Geschmacks über sie gestreuet; Ariost bildete Spenser, die italienische Satire den Rabelais, die Novellen den Shakespeare; die neue politische Philosophie der Italiener kam mit bittern Folgen zuerst nach Frankreich und von da weiter. Karl der Fünfte, und Franz der Erste eiferten an Kunst und Geschmack mit Italien und unter einander. Die Nachahmer der lateinischen Sprache keimten in allen Landen; Italien sollte durch seine Lage und durch alle seine Schicksale eine Vorratskammer der Materialien des guten Geschmacks für alle Welt werden, und ist's geworden.

 

IV. Ein neues Zeitalter des Geschmacks kam unter Ludwig XIV. wieder, auf das sich, mit Rücksicht auf die Verschiedenheit der Umstände, anwenden läßt, was bisher bei andern Nationen ist bemerkt worden. Wie jene war es durch Genies lange vorbereitet worden; Rabelais und Montaigne warteten auf keinen Ludwig; Corneille hatte Richelieu und die Akademie gegen sich; selbst die stärksten Genies waren nicht von der Hofsekte: Pascal, Fenelon, Rousseau, Lafontaine; und Racine hätte es weniger sein dürfen. Nicht also Genie, aber Geschmack konnte Ludwig wecken, da er auf und hinter ein Zeitalter der Genies traf. Um ihn lebte Anstand, [142] Thätigkeit, Glanz und Würde. Zu ihnen also bildete sich die Sprache; so handelte Ludwig und jeder ihm nach in seinem Kreise; eine Form der Eleganz nahm also der Geschmack in allen seinen Äußerungen an. Die Beredsamkeit, die nicht mehr fliegen konnte, regte wenigstens mit Anstand ihr Gefieder; das Theater, das nicht mehr wirken konnte, ward eine Bühne der Sitten, des Anstandes, der Philosophie, des Heroismus im Scheine. Die Künste, die keine Nationaltriebfeder mehr sein konnten, dienten dem Stolz des Königes und seinen Thaten. Wer nicht dichten konnte, machte schöne Verse, und wer nicht Geschichte schreiben konnte, deklamierte schön und zeichnete historische Gemälde. Die Sprache, der ihre Stärke, ihr Reichtum, ihre Fülle längst dahin war, bildete sich zum Ton der Gesellschaft, der Richtigkeit und des Wohlanstandes. Das war die Farbe vom Zeitalter Ludwigs, die seinen Quellen völlig gemäß war.

Die Verderbnisse mußten bald aus eben der Quelle kommen. Wenn die Wurzeln des Geschmacks nicht tief im Bedürfnis der Nation, in der Beschaffenheit ihrer Sitten lagen, wenn offenbar Ludwig keinen Geschichtschreiber seines Reichs hatte und haben konnte, wie Xenophon und Livius gewesen waren; wenn sein Theater der Nation das unmöglich sein konnte, was das Theater in Athen war oder sein sollte; wenn sein Bourdalone weder gegen, noch für ihn zu reden hatte, was Demosthenes gegen den Philippos für Athen sprach, und wahrscheinlich kein Grieche bei Bossuets erhabnem Madame est morte! Madame est morte! in Thränen zerflossen wäre: so wird offenbar, daß der glänzende Gesellschafts-, der edle Hofgeschmack, der damals allein regierte, sich auch als solcher, bald verderben mußte. Dasselbe Publikum, dieselben aufgeklärten und witzigen Kreise, die einst der Sprache Leichtigkeit, Reinheit, Anstand, verschafft hatten, gaben ihr auch gar bald einen kleinfügigen Witz, Spitzfindigkeit, und den elenden Geschmack durch Wendungen zu frappieren. Man verließ also, wie Fenelon, St. Mard, Racine und wer nicht mehr klagen, die simple Größe, die unzerstückte, zwanglose Natur, die edle Einfalt, und zerlegte den Gedanken so fein, so manierlich neugesagt und artig, bis kein Gedanke mehr da war. Was den Römern Seneca gewesen, ward Fontenelle; Lamotte ward Petron; der jüngere Crebillon mit seinem unerschöpflichen Märchenwitze brachte aus seinen Gesellschaften eine sinesische Puppe hervor, die üppig, fein und klein ist; Marivaux zerlegte die großen Charakterbilder des Moliere in Miniaturgemälde voller Sentiments. Die Akademie des guten Geschmacks lieferte, was sie liefern sollte, Komplimente; das Feld des Hofgeschmacks konnte nichts [143] anderes erzeugen. Unglückliche Schicksale der Regierung, von der zuletzt doch alles abhing, kamen dazu, die natürlicherweise alles sehr störten. Und da das Beste, das hervorgebracht ward, auf der Meinung eines engen Publikum, d. i. eines ausgesuchten Kreises sogenannter Kenner schwamm; so mußte das garstige Ungeheuer, Kabale, den Geschmack hier mehr verengen, aufhalten und verderben, als irgendwo, und jemals in andern Zeiten. Die üppige Erziehung, die Lebensart der Hauptstadt drang,weil alles auf einem Modegeschmack beruhte, bis auf Richter und Richterinnen, also auch auf Verfasser und Künstler hin; viele andere Sprößlinge zu geschweigen, die alle aus derselben Wurzel kamen. Ein Geschmack ist übel dran, so bald er nur Gesellschafts- oder Hofgeschmack sein kann und darf: gar bald wird er schwach; und da er dem Publikum vorgehn soll, bleibt er hinten.

Die größten Männer nach der Zeit, sehn wir, mußten diese alten Vorurteile durchbrechen, um nur freiere Luft zu atmen. Rousseau rief, wie aus der Wüste, hervor; und hätte dies nicht thun dürfen, wenn die Gegenseite nicht gar zu blühend gewesen wäre. Montesquieu, wie des Horaz Marcellus, erwuchs als ein edler Baum; allein auf seinem Raume; und noch hätte er manches nicht durch Esprit ersetzen wollen, wenn er seinen großen Gegenstand bestimmter hätte umfassen dürfen. Voltaire endlich ward wie Columbus groß, daß er außer dem Jahrhunderte Ludwigs noch eine Welt glaubte. Er schiffte ins Land der Feinde seines Nationalgeschmacks, nach England hinüber und raubte einen Brand von ihrem Feuer; er bildete sich außer den schönen Kreisen von Paris inter discrimina rerum und ward Voltaire. Das Land, das mehrere Muster von Leichtigkeit, Anstand, Richtigkeit (Précision) und Klarheit für ganz Europa aufgestellt hat, hat sich selbst vielleicht auf eine Zeitlang tiefe Originalempfindung erschwert. Das Licht ist in lichten Schimmer umher verbreitet, und flammt also in keine helle Flamme auf. Man steht zu dicht unter den Bildsäulen voriger Zeiten und liefert ihnen nur Postamente. So hatten die Ursachen des Geschmacks in Frankreich auch Samenkörner seines Verfalls in ihnen selbst.

 

Und nun gehe ich aus Bescheidenheit nicht weiter. Wir haben an den vier verschiedenen Perioden des Geschmacks genug gesehen, um die Wahrnehmungen in ihnen zu erkennen, dazu wir sie durchlaufen sind. Nähmlich:

Zeit des Geschmacks, sehn wir, ist unter allen Gestalten eine Folge [144] der Kräfte des Genies, wenn diese sich ordnen und regeln. So verschieden also die Zeiten sind, so verschieden muß auch die Sphäre des Geschmacks sein, obgleich immer einerlei Regeln wirken. Die Materialien und Zwecke sind zu allen Zeiten anders.

Kann nun keiner der Menschen Genies schaffen (sie keimen aus höheren und mehreren Veranlassungen oft sehr mißlicher Umstände hervor): so, sieht man, sind auch die goldenen Zeitalter des Geschmacks nie ganz Eines Menschen Wille. Sie sind in der Geschichte des menschlichen Geschlechts wie die konsonen Punkte der Saite: es müssen Dissonanzen zwischen liegen und auf jenen heben sich diese.

Mithin wird das Rätsel erklärt, warum die großen Männer immer zusammen leben, was sich aus mechanischer Nacheiferung, Belohnung, aus dem Klima u. dgl. nur äußerst unvollkommen auflösen läßt; sie sind nämlich alle insgesamt nichts als der konsone Punkt Einer Saite. Die Dissonanzen sind erschöpft, die Zeitalter halber und ganzer Barbarei, leerer Versuche, über einander gestürzter Riesenarbeiten sind vorbei; man fängt an natürlich zu ordnen, mit offnen Augen umherzusehn und mit geregelten Kräften zu wirken; die menschliche Seele kommt in den Wohlklang. Da sind denn alle Künste verschwistert, sie folgen schnell und bald auf einander, und sind im Grunde nur Eine Kunst. Da fehlen sodann weder Mäcene noch Maronen; in einem gewissen Kreise auch sehr verschiedener Beschäftigungen tönt's konson.

Der Verfall des Geschmacks wird also auch solch ein Naturphänomenon, als seine Entstehung war, ja in dieser liegen schon die Anlagen zu jenem. Alles nämlich unter dem Monde ist vorübergehend: lassen nun die guten Veranlassungen nach, so treten schlechte an die Stelle, und der Geschmack sinkt.

Wer also auf die Geschichte des Geschmacks wirken will, muß auf seine Veranlassungen wirken: er pflege den Baum nicht am Gipfel, oder an der Blüte, sondern in der Wurzel. Wer eine goldene Zeit schaffen will, schaffe erst Veranlassungen zu goldnen Zeiten; diese kommen von selbst. Wer den Geschmack bessern oder sichern will, schaffe die Ursachen des Schlammes weg, wodurch er sich trübt, oder sichre die Stützen, die sein Gebäude erhalten; sonst ist seine Arbeit vergeblich.

Je tiefer die Veranlassungen des guten Geschmacks liegen, desto wahrer ist auch seine Natur, desto fester und länger seine Dauer. So war's im Griechenland, wo der Geschmack Nationalblüte war, und zu gewisser Zeit unter den Edeln in Rom. Das alte Griechenland ist nie wiedergekommen; also hat auch der Geschmack nie mehr so tief gefaßt, [145] so lange gedauert. Bei uns ist er nur immer auf der Oberfläche der Nation gewesen.

In der Natur ist aber nichts müßig; Kräfte gehen nie verloren; alle Zerstörung ist nur scheinbar. So auch mit dem Geschmack: er ist nur Phänomenon und kann nur als Phänomenon leiden. Das Uhrwerk der Natur wirkt gleich weiter fort zum Guten; denn nur das Unvollkommene, das Eingeschränkte (wie diese ganze Geschichtabhandlung zeigt) zerstört sich: das gewirkte Vollkommene bleibt, wird immer lauterer und wirkt auf einer weiteren Fläche weiter. Selbst die neuerzeugten Fehler wirken ein höheres Gute: sie sind Dissonanzen zu einem höheren Wohlklange.

Nie also müssen wir, hinter dem, was gethan ist, stehen bleiben und verzweifeln. So lange die Natur Genies weckt, bereitet sie auch Perioden des Geschmacks, und das geschieht in wechselnden Intervallen von Land zu Lande, von Zeiten zu Zeiten. Sind einmal die Spensers, Shakespeares, Miltons einer Nation da; die Steele, Pope und Addison werden zu ihrer Zeit nicht ausbleiben. Vielleicht arbeitet Deutschland jetzt unter Trümmern und zerfallenden Riesenwerken einem Zeitalter des philo­sophischen Geschmacks entgegen, zu dem jetzt alles, Fehler und Tugenden, Theorie und Übung, sie mögen noch so blind gegen einander stoßen, das Seine beiträgt.

Geschmack ist aber nur Phänomenon; und wie ihn die Natur höheren Zwecken untergeordnet hat, so sollen's auch ihre Diener und Statthalter, die Menschen. Wer einen Menschen ans Kreuz schlägt, um ihn, der Kunst zu gut, sterben zu sehen, ist ein Bösewicht, und wer Rom in Brand steckt, um den Brand von Troja zu singen, ein Nero, der zuletzt doch als ein Narr und Verzweifelnder, qualis artifex pereo! sterben mußte, und in seinem Leben gehaßt oder verlacht ward. Wir sind geboren, Glückseligkeit der Menschen zu schaffen; das Genie schafft der Schöpfer, und aus mehreren Versuchen des Genies bildet sich der Geschmack von selbst. Wir müssen nur, wie Ärzte oder Hebammen (nach Sokrates Gleichnis) der immer schaffenden, bildenden, regelnden und wieder zerstörenden Natur folgen.