BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Paul Cauer

1854 - 1921

 

Deutsches Lesebuch für Prima

 

Zweite Abteilung

 

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42.

Schreiben einer Dame

an ihren hitzigen Freund.

Von Justus Möser.

 

Patriotische Phantasien (1778-1786). Herausgegeben von Reinhard Zöllner (Leipzig 1871.) II S. 168 ff. [Text in Justus Mösers Sämmtlichen Werken, IV. Band, Patriotische Phantasien, Berlin 1798 bei Google]

 

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Verzeihen, will ich Ihnen gern, mein lieber Freund, und zwar vom Grunde meines Herzens; aber Ihre Entschuldigung „daß Ihre polternde Hitze ein Naturfehler sei, den man übersehen müsse“ lasse ich durchaus nicht gelten. Denn einesteils ist es noch gar nicht ausgemacht, daß es eben so wohl gebrechliche Seelen, als gebrechliche Körper gebe: und andernteils, wenn es auch einige Seelen geben sollte, die von Natur Krüppel wären, so glaube ich doch nicht, daß man solche Geisteskrüppel mit ebendem christlichen Mitleiden ertragen müsse, womit man einen von Natur schielenden Menschen zu ertragen verbunden, ist. Endlich setzt man auch den körperlichen Fehlern noch wohl etwas entgegen, und schient ein schwaches Bein, was zu hinken drohet; daher es drittenteils höchst schädlich sein würde, dergleichen von Natur mangelhafte Seelen ohne Hilfe oder ohne Schienen, wenn ich es so ausdrücken mag, zu lassen; und woher wollen Sie Schienen für die Seele suchen, wenn Sie solche nicht aus dem Zorn, dem Unwillen, und der Verachtung nehmen, womit man dergleichen natürliche Fehler der Seelen bestraft? Wie sehr würden diese immer mehr und mehr ihrem übeln Hange folgen, wenn man die Narren bedauerte, daß sie von Natur nicht recht gescheit waren, oder mit den Hitzigen Mitleid hätte! Hier muß man nicht ablassen mit wohlthätigem Strafen und Ermahnen, und so wie man der Kinder Seelen mit Fluchen und Segnen, mit Strafen und Belohnungen und mit allen Spann- und Sperrhölzern, die nur möglich sind, umgiebt, um sie gerade zu ziehen, und vor dem Überschlagen zu bewahren: so muß man auch des Mannes Seele, wenn sie eine Unart angenommen hat, so lange hämmern, bis sie einen reinen Schlacken giebt.

Wenn es jemals einen Naturfehler an der menschlichen Seele gegeben hat, so ist es gewiß die gar zu große Begierde, welche wir haben, unsern Gegnern eine absurde Folge ihrer Behauptungen zu zeigen. Auch ich fühle diese Schwäche so stark, wie ein anderer, und habe ihr vielleicht schon zu viel nachgegeben, da ich Ihnen jetzt auf gewisse Weise das Absurde Ihrer Entschuldigung gezeigt habe. Aber was würde daraus werden, wenn man gegen diesen Fehler gar nicht auf seiner Hut wäre; wenn man immer sogleich nach einer Instanz haschte, womit man seinen Gegner so recht bei der Nase ins Narrenspital führte, und dieser einen mit noch größerer Erbitterung ins Tollhaus schickte? Würde es nicht eine Marter sein, in Gesellschaft zu gehen, und würde man nicht in beständiger Angst zittern müssen, daß sich die lieben Männer und Herrn Collegen beim Kragen fassen würden?

Ich will indessen damit nicht sagen, daß man diese Manier der Widerlegung ganz verlassen solle; nein, sie ist die kürzeste und treffendste unter allen, wenn sie glücklich gebraucht wird, und eigentlich bei Hofe zu Hause, wo man die Syllogismen in forma haßt. Ich wollte Ihnen nur damit zu erkennen geben, daß man seinen Gegner nicht sogleich im Triumph und mit aller Bitterkeit einer Rechthaberei ins Tollhaus schicken müsse; teils weil es beleidigend ist, teils weil man sich auch selbst in der Geschwindigkeit verfehlen, und eine bittere Instanz machen kann, die durch eine noch bittrere gehoben wird. Der berüchtigte Lord Rochester fuhr einmal in einer Mietkutsche aus der Komödie, und wie der Kutscher beim Empfang seines Fuhrlohns sah, daß er den Lord gefahren hatte, sagte dieser zu ihm: „Wenn ich das gewußt hätte, in die Hölle hätte ich Sie fahren wollen.“ „O“, antwortete der Lord: „so hättest du Narr ja mit deinen Pferden zu erst hinein müssen.“ „Phau!“ schrie der witzigere Kutscher, „ich würde Eure Herrlichkeit rückwärts hineingeschoben haben (I should have backed in your Lordship).“ So übel kann man oft mit einer dem Anscheine nach ganz guten Instanz anlaufen.

Ihr erster hitziger Ausdruck war: dasjenige, was Sie anführten, sei so klar wie die Sonne; und der Schluß, den die ganze Gesellschaft daraus machen sollte, war natürlicher Weise dieser: daß ihr Gegner stockblind sein müßte. Ob Sie Recht oder Unrecht hatten, bedarf keiner Untersuchung, denn über die Sache streiten wir nicht, sondern nur über die Manier des Vortrags. Aber fragen Sie sich selbst, ob es Ihr Wille war, der Gesellschaft einen so übeln Begriff von Ihrem Gegner zu geben? War er's nicht, wie ich versichert bin, wozu denn diese Heftigkeit? Und wenn nun die Gesellschaft gedacht hätte, es fehle Ihnen an dem Gefühl des Anständigen, was zu einem freundschaftlichen Streite erfordert wird, oder wohl gar an einer guten Erziehung: würde Ihnen dieses angenehm gewesen sein? Gewiß auch nicht; und so haben Sie Ihren Gegner wider ihren Willen und wider Ihren eigenen Vorteil mißhandelt.

Ihr zweiter hitziger Ausdruck war: Sie wollten es der ganzen Welt zur Beurteilung überlassen. Hier kam Ihr Gegner auf einen noch schlimmeren Posten zu stehen. Denn ein Mann, der einzeln in seiner Art zu denken ist, und die ganze Welt gegen sich hat, ist gewiß der größte Sonderling, wo nicht ein sonderbarer Narr; und im Grunde ist denn doch eine Berufung auf das Urteil der ganzen Welt eine bloße Fanfaronnade: man weiß wohl, daß solches nicht zu erhalten steht. Meine kleine Nachbarin à la Circassienne sagte mir ins Ohr: in einer so großen Versammlung würde gewiß ein Schisma entstehen, und der Himmel möchte sich der jetzigen Kopfzeuger erbarmen , wenn die große Welt so hitzig würde, wie die kleine jetzt in meinem Zimmer ... Den Spott zogen Sie sich zu, ohne es zu wissen und zu wollen.

Immer sprachen Sie von gesunder Vernunft, und dem schlichten Menschenverstande, womit man Ihr Recht einsehen könne; Sie sagten, es könne nicht anders sein, und Sie wollten kein Wort mehr darum verlieren, und schwiegen dann zuzeiten mit Verachtung. O! wenn Sie gesehen hätten, wie wir armen Weiber, die wir mit dem frohesten Herzen, uns mit unsern lieben Männern zu ergötzen, zusammengekommen waren, bei dergleichen Scenen zitterten; wenn Sie gesehen hätten, wie oft der Frau Ihres Gegners das Blut ins Gesicht stieg, wenn Sie auf jene Art Ihren Mann für stockblind oder für unverständig erklärten! wenn Sie gesehen hätten, wie Ihre eigne liebe Frau eine heimliche Thräne nach der andern vergoß! wenn Sie die bedeutenden Seitenblicke unserer jungen Fräulein, das unvermerkte Achselzucken der jungen Herren, das räuspernde Item, das Bestreben, etwas vorzubringen, wobei man das Gezänk nicht hören sollte, und alle die verunglückten Mittel Ihnen den Streitpunkt zu verschieben, bemerkt hätten: wahrlich, Sie würden eine solche Schiene um Ihre Seele empfangen haben, die auch der größte Naturfehler derselben nicht hätte zerbrechen sollen!

Und was ward nun am Ende aus dem allen? Ich ließ die Karten eine halbe Stunde früher geben, um den ungeschickten Streiter mit einer Puppe zu beschäftigen, und Sie verspielten mit glühenden Wangen und zankenden Augen eine Zeit, die wir des Tags vorher zu einer weit edlern Ergötzung ausgesucht hatten. Die Wahrheit aber gewann nichts dabei, und vielleicht schmollen Sie heute und morgen noch im Kauf gegen ihren Freund, der doch weiter nichts that, als daß er gelassen sagte: ihm käme die Sache, welche Sie blau fänden, etwas grünlich vor, oder schiene ihm ins Grüne zu fallen, und ihn deuchte, man könne sie auch zur Not für grün ansehen. So bescheiden war er in dem Vortrage der Zweifel, die Sie so hitzig zu widerlegen suchten.

O mein lieber würdiger Freund, Sie sind gewiß ein Mann, dem niemand seine großen Verdienste abspricht; man läßt Ihren Einsichten, Ihrem Eifer und Ihrer Redlichkeit die vollkommenste Gerechtigkeit widerfahren; man widerspricht Ihnen oft nur, um sich von Ihnen belehren zu lassen und die starken Gründe zu hören, womit Sie jede Wahrheit in ein neues Licht zu setzen wissen; warum wollen Sie alle diese großen und edlen Vorzüge durch Ihre aufbrausende Hitze verderben? warum wollen Sie diesem Naturfehler Entschuldigungen bereiten und sich dadurch des einzigen Mittels berauben, womit er noch einigermaaßen gemäßiget werden kann? Von mir müssen Sie wenigstens nicht fordern, daß ich Entschuldigungen annehmen soll. Nein, das müssen Sie nicht; ich will Ihnen vielmehr jedesmal, so wie ich heute gethan habe, meinen ganzen Unwillen zeigen, damit Sie davon den lebhaftesten Eindruck nehmen, und zur Zeit der Gefahr einen Erretter haben mögen. Ich will, wenn wir in Gesellschaft zusammen sind und ich sehe, daß Sie sich von Ihrer Hitze übermeistern lassen, meinen Crapaud schnurren lassen, und dann schlage dieses Geräusch wie ein Donner in die Bratpfanne, die den besten Braten immer verbrennen läßt! Ich wünsche indessen doch, daß er Ihnen mit dieser Crême à la Sultane wohlschmecken möge, und wenn Sie heute kommen, um die Rute zu küssen, womit Sie gestäupt sind: so sollen Sie an mir eine eben so warme Freundin finden, als Sie ein hitziger Fechter ... gewesen sind.

Amalia.