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Annette von Droste-Hülshoff
Das geistliche Jahr
 


 






 



D a s  g e i s t l i c h e  J a h r

in Liedern
auf alle Sonn- und Festtage


________________________

 

Am ersten Sonntage
nach h. drey Könige


Ev.: Jesus lehrt im Tempel.
[Luc. 2, 42-52]


Und sieh ich habe dich gesucht mit Schmerzen,
Mein Herr und Gott wo werde ich dich finden?
Ach nicht im eignen ausgestorbnen Herzen
Wo längst dein Ebenbild erlosch in Sünden,
5
Da tönt aus allen Winkeln, ruf ich dich,
Mein eignes Echo wie ein Spott um mich.

Wer einmahl hat dein göttlich Bild verloren,
Was ihm doch eigen war wie seine Seele,
Mit dem hat sich die ganze Welt verschworen,
10
Daß sie dein heilig Antlitz ihm verhehle.
Und wo der Fromme dich auf Tabor sehaut,
Da hat er sich im Thal sein Haus gebaut.

So muß ich denn zu meinem Graun erfahren
Das Räthsel, das ich nimmer konnte lösen,
15
Als mir in meinen hellen Unschuldsjahren
Ganz unbegreiflich schien was da vom Bösen,
Daß eine Seele, wo dein Bild geglüht,
Dich gar nicht mehr erkennt wenn sie dich sieht.

Rings um mich tönt der klare Vogelreigen:
20
«Horch auf, die Vöglein singen seinem Ruhme!»
Und will ich mich zu einer Blume neigen:
«Sein mildes Auge schaut aus jeder Blume.»
Ich habe dich in der Natur gesucht,
Und weltlich Wissen war die eitle Frucht!

25
Und muß ich schauen in des Schicksals Gange,
Wie oft ein gutes Herz in diesem Leben
Vergebens zu dir schreit aus seinem Drange,
Bis es verzweifelnd sich der Sünd ergeben,
Dann scheint mir alle Liebe wie ein Spott,
30
Und keine Gnade fühl' ich, keinen Gott!

Und schlingen sich so wunderbar die Knoten,
Daß du in Licht erscheinst dem treuen Blicke,
Da hat der Böse seine Hand geboten
Und baut dem Zweifel eine Nebelbrücke,
35
Und mein Verstand, der nur sich selber traut,
Der meint gewiß sie sey von Gold gebaut!

Ich weiß es, daß du bist, ich muß es fühlen,
Wie eine schwere kalte Hand mich drücken,
Daß einst ein dunkles Ende diesen Spielen,
40
Daß jede That sich ihre Frucht muß pflücken;
Ich fühle der Vergeltung mich geweiht,
Ich fühle dich, doch nicht mit Freudigheit.

Wo find ich dich in Hoffnung und in Lieben!
Denn jene ernste Macht, die ich erkoren,
45
Das ist der Schatten nur, der mir geblieben
Von deinem Bilde, da ich es verloren.
O Gott, du bist so mild, und bist so licht!
Ich suche dich in Schmerzen, birg dich nicht!

 
Fastnacht

Ev.: Vom Blinden am Wege.
[Luc. 18, 31-43]


     Herr, gieb mir, daß ich sehe!
Ich weiß es, daß der Tag ist aufgegangen;
Im klaren Osten stehn fünf blutge Sonnen,
Und daß das Morgenroth mit stillem Prangen
5
Sich spiegelt in der Herzen hellen Bronnen;
Ich sehe nicht, ich fühle seine Nähe.
     Herr, gieb mir, daß ich sehe!

     Und wie ich einsam stehe:
Sich um mich regt ein mannigfaches Klingen;
10
Ein Jeder will ein lichtes Plätzchen finden,
Und alle von der Lust der Sonnen singen.
Ich nimmer kann die Herrlichkeit ergründen,
Und wird mir nur ein unergründlich Wehe.
     Herr, gieb mir, daß ich sehe!

15
     Wie ich die Augen drehe,
Verlangend, durch der Lüfte weite Reiche,
Und meine doch ein Schimmer müsse fallen
In ihrer armen Kreise öde Bleiche,
Weil deine Strahlen mächtig doch vor Allen:
20
Doch fester schließt die Rinde sich, die zähe.
     Herr, gieb mir, daß ich sehe!

     Gleich dem getroffnen Rehe
Möcht ich um Hülfe rennen durch die Erde;
Doch kann ich nimmer deine Wege finden.
25
Ich weiß, daß ich im Moor versinken werde,
Wenn nicht der Wolf zuvor verschlang den Blinden;
Auch droht des Stolzes Klippe mir, die jähe.
     Herr, gieb mir, daß ich sehe!

     So bleib' ich auf der Höhe,
30
Wo du zum Schutz. gezogen um die Deinen
Des frommen Glaubens zarte Aetherhalle
Worin so klar die rothen Sonnen scheinen,
Und harre, daß dein Thau vom Himmel falle,
Worin ich meine kranken Augen bähe.
35
     Herr, gieb mir, daß ich sehe!

Wie sich die Nacht auch blähe,
Als sey ich ihrer schwarzen Macht verbündet,
Weil mir verschlossen deine Strahlenfluthen:
Hat sich doch ihre Nähe mir verkündet,
40
Empfind ich doch, wie lieblich ihre Gluthen!
So weiß ich, daß ich nicht vergeblich flehe.
     Herr, gieb mir, daß ich sehe!

     Und wie mich Mancher schmähe,
Als soll' ich nie zu deinem Strahl gelangen,
45
Dieweil ich meine Blindheit selbst verschuldet,
Da ich in meiner Kräfte üppgem Prangen
Ein furchtbar blendend Feuerlicht geduldet,
Mir sey schon recht, und wer gesät der mähe:
     Herr, gieb mir, daß ich sehe!

50
     Herr, wie du willst, geschehe!
Doch nicht von deinem Antlitz will ich gehen;
ln diesen Tagen wo die Nacht regieret,
Will ich allein in deinem Tempel stehen
Von ihrem kalten Zepter unberühret,
55
Ob ich den Funken deiner Huld erspähe.
     Herr, gieb mir, daß ich sehe!

     Daß mich dein Glanz umwehe.
Das fühl' ich wohl durch alle meine Glieder,
Die sich in schauderndem Verlangen regen.
60
O milder Herr, sieh mit Erbarmen nieder!
Kann ein unendlich Flehn dich nicht bewegen?
Ob auch der Hahn zum drittenmahle krähe,
     Herr, gieb mir, daß ich sehe!

 
Am vierten Sonntage
in der Fasten
Josephsfest


[Ev.: Matth. 1, 18-21]

Gegrüßt in deinem Scheine,
Du Abendsonne reine,
Du alter Lilienzweig!
Der du noch hast getragen
5
In deinen grauen Tagen
So mildes Blüthenreich!

Je mehr es sich entfaltet,
Zum Ehrenkranz gestaltet,
Der deine Stirn umlaubt:
10
Jemehr hast du geneiget,
In Ehrfurcht ganz gebeuget
Dein gnadenschweres Haupt.

Wie ist zu meinem Fromme
Dein freundlich Fest gekommen
15
In diese ernste Zeit?
Ich war fast wie begraben:
Da kömmst du mich zu laben.
Mit seltner Freudigkeit.

Zu dir will ich mich flüchten,
20
Mein scheues Leben richten,
O Joseph, milder Hauch!
Du hast gekannt die Fehle
In deiner starken Seele,
Und die Vergebung auch!

25
Was hast du nicht geduldet,
Da in Geheim verschuldet
Maria dir erschien?
Und konntest ihr nicht trauen,
Worauf die Himmel bauen,
30
Und hast ihr doch verziehn!

Und da du mußtest scheiden
Mit deinen lieben Beyden:
Wie groß war deine Noth!
Die Wüste schien dir lange;
35
Doch war vom Untergange
Dein liebes Kind bedroht.

Und da er glanzumkrönet:
Wie bist du nicht gehöhnet
Um seine Gotteskraft!
40
Wie mag, den Groll zu laben,
Dich nicht gelästert haben
Die arge Priesterschaft!

Und gar, wenn gottdurchdrungen
Dich grüßten fromme Zungen
45
Und priesen laut und weit:
Wie hast du nicht in Zagen
An deine Brust geschlagen
In deiner Sündlichkeit!

So hast du viel getragen,
50
Unendlich viele Plagen,
Mit freundlicher Geduld,
Und ist in all den Jahren
Manch' Seufzer dir entfahren
Und manche kleine Schuld.

55
Du frommer Held! im Glauben,
Den schrecklich dir zu rauben
Sich alle Welt verband:
Hast können nicht erhalten
Ein unbeflecktes Walten
60
An deines Jesu Hand.

Was soll ich denn nicht hoffen,
Da noch der Himmel offen,
Und meine Seele still?
Will sich die Gnade nahen:
65
Ich kann sie wohl emphahen,
So Gott mir helfen will.

Zerrissen in den Gründen
Bin ich um meine Sünden,
Und meine Reu ist groß.
70
O hätt' ich nur Vertrauen,
Die Hütte mein zu bauen
In meines Jesu Schoos!

 
Am fünften Sonntage
in der Fasten


Ev.: Die Juden wollen Jesum steinigen.
[Joh. 8, 46-56]


Die Propheten sind begraben!
     Abraham ist todt!
Millionen, Greis und Knaben,
     Und der Mägdlein roth,
5
Viele, die mir Liebe gaben,
     Denen ich sie bot,
Alle, alle sind begraben!
     Alle sind sie todt!

Herr, du hast es mir verkündet,
10
     Und dein Wort steht fest,
Daß nur der das Leben findet,
     Der das Leben läßt.
Ach, in meiner Seele windet
     Es sich dumpf gepreßt;
15
Doch, du hast es mir verkündet,
     Und dein Wort steht fest!

Aber von mir selbst bereitet,
     Leb ich oft der Pein,
Alles scheint mir wohl geleitet,
20
     Und der Mensch allein,
Der dein Ebenbild bedeutet,
     Jammervoll zu seyn;
Sieh, so hab' ich mir bereitet
     Namenlose Pein.

25
Hab ich grausend es empfunden,
     Wie in der Natur
An ein Fäserchen gebunden,
     Eine Nerve nur,
Oft dein Ebenbild verschwunden
30
     Auf die letzte Spur:
Hab' ich keinen Geist gefunden,
     Einen Körper nur!

Seh ich dann zu Staub zerfallen,
     Was so warm gelebt,
35
Ohne daß die Muskeln wallen,
     Eine Nerve bebt,
Da die Seele doch an Allen
     Innig fest geklebt,
Möcht ich selbst zu Staub zerfallen,
40
     Daß ich nie gelebt!

Schrecklich über alles Denken
     Ist die dumpfe Nacht,
Drinn sich kann ein Geist versenken.
     Der allein gedacht,
45
Der sich nicht von dir ließ lenken,
     Helle Glaubensmacht!
Ach, was mag der Finstre denken
     Als die finstre Nacht!

Meine Lieder werden leben,
50
     Wenn ich längst entschwand.
Mancher wird vor ihnen beben,
     Der gleich mir empfand.
Ob ein Andrer sie gegeben,
     Oder meine Hand!
55
Sieh, die Lieder durften leben,
     Aber ich entschwand!

Bruder mein, so laß uns sehen
     Fest auf Gottes Wort,
Die Verwirrung wird vergehen,
60
     Dies lebt ewig fort.
Weißt du wie sie mag entstehen
Im Gehirne dort?
Ob wir einst nicht lächelnd sehen
     Der Verstörung Wort,

65
Wie es hing an einem Faden,
     Der, zu hart gespannt,
Mit entflammtem Blut beladen
     sich der Stirn entwand?
Flehen wir zu Gottes Gnaden,
70
     Flehn zu seiner Hand,
Die die Fädchen und die Faden
     Liebreich ausgespannt.

 
Am Charsamstage

Tiefes, ödes Schweigen,
Die ganze Erd' wie todt!
Die Lerchen ohne Lieder steigen,
Die Sonne ohne Morgenroth.
5
Auf die Welt sich legt
Der Himmel matt und schwer,
Starr und unbewegt,
Wie ein gefrornes Meer.
O Herr, erhalt' uns!

10
Meereswogen brechen,
Sie toben sonder Schall;
Nur die Menschenkinder sprechen,
Doch schaurig schweigt der Widerhall.
Wie versteinet steht
15
Der Aether um uns her;
Dringt wohl kein Gebeth
Durch ihn zum Himmel mehr.
O Herr, erhalt' uns!

Sünden sind geschehen,
20
Für jedes Wort zu groß,
Daß die Erde müßt vergehen,
Trüg sie nicht Jesu Leib im Schooß.
Noch im Tod' voll Huld
Erhält sein Leib die Welt,
25
Daß in ihrer Schuld
Sie nicht zu Staub zerfällt.
O Herr, verschon' uns!

Jesus liegt im Grabe,
Im Grabe liegt mein Gott!
30
Was ich von Gcdanken habe,
Ist doch dagegen nur ein Spott.
Kennt in Ewigkeit
Kein Jesus mehr die Welt?
Keiner der verzeiht,
35
Und Keiner der erhält?
O Herr, errett' uns!

Ach, auf jene Frommen,
Die seines Heils geharrt,
Ist die Glorie gekommen
40
Mit seiner süßen Gegenwart.
Harrten seiner Huld:
Vergangenheit die Zeit,
Gegenwart Geduld,
Zukunft die Ewigkeit.
45
O Herr, erlös' uns!

Lange, lange Zeiten
In Glauben und Vertraun,
Durch die unbekannten Weiten
Nach unbekanntem Heil' sie schaun.
50
Dachten sich so viel,
Viel Seligkeit und Pracht.
Ach, es war wie Spiel,
Von Kindern ausgedacht.
O Herr, befrey uns!

55
Herr, ich kann nicht sprechen
Vor deinem Angesicht!
Laß die ganze Schöpfung brechen,
Diesen Tag erträgt sie nicht.
Ach, was naht so schwer,
60
Ist es die ewge Nacht,
Ist's ein Sonnenmeer,
In tausend Strahlenpracht?
O Herr, erhalt' uns!

 
Am Pfingstsonntage

[Epistel: Apostelg. 2, 1-11]

Still war der Tag, die Sonne stand
So klar an unbefleckten Tempelhallen;
Die Luft in Orientes Brand
Wie ausgedorrt, ließ matt die Flügel fallen.
5
Ein Häuflein sieh, so Mann als Greis,
Auch Frauen, knieend; keine Worte hallen,
Sie bethen leis.

Wo bleibt der Tröster, treuer Hort,
Den scheidend doch verheißen du den Deinen?
10
Nicht zagen sie, fest steht dein Wort,
Doch bang und trübe muß die Zeit wohl scheinen.
Die Stunde schleicht; schon vierzig Tag
Und Nächte harrten wir in stillem Weinen
Und sahn dir nach.

15
Wo bleibt er? wo nur? Stund an Stund,
Minute will sich reihen an Minuten.
Wo bleibt er denn? - und schweigt der Mund:
Die Seele spricht es unter leisem Bluten.
Der Wirbel stäubt, der Tieger ächzt
20
Und wälzt sich keuchend durch die sandgen Fluthen,
Sein Rachen lechzt.

Da, horch, ein Säuseln hebt sich leicht!
Es schwillt und schwillt, und steigt wie Sturmes Rauschen.
Die Gräser stehen ungebeugt;
25
Die Palme starr unfl staunend scheint zu lauschen.
Was zittert durch die fromme Schaar,
Was läßt sie bang und glühe Blicke tauschen?
Schaut auf! nehmt wahr!

Er ists, er ists; die Flamme zuckt
30
Ob jedem Haupt; welch wunderbares Kreisen,
Was durch die Adern quillt und ruckt!
Die Zukunft bricht; es öffnen sich die Schleusen,
Und unaufhaltsam strömt das Wort,
Bald Heroldsruf und bald im flehend leisen
35
Geflüster fort.

O Licht o Tröster, bist du, ach!
Nur jener Zeit, nur jener Schaar verkündet?
Nicht uns, nicht überall, wo wach
Und trostesbaar sich eine Seele findet?
Ich schmachte in der schwülen Nacht;
O leuchte, eh das Auge ganz erblindet!
Es weint und wacht.

 
Am Pfingstmontage

[Ev.:] «Also hat Gott die Welt geliebt, daß er ihr seinen eingebohrenen Sohn gesandt hat, damit keiner, der an ilm glaubt, verloren gehe. -wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet.»
[Joh. 3, 16-31]


Ist es der Glaube nur, dem du verheißen,
Dann bin ich todt.
O Glaube! wie lebendgen Blutes Kreisen,
Er thut mir Noth;
5
Ich hab ihn nicht.
Ach nimmst du statt des Glaubens nicht die Liebe
Und des Verlangens thränenschweren Zoll,
So weiß ich nicht, wie mir noch Hoffnung bliebe;
Gebrochen ist der Stab, das Maß ist voll
10
Mir zum Gericht.

Mein Heiland, der du liebst, wie Niemand liebet,
Fühlst du denn kein
Erbarmen, wenn so krank und tiefbetrübet
Auf hartem Stein
15
Dein Ebenbild
In seiner Angst vergehend kniet und flehet?
Ist denn der Glaube nur dein Gotteshauch,
Hast du nicht tief in unsre Brust gesäet
Mit deinem eignen Blut die Liebe auch?
20
O sey doch mild!

Ein hartes, schweres Wort hast du gesprochen,
Daß «wer nicht glaubt,
Gerichtet ist» - so bin ich ganz gebrochen.
Doch so beraubt
25
Läßt er mich nicht,
Der hingab seinen Sohn, den eingebornen,
Für Sünder wie für Fromme allzugleich.
Zu ihm ich schau, die Aermste der Verlornen,
Nur um ein Hoffnungswort; er ist so reich,
30
Mein Gnadenlicht.

Du Milder, der die Taufe der Begierde
So gnädiglich
Besiegelt selbst mit Sakramentes Würde,
Nicht zweifle ich,
35
Du hast gewiß
Den Glauben des Verlangens, Sehnens Weihe
Gesegnet auch; sonst wärst du wahrlich nicht
So groß an Milde und so stark an Treue,
Brächst du ein Zweiglein, draus die Knospe bricht
40
Und Frucht verhieß.

Was durch Verstandes Irren ich verbrochen,
Ich hab es ja
Gebüßt so manchen Tag und manche Wochen;
So sey mir nah!
45
Nach meiner Kraft,
Die freilich ich geknickt durch eigne Schulden,
Doch einmahl aufzurichten nicht vermag,
Will hoffen ich, will sehnen ich, will dulden;
Dann giebst du, Treuer, wohl den Glauben nach,
50
Der Hülfe schafft.

 
Am zweyten Sonntage
im Advent


Ev.: Vom Zeichen an der Sonne.
«Und alsdann werden sie sehen des Menschen Sohn kommen in einer Wolke mit großer Macht und Herrlichkeit. - Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.»
[Luc. 21, 25-33]


Wo bleibst du, Wolke, die den Menschensohn
Soll tragen?
Seh ich das Morgenroth im Osten schon
Nicht leise ragen?
5
Die Dunkel steigen, die Zeit rollt matt und gleich;
Ich seh es flimmern, aber bleich ach, bleich!

Mein eignes Sinnen ist es was da quillt
Entzündet,
Wie aus dem Teiche grün und schlammerfüllt
10
Sich wohl entbindet
Ein Flämmchen und vom Schilfgestöhn umwankt
Unsicher in dem grauen Dunste schwankt.

So muß die allerkühnste Phantasie
Ermatten.
15
So in der Mondesscheibe sah ich nie
Des Berges Schatten
Gewiß ob ein Koloß die Formen zog,
Ob eine Thräne mich im Auge trog.

So ragt und wälzt sich in der Zukunft Reich
20
Ein Schemen.
Mein Sinnen sonder Kraft, Gedanke bleich -
Wer will mir nehmen
Das Hoffen, was ich in des Herzens Grund
So sorgenvoll gehegt zu guter Stund?

25
Gieb dich gefangen, thörichter Verstand! Steig nieder
Und zünde an des Glaubens reinem Brand
Dein Döchtlein wieder!
Die arme Lampe, deren matter Hauch
30
Verdumpft, erstickt in eignen Qualmes Rauch.

Du seltsam räthselhaft Geschöpf aus Thon
Mit Kräften,
Die leben, wühlen, zischen wie zum Hohn
In allen Säften,
35
O bade deinen wüsten Fiebertraum
Im einzgen Quell, der ohne Schlamm und Schaum!

Wehr ab, stoß fort, was gleich dem frechen Feind
Dir sendet
Die Macht, so wetterleuchtet und verneint;
40
Und starr gewendet
Wie zum Polarstern halt das Eine fest,
Sein Wort, sein heilig Wort - und Schach dem Rest!

Dann wirst du auf der Wolke deinen Herrn
Erkennen,
45
Dann sind Jahrtausende nicht kalt und fern,
Und zitternd nennen
Darfst du der Worte Wort, der Liebe Mark,
Wenn dem Geheimniß deine Seele stark.

Und heute schon, es steht in Gottes Hand
50
Erschauen
Magst du den Heiland in der Seele Brand,
Glühndem Vertrauen.
Zerfallen mögen Erd und Himmels Höhn,
Doch seine Worte werden nicht vergehn.

 
Am letzten Tag
des Jahres
(Sylvester)


Das Jahr geht um,
Der Faden rollt sich sausend ab.
Ein Stündchen noch, das letzte heut,
Und stäubend rieselt in sein Grab,
5
Was einstens war lebendge Zeit.
Ich harre stumm.

'S ist tiefe Nacht!
Ob wohl ein Auge offen noch?
In diesen Mauern rüttelt dein
10
Verinnen, Zeit! Mir schaudert; doch
Es will die letzte Stunde sein
Einsam durchwacht,

Gesehen all,
Was ich begangen und gedacht.
15
Was mir aus Haupt und Herzen stieg,
Das steht nun eine ernste Wacht
Am Himmelsthor. O halber Sieg!
O schwerer Fall!

Wie reißt der Wind
20
Am Fensterkreuze, ja es will
Auf Sturmesfittigen das Jahr
Zerstäuben, nicht ein Schatten still
Verhauchen unterm Sternenklar.
Du Sündenkind!

25
War nicht ein hohl
Und heimlich Sausen jeder Tag
In der vermorschten Brust Verließ,
Wo langsam Stein an Stein zerbrach,
Wenn es den kalten Odem stieß
30
Vom starren Pol?

Mein Lämpchen will
Verlöschen, und begierig saugt
Der Docht den letzten Tropfen Oel.
Ist so mein Leben auch verraucht,
35
Eröffnet sich des Grabes Höhl
Mir schwarz und still?

Wohl in dem Kreis,
Den dieses Jahres Lauf umzieht,
Mein Leben bricht: Ich wußt es lang!
40
Und dennoch hat dies Herz geglüht
In eitler Leidenschaften Drang.
Mir brüht der Schweiß

Der tiefsten Angst
Auf Stirn und Hand! - Wie, dämmert feucht
45
Ein Stern dort durch die Wolken nicht?
Wär es der Liebe Stern vielleicht,
Dich scheltend mit dem trüben Licht,
Daß du so bangst?

Horch, welch Gesumm?
50
Und wieder? Sterbemelodie!
Die Glocke regt den ehrnen Mund.
O Herr! ich falle auf das Knie:
Sey gnädig meiner letzten Stund!
Das Jahr ist um!
 
 
 
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