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B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A

 

 

 

 
Karoline von Günderode
Udohla (1805)

 


 






 




E r s t e r  A c t.


Z i m m e r  i m  P a l l a s t  z u  D e l h i.

Mangu und Sino.


M a n g u.
Hast du gethan wie ich geboten habe?
Ist alles vorbereitet zu dem Fest?

S i n o.
Es ist geschehn; es grüßt der neue Morgen
Den glänzendsten, den freudevollsten Tag.
5
Das reiche Meer gab seine reichen Schätze,
Sie schimmern, schön geordnet, im Pallast;
Und der Demant, der in des Berges Tiefen
Der Klüfte Kind, das braune Haar der Nacht
Mit Lichtes Funken schmückt, er ist entrissen
10
Der dunkeln Erde, und umreiht die Brust,
Das seidne Haar der schönen Sultaninnen;
Und alles was die blütenreiche Zeit
An alle Zonen spendet ist vereint.
In unsern Gärten, in der Büsche Nacht
15
Haucht ihr Gewürz die zarte Amrastaude,
Und Balsam mischt sich mit der Rose Duft
Und wechselt ihren Odem mit der Luft.

M a n g u.
Und ist von Tönen auch die Luft durchzogen?
Und kühlen Bäche auch den heißen Tag?

S i n o.
20
Der Mittag kühlet seine heißen Wangen
In dunkler Grotten frischem Felsenquell,
Und junge Vögel singen durch die Lüfte
Und wiegen sich auf zarter Blumen Zweig, -
So wohl bereitet sind wir zu dem Feste,
25
Das oft beginnen sollte, nie begann.
Schon dreimal war der Morgen angebrochen,
An dem Nerissa unserm Herrn vermählt
Und Sultaninn sich zugesellen sollte
Den schönen Frauen, die der Herr der Welt
30
Die Glücklichen! beglückt mit seiner Liebe;
Und immer, wenn der schöne Tag nun da,
Der sie ihm geben sollte die er liebet
Sprach finster er: «Heut darf es nicht geschehn,
Es geb ein andrer Tag mir die Geliebte,
35
Ungünstige Zeichen drohen meinem Glück.»
Nun sag mir, Mangu, was soll das bedeuten?
Er liebt sie, und es kommt ihm stets zu früh
Ein jeder Tag der sie ihm geben sollte;
Fürwahr ein solches Thun begreif ich nicht.

M a n g u.
40
Sprich nicht davon. Er liebt was er nicht sollte,
Dem Jünger Muhameds geziemt-es nicht
Die Blutsverwandte, seine eigne Schwester
Sich zu vermählen, wider Pflicht und Recht,
Und daß er zögert ist des Busens Stimme
45
Die tadelnd ihn vor dem Verbrechen warnt.
Doch still davon, wir sollen nur gehorchen,
Und unsre Meinung kommt hier viel zu spät.

Derwisch kommt.

D e r w i s c h.
Ists wahr, Vezir, was ich vernommen habe?
Vermählt der Sultan seiner Schwester sich?

M a n g u.
50
Wo weilst du Freund? in welches Berges Klüften,
In welcher fernen Abgeschiedenheit?
Daß du erst heute dies Gerücht vernommen.
Es wird Nerissa in das Haus geführt,
In dem die königlichen Frauen wohnen,
55
Des Sultans Schwester wird des Sultans Weib.

D e r w i s c h.
O Schande! du entwöhnest dich der Röthe,
Da du dich frech hinauf zum Throne drängst,
Und deine Stirne deckest mit der Krone.
60
Nein, solche That ist wider Gott und Recht
Und unerhört in Ismaels Geschlecht.

S i n o.
So darf das Seltne nimmer dann geschehen?
Und ist nur recht, was immerdar geschah?
Die Zeiten wechseln doch; in steten Kreißen
Treibt wiederhohlend sich der Menschen Thun.
65
Was du Verbrechen schiltst, sieh! das erlaubet
Dem Hindu Brama's heiliges Gesetz.

D e r w i s c h.
Wohl weiß ich, daß dem irren Volk der Hindu
Des Korans reine Lehre nicht gefällt.
Du selbst, denn es verräth dich deine Rede
70
Hängst an der Väter alter Thorheit noch;
Drum freuts dich, daß der Herrscher der Mongolen,
Gebohren zu beschützen das Gesetz,
Es nun vertauschet gegen eure Sitte,
Und eure Sünde so zum Recht erhebt.

S i n o.
75
Hör Priester! Lang eh der Mongolen Name
Die Welt genannt; als sie ein Hirtenvolk
Durch Asiens Steppen ohne Heimath irrten
War dieses Land ein ruhmbegrenzter Staat;
Und große Fürsten haben es beherrschet,
80
Und viele edle Thaten sind geschehn,
Eh' man an euch und eure Weisheit dachte,
Eh' euer Muhamed den Koran schrieb.

M a n g u.
Der Sultan hat die Priesterschaft befraget:
Ob es ihm wohl gezieme, sich zum Weib
85
Zu nehmen seine angeborne Schwester?
Und sie erwiederten: ihm sey vergönnt
Was ihm das eigne Herz erlauben möge.
Und diese Antwort nahm man für ein Ja.

D e r w i s c h.
So mag es heißen, wenn Begierde deutet
90
Und Schmeichelei sich ihrem Ausspruch fügt.
Doch meine Stimme soll der Sultan hören,
Die Wahrheit dringe an des Herrschers Ohr.

S i n o.
O blinder Thor! Das Schicksal hat entschieden,
Und werfen willst du dich in seinen Weg?
95
Beim Himmel! Allah hat es zugelassen,
Allein sein Priester widersetzt sich noch.
Ganz anders ist bei uns der Priester Handeln:
Sie leben in der Abgeschiedenheit.
Entfernt vom irdischen Geräusch und Treiben
100
Stört nichts die heilige Betrachtung da,
Hartherz'gen Eifer kennt nicht ihre Seele,
Sie mischen sich nicht in der Menschen Thun,
Der Friede Gottes ist in ihrem Busen
Und ihnen spricht die heilige Natur
105
Durch ihre Kinder, die noch nicht entweihet
Durch frecher Willkür irres Streben sind.
Der heiligen Thiere Sprache, und der Pflanzen
Noch unentwickelt zart und still Gemüth
Zu deuten und ihr Leben zu verstehen,
110
Das ist für sie ein würdiger Beruf.

M a n g u.
Mein Sino! Du verlierst in müß'ge Fablen
Und deines Landes Kinderträume dich.

D e r w i s c h.
Schon viele Jahre herrschen die Mongolen
In Hindostan, und waren stets bemüht
115
Zu Männern dieses weiche Volk zu bilden,
Allein unmünd'ge Kinder bleiben sie.

Der Sultan kommt. Alle werfen sich nieder.

S u l t a n.
Steh auf Vezier, was hast du mir zu sagen?

M a n g u.
Herr, es ist der Verräther nun bestraft,
Bahadars Haupt fiel unter Henkers Händen,
120
Doch seine Kinder sind dem Tod entflohn.

S u l t a n.
Fürwahr er hat den besten Tausch getroffen,
Denn Freiheit endet ihm die lange Haft.

M a n g u.
Soll man den Sohn auch noch verfolgen lassen?
Zwar ist er fast sechs Monde schon entflohn.

S u l t a n.
125
Trägt er in sich des Vaters feste Seele
Und seinen Haß für der Mongolen Reich,
So wär uns nützlich wohl des Jünglings Sterben.
Doch laß ihn, denn wir hätten viel zu thun,
Wenn wir nach den Insekten jagen wollten,
130
Die nur uns ritzen, doch verwunden nicht. -
Nun Sino! Derwisch! wolltet ihr was sagen?

S i n o.
Mein König! Soll beginnen jetzt das Fest?

S u l t a n.
Nein! Nein! Noch nicht, mir pocht das Herz im Busen
Und Unglücks-Ahndungen umgeben mich. - -
135
Nun Derwisch, willst du was von mir, so rede.

D e r w i s c h.
Mein König! Sorge treibet mich zu dir;
Die Sorge für das Wohl von deiner Seele
Die du gefährdet hast durch diese Wahl
Der Schwester, die dir der Gebrauch verbietet;
140
Verführung droht uns von der Hindu Volk,
Es hasset unsers Lebens ernste Strenge
Und sucht uns von der Tugend Sieges-Bahn
Zu seiner trägen Ueppigkeit zu locken.
Drum thut uns Strenge noth und fester Sinn.
145
Ein großes Beispiel muß der Herrscher geben
Wie man das heilige Gebot verehrt.

M a n g u.
Es hat die Sonne Hindostan besieget,
Verzehret hat sie seiner Röhren Mark:
Drum sank es hin in der Entnervung Arme;
150
Drum unterlag es der Mongolen Schwerd.
Ein gleiches Schicksal droht dem stolzen Sieger.
Es wiegt Begierde ihn in ihrem Arm,
Und Weichlichkeit lullt ihn in tiefen Schlummer,
Die alte Ueberwinderinn der Welt. -
155
Der Völker Augen sind auf dich gerichtet.
Die Hindu wünschen ihren Sitten Sieg,
Sie weinen daß der Herrscher sich bequemen
Dem Joche werde, das sie selber drückt,
Und die Mongolen hoffen, daß der Enkel
160
Von Timurlenk, der Sohn der Herrn der Welt
Den Thron Muhameds nimmer schänden werde
Durch ein Verbrechen, Fremden abgelernt.

S u l t a n.
Genug davon. Ich habe euch vernommen
Entfernt euch. Sino! Bleibe du bei mir.

Mangu und Derwisch ab.

165
Warum o Schicksal, muß ich diese lieben?
Die Einzige die du mir hast versagt.
Die Erde schmückt verschwendrisch sich mit Blumen,
Und beut mir reichlich ihre Schätze dar,
Umsonst verarmt das Glück, mich zu beglücken
170
Da ich an Einem Wunsch verzagen muß.
Viel schöne Frauen sind in meinem Hause,
Doch keine rührt, und keine freut mein Herz.
Denn alles Schöne was mein Auge schauet
Erweckt die Sehnsucht nur nach ihrem Reiz;
175
Und ist sie nah, und könnt ich sie umfassen,
So hält ein tiefer Schauer mich zurück,
Ein leises Beben läuft mir durch die Glieder,
Als stünd ein Todes-Engel neben ihr;
Die Arme sinken, meine Lippen zittern
180
Und tief verworren ist mein innrer Sinn.

S i n o.
Dich schrecket der Gebrauch, der Menge Tadel,
Das Vorurtheil der Schüler Muhameds.

S u l t a n.
Ich hatte sie fünf Jahre nicht gesehen
Und wie erstaunt ich, als nach dieser Zeit
185
Der Aga sie in meine Arme führte,
Verändert war sie, doch ein lieber Zug
Erinnerte mich an der Kindheit Tage
An der Verwandschaft inniges Verstehn.
Ich gab mich hin dem seligen Gefühle,
190
Doch sie bewahrte sich mit banger Scheu.
Mein Lieben wollte ihre Furcht besiegen,
Doch meine Liebe überwand mich selbst.
Was soll ich nun? Ich kann ihr nicht entsagen,
Und sie besitzen? Ach! ich wag es nicht.
195
Mein Busen gleicht dem ungestümen Meere,
Ob Reue mich, ob Sehnsucht mich verzehre,
Ob ich sie fliehe, oder mir vermähle,
Verderben bringt mir was ich auch erwähle.


G a r t e n  d e s  P a l l a s t e s .

Nerissa und Elpa.


N e r i s s a.
Sieh! Elpa, Dämmrung sinket schon hernieder,
200
Ja sie umfängt den heißen, müden Tag,
Jetzt wird mir wohl erst, ähnlich jenen Blumen
Die trauren bei des langen Mittags Gluth,
Und sinkt die Nacht, sich inniglich erfreuen,
Und ihr liebkosen mit dem süßen Duft.
205
So ist es mir; ich traure, steht die Sonne
Am Mittag hoch mit ihrem Strahlenaug.

E l p a.
So darfst du dich, o Holde! nie erfreuen?
Denn deines Glückes Sonne steht ja hoch.

N e r i s s a.
O Elpa! Säh'st du meiner Seele Beben,
210
Wie der Betrug mich schmerzlich niederdrückt.
Dürft ich zu meines Königs Füßen sinken,
Ihm sagen: Daß ich nicht Nerissa sey,
Nicht seine Schwester, daß ich eine Fremde
An der entflohnen Schwester Stelle sey.
215
Warum ließ ich zur Lüge mich bereden?
Ach! diese Rolle wird mir allzuschwer. -

E l p a.
Wohlan! Bekenn ihm, daß des Sultans Tochter,
Daß seine Schwester schimpflich sey entflohn
Mit einem Sklaven, daß sie so verrathen
220
Und so geschändet habe ihr Geschlecht
Und ihre Abkunft; daß wir es verborgen,
Daß wir an ihre Stelle dich gesetzt,
Weil du ihr ähnlich warst vor allen Frauen.
Bekenn es ihm, zwar kostets mir das Haupt,
225
Und auch dem Aga, weil wir für die Tochter
Der Könige mit unserm Leben stehn.
Jedoch du willst's, so stürz uns in's Verderben:
Zwei Leben sind dir keine Lüge werth.

N e r i s s a.
Dein und des Aga Leben könnt' ich retten,
230
Und doch die Wahrheit unserm Herrn gestehn.
Das fürcht' ich nicht, ich fürchte seine Liebe
Die jauchzen würde über diesen Tausch;
Vermählen würd' er sich mir diese Stunde
Wüßt' er es nur, ich sey Nerissa nicht.

E l p a.
235
Wie? Hör ich recht? Du fürchtest seine Liebe
Und die Vermählung die der Sultan hofft?
So wenig wüßtest du des Glückes Gunst zu fassen,
Das dich dem Könige der Welt bestimmt?

N e r i s s a.
Ich weiß nicht wie, doch seh ich ihm in's Auge
240
So überfällt mich eine tiefe Furcht,
Als wollte mich vor ihm die Seele warnen.
Und doch in seinem Antlitz liegt es nicht
Was mich erschreckt; sein Lächeln ist so milde,
Ja seiner Liebe Worte sind mir süß;
245
Und doch, ich kann und werd ihn nimmer lieben
Weil meine Seele mich ihn fliehen heißt.

E l p a.
Es hat der Pfau wohl hundert Strahlen-Augen
Womit er des Gefieders Schönheit schaut,
Und du Nerissa solltest keines haben
250
Zu sehen deines Glückes Herrlichkeit?
Ich glaub es nicht; du nährst wohl andre Wünsche,
Wie könntest du sonst eitlem Zagen traun?

N e r i s s a.
Du irrest, doch mit stillem trüben Sehnen
Denk ich der frohen, freien Jugend-Zeit,
255
Als ich mit meinem guten Vater wallte
Durch Hindostan, vermummt und unbekannt.
Bald folgten wir des Ganges Silberfluthen
Von Tibets Bergen bis herab zum Meer,
Dann traten wir in Asiens prächtge Städte,
260
Die vor uns lagen in des Abends Glanz.
Die Flüchtlinge durchwandelten die Gassen,
Musik und Tanz und Lust war überall;
So bunt und froh beweglich war mein Leben,
Ein rascher Strohm, der sich aus Wolken gießt
265
Und jetzt! gedenk ich jener schönen Stunden
Schwebt die Erinnrung aus der freien Welt
Herüber mir in diese enge Mauern
So nenn ich jammervoll mein prächtig Loos.
Ich sehne mich zurück zu Nacht und zu Gefahren
270
Zu jener heimathlosen Pilgrimschaft.
In diesen Mauern trauren alle Blumen,
Die zarten Halmen flüstern es sich zu
Wie eingeschlossen Sehnsucht sie verzehre;
Ja selbst die starke Palme senkt ihr Haupt,
275
Und welk und matt ist um mich alles Leben,
Und ungern spendet hier sich die Natur
Wenn keiner ihrer heilgen Stimme lauschet,
Weil ihren Dienst ein rauh Geschlecht verschmäht.

Sultan und Sino kommen.

S u l t a n.
Nerissa du! Wie ist dir? Holde! Liebe!
280
Du senkst den Blick? Du trauerst, süßes Weib?
Die Frauen Indiens sind welke Blumen
Selbst in des Lebens erstem Jugend-Glanz;
Nerissa nur glich stets der frischen Rose
Erquicket von des Himmels ewgem Thau.
285
Nur heute will ihr schönes Aug erlöschen
In neidschen Wolken, die sie trüb umziehn.

N e r i s s a.
Sind Indiens Frauen welke Blumen immer
So laß mich weinen um ihr traurig Loos.

S u l t a n.
Nein; meine Liebe sey der Frühlings-Odem
290
Der Freude dir und frisches Leben haucht -
Was sprach ich da? Erkrankt ist meine Liebe,
Und kränker ist sie als dein trüber Blick.
Bald zieht ein Sehnen mich zu deinen Armen,
Dann reißt ein alter Fluch von dir mich weg.
295
Ich fliehe; neu entzündet sich die Flamme,
Ein kalter Schauer löscht sie wieder aus.
Bald möcht ich schweigen, bald möcht ich dir klagen,
In Freude jauchzen, dann in Schmerz verzagen.

N e r i s s a.
Warum muß ich, ich diese Schmerzen geben?
300
O fliehe mich! und such' ein ander Glück.

S u l t a n.
Entfliehen! Ha! Entflieh dem Hauch der Lüfte,
Sie folgen dir vom Indus bis zum Pol.
Versuch es, wandere hinab zum Weste,
Ob du der Sonne Strahlen meiden magst.
305
Umsonst; sie hebt sich neu stets aus dem Schatten.
Wo du auch wallst, es geht der Ost dir nach.
So meine Liebe, gleich den Himmels-Lüften
Und gleich der Sonne folgt mir überall.

N e r i s s a.
Weh mir und dir! Ich fürchte deine Liebe,
310
Und schrecklich ist dein Haß wie deine Gunst.
Was soll ich thun? Auf welche Rettung sinnen?
Ist keine Hülfe, ist kein Rath mehr da?

Mangu kommt.

M a n g u.
Ein Fremder wünscht dein Angesicht zu schauen
Mein König. Soll ich sagen, daß er darf?

S u l t a n.
315
Ihm ist vergönnt, sogleich zu uns zu kommen,
Ruf ihn hierher, er rede jetzt vor mir.

Sino tritt in den Hinter-Grund und winkt, Udohla erscheint, und wirft sich vor dem Sultan nieder.

M a n g u.
Sprich Fremdling! Denn der Sultan will dich hören,
Steh auf und rede, sage wer du seyst.

U d o h l a (aufstehend zum Sultan).
Ich heiße Achmed, bin dein Knecht, gebohren
320
Zu Hyderabad, Selims Schwester-Sohn.

S u l t a n.
Mein Freund! Du bist des Nabobs Anverwandter?
Des Würd'gen, Mächtigen; ich grüße dich.

U d o h l a.
Der Nabob hieß mich dir dies Schreiben bringen
Und Gruß und Unterwerfung seinem Herrn.

Er reicht ihm ein Papier.

S u l t a n.
325
Du hast's gethan. (nachdem er gelesen) Du bist ein guter Bote.
Erbitte einen Lohn; es werde dir
Was dir zu bitten, mir zu geben ziemet.
Drum wähle frei sogleich was dir gefällt.

U d o h l a.
Als ich von Hyderabad hergezogen
330
Fiel in Gebirg ich in der Räuber Hand.
Verlohren wär ich sicherlich gewesen,
Allein es rettete ein Jüngling mich,
Und als ich bat ihn einen Lohn zu wählen,
Sprach er: «Erscheinst du vor dem Herrn der Welt
335
«So wirf dich flehend hin zu seinen Füßen,
«Daß meines Vaters Leben er verschont
«Bahadars, der im Aufruhr ist gefangen».
So sprach der Jüngling. (kniend.) Herr! erhöre ihn.
Ich habe keine Bitte als die seine
340
Verschmähe sie, o großer König! nicht.

S u l t a n.
Du bittest spät; schon ist sein Haupt gefallen.

N e r i s s a.
Wie wird mir! Elpa! führe mich von hier.

ab mit Elpa.

S u l t a n.
Komm Mangu! Laß uns zur Prinzessinn eilen,
Und Sino du! erklär ihm was geschah.

ab mit Mangu.

Lange Pause. Udohla bleibt eine Weile auf den Knien liegen, steht dann langsam auf.


U d o h l a.
345
So ist es schon das theure Haupt gefallen,
Beschlossen unsers Hauses Untergang!
Was kann ich nun? Da alles mir verloren,
So bin ich überhoben jeder Furcht.
Du hasts vernommen, geh! mich zu verrathen.
350
Ich bin Bahadars, eures Feindes Sohn.

S i n o.
O Jüngling! ich beweine deinen Jammer,
Denn ich bin Sino, Hindu selbst wie du.

U d o h l a.
Du Sino? Nun so bin ich nicht verlassen
Von allen Göttern, da ich dich hier fand.
355
Ich kenne dich, und hab dich nie gesehen,
Denn meines Oheims Hoffnung warst du stets.

S i n o.
O Usbeck! Lebt er noch! Der Theure! Gute!
Verschonte i h n nur seines Hauses Fall.

U d o h l a.
Er war mein zweiter Vater; denn den meinen
360
Hab ich so lang ich denke nicht gesehn.
Der Oheim nahm mich zu sich nach Bengalen,
Als sich Bahadar dem empörten Volk
Leicht überredet gab zum Oberhaupte.
So wuchs ich ferne von dem Vater auf.
365
Doch als die einzge Tochter er verlohren,
Berief er mich zu theilen sein Geschick.
Ich kam; allein der Vater war gefangen,
Ich ward gefangen, und entfernt von ihm. -
Wie unerträglich lange, trübe Stunden
370
Verschmachtet' ich im Kerker so allein,
So ohne Hoffnung, und dem Tod entgegen
Sah ich mit trübem, tiefgesunknem Muth.
Da öffneten sich meines Kerkers Thüren
Und ich entfloh zum Gastfreund meines Ohms -
375
Zum Nabob, der mich freundlich aufgenommen
Wie einen Sohn, und ungern mich entließ.
Doch trieb der innre Geist mich zu versuchen
Ob wohl zu retten noch der Vater sey;
Ob flehend vor dem Herrscher der Mongolen;
380
Wo nicht, durch einen scharfen kecken Stahl.
So kam ich, und noch leb ich zu entscheiden,
Wen dieser Dolch durchbohre von uns beiden;
Ob er des Sultans Purpur erst durchdringe
Ob ich nur mich zum Todtenopfer bringe.

S i n o.
385
Du bist kein Hindu. Nein, dir kocht im Busen
Der Scythen wildes, ungezähmtes Blut.
Was that der Sultan? Er hat recht gehandelt.
Ein jeder weiß, dem Aufruhr droht der Tod.

U d o h l a.
Nun wohl! Es sey, der Sultan möge leben
390
Ihn darf das Licht der Sonne noch erfreun;
Doch mir geziemet besser, nun zu sterben.
Des Vaters Geist winkt mich zu sich hinab,
Den Niegekannten will er einmal schauen,
Ihn einmal drücken an das Vaterherz.
395
O süße Freude drunten bei den Todten!
Komm, Steig herauf! Verdunkle mir das Licht
Des lieben Tages, den ich kaum gesehen,
Von dem ich jetzo trauernd scheiden muß.

Er zieht den Dolch; Sino hält ihn ab.

S i n o.
Halt ein und lebe! Was willst du dem Vater?
400
Die Todten warten jenseits nicht auf uns.
Sie wandlen fort durch viele, viele Hüllen
Bis zu dem großen Auferstehungstag.
Du weißt's ja selbst; drum lebe noch dem Tage
So lang der Götter Wille dir vergönnt.

U d o h l a.
405
Soll ich mich selbst zu überleben leben?
Was bleibt mir noch zu wünschen, noch zu thun?

S i n o.
Hast du der Freunde nicht und Blutsverwandte
Die schmachten in des dunklen Kerkers Nacht?
Wohlan! Versuch es diese zu befreien.
410
Der Sultan hat ein leicht beweglich Herz,
Sein Herrschertrotz zerschmolz in Liebes-Wonnen,
Er hat fürwahr ein menschliches Gefühl. -

U d o h l a.
Den Rand des Lebens hab ich schon erreichet,
Jetzt öffnet sich für mich der Zukunft Thor.
415
Mein Aug das schon der Gräber Nacht umgeben
Verschließt sich noch dem ungewohnten Licht.

S i n o.
Komm! Laß mich Pfade für dich suchen, finden.
Gewiß ich leite dich auf ebnern Weg.
 
 
 
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