BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Friedrich Hölderlin

1770 - 1843

 

Briefe

 

1798

An Christian Ludwig Neuffer

 

Textgrundlage:

Friedrich Hölderlin, Sämtliche Werke, Bd. 6, Briefe.

Hrsg. von Friedrich Beißner, Stuttgart: Cotta, 1959

 

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12. November 1798

Liebster Neuffer!

 

Ich habe meine Lage verändert, seit ich Dir das leztemal schrieb und habe im Sinne, einige Zeit hier in Homburg zu privatisiren. Es ist etwas über einen Monath, daß ich hier bin, und ich habe indessen ruhig, bei meinem Trauerspiel, im Umgang mit Sinklair, und im Genuß der schönen Herbsttage gelebt. Ich war durch mancherlei Leiden so zerrissen, daß ich das Glük der Ruhe wohl den guten Göttern danken darf. Ich bin sehr begierig auf Nachrichten von Dir und auf Deinen Allmanach; ich werde aber wohl noch warten müssen, wenn ich ihn nicht selbst bei Dir hohle, nicht, weil ich Dich für nachlässig halte, sondern, weil Deine Briefe erst in 4 Wochen mich hier wieder treffen werden. Mein Freund Sinklair reißt nemlich in Angelegenheiten seines Hofes nach Rastadt, und macht mir, unter sehr vortheilhaften Anerbietungen, den Vorschlag, ihm dahin Gesellschaft zu leisten. Ich kan diß, durch Sinklairs Generosität, beinahe ganz ohne einen Verlust in meiner kleinen Ökonomie, auch ohne meine Beschäftigungen sehr zu unterbrechen, ins Werk stellen und es wäre demnach sonderbar gewesen, wenn ich nicht darein gewilliget hätte. Heute noch oder morgen reisen wir ab. Vieleicht, daß ich von Rastadt aus einen Gang ins Wirtembergische mache. Sollte diß nicht möglich werden, so würd' ich Dich in einem Briefe von Rastadt aus bitten, wenn Dich die Umstände nicht hindern, auf einen bestimmten Tag in Neuenbürg einzutreffen, wo ich dann hinkäme, um Dich einmal wieder von Angesicht zu Angesicht zu haben. Es sollte mir unendlich lieb seyn über alles, was uns gemeinschaftlich interessirt, einmal wieder mit Dir sprechen zu können. – Das Lebendige in der Poësie ist jezt dasjenige, was am meisten meine Gedanken und Sinne beschäfftiget. Ich fühle so tief, wie weit ich noch davon bin, es zu treffen, und dennoch ringt meine ganze Seele danach und es ergreift mich oft, daß ich weinen muß, wie ein Kind, wenn ich um und um fühle, wie es meinen Darstellungen an einem und dem andern fehlt, und ich doch aus den poëtischen Irren, in denen ich herumwandele, mich nicht herauswinden kan. Ach! die Welt hat meinen Geist von früher Jugend an in sich zurükgescheucht, und daran leid' ich noch immer. Es giebt zwar einen Hospital, wohin sich jeder auf meine Art verunglükte Poët mit Ehren flüchten kann – die Philosophie. Aber ich kann von meiner ersten Liebe, von den Hofnungen meiner Jugend nicht lassen, und ich will lieber verdienstlos untergehen, als mich trennen von der süßen Heimath der Musen, aus der mich blos der Zufall verschlagen hat. Weist Du mir einen guten Rath, der mich so schnell wie möglich auf das Wahre bringt so gieb mir ihn. Es fehlt mir weniger an Kraft, als an Leichtigkeit, weniger an Ideen, als an Nüancen, weniger an einem Hauptton, als an mannigfaltig geordneten Tönen, weniger an Licht, wie an Schatten, und das alles aus Einem Grunde; ich scheue das Gemeine und Gewöhnliche im wirklichen Leben zu sehr. Ich bin ein rechter Pedant, wenn Du willst. Und doch sind, wenn ich nicht irre, die Pedanten sonst so kalt und lieblos, und mein Herz ist doch so voreilig, mit den Menschen und den Dingen unter dem Monde sich zu verschwistern. Ich glaube fast, ich bin aus lauter Liebe pedantisch, ich bin nicht scheu, weil ich mich fürchte, von der Wirklichkeit in meiner Eigensucht gestört zu werden, aber ich bin es, weil ich mich fürchte, von der Wirklichkeit in der innigen Theilnahme gestört zu werden, mit der ich mich gern an etwas anderes schließe; ich fürchte, das warme Leben in mir zu erkälten an der eiskalten Geschichte des Tags und diese Furcht kommt daher, weil ich alles, was von Jugend auf zerstörendes mich traf, empfindlicher als andre aufnahm, und diese Empfindlichkeit scheint darinn ihren Grund zu haben, daß ich im Verhältniß mit den Erfahrungen, die ich machen mußte, nicht fest und unzerstörbar genug organisirt war. Das sehe ich. Kann es mir helfen, daß ich es sehe? Ich glaube, so viel. Weil ich zerstörbarer bin, als mancher andre, so muß ich um so mehr den Dingen, die auf mich zerstörend wirken, einen Vortheil abzugewinnen suchen, ich muß sie nicht an sich, ich muß sie nur insofern nehmen, als sie meinem wahrsten Leben dienlich sind. Ich muß sie wo ich sie finde, schon zum voraus als unentbehrlichen Stoff nehmen, ohne den mein Innigstes sich niemals völlig darstellen wird. Ich muß sie in mich aufnehmen, um sie gelegenheitlich (als Künstler, wenn ich einmal Künstler seyn will und seyn soll) als Schatten zu meinem Lichte aufzustellen, um sie als untergeordnete Töne wiederzugeben, unter denen der Ton meiner Seele um so lebendiger hervorspringt. Das Reine kan sich nur darstellen im Unreinen und versuchst Du, das Edle zu geben ohne Gemeines, so wird es als das Allerunnatürlichste, Ungereimteste dastehn, und zwar darum, weil das Edle selber, so wie es zur Äußerung kömmt, die Farbe des Schiksaals trägt, unter dem es entstand, weil das Schöne, so wie es sich in der Wirklichkeit darstellt, von den Umständen unter denen es hervorgeht, nothwendig eine Form annimmt, die ihm nicht natürlich ist, und die nur dadurch zur natürlichen Form wird, daß man eben die Umstände, die ihm nothwendig diese Form gaben, hinzunimmt. So ist z. B. der Karakter des Brutus ein höchstunnatürlicher, widersinniger Karakter, wenn man ihn nicht mitten unter den Umständen sieht, die seinem sanften Geiste diese strenge Form aufnöthigten. Also ohne Gemeines kann nichts Edles dargestellt werden; und so will ich mir immer sagen, wenn mir Gemeines in der Welt aufstößt: Du brauchst es ja so nothwendig, wie der Töpfer den Leimen, und darum nehm es immer auf und stoß es nicht von dir und scheue nicht dran. Das wäre das Resultat. Indem ich mir von Dir einen Rath erbitten und deßwegen meine Fehler, die Dir freilich in gewissem Grade schon bekannt sind, recht bestimmt darstellen, auch mir selber zum Bewußtseyn bringen wollte, bin ich weiter hineingerathen, als ich dachte, und daß Du meine Grübeleien ganz begreifst, so will ich Dir gestehen, daß ich seit einigen Tagen mit meiner Arbeit ins Stoken gerathen bin, wo ich dann immer aufs Räsonniren verfalle. Vieleicht veranlassen Dich meine flüchtigen Gedanken, zu weiterem Nachdenken über Künstler und Kunst, besonders auch über meine poëtischen Hauptmängel und wie ihnen abzuhelfen ist, und Du bist so gut und theilst es mir bei Gelegenheit mit. – Lebe wohl, liebster Neuffer! ich schreibe Dir sogleich von Rastadt aus wieder.

Dein Hölderlin.