B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A
           
  Karl May
1842 - 1912
     
   


D e r   S c h a t z   i m   S i l b e r s e e

Z e i t s c h r i f t e n f a s s u n g
v o n   1 8 9 0 / 9 1


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|193|
      Achtes Kapitel.
      Ein Drama auf der Prairie.


      Ueber die Prairie schritt langsam und müd ein Fußgänger, eine seltene Erscheinung, wo selbst der allerärmste Teufel ein Pferd besitzt, da der Unterhalt desselben nichts kostet. Welchem Stande dieser Mann angehörte, das war schwer zu erraten. Sein Anzug war städtisch, aber sehr abgetragen, und gab ihm das Aussehen eines friedlichen Mannes, wozu aber die alte, gewaltig lange Flinte, welche er geschultert trug, nicht recht passen wollte. Das Gesicht war bleich und eingefallen, wohl infolge der Entbehrungen, welche eine lange Fußwanderung mit sich gebracht hatte.
      Zuweilen blieb er stehen, wie um auszuruhen, aber die Hoffnung, Menschen zu treffen, trieb ihn immer schnell wieder zur neuen Anstrengung seiner müden Füße. Er musterte wieder und immer wieder den Horizont, doch lange vergeblich, bis endlich sein Auge froh aufleuchtete - er hatte draußen am Horizont einen Mann bemerkt, auch einen Fußgänger, welcher von rechts her kam, so daß beide Richtungen zusammenstoßen mußten. Das gab seinen Gliedern neue Spannkraft; er schritt schnell und weit aus und sah bald, daß er von dem andern bemerkt wurde, denn dieser blieb stehen, um ihn herankommen zu lassen.
      Dieser andre war sehr eigentümlich gekleidet. Er trug einen blauen Frack mit rotem Stehkragen und gelben Knöpfen, rotsammetne Kniehosen und hohe Stiefel mit gelbledernen Stulpen. Um seinen Hals war ein blauseidenes Tuch geschlungen und vorn in eine große, breite Doppelschleife, welche die ganze Brust bedeckte, geknüpft. Den Kopf beschattete ein breitkrempiger Strohhut. An einem um den Hals gehenden Riemen hing vorn ein Kasten aus poliertem Holze. Der Mann war lang und dürr, das glatt rasierte Gesicht scharf geschnitten und hager. Wer in diese Züge und in die kleinen, listigen Augen blickte, der wußte sofort, daß er einen echten Yankee vor sich habe, einen Yankee von jener Sorte, deren Durchtriebenheit sprichwörtlich geworden ist.
      Als die beiden sich bis auf bequeme Hörweite genähert hatten, lüpfte der Kastenträger leicht seinen Hut und grüßte den andern: „Good day, Kamerad. Woher des Weges?“
      „Von Kinsley da unten,“ antwortete der Gefragte, indem er mit der Hand rückwärts deutete. „Und Ihr?“
      |194| „Von überall her. Zuletzt von der Farm, welche da hinter mir liegt.“
      „Und wohin wollt Ihr?“
      „Ueberall hin. Zunächst nach der Farm, welche da vor uns liegt.“
      „Gibt es da eine?“
      „Ja. Wir werden kaum länger als eine halbe Stunde zu gehen haben.“
      „Gott sei Dank! Ich hätte es auch nicht länger aushalten können!“
      Er sagte das mit einem tiefen Seufzer. Er war herangekommen und stehen geblieben, wobei man seinen Körper wanken sah.
      „Nicht aushalten? Warum?“
      „Vor Hunger.“
      „Alle Teufel! Hunger? Ist das möglich! Warte, da kann ich helfen. Setzt Euch nieder, hierher auf meinen Kasten. Ihr sollt gleich etwas zwischen die Zähne bekommen.“
      Er legte den Kasten ab, drückte den Fremden auf denselben nieder, zog dann aus der Brusttasche seines Frackes zwei riesige Butterbrote hervor, brachte aus der einen Schoßtasche ein großes Stück Schinken zum Vorscheine, reichte beides dem Hungrigen und fuhr fort: „Da eßt, Kamerad! Es sind nicht etwa Delikatessen, aber für den Hunger wird es ausreichend sein.“
      Der andre griff schnell zu. Er war so hungrig, daß er das Brot sofort zum Munde führen wollte; hoch besann er sich, hielt in dieser Bewegung inne und meinte: „Ihr seid sehr gütig, Sir; aber diese Sachen sind für Euch bestimmt; wenn ich sie esse, werdet dann Ihr selbst hungern müssen.“
      „O nein! Ich sage Euch, daß ich auf der nächsten Farm soviel zu essen bekommen werde, wie mir beliebt.“
      „So seid Ihr dort bekannt?“
      „Nein. Ich war noch nie in dieser Gegend. Aber sprecht jetzt nicht, sondern eßt!“
      Der Hungrige folgte dieser Aufforderung, und der Yankee setzte sich in das Gras, sah ihm zu und freute sich darüber, daß die riesigen Bissen so schnell hinter den gesunden Zähnen des Essenden verschwanden. Als sowohl Brot wie auch Schinken alle geworden waren, fragte er: „Satt seid Ihr noch nicht, aber einstweilen befriedigt wohl?“
      „Ich bin wie neugeboren, Sir. Denkt Euch, ich bin seit drei Tagen unterwegs, ohne einen Bissen zu essen.“
      „Ist das denkbar! Von Kinsley bis hierher habt Ihr nichts gegessen? |195| Warum? Konntet Ihr Euch denn nicht Proviant mitnehmen?“
      „Nein. Meine Abreise ging zu plötzlich vor sich.“
      „Oder unterwegs einkehren?“
      „Ich habe die Farmen vermeiden müssen.“
      „Ah so! Aber Ihr habt ein Gewehr bei Euch; da konntet Ihr Euch doch ein Wild schießen!“
      „O, Sir, ich bin kein Schütze. Ich treffe eher den Mond als einen Hund, der gerade vor mir sitzt.“
      „Wozu dann aber das Gewehr?“
      „Um etwaige rote oder weiße Vagabunden abzuschrecken.“
      Der Yanke sah ihn forschend an und meinte dann: „Hört, Master, bei Euch ist irgend etwas nicht in Ordnung. Ihr scheint Euch auf der Flucht zu befinden und doch ein höchst ungefährliches Subjekt zu sein. Wo wollt Ihr denn eigentlich hin?“
      „Nach Sheridan an die Eisenbahn.“
      „So weit noch, und ohne Lebens- und Existenzmittel! Da könnt Ihr leicht Schiffbruch leiden. Ich bin Euch unbekannt, aber wenn man sich in der Not befindet, so ist es gut, Vertrauen zu fassen. Sagt mir also, wo Euch der Schuh drückt. Vielleicht kann ich Euch helfen.“
      „Das ist bald gesagt. Ihr seid nicht aus Kinsley, sonst müßte ich Euch kennen, und könnt also nicht zu meinen Feinden gehören. Ich heiße Haller; meine Eltern waren Deutsche. Sie kamen aus dem alten Lande herüber, um es zu etwas zu bringen, kamen aber nicht vorwärts. Auch mir haben keine Rosen geblüht. Ich habe mancherlei gemacht und gearbeitet, bis ich vor zwei Jahren Bahnschreiber wurde. Zuletzt war ich in Kinsley angestellt. Sir, ich bin ein Kerl, der keinen Wurm treffen kann, aber wenn man allzusehr beleidigt wird, so läuft endlich die Galle über. Ich bekam mit dem dortigen Redakteur einen Streit, auf welchen ein Duell folgte. Denkt Euch, ein Duell auf Flinten. Und ich habe niemals im Leben so ein Mordwerkzeug in den Händen gehabt! Ein Duell auf Flinten, dreißig Schritt Distanz! Es wurde mir gelb und blau vor den Augen, als ich es nur hörte. Ich will es kurz machen: die Stunde kam, und wir stellten uns auf. Sir, denkt von mir, was Ihr wollt, aber ich bin ein friedfertiger Mann und mag kein Mörder sein. Schon bei dem Gedanken, daß ich den Gegner töten könnte, überlief mich eine Gänsehaut, welche so scharf wie ein Reibeisen war. Darum zielte ich, als kommandiert wurde, mehrere Ellen weit daneben. Ich drückte ab, er auch. Die Schüsse gingen |196| los - denkt Euch, ich war nicht getroffen, aber meine Kugel war ihm gerade durch das Herz gegangen. Die Flinte, die gar nicht mir gehörte, festhaltend, rannte ich entsetzt fort. Ich behaupte, daß der Lauf krumm ist; die Kugel geht volle drei Ellen zu weit nach links. Was aber das Schlimmste war, der Redakteur hatte einen zahl- und einflußreichen Anhang, und das hat hier im Westen gar viel zu bedeuten. Ich mußte fliehen, sofort fliehen, und nahm mir nur Zeit, mich kurz von meinem Vorgesetzten zu verabschieden. Meiner ferneren Existenz wegen gab er mir den Rat, nach Sheridan zu gehen, und händigte mir einen offenen Empfehlungsbrief an den dortigen Ingenieur ein. Ihr könnt ihn lesen, um Euch zu überzeugen, daß ich die Wahrheit sage.“
      Er zog ein Schreiben aus der Tasche, öffnete es und gab es dem Yankee. Dieser las:
      „Liebster Charoy.
      Hier sende ich Dir Master Joseph Haller, meinen bisherigen Schreiber. Er ist von deutscher Abstammung, ein ehrlicher, treuer und fleißiger Kerl, hat aber das Unglück gehabt, um die Ecke zu schießen und gerade darum seinen Gegner in den Sand zu legen. Er muß darum für einige Zeit von hier fort, und Du thust mir einen Gefallen, wenn Du ihn in Deinem Bureau so lange beschäftigst, bis hier Gras über die Angelegenheit gewachsen ist.
      Dein
      Bent Norton.“

      Unter diesem Namen war zur besseren Legitimation noch ein Stempel angebracht. Der Yankee faltete den Brief wieder zusammen, gab ihn dem Eigentümer zurück und sagte, indem ein halb ironisches, halb mitleidiges Lächeln um seine Lippen spielte: „Ich glaube Euern Worten, Master Haller, auch ohne daß Ihr mir diesen Brief zu zeigen braucht. Wer Euch sieht und sprechen hört, der weiß, daß er einen grundehrlichen Menschen, welcher gewiß mit Willen kein Wässerlein trübt, vor sich hat. Mir geht es gerade wie Euch, auch ich bin kein großer Jäger und Schütze vor dem Herrn. Das ist kein Fehler, denn der Mensch lebt nicht durch Pulver und Blei allein. Aber so sehr ängstlich wie Ihr, wäre ich an Eurer Stelle denn doch nicht gewesen. Ich glaube, Ihr habt Euch ein wenig ins Bockshorn jagen lassen.“
      „O nein; die Sache war wirklich gefährlich.“
      „So seid Ihr überzeugt, daß man Euch verfolgt hat?“
      „Gewiß! Darum habe ich bisher alle Farmen vermieden, damit man nicht erfahren soll, wohin ich mich gewendet habe.“
      |197| „Und seid Ihr überzeugt, daß Ihr in Sheridan gut aufgenommen werdet und eine Stelle erhaltet?“
      „Ja, denn Mr. Norton und Mr. Charoy, der Ingenieur in Sheridan, sind außerordentlich befreundet.“
      „Nun, welchen Gehalt gedenkt Ihr dort zu beziehen?“
      „Ich hatte jetzt wöchentlich acht Dollar und meine, daß man mich dort ebenso bezahlen wird.“
      „So! Ich weiß eine Anstellung mit noch einmal so viel, also sechzehn Dollar und freie Station für Euch.“
      „Was? Wirklich?“ rief der Schreiber erfreut, indem er aufsprang. „Sechzehn Dollar? Das ist ja geradezu zum Reichwerden!“
      „Wenn auch das nicht; aber sparen könntet Ihr Euch etwas dabei.“
      „Wo ist diese Stelle zu haben? Bei wem?“
      „Bei mir.“
      „Bei - - Euch?“ erklang es im Tone der Enttäuschung.
      „Allerdings. Wahrscheinlich traut Ihr mir das nicht zu?“
      „Hm! Ich kenne Euch nicht.“
      „Dem kann gleich abgeholfen werden. Ich bin nämlich Magister Doktor Jefferson Hartley, Physician und Farrier meines Berufes.“
      „Also Menschen- und Roßarzt?“
      „Arzt für Menschen und Tiere,“ nickte der Yankee. „Habt Ihr Lust, so sollt Ihr mein Famulus sein, und ich zahle Euch den erwähnten Gehalt.“
      „Aber ich verstehe nichts von der Sache,“ erklärte Haller bescheiden.
      „Ich auch nicht,“ gestand der Magister.
      „Nicht?“ fragte der andre erstaunt. „Ihr müßt doch Medizin studiert haben?“
      „Fällt mir gar nicht ein!“
      „Aber, wenn Ihr Magister und auch Doktor seid - -!“
      „Das bin ich allerdings! Diese Titel und Würden besitze ich; daß weiß ich am allerbesten, denn ich selbst habe sie mir verliehen.“
      „Ihr - - Ihr selbst?“
      „Freilich! Ich bin offen gegen Euch, weil ich denke, daß Ihr meinen Antrag annehmen werdet. Eigentlich bin ich Schneider; dann wurde ich Friseur, nachher Tanzlehrer; später gründete ich ein Erziehungsinstitut für junge Ladies, als das aufhörte, griff ich zur Ziehharmonika und wurde wandernder Musikant. Seitdem habe ich mich noch in zehn bis zwanzig andern Branchen rühmlichst hervorgethan. |198| Ich habe das Leben und die Menschen kennen gelernt, und diese Kenntnis gipfelt in der Erfahrung, daß ein gescheiter Kerl kein Dummkopf sein darf. Diese Menschen wollen betrogen sein; ja, man thut ihnen den größten Gefallen, und sie sind außerordentlich erkenntlich dafür, wenn man ihnen ein X für ein U vormacht. Besonders muß man ihren Fehlern schmeicheln, ihren geistigen und leiblichen Fehlern und Gebrechen, und darum habe ich mich auf diese letzteren gelegt und bin Arzt geworden. Hier seht Euch einmal meine Apotheke an!“
      Er schloß den Kasten auf und schlug den Deckel desselben zurück. Das Innere hatte ein höchst elegantes Aussehen; es bestand aus fünfzig Fächern, welche mit Sammet ausgeschlagen und mit goldenen Linien und Arabesken verziert waren. Jedes Fach enthielt eine Phiole mit einer schön gefärbten Flüssigkeit. Es gab da Farben in allen möglichen Schattierungen und Abstufungen.
      „Das also ist Eure Apotheke!“ meinte Haller. „Woher bezieht Ihr die Medikamente?“
      „Die mache ich mir selbst.“
      „Ich denke, Ihr versteht nichts davon!“
      „O, das verstehe ich schon! Es ist ja kinderleicht. Was Ihr da seht, ist alles weiter nichts als ein klein wenig Farbe und ein bißchen viel Wasser, Aqua genannt. In diesem Worte besteht mein ganzes Latein. Dazu habe ich mir die übrigen Ausdrücke selbst fabriziert; sie müssen möglichst schön klingen. und so seht Ihr hier Aufschriften wie: Aqua salamandra, Aqua peloponnesia, Aqua chimborassolaria, Aqua invocabulataria und andre. Ihr glaubt gar nicht, welche Kuren ich mit diesen Wassern schon gemacht habe, und ich nehme Euch das gar nicht übel, denn ich glaube es selbst auch nicht. Die Hauptsache ist, daß man die Wirkung nicht abwartet, sondern das Honorar einzieht und sich aus dem Staube macht. Die Vereinigten Staaten sind groß, und ehe ich da herumkomme, können viele, viele Jahre vergehen, und ich bin inzwischen ein reicher Mann geworden. Das Leben kostet nichts, denn überall, wohin ich komme, setzt man mir mehr vor, als ich essen kann, und steckt mir, wenn ich gehe, auch noch die Taschen voll. Vor den Indianern brauche ich mich nicht zu fürchten, weil ich als Medizinmann bei ihnen für heilig und unantastbar gelte. Schlagt ein!“ Wollt Ihr mein Famulus sein?“
      „Hm! brummte Haller, indem er sich hinter dem Ohre kratzte. Die Sache kommt mir bedenklich vor. Es ist keine Ehrlichkeit dabei.“
      „Macht Euch nicht lächerlich. Der Glaube thut alles. Meine Patienten glauben an die Wirkung meiner Medizin und werden gesund |199| davon. Ist das Betrug? Versucht es wenigstens zunächst einmal! Ihr habt Euch jetzt gestärkt, und da die Farm, nach der ich will, auf Eurem Wege liegt, so habt Ihr keinen Schaden davon.“
      „Nun, versuchen will ich es, schon aus Dankbarkeit; aber ich habe kein Geschick, den Leuten etwas weiß zu machen.“
      „Ist gar nicht nötig; das besorge ich schon selbst. Ihr habt ehrfurchtsvoll zu schweigen, und Eure ganze Arbeit besteht darin, diejenige Phiole aus dem Kasten zu langen, welche ich Euch bezeichne. Freilich müßt Ihr es Euch gefallen lassen, daß ich Euch dabei Du nenne. Also vorwärts! Brechen wir auf!“
      Er hing sich den Kasten wieder um, und dann schritten sie miteinander der Farm entgegen. Nach kaum einer halben Stunde sahen sie dieselbe von weitem liegen; sie schien nicht groß zu sein. Nun mußte Haller den Kasten tragen, da sich das nicht für den Prinzipal, Doktor und Magister schickte.
      Das Hauptgebäude der Farm war aus Holz gebaut; neben und hinter demselben lag ein wohlgepflegter Baum- und Gemüsegarten. Die Wirtschaftsgebäude standen in einiger Entfernung von diesem Wohnhause. Vor demselben waren drei Pferde angebunden, ein sicheres Zeichen, daß sich Fremde hier befanden. Diese saßen in der Wohnstube und tranken Hausbier, welches der Farmer selbst gebraut hatte. Die Fremden waren allein, da sich nur die Farmersfrau daheim befand und jetzt in dem kleinen Stalle war. Sie sahen den Quacksalber mit seinem Famulus kommen.
      „Thunderstorm!“ rief der eine von ihnen. „Sehe ich recht? Den muß ich kennen. Wenn mich nicht alles trügt, so ist das Hartley, der Musikant mit der Harmonika!“
      „Ein Bekannter von dir?“ fragte der zweite. „Hast du etwas mit ihm gehabt?“
      „Freilich. Der Kerl hatte gute Geschäfte gemacht und die Taschen voller Dollars. Natürlich machte ich ebenso gute Geschäfte, indem ich sie ihm des Nachts leerte.“
      „Weiß er, daß du es gewesen bist?“
      „Hm, wahrscheinlich. Wie gut, daß ich meine roten Haare gestern schwarz gefärbt habe! Nennt mich ja nicht Brinkley und auch nicht Cornel! Der Kerl könnte uns einen Strich durch die Rechnung machen!“
      Aus diesen Worten ging hervor, daß dieser Mann der rote Cornel war.
      Die beiden Ankömmlinge hatten jetzt das Haus erreicht, gerade |200| als die Farmersfrau aus dem Stalle kam. Sie begrüßte dieselben freundlich und fragte nach ihrem Begehr. Als sie hörte, daß sie einen Arzt und dessen Famulus vor sich habe, zeigte sie sich sehr erfreut und ersuchte sie, in die Stube zu treten, die sie öffnete.
      „Mesch'schurs,“ rief sie hinein, „da kommt ein hochgelehrter Arzt mit seinem Apotheker. Ich denke, daß euch die Gesellschaft dieser Herren nicht unangenehm sein wird.“
      „Hochgelehrter Arzt?“ brummte der Cornel vor sich hin. „Unverschämter Kerl! Möchte ihm zeigen, was ich von ihm denke!“
      Die Eintretenden grüßten, und nahmen ohne Umstände an dem Tische Platz. Der Cornel bemerkte zu seiner Genugthuung, daß er von Hartley nicht erkannt wurde. Er gab sich für einen Fallensteller aus und sagte, daß er mit seinen beiden Gefährten hinauf in die Berge wolle. Dann entspann sich ein Gespräch, währenddessen die Wirtin am Herdfeuer beschäftigt war. Ueber demselben hing ein Kessel, in welchem das Mittagessen kochte. Als dasselbe fertig war, trat sie vor das Haus und stieß nach der Sitte jener Gegenden in das Horn, um die Ihrigen herbeizurufen.
      Diese kamen von den naheliegenden Feldern. Es war der Farmer, ein Sohn, eine Tochter und ein Knecht. Sie reichten den Gästen, besonders dem Arzte, mit aufrichtiger Freundlichkeit die Hand und setzten sich dann zu ihnen, um das Mahl, vor und nach welchem gebetet wurde, einzunehmen. Es waren einfache, unbefangene, fromme Leute, welche gegen die Smartneß eines richtigen Yankee freilich nicht aufzukommen vermochten.
      Während des Essens verhielt sich der Farmer vollständig einsilbig, nach demselben brannte er sich eine Pfeife an, legte die Ellbogen auf den Tisch und sagte in erwartungsvollem Tone zu Hartley: „Nachher, Doktor, müssen wir wieder auf das Feld; jetzt aber haben wir ein wenig Zeit, mit Euch zu reden. Vielleicht kann ich Eure Kunst in Anspruch nehmen. In welchen Krankheiten seid Ihr denn bewandert?“
      „Welche Frage!“ antwortete der Kurpfuscher. „Ich bin Physician und Farrier und heile also die Krankheiten aller Menschen und aller Tiere.“
      „Well, so seid Ihr der Mann, den ich brauche. Hoffentlich gehört Ihr nicht zu den Schwindlern, welche als Aerzte umherziehen und alles gewesen sind und alles versprechen, aber nicht studiert haben?“
      „Sehe ich etwa aus, wie so ein Halunke?“ warf sich Hartley in die Brust. „Hätte ich mein Doktor- und Magisterexamen bestanden, wenn ich nicht ein studierter Mann wäre? Hier sitzt mein |201| Famulus. Fragt ihn, und er wird Euch sagen, daß Tausende und aber Tausende von Menschen, die Tiere gar nicht mitgerechnet, mir Gesundheit und Leben verdanken.“
      „Ich glaube es, ich glaube es, Sir! Ihr kommt gerade zur richtigen Zeit. Ich habe eine Kuh im Stalle stehen. Was das heißen will, werdet Ihr wissen. Hier zu Lande kommt eine Kuh nur dann in den Stall, wenn sie schwer krank ist. Sie hat zwei Tage nichts gefressen und hängt den Kopf bis zur Erde herab. Ich gebe sie verloren.“
      „Pshaw! Ich gebe einen Kranken erst dann verloren, wenn er gestorben ist! Der Knecht mag sie mir mal zeigen; dann sage ich Euch Bescheid.“
      Er ließ sich nach dem Stalle führen, um die Kuh zu untersuchen. Als er zurückkam, zeigte er eine sehr ernste Miene und sagte: „Es war die höchste Zeit, denn die Kuh wäre bis heute abend gefallen. Sie hat Bilsenkraut gefressen. Glücklicherweise habe ich ein untrügliches Gegenmittel; morgen früh wird sie so gesund sein wie zuvor. Bringt mir einen Eimer Wasser, und du, Famulus, gib einmal das Aqua sylvestropolia heraus!“
      Haller suchte, nachdem er den Kasten geöffnet hatte, das betreffend Fläschchen, aus welchem Hartley einige Tropfen in das Wasser goß, von dem der Kuh dreistündlich je eine halbe Gallone gegeben werden sollte. Dann kamen die menschlichen Patienten daran. Die Frau hatte einen beginnenden Kropf und erhielt Aqua sumatralia. Der Farmer litt an Rheumatismus und bekam Aqua sensationia. Die Tochter war kerngesund, doch wurde sie leicht veranlaßt, gegen einige Sommersprossen Aqua furonia zu nehmen. Der Knecht hinkte ein wenig, schon seit seinen Knabenjahren, ergriff aber die Gelegenheit, diesen Umstand durch Aqua ministerialia zu beseitigen. Zuletzt fragte Hartley auch die drei Fremden, ob er ihnen dienen könne. Der Cornel schüttelte den Kopf und antwortete: „Danke, Sir! Wir sind äußerst gesund. Und fühle ich mich je einmal unwohl, so helfe ich mir auf schwedische Weise.“
      „Wieso?“
      „Durch Heilgymnastik. Ich lasse mir nämlich auf der Ziehharmonika einen flotten Reel vorspielen und tanze so lange danach, bis ich in Schweiß komme. Dieses Mittel ist probat. Verstanden?“
      Er nickte ihm dabei bedeutungsvoll zu. Der Heilkünstler schwieg betroffen und wandte sich von ihm ab, um den Wirt nach den nächstliegenden Farmen zu fragen. Laut des Bescheides, den er bekam, lag |202| die nächste acht Meilen weit gegen Westen, dann eine fünfzehn Meilen nach Norden. Als der Magister erklärte, daß er unverzüglich nach der ersteren aufbrechen werde, fragte ihn der Farmer nach dem Honorare. Hartley verlangte fünf Dollar und bekam sie auch sehr gern ausgezahlt. Dann brach er mit seinem Famulus auf, welcher wieder den Kasten auf sich lud. Als sie sich so weit entfernt hatten, daß sie von der Farm aus nicht mehr gesehen werden konnten, sagte er: „Wir sind westlich gegangen, biegen aber nun nach Norden ein, denn es kann mir nicht einfallen, nach der ersten Farm zu gehen; wir suchen die zweite auf. Die Kuh war so hinfällig, daß sie wohl schon in einer Stunde stirbt. Wenn es da dem Farmer einfällt mir nachzureiten, kann es mir schlecht ergehen. Aber ein Mittagessen und fünf Dollar für zehn Tropfen Anilinwasser, ist daß nicht einladend? Ich hoffe, Ihr erkennt Euern Vorteil und tretet in meinen Dienst!“
      „Die Hoffnung trügt Euch, Sir,“ antwortete Haller. „Was Ihr mir bietet, ist viel, sehr viel Geld; dafür aber hätte ich noch viel mehr Lügen zu machen. Nehmt es mir nicht übel! Ich bin ein ehrlicher Mann und will es auch bleiben. Mein Gewissen verbietet mir, auf Euern Vorschlag einzugehen.“
      Er sagte das So ernst und fest, daß der Magister einsah, daß alles fernere Zureden unnütz sei. Darum sagte der letztere, indem er mitleidig mit dem Kopfe schüttelte: „Ich habe es gut mit Euch gemeint. Schade, daß Euer Gewissen ein so zartes ist!“
      „Ich danke Gott, daß er mir kein andres gegeben hat. Hier habt Ihr Euern Kasten zurück. Ich möchte Euch gern erkenntlich für das sein, was Ihr an mir gethan habt, aber ich kann nicht, es ist mir unmöglich.“
      „Well! Des Menschen Wille ist sein Himmelreich; darum will ich nicht weiter in Euch dringen. Aber wir brauchen uns trotzdem nicht sogleich zu trennen. Euer Weg ist fünfzehn Meilen weit bis zu der betreffenden Farm, auch der meinige, und wir können also wenigstens bis dahin beisammen bleiben.“
      Er nahm seinen Kasten wieder an sich. Die Schweigsamkeit in welche er nun verfiel, ließ vermuten, daß die Rechtlichkeit des Schreibers nicht ganz ohne Eindruck auf ihn geblieben sei. So wanderten sie nebeneinander weiter und richteten ihre Augen nur nach vorwärts, bis sie hinter sich Pferdegetrappel vernahmen. Sich umdrehend, erblickten sie die drei Männer, mit denen sie auf der Farm zusammengetroffen waren.
      „Woe to me!“ entfuhr es Hartley. „Das scheint mir zu gelten. |203| Diese Kerle wollten doch nach den Bergen! Warum reiten sie ha nicht westlich! Ich traue ihnen nicht; sie scheinen eher Strolche als Trappers zu sein.“
      Er sollte bald zu seinem Leidwesen erfahren, daß er mit dieser Vermutung das Richtige getroffen hatte. Die Reiter hielten bei den beiden an, und der Cornel wendete sich in höhnischer Weise an den Quacksalber: „Master, warum habt Ihr Eure Richtung geändert? Nun wird der Farmer Euch nicht finden.“
      „Mich finden?“ fragte der Yankee.
      „Ja. Als Ihr fort waret, sagte ich ihm aufrichtig, was es für eine Bewandtnis mit Euern schönen Titeln hat, und er brach schleunigst auf, um Euch zu folgen und sich sein Geld wiederzuholen.“
      „Unsinn, Sir!“
      „Es ist nicht Unsinn, sondern die Wahrheit. Er ist nach der Farm, welche Ihr angeblich mit Eurer Gegenwart beglücken wolltet. Wir aber waren klüger als er. Wir verstehen es Fährten zu lesen und sind der Eurigen gefolgt, um Euch einen Vorschlag zu machen.“
      „Wüßte nicht, welchen. Ich kenne Euch nicht, und habe nichts mit Euch zu schaffen.“
      „Desto mehr aber wir mit Euch. Wir kennen Euch. Indem wir dulden, daß Ihr diese ehrlichen Farmersleute betrügt, sind wir Eure Mitschuldigen geworden, wofür es nur recht und billig ist, daß Ihr uns einen Teil des Honorares auszahlt. Ihr seid zwei, und wir sind drei Personen; also haben wir drei Fünftel des Betrags zu fordern. Ihr seht, daß wir gerecht und billig handeln. Solltet Ihr nicht einverstanden sein, so - nun, seht Euch meine Kameraden an!“
      Er deutete nach den beiden andern, welche jetzt ihre Gewehre auf Hartley richteten. Dieser hielt nun alle Disputation für vergeblich. Er war völlig überzeugt, es mit richtigen Wegelagerern zu thun zu haben, und freute sich innerlich, so billig davonzukommen. Darum zog er drei Dollar aus der Tasche, hielt sie dem Cornel hin und sagte: „Ihr scheint Euch in meiner Person zu irren und Euch in Verhältnissen zu befinden, welche diesen Teil meines wohlverdienten Honorares für Euch nötig machen. Ich will Eure Forderung als Scherz gelten lassen und auf denselben eingehen. Hier sind die drei Dollar, welche nach Eurer eignen Rechnung auf Euch entfallen.“
      „Drei Dollar? Seid Ihr des Teufels!“ lachte der Cornel. „Meint Ihr, daß wir Euch einer solchen Lumperei wegen nachreiten? Nein, nein! Es war nicht bloß das heutige Geld gemeint. Wir verlangen unsern Anteil von dem, was Ihr bisher überhaupt verdient |204| habt. Ich nehme an, daß Ihr ein erkleckliches Sümmchen bei Euch tragt.“
      „Sir, das ist keineswegs der Fall,“ rief Hartley erschrocken.
      „Werden sehen! Wenn Ihr leugnet, muß ich Euch untersuchen. Ich denke, daß Ihr Euch das ruhig gefallen lassen werdet, denn meine Kameraden spaßen mit Ihren Büchsen nicht. Das Leben eines armseligen Harmonikaspielers ist für uns keinen Pfifferling wert.“
      Er stieg vom Pferde und trat zu dem Yankee. Dieser erging sich in allen möglichen Vorstellungen, um das drohende Unheil von sich abzuwenden, doch vergebens. Die Gewehrmündungen starrten ihm so drohend entgegen, daß er sich in sein Schicksal ergab. Dabei hoffte er im stillen, daß der Cornel nichts finden werde, da er seine Barschaft sehr gut versteckt glaubte.
      Der jetzt schwarz gefärbte Rote untersuchte alle Taschen, fand aber nur wenige Dollar. Dann betastete er jeden Zoll breit des Anzuges, um zu fühlen, ob vielleicht etwas eingenäht sei. Das war ohne Erfolg. Nun glaubte Hartley, der Gefahr entgangen zu sein, aber der Cornel war schlau. Er ließ den Kasten öffnen und betrachtete denselben genau.
      „Hm!“ meinte er. „Diese sammetne Apotheke ist so tief, daß die Fächer nicht bis auf den Boden reichen. Wollen doch einmal versuchen, ob sie sich nicht herausnehmen lassen.“
      Hartley erbleichte, denn der Gauner befand sich auf der richtigen Spur. Der letztere faßte mit beiden Händen an den Zwischenwänden der Fächer und zog - - richtig, die Apotheke ließ sich aus dem Kasten heben, und unter ihr lagen mehrere Papiercouverte neben- und übereinander. Als er sie öffnete, sah er sie mit Banknoten verschiedenen Wertes gefüllt.
      „Ah, hier ist der verborgene Schatz zu heben,“ lachte er vergnügt. „Habe es mir gedacht. Ein Physician und Farrier verdient ein Heidengeld, es mußte also welches vorhanden sein.“
      Er griff zu, um die Couverte einzustecken. Das versetzte den Yankee in die größte Wut. Er warf sich auf ihn, um ihm das Geld zu entreißen. Da krachte ein Schuß. Die Kugel hätte ihn gewiß durchbohrt, wenn er sich nicht gerade in schneller Bewegung befunden hätte, so traf sie nur den Oberarm, dessen Knochen sie zerschmetterte. Einen Schrei ausstoßend, sank der Verwundete in das Gras.
      „Recht so, Halunke!“ rief der Cornel. „ Stehe wieder auf, oder sage nur ein falsches Wort, so trifft dich die zweite Kugel besser als die erste. Nun wollen wir auch den Master Famulus untersuchen.“
      |205| Er schob die Couverte in seine Tasche und trat zu Haller.
      „Ich bin nicht sein Famulus; ich habe ihn erst kurz vor der Farm getroffen,“ erklärte dieser ängstlich.
      „So? Wer oder was seid Ihr denn?“
      Haller beantwortete diese Frage der Wahrheit gemäß. Er gab dem Cornel sogar den Empfehlungsbrief zu lesen, um die Wahrheit seiner Aussage zu beweisen. Dieser nahm Kenntnis von dem Inhalte des Schreibens, gab ihm dasselbe zurück und sagte verächtlich: „Ich glaube Euch. Wer Euch ansieht, der muß gleich beim ersten Blicke bemerken, daß Ihr ein gutehrlicher Kerl seid, der aber das Pulver nicht erfunden hat. Lauft immerhin nach Sheridan; ich habe nichts mit Euch zu schaffen.“ Und sich wieder an den Yankee wendend fuhr er fort: „Ich sprach von unsrem Anteile; da du uns aber belogen hast, so kannst du dich nicht darüber beklagen, daß wir dir das Ganze abnehmen. Gib dir Mühe, auch weiterhin gute Geschäfte zu machen. Wenn wir dich dann wieder treffen, werden wir genauer teilen.“
      Hartley hatte erkannt, daß Widerstand vergeblich sei. Er gab gute Worte, um wenigstens einen Teil seines Geldes zurückzuerhalten, hatte jedoch nur den Erfolg, daß er ausgelacht wurde. Der Cornel stieg wieder zu Pferde und ritt mit seinen Gefährten und dem Raube davon, nach Norden zu, dadurch beweisend, daß er kein Trapper sei und es gar nicht in seiner Absicht gelegen habe, sich westwärts in die Berge zu wenden.
      Unterwegs besprachen und belachten die Strolche das gehabte Abenteuer und kamen überein, das Geld zu teilen, ohne ihren Genossen davon zu erzählen. Als sie nach längerer Zeit einen passenden Ort fanden, von welchem aus die ganze Gegend zu übersehen war und sie also weder gestört noch beobachtet werden konnten, stiegen sie ab, um den Raub zu zählen. Als dann jeder seinen Anteil zu sich gesteckt hatte, meinte einer der beiden Tramps zu dem Cornel: „Du hättest den andern auch durchsuchen sollen. Es sollte mich wundern, wenn er ohne Geld gewesen wäre.“
      „Pshaw! Was kann man bei einem armen Schreiber finden! Einige Dollars höchstens und das lohnt die Mühe nicht.“
      „Es fragt sich, ob er die Wahrheit gesagt hat und wirklich ein Schreiber war. Was stand in dem Briefe, den er dir zeigte?“
      „Es war ein Empfehlungsschreiben an den Ingenieur Charoy in Sheridan.“
      „Was? Wirklich?“ fuhr der Mann auf. „Und das hast du ihm wiedergegeben!“
      |206| „Ja. Was hätte dieser Wisch uns nutzen können?“
      „Viel, sehr viel! Und das fragst du noch? Es liegt doch klar auf der Hand, daß dieser Brief der Ausführung unsres Planes ungeheuer förderlich hätte sein müssen. Es ist geradezu wunderbar, daß du das nicht einsiehst und nicht darauf gekommen bist. Wir haben unsre Leute zurückgelassen, um uns zunächst die Gelegenheit heimlich zu betrachten. Wir müssen die Oertlichkeit kennen lernen und auch die Kassenverhältnisse, das ist um so schwieriger, als wir uns dabei nicht sehen lassen wollen. Hätten wir aber diesem Manne den Brief abgenommen, so konnte einer von uns nach Sheridan gehen und sich für diesen Schreiber ausgeben; er wäre gewiß im Bureau beschäftigt worden, hätte Einblick in die Bücher erhalten und wäre wohl schon am ersten oder zweiten Tage im stande gewesen, uns alle notwendige Auskunft zu erteilen.“
      „Teufel!“ rief der Cornel. „Das ist wahr. Wie ist's nur möglich, daß ich nicht auf diesen Gedanken gekommen bin! Gerade du bist mit der Feder bewandert und hättest diese Rolle übernehmen können.“
      „Und ich hätte sie wohl auch richtig ausgeführt. Es wären damit alle Schwierigkeiten beseitigt gewesen. Sollte es nicht noch Zeit sein, das Versäumte nachzuholen?“
      „Gewiß! Natürlich ist's noch Zeit! Wir wissen ja, wohin die beiden wollen; der Weg ist ihnen von dem Farmer angedeutet worden und führt hier vorüber. Wir brauchen also nur zu warten, bis sie kommen.“
      „Ganz richtig, thun wir das! Aber es genügt nicht, dem Schreiber den Brief abzunehmen. Er würde nach Sheridan gehen und uns alles verderben. Wir müssen also ihn und den Quacksalber daran verhindern.“
      „Das versteht sich ganz von selbst. Wir geben jedem eine Kugel in den Kopf und scharren sie ein. Du gehst dann mit dem Briefe nach Sheridan, suchst alles Nötige zu erfahren und gibst uns Nachricht davon.“
      „Aber wo und wie?“
      „Wir zwei reiten zurück und holen die andern. Du wirst uns dann in der Gegend finden, wo die Bahn über den Eagle-tail geht. Genau können wir die Stelle vorher nicht bestimmen. Ich werde Vorposten in der Richtung nach Sheridan aufstellen, auf welche du unbedingt treffen mußt.“
      „Schön. Aber wenn nun meine Entfernung auffällt und Verdacht erweckt?“
      |207| „Hm, darauf müssen wir uns freilich gefaßt machen. Aber wir können es umgehen, indem du nicht allein gehst, sondern den Faller mitnimmst. Du gibst an, ihn unterwegs getroffen zu haben, und er sagt, daß er an dem Bahnbaue Beschäftigung suche.“
      „Vortrefflich!“ stimmte der zweite Tramp bei, welcher Faller hieß. „Arbeit werde ich sofort bekommen, und wenn nicht, so ist es mir desto lieber, da ich dann Zeit habe, die Botschaft nach dem Eagle-tail zu bringen.“
      Der Plan wurde noch weiter besprochen und die Ausführung desselben beschlossen. Dann warteten die drei auf die Annäherung des Quacksalbers und seines Gefährten. Aber es vergingen Stunden, ohne daß dieselbe erfolgte. Es war anzunehmen, daß sie ihre ursprüngliche Richtung verändert hatten, um nicht etwa abermals mit den drei Tramps zusammenzutreffen. Diese faßten daher den Entschluß zurückzureiten und der neuen Spur zu folgen.
      Was nun die beiden Männer betrifft, welche von dieser neuen Gefahr bedroht wurden, so hatte der Yankee sich zunächst von dem Schreiber notdürftig verbinden lassen. Der Oberarm war schwer verletzt, und es stellte sich für den Verwundeten die Notwendigkeit heraus, einen Ort aufzusuchen, an welchem er wenigstens für die ersten Tage Pflege finden konnte. Dies war die Farm, nach welcher sie sich wenden wollten. Da aber die Tramps dieselbe Richtung eingeschlagen hatten, meinte der Yankee:
      „Wollen wir ihnen nochmals in die Hände laufen? Wir müssen gewärtig sein, daß sie bedauern, uns nicht unschädlich gemacht zu haben, und dann, wenn wir wieder auf sie treffen, das Versäumte nachholen. Mein Geld haben sie; aber mein Leben möchte ich ihnen nicht auch noch hinterdrein tragen. Suchen wir uns also eine andre Farm!“
      „Wer weiß, wie spät wir eine solche finden,“ sagte Haller. „Werdet Ihr eine so lange Wanderung aushalten?“
      „Ich denke es. Ich bin ein so kräftiger Kerl, daß wir wohl an Ort und Stelle sein werden, ehe das Wundfieber eintritt. Auf alle Fälle hoffe ich, daß Ihr mich nicht vorher verlasset.“
      „Gewißlich nicht. Solltet Ihr unterwegs liegen bleiben, so suche ich Leute auf, welche Euch zu sich holen werden. Nun wollen wir aber keine Zeit verlieren. Wohin wenden wir uns?“
      „Nach Norden, wie vorher, nur etwas weiter rechts. Der Horizont ist dort dunkel, es scheint da also Wald oder Busch zu geben, und wo Bäume sind, da ist auch Wasser, was ich zur Kühlung meiner Wunde notwendig brauche.“
      |208| Haller nahm den Kasten auf und die beiden verließen die Unglücksstelle. Die Vermutung des Yankee bewährte sich. Sie gelangten nach einiger Zeit in eine Gegend, wo es zwischen grünem Buschwerk ein Wasser gab, an welchem der erste Verband erneuert wurde. Hartley schüttete alle seine gefärbten Tropfen weg und füllte die Phiolen mit reinem Wasser, um unterwegs den Verband nach Bedarf befeuchten zu können. Dann brachen sie wieder auf.
      Sie kamen über eine Prairie von so kurzem Grase, daß die Fußspuren kaum zu erkennen waren. Es gehörte das Auge eines sehr erfahrenen Westmannes dazu, um bestimmen zu können, ob die Fährte von einem oder von zwei Menschen verursacht worden sei. Nach längerer Zeit sahen sie die Linie des Horizonts wieder dunkel vor sich liegen, ein Zeichen, daß sie sich abermals einer waldigen Stelle näherten. Als der Yankee sich jetzt zufällig einmal umdrehte, erblickte er hinter sich mehrere Punkte, welche sich bewegten. Es waren ihrer drei, und so kam ihm sofort die Ueberzeugung, daß die Tramps umgekehrt seien; es galt also das Leben. Ein andrer hätte den Schreiber auf die Verfolger aufmerksam gemacht; Hartley aber that das nicht; er setzte den Weg mit verdoppelter Schnelligkeit fort, und als Haller sich über diese plötzliche Eile wunderte, stellte er ihn durch den ersten besten plausiblen Grund zufrieden.
      Reiter kann man natürlich weiter sehen als Fußgänger. Die Entfernung der Reiter war eine solche, daß Hartley annehmen konnte, daß er und sein Begleiter von den Tramps noch nicht bemerkt worden seien. Hierauf gründete er den Plan zu seiner Rettung. Er sagte sich, daß Widerstand vergeblich sein werde; wurden sie ereilt, so waren sie beide verloren. Höchstens war für einen von ihnen die Möglichkeit, sich zu retten, vorhanden, dann aber mußte der andre geopfert werden und dieser andre sollte natürlich der Schreiber sein, er durfte nicht erfahren, welche Gefahr ihm drohe. Darum schwieg der schlaue Yankee. Er fühlte sein Gewissen, daß er seinen Gefährten dem Verderben überliefere, nicht im mindesten beschwert, da derselbe ja auf jeden Fall verloren war.
      So ging es schnell weiter und weiter, bis sie das Gehölz erreichten, welches aus dichtem Buschwerke bestand, über welchem sich die Wipfel von einzelnen Hickorys, Eichen, Walnußbäumen und Wasserulmen erhoben. Es war nicht tief, zog sich aber lang ausgedehnt nach rechts hinüber. Als sie dasselbe durchschritten hatten und den jenseitigen Rand erreichten
      blieb der Yankee stehen und sagte: „ Master Haller, ich habe mir überlegt, wie beschwerlich ich Euch falle. Ihr wollt nach Sheridan und |209| habt meinetwegen vom geraden Weg abweichen müssen. Wer weiß, ob und wann wir in der jetzigen Richtung eine Farm finden; da könnt Ihr Euch tagelang mit mir herumquälen, während es doch ein höchst einfaches Mittel gibt, diese Aufopferung ganz unnötig zu machen.“
      „So? Welches denn?“ fragte Haller ahnungslos.
      „Ihr geht in Gottes Namen weiter, und ich kehre nach der Farm zurück, von welcher ich kam, ehe ich Euch heute traf.“
      „Das kann ich nicht zugeben; es ist zu weit.“
      „Ganz und gar nicht. Ich bin erst westlich gegangen und dann mit Euch gerade nördlich, also im rechten Winkel. Wenn ich diesen abschneide, habe ich von hier aus nicht ganz drei Stunden zu gehen, und so lange halte ich es sehr gut aus.“
      „Meint Ihr? Nun gut; aber ich gehe mit. Ich habe versprochen, Euch nicht zu verlassen.
      „Und ich muß Euch dieses Versprechens entbinden, da ich Euch nicht in Gefahr bringen darf.“
      „Gefahr?“
      „Ja. Die Pflanzersfrau ist nämlich, wie sie mir erzählte, die Schwester des Sheriffs von Kinsley. Werdet Ihr von dort aus verfolgt, so ist hundert gegen eins zu wetten, daß der Sheriff auf dieser Farm vorspricht. Ihr würdet ihm also gerade in die Hände laufen.“
      „Das werde ich freilich bleiben lassen,“ meinte Haller erschrocken. „Wollt Ihr denn wirklich hin?“
      „Ja; es ist das beste für mich und auch für Euch.“
      Er stellte ihm die Vorteile dieses Entschlusses in so aufrichtiger und eindringlicher Weise vor, daß der arme Schreiber endlich in die Trennung willigte. Sie schüttelten sich die Hände, sprachen gegenseitig die besten Wünsche aus und trennten sich dann. Haller ging weiter, auf die offene Prairie hinaus. Hartley sah ihm nach und meinte dabei zu sich selbst: „Der Kerl kann mir leid thun, aber es geht nicht anders. Blieben wir zusammen, so wäre er auch verloren, und ich müßte mit ihm sterben. Nun aber ist's hohe Zeit für mich. Wenn sie ihn einholen und nach mir fragen, wird er ihnen sagen, wohin ich bin, also da nach rechts hinüber. Ich mache mich also nach links davon und suche mir einen Ort, an welchem ich mich verstecken kann.“
      Er war kein Jäger oder Fallensteller, aber er wußte, daß er keine Fährte zurücklassen dürfe, und hatte auch zuweilen gehört, wie man es machen müsse, um eine Spur zu verwischen. Indem er in die Büsche |210| eindrang, suchte er sich solche Stellen aus, welche keine Fußeindrücke aufnahmen. War ja ein solcher zu bemerken, so glich er ihn hinter sich mit der Hand wieder aus. Dabei war ihm freilich seine Verwundung hinderlich und ebenso der Kasten, den er wieder an sich genommen hatte. Er kam also nur sehr langsam weiter, traf aber zu seinem Glücke bald auf eine Stelle, auf welcher die Büsche so dicht standen, daß sie für das Auge undurchdringlich waren. Er arbeitete sich hinein, legte den Kasten ab und setzte sich darauf. Kaum war das geschehen, so hörte er die Stimmen der drei Reiter und den Schritt ihrer Pferde. Sie ritten vorüber, ohne zu bemerken, daß die Spur von jetzt an eine nur einfache war.
      Der Yankee schob die Zweige nach der betreffenden Richtung auseinander; er konnte hinaus auf die Prairie blicken. Da draußen ging Haller. Die Tramps sahen ihn, und ließen ihre Pferde in Galopp fallen. Jetzt hörte er sie, drehte sich um und blieb erschrocken stehen. Bald hatten sie ihn erreicht; sie sprachen mit ihm; er deutete ostwärts; jedenfalls sagte er ihnen, daß der Yankee in dieser Richtung nach der Farm zurückgekehrt sei. Dann krachte ein Pistolenschuß und Haller stürzte nieder.
      „Es ist geschehen,“ murmelte Hartley. „Wartet nur, ihr Halunken! Vielleicht begegne ich euch einmal, und dann sollt ihr diesen Schuß bezahlen! Bin neugierig, was sie nun thun werden.“
      Er sah, daß sie abstiegen, und sich mit dem Erschossenen beschäftigten. Dann standen sie beratend bei einander, bis sie wieder zu Pferde stiegen, wobei der Cornel den Ermordeten zu sich quer über den Sattel nahm. Zum Erstaunen des Yankee kam dieser zurück, während seine beiden Gefährten nicht mit ihm umkehrten, sondern weiter ritten. Als der Cornel das Buschwerk erreichte, drängte er sein Pferd ein Stück in dasselbe hinein und ließ dann die Leiche herabfallen; sie lag nun so, daß man sie von außerhalb des Gebüsches nicht sehen konnte, gar nicht weit von Hartley entfernt. Hierauf zog der Reiter sein Pferd zurück und ritt fort, wohin, das konnte Hartley nicht sehen; er hörte den Hufschlag noch kurze Zeit, dann wurde es still.
      Den Yankee überkam ein Grauen. Fast bereute er es jetzt, den Schreiber nicht gewarnt zu haben. Er war Zeuge der entsetzlichen That gewesen, nun lag die Leiche fast in seiner unmittelbaren Nähe; er hätte sich gern davon machen mögen, wagte es aber nicht, da er annehmen mußte, daß der Cornel nach ihm suchen werde. Es verging eine Viertelstunde und noch eine, da beschloß er, die grausige Stelle zu verlassen. Vorher sah er noch einmal hinaus auf die Prairie; |211| da erblickte er etwas, was ihn veranlaßte, noch in seinem Verstecke zu bleiben.
      Ein Reiter, welcher ein lediges Pferd neben her führte, kam von rechts her über die Prairie geritten. Er stieß auf die Spur der beiden Tramps und hielt an, um abzusteigen. Nachdem er sich sorgfältig nach allen Richtungen umgeschaut hatte, bückte er sich nieder, um die Spur zu untersuchen. Dann schritt er, während die Pferde ihm freiwillig folgten, auf derselben zurück bis an die Stelle, an welcher der Mord geschehen war. Hier blieb er wieder halten, um sie zu betrachten. Erst nach längerer Zeit richtete er sich wieder auf und kam näher. Die Augen auf den Boden geheftet, folgte er der Spur des Cornels. Etwa fünfzig Schritte vom Gebüsch entfernt, blieb er stehen, stieß einen eigentümlichen Kehllaut aus und deutete mit dem Arme nach dem Gesträuch. Das schien dem Reitpferde zu gelten, denn dieses entfernte sich von ihm, schlug einen kurzen Bogen nach den Büschen und kam dann am Rande derselben her, die Luft in die weit geöffneten Nüstern ziehend. Da es kein Zeichen von Unruhe gab, fühlte der Reiter sich befriedigt und kam nun auch herbei.
      Jetzt sah der Yankee, daß er einen Indianer vor sich hatte. Derselbe trug ausgefranste Leggins und ein ebenso an den Nähten mit Fransen und Stickereien versehenes Jagdhemd. Die kleinen Füße staken in Mokassins. Sein langes schwarzes Haar war in einen helmartigen Schopf geordnet, aber mit keiner Adlerfeder versehen. Um den Hals hing eine dreifache Kette von Bärenkrallen, die Friedenspfeife und der Medizinbeutel. In der Hand hielt er ein Doppelgewehr, dessen Schaft mit vielen silbernen Nägeln beschlagen war. Sein Gesicht, matt hellbraun mit einem leisen Bronzehauch, hatte fast römischen Schnitt, und nur die ein wenig hervorstehenden Backenknochen erinnerten an den Typus der amerikanischen Rasse.
      Eigentlich war die Nähe eines Roten ganz geeignet, den Yankee, welcher überhaupt nicht zum Helden geboren war, mit Angst zu erfüllen. Aber je länger dieser letztere in das Gesicht des Indianers blickte, um so mehr kam es ihm vor, als ob er sich vor diesem Mann nicht zu fürchten brauche. Derselbe hatte sich auf vielleicht zwanzig Schritte genähert. Das Pferd war noch weiter herbeigekommen, während das andre sich hinter dem Reiter hielt. Jetzt - es hob schon Den kleinen Vorderhuf, um weiter zu schreiten, da stieg es vorn empor und warf sich mit einem lauten, auffälligen Schnauben zurück; es hatte einen von dem Yankee oder dem Toten kommenden Luftzug gespürt. Der Indianer that im Nu einen wahren Panthersatz zur |212| Seite und verschwand, mit ihm auch das zweite Pferd. Hartley konnte sie nicht mehr sehen.
      Er verhielt sich lange, lange stille und bewegungslos, bis ein halb unterdrückter Laut an sein Ohr drang. „Uff!“ diese Silbe hatte er gehört, und als er das Gesicht nach der betreffenden Seite wendete, sah er den Indianer über der Leiche des Schreibers knieen und dieselbe mit Augen und Händen untersuchen. Dann kroch der Rote zurück und war wohl eine Viertelstunde lang nicht zu sehen, bis der Yankee erschrocken zusammenfuhr, denn hart neben ihm erklangen die Worte: „Warum sitzt das Bleichgesicht hier versteckt? Warum tritt es nicht hervor, um sich dem Blicke des roten Kriegers zu zeigen? Will es etwa nicht sagen, wohin die drei Mörder des andern Bleichgesichtes entwichen sind?“
      Als Hartley mit dem Kopfe herumfuhr, sah er den Indianer, das blanke Bowiemesser in der Hand, neben sich knieen. Die Worte desselben bewiesen, daß er die Fährte richtig gelesen und höchst scharfsinnig beurteilt hatte. Er hielt nicht den Yankee für den Mörder; das beruhigte diese, und er antwortete: „Ich versteckte mich vor ihnen. Zwei sind fort, in die Prairie hinaus; der dritte warf die Leiche hier ab, und ich blieb stecken, weil ich nicht weiß, ob er fort ist oder nicht.“
      „Er ist fort. Seine Spur führt durch den Busch und dann noch Osten.“
      „So ist er nach der Farm, um mich zu verfolgen. Aber ist er auch wirklich nicht mehr da?“
      „Nein. Mein weißer Bruder und ich sind die einzigen lebenden Menschen, welche sich hier befinden. Er mag heraus ins Freie kommen und mir erzählen, was geschehen ist.“
      Der Rote sprach sehr gut englisch. Was er sagte und wie er es sagte, flößte dem Yankee Vertrauen ein; darum weigerte sich der letztere nicht, der Aufforderung zu folgen. Er kroch aus dem Dickicht hervor und sah, als er das Gebüsch hinter sich hatte, daß die beiden Pferde eine ziemliche Strecke abwärts angepflockt waren. Der Rote betrachtete den Weißen mit einem Blicke, welcher alles zu durchdringen schien, und sagte dann: „Von Süden her sind zwei Männer auf ihren Füßen gekommen; der eine versteckte sich hier, und der bist du; der andre ging weiter, in die Prairie hinaus. Da kamen drei Reiter, welche diesem andern folgten; sie schossen ihm eine Pistolenkugel in den Kopf. Zwei ritten fort. Der dritte nahm die Leiche auf das Pferd, ritt an das Gebüsch, warf sie hinein und jagte dann ostwärts im Galopp von dannen. Ist es so?“
      „Ja, genau so,“ nickte Hartley.
      |213| „So magst du mir sagen, warum man deinen weißen Bruder erschossen hat. Wer bist du, und warum befindest du dich in dieser Gegend? Sind es auch die drei Männer gewesen, welche deinen Arm verwundet haben?“
      Der freundliche Ton, in welchem diese Fragen ausgesprochen wurden, bewies dem Yankee, daß der Rote ihm wohlgesinnt sei und keinerlei Verdacht gegen ihn hege. Er beantwortete die ihm vorgelegten Fragen. Der Indianer sah ihn dabei nicht an; dann aber fragte er plötzlich mit einem durchbohrenden Blicke: „So hat dein Gefährte dein Leben mit dem seinigen bezahlen müssen?“
      Der Yankee schlug die Augen nieder und antwortete beinahe stockend: „ Nein. Ich bat ihn, sich mit mir zu verstecken; aber er wollte nicht.“
      „So, hast du ihm gezeigt, daß die Mörder hinter euch her kamen?“
      „Ja.“
      „Und ihm auch gesagt, daß du dich hier verbergen wolltest?“
      „Ja.“
      „Warum hat er da den Mörder, als dieser nach dir fragte, ostwärts nach der Farm gewiesen?“
      „Um ihn zu täuschen.“
      „So hat er dich retten wollen und war ein wackerer Kamerad. Bist du seiner wert gewesen? Nur der große Manitou weiß alles; mein Auge kann nicht in dein Inneres dringen. Könnte es das, so würdest du dich vielleicht vor mir schämen müssen; ich will schweigen; dein Gott mag dein Richter sein. Kennst du mich?“
      „Nein,“ antwortete Hartley kleinlaut.
      „Ich bin Winnetou, der Häuptling der Apachen. Meine Hand richtet sich gegen die bösen Menschen, und mein Arm schützt jeden, der ein gutes Gewissen hat. Ich werde nach deiner Wunde sehen; noch notwendiger als das aber ist, zu erfahren, warum die Mörder umgekehrt sind, um euch zu folgen. Weißt du es?“
      Hartley hatte schon oft von Winnetou gehört. Nun er wußte, daß dieser berühmte Häuptling vor ihm stehe, antwortete er in doppelt höflichem Tone: „Ich habe es dir bereits gesagt. Sie wollten uns auf die Seite schaffen, damit wir nicht verraten konnten, daß sie mich beraubt haben.
      „Nein. Wäre es bloß das, so hätten sie euch sofort getötet. Es muß etwas andres sein, was ihnen erst später eingefallen ist. Hatten sie dich genau durchsucht?“
      „Ja.“
      |214| „Und dir alles abgenommen? Auch deinem Gefährten?“
      „Nein. Er sagte ihnen, daß er ein armer Flüchtling sei, und bewies es ihnen, indem er ihnen den Brief zeigte.“
      „Einen Brief? Haben sie denselben behalten?“
      „Nein; er bekam ihn zurück.“
      „Wo steckte er ihn hin?“
      „In die Brusttasche seines Rockes.“
      „Da befindet er sich nicht mehr. Ich habe in alle Taschen des Toten gegriffen und keinen Brief gefunden; sie haben ihm denselben hier abgenommen. Also ist es dieses Schreiben, welches sie bewogen hat, umzukehren und euch einzuholen.“
      „Schwerlich!“ meinte Hartley kopfschüttelnd.
      Der Indianer antwortete nicht darauf. Er holte die Leiche aus dem Gebüsch und untersuchte die Taschen noch einmal. Der Tote bot einen gräßlichen Anblick, nicht etwa zufolge der Kugelwunde, sondern weil man sein Gesicht mit Messern kreuz und quer zerschnitten hatte, so daß es ganz unkenntlich geworden war. Die Taschen waren leer. Natürlich hatte man auch sein Gewehr mitgenommen.
      Der Indianer blickte sinnend in das Weite; dann sagte er im Tone tiefster Ueberzeugung: „Dein Kamerad wollte nach Sheridan; zwei von den Mördern sind nordwärts geritten, in der Richtung dieses Ortes; sie wollen auch dorthin. Warum haben sie ihm den Brief abgenommen? Weil sie denselben brauchen, sich desselben bedienen wollen. Warum haben sie das Gesicht des Toten entstellt? Damit man ihn nicht erkennen soll. Man soll nicht wissen, daß Haller tot ist; er darf nicht gestorben sein, weil einer der Mörder in Sheridan sich für Haller ausgeben will.“
      „Aber zu welchem Zwecke?“
      „Das weiß ich nicht, werde es aber erfahren.“
      „So willst du auch hin, ihnen nach?“
      „Ja. Ich wollte nach dem Smocky-hill-fluß, und Sheridan liegt in der Nähe desselben; wenn ich nach diesem Orte reite, wird mein Weg dadurch nicht viel größer und länger werden. Diese Bleichgesichter haben etwas Schlimmes vor, was sie dort ausführen wollen. Vielleicht ist es mir möglich, es ihnen zu nichte zu machen. Geht mein weißer Bruder mit?“
      „Ich wollte eine nahe Farm aufsuchen, um meinen Arm zu pflegen. Freilich möchte ich noch lieber nach Sheridan. Vielleicht erhalte ich dort das geraubte Geld zurück.“
      „So wirst du mit mir reiten.
      |215| „Aber meine Verwundung!“
      „Ich werde sie untersuchen. Auf der Farm hat mein weißer Bruder zwar Pflege, aber keinen Arzt; in Sheridan aber wird es einen solchen geben. Auch versteht sich Winnetou auf Behandlung der Wunden. Er kann zersplitterte Knochen wieder fest machen und besitzt ein ausgezeichnetes Mittel gegen das Wundfieber. Zeige mir jetzt deinen Arm!“
      Schon der Schreiber hatte dem Yankee den Frackärmel aufgetrennt; es fiel also dem letzteren nicht schwer, seinen Arm zu entblößen. Winnetou untersuchte denselben und erklärte, daß die Wunde nicht so schlimm sei, als es den Anschein habe. Die Kugel hatte, da der Schuß aus so großer Nähe abgegeben worden war, den Knochen nicht zersplittert, sondern glatt durchschlagen. Der Rote holte eine getrocknete Pflanze aus seiner Satteltasche, befeuchtete sie und legte sie auf die Wunde; dann schnitt er zwei Holzschienen zurecht und verband mit Hilfe derselben den Arm so kunstgerecht, wie ein Wundarzt es mit den gegebenen Mitteln auch nicht besser fertig gebracht hätte. Dann erklärte er: „Mein Bruder kann getrost mit mir reiten. Das Fieber wird gar nicht kommen, oder doch erst dann, wenn er sich längst in Sheridan befindet.“
      „Aber wollen wir nicht erst zu erfahren suchen, was der dritte Mörder thut?“- fragte Hartley.
      „Nein. Er sucht nach dir, und wenn er deine Spur findet, so wird er umkehren und den beiden andern folgen. Vielleicht thut er das nicht, sondern er hat noch andre Verbündete, welche er vorher aufsucht, um mit ihnen nach Sheridan zu reiten. Ich komme aus bewohnten Gegenden und habe erfahren, daß sich in Kansas viele von den Bleichgesichtern, welche Tramps genannt werden, zusammenziehen. Es ist möglich, daß die Mörder zu diesen Leuten gehören, daß die Tramps einen Streich gegen Sheridan beabsichtigen. Wir dürfen keine Zeit verlieren; wir müssen schnell hin, um die dortigen Weißen zu warnen.“
      „Aber wenn dieser dritte Feind nach hier zurückkehrt, wird er unsre Spur finden und aus ihr ersehen, daß wir seinen Freunden gefolgt sind? Muß er da nicht Verdacht schöpfen?“
      „Wir folgen ihnen nicht. Winnetou weiß, wohin sie wollen, und braucht also ihre Fährte nicht. Wir reiten einen andern Weg.“
      „Und wann werden wir nach Sheridan kommen?“
      „Ich weiß nicht, wie mein Bruder reitet.“
      „Nun, ein Kunstreiter bin ich freilich nicht. Ich habe noch wenig im Sattel gesessen, aber abwerfen lasse ich mich nicht.“
      |216| „So dürfen wir nicht stürmen, werden das aber durch Stetigkeit einholen. Wir reiten von jetzt an die ganze Nacht hindurch und werden am Morgen am Ziele sein. Diejenigen, denen wir folgen, werden des Nachts Lager machen und also später als wir ankommen.“
      „Und was geschieht hier mit der Leiche des armen Haller?“
      „Wir werden sie begraben, und mein Bruder mag dann ein Gebet sprechen.“
      Die Erde war locker, und so wurde, obgleich nur die Messer gebraucht werden konnten, recht bald eine leidlich tiefe Grube fertig, in welche die beiden den Toten legten, um ihn dann mit der aufgeworfenen Erde zu bedecken. Hierauf nahm der Yankee den Hut ab und faltete die Hände. Ob er dabei wirklich betete, war zu bezweifeln. Der Apache blickte ernst in die untergehende Sonne. Es war, als ob sein Auge jenseits des Westens die ewigen Jagdgründe suche. Er war ein Heide, aber er betete ganz gewiß. Dann schritten sie zu den Pferden.
      „Mein weißer Bruder mag mein Tier nehmen,“ sagte der Rote „Es hat einen sanften Gang, gleich und eben wie ein Kanoe im Wasser. Ich nehme das ledige.“
      Sie stiegen auf und ritten fort, erst eine Strecke westlich, um dann nach Norden einzubiegen. Die Pferde hatten gewiß schon einen weiten Weg gemacht, schritten aber so munter und rüstig aus, als ob sie eben erst von der Weide gekommen seien. Die Sonne sank tiefer und tiefer; endlich verschwand sie hinter dem Horizonte; die kurze Dämmerung ging schnell vorüber, und dann wurde es finstere Nacht. Das machte den Yankee bange.
      „Wirst du dich bei dieser Finsternis nicht verirren?“
      „Winnetou verirrt sich nie, weder bei Tag noch bei Nacht. Er ist wie der Stern, welcher sich stets an der richtigen Stelle befindet, und kennt alle Gegenden des Landes so genau, wie das Bleichgesicht die Räume seines Hauses kennt.“
      „Aber es gibt so viele Hindernisse, welche man nicht sehen kann!“
      „Winnetous Augen sehen auch des Nachts. Und was er nicht bemerken kann, wird seinem Pferde sicher nicht entgehen. Mein Bruder reite nicht neben, sondern hinter mir, so wird sein Tier keinen falschen Schritt thun.“
      Es war, auch wirklich fast wunderbar, mit welcher Sicherheit Pferd und Reiter sich bewegten. Bald im Schritt, bald im Trabe, oft sogar galoppierend, wurde Stunde um Stunde zurückgelegt und jedes Hindernis umgangen. Es waren sumpfige Stellen zu vermeiden und Bäche zu |217| durchwaten; man kam an Farmen vorüber; stets wußte Winnetou, wo er sich befand, und nicht einen einzigen Augenblick lang schien er im Zweifel über die Oertlichkeit zu sein. Das beruhigte den Yankee ungemein. Er war besonders seines Armes wegen besorgt gewesen; aber das Wundkraut war von außerordentlicher Wirkung. Er fühlte fast gar keinen Schmerz und hatte sich über nichts als nur die Unbequemlichkeit des ungewohnten Reitens zu beklagen. Einigemal wurde angehalten, um die Pferde trinken zu lassen und den Verband mit kühlendem Wasser zu benetzen. Nach Mitternacht zog Winnetou ein Stück Fleisch hervor, welches Hartley essen mußte. Sonst gab es keine Unterbrechung, und als die zunehmende Kühle den Morgen verkündete, sagte sich der letztere, daß er recht gut im stande sei, noch länger im Sattel zu sitzen.
      Nun graute der Osten, doch waren die Linien des Terrains noch nicht zu erkennen, da ein dicker Nebel auf der Erde lag.
      „Das sind die Nebel des Smocky-hill-flusses,“ erklärte der Häuptling. „Wir werden ihn bald erreichen.“
      Es war ihm anzuhören, daß er hatte weiter sprechen wollen, aber er hielt sein Pferd an und lauschte nach links hinüber, von wo taktmäßiger Hufschlag sich näherte. Das mußte von einem galoppierenden Reiter sein. Richtig, da kam er heran und flog vorüber, ventre  terre, blitzesschnell wie ein Phantom. Die beiden hatten weder ihn noch sein Pferd gesehen; nur sein dunkler, breitkrempiger Hut, welcher über dem dichten, am Boden hinkriechenden Nebelschwaden hervorragte, war für einen Augenblick sichtbar gewesen. Einige Sekunden später war der Hufschlag schon nicht mehr zu hören.
      „Uff!“ rief Winnetou überrascht. „Ein Bleichgesicht! So, wie dieser Mann ritt, können nur zwei Weiße reiten, nämlich Old Shatterhand, aber dieser befindet sich nicht hier, da ich oben am Silbersee mit ihm zusammentreffen will, der zweite ist Old Firehand. Sollte er sich jetzt in Kansas befinden? Sollte er es gewesen sein?“
      „Old Firehand?“ meinte der Yankee. „Das ist ein hochberühmter Westmann.“
      „Er und Old Shatterhand sind die besten und tapfersten, auch erfahrensten Bleichgesichter, welche Winnetou kennt. Er ist ihr Freund.“
      „Der Mann schien es sehr notwendig zu haben. Wohin mag er wollen?“
      „Nach Sheridan, denn seine Richtung ist die unsrige. Links liegt der Eagle-tail und vor uns befindet sich die Furt, welche über den Fluß führt. Wir werden sie in wenigen Minuten erreichen. Und in Sheridan werden wir erfahren, wer dieser Reiter gewesen ist.“
      |218| Die Nebel begannen, sich zu zerteilen; sie wurden vom Morgenwinde auseinander getrieben, und bald sahen die beiden den Smocky-hill-fluß vor sich liegen. Auch hier bewährte sich die außerordentliche Ortskenntnis des Apachen. Er erreichte das Ufer genau an der Stelle, an welcher sich die Furt befand. Das Wasser reichte den Pferden hier kaum bis an den Leib, so daß der Uebergang ein leichter und ganz ungefährlicher war.
      Jenseits angekommen, hatten die Reiter ein Gebüsch, welches sich am Ufer hinzog, zu durchqueren und ritten dann wieder durch offenes Grasland, bis Sheridan, ihr Ziel, sich ihren Augen zeigte.