B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A
           
  Eduard Mörike
1804 -1875
     
   


W i s p e l i a d e n

[ B r i e f   d e s   n a c h   O r p l i d
v e r s c h l a g e n e n   W i s p e l s ]


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      Oxawlitte, den 4. Streichmonds 26.
      
      Verehrtester Herr und Gönner!
      
      Ich nehme mir die Frechheit, Ihnen ein Sendschreiben anzuwidmen. Mein Bruder hat mir gesagt, Sie haben hierher-geäußert, daß Sie meine Individual-Bekanntschaft zu machen wünschten. Sie kennen meine Leidenschaft für Wissen, Schönes und Literaturverzweigung - so kennen Sie die Hälfte meines Ichs. Ich-Nichtich sagt schon Ficht. Indessen je länger ich auf diesem vergessenen Eiland, wo nicht die geringsten Literatur-Hebel existieren, fuße, je mehr, sage ich, sich dieser Aufenthalt - in Ermangelung gehöriger Abfahrt-Navigation - verlängert, desto mehr verkürzt sich, um ein Wortspiel zu gebrauchen, mein Wirkungskreis. Das einzige, was ich hier seit 1 Jahr habe tun können, sind einige wenige Novizen über die hier vorkommenden Schwirrvögel oder Insekten; ich habe in der Gegend des Wartturms, im Löffelgrund, eine Klasse Wanzen entdeckt, die einen viel schärferen Geruch hat als die deutsche Bettwanze, sie nistet hinter alten Baumrinden und möchte füglich die Lauerwanze genannt werden. Außerdem einige Mutmaßungen über die Geschichte der Vor-Menschheit. Hierzu waren mir die Sagen, welche unter dem Volke hier umlaufen, ohne Interesse, da ich ihren Ursprung zu wenig kenne und durchaus gründlich sein möchte. Der Boden dieser Insel ist auch durchaus nicht klassisch, man findet nicht eine Statue, nicht eine. Ich muß jetzt abbrechen; es ist zehn morgens, wo ich mich gewöhnlich im Freien zu rasieren pflege.
      Fortgefahren Nachmittags 12 Uhr. Ich bin sehr beschäftigt, eine warme Quelle hier zu entdecken, um zum Behuf des Rasements immer sogleich warmes Wasser zur Hand zu haben.