B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A
           
  Eduard Mörike
1804 -1875
     
   


W i s p e l i a d e n

S o m m e r s p r o s s e n   v o n
L i e b m u n d   M a r i a   W i s p e l


_______________________________________________


      Sr. Wohlgebohren 
      Herrn Prof. 
      Ludwig v. (Luigi de) Bauer 
      zum XVten Weinmondes 
      MDCCCXXXVII 
      gebaichnet 
      vom 
      Verfasser 



      S o m m e r s p r o s s e n
      v o n
      L i e b m u n d   M a r i a   W i s p e l 


      Bel-Ésprit 
      Lettre de cachet &c. &c. 
      
      [Vignette: bekränzte Lyra] 
      
      Creglingen
      zu haben bey dem Verf.
      1837
      Mit einem Stahlstich. 


      

          [stattdessen eine Tuschzeichnung, Wispel in grünem Frack und
          gelben Nankinghosen darstellend, mit folgender Unterschrift:]


Portier: Des ischt a saubere Arbet! Kreuzschwerenoth! Des gfallt mer!
Prof.: Es is Ihnen vielleicht selbst interessant, die hier obschwebenden scientifischen Motive kennen zu lernen, sie lassen sich digitaliter aufzählen und ungefähr folgender Ma -
Port.: 'Raus aus der Rabatt! Was brauch i dia Faxa do! Raus! sag i! Do naus geht der Weg auf d' Polizei!

      ________

      B e v o r w o r t e n d e s
      
      «Facturusne operae pretium sim - - - nec satis scio, nec, si sciam, dicere ausim» - so beginnt der große Tite-Live seine meisterhafte Geschichte des Römischen Stuhls, und ähnliche Gefühle der Bescheidenheit beseelten mich bei Auszwarkung dieser Poëmen. Allein die Stimme zerschiedener Kenner und Mäzenaten, welche meiner poetischen Arterie einen, wohl nicht ganz fehlgreifenden Beifall zugeflüstert, (ich nenne hier statt aller andern bloß Se. Hochwürden, Herrn Dom-Dechant Hartlaub in W. [Wermuthshausen]) ermutigte mich endlich zu dieser literärbezüglichen Entreprise. Unschwer würde es gewesen sein, die Banzahl der hier präsentierten Piecen auf das dreifache zu steigern, doch eben jener Kenner und Patron bemerkte, daß Gedichte, zumal Lyriken von gegenwärtigem Genre, wenn sie en masse antreten, nachgerade äkelhaft zu werden pflegen. 
      Lange Vorreden sind die Sache eines, auch nur halbwegs, bedeutenden Schriftstellers nicht; es wäre daher lächerlich, abstrakt, ein Wort weiter hinzuzufügen. Alles übrige ist in der Nachschrift angeschiftet. 
                                                                        W.  

      ________

      I n v e n t a r .

      Die Nemesis oder der Sträfling . . . . . . . . page 1
      An die Schönen des Katharinenstifts . . . . . . . . page 3
      Sarkasme an meinen Bruder . . . . . . . . page 4
      An eine Weinende . . . . . . . . dito
      La Jalousie . . . . . . . . page 5
      IXte Ode des Horace . . . . . . . . page 7
      Wider den Pietism . . . . . . . . page 8
      Meine Ansicht . . . . . . . . page 9
      An Göthe . . . . . . . . page 10
      Serenade . . . . . . . . page 11
      Ältere Gedichte . . . . . . . . page 12

      ________
 
[1]
      D e r   S t r ä f l i n g
          E l e g i s c h e   B a l l a d i è r e .
          Im Kerker zu Stuttgart gedichtet
          d. 5. Ap. 1837. 

      
      In des Zwingers Mißgerüchen
            Fröstelnd sitz' ich da;
      Weil man mich der königlichen
            Zwiebel dräuen sah. 

5
      Denn ich wähnt', es wär' nicht übel,
            Wenn wir unserem Aquavit, 1
      Statt gemeiner Zähren-Zwiebel
            Zärtern Schmälzling teilten mit. 2

      Und ich schlich zum Herrscher-Garten,
10
            Wo der Silberstölzling 3 schwimmt,
      Wo die Afrikanen 4 schnarrten
            Und die Tulpe flimmt.
[2]
      «Ihre Knolle auszuzwarken,
            Hilf, o Küpris 5, mir!
15
      Niemand wird mir dies verargen,
            Niemand lauschet hier!»

      Und schon bohrt' ich auf die Neige,
            Und schon gab sie nach,
      Als aus nahem Lust-Gezweige
20
            Still ein Bosmann brach. 

      Und ich trat mit meinem Zweke
            Floskelnhaft hervor,
      Doch der goldbordierte Reke 6
            Wismet' mir kein Ohr. -

25
      - Wie notwendig Junge brechen
            Aus dem Hühner-Ei,
      So folgt jeglichem Verbrechen
            Stets die Polizei. 

      In des Zwingers Mißgerüchen
30
            Fröstelnd sitz ich da,
      Weil man mich der königlichen
            Zwiebel dräuen sah. 
 
1)
Euphemism, pour Wasser-Soupe.   
2)
Auch mein Kochwerk anzubessern *),
Pröblings wollt ich's tun;
Diesen Wissenszweig zu größern,
Kann mein Geist nicht ruhn.  
      *) Der Verf. beabsichtigte die Herausgabe eines Kochbuches nach
      baichenen Ideen, welches sein Bruder drucken wollte.  
3)
Der Schwan. 
4)
Eine Art ausländischer Enten; sehr schön, aber von häßlichem Geschrei.  
5)
Göttin der Botanique.  
6)
Altteutsch pour: Portier.


      ______
 
[3]
      A n   d i e   S c h ö n e n
      d e s   K a t h a r i n e n   S t i f t s
      i n   S t u t t g a r t .

(Ich hatte mich um das leere Fachwerk der Historie beworben und mich erboten, statt des Katheders ein eigenes Geschichts-Theater zu arrangieren und dabei die Stelle des Direktors und dramatischen Geschichtschreibers zu übernehmen. Der Antrag ging jedoch nicht durch und die wichtigsten Fächer werden durch Fuscher und suspendierte Pfarrer besetzt.)
      
      Gerne auf lebendger Bühne -
      (Doch wer schafft mir die Licenz?) -
      Zeigt' ich Clios Welten-Sühne
      Und AllVaters Providenz;
      
5
      Nicht in dumpfem Hörsaal stillet
      Man die Wiß-Gier allermeist:
      Nicht in Sutterkrüge 1 füllet
      Man der Weltgeschichte Geist! 
 
1) 
Bloß Bild für die Beschränktheit der Form und des Lokals.


      _______
 
[4]
      S a r k a s m e
      An meinen Bruder, den Uchrucker

      Du Mich mit Perl-Schrift drucken? Nein!
      Ich bin die Perle, und du bist das Schwein.

      ________
 
      A n   e i n e   W e i n e n d e .
      Elegie, mit schließlich heitrer Wendung.
      
      Dolorose! mir verkünde
      Deinen Seelen-Schmerz!
      Möglich, daß ich Mittel finde
      Für dein reizbar Herz -!

5
      Nimm indes als Liebes-Flagge
      Dieses Tüchlein an,
      Bis des Ehbetts reine Lakke
      Hold uns wird empfahn;

      Dann in unserm Liebesgarten
10
      Wollen wir ein Kind erwarten,
      Das der Storch, wenn's ihm gelingt
      Einst aus Edens Teiche bringt. 

(Oder, falls letzteres zu kühn, beliebe man:)

      Nimm, o Liebliche, einstweilen
      Diese zartentworfnen Zeilen
15
      Und, als Mittel, diesen Kuß
      Wider deinen Zährenfluß.

      ________
 
[5]
      L a   J a l o u s i e 1

      Ich ging an Louis von Baierns Schloß vorbei,
      Da wispert' man ihm zu, daß ich es sei:
      Von Baiern eilt ans Fenster, mich zu sehn,
      Doch nur verstohlen wollt' er nach mir spähn;
5
      Ich merkt' es wohl und lächelt' vor mich hin:
      «Ein Dichter sieht sehr oft aus Jalousien,
      Ja manchmal gar aus prächtigen Basiliken
      Mit Basilisken-Augen nach sich blicken!» 

1)
Bei den Galliern die Götzin des Neides.


      ________
 
[6]
      H o r a t i u s   a d 
      T h a l i a r c h u m
      (Chansons, Livre 1, od. 9.)
      
      Vides, ut alta stet nive candidum
      Socrate, nec jam sustineant onus
            silvae laborantes, geluque
                  flumina constiterint acuto;

5
      Dissolve frigus, ligna super foco
      large reponens; atque benignius
            deprome quadrimum Sabina,
                  o Thaliarche, merum diota. 

      ________
 
[7]
      D e s 
      Vt u s   H o r a z i u s   F l a k k u s 
      a u s   W e n u s i a 
      E r s t e n   B u c h e s   d e r   O d e n 
      d i e   N e u n t e
      
      Schau, wie, an Altersweisheit ein Sokrates,
      Höchlings der Berg steht, und wie die Silphe sich,
            Ihn untergrabend, umsonst abmühet,
                  Und die Gewässer wie Spießglas zwitzern! 

5
      Wärme dich, Guter! stapple den Holzstoß auf,
      Reichlich, nicht etwa über dem Sparherd bloß!
            Und vielleicht ist Sabinchen 1 so gütig,
                  Uns, Daliarch, ein Quart Rein-Wein [sic] zu wismen. 2
 
1)
Wahrscheinlicherweise Horazens Gattin.  
2)
Die übrigen Verse blieben weg, weil ich sie nicht für antique halte.


      ________
 
[8]
      S a r k a s m e 
      w i d e r 
      d e n   P i e t i s m .

      Wer wissen will, wie baigen, wie pikant
      Der Christianism öfters Hand in Hand
      Mit feinem Sünden-Reize webt,
      Dem biet' ich folgendes Rezept:
5
      Mir wismet' es ein Pietist,
      Der doch zugleich Lyäens nicht vergißt.

      Man nimmt ein altes Evangilen-Buch,
      Um es in lauem Branntwein einzuwaichnen,
      Bringt's unter die Kompreß', um es dann durch ein Tuch
10
      Bis auf den letzten Tropfen auszulaichnen:
      So hast du einen Extrait d'Evangile,
      Der mit Bedacht goutiert sein will,
      Du hast - ein Tröpfchen unter deinen Wein -
      Ein wonne-schmerzlich Reu- und Buß-Tränklein!

      ________
 
[9]
      M e i n e   B A n s i c h t

      Wer aus reinem Wahrheits-Eifer
      Zweifel an der Bibel wagt,
      Sie mit Spottes Gift und Geifer
      Zu beschmitzen sich versagt:
5
      Bleibt, wie Dr. Paulus lehrt,
      Immerhin höchst achtungswert.
      
      Strauß hab Ich noch nicht gelesen,
      Weil der Preis zu diffizil;
      Doch, er sei zu plumb gewesen,
10
      Selbst in Hinsicht auf den Stil.
      Steudel, Bahn- und Eschenmaier
      Lieben keine Straußen-Eier.
      
      Aber, schröcklich ists zu hören,
      Strauß will durch sein Teufels-Werk
15
      Die Unsterblichkeit zerstören,
      Auch sogar in Würtemberg! 1
      Dieses zeigt doch mehr und minder
      Einen ganz versteckten Sünder!
[10]
      Strauß und Osiander
20
      Müssen beide sterb',
      Einer wie der ander,
      Trotz der Christoterp'!

      Glaubt nur, daß die Hölle drüben
      Euch mit gleichem Recht verschluckt,
25
      Denn der eine hats geschrieben,
      Und der andre hats gedruckt! 
 
1)
Hier ist eine Wariante bemerklich. Anfangs stand: 
      Strauß will als ein Bandeist
      Die Unsterblichkeit zerstören,
      Die uns doch so wichtig ist - 
Allein ich zog jene Lesart vor, weil die Sache dadurch an Schröcklichkeit gewinnt.


      ________
 
      S a r k a s m e
      An v. Göthe.
      
      Du hast mich keiner Anti-Wort gewürdigt,
      Wohl weil mein Geist sich kühn dir ebenbürtigt?
      Deswegen, Sprödling! willt du mir mißgönnen,
            Dich Freund zu nennen? 

5
      Ha! eitler Stolz! Man sah dich von der scharfen
      Kritik Bustkuchens schon vorlängst entlarven;
      Da zeigte sich's, daß alle deine Verse
            Nur güldne Ärse!

      ________
 
[11]
      S e r e n a d e
          zu Tübingen, als ich noch Privat-Dozent,
          in dem strengen Winter 
          1829/30 
          einer Dienenden dargebracht.
          Musique von Bornschein.

       (Con tenerezza.)  
      Eingehüllt in ihre Daunen-Feder
      Ruht, entkleidet, schon das süße Kind,
      Als mit Eins vor dem fenêtre
      Liebmunds Instrument beginnt; 

5
            Und es rührt sie, daß der Arme
            Noch in seinem Liebesharme
            Ihr auf dem Fünf-Finger-Darme
            Eine Serenade bringt. 

                                 (Pizzicato)  
                       Mond-Licht wallt;
10
                              Es ist kalt.
      Siehst du Liebmunds wandelnde Gestalt??

      ________
 
[12]
      Z w o 
      Ä l t e r e   G e d i c h t e

      1.
      Der Kehlkopf.

      Der Kehlkopf, der im hohlen Bom
      Als Weidenschnuppe uns ergözt,
      Dem kam man endlich auf das Trom,
      Und hat ihn säuberlich zerbäzt,
5
      Man kam von hinten angestiegen,
      Drauf ward er vorne ausgezwiegen. 

      2.
      Die Streichkröte.

      Die Kröte, die einst muthig strich,
      Hat nun der blasse Tod ergriffen,
      Daß ihr das Eingeweichse blich,
      Die Volz dazu war nicht geschliffen:
5
      Man rieb sie etwas mit dem Fuß,
      Dieweil sie sterben muß! 

      ________

      Τέλος
      ________
 
[13]
      A v e r t i s s e m e n t

Von dem Antheil, welchen die vorgerückten Geschöpfe meiner Muse bei dem Publikum finden, wird es abhängen, ob eine Nachgeburt folgen soll oder nicht. Dieselbe würde u. A. nachstehende Stücke enthalten: 

1.
An den Kramets-Vogel. (Würde, in flakkischer Weise, etwa anfangen: «Du, Philomelens glücklichster Sang-Rival». etc.
2.
An die katholische Religion (Petrinism) Im von Hardenberg'schen Styl. 
3.
Bei Confirmation meines Neveus (unehlichen Zwitters meines Bruders) mel: Die Kröte, die etc.  
4.
Meine Ähnlichkeit mit v. Matthisson. Kritisches Poëm. 
5.
Umarbeitung des v. Schillerschen: « Lauretta am Flügel». (Ich beginne: «Wenn dein Finger durch den Stahl-Darm geistert») 
                              [eine Nummer 6 fehlt]
7.
An Nane Z. Als sie einen angeschriebenen Gänserich von mir wünschte. («Die Feder, die den Sträfling schrieb») 
8.
Bei Betrachtung des Glanz-Gaifers der Gartenschnecke (cochl. hort. Linn. ) didaktisches Gedicht. 
9.
 Sonett. Unter heftigen Schmerzen, als ich in einem Gehölze bei Zwerenberg lag und zu sterben meinte. (Der Verf. ist mit einem - medizinisch übrigens vielleicht interessanten - Nabelbruch behaftet.) 
10.
Das Beutelthier. (Dem H. Grafen v. Skrzynecki zugebaichnet)