BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Novalis

1772 - 1801

 

Dichterische Prosa

Heinrich von Ofterdingen (1800-1801)

 

Tiecks Bericht über die Fortsetzung

 

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Tiecks Bericht

über die Fortsetzung.

 

Weiter ist der Verfasser nicht in Ausarbeitung dieses zweiten Theils gekommen. Diesen nannte er die Erfüllung, so wie den ersten Erwartung, weil hier alles aufgelöst, und erfüllt werden sollte, was jener hatte ahnden lassen. Es war die Absicht des Dichters, nach Vollendung des Ofterdingen noch sechs Romane zu schreiben, in denen er seine Ansichten der Physik, des bürgerlichen Lebens, der Handlung, der Geschichte, der Politik und der Liebe, so wie im Ofterdingen der Poesie niederlegen wollte. Ohne mein Erinnern wird der unterrichtete Leser sehn, daß der Verfasser sich in diesem Gedichte nicht genau an die Zeit, oder an die Person jenes bekannten Minnesängers gebunden hat, obgleich alles an ihn und sein Zeitalter erinnern soll. Nicht nur für die Freunde des Verfassers, sondern für die Kunst selbst, ist es ein unersetzlicher Verlust, daß er diesen Roman nicht hat beendigen können, dessen Originalität und große Absicht sich im zweiten Theile noch mehr als im ersten würde gezeigt haben. Denn es war ihm nicht darum zu thun, diese oder jene Begebenheit darzustellen, eine Seite der Poesie aufzufassen, und sie durch Figuren und Geschichten zu erklären, sondern er wollte, wie auch schon im letzten Kapitel des ersten Theils bestimmt angedeutet ist, das eigentliche Wesen der Poesie aussprechen und ihre innerste Absicht erklären. Darum verwandelt sich Natur, Historie, der Krieg und das bürgerliche Leben mit seinen gewöhnlichsten Vorfällen in Poesie, weil diese der Geist ist, der alle Dinge belebt.

Ich will den Versuch machen, so viel es mir aus Gesprächen mit meinem Freunde erinnerlich ist, und so viel ich aus seinen hinterlassenen Papieren ersehen kann, dem Leser einen Begriff von dem Plan und dem Inhalte des zweiten Theiles dieses Werkes zu verschaffen.

Dem Dichter, welcher das Wesen seiner Kunst im Mittelpunkt ergriffen hat, erscheint nichts wiedersprechend und fremd, ihm sind die Rätsel gelöst, durch die Magie der Fantasie kann er alle Zeitalter und Welten verknüpfen, die Wunder verschwinden und alles verwandelt sich in Wunder: so ist dieses Buch gedichtet, und besonders findet der Leser in dem Mährchen, welches den ersten Theil beschließt, die kühnsten Verknüpfungen; hier sind alle Unterschiede aufgehoben, durch welche Zeitalter von ein ander getrennt erscheinen, und eine Welt der andern als feindselig begegnet. Durch dieses Mährchen wollte sich der Dichter hauptsächlich den Uebergang zum zweiten Theile machen, in welchem die Geschichte unaufhörlich aus dem Gewöhnlichsten in das Wundervollste überschweift, und sich beides gegenseitig erklärt und ergänzt; der Geist, welcher den Prolog in Versen hält, sollte nach jedem Kapitel wiederkehren, und diese Stimmung, diese wunderbare Ansicht der Dinge fortsetzen. Durch dieses Mittel blieb die unsichtbare Welt mit dieser sichtbaren in ewiger Verknüpfung. Dieser sprechende Geist ist die Poesie selber, aber zugleich der siderische Mensch, der mit der Umarmung Heinrichs und Mathildens gebohren ist. In folgendem Gedichte, welches seine Stelle im Ofterdingen finden sollte, hat der Verfasser auf die leichteste Weise den innern Geist seiner Bücher ausgedrückt:

 

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Sind Schlüssel aller Kreaturen,

Wenn die, so singen oder küssen,

Mehr als die Tiefgelehrten wissen,

Wenn sich die Welt in's freie Leben,

Und in die Welt wird zurück begeben,

Wenn dann sich wieder Licht und Schatten

Zu ächter Klarheit werden gatten,

Und man in Mährchen und Gedichten

Erkennt die ewgen Weltgeschichten,

Dann fliegt vor Einem geheimen Wort

Das ganze verkehrte Wesen fort.

 

Der Gärtner, welchen Heinrich spricht, ist derselbe alte Mann, der schon einmal Ofterdingens Vater aufgenommen hatte, das junge Mädchen, welche Cyane heißt, ist nicht sein Kind, sondern die Tochter des Grafen von Hohenzollern, sie ist aus dem Morgenlande gekommen, zwar früh, aber doch kann sie sich ihrer Heimath erinnern, sie hat lange in Gebirgen, in welchen sie von ihrer verstorbenen Mutter erzogen ist, ein wunderliches Leben geführt: einen Bruder hat sie früh verlohren, einmal ist sie selbst in einem Grabgewölbe dem Tode sehr nahe gewesen, aber hier hat sie ein alter Arzt auf eine seltsame Weise vom Tode errettet. Sie ist heiter und freundlich und mit dem Wunderbaren sehr vertraut. Sie erzählt dem Dichter seine eigene Geschichte, als wenn sie dieselbe einst von ihrer Mutter so gehört hätte. – Sie schickt ihn nach einem entlegenen Kloster, dessen Mönche als eine Art von Geisterkolonie erscheinen, alles ist hier wie eine mystische, magische Loge. Sie sind die Priester des heiligen Feuers in jungen Gemüthern. Er hört den fernen Gesang der Brüder; in der Kirche selbst hat er eine Vision. Mit einem alten Mönch spricht Heinrich über Tod und Magie, er hat Ahndungen vom Tode und dem Stein der Weisen; er besucht den Klostergarten und den Kirchhof; über den leztern findet sich folgendes Gedicht:

 

Lobt doch unsre stillen Feste,

Unsre Gärten, unsre Zimmer,

Das bequeme Hausgeräthe,

Unser Hab' und Gut.

Täglich kommen neue Gäste,

Diese früh, die andern späte,

Auf den weiten Heerden immer

Lodert neue Lebens-Glut.

 

Tausend zierliche Gefäße

Einst bethaut mit tausend Thränen,

Goldne Ringe, Sporen, Schwerdter,

Sind in unserm Schatz:

Viel Kleinodien und Juwelen

Wissen wir in dunkeln Hölen,

Keiner kann den Reichthum zählen,

Zählt' er auch ohn' Unterlaß.

 

Kinder der Vergangenheiten,

Helden aus den grauen Zeiten,

Der Gestirne Riesengeister,

Wunderlich gesellt,

Holde Frauen, ernste Meister,

Kinder und verlebte Greise

Sitzen hier in Einem Kreise,

Wohnen in der alten Welt.

 

Keiner wird sich je beschweren,

Keiner wünschen fort zu gehen,

Wer an unsern vollen Tischen

Einmal fröhlich saß.

Klagen sind nicht mehr zu hören,

Keine Wunder mehr zu sehen,

Keine Thränen abzuwischen;

Ewig läuft das Stundenglas.

 

Tiefgerührt von heilger Güte

Und versenkt in selges Schauen

Steht der Himmel im Gemüthe,

Wolkenloses Blau;

Lange fliegende Gewande

Tragen uns durch Frühlingsauen,

Und es weht in diesem Lande

Nie ein Lüftchen kalt und rauh.

 

Süßer Reitz der Mitternächte,

Stiller Kreis geheimer Mächte,

Wollust räthselhafter Spiele,

Wir nur kennen euch.

Wir nur sind am hohen Ziele,

Bald in Strom uns zu ergießen

Dann in Tropfen zu zerfließen

Und zu nippen auch zugleich.

 

Uns ward erst die Liebe, Leben;

Innig wie die Elemente

Mischen wir des Daseyns Fluten,

Brausend Herz mit Herz.

Lüstern scheiden sich die Fluten,

Denn der Kampf der Elemente

Ist der Liebe höchstes Leben,

Und des Herzens eignes Herz.

 

Leiser Wünsche süßes Plaudern

Hören wir allein, und schauen

Immerdar in selge Augen,

Schmecken nichts als Mund und Kuß.

Alles was wir nur berühren

Wird zu heißen Balsamfrüchten,

Wird zu weichen zarten Brüsten,

Opfern kühner Lust.

 

Immer wächst und blüht Verlangen

Am Geliebten festzuhangen,

Ihn im Innern zu empfangen,

Einst mit ihm zu seyn,

Seinem Durste nicht zu wehren,

Sich im Wechsel zu verzehren,

Von einander sich zu nähren,

Von einander nur allein.

 

So in Lieb' und hoher Wollust

Sind wir immerdar versunken,

Seit der wilde trübe Funken

Jener Welt erlosch;

Seit der Hügel sich geschlossen,

Und der Scheiterhaufen sprühte,

Und dem schauernden Gemüthe

Nun das Erdgesicht zerfloß.

 

Zauber der Erinnerungen,

Heilger Wehmuth süße Schauer

Haben innig uns durchklungen,

Kühlen unsre Gluth.

Wunden giebt's, die ewig schmerzen,

Eine göttlich tiefe Trauer

Wohnt in unser aller Herzen,

Löst uns auf in Eine Flut.

 

Und in dieser Flut ergießen

Wir uns auf geheime Weise

In den Ozean des Lebens

Tief in Gott hinein;

Und aus seinem Herzen fließen

Wir zurück zu unserm Kreise,

Und der Geist des höchsten Strebens

Taucht in unsre Wirbel ein.

 

Schüttelt eure goldnen Ketten

Mit Smaragden und Rubinen,

Und die blanken saubern Spangen,

Blitz und Klang zugleich.

Aus des feuchten Abgrunds Betten,

Aus den Gräbern und Ruinen,

Himmelsrosen auf den Wangen

Schwebt in's bunte Fabelreich.

 

Könnten doch die Menschen wissen,

Unsre künftigen Genossen,

Daß bei allen ihren Freuden

Wir geschäftig sind:

Jauchzend würden sie verscheiden,

Gern das bleiche Daseyn missen, –

O! die Zeit ist bald verflossen,

Kommt Geliebte doch geschwind!

 

Helft uns nur den Erdgeist binden,

Lernt den Sinn des Todes fassen

Und das Wort des Lebens finden;

Einmal kehrt euch um.

Die Macht muß bald verschwinden,

Dein erborgtes Licht verlassen,

Werden dich in kurzem binden,

Erdgeist, deine Zeit ist um.

 

Dieses Gedicht war vielleicht wiederum ein Prolog zu einem zweiten Kapitel. Jetzt sollte sich eine ganz neue Periode des Werkes eröffnen, aus dem stillsten Tode sollte sich das höchste Leben hervorthun; er hat unter Todten gelebt und selbst mit ihnen gesprochen, das Buch sollte fast dramatisch werden, und der epische Ton gleichsam nur die einzelnen Szenen verknüpfen und leicht erklären. Heinrich befindet sich plötzlich in dem unruhigen Italien, das von Kriegen zerrüttet wird, er sieht sich als Feldherr an der Spitze eines Heeres. Alle Elemente des Krieges spielen in poetischen Farben; er überfällt mit einem flüchtigen Haufen eine feindliche Stadt, hier erscheint als Episode die Liebe eines vornehmen Pisaners zu einem Florentinischen Mädchen. Kriegslieder. «Ein großer Krieg, wie ein Zweykampf, durchaus edel, philosophisch, human. Geist der alten Chevalerie. Ritterspiel. Geist der bacchischen Wehmuth. – Die Menschen müssen sich selbst untereinander tödten, das ist edler als durch das Schicksal fallen. Sie suchen den Tod. – Ehre, Ruhm ist des Kriegers Lust und Leben. Im Tode und als Schatten lebt der Krieger. Todeslust ist Kriegergeist. – Auf Erden ist der Krieg zu Hause. Krieg muß auf Erden seyn.» – In Pisa findet Heinrich den Sohn des Kaisers Friedrich des Zweiten, der sein vertrauter Freund wird. Auch nach Loretto kömmt er. Mehrere Lieder sollten hier folgen.

Von einem Sturm wird der Dichter nach Griechenland verschlagen. Die alte Welt mit ihren Helden und Kunstschätzen erfüllt sein Gemüth. Er spricht mit einem Griechen über die Moral. Alles wird ihm aus jener Zeit gegenwärtig, er lernt die alten Bilder und die alte Geschichte verstehn. Gespräche über die griechischen Staatsverfassungen; über Mythologie.

Nachdem Heinrich die Heldenzeit und das Alterthum hat verstehen lernen, kommt er nach dem Morgenlande, nach welchem sich von Kindheit auf seine Sehnsucht gerichtet hatte. Er besucht Jerusalem; er lernt orientalische Gedichte kennen. Seltsame Begebenheiten mit den Ungläubigen halten ihn in einsamen Gegenden zurück, er findet die Familie des morgenländischen Mädchens; (s. den I. Th.); die dortige Lebensweise einiger nomadischen Stämme. Persische Mährchen. Erinnerungen aus der ältesten Welt. Immer sollte das Buch unter den verschiedensten Begebenheiten denselben Farben-Charakter behalten, und an die blaue Blume erinnern: durchaus sollten zugleich die entferntesten und verschiedenartigsten Sagen verknüpft werden, Griechische, orientalische, biblische und christliche, mit Erinnerungen und Andeutungen der Indischen wie der nordischen Mythologie. Die Kreuzzüge. Das Seeleben. Heinrich geht nach Rom. Die Zeit der Römischen Geschichte.

Mit Erfahrungen gesättigt kehrt Heinrich nach Deutschland zurück. Er findet seinen Großvater, einen tiefsinnigen Charakter, Klingsohr ist in seiner Gesellschaft. Abendgespräche mit den beiden.

Heinrich begiebt sich an den Hof Friedrichs, er lernt den Kaiser persönlich kennen. Der Hof sollte eine sehr würdige Erscheinung machen, die Darstellung der besten, größten und wunderbarsten Menschen aus der ganzen Welt versammelt, deren Mittelpunkt der Kaiser selbst ist. Hier erscheint die größte Pracht, und die wahre große Welt. Deutscher Charakter und Deutsche Geschichte werden deutlich gemacht. Heinrich spricht mit dem Kaiser über Regierung, über Kaiserthum, dunkle Reden von Amerika und Ost-Indien. Die Gesinnungen eines Fürsten. Mystischer Kaiser. Das Buch de tribus impostoribus.

Nachdem nun Heinrich auf eine neue und größere Weise als im ersten Theile, in der Erwartung, wiederum die Natur, Leben und Tod, Krieg, Morgenland, Geschichte und Poesie erlebt und erfahren hat, kehrt er wie in eine alte Heimath in sein Gemüth zurück. Aus dem Verständniß der Welt und seiner selbst entsteht der Trieb zur Verklärung: die wunderbarste Mährchenwelt tritt nun ganz nahe, weil das Herz ihrem Verständniß völlig geöffnet ist.

In der Manessischen Sammlung der Minnesinger finden wir einen ziemlich unverständlichen Wettgesang des Heinrich von Ofterdingen und Klingsohr mit andern Dichtern: statt dieses Kampfspieles wollte der Verfasser einen andern seltsamen poetischen Streit darstellen, den Kampf des guten und bösen Prinzips in Gesängen der Religion und Irreligion, die unsichtbare Welt der sichtbaren entgegen gestellt. «In bacchischer Trunkenheit wetten die Dichter aus Enthusiasmus um den Tod.» Wissenschaften werden poetisirt, auch die Mathematik streitet mit. Indianische Pflanzen werden besungen: Indische Mythologie in neuer Verklärung.

Dieses ist der lezte Akt Heinrichs auf Erden, der Uebergang zu seiner eignen Verklärung. Dieses ist die Auflösung des ganzen Werks, die Erfüllung des Mährchens, welches den ersten Theil beschließt. Auf die übernatürlichste und zugleich natürlichste Weise wird alles erklärt und vollendet, die Scheidewand zwischen Fabel und Wahrheit, zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist eingefallen: Glauben, Fantasie, Poesie schließen die innerste Welt auf.

Heinrich kommt in Sophieens Land, in eine Natur, wie sie seyn könnte, in eine allegorische, nachdem er mit Klingsohr über einige sonderbare Zeichen und Ahndungen gesprochen hat. Diese erwachen hauptsächlich bei einem alten Liede, welches er zufällig singen hört, in welchem ein tiefes Wasser an einer verborgenen Stelle beschrieben wird. Durch diesen Gesang erwachen längstvergessene Erinnerungen, er geht nach dem Wasser und findet einen kleinen goldenen Schlüssel, welchen ihm vor Zeiten ein Rabe geraubt hatte, und den er niemals hatte wiederfinden können. Diesen Schlüssel hatte ihm bald nach Mathildens Tode ein alter Mann gegeben, mit dem Bedeuten, er solle ihn zum Kaiser bringen, der würde ihm sagen, was damit zu thun sei. Heinrich geht zum Kaiser, welcher hocherfreut ist, und ihm eine alte Urkunde giebt, in welcher geschrieben steht, daß der Kaiser sie einem Manne zum lesen geben sollte, welcher ihm einst einen goldenen Schlüssel zufällig bringen würde, dieser Mann würde an einem verborgenen Orte ein altes talismanisches Kleinod, einen Karfunkel zur Krone finden, zu welchem die Stelle noch leer gelassen sei. Der Ort selbst ist auch im Pergament beschrieben. – Nach dieser Beschreibung macht sich Heinrich auf den Weg nach einem Berge, er trifft unterwegs den Fremden, der ihm und seinen Eltern zuerst von der blauen Blume erzählt hatte, er spricht mit ihm über die Offenbarung. Er geht in den Berg hinein und Cyane folgt ihm treulich nach.

Bald kommt er in jenes wunderbare Land, in welchem Luft und Wasser, Blumen und Thiere von ganz verschiedener Art sind, als in unsrer irdischen Natur. Zugleich verwandelt sich das Gedicht stellenweise in ein Schauspiel. «Menschen, Thiere, Pflanzen, Steine und Gestirne, Elemente, Töne, Farben, kommen zusammen wie Eine Familie, handeln und sprechen wie Ein Geschlecht.» – «Blumen und Thiere sprechen über den Menschen.» – «Die Mährchenwelt wird ganz sichtbar, die wirkliche Welt selbst wird wie ein Mährchen angesehn.» Er findet die blaue Blume, es ist Mathilde, die schläft und den Karfunkel hat, ein kleines Mädchen, sein und Mathildens Kind, sitzt bei einem Sarge, und verjüngt ihn. – «Dieses Kind ist die Urwelt, die goldne Zeit am Ende.» – «Hier ist die christliche Religion mit der heidnischen ausgesöhnt, die Geschichte des Orpheus, der Psyche, und andere werden besungen.» –

Heinrich pflückt die blaue Blume, und erlöst Mathilden von ihrem Zauber, aber sie geht ihm wieder verlohren, er erstarrt im Schmerz und wird ein Stein. «Edda (die blaue Blume, die Morgenländerinn, Mathilde) opfert sich an dem Steine, er verwandelt sich in einen klingenden Baum. Cyane haut den Baum um, und verbrennt sich mit ihm, er wird ein goldner Widder. Edda, Mathilde muß ihn opfern, er wird wieder ein Mensch. Während dieser Verwandlungen hat er allerlei wunderliche Gespräche.»

Er ist glücklich mit Mathilden, die zugleich die Morgenländerinn und Cyane ist. Das froheste Fest des Gemüths wird gefeyert. Alles vorhergehende war Tod. Letzter Traum und Erwachen. «Klingsohr kömmt wieder als König von Atlantis. Heinrichs Mutter ist Fantasie, der Vater ist der Sinn, Schwaning ist der Mond, der Bergmann ist der Antiquar, auch zugleich das Eisen. Kaiser Friedrich ist Arktur. Auch der Graf von Hohenzollern und die Kaufleute kommen wieder.» Alles fließt in eine Allegorie zusammen. Cyane bringt dem Kaiser den Stein, aber Heinrich ist nun selbst der Dichter aus jenem Mährchen, welches ihm vordem die Kaufleute erzählten.

Das selige Land leidet nur noch von einer Bezauberung, indem es dem Wechsel der Jahreszeiten unterworfen ist, Heinrich zerstört das Sonnenreich. Mit einem großen Gedicht, wovon nur der Anfang aufgeschrieben ist, sollte das ganze Werk beschlossen werden.

 

Die Vermählung der Jahrszeiten.

 

Tief in Gedanken stand der neue Monarch. Er gedachte

Jezt des nächtlichen Traums, und der Erzählungen auch,

Als er zu erst von der himmlischen Blume gehört und getroffen

Still von der Weißagung, mächtige Liebe gefühlt.

Noch dünkt ihm, er höre die tiefeindringende Stimme,

Eben verließe der Gast erst den geselligen Kreis

Flüchtige Schimmer des Mondes erhellten die klappernden Fenster

Und in des Jünglings Brust tobe verzehrende Glut.

Edda, sagte der König, was ist des liebenden Herzens

Innigster Wunsch? was ist ihm der unsäglichste Schmerz?

Sag es, wir wollen ihm helfen, die Macht ist unser, und herrlich

Werde die Zeit, nun du wieder den Himmel beglückst.

Wären die Zeiten nicht so ungesellig, verbände

Zukunft mit Gegenwart und mit Vergangenheit sich,

Schlösse Frühling sich an den Herbst, und Sommer an Winter,

Wäre zu spielenden Ernst Jugend mit Alter gepaart:

Dann mein süßer Gemahl versiegte die Quelle der Schmerzen,

Aller Empfindungen Wunsch wäre dem Herzen gewährt.

Also die Königinn; freudig umschlang sie der schöne Geliebte:

Ausgesprochen hast du warlich ein himmlisches Wort,

Was schon längst auf den Lippen der tiefer fühlenden schwebte

Aber den deinigen erst rein und gedeyhlich entklang.

Führe man schnell den Wagen herbey, wir holen sie selber

Erstlich die Zeiten des Jahrs, dann auch des Menschengeschlechts.

 

Sie fahren zur Sonne, und hohlen zuerst den Tag, dann zur Nacht, dann nach Norden, um den Winter, alsdann nach Süden, um den Sommer zu finden, von Osten bringen sie den Frühling, von Westen den Herbst. Dann eilen sie zur Jugend, dann zum Alter, zur Vergangenheit, wie zur Zukunft. –

 

Dieses ist, was ich dem Leser aus meinen Erinnerungen, und aus einzelnen Worten und Winken in den Papieren meines Freundes habe geben können. Die Ausarbeitung dieser großen Aufgabe würde ein bleibendes Denkmal einer neuen Poesie gewesen seyn. Ich habe in dieser Anzeige lieber trocken und kurz seyn wollen, als in die Gefahr geraten, von meiner Fantasie etwas hinzuzusetzen. Vielleicht rührt manchen Leser das Fragmentarische dieser Verse und Worte so wie mich, der nicht mit einer andächtigern Wehmuth ein Stückchen von einem zertrümmerten Bilde des Raphael oder Correggio betrachten würde.

L. T.