B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A
           
  Johanna Spyri
1827 - 1901
     
   



H e i d i ' s   L e h r -
u n d   W a n d e r j a h r e .



C a p i t e l   V I .
E i n   n e u e s   C a p i t e l
u n d   l a u t e r   n e u e   D i n g e .


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[89]

Im Hause des Herrn Sesemann in Frankfurt lag das kranke Töchterlein, Klara, in dem bequemen Rollstuhl, in welchem es den ganzen Tag sich aufhielt und von einem Zimmer in's andere gestoßen wurde. Jetzt saß es im sogenannten Studierzimmer, das neben der großen Eßstube lag und wo vielerlei Geräthschaften herumstanden und lagen, die das Zimmer wohnlich machten und zeigten, daß man hier gewöhnlich sich aufhielt. An dem großen, schönen Bücherschrank mit den Glasthüren konnte man sehen, woher das Zimmer seinen Namen hatte und daß es wohl der Raum war, wo dem lahmen Töchterchen der tägliche Unterricht ertheilt wurde.
      Klara hatte ein blasses, schmales Gesichtchen, aus dem zwei milde, blaue Augen herausschauten, die in diesem Augenblick auf die große Wanduhr gerichtet waren, die heute besonders langsam zu gehen schien, denn Klara, die sonst [90] kaum ungeduldig wurde, sagte jetzt mit ziemlicher Ungeduld in der Stimme: «Ist es denn immer noch nicht Zeit, Fräulein Rottenmeier?»
      Die Letztere saß sehr aufrecht an einem kleinen Arbeitstisch und stickte. Sie hatte eine geheimnißvolle Hülle um sich, einen großen Kragen oder Halbmantel, welcher der Persönlichkeit einen feierlichen Anstrich verlieh, der noch erhöht wurde durch eine Art von hoch gebauter Kuppel, die sie auf dem Kopf trug. Fräulein Rottenmeier war schon seit mehreren Jahren, seitdem die Dame des Hauses gestorben war, im Hause Sesemann, führte die Wirthschaft und hatte die Oberaufsicht über das ganze Dienstpersonal.
      Herr Sesemann war meistens auf Reisen, überließ daher dem Fräulein Rottenmeier das ganze Haus, nur mit der Bedingung, daß sein Töchterlein in Allem eine Stimme haben solle und Nichts gegen seinen Wunsch geschehen dürfe.
      Während oben Klara zum zweiten Mal mit Zeichen der Ungeduld Fräulein Rottenmeier befragte, ob die Zeit noch nicht da sei, da die Erwarteten erscheinen konnten, stand unten vor der Hausthüre die Dete mit Heidi an der Hand und fragte den Kutscher Johann, der eben vom Wagen gestiegen war, ob sie wohl Fräulein Rottenmeier so spät noch stören dürfe.
      «Das ist nicht meine Sache», brummte der Kutscher; «klingeln Sie den Sebastian herunter, drinnen im Corridor.»
      [91] Dete that, wie ihr geheißen war, und der Bediente des Hauses kam die Treppe herunter mit großen, runden Knöpfen auf seinem Aufwärterrock und fast ebenso großen runden Augen im Kopf.
      «Ich wollte fragen, ob ich um diese Zeit Fräulein Rottenmeier noch stören dürfe», brachte die Dete wieder an.
      «Das ist nicht meine Sache», gab der Bediente zurück; «klingeln Sie die Jungfer Tinette herunter an der andern Klingel», und ohne weitere Auskunft verschwand der Sebastian.
      Dete klingelte wieder. Jetzt erschien auf der Treppe die Jungfer Tinette mit einem blendend weißen Deckelchen auf der Mitte des Kopfes und einer spöttischen Miene auf dem Gesicht.
      «Was ist?», fragte sie auf der Treppe, ohne herunterzukommen. Dete wiederholte ihr Gesuch. Jungfer Tinette verschwand, kam aber bald wieder und rief von der Treppe herunter: «Sie sind erwartet!»
      Jetzt stieg Dete mit Heidi die Treppe hinauf und trat, der Jungfer Tinette folgend, in das Studierzimmer ein. Hier blieb Dete höflich an der Thüre stehen, Heidi immer fest an der Hand haltend, denn sie war gar nicht sicher, was dem Kinde etwa begegnen konnte auf diesem so fremden Boden.
      Fräulein Rottenmeier erhob sich langsam von ihrem Sitz und kam näher, um die angekommene Gespielin der [92] Tochter des Hauses zu betrachten. Der Anblick schien sie nicht zu befriedigen. Heidi hatte sein einfaches Baumwollröckchen an und sein altes, zerdrücktes Strohhütchen auf dem Kopf. Das Kind guckte sehr harmlos darunter hervor und betrachtete mit unverhehlter Verwunderung den Thurmbau auf dem Kopf der Dame.
      «Wie heißest du?», fragte Fräulein Rottenmeier, nachdem auch sie einige Minuten lang forschend das Kind angesehen hatte, das kein Auge von ihr verwandte.
      «Heidi», antwortete es deutlich und mit klangvoller Stimme.
      «Wie? Wie? das soll doch wohl kein christlicher Name sein? So bist du doch nicht getauft worden. Welchen Namen hast du in der Taufe erhalten?», fragte Fräulein Rottenmeier weiter.
      «Das weiß ich jetzt nicht mehr», entgegnete Heidi.
      «Ist das eine Antwort!», bemerkte die Dame mit Kopfschütteln. «Jungfer Dete, ist das Kind einfältig oder schnippisch?»
      «Mit Erlaubniß und wenn es die Dame gestattet, so will ich gern reden für das Kind, denn es ist sehr unerfahren», sagte die Dete, nachdem sie dem Heidi heimlich einen kleinen Stoß gegeben hatte für die unpassende Antwort. «Es ist aber nicht einfältig und auch nicht schnippisch, davon weiß es gar Nichts; es meint Alles so, wie es redet. Aber es ist heut' zum ersten Mal in einem Herrenhaus [93] und kennt die gute Manier nicht; aber es ist willig und nicht ungelehrig, wenn die Dame wollte gütige Nachsicht haben. Es ist Adelheid getauft worden, wie seine Mutter, meine Schwester selig.»
      «Nun wohl, dieß ist doch ein Name, den man sagen kann», bemerkte Fräulein Rottenmeier. «Aber, Jungfer Dete, ich muß Ihnen doch sagen, daß mir das Kind für sein Alter sonderbar vorkommt. Ich habe Ihnen mitgetheilt, die Gespielin für Fräulein Klara müßte in ihrem Alter sein, um denselben Unterricht mit ihr zu verfolgen und überhaupt ihre Beschäftigungen zu theilen. Fräulein Klara hat das zwölfte Jahr zurückgelegt; wie alt ist das Kind?»
      «Mit Erlaubniß der Dame», fing die Dete wieder beredt an, «es war mir eben selber nicht mehr so ganz gegenwärtig, wie alt es sei; es ist wirklich ein wenig jünger, viel trifft es nicht an, ich kann's so ganz genau nicht sagen, es wird so um das zehnte Jahr, oder so noch Etwas dazu sein, nehm' ich an.»
      «Jetzt bin ich acht, der Großvater hat's gesagt», erklärte Heidi. Die Base stieß es wieder an, aber Heidi hatte keine Ahnung, warum, und wurde keineswegs verlegen.
      «Was, erst acht Jahre alt?», rief Fräulein Rottenmeier mit einiger Entrüstung aus. «Vier Jahre zu wenig! Was soll das geben! Und was hast du denn gelernt? Was hast du für Bücher gehabt bei deinem Unterricht?»
      «Keine», sagte Heidi.
      «Wie? Was? Wie hast du denn lesen gelernt?», fragte die Dame weiter.
      «Das hab' ich nicht gelernt und der Peter auch nicht», berichtete Heidi.
      «Barmherzigkeit! du kannst nicht lesen? du kannst wirklich nicht lesen!», rief Fräulein Rottenmeier im höchsten Schrecken aus. «Ist es die Möglichkeit, nicht lesen! Was hast du denn aber gelernt?»
      «Nichts», sagte Heidi der Wahrheit gemäß.
      «Jungfer Dete», sagte Fräulein Rottenmeier nach einigen Minuten, in denen sie nach Fassung rang, «es ist Alles nicht nach Abrede, wie konnten Sie mir dieses Wesen zuführen?» Aber die Dete ließ sich nicht so bald einschüchtern; sie antwortete herzhaft: «Mit Erlaubniß der Dame, das Kind ist gerade, was ich dachte, daß sie haben wolle; die Dame hat mir beschrieben, wie es sein müsse, so ganz apart und nicht wie die andern, und so mußte ich das kleine nehmen, denn die größeren sind bei uns dann nicht mehr so apart, und ich dachte, dieses passe wie gemacht auf die Beschreibung. Jetzt muß ich aber gehen, denn meine Herrschaft erwartet mich; ich will, wenn's meine Herrschaft erlaubt, bald wieder kommen und nachsehen, wie es geht mit ihm.» Mit einem Knix war die Dete zur Thür hinaus und die Treppe hinunter mit schnellen Schritten. Fräulein Rottenmeier stand einen Augenblick noch da; dann lief sie der Dete nach, [95] es war ihr wohl in den Sinn gekommen, daß sie noch eine Menge von Dingen mit der Base besprechen wollte, wenn das Kind wirklich da bleiben sollte, und da war es doch nun einmal und, wie sie bemerkte, hatte die Base fest im Sinn, es da zu lassen.
      Heidi stand noch auf demselben Platz an der Thüre, wo es von Anfang an gestanden hatte. Bis dahin hatte Klara von ihrem Sessel aus schweigend allem zugesehen. Jetzt winkte sie Heidi: «Komm' hierher!»
      Heidi trat an den Rollstuhl heran.
      «Willst du lieber Heidi heißen oder Adelheid?», fragte Klara.
      «Ich heiße nur Heidi und sonst Nichts», war Heidi's Antwort.
      «So will ich dich immer so nennen», sagte Klara; «der Name gefällt mir für dich, ich habe ihn aber nie gehört, ich habe aber auch nie ein Kind gesehen, das so aussieht wie du. Hast du immer nur so kurzes, krauses Haar gehabt?»
      «Ja, ich denk's», gab Heidi zur Antwort.
      «Bist du gern nach Frankfurt gekommen?», fragte Klara weiter.
      «Nein, aber morgen geh' ich dann wieder heim und bringe der Großmutter weiße Brödchen!», erklärte Heidi.
      «Du bist aber ein curioses Kind!», fuhr jetzt Klara auf. «Man hat dich ja expreß nach Frankfurt kommen [96] lassen, daß du bei mir bleibest und die Stunden mit mir nehmest, und siehst du, es wird nun ganz lustig, weil du gar nicht lesen kannst, nun kommt Etwas ganz Neues in den Stunden vor. Sonst ist es manchmal so schrecklich langweilig und der Morgen will gar nicht zu Ende kommen. Denn siehst du, alle Morgen um zehn Uhr kommt der Herr Candidat, und dann fangen die Stunden an und dauern bis um zwei Uhr, das ist so lange. Der Herr Candidat nimmt auch manchmal das Buch ganz nahe an's Gesicht heran, so, als wäre er auf einmal ganz kurzsichtig geworden, aber er gähnt nur furchtbar hinter dem Buch, und Fräulein Rottenmeier nimmt auch von Zeit zu Zeit ihr großes Taschentuch hervor und hält es vor das ganze Gesicht hin, so, als sei sie ganz ergriffen von Etwas, das wir lesen; aber ich weiß recht gut, daß sie nur ganz schrecklich gähnt dahinter, und dann sollte ich auch so stark gähnen und muß es immer hinunterschlucken, denn wenn ich nur ein einziges Mal herausgähne, so holt Fräulein Rottenmeier gleich den Fischthran und sagt, ich sei wieder schwach, und Fischthran nehmen ist das Allerschrecklichste, da will ich doch lieber Gähnen schlucken. Aber nun wird's viel kurzweiliger, da kann ich dann zuhören, wie du lesen lernst.»
      Heidi schüttelte ganz bedenklich mit dem Kopf, als es vom Lesenlernen hörte.
      «Doch, doch, Heidi, natürlich mußt du lesen lernen, alle Menschen müssen, und der Herr Candidat ist sehr gut, [97] er wird niemals böse, und er erklärt dir dann schon Alles. Aber siehst du, wenn er Etwas erklärt, dann verstehst du Nichts davon; dann mußt du nur warten und gar Nichts sagen, sonst erklärt er dir noch viel mehr, und du verstehst es noch weniger. Aber dann nachher, wenn du Etwas gelernt hast und es weißt, dann verstehst du schon, was er gemeint hat.»
      Jetzt kam Fräulein Rottenmeier wieder in's Zimmer zurück; sie hatte Dete nicht mehr zurückrufen können und war sichtlich aufgeregt davon, denn sie hatte dieser eigentlich gar nicht einläßlich sagen können, was Alles nicht nach Abrede sei bei dem Kinde, und da sie nicht wußte, was nun zu thun sei, um ihren Schritt rückgängig zu machen, war sie um so aufgeregter, denn sie selbst hatte die ganze Sache angestiftet. Sie lief nun vom Studierzimmer in's Eßzimmer hinüber, und von da wieder zurück, und kehrte dann unmittelbar wieder um und fuhr hier den Sebastian an, der seine runden Augen eben nachdenklich über den gedeckten Tisch gleiten ließ, um zu sehen, ob sein Werk keinen Mangel habe.
      «Denk' Er morgen Seine großen Gedanken fertig und mach' Er, daß man heut' noch zu Tische komme.»
      Mit diesen Worten fuhr Fräulein Rottenmeier an Sebastian vorbei und rief nach der Tinette, mit so wenig einladendem Ton, daß die Jungfer Tinette mit noch viel kleinern Schritten herantrippelte als sonst gewöhnlich, und [98] sich mit so spöttischem Gesicht hinstellte, daß selbst Fräulein Rottenmeier nicht wagte, sie anzufahren; umso mehr schlug ihr die Aufregung nach innen.
      «Das Zimmer der Angekommenen ist in Ordnung zu bringen, Tinette», sagte die Dame mit schwer errungener Ruhe; «es liegt Alles bereit, nehmen Sie noch den Staub von den Möbeln weg.»
      «Es ist der Mühe werth», spöttelte Tinette und ging.
      Unterdessen hatte Sebastian die Doppelthüren zum Studierzimmer mit ziemlichem Knall aufgeschlagen, denn er war sehr ergrimmt, aber sich in Antworten Luft zu machen, durfte er nicht wagen Fräulein Rottenmeier gegenüber; dann trat er ganz gelassen in's Studierzimmer, um den Rollstuhl hinüberzustoßen. Während er den Griff hinten am Stuhl, der sich verschoben hatte, zurechtdrehte, stellte sich Heidi vor ihn hin und schaute ihn unverwandt an, was er bemerkte. Auf einmal fuhr er auf. «Na, was ist denn da Besonderes dran?», schnurrte er Heidi an in einer Weise, wie er es wohl nicht gethan, hätte er Fräulein Rottenmeier gesehen, die eben wieder auf der Schwelle stand und gerade hereintrat, als Heidi entgegnete: «Du siehst dem Gaißenpeter gleich.»
      Entsetzt schlug die Dame ihre Hände zusammen. «Ist es die Möglichkeit!», stöhnte sie halblaut. «Nun duzt sie mir den Bedienten! dem Wesen fehlen alle Urbegriffe!»
      Der Stuhl kam herangerollt und Klara wurde von [99] Sebastian hinausgeschoben und auf ihren Sessel an den Tisch gesetzt.
      Fräulein Rottenmeier setzte sich neben sie und winkte Heidi, es sollte den Platz ihr gegenüber einnehmen. Sonst kam Niemand zu Tisch, und es war viel Platz da; die drei saßen auch weit auseinander, so daß Sebastian mit seiner Schüssel zum Anbieten sehr guten Raum fand. Neben Heidi's Teller lag ein schönes, weißes Brödchen; das Kind schaute mit erfreuten Blicken darauf. Die Aehnlichkeit, die Heidi entdeckt hatte, mußte sein ganzes Vertrauen für den Sebastian erweckt haben, denn es saß mäuschenstill und rührte sich nicht, bis er mit der großen Schüssel zu ihm herantrat und ihm die gebratenen Fischchen hinhielt, dann zeigte es auf das Brödchen und fragte: «Kann ich das haben?» Sebastian nickte und warf dabei einen Seitenblick auf Fräulein Rottenmeier, denn es wunderte ihn, was die Frage für einen Eindruck auf sie mache. Augenblicklich ergriff Heidi sein Brödchen und steckte es in die Tasche. Sebastian machte eine Grimasse, denn das Lachen kam ihn an; er wußte aber wohl, daß ihm das nicht erlaubt war. Stumm und unbeweglich blieb er immer noch vor Heidi stehen, denn reden durfte er nicht, und weggehen durfte er wieder nicht, bis man sich bedient hatte. Heidi schaute ihm eine Zeit lang verwundert zu, dann fragte es: «Soll ich auch von dem essen?» Sebastian nickte wieder. «So gib mir», sagte es und schaute ruhig auf seinen Teller. Se[100]bastian's Grimasse wurde sehr bedenklich, und die Schüssel in seinen Händen fing an gefährlich zu zittern.
      «Er kann die Schüssel auf den Tisch setzen und nachher wiederkommen», sagte jetzt Fräulein Rottenmeier mit strengem Gesicht. Sebastian verschwand sogleich. «Dir, Adelheid, muß ich überall die ersten Begriffe beibringen, das sehe ich», fuhr Fräulein Rottenmeier mit tiefem Seufzer fort. «Vor Allem will ich dir zeigen, wie man sich am Tische bedient», und nun machte die Dame deutlich und eingehend Alles vor, was Heidi zu thun hatte. «Dann», fuhr sie weiter, «muß ich dir hauptsächlich bemerken, daß du am Tisch nicht mit Sebastian zu sprechen hast, auch sonst nur dann, wenn du einen Auftrag oder eine nothwendige Frage an ihn zu richten hast; dann aber nennst du ihn nie mehr anders als Sie oder Er, hörst du? daß ich dich niemals mehr ihn anders nennen höre. Auch Tinette nennst du Sie, Jungfer Tinette. Mich nennst du so, wie du mich von allen nennen hörst; wie du Klara nennen sollst, wird sie selbst bestimmen.»
      «Natürlich Klara», sagte diese. Nun folgte aber noch eine Menge von Verhaltungsmaßregeln, über Aufstehn und Zubettegehen, über Hereintreten und Hinausgehn, über Ordnunghalten, Thürenschließen, und über alledem fielen dem Heidi die Augen zu, denn es war heute vor fünf Uhr aufgestanden und hatte eine lange Reise gemacht. Es lehnte sich an den Sesselrücken und schlief ein. Als dann nach längerer Zeit Fräulein Rottenmeier zu Ende gekommen war [101] mit ihrer Unterweisung, sagte sie: «Nun denke daran, Adelheid; hast du Alles recht begriffen?»
      «Heidi schläft schon lange», sagte Klara mit ganz belustigtem Gesicht, denn das Abendessen war für sie seit langer Zeit nie so kurzweilig verflossen.
      «Es ist doch völlig unerhört, was man mit diesem Kind erlebt!», rief Fräulein Rottenmeier in großem Aerger und klingelte so heftig, daß Tinette und Sebastian mit einander hereingestürzt kamen; aber trotz allen Lärms erwachte Heidi nicht, und man hatte die größte Mühe, es so weit zu erwecken, daß es nach seinem Schlafgemach gebracht werden konnte; erst durch das Studierzimmer, dann durch Klara's Schlafstube, dann durch die Stube von Fräulein Rottenmeier zu dem Eckzimmer, das nun für Heidi eingerichtet war.