B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A
           
  Johanna Spyri
1827 - 1901
     
   



H e i d i ' s   L e h r -
u n d   W a n d e r j a h r e .



C a p i t e l   X I .
H e i d i   n i m m t   a u f
e i n e r   S e i t e   z u   u n d
a u f   d e r   a n d e r n   a b .


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[155]

Die Großmama hatte während der ganzen Zeit ihres Aufenthalts jeden Nachmittag, wenn Klara sich hinlegte und Fräulein Rottenmeier, wahrscheinlich der Ruhe bedürftig, geheimnißvoll verschwand, sich einen Augenblick neben Klara hingesetzt; aber schon nach fünf Minuten war sie wieder auf den Füßen und hatte dann immer Heidi auf ihre Stube berufen, sich mit ihm besprochen und es auf allerlei Weise beschäftigt und unterhalten. Die Großmama hatte hübsche kleine Puppen und zeigte dem Heidi, wie man ihnen Kleider und Schürzchen macht, und ganz unvermerkt hatte Heidi das Nähen erlernt und machte den kleinen Frauenzimmern die schönsten Röcke und Mäntelchen, denn die Großmama hatte immer Zeugstücke von den prächtigsten Farben. Nun Heidi lesen konnte, durfte es auch immer wieder der Großmama seine Geschichten vorlesen, das machte ihm die größte Freude, denn je mehr es seine Geschichten las, desto [167] lieber wurden sie ihm, denn Heidi lebte Alles ganz mit durch, was die Leute alle zu erleben hatten, und so hatte es zu ihnen allen ein sehr nahes Verhältniß und freute sich immer wieder, bei ihnen zu sein. Aber so recht froh sah Heidi nie aus, und seine lustigen Augen waren nie mehr zu sehen.
      Es war die letzte Woche, welche die Großmama in Frankfurt zubringen wollte. Sie hatte eben nach Heidi gerufen, daß es auf ihre Stube komme; es war die Zeit, da Klara schlief. Als Heidi eintrat mit seinem großen Buch unter dem Arm, winkte ihm die Großmama, daß es ganz nahe zu ihr herankomme, legte das Buch weg und sagte: «Nun komm', Kind, und sag' mir, warum bist du nicht fröhlich? Hast du immer noch denselben Kummer im Herzen?»
      «Ja», nickte Heidi.
      «Hast du ihn dem lieben Gott geklagt?»
      «Ja.»
      «Und betest du nun alle Tage, daß Alles gut werde und er dich froh mache?»
      «O nein, ich bete jetzt gar nie mehr.»
      «Was sagst du mir, Heidi? Was muß ich hören? Warum betest du denn nicht mehr?»
      «Es nützt Nichts, der liebe Gott hat nicht zugehört, und ich glaube es auch wohl», fuhr Heidi in einiger Aufregung weiter, «wenn nun am Abend so viele, viele Leute [168] in Frankfurt alle mit einander beten, so kann der liebe Gott ja nicht auf alle Acht geben, und mich hat er gewiß gar nicht gehört.»
      «So, wie weißt du denn das so sicher, Heidi?»
      «Ich habe alle Tage das Gleiche gebetet, manche Woche lang, und der liebe Gott hat es nie gethan.»
      «Ja, so geht's nicht zu, Heidi! das mußt du nicht meinen! Siehst du, der liebe Gott ist für uns Alle ein guter Vater, der immer weiß, was gut für uns ist, wenn wir es gar nicht wissen. Wenn wir aber nun Etwas von ihm haben wollen, das nicht gut für uns ist, so gibt er uns das nicht, sondern Etwas viel Besseres, wenn wir fortfahren, so recht herzlich zu ihm zu beten, aber nicht gleich weglaufen und alles Vertrauen zu ihm verlieren. Siehst du, was du nun von ihm erbitten wolltest, das war in diesem Augenblick nicht gut für dich; der liebe Gott hat dich schon gehört, er kann alle Menschen auf einmal anhören und übersehn, siehst du, dafür ist er der liebe Gott und nicht ein Mensch wie du und ich. Und weil er nun wohl wußte, was für dich gut ist, dachte er bei sich: ‹Ja, das Heidi soll schon einmal haben, wofür es bittet, aber erst dann, wenn es ihm gut ist, und so wie es darüber recht froh werden kann. Denn wenn ich jetzt thue, was es will, und es merkt nachher, daß es doch besser gewesen wäre, ich hätte ihm seinen Willen nicht gethan, dann weint es nachher und sagt: Hätte mir doch der liebe Gott nur nicht [169] gegeben, wofür ich bat, es ist gar nicht so gut, wie ich gemeint habe.› Und während nun der liebe Gott auf dich niedersah, ob du ihm auch recht vertrauest und täglich zu ihm kommest und betest und immer zu ihm aufsehest, wenn dir Etwas fehlt, da bist du weggelaufen ohne Alles Vertrauen, hast nie mehr gebetet und hast den lieben Gott ganz vergessen. Aber siehst du, wenn Einer es so macht und der liebe Gott hört seine Stimme gar nie mehr unter den Betenden, so vergißt er ihn auch und läßt ihn gehen, wohin er will. Wenn es ihm dabei aber schlecht geht und er jammert: ‹Mir hilft aber auch gar Niemand!›, dann hat keiner Mitleiden mit ihm, sondern Jeder sagt zu ihm: ‹Du bist ja selbst vom lieben Gott weggelaufen, der dir helfen konnte!› Willst du's so haben, Heidi, oder willst du gleich wieder zum lieben Gott gehen und ihn um Verzeihung bitten, daß du so von ihm weggelaufen bist, und dann alle Tage zu ihm beten und ihm vertrauen, daß er Alles gut für dich machen werde, so daß du auch wieder ein frohes Herz bekommen kannst?»
      Heidi hatte sehr aufmerksam zugehört; jedes Wort der Großmama fiel in sein Herz, denn zu ihr hatte das Kind ein unbedingtes Vertrauen.
      «Ich will jetzt gleich auf der Stelle gehen und den lieben Gott um Verzeihung bitten, und ich will ihn nie mehr vergessen», sagte Heidi reumüthig.
      «So ist's recht, Kind, er wird dir auch helfen zur [170] rechten Zeit, sei nur getrost!», ermunterte die Großmama, und Heidi lief sofort in sein Zimmer hinüber und betete ernstlich und reuig zum lieben Gott und bat ihn, daß er es doch nicht vergessen und auch wieder zu ihm niederschauen möge. -
      Der Tag der Abreise war gekommen, es war für Klara und Heidi ein trauriger Tag; aber die Großmama wußte es so einzurichten, daß sie gar nicht zum Bewußtsein kamen, daß es eigentlich ein trauriger Tag sei, sondern es war eher wie ein Festtag, bis die gute Großmama im Wagen davonfuhr. Da trat eine Leere und Stille im Hause ein, als wäre Alles vorüber, und solange noch der Tag währte, saßen Klara und Heidi wie verloren da und wußten gar nicht, wie es nun weiter kommen sollte.
      Am folgenden Tag, als die Unterrichtsstunden vorbei und die Zeit da war, da die Kinder gewöhnlich zusammensaßen, trat Heidi mit seinem Buch unter dem Arm herein und sagte: «Ich will dir nun immer, immer vorlesen; willst du, Klara?»
      Der Klara war der Vorschlag recht für einmal, und Heidi machte sich mit Eifer an seine Thätigkeit. Aber es ging nicht lange, so hörte schon wieder Alles auf, denn kaum hatte Heidi eine Geschichte zu lesen begonnen, die von einer sterbenden Großmutter handelte, als es auf einmal laut aufschrie: «O, nun ist die Großmutter todt!», und in ein jammervolles Weinen ausbrach, denn Alles, [171] was es las, war dem Heidi volle Gegenwart, und es glaubte nicht anders, als nun sei die Großmutter auf der Alm gestorben, und es klagte in immer lauterem Weinen: «Nun ist die Großmutter todt, und ich kann nie mehr zu ihr gehen, und sie hat nicht ein einziges Brödchen mehr bekommen!»
      Klara suchte immerfort dem Heidi zu erklären, daß es ja nicht die Großmutter auf der Alm sei, sondern eine ganz andere, von der diese Geschichte handle; aber auch, als sie endlich dazu gekommen war, dem aufgeregten Heidi diese Verwechslung klar zu machen, konnte es sich doch nicht beruhigen und weinte immer noch untröstlich weiter, denn der Gedanke war ihm nun im Herzen erwacht, die Großmutter könne ja sterben, während es so weit weg sei, und der Großvater auch noch, und wenn es dann nach einiger Zeit wieder heimkomme, so sei Alles still und todt auf der Alm und es stehe ganz allein da und könne niemals mehr die sehen, die ihm lieb waren.
      Währenddessen war Fräulein Rottenmeier in's Zimmer getreten und hatte noch Klara's Bemühungen, Heidi über seinen Irrthum aufzuklären, mitangehört. Als das Kind aber immer noch nicht aufhören konnte zu schluchzen, trat sie mit sichtlichen Zeichen der Ungeduld zu den Kindern heran und sagte mit bestimmtem Ton: «Adelheid, nun ist des grundlosen Geschrei's genug! Ich will dir Eines sagen: Wenn du noch ein einziges Mal beim Lesen deiner Ge[172]schichten solchen Ausbrüchen den Lauf lässest, so nehme ich das Buch aus deinen Händen und für immer!»
      Das machte Eindruck. Heidi wurde ganz weiß vor Schrecken, das Buch war sein höchster Schatz. Es trocknete in größter Eile seine Thränen und schluckte und würgte sein Schluchzen mit Gewalt hinunter, so daß kein Tönchen mehr laut wurde. Das Mittel hatte geholfen, Heidi weinte nie mehr, was es auch lesen mochte; aber manchmal hatte es solche Anstrengungen zu machen, um sich zu überwinden und nicht aufzuschreien, daß Klara öfter ganz erstaunt sagte: «Heidi, du machst so schreckliche Grimassen, wie ich noch nie gesehen habe.» Aber die Grimassen machten keinen Lärm und fielen der Dame Rottenmeier nicht auf, und wenn Heidi seinen Anfall von verzweiflungsvoller Traurigkeit niedergerungen hatte, kam Alles wieder in's Geleise für einige Zeit und war tonlos vorübergegangen. Aber seinen Appetit verlor Heidi so sehr und sah so mager und bleich aus, daß der Sebastian fast nicht ertragen konnte, das so mit anzusehen und Zeuge sein zu müssen, wie Heidi bei Tisch die schönsten Gerichte an sich vorübergehen ließ und Nichts essen wollte. Er flüsterte ihm auch öfter ermunternd zu, wenn er ihm eine Schüssel hinhielt: «Nehmen von dem, Mamsellchen, 's ist vortrefflich. Nicht so! Einen rechten Löffel voll, noch einen!», und dergleichen väterlicher Räthe mehr; aber es half Nichts: Heidi aß fast gar nicht mehr, und wenn es sich am Abend auf sein Kissen legte, [173] so hatte es augenblicklich Alles vor Augen, was daheim war, und nur ganz leise weinte es dann vor Sehnsucht in sein Kissen hinein, so daß es gar Niemand hören konnte.
      So ging eine lange Zeit dahin. Heidi wußte gar nie, ob es Sommer oder Winter sei, denn die Mauern und Fenster, die es aus allen Fenstern des Hauses Sesemann erblickte, sahen immer gleich aus, und hinaus kam es nur, wenn es Klara besonders gut ging und eine Ausfahrt im Wagen mit ihr gemacht werden konnte, die aber immer sehr kurz war, denn Klara konnte nicht vertragen, lang zu fahren. So kam man kaum aus den Mauern und Steinstraßen heraus, sondern kehrte gewöhnlich vorher wieder um und fuhr immerfort durch große, schöne Straßen, wo Häuser und Menschen in Fülle zu sehen waren, aber nicht Gras und Blumen, keine Tannen und keine Berge, und Heidi's Verlangen nach dem Anblick der schönen, gewohnten Dinge steigerte sich mit jedem Tage mehr, so daß es jetzt nur den Namen eines dieser Erinnerung=weckenden Worte zu lesen brauchte, so war schon ein Ausbruch des Schmerzes nahe, und Heidi hatte mit aller Gewalt dagegen zu ringen. So waren Herbst und Winter vergangen, und schon blendete die Sonne wieder so stark auf die weißen Mauern am Hause gegenüber, daß Heidi ahnte, nun sei die Zeit nahe, da der Peter wieder zur Alm führe mit den Gaißen, da die goldenen Cystusröschen glitzerten droben im Sonnenschein und allabendlich ringsum alle Berge im Feuer ständen. [174] Heidi setzte sich in seinem einsamen Zimmer in einen Winkel und hielt sich mit beiden Händen die Augen zu, daß es den Sonnenschein drüben an der Mauer nicht sehe; und so saß es regungslos, sein brennendes Heimweh lautlos niederkämpfend, bis Klara wieder nach ihm rief.