BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Adalbert Stifter

1805 - 1868

 

Der Nachsommer

 

Dritter Band

 

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1. Die Entfaltung

 

Wir waren in dem nehmlichen Zimmer zum Speisen zusammen gekommen, in dem wir die Zeit her, die ich im Schlosse gewesen war, unser Mahl am Morgen, Mittag und Abend, wie es die Tageszeit brachte, eingenommen hatten, der Tisch war mit dem klaren, weißen, feinen Linnen gedeckt, in das schönere und alterthümlichere Blumen als jezt gebräuchlich sind, gleichsam wie Silber in Silber eingewebt waren, der Diener stand mit den weißen Handschuhen hinter uns, der Hausverwalter ging in dem Zimmer hin und her, und es war an der Wand der Schrein mit den Fächerabtheilungen, in denen die mannigfaltigen Dinge sich befanden, die in einem Speisezimmer stets nöthig sind: aber heute war mir alles wie feenhaft, Mathilde hatte ein veilchenblaues Seidenkleid mit dunkleren Streifen an, und um die Schultern war ein Gewebe von schwarzen Spizen. Sie kleidete sich jedes Mal, wenn ein Gast da war, zum Speisen neu an, hatte es bisher meinetwillen auch gethan und hatte es an diesem Abende nicht unterlassen. Mit dem feinen, lieben und freundlichen Angesichte, das durch die dunkle Seide fast noch feiner und schöner wurde, ließ sie sich in ihren Armstuhl zwischen uns nieder. Natalie war rechts und ich links. Natalie hatte nicht Zeit gefunden, ihr Kleid zu wechseln, sie hatte dasselbe lichtgraue Seidenkleid an, das sie am Nachmittage getragen hatte und das mir so lieb geworden war. Ich getraute mir fast nicht, sie anzusehen, und auch sie hatte die großen, schönen, unbeschreiblich edlen Augen größtentheils auf die Mutter gerichtet. So vergingen einige Augenblicke. Es wurde das Gebet gesprochen, das Mathilde immer in ihrem Armstuhle sizend stille mit gefalteten Händen verrichtete und das daher die Anderen ebenfalls sizend und stille vollbrachten. Als dieses geschehen war, wurden, wie es der Gebrauch in diesem Hause eingeführt hatte, die Flügeltüren geöffnet, ein Diener trat mit einem Topfe herein, sezte ihn auf den Tisch, der Hausverwalter nahm den Deckel desselben ab und sagte, wie er immer that: «Ich wünsche sehr wohl zu speisen.»

Mathilde streckte den Arm mit dem dunkeln Seidenkleide aus, nahm den großen silbernen Löffel und schöpfte, wie sie es sich nie nehmen ließ zu thun, Suppe für uns auf die Teller, welche der Diener darreichte. Der Hausverwalter hatte, da er alles in Ordnung sah, das Zimmer nach seiner Gepflogenheit verlassen. Das Abendessen war nun wie alle Tage. Mathilde sprach freundlich und heiter von verschiedenen Gegenständen, die sich eben darboten, und vergaß nicht, der abwesenden Freunde zu erwähnen und des Vergnügens zu gedenken, das ihre Rückkunft veranlassen werde. Sie sprach von der Ernte, von dem Segen, der heuer überall so reichlich verbreitet sei, und wie sich alles, was sich auf der Erde befinde, doch zulezt immer wieder in das Rechte wende. Als die Zeit des Abendessens vorüber war, erhob sie sich, und es wurden die Anstalten gemacht, daß sich jedes in seine Wohnung begebe. Mit derselben sanften Güte, mit der sie mich vor dem Abendessen begrüßt hatte, verabschiedete sie sich nun, wir wünschten uns wechselseitig eine glückliche Ruhe und trennten uns.

Als ich in meinem Zimmer angekommen war, trat ich in der Nacht dieses Tages, der für mich in meinem bisherigen Leben am merkwürdigsten geworden war, an das Fenster und blickte gegen den Himmel. Es stand kein Mond an demselben und keine Wolke, aber in der milden Nacht brannten so viele Sterne, als wäre der Himmel mit ihnen angefüllt und als berührten sie sich gleichsam mit ihren Spizen. Die Feierlichkeit traf mich erhebender, und die Pracht des Himmels war mir eindringender als sonst, wenn ich sie auch mit großer Aufmerksamkeit betrachtet hatte. Ich mußte mich in der neuen Welt erst zurecht finden. Ich sah lange mit einem sehr tiefen Gefühle zu dem sternbedeckten Gewölbe hinauf. Mein Gemüth war so ernst, wie es nie in meinem ganzen Leben gewesen war. Es lag ein fernes, unbekanntes Land vor mir. Ich ging zu dem Lichte, das auf meinem Tische brannte und stellte meinen undurchsichtigen Schirm vor dasselbe, daß seine Helle nur in die hinteren Theile des Zimmers falle und mir den Schein des Sternenhimmels nicht beirre. Dann ging ich wieder zu dem Fenster und blieb vor demselben. Die Zeit verfloß, und die Nachtfeier ging indessen fort. Wie es sonderbar ist, dachte ich, daß in der Zeit, in der die kleinen, wenn auch vieltausendfältigen Schönheiten der Erde verschwinden und sich erst die unermeßliche Schönheit des Weltraums in der fernen, stillen Lichtpracht aufthut, der Mensch und die größte Zahl der andern Geschöpfe zum Schlummer bestimmt ist! Rührt es daher, daß wir nur auf kurze Augenblicke und nur in der räthselhaften Zeit der Traumwelt zu jenen Größen hinan sehen dürfen, von denen wir eine Ahnung haben, und die wir vielleicht einmal immer näher und näher werden schauen dürfen? Sollen wir hienieden nie mehr als eine Ahnung haben? Oder ist es der großen Zahl der Menschen nur darum blos in kurzen schlummerlosen Augenblicken gestattet, zu dem Sternenhimmel zu schauen, damit die Herrlichkeit desselben uns nicht gewöhnlich werde und die Größe sich nicht dadurch verliere? Aber ich bin ja wiederholt in ganzen Nächten allein gefahren, die Sternbilder haben sich an dem Himmel sachte bewegt, ich habe meine Augen auf sie gerichtet gehalten, sie sind dunkelschwarzen, gestaltlosen Wäldern oder Erdrändern zugesunken, andere sind im Osten aufgestiegen, so hat es fortgedauert, die Stellungen haben sich sanft geändert und das Leuchten hat fortgelächelt, bis der Himmel von der nahenden Sonne lichter wurde, das Morgenroth im Osten erschien und die Sterne wie ein ausgebranntes Feuerwerksgerüste erloschen waren. Haben da meine vom Nachtwachen brennenden Augen die verschwundene stille Größe nicht für höher erkannt als den klaren Tag, der alles deutlich macht? Wer kann wissen, wie dies ist. Wie wird es jenen Geschöpfen sein, denen nur die Nacht zugewiesen ist, die den Tag nicht kennen? Jenen großen, wunderbaren Blumen ferner Länder, die ihr Auge öffnen, wenn die Sonne untergegangen ist, und die ihr meistens weißes Kleid schlaff und verblüht herabhängen lassen, wenn die Sonne wieder aufgeht? Oder den Thieren, denen die Nacht ihr Tag ist? Es war eine Weihe und eine Verehrung des Unendlichen in mir.

Träumend, ehe ich entschlief, begab ich mich auf mein Lager, nachdem ich vorher das Licht ausgelöscht und die Vorhänge der Fenster absichtlich nicht zugezogen hatte, damit ich die Sterne hereinscheinen sähe.

Des anderen Morgens sammelte ich mich, um mir bewußt zu werden, was geschehen ist und welche tiefe Pflichten ich eingegangen war. Ich kleidete mich an, um in das Freie zu gehen und mein Angesicht und meinen Körper der kühlen Morgenluft zu geben.

Als ich mein Zimmer verlassen hatte, suchte ich einen Gang zu gewinnen, der im südlichen Theile des Schlosses in der Länge desselben dahin läuft. Seine Fenster münden in den Hof und von ihm gehen Thüren in die, gegen Mittag liegenden Zimmer Mathildens und Nataliens. Diese Thüren, einst vielleicht zum Gebrauche für Gäste bestimmt, waren jezt meistens geschlossen, weil die Verbindung im Innern der Zimmer hergestellt war. Ich hatte den Gang darum aufgesucht, weil er an der Westseite des Schlosses zu einer kleinen Treppe führt, die abwärts geht und in ein Pförtchen endet, das gewöhnlich des Morgens geöffnet wurde und durch das man unmittelbar in die Felder auf breite, trockene Wege gelangen konnte, die den Wanderer unbemerkter ins Weite führen, als es durch den Hauptausgang des Schlosses möglich gewesen wäre. Die Bewohnerinnen der Zimmer, die an den Gang stießen, glaubte ich darum nicht stören zu können, weil das Steinpflaster des Ganges seiner ganzen Länge nach mit einem weichen Teppiche belegt war, der keine Tritte hören ließ.

Außerdem hatte die Sonne auch bereits einen so hohen Morgenbogen zurückgelegt, daß zu vermuthen war, daß alle im Schlosse schon längst aufgestanden sein würden.

Da ich gegen das Ende des Ganges und in die Nähe der Treppe gekommen war, sah ich eine Thür offen stehen, von der ich vermuthete, daß sie zu den Zimmern der Frauen führen müsse. War die Thür offen, weil man fortgehen wollte oder weil man eben gekommen war? Oder hatte eine Dienerin in der Eile offen gelassen, oder war irgend ein anderer Grund? Ich zauderte, ob ich vorbeigehen sollte; allein, da ich wußte, daß die Thür doch nur in einen Vorsaal ging und da die Treppe schon so nahe war, die mich ins Freie führen sollte, so beschloß ich, vorbei zu gehen und meine Schritte zu beschleunigen. Ich schritt auf dem weichen Teppiche fort und trat nur behutsamer auf. Da ich an der Thür angekommen war, sah ich hinein. Was ich vermuthet hatte, bestätigte sich, die Thür ging in einen Vorsaal. Derselbe war nur klein und mit gewöhnlichen Geräthen versehen. Aber nicht blos in den Vorsaal konnte ich blicken, sondern auch in ein weiteres Zimmer, das mit einer großen Glastür an den Vorsaal stieß, welche Glastür noch überdies halb geöffnet war. In diesem Zimmer aber stand Natalie. An den Wänden hinter ihr erhoben sich edle mittelalterliche Schreine. Sie stand fast mitten in dem Gemache vor einem Tische, auf welchem zwei Zithern lagen und von welchem ein sehr reicher alterthümlicher Teppich nieder hing. Sie war vollständig, gleichsam wie zum Ausgehen gekleidet, nur hatte sie keinen Hut auf dem Haupte. Ihre schönen Locken waren auf dem Hinterhaupte geordnet und wurden von einem Bande oder etwas Ähnlichem getragen. Das Kleid reichte wie gewöhnlich bis zu dem Halse und schloß dort ohne irgend einer fremden Zuthat. Es war wieder von lichtem, grauem Seidenstoffe, hatte aber sehr feine, stark rothe Streifen. Es schloß die Hüften sehr genau und ging dann in reichen Falten bis auf den Fußboden nieder. Die Ärmel waren enge, reichten bis zum Handgelenke und hatten an diesem wie am Oberarme dunkle Querstreifen, die wie ein Armband schlossen. Natalie stand ganz aufrecht, ja der Oberkörper war sogar ein wenig zurückgebogen. Der linke Arm war ausgestreckt und stüzte sich mittelst eines aufrecht stehenden Buches, auf das sie die Hand legte, auf das Tischchen. Die rechte Hand lag leicht auf dem linken Unterarm. Das unbeschreiblich schöne Angesicht war in Ruhe, als hätten die Augen, die jezt von den Lidern bedeckt waren, sich gesenkt und sie dächte nach. Eine solche reine, feine Geistigkeit war in ihren Zügen, wie ich sie an ihr, die immer die tiefste Seele aussprach, doch nie gesehen hatte. Ich verstand auch, was die Gestalt sprach, ich hörte gleichsam ihre inneren Worte: «Es ist nun eingetreten!» Sie hatte mich nicht kommen gehört, weil der Teppich den Fußboden des Ganges bedeckte und sie konnte mich nicht sehen, weil ihr Angesicht gegen Süden gerichtet war. Ich beobachtete nur zwei Augenblicke ihre sinnende Stellung und ging dann leise vorüber und die Treppe hinunter. Es erfüllte mich gleichsam mit einem Meere von Wonne, Natalien von der nehmlichen Empfindung beseelt zu sehen, die ich hatte, von der Empfindung, sich das errungene, kaum gehoffte und so hoch gehaltene Gut geistig zu sichern, sich klar zu machen, was man erhalten hat und in welche neue, unermeßlich wichtige Wendung des Lebens man eingetreten sei. Ich konnte es kaum fassen, daß ich es sei, um den eine Gestalt, die das Schönste ausdrückt, was mir bis jezt bekannt geworden ist, eine Gestalt, die man wohl auch stolz geheißen, die sich bisher von jeder Neigung abgewendet hatte, in diese tiefe sinnende Empfindung gesunken sei. Ich dachte mir, daß ich, so lange ich lebe, und sollte mein Leben bis an die äußerste Grenze des menschlichen Alters oder darüber hinaus gehen, mit jedem Tropfen meines Blutes, mit jeder Faser meines Herzens sie lieben werde, sie möge leben oder todt sein, und daß ich sie fort und fort durch alle Zeiten in der tiefsten Seele meiner Seele tragen werde. Es erschien mir als das süßeste Gefühl, sie nicht nur in diesem Leben, sondern in tausend Leben, die nach tausend Toden folgen mögen, immer lieben zu können. Wie viel hatte ich in der Welt gesehen, wie viel hatte mich erfreut, an wie Vielem hatte ich Wohlgefallen gehabt: und wie ist jezt alles nichts, und wie ist es das höchste Glück, eine reine, tiefe, schöne menschliche Seele ganz sein eigen nennen zu können, ganz sein eigen!

Ich ging durch das Pförtchen hinaus, das ich nur angelehnt fand, und ging auf dem Wege fort, der an dieser Seite vor dem Schlosse vorbei führt und dann in die Felder hinaus geht. Er ist breit, mit feinem Sande belegt und eignet sich daher seiner Trockenheit willen ganz besonders zu Morgenspaziergängen. Er ist von dem vorigen Besizer des Schlosses angelegt und von Mathilden verbessert worden. Er geht von dem Pförtchen nach beiden Richtungen, nach Norden und nach Süden, ziemlich weit fort und bildet auf diese Weise zu dem Schlosse eine Berührungslinie. Roland hatte ihn scherzweise auch immer den Berührweg genannt. Die Obstbäume, die ihn jezt häufig säumen, hat Mathilde meistens schon erwachsen an ihn versezt. Früher war der ganze Weg eine Allee von Pappeln gewesen; allein, da er ganz gerade durch die Gegend geht und mit den geraden Bäumen bepflanzt war, so erschien er sehr unschön und für einen Lustweg, was er sein sollte, wenig geeignet. Nach Berathungen mit ihren Freunden hatte Mathilde die Pappeln, welche außerdem auch den Feldern sehr schädlich waren, nach und nach beseitigt. Sie waren gefällt und ihre Wurzeln ausgegraben worden. Da man die Obstbäume an ihre Stelle sezte, vermied man es absichtlich, an allen Pläzen, an welchen Pappeln gestanden waren, Obstbäume zu pflanzen, damit nicht wieder statt der Pappelallee eine Obstbaumallee würde, was zwar minder unschön als früher gewesen wäre, aber doch immer noch nicht schön. Durch diese Unterbrechung der Baumpflanzung erhielt der Weg, dessen gerade Richtung schwer zu beseitigen gewesen wäre und die doch sonst zu eigenthümlich war, als daß man sie hätte abändern sollen, wenn man nicht Alles nach ganz neuen Gedanken einrichten wollte, die nöthige Abwechslung. Mitternachtwärts von dem Schlosse führt er durch Wiesen und Felder an Gebüschen hin, steigt dann zu einem Walde hinan, in welchen er eine Strecke eindringt. Südwärts geht er durch Felder, hat dort besonders schöne Apfelbäume an seinen Seiten, wölbt sich sanft über einen Ackerrücken und gewährt von ihm eine schöne Aussicht in die Gebirge.

Ich schlug die Richtung nach Süden ein, wie ich überhaupt sehr gerne bei dem Beginne eines Spazierganges so gehe, daß ich leicht nach Mittag sehe, das Licht vor mir habe und in den schöneren Glanz und die lieblichere Färbung der Wolken blicken kann. Der Himmel war wie gestern ganz heiter, die Sonne stand in seinem östlichen Theile und begann die Tropfen, welche an allen Gräsern und an dem Laube der Bäume hingen, aufzusaugen. Die Morgenkühle war noch nicht vergangen, obwohl der Einfluß der Sonne immer mehr und mehr bemerkbar wurde. Ich sah mit neuen Augen auf alle Dinge um mich, es schien, als hätten sie sich verjüngt und als müßte ich mich wieder allmählich an ihren Anblick gewöhnen. Ich kam auf die Anhöhe und sah auf den langen Zug der Gebirge. Die blauen Spizen blickten auf mich herüber, und die vielen Schneefelder zeigten mir ihren feinen Glanz. Ich sah auch die Berghäupter an dem Kargrat, wo ich zulezt gearbeitet hatte. Mir war, als wäre es schon viele Jahre, seit ich in jenen Eisfeldern und Schneegründen gewesen war. Ich ließ, während ich so dastand, die milde Luft, den Glanz der Sonne und das Prangen der Dinge auf mich wirken. Sonst hatte ich immer irgend ein Buch in meine Tasche gesteckt, wenn ich in der Gegend herum gehen wollte; heute hatte ich es nicht gethan.

Mir war jezt nicht, als sollte ich irgend ein Buch lesen. Ich ging nach einer Weile wieder an den Bäumen dahin, an denen schon die mannigfaltigen Äpfel hingen, die jeder nach seiner Art brachte und die schon hie und da ihre eigenthümliche Farbe zu erhalten begannen. Ich ging so lange auf der Anhöhe des Felderrückens fort, bis sie sich leicht zu senken anfing, über welche Senkung der Weg noch hinabgeht, um in dem Thale an der Grenze eines fremden Gutes zu enden oder vielmehr in einen anderen Weg überzugehen, der die Eigenschaften aller jener Fußwege hat, die in unzähligen Richtungen unser Land durchziehen und auf deren taugliche Beschaffenheit, Verbesserung oder Verschönerung niemand denkt. Ich ging auf der Senkung des Weges nicht mehr hinunter, weil ich nicht thalwärts kommen wollte, wo die Blicke beengt sind.

Ich wendete mich um und hatte den Anblick des Schlosses vor mir, welches jezt von solcher Bedeutung für mich geworden war. Die Fenster schimmerten in dem Glanze der Sonne, das Grau der von der Tünche befreiten südlichen Mauer schaute sanft zu mir herüber, das dunkle Dach hob sich von der Bläue der nördlichen Luft ab, und ein leichter Rauch stieg von einigen seiner Schornsteine auf.

Ich ging langsam auf dem Rücken des Feldes an den Obstbäumen vorüber meines Weges zurück, bis er sachte gegen das Schloß abwärts zu gehen begann.

An dieser Stelle sah ich jezt, daß mir eine Gestalt, welche mir früher durch Baumkronen verdeckt gewesen sein mochte, entgegen kam, welche die Gestalt Nataliens war. Wir gingen beide schneller, als wir uns erblickten, um uns früher zu erreichen. Da wir nun zusammen trafen, blickte mich Natalie mit ihren großen dunkeln Augen freundlich an und reichte mir die Hand. Ich empfing sie, drückte sie herzlich und sagte einen innigen Gruß.

«Es ist recht schön», sprach sie, «daß wir gleichzeitig einen Weg gehen, den ich heute schon einmal gehen wollte, und den ich jezt wirklich gehe.»

«Wie habt ihr denn die Nacht zugebracht, Natalie?» fragte ich.

«Ich habe sehr lange den Schlummer nicht gefunden», antwortete sie, «dann kam er doch in sehr leichter, flüchtiger Gestalt. Ich erwachte bald und stand auf. Am Morgen wollte ich auf diesen Weg heraus gehen und ihn bis über die Felderanhöhe fortsezen; aber ich hatte ein Kleid angezogen, welches zu einem Gange außer dem Hause nicht tauglich war. Ich mußte mich daher später umkleiden und ging jezt heraus, um die Morgenluft zu genießen.»

Ich sah wirklich, daß sie das lichte graue Kleid mit den feinen tiefrothen Streifen nicht mehr an habe, sondern ein einfacheres, kürzeres, mattbraunes trage. Jenes Kleid wäre freilich zu einem Morgenspaziergange nicht tauglich gewesen, weil es in reichen Falten fast bis auf den Fußboden nieder ging. Sie hatte jezt einen leichten Strohhut auf dem Haupte, welchen sie immer bei ihren Wanderungen durch die Felder trug. Ich fragte sie, ob sie glaube, daß noch so viel Zeit vor dem Frühmahle sei, daß sie über die Felderanhöhe hinaus und wieder in das Schloß zurückkommen könne.

«Wohl ist noch so viel Zeit», erwiederte sie, «ich wäre ja sonst nicht fortgegangen, weil ich eine Störung in der Hausordnung nicht verursachen möchte.»

«Dann erlaubt ihr wohl, daß ich euch begleite?» sagte ich.

«Es wird mir sehr lieb sein», antwortete sie.

Ich begab mich an ihre Seite, und wir wandelten den Weg, den ich gekommen war, zurück.

Ich hätte ihr sehr gerne meinen Arm angebothen; aber ich hatte nicht den Muth dazu.

Wir gingen langsam auf dem feinen Sandwege dahin, an einem Baumstamme nach dem andern vorüber, und die Schatten, welche die Bäume auf den Weg warfen, und die Lichter, welche die Sonne dazwischen legte, wichen hinter uns zurück. Anfangs sprachen wir gar nicht, dann aber sagte Natalie: «Und habt ihr die Nacht in Ruhe und Wohlsein zugebracht?»

«Ich habe sehr wenig Schlaf gefunden; aber ich habe es nicht unangenehm empfunden», entgegnete ich, «die Fenster meiner Wohnung, welche mir eure Mutter so freundlich hatte einrichten lassen, gehen in das Freie, ein großer Theil des Sternenhimmels sah zu mir herein. Ich habe sehr lange die Sterne betrachtet. Am Morgen stand ich frühe auf, und da ich glaubte, daß ich niemand in dem Schlosse mehr stören würde, ging ich in das Freie, um die milde Luft zu genießen.»

«Es ist ein eigenes erquickendes Labsal, die reine Luft des heiteren Sommers zu atmen», erwiederte sie.

«Es ist die erhebendste Nahrung, die uns der Himmel gegeben hat», antwortete ich. «Das weiß ich, wenn ich auf einem hohen Berge stehe und die Luft in ihrer Weite wie ein unausmeßbares Meer um mich herum ist. Aber nicht blos die Luft des Sommers ist erquickend, auch die des Winters ist es, jede ist es, welche rein ist und in welcher sich nicht Theile finden, die unserm Wesen widerstreben.»

«Ich gehe oft mit der Mutter an stillen Wintertagen gerade diesen Weg, auf dem wir jezt wandeln. Er ist wohl und breit ausgefahren, weil die Bewohner von Erlthal und die der umliegenden Häuser im Winter von ihrem tief gelegenen Fahrwege eine kleine Abbeugung über die Felder machen und dann unseren Spazierweg seiner ganzen Länge nach befahren. Da ist es oft recht schön, wenn die Zweige der Bäume voll von Kristallen hängen oder wenn sie bereift sind und ein feines Gitterwerk über ihren Stämmen und Ästen tragen.

Oft ist es sogar, als wenn sich der Reif in der Luft befände und sie mit ihm erfüllt wäre. Ein feiner Duft schwebt in ihr, daß man die nächsten Dinge nur wie in einen Rauch gehüllt sehen kann. Ein anderes Mal ist der Himmel wieder so klar, daß man alles deutlich erblickt. Er spannt sich dunkelblau über die Gefilde, die in der Sonne glänzen, und wenn wir auf die Höhe der Felder kommen, können wir von ihr den ganzen Zug der Gebirge sehen. Im Winter ist die Landschaft sehr still, weil die Menschen sich in ihren Häusern halten, so viel sie können, weil die Singvögel Abschied genommen haben, weil das Wild in die tieferen Wälder zurück gegangen ist, und weil selbst ein Gespann nicht den tönenden Rufschlag und das Rollen der Räder hören läßt, sondern nur der einfache Klang der Pferdeglocke, die man hier hat, anzeigt, daß irgend wo jemand durch die Stille des Winters fährt. Wir gehen auf der klaren Bahn dahin, die Mutter leitet die Gespräche auf verschiedene Dinge, und das Ziel unserer Wanderung ist gewöhnlich die Stelle, wo der Weg in das Thal hinabzugehen anfängt. In der Stadt habt ihr die schönen Winterspaziergänge nicht, welche uns das Land gewährt.»

«Nein, Natalie, die haben wir nicht. Wir haben von der dem Winter als Winter eigenthümlichen Wesenheit nichts als die Kälte; denn der Schnee wird auch aus der Stadt fortgeschafft», erwiederte ich, «und nicht blos im Winter, auch im Sommer hat die Stadt nichts, was sich nur entfernt mit der Freiheit und Weite des offenen Landes vergleichen ließe. Eine erweiterte Pflege der Kunst und der Wissenschaft, eine erhöhte Geselligkeit und die Regierung des menschlichen Geschlechts sind in der Stadt, und diese Dinge begreifen auch das, was man in der Stadt sucht. Einen Theil von Wissenschaft und Kunst aber kann man wohl auch auf dem Lande hegen, und ob größere Zweige der allgemeinen Leitung der Menschen auch auf das Land gelegt werden könnten, als jezt geschieht, weiß ich nicht, da ich hierin zu wenig Kenntnisse habe. Ich trage schon lange den Gedanken in mir, einmal auch im Winter in das Hochgebirge zu gehen und dort eine Zeit zuzubringen, um Erfahrungen zu sammeln. Es ist seltsam und reizt zur Nachahmung, was uns die Bücher melden, die von Leuten verfaßt wurden, welche im Winter hochgelegene Gegenden besucht oder gar die Spizen bedeutender Berge erstiegen haben.»

«Wenn es für Leben und Gesundheit keine Gefahr hat, solltet ihr es thun», antwortete sie. «Es ist wohl ein Vorrecht der Männer, das Größere wagen und erfahren zu können. Wenn wir zuweilen im Winter in großen Städten gewesen sind und dort das Leben der verschiedenen Menschen gesehen haben, dann sind wir gerne in den Sternenhof zurückgegangen. Wir haben hier in manchen größeren Zeiträumen alle Jahreszeiten genossen und haben jeden Wechsel derselben im Freien kennen gelernt. Wir sind mit Freunden verbunden, deren Umgang uns veredelt, erhebt, und zu denen wir kleine Reisen machen. Wir haben einige Ergebnisse der Kunst und in einem gewissen Maße auch der Wissenschaft, so weit es sich für Frauen ziemt, in unsere Einsamkeit gezogen.»

«Der Sternenhof ist ein edler und ein würdevoller Siz», entgegnete ich, «er hat sich ein schönes Theil des Menschlichen gesammelt und muß nicht das Widerwärtige desselben hinnehmen. Aber es mußten auch viele Umstände zusammentreffen, da es somit werden konnte, wie es ward.»

«Das sagt die Mutter auch», erwiederte sie, «und sie sagt, sie müsse der Vorsehung sehr danken, daß sie ihre Bestrebungen so unterstüzt und geleitet habe, weil wohl sonst das Wenigste zu Stande gekommen wäre.»

Wir hatten in der Zeit dieses Gespräches nach und nach die höchste Stelle des Weges erreicht. Vor uns ging es wieder abwärts. Wir blieben eine Weile stehen.

«Sagt mir doch», begann Natalie wieder, «wo liegt denn das Kargrat, in welchem ihr euch in diesem Theile des Sommers aufgehalten habt? Man muß es ja von hier aus sehen können.»

«Freilich kann man es sehen», antwortete ich, «es liegt fast im äußersten Westen des Theiles der Kette, der von hier aus sichtbar ist. Wenn ihr von jenen Schneefeldern, die rechts von der sanftblauen Kuppe, welche gerade über der Grenzeiche eures Weizenfeldes sichtbar ist, liegen, und die fast wie zwei gleiche, mit der Spize nach aufwärts gerichtete Dreiecke aussehen, wieder nach rechts geht, so werdet ihr lichte, fast wagrecht gehende Stellen in dem greulichen Dämmer des Gebirges sehen, das sind die Eisfelder des Kargrats.»

«Ich sehe sie sehr deutlich», erwiederte sie, «ich sehe auch die Spizen, die über das Eis empor ragen. Und auf diesem Eise seid ihr gewesen?»

«An seinen Grenzen, die es in allen Richtungen umgeben», antwortete ich, «und auf ihm selber».

«Da müßt ihr ja auch deutlich hieher gesehen haben», sagte sie.

«Die Berggestaltungen des Kargrates, die wir hier sehen», erwiederte ich, «sind so groß, daß wir seine Theile wohl von hier aus unterscheiden können; aber die Abtheilungen der hiesigen Gegend sind so klein, daß ihre Gliederungen von dort aus nicht erblickt werden können. Das Land liegt wie eine mit Duft überschwebte einfache Fläche unten. Mit dem Fernrohre konnte ich mir einzelne bekannte Stellen suchen, und ich habe mir die Bildungen der Hügel und Wälder des Sternenhofes gesucht.»

«Ach nennt mir doch einige von den Spizen, die wir von hier aus sehen können», sagte sie.

«Das ist die Kargratspize, die ihr über dem Eise als höchste seht», erwiederte ich, «und rechts ist die Glommspize und dann der Ethern und das Krummhorn. Links sind nur zwei, der Aschkogel und die Sente.»

«Ich sehe sie», sagte sie, «ich sehe sie.»

«Und dann sind noch geringere Erhöhungen», fuhr ich fort, «die sich gegen die weiteren Berghänge senken, die keinen Namen haben und die man hier nicht sieht.»

Da wir noch eine Weile gestanden waren, die Berge betrachtet und gesprochen hatten, wendeten wir uns um und wandelten dem Schlosse zu.

«Es ist doch sonderbar», sagte Natalie, «daß diese Berge keinen weißen Marmor hervorbringen, da sie doch so viel verschiedenfarbigen haben.»

«Da thut ihr unseren Bergen ein kleines Unrecht», antwortete ich, «sie haben schon Lager von weißem Marmor, aus denen man bereits Stücke zu mannigfaltigen Zwecken bricht, und gewiß werden sie in ihren Verzweigungen noch Stellen bergen, wo vielleicht der feinste und ungetrübteste weiße Marmor ist.»

«Ich würde es lieben, mir Dinge aus solchem Marmor machen zu lassen», sagte sie.

«Das könnt ihr ja thun», erwiederte ich, «kein Stoff ist geeigneter dazu.»

«Ich könnte aber nach meinen Kräften nur kleine Gegenstände anfertigen lassen, Verzierungen und dergleichen», sagte sie, «wenn ich die rechten Stücke bekommen könnte, und wenn meine Freunde mir mit ihrem Rathe beistanden.»

«Ihr könnt sie bekommen», antwortete ich, «und ich selber könnte euch hierin helfen, wenn ihr es wünscht.»

«Es wird mir sehr lieb sein», erwiederte sie, «unser Freund hat edle Werke aus farbigem Marmor in seinem Hause ausführen lassen, und ihr habt ja auch schöne Dinge aus solchem für eure Eltern veranlaßt.»

«Ja, und ich suche noch immer schöne Stücke Marmor zu erwerben, um sie gelegentlich zu künftigen Werken zu verwenden», antwortete ich.

«Meine Vorliebe für den weißen Marmor habe ich wohl aus den reichen, schönen und großartigen Dingen gezogen», entgegnete sie, «die ich in Italien aus ihm ausgeführt gesehen habe. Besonders wird mir Florenz und Rom unvergeßlich sein. Das sind Dinge, die unsere höchste Bewunderung erregen, und doch, habe ich immer gedacht, ist es menschlicher Sinn und menschlicher Geist, der sie entworfen und ausgeführt hat. Euch werden auch Gegenstände bei eurem Aufenthalte im Freien erschienen sein, die das Gemüth mächtig in Anspruch nehmen.»

«Die Kunstgebilde leiten die Augen auf sich, und mit Recht», antwortete ich, «sie erfüllen mit Bewunderung und Liebe. Die natürlichen Dinge sind das Werk einer anderen Hand, und wenn sie auf dem rechten Wege betrachtet werden, regen sie auch das höchste Erstaunen an.»

«So habe ich wohl immer gefühlt», sagte sie.

«Ich habe auf meinem Lebenswege durch viele Jahre Werke der Schöpfung betrachtet», erwiederte ich, «und dann auch, so weit es mir möglich war, Werke der Kunst kennen gelernt, und beide enzückten meine Seele.»

Mit diesen Gesprächen waren wir allmählich dem Schlosse näher gekommen und waren jezt bei dem Pförtchen.

An demselben blieb Natalie stehen und sagte die Worte: «Ich habe gestern sehr lange mit der Mutter gesprochen, sie hat von ihrer Seite eine Einwendung gegen unseren Bund nicht zu machen.»

Ihre feinen Züge überzog ein sanftes Roth, als sie diese Worte zu mir sprach. Sie wollte nun sogleich durch das Pförtchen hinein gehen, ich hielt sie aber zurück und sagte: «Fräulein, ich hielte es nicht für Recht, wenn ich euch etwas verhehlte. Ich habe euch heute schon einmal gesehen, ehe wir zusammentrafen. Als ich am Morgen über den Gang hinter euren Zimmern ins Freie gehen wollte, standen die Thüren in einen Vorsaal und in ein Zimmer offen, und ich sah euch in diesem leztern an einem mit einem alterthümlichen Teppiche behängten Tischchen, die Hand auf ein Buch gestüzt, stehen.»

«Ich dachte an mein neues Schicksal», sagte sie.

«Ich wußte es, ich wußte es», antwortete ich, «und mögen die himmlischen Mächte es so günstig gestalten, als es der Wille derer ist, die euch wohlwollen.»

Ich reichte ihr beide Hände, sie faßte sie, und wir drückten uns dieselben.

Darauf ging sie in das Pförtchen ein und über die Treppe empor.

Ich wartete noch ein wenig.

Da sie oben war und die Thür hinter sich geschlossen hatte, stieg ich auch die Treppe empor.

Das ganze Wesen Nataliens schien mir an diesem Morgen glänzender, als es die ganze Zeit her gewesen war, und ich ging mit einem tief, tief geschwellten Herzen in mein Zimmer.

Dort kleidete ich mich insoweit um, als es nöthig war, die Spuren des Morgenspazierganges zu beseitigen und anständig zu erscheinen, dann ging ich, da die Stunde des Frühmahles schon heran nahte, in das Speisezimmer.

Ich war in demselben allein. Der Tisch war schon gedeckt und Alles zum Morgenmahle in Bereitschaft gesezt. Nachdem ich eine Weile gewartet hatte, kam Mathilde mit Natalie zugleich in das Zimmer. Natalie hatte sich umgekleidet, sie hatte jezt ein festlicheres Kleid an als sie beim Morgenspaziergange getragen hatte, weil sie gleich Mathilden bei Tische einen Gast durch ein besseres Kleid ehrte. Mit der gewöhnlichen Ruhe und Heiterkeit, aber mit einer fast noch größeren Freundlichkeit als sonst begrüßte mich Mathilde und wies mir meinen Plaz an. Wir sezten uns. Wir waren nun bei dem Frühmahle, wie wir es die mehreren Tage her gewohnt waren. Dieselben Gegenstände befanden sich auf dem Tische und derselbe Vorgang wurde befolgt wie immer. Obgleich nur ein Dienstmädchen ab und zu ging und wir in den Zwischenzeiten allein waren, indem Mathilde nach ihrer Gepflogenheit manche Handlungen, die bei einem solchen Frühmahle nöthig sind, an dem Tische selbst verrichtete, so wurde doch über unsere besonderen Angelegenheiten auch jezt nicht gesprochen. Gewöhnliche Dinge, wie sie sich an gewöhnlichen Tagen darbieten, bildeten den Inhalt der Gespräche. Theils Kunst, theils die schönen Tage der Jahreszeit, die eben war, und theils ein Abschnitt des Aufenthaltes während der Rosenzeit im Asperhofe wurden abgehandelt. Dann standen wir auf und trennten uns.

Und so wurde auch am ganzen Tage von dem Verhältnisse, in welches ich zu Natalien getreten war, nichts gesprochen.

Wir fanden uns noch im Laufe des Vormittags im Garten zusammen. Mathilde zeigte mir einige Veränderungen, welche sie vorgenommen hatte. Mehrere zu sehr in geraden Linien gezogene geschorne Hecken, die sich noch in einem abgelegenen Theile des Gartens befunden hatten, waren beseitigt worden und hatten einer leichteren und gefälligeren Anlage Plaz gemacht. Blumenbeete waren gezogen worden und mehrere Pflanzen, welche man erst kennen gelernt hatte, welche mein Gastfreund sehr liebte und unter denen sich außerordentlich schöne befanden, waren in eine Gruppe gestellt worden. Mathilde nannte ihre Namen, Natalie hörte aufmerksam zu. Am Nachmittage wurde ein Spaziergang gemacht. Zuerst besuchten wir die Arbeiter, welche mit der Hinwegschaffung der Tünche von der Steinbekleidung des Hauses beschäftigt waren, und sahen eine Zeit hindurch zu. Mathilde that mehrere Fragen und ließ sich in Erörterungen über Dinge ein, die diese Angelegenheit betrafen. Dann gingen wir in einem großen Bogen längs des Rückens der Anhöhen herum, die zu einem Theile das Thal beherrschen, in dem das Schloß liegt. Wir kamen an dem Saume eines Wäldchens vorüber, von dem man das Schloß, den Garten und die Wirthschaftsgebäude sehen konnte, und gingen endlich durch den nördlichen Arm desselben Spazierweges in das Schloß zurück, in dessen südlichem Theile ich heute Morgens mit Natalien gewandelt war.

Gegen Abend kam der Wagen mit den Wanderern an.

Mein Gastfreund stieg zuerst heraus, dann folgten fast gleichzeitig die übrigen, jüngeren Männer. Ich wurde von allen gegrüßt und von allen getadelt, daß ich so spät gekommen sei. Man begab sich in das gemeinschaftliche Gesellschaftszimmer und besprach sich dort eine Weile, ehe man sich in die Gemächer verfügen wollte, die für einen jeden bestimmt waren.

Mein Gastfreund fragte mich, wo ich mich heuer aufgehalten und welche Theile des Gebirges ich durchstreift habe. Ich antwortete ihm, daß ich ihm schon im Allgemeinen gesagt habe, daß ich an den Simmigletscher gehen werde, daß ich aber meinen besonderen Wohnort im Kargrat aufgeschlagen habe, in dem mit dem Gebirgsstocke gleichnamigen kleinen Dörflein. Von da aus habe ich meine Streifereien gemacht. Ich nannte ihm die einzelnen Richtungen, weil er besonders in der Gegend der Simmen sehr bekannt war. Eustach sprach über die schönen Naturbilder, die in jenen Gestaltungen vorkommen. Roland sagte, ich möchte doch auch einmal die Klamkirche, in der sie gewesen seien, besuchen; die Zeichnungen werde mir Eustach schon zeigen, damit ich einen vorläufigen Überblick davon zu erlangen vermöge. Gustav grüßte mich einfach mit seiner Liebe und Freundschaft, wie er es immer gethan hatte. Auf die gelegentliche Frage meines Gastfreundes, ob ich nun lange in der Gesellschaft meiner Freunde zu bleiben gesonnen sei, antwortete ich, daß mich eine wichtige Angelegenheit vielleicht schon in sehr kurzer Zeit fortführen könnte.

Nach diesen allgemeinen Gesprächen begaben sich die Reisenden in ihre Zimmer, um die Spuren der Reise zu beseitigen, staubige Kleider abzulegen, sich sonst zu erfrischen oder Mitgebrachtes in eine Ordnung zu richten.

Wir sahen uns erst bei dem Abendessen wieder.

Dasselbe war so heiter und freundlich, wie es immer gewesen war.

Am anderen Morgen nach dem Frühmahle ging mein Gastfreund eine Zeit mit Mathilden im Garten spazieren, dann kam er in mein Zimmer und sagte zu mir: «Ihr habt Recht, und es ist sehr gut von euch, daß ihr das, was euren hiesigen Freunden lieb und angenehm ist, euren Eltern und euren Angehörigen sagen wollt.»

Ich erwiederte nichts, erröthete und verneigte mich sehr ehrerbietig.

Ich erklärte im Laufe des Vormittages, daß ich, sobald es nur immer möglich wäre, abreisen müßte. Man stellte mir Pferde bis zur nächsten Post zur Verfügung, und nachdem ich mein kleines Gepäck geordnet hatte, beschloß ich, noch vor dem Mittage die Reise anzutreten. Man ließ es zu. Ich nahm Abschied. Die klaren, heiteren Augen meines Gastfreundes begleiteten mich, als ich von ihm hinwegging. Mathilde war sanft und gütig, Natalie stand in der Vertiefung eines Fensters, ich ging zu ihr hin und sagte leise: «Liebe, liebe Natalie, lebet wohl.»

«Mein lieber, theurer Freund, lebet wohl», antwortete sie ebenfalls leise, und wir reichten uns die Hände.

Nach einem Augenblicke verabschiedete ich mich auch von den anderen, die, da sie wußten, daß ich abreisen werde, in das Gesellschaftszimmer gekommen waren. Ich schüttelte Eustach und Roland die Hände und empfing Gustavs Kuß, welche innigere Art des Bewillkommens und Scheidens schon seit längerer Zeit zwischen uns üblich geworden war und welche mir heute so besonders wichtig wurde.

Hierauf ging ich die Treppe hinab und bestieg den Wagen.

Mathildens Pferde brachten mich auf die nächste Post. Dort sendete ich sie zurück und nahm andere in der Richtung nach dem Kargrat. Ich gönnte mir wenig Ruhe. Als ich dort angekommen war, erklärte ich meinen Leuten, daß Umstände eingetreten wären, welche die Fortsezung der heurigen Arbeiten nicht erlaubten. Ich entließ sie also, händigte ihnen aber den Lohn ein, den sie bekommen hätten, wenn sie mir in der ganzen vertragsmäßigen Zeit gedient hätten. Sie waren hierüber zufrieden. Der Jäger und Zitherspieler war früher, ehe ich gekommen war, fortgegangen. Wohin er sich begeben habe, wußten die Leute selber nicht. Das Verhältniß mit meinen Arbeitern zu ordnen, war mir das Wichtigste auf meinem Arbeitsplaze gewesen; deßhalb war ich hingereist. Ich hatte ihnen vor meinem Besuche im Asperhofe gesagt, daß ich bald wieder kommen werde, hatte ihnen während meiner Abwesenheit Arbeit aufgetragen und hatte ihnen Arbeit nach meiner Wiederkunft in Aussicht gestellt. Dieses mußte nun umgeändert werden. Da es geschehen war, gab ich meine Sachen im Kargrat so in Verwahrung, daß sie gesichert waren, und reiste sogleich wieder ab. Ich hatte die Pferde, die ich von dem lezten größeren Orte in das Kargrat mitgenommen hatte, bei mir behalten und fuhr jezt mit ihnen wieder fort. Auf dem ersten Postamte verlangte ich eigene Postpferde und schlug die Richtung zu meinen Eltern ein.

Als ich dort angekommen war, machte mein unvermuthetes Erscheinen beinahe den Eindruck des Erstaunens. Alle Ereignisse waren so schnell gekommen, daß, da einmal meine Abreise zu meinen Eltern festgesezt war, ein Brief, der sie von meiner Ankunft benachrichtigt hätte, wahrscheinlich nicht früher zu ihnen gekommen wäre als ich selbst. Sie konnten sich daher nicht erklären, warum ich ohne vorhergegangene Benachrichtigung nun im Sommer statt im Herbste komme. Ich sagte ihnen auf ihre Frage, daß allerdings ein Grund zu meiner jezigen Heimreise vorhanden sei, aber keineswegs ein unangenehmer, daß ich in Ungeduld so schnell abgereist sei und daß ich ihnen eine frühere Nachricht von meiner Ankunft nicht habe zugeben lassen können. Hierauf waren sie beruhigt und, wie es ihre Art war, fragten sie mich nun nicht nach meinem Grunde.

Am andern Morgen, ehe der Vater in die Stadt ging, begab ich mich zu ihm in das Bücherzimmer und sagte ihm, daß ich zu Natalien, der Tochter der Freundin meines Gastfreundes, schon seit langer Zeit her eine Zuneigung gefaßt habe, daß diese Neigung in mir verborgen geblieben und daß es mein Vorsaz gewesen sei, sie, wenn sie ohne Aussicht wäre, zu unterdrücken, ohne daß ich je zu irgend jemandem ein Wort darüber sagte. Nun habe aber Natalie auch mich ihres Antheils nicht für unwerth gehalten, ich habe davon nichts gewußt, bis ein Zufall, da wir von anderen, weit entlegenen Dingen sprachen, die gegenseitig unbekannte Stimmung zu Tage brachte. Da haben wir nun einen Bund geschlossen, daß wir uns unsere Neigung bewahren wollen, so lange wir leben, und daß wir sie in dieser Art nie einem anderen Wesen schenken würden. Natalie habe verlangt, und mein Sinn stimmte diesem Verlangen vollkommen bei, daß wir unseren Angehörigen diese Thatsache mittheilen sollten, damit wir uns unseres Gutes durch ihre Zustimmung erfreuen oder, wenn von einem Theile die Billigung versagt würde, die Neigung zwar unverändert erhalten, aber den persönlichen Umgang aufheben. Da nun Nataliens Angehörige nichts eingewendet haben, so sei ich hier, um die Sache meinen Eltern zu sagen, und ihm sage ich sie zuerst, der Mutter würde ich sie später mittheilen.

«Mein Sohn», antwortete er, «du bist mündig, du hast das Recht, Verträge abzuschließen und hast einen sehr wichtigen abgeschlossen. Da ich dich genau kenne, da ich dich seit einiger Zeit noch viel genauer kennen zu lernen Gelegenheit hatte als ich dich früher kannte, so weiß ich, daß deine Wahl einen Gegenstand getroffen hat, der, wenn ihm auch gewiß wie allen Menschen Fehler eigen sind, an Werth und Güte entsprechen wird. Wahrscheinlich hat er beide Dinge in einem höheren Maße als die Menschen, wie sie in größerer Menge jezt überall sind. In dieser Meinung bestärken mich noch mehrere Umstände. Eure Neigung ist nicht schnell entstanden, sondern hat sich vorbereitet, du hast sie überwinden wollen, du hast nichts gesagt, du hast uns von Natalien wenig erzählt, also ist es kein hastiges, fortreißendes Verlangen, welches dich erfaßt hat, sondern eine auf dem Grunde der Hochachtung beruhende Zuneigung. Bei Natalien ist es wahrscheinlich auch so, weil, wie du gesagt hast, ihre Gegenneigung vorhanden war, ehe du sie erkennen konntest. Ferner hat bei deinem Gastfreunde die Gesammtheit deines Wesens eine so entschiedene Förderung erhalten, du hast nach manchem Besuche bei ihm auch so hervorragende Einzelheiten zurückgebracht, daß ihm eine große Güte und Bildung eigen sein muß, die auf seine Umgebung übergeht. Ich habe nichts einzuwenden.»

Obgleich ich mir vorgestellt hatte, daß mein Vater dem geschlossenen Bunde kein Hinderniß entgegenstellen werde, so war ich doch bei dieser Unterredung beklommen und ernst gewesen, so wie in der Haltung meines Vaters eine tiefe Ergriffenheit nicht zu verkennen gewesen war. Jezt, da er geredet hatte, kam in mein Herz eine Freudigkeit, die sich auch in meinen Augen und in meinen Mienen ausgedrückt haben mußte. Mein Vater blickte mich gütig und freundlich an und sagte: «Du wirst mit der Mutter von diesem Gegenstande nicht so leicht sprechen, ich werde deine Stelle vertreten und ihr von dem geschlossenen Bunde erzählen, daß du schneller über die Mittheilung hinwegkömmst. Lasse den Vormittag vergehen, nach dem Mittagessen werde ich die Mutter in dieses Zimmer bitten. Klotilde wird dann gelegentlich auch Kenntniß von deinem Schritte erhalten.»

Wir verließen nun das Bücherzimmer. Mein Vater rüstete sich, in seine Geschäftsstube in die Stadt zu gehen, wie er sich jeden Morgen gerüstet hatte. Als er fertig war, nahm er von der Mutter Abschied und ging fort. Der Vormittag verfloß, wie gewöhnlich die Zeit nach meiner Ankunft verflossen war. Die Mutter und Klotilde fragten nicht nach dem Grunde meines ungewöhnlichen Zurückkommens und gingen ihren Geschäften nach. Als das Mittagmahl vorüber war, nahm der Vater die Mutter in das Bücherzimmer und blieb eine Weile mit ihr dort. Als sie wieder zu mir und Klotilden herauskamen, blickte sie mich freundlich an, sagte aber nichts.

Sie sezten sich wieder zu uns, und wir blieben noch eine Zeit an dem Tische sizen.

Als wir aufgestanden waren, gingen wir in den Garten, welchen ich jezt durch eine Reihe von Jahren nicht im Sommer gesehen hatte. Die Rosen, welche hie und da zerstreut waren, glichen nicht denen meines Gastfreundes, waren aber auch nicht schlechter als die, welche sich in dem Sternenhofe befanden. Der Garten, welcher mir in meiner Kindheit immer so lieb und traulich gewesen war, erschien mir jezt klein und unbedeutend, obwohl seine Blumen, die gerade in dieser Sommerzeit noch blühten, seine Obstbäume, seine Gemüse, Weinreben und Pfirsichgitter nicht zu den geringsten der Stadt gehörten. Es zeigte sich nur eben der Unterschied eines Stadtgartens und des Gartens eines reichen Landbesizers. Man wies mir alles, was man für wichtig erachtete, und machte mich auf alle Veränderungen aufmerksam. Man schien sich gleichsam zu freuen, daß man mich doch einmal zu Anfang der heißeren Jahreszeit hier habe, während ich sonst nur immer am Beginne der kälteren gekommen war, wenn die Blätter abfielen und der Garten sich seines Schmuckes entäußerte. Gegen den Abend ging der Vater wieder in die Stadt. Wir blieben in dem Garten. Da sich in einem Augenblicke die Schwester mit dem Aufbinden eines Rebenzweiges beschäftigte und ich mit der Mutter allein an dem Marmorbrunnen der Einbeere stand, in welchen das köstliche helle Wasser nieder rieselte, sagte sie zu mir: «Ich wünsche, daß jedes Glück und jeder Segen vom Himmel dich auf dem sehr wichtigen Schritte begleiten möge, den du gethan hast, mein Sohn. Wenn du auch sorgsam gewählt hast, und wenn auch alle Bedingungen zum Gedeihen vorhanden sind, so bleibt der Schritt doch ein schwerer und wichtiger, noch steht das Zusammenfinden und das Einleben in einander bevor.»

«Möge es uns Gott so gewähren, wie wir glauben, es erwarten zu dürfen», antwortete ich, «ich wollte auch kein Glück gründen, ohne daß ich meine Eltern darum fragte und ohne daß ihr Wille mit dem meinigen übereinstimmte. Zuerst mußte wohl Gewißheit gesucht werden, ob sich die Neigungen zusammen gefunden hätten. Als dieses erkannt war, mußte der Sinn und die Zustimmung der Angehörigen erforscht werden, und deßhalb bin ich hier.»

«Der Vater sagt», erwiederte sie, «daß alles recht ist, daß der Weg sich ebnen wird und daß jene Dinge, die in jeder Verbindung und also auch in dieser im Anfange ungefügig sind, hier eher ihre Gleichung finden werden als irgendwo. Wenn er es aber auch nicht gesagt hätte, so wüßte ich es doch. Du bist unter so vortrefflichen Leuten gewesen, du würdest auch ohne dem nicht unwürdig gewählt haben, und hast du gewählt, so ist dein Herz gut und wird sich in Kürze in ein Frauenherz finden, wie auch sie ihr Leben in dem deinigen finden wird. Es sind nicht alle, es sind nicht viele Verbindungen dieser Art glücklich; ich kenne einen großen Theil der Stadt und habe auch einen nicht zu kleinen Theil des Lebens beobachtet. Du hast im Grunde nur unsere Ehe gesehen: möge die deinige so glücklich sein, als es die meine mit deinem ehrwürdigen Vater ist.»

Ich antwortete nicht, es wurden mir die Augen naß.

«Klotilde wird jezt einsam sein», fuhr die Mutter fort, «sie hat keine andere Neigung als unser Haus, als Vater und Mutter und als dich.»

«Mutter», antwortete ich, «wenn du Natalien sehen wirst, wenn du erfahren wirst, wie sie einfach und gerecht ist, wie ihr Sinn nach dem Gültigen und Hohen strebt, wie sie schlicht vor uns allen wandelt und wie sie viel, viel besser ist als ich, so wirst du nicht mehr von einer Vereinsamung sprechen, sondern von einer Verbindung, Klotilde wird um eines mehr haben als jezt, und du und der Vater werdet um eines mehr haben. Aber auch Mathilde, mein Gastfreund und der Kreis jener trefflichen Menschen wird in eure Verbindung gezogen werden, ihr werdet zu ihnen hingezogen werden, und was bis jezt getrennt war, wird Einigung sein.»

«Ich habe mir es so gedacht, mein Sohn», antwortete die Mutter, «und ich glaube wohl, daß es so kommen wird; aber Klotilde wird die Art ihrer Neigung zu dir umwandeln müssen, und möge das alles mit gelindem Kelche vorübergehen.»

Zu dem Ende dieser Worte war auch Klotilde herzu gekommen. Sie brachte mir eine Rose und sagte mit heiteren Mienen, daß sie mir dieselbe blos darum gebe, um mir einen kleinen Ersaz für alle die Rosen zu bieten, welche ich heuer im Asperhofe durch meine Hieherreise versäumt habe.

Mir fiel es bei diesen Worten erst auf, daß im väterlichen Garten die Rosen blühten, während sie doch in dem höher gelegenen und einer rauheren Luft ausgesezten Asperhofe schon verblüht waren. Ich sprach davon. Man fand den Grund bald heraus. Die Asperhofrosen waren den ganzen Tag der Sonne ausgesezt, mochten auch besser gepflegt werden und einen besseren Boden haben, während hier theils durch Bäume, die man des kleineren Raumes wegen enger sezen mußte, theils durch die Mauern näherer und entfernterer Häuser vielfältig Schatten entstand.

Ich nahm die Rose und sagte, Klotilde würde meinem Gastfreunde einen schlechten Dienst thun, wenn sie in seinem Garten eine Rose pflückte.

«Dort würde ich nicht den Muth dazu haben», antwortete sie.

Wir blieben nun eine Weile bei dem Marmorwasserwerke stehen. Klotilde zeigte mir, was der Vater im Frühlinge habe machen lassen, zum Theile, um den Wasserzug noch mehr zu sichern, zum Theile, um Verschönerungen anzubringen. Ich sah, wie trefflich und zweckmäßig er die Dinge hatte zubereiten lassen und wie sehr ich von ihm lernen könne. Ich freute mich schon auf die Zeit, die nicht mehr ferne sein konnte, in welcher der Vater mit meinem Gastfreunde zusammen kommen würde.

Als wir von dem Wasserwerke weg gingen, führte mich Klotilde nun zu dem Plaze, von welchem eine Aussicht in die Gegend gebothen ist und den man mit einer Brustwehr zu versehen beschlossen hatte. Die Brustwehr war schon zum Theile fertig. Sie war aufgemauert, war mit den von mir gebrachten Marmorplatten belegt und war seitwärts mit Marmor bekleidet, den sich der Vater verschafft hatte. Auch meine Simse und Tragsteine waren verwendet. Ich sah aber, daß noch Vieles an Marmor fehlte und versprach, daß ich suchen werde, zu Stande zu bringen, daß die ganze Brustwehr aus gleichartigen Stücken und in gleicher Weise könne hergestellt werden.

«Du siehst, daß wir auch in der Ferne deiner denken und dir etwas Angenehmes zu bereiten streben», sagte Klotilde.

«Ich habe ja nie daran gezweifelt», antwortete ich, «und denke auch eurer, wie meine Briefe beweisen.»

«Du solltest doch wieder einmal einen ganzen Sommer hier bleiben», sagte sie.

«Wer weiß, was geschieht», erwiederte ich.

Als die Dunkelheit bereits mit ihrer vollen Macht hereinzubrechen anfing, kam der Vater wieder aus der Stadt, und wir nahmen unser Abendessen in dem Waffenhäuschen. Da sehr lange Tage waren und da es nach dem Eintreten der völligen Finsterniß schon ziemlich spät war, so konnten wir nach dem Speisen nicht mehr so lange in dem Häuschen mit den gläsernen Wänden beim Brennen der traulichen Lichter sizen bleiben, wie in dem Herbste, wenn ich nach einer langen Sommerarbeit wieder zu den Meinigen zurückgekehrt war. Auch hatte man heute in dem lauen Abende mehrere der Glasabtheilungen geöffnet, der Eppich flüsterte in einem gelegentlichen Lufzuge, und die Flamme im Innern der Lampe wankte unerfreulich. Wir trennten uns und suchten unsere Ruhe.

Am anderen Tage am frühesten Morgen kam Klotilde zu mir. Als ich auf ihr Pochen geöffnet hatte und sie eingetreten war, verkündigte ihr Angesicht, daß die Mutter über meine Angelegenheit mit ihr gesprochen habe. Sie sah mich an, ging näher, fiel mir um den Hals und brach in einen Strom von Thränen aus. Ich ließ ihr ein Weilchen freien Lauf und sagte dann sanft: «Klotilde, wie ist dir denn?»

«Wohl und wehe», antwortete sie, indem sie sich von mir zu einem Size führen ließ, auf den ich mich neben ihr niederließ.

«Du weißt nun also alles?»

«Ich weiß alles. Warum hast du mir es denn nicht früher gesagt?»

«Ich mußte doch vorher mit den Eltern sprechen, und dann, Klotilde, hatte ich gegen dich gerade den wenigsten Muth.»

«Und warum hast du nicht in früheren Sommern etwas gesagt?»

«Weil nichts zu sagen war. Es ist erst jezt zu gegenseitiger Kenntniß gekommen, und da bin ich hergeeilt, mich den Meinigen zu offenbaren. Als das Gefühl nur das meine war und die Zukunft sich noch verhüllte, durfte ich nicht reden, weil es mir nicht männlich schien und weil die Empfindung, die vielleicht in Kurzem gänzlich weggethan werden mußte, durch Worte nicht gesteigert werden durfte.»

«Ich habe es immer geahnt», sagte Klotilde, «und habe dir immer das höchste und größte Glück gewünscht. Sie muß sehr gut, sehr lieb, sehr treu sein. Ich habe nur das Verlangen, daß sie dich so liebt wie ich.»

«Klotilde», antwortete ich, «du wirst sie sehen, du wirst sie kennen lernen, du wirst sie lieben; und wenn sie mich dann auch nicht mit der in der Geburt gegründeten schwesterlichen Liebe liebt, so liebt sie mich mit einer anderen, die auch mein Glück, dein Glück, das Glück der Eltern vermehren wird.»

«Ich habe oft gedacht, wenn du von ihr erzähltest, wie wenig du auch sagtest, und gerade, weil du wenig sagtest», fuhr sie fort, «daß sich etwa da ein Band entwickeln könnte, daß es sehr zu wünschen wäre, daß du ihre Neigung gewännest und daß daraus eine bessere Einigung entstehen könnte als durch die Verbindung mit einem Mädchen unserer Stadt oder mit einem anderen.»

«Und nun ist es so», erwiederte ich.

«Warum hast du denn nie ein Bild von ihr gemalt?» fragte sie.

«Weil ich sie eben so wenig oder noch weniger darum bitten konnte als dich oder die Mutter oder den Vater. Ich hatte nicht das Herz dazu», antwortete ich.

«Nun sei recht glücklich, sei zufrieden bis in dein höchstes Alter, und bereue nie, auch nicht im geringsten den Schritt, den du gethan hast», sagte sie.

«Ich glaube, daß ich ihn nie bereuen werde, und ich danke dir innig für deine Wünsche, meine theure, meine geliebte Klotilde», erwiederte ich.

Sie trocknete ihre Thränen mit dem Tuche, ordnete gleichsam ihr ganzes Wesen und sah mich freundlich an.

«Wer wird jezt mit mir zeichnen, spanische Bücher lesen, Zither spielen, wem werde ich alles sagen, was mir in das Herz kömmt?» sprach sie nach einer Weile.

«Mir, Klotilde», erwiederte ich, «alles, was ich früher war, werde ich dir bleiben. Lesen, Zeichnen, Zitherspielen wirst du mit Natalien; auch mittheilen wirst du dich ihr, und mit ihr wirst du das alles vollführen, was du bisher mit mir vollführt hast. Lerne sie nur erst kennen, und du wirst begreifen, daß es wahr ist, was ich sage.»

«Ich möchte sie gerne sehr bald sehen», sagte sie.

«Du wirst sie bald sehen», antwortete ich, «es muß sich jezt eine Verbindung unserer Familie mit jenen Menschen, bei denen ich bisher so häufig gewesen bin, anknüpfen; ich wünsche selber, daß du sie bald, sehr bald sehest.»

«Bis dahin aber mußt du mir sehr viel von ihr erzählen, und wenn es möglich ist, mußt du mir ein Bild von ihr bringen», sagte sie.

«Ich werde dir erzählen», antwortete ich, «jezt, da wir einmal von der Sache gesprochen haben, werde ich dir sehr gerne erzählen, ich werde mit dir leichter von dem Bunde reden als mit ihr selber. Ob ich dir ein Bild werde bringen oder schicken können, weiß ich nicht; wenn es möglich ist, werde ich es thun. Aber es wird nur in dem Falle sein können, wenn ein Bild von ihr da ist und man es mir, oder eine Abbildung davon überläßt. Behalte es dann, bis du mit ihr selber zusammen kömmst und wir in freundlicher Verbindung mit einander leben. Endlich aber, Klotilde...»

«Endlich?»

«Endlich wird doch auch die Zeit kommen, in welcher du von uns ausscheiden wirst, zwar nicht mit deinem Geiste, wohl aber mit einem Theile deiner Beziehungen, wenn nehmlich auch du eine tiefere Verbindung eingehst.»

«Nie, nie werde ich das thun», rief sie beinahe heftig, «nein, ich könnte ihm zürnen, ihm, der mein Herz hier wegführen würde. Ich liebe nur den Vater, die Mutter und dich. Ich liebe dieses stille Haus und alle, die berechtigt in demselben aus und ein gehen, ich liebe das, was es enthält, und die Dinge, die sich in ihm allmählich gestalten, ich werde Natalien und ihre Angehörigen lieben, aber nie einen Fremden, der mich von euch ziehen wollte.»

«Er wird dich aber von uns ziehen, Klotilde», sagte ich, «und du wirst doch da bleiben, er wird berechtigt sein, hier aus und ein zu gehen, er wird ein Ding sein, das sich in dem Hause allmählich gestaltet, und du wirst vielleicht nicht von Vater und Mutter gehen dürfen, gewiß aber wird kein Zwang sein, daß du sie oder mich weniger lieben müssest.»

«Nein, nein, rede mir nicht von diesen Dingen», erwiederte sie, «es peinigt mich und zerstört mir das Herz, das ich dir mit großer Theilnahme in der Morgenstunde habe bringen wollen.»

«Nun, so reden wir nicht mehr davon, Klotilde», sagte ich, «sei nur beruhigt und bleibe bei mir.»

«Ich bleibe ja bei dir», antwortete sie, «und sprich freundlich zu mir.»

Sie hatte die lezte Spur der Thränen von ihrem Angesichte vertilgt, sie sezte sich auf dem Size neben mir noch mehr zurecht, und ich mußte mit ihr sprechen. Sie fragte mich von neuem um Natalien, wie sie aussehe, was sie thue, wie sie sich zu ihrer Mutter, ihrem Bruder und zu meinem Gastfreunde verhalte. Ich mußte ihr erzählen, wann ich sie zum ersten Male gesehen habe, wann ich in dem Sternenhofe gewesen sei, wann sie den Asperhof besucht habe, wann ein Ahnungsgefühl in mein Herz gekommen, wie es dort gewachsen sei, wie ich mit mir gekämpft habe, was dann gekommen sei und wie es sich gefügt habe, daß wir endlich die Worte zu einander gefunden haben.

Ich erzählte ihr gerne, ich erzählte ihr immer leichter, und je mehr sich die Worte von dem Herzen löseten, desto süßer wurde mein Gefühl. Ich hatte nicht geglaubt, daß ich von diesem meinem innersten Wesen zu irgend jemandem sprechen könnte; aber Klotildens Seele war der einzige liebe Schrein, in welchem ich das Teure niederlegen konnte.

Wir blieben sehr lange sizen, immer fragte mich Klotilde wieder um Neues und wieder um Altes. Da kam die Mutter in meine Stube. Da sie uns in vertraulichem Gespräche sizen fand, sezte sie sich auch zu dem Tische, der vor mir und Klotilden stand, und sagte nach einer kurzen Weile, daß sie gekommen sei, uns zum Frühmahle zu holen. Sie hätte Klotilden nirgends gesehen und hätte gemeint, daß sie an diesem Morgen bei mir sein müsse.

«Meine geliebten Kinder», fuhr sie fort, «bewahrt euch eure Liebe, entfremdet euch nie eure Herzen und bleibt euch in allen Lagen zugewandt, wie ihr euch jezt und wie ihr den Eltern zugewandt seid; dann werdet ihr einen Schaz haben, der einer der schönsten im Leben ist, und der so oft verkannt wird. Ihr werdet in eurer Vereinigung sittlich stark sein, ihr werdet die Freude eures Vaters bilden, und mir werdet ihr das Glück meines Alters sein.»

Wir antworteten nichts auf diese Rede, weil uns ihr Inhalt so natürlich war, und folgten der Mutter aus dem Zimmer.

Der Vater harrte schon unser in dem Speisegemache, und da jezt die Ursache meiner unvermutheten Nachhausekunft allen bekannt war und keines sich dagegen erklärte, so sprachen wir nun unverhohlen gemeinschaftlich von der Angelegenheit. Die Eltern hegten die besten Erwartungen von dem neuen Bunde und freuten sich der Übereinstimmung zwischen mir und der Schwester. Ich mußte ihnen nun, wie ich es schon gegen Klotilde gethan hatte, noch Mehreres von Natalien erzählen, wie sie sei, was sie thue, wohin sich ihre Bildung neige und wie sie ihre Jugend könne zugebracht haben. Auch von Mathilden und dem Sternenhofe so wie von dem Asperhofe und meinem Gastfreunde mußte ich noch Manches nachholen, was das Bild ergänzen sollte, welches sich die Meinigen von den dortigen Verhältnissen machten. Ich sagte ihnen auch, daß ein günstiges Geschick hier walte, da gerade Natalie jenes Mädchen gewesen sei, welches einmal bei der Aufführung des König Lear in einer Loge neben mir so ergriffen gewesen sei, welches mir großen Antheil eingeflößt, und mich, der ich den Schmerz im Trauerspiele getheilt hätte, im Herausgehen gleichsam zum Danke freundlich angeblickt habe. Erst in lezter Zeit sei das aufgeklärt worden.

Der Vater sagte, daß die Familien, die durch längere Zeit gleichsam durch ein unsichtbares Band verbunden gewesen waren, durch das Band der geistigen Entwicklung seines Sohnes und des Verkehrs desselben mit beiden Theilen, auch in der Wirklichkeit sich nähern, sich kennen lernen und in eine Verbindung treten werden.

Die Mutter entgegnete, das sei jezt die dringendste Veranlassung, ja es sei nicht nur eine gesellschaftliche, sondern sogar eine Familienpflicht, daß der Vater, welcher, je älter er werde, mit einer desto wärmeren Ausdauer, welche unbegreiflich ist, sich an seine Arbeitsstube kette, nun endlich einmal sich den Geschäften entreiße, eine Reise mache und sich in derselben nur mit heiteren und schönen Dingen beschäftige.

«Nicht nur ich werde eine Reise machen», antwortete er, «sondern auch du und Klotilde. Wir werden die Menschen dort, welche meinen Sohn so freundlich aufgenommen haben, besuchen. Aber auch sie werden eine Reise machen; denn auch sie werden zu uns in die Stadt kommen und in diesen Zimmern verweilen. Wann aber diese Reisen stattfinden werden, läßt sich jezt noch gar nicht beurtheilen. Jedenfalls muß unser Sohn zuerst allein wieder hinreisen und muß die Einwilligung seiner Familie überbringen. Seinem Ermessen und hauptsächlich den Rathschlägen seines älteren Freundes wird es dann anheimgegeben sein, wie die Sachen im weiteren Verlaufe sich entwickeln sollen. Die Reise unseres Sohnes muß aber sogleich geschehen; denn so fordert es die neue Pflicht, die er eingegangen ist. Wir werden abwarten, welche Nachrichten er uns von seiner Ankunft im Sternenhofe zusenden oder welche Meinung er uns selber überbringen wird.»

«Die Reise, mein Vater», entgegnete ich, «wünsche ich, so bald es nur möglich ist, anzutreten, am liebsten sogleich morgen oder wenn ein Aufschub sein muß, doch übermorgen.»

«Es wird nicht verspätet sein, wenn du übermorgen reisest, da sich noch Einiges zum Besprechen ergeben kann», antwortete er.

Klotilde äußerte ihre Freude, daß einmal alle eine Reise antreten würden.

«Und für den guten Vater könnte nun öfter der Anlaß gegeben sein», sagte die Mutter, «daß er in das Freiere und Weitere komme, daß er reine Luft atme und Berg und Wald und Feld betrachte.»

«Ich werde doch einmal, meine liebe Therese, mein Buch abschließen», erwiederte der Vater, «und es wird für mich der Stillstand der Geschäfte eintreten. Sie mögen in andere Hände übergehen oder sich ganz auflösen. Dann wird es Zeit sein, im Anblicke von Berg, Wald und Feld ein Haus zu mieten oder zu bauen, daß wir im Sommer dort und im Winter hier wohnen, wenn wir nicht gar lieber auch manchen Winter draußen bleiben wollen.»

«So hast du oft gesagt», antwortete die Mutter, «aber es ist nicht geschehen.»

«Wenn Zeit und Ort darnach angethan sind, wird es geschehen», erwiederte er.

«Wenn dann noch deine Gesundheit und dein geistiges Wesen davon den gewünschten Nuzen ziehen», sagte die Mutter, «werde ich jeden Winter preisen, welchen wir mitten in irgend einem Lande zubringen.»

«Es wird sich Vieles ereignen, woran wir jezt nicht denken», antwortete der Vater.

Wir standen von dem Frühmahle auf, und jedes ging an seine Geschäfte.

Im Laufe des Vormittages ließ mich die Mutter wieder zu sich bitten und fragte mich, wie ich es denn zu halten gedenke, wo ich mit Natalien wohnen wolle. Es sei in dem Hause Plaz genug, nur müßte alles gerichtet werden. Auch seien viele andere Dinge zu ordnen, besonders meine Kleider, in denen ich doch nun anders sein müsse. Sie wünsche meine Meinung zu hören, damit man zu rechter Zeit beginnen könne, um noch fertig zu werden.

Ich sagte, daß ich in der That auf diese Angelegenheit nicht gedacht habe, daß ihre Erwägung wohl noch Zeit habe, und daß wir vor Allem den Vater um Rath fragen sollten.

Sie war damit einverstanden.

Als wir nach dem Mittagsessen den Vater fragten, war er meiner Meinung, daß es noch zu frühe sei, an diese Dinge zu denken. Es würde schon zu rechter Zeit geschehen, daß alles, was noth thue, in Ordnung gesezt werden könne. Jezt seien andere Dinge zu besprechen und zu bedenken. Wenn es an der Zeit sei, werde es die Mutter erfahren, daß sie alle ihre Maßregeln ausreichend treffen könne.

Sie war damit zufrieden.

Nachmittags fragte ich in der Stadt im Hause der Fürstin an und erfuhr, daß dieselbe zufällig auf mehrere Tage anwesend sei. Sie habe die Absicht, nach Riva zu gehen, um dort einige Wochen an den Ufern des blauen Gardasees zu verleben. Sie sei jezt eben damit beschäftigt, die Vorbereitungen zu dieser Reise zu machen. Ich ließ anfragen, wann ich sie sprechen könnte, und wurde auf den nächsten Tag um zwölf Uhr bestellt.

Ich nahm zu dieser Zeit eine Mappe mit einigen meiner Arbeiten zu mir und verfügte mich in ihre Wohnung. Nach den freundlichen Empfangsworten drückte sie ihre Verwunderung aus, mich jezt hier zu finden. Ich gab die Verwunderung für ihre Person zurück. Sie führte mir als Grund ihre beabsichtigte Reise an, und ich sagte, daß plözlich gekommene Angelegenheiten meinen Sommeraufenthalt unterbrochen und mich in die Stadt geleitet hätten.

Sie fragte mich um meine Arbeiten während der Zeit meiner Abwesenheit.

Ich erklärte ihr dieselben. Als ich von dem Simmigletscher sprach, nahm sie besonderen Antheil, weil ihr dieses Gebirge aus früherer Zeit her bekannt war. Ich mußte ihr genau beschreiben und zeigen, wo wir gewesen und was wir gethan haben. Ich zog die Zeichnungen, die ich in Farben von den Eisfeldern, ihren Einränderungen, ihrer Einbuchtung, ihrer Abgleitung und ihrem oberen Ursprunge gemacht hatte und in meiner Mappe mit mir trug, hervor und breitete sie vor ihr aus. Sie ließ sich jedes, auch das Kleinste an diesen Zeichnungen beschreiben und erklären. Ich mußte ihr auch versprechen, bei nächster günstiger Gelegenheit meine Zeichnung von dem Grunde des Lautersees ihr vorzulegen und auf das Genaueste zu erörtern. Es sei ihr dies doppelt wünschenswerth, weil sie jezt selber zu einem See reise, der einer der merkwürdigsten des südlichen Alpenabhanges sei. Hierauf befragte sie mich um meine anderen Bestrebungen auf dem Gebiete der bildenden Kunst, worauf ich erwiederte, daß ich heuer außer den Gletscherzeichnungen, die doch wieder fast nur wissenschaftlicher Natur seien, nichts hatte machen können, weder in Landschaften noch in Abbildung menschlicher Köpfe.

«Wenn ihr ein sehr schönes jugendliches Angesicht abbilden wollt», sagte sie, «so müsset ihr suchen, das Angesicht der jenen Tarona abbilden zu dürfen. Ich bin alt, habe viel erfahren, habe sehr viele Menschen gesehen und betrachtet, aber es ist mir wenig vorgekommen, das edler, einnehmender und liebenswürdiger gewesen wäre als die Züge der Tarona.»

Ich erröthete sehr tief bei diesen Worten.

Sie richtete die klaren, lieben Augen auf mich, lächelte sehr fein und sagte: «Haltet ihr etwa schon Jemanden für das Schönste?»

Ich antwortete nicht, und sie schien auch eine Antwort nicht zu erwarten. Von Natalien konnte ich ihr nichts sagen, da die Sache nicht so weit gediehen war, um sie Andern verkündigen zu können.

Wir brachen ab, ich verabschiedete mich bald, sie reichte mir gütig die Hand, welche ich küßte, und lud mich ein, ja im künftigen Winter sehr bald von dem Gebirge zurück zu kommen, da auch sie sehr bald in der Stadt einzutreffen gedenke.

Ich antwortete, daß ich über jenen Zeitpunkt jezt durchaus nicht zu verfügen im Stande sei.

Am zweiten Tage Morgens stand ich reisefertig in meinem Zimmer. Der Wagen war vor das Haus bestellt worden. Ich hatte mir es nicht versagen können, in einem besonderen Wagen so schnell als möglich in den Sternenhof zu fahren. Vater, Mutter und Schwester waren in dem Speisezimmer, um von mir Abschied zu nehmen. Ich begab mich auch in dasselbe, und wir nahmen ein kleines Frühmahl ein. Nach demselben sagte ich Lebewohl.

«Gott segne dich, mein Sohn», sprach die Mutter, «Gott segne dich auf deinem Wege, er ist der entscheidende, du bist nie einen so wichtigen gegangen. Wenn mein Gebet und meine Wünsche etwas vermögen, wirst du ihn nicht bereuen.»

Sie küßte mich auf den Mund und machte mir das Zeichen des Kreuzes auf die Stirn.

Der Vater sagte: «Du hast von deiner frühen Jugend an erfahren, daß ich mich nicht in deine Angelegenheiten menge; handle selbstständig und trage die Folgen. Wenn du mich frägst, wie du jezt gethan hast, so werde ich dir immer beistehen, in so weit es meine größere Erfahrung vermag. Aber einen Rath möchte ich dir doch in dieser wichtigen Angelegenheit geben oder vielmehr nicht einen Rath geben, sondern deine Aufmerksamkeit möchte ich auf einen Umstand leiten, auf den du vielleicht in der Befangenheit dieser Tage nicht gedacht hast. Ehe du das ernste Band schließest, ist noch Manches für dich nothwendig, deinen Geist und dein Gemüth zu stärken und zu festigen. Eine Reise in die wichtigsten Städte Europas und zu den bedeutendsten Völkern ist ein sehr gutes Mittel dazu. Du kannst es, deine Vermögenslage hat sich sehr gebessert, und ich lege wohl auch etwas dazu, wie ich überhaupt mit dir Abrechnung halten muß.»

Ich war sehr bewegt und konnte nicht sprechen. Ich nahm den Vater nur bei der Hand und dankte ihm stumm.

Klotilde nahm mit Thränen Abschied und sagte leise, als ich sie an mich drückte: «Gehe mit Gott, es wird Alles recht sein, was du tust, weil du gut bist und weil du auch klug bist.»

Ich sprach die Hoffnung aus, daß ich bald wieder kommen werde, und ging die Treppe hinab.

Meine Reise war sehr schnell, weil überall die Pferde schon bestellt waren, weil ich nirgends schlief und zum Essen nur die kürzeste Zeit verwendete.

Als ich im Sternenhofe in das Zimmer Mathildens trat, kam sie mir entgegen und sagte: «Seid willkommen, es ist Alles, wie ich gedacht habe; denn sonst wäret ihr nicht zu mir, sondern zu unserem Freunde gekommen.»

«Meine Angehörigen ehren euch, ehren unseren Freund und glauben an unser Glück und an unsere Zukunft», erwiederte ich.

«Seid willkommen, Natalie», sagte ich, als diese gerufen worden und in das Zimmer getreten war, «ich bringe freundliche Grüße von den Meinigen.»

«Seid willkommen», antwortete sie, «ich habe immer gehofft, daß es so geschehen und daß eure Abwesenheit so kurz sein wird.»

«Meine Hoffnung war wohl auch dieselbe», erwiederte ich, «aber jezt ist alles klar, und jezt ist völlige Beruhigung vorhanden.»

Wir blieben bei Mathilden und sprachen einige Zeit miteinander.

Am zweiten Tage nach meiner Ankunft reiste ich zu meinem Gastfreunde. Mathilde hatte mir einen Wagen und Pferde mit gegeben.

Als ich in das Schreinerhaus gekommen war, in welchem sich mein Gastfreund bei meiner Ankunft befand, reichte er mir die Hand und sagte: «Ich bin von eurer Rückkunft bereits benachrichtigt; man hat mir von dem Sternenhofe gleich nach eurem Eintreffen in demselben geschrieben.»

Eustach sah mich seltsam an, so daß ich vermuthete, er wisse auch bereits von der Sache.

Wir gingen nun in das Haus, und man öffnete mir meine gewöhnliche Wohnung. Gustav kam nach einer Weile zu mir herauf und konnte seiner Freude beinahe kein Ende machen, daß alles sei, wie es ist. Mein Gastfreund hatte ihm die Thatsache erst heute eröffnet. Er sprach ohne Rückhalt aus, daß ihm die Sache so weit, weit lieber sei, als wenn Tillburg seine Schwester aus dem Hause geführt hätte, dessen Wille wohl immer dahin gerichtet gewesen wäre.