BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Rudolf Virchow

1821 - 1902

 

Was die «medicinische Reform» will

 

1848

 

Text:

In: Die medicinische Reform, No. 1. Eine Wochenschrift,

herausgegeben von R. Virchow und R. Leubuscher.

Berlin. Montag, den 10. Juli 1848

Quelle: Virchow-Seite von Axel W. Bauer

(Internet Archive), Korrekturen: U.H.

 

______________________________________________________________________________

 

 

 

Was die «medicinische Reform» will.

 

Die „medicinische Reform“ tritt zu einer Zeit ins Leben, wo die Umwälzung unserer alten Staatsverhältnisse noch nicht vollendet ist, wo aber von allen Seiten schon Pläne und Steine zu dem neuen Staatsbau herzugebracht werden. Welche andere Aufgabe könnte ihr daher näher liegen, als die, gleichfalls bei dem Abräumen des alten Schutts und dem Aufbau der neuen Institutionen thätig zu sein? Politische Stürme von so schwerer und gewaltiger Natur, wie sie jetzt über den denkenden Theil Europa's dahinbrausen, alle Theile des Staats bis in den Grund erschütternd, bezeichnen radicale Veränderungen in der allgemeinen Lebensanschauung. Die Medicin kann dabei allein nicht unberührt bleiben; eine radicale Reform ist auch bei ihr nicht mehr aufzuschieben.

Eine Reform überhaupt war ja schon lange als eine der dringendsten Aufgaben der Gesetzgebung anerkannt. Das Ministerium Eichhorn hatte bekanntlich diesen Gegenstand mit einem unerwarteten Ernst in Angriff genommen und durch Hrn. Schmidt mit einer liebenswürdigen Offenheit die officiellen Grundsätze der öffentlichen Kritik blossgestellt. Viele Vorschläge waren darauf laut geworden, aber noch mehrere waren unterdrückt worden, denn wozu hätte es nützen sollen, in dem christlich-germanischen Staat, dessen Bureaukratie das Vollgefühl ihrer Allmacht und Erbweisheit gegenüber dem beschränkten und unmündigen Unterthanen-Verstande beim besten Willen doch nie ganz verläugnen konnte, Principien der öffentlichen Gesundheitspflege zu entwickeln, welche dem Princip von Gottes Gnaden zuwider liefen, oder Einrichtungen zur Entwickelung unserer Wissensehaft und Kunst zu verlangen, durch welche die medicinische Hierarchie in der Behaglichkeit und Selbstzufriedenheit ihres „Seins“ hätte gestört werden können.

Jetzt, wo die Macht des Volkswillens die „breitesten Grundlagen“, das demokratische Princip zur Anerkennung gebracht hat, ist es an der Zeit, überall und ohne Rückhalt dessen Consequenzen durch das freie Wort, geschriebenes und gesprochenes, geltend zu machen. Schon treten allerorten die Aerzte in Versammlungen zusammen, die Bedürfnisse ihres Standes, ihrer Kunst und Wissenschaft durch gemeinschaftliche Berathungen festzustellen und ihre Interessen aus der Hand von „Vorgesetzten“ zu nehmen, welche leider nur zu oft die Roccoco-Systeme ihrer Aktentische für den natürlichen Ausdruck des Rechts hielten oder gar die äusserste Zähigkeit der Selbstsucht den gerechten Wünschen ihrer Zeitgenossen entgegenstellten. Aber auch die Presse hat eine neue Stellung eingenommen. Es genügt nicht mehr in monographischer Form die Wünsche Einzelner zur allgemeinen Kenntniss gelangen zu sehen; es sind periodische Organe nöthig, welche die Wünsche Vieler, ja wenn möglich Aller darzustellen und gegenseitig auszugleichen suchen, welche die Schritte der gesetzgebenden Gewalt (also jetzt der Volksvertretung) verfolgen, insbesondere aber die Maassregeln der ausübenden Gewalt überwachen, nicht weil wir ein historisches Recht haben, ihr zu misstrauen, sondern weil es sich für freie Männer von selbst versteht, dass sie ihre Angelegenheiten auch selbst in Acht nehmen.

Die „medicinische Reform“ wird versuchen, diese Aufgabe durch leitende und discutirende Artikel, durch Berichte über die ärzllichen Reform-Versammlungen, durch Besprechung der neuen Reformschriften, durch Mittheilungen über die Schritte der gesetzgebenden und ausübenden Gewalt, soweit sie ihr bekannt werden, zu erfüllen. Sie wird diesen Zweck mit der Strenge, welche die hohe Bedeutung des Gegenstandes erfordert, aber auch mit der Mässigung, welche das Gefühl der Freiheit jedem verleiht, anstreben. Sie eröffnet in diesem Sinne ihre Spalten allen denen, welche im Sinne des entschiedenen Fortschritts die Reformfrage auffassen und sie hofft, dass es ihr gelingen werde, für die Bestrebungen der Aerzte, welche sonst immerhin, auch wo locale Vereinigungen zu Stande gekommen sind, vereinzelt bleiben würden, ein einheitliches Band bilden zu können, welches Gewähr leiste, dass die erwartete General-Versammlung einen kräftigeren und mehr selbstbewussten Körper bilden werde, als wir es jetzt leider an anderen Versammlungen erleben.

Wenn damit die nächste Aufgabe der „Reform“ ausgesprochen ist, so versteht es sich von selbst, dass dabei die Interessen derjenigen, für welche die neuen Institutionen recht eigentlich geschaffen werden sollen, auch besonders berücksichligt werden müssen. Die Medicinal-Reform soll doch nicht sowohl der Aerzte, als der Kranken willen geschehen; die Aerzte sind dabei persönlich lebhaft betheiligt, aber ihre Stellung gegenüber der Frage von der öffentlichen Gesundheitspflege ist eine andere, als die der Volksschullehrer gegenüber der Frage von dem öffentlichen Unterricht, nur insofern, als die Aerzte unabhängiger und daher mehr berechtigt sind, gehört zu werden. Die Aerzte sind die natürlichen Anwälte der Armen und die sociale Frage fällt zu einem erheblichen Theil in ihre Jurisdiction. Die periodische medicinische Presse in Frankreich hat diese Aufgabe unmittelbar nach den Tagen des Februar begriffen und die sociale (nicht die socialistische) Medicin an die Spitze ihrer Artikel gestellt; in Deutschland hat sie den alten Zopf weiter wachsen lassen, als ob in diesem Jahre gar kein Monat März gewesen wäre. Die „medicinische Reform“ wird sich bestreben, auch hier ein altes Unrecht gut zu machen, und wenn sie sehr wohl die Schwierigkeit davon einsieht, so muss doch endlich einmal der Anfang gemacht werden.

In einer politisch so bewegten Zeit und bei so armseligen medicinischen Institutionen, wie die unserigen sind, wäre es verwegen, einem periodischen Blatte sogleich auch die Aufgabe zu stellen, die Reform der medicinischen Wissenschaft mit zu verfolgen. Allein bei so grossen Hoffnungen auf radicale Veränderungen, wie wir sie hegen, wäre es auch thöricht, einer solchen Aufgabe von vorn herein zu entsagen. Sollte die „Reform“ Theilnahme genug unter den Aerzten finden, um ihr Bestehen über die nächste Zeit hinaus als ein verbürgtes betrachten zu können, so wird sie sich bemühen, in der Art, wie es die englischen und französischen Wochenschriften thun, ein Organ für die Tagesereignisse der medicinischen Erfahrung zu werden. Schon jetzt erbietet sie sich den medicinischen Gesellschaften zur Aufnahme von Berichten über ihre Sitzungen, den einzelnen Aerzten zur Aufnahme kleinerer Originalmittheilungen; schon jetzt wird sie den Raum, welchen ihr die Reform-Angelegenheiten lassen, für Mittheilungen über neue Erfahrungen aus der medicinisehen Literatur, für kritische Besprechungen der wichtigsten Werke etc. zu verwerthen suchen. Alle diese Gegenstände waren längst dringend nothwendig und hätten unter günstigen äusseren Verhältnissen schon vor Jahren Befriedigung finden müssen. Wenn wir es jetzt, wo die äusseren Verhältnisse für Unternehmungen solcher Art noch misslicher geworden sind, dennoch wagen, uns diese Aufgabe zu stellen, so müssen wir um so mehr erwarten, dass alle diejenigen, welche es mit der Entwickelung unserer schönen Wissenschaft, dem höchsten Inbegriff menschlicher Erkenntniss, gut meinen, unsere Kräfte durch thätige Theilnahme stärken und stützen werden. Wohin die Zersplitterung, die Theilnahmlosigkeit, die Isolirung führen, davon giebt der Zustand unserer Medicin ein sprechendes Zeugniss; versuchen wir jetzt einmal, wohin Einheit, Enthusiasmus und Verbindung uns bringen können. Möge die „grosse“ Medicin nicht vergessen, dass ein Princip der Perfektibilität in der Welt ist, dem sie sich nicht für immer entziehen können; mögen diejenigen, welche bisher das medicinische (gelehrte und praktische) Proletariat bildeten, sich an das Wort des Dichters erinnern:

Paulum sepultae distat inertiae

Celata virtus.

Horaz, Oden 4,9, v. 29/30