B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A
           
  Wilhelm Weitling
1808 -1871
     
   


D i e   M e n s c h h e i t
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u n d   w i e   s i e   s e i n   s o l l t e .


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      ZEHNTES KAPITEL


      Materielle Vortheile der Gütergemeinschaft

Die durch dieselbe zu bewirkende Oekonomie ist so beträchtlich, daß sie ans Wunderbare grenzt. Nehmen wir z. B. unmittelbar nach deren Einfüh-rung die Nothwendigkeit neuer Bauten an. Diese sollten so eingerichtet werden, daß es in Zukunft weder zu große Städte noch elende Dörfer gibt.
      Die Glieder jedes Familienvereines wohnen in 5 Gemeindegebäuden, welche so angebaut sind, daß sie ein Fünfeck bilden. In der Mitte des Fünfecks befindet sich das Vereinsgebäude. Dieses enthält die Wohnungen und die Geschäftszimmer der Behörden, die Erziehungsanstalt, die Vorrathsmagazine, das Post- und Transportgebäude, die Wohnungen für die Einquartirung der Reisenden und der industriellen Armee, die Volkshalle mit der Rednerbühne, das Schauspielhaus, die Sternwarte und den Telegraphen. In der Nähe befindet sich der gemeinschaftliche Vereinsgarten.
      Die Gemeindegebäude sind die Wohnungen aller übrigen Mitglieder des Familienvereines. Zu dem Ende hat jedes derselben eine Volkshalle, einen Ball- und Speisesaal, eine Bibliothek, einen Telegraphen, Kunst- und Gewerbeschulen, Vorrathsmagazine und Ausstellungssäle. Das Innere dieser Gebäude muß Bequemlichkeit, Schönheit und Oekonomie bieten. Zu dem Ende sind die innern Straßen dieser Gebäude mit Glasdecken zum Schutz gegen Regen und Wind versehen, und mit angebrachten Zugfenstern zur Abkühlung im Sommer. Ferner muß die Bauart derselben so eingerichtet sein, daß die innern Wohnungen derselben alle nach einer gleichen Temperatur geheizt werden können: desgleichen daß kein Waarentransport den innern Verkehr störe. Die Gemeindegebäude sind mit dem Vereinsgebäude durch Eisenbahnen verbunden. Wenn also jedes 5 Stunden von demselben entfernt wäre, so könnte doch der ganze Verein in einer halben Stunde beisammen sein.
      Heute sehen wir den Bauer oft seine Schuhe in die Hand nehmen, um sie nicht auf der Landstraße zu zerreißen, und der Handwerksbursche schleppt seinen Bündel mühsam in der Welt herum, wie die Schnecke ihr Haus, und doch mangelt es weder an Pferden und Wagen, noch an Schuhen.
      Solche Selbstschindereien werden wir nicht mehr nöthig haben. Die Feldarbeiter werden auf Wägen nach den zu bestellenden Aeckern hin und zurück geführt werden; und ihre Arbeiten können sie, vor Regen und Sonnenbrand geschützt, unter tragbaren Zelten verrichten. Anstatt der 300 Feuer, die jetzt 1600 Menschen ungefähr nöthig haben, um ihre Küche zu bestellen, genügen dann 3. Dieselbe Ersparniß ist bei der Heizung und den Feuerarbeiten der Fall. Man verbraucht also jetzt 9 Mal mehr Brenn-materialien, als man in Gütergemeinschaft, nach Aufführung der neuen Bauten, nöthig hat.
      Anstatt daß jetzt 100 Milchweiber alle Tage 100 halbe Tage in der Stadt verlieren, genügt eine mit einem Milchwagen. Dieselben unnöthigen Mühen und denselben unnützen Zeitverlust haben die vielen Landleute, die an Markttagen mit vollbepackten Rücken in die Stadt ziehen; sowie die vielen kleinen Krämer und Tütenmacher, die den ganzen Tag die Wagschale der Gerechtigkeit in der Hand haben. Von diesen allen könnte der zehnte Theil mit geringerer Mühe der Gesellschaft dieselben Dienste leisten, ohne daß dieselbe der Gefahr des Betruges und der Verfälschung ausgesetzt wäre.
      Der Mangel keines Produktes wird in der einen Gegend gefühlt werden, wenn ihn die andere im Ueberfluß besitzt.
      Warum soll der, in dessen Gegend nur Kartoffeln wachsen, nicht auch sein Glas Wein trinken und der Weinbauer nicht auch ein Stück Fleisch essen? Der Raum der sie vielleicht von einander trennt, wird durch Eisenbahnen und Dampfwägen auf den zehnten Theil reducirt werden. Jede Frucht wird man in den Boden und Klimat pflanzen, das ihr am zuträglichsten ist. Wo das Getreide gut geht, hat man dann nicht mehr nöthig Kartoffeln, Tabak oder Rüben zu pflanzen; und in einer Weingegend keine Getreidearten. Man wird auch nicht mehr nöthig haben, aus Aeckern künstliche Wiesen und aus Wiesen Acker zu machen. In Gegenden vortrefflicher Weide braucht man die Viehzucht nicht zu vermindern, um Acker für die zum Unterhalt der Bewohner nöthigen Feldfrüchte zu haben. Nun erwäge man noch die Ersparung von Pferden, die aus der Zerstörung des Alleinbesitzes und der Auflösung der stehenden Heere hervorgeht, noch mehr aber durch die alsdann allgemeine Verbreitung der Eisenbahnen; ferner die Wegräumung aller unnöthigen Grenzen, Zäune, Mauern und Gräben; die Theilnahme Aller an dem Ackerbau; den Frohsinn, die Munterkeit und Kraft, die mit Allen zur Arbeit geht; sowie die Liebe die einer für den andern hat, denn Niemand braucht mehr für sich zu sorgen. Die gefürchtete Sorge und der giftige Brodneid werden in den Herzen der Menschen keine Nahrung mehr finden; denn wessen Wohlstand könnten sie beneiden, als den ihrigen, und um was sich besorgen, um das nicht alle Anderen besorgt sind? Sie sind dann nicht mehr die Sclaven von heute; die Arbeit macht sie keinen Tag zu müde und die reichliche gesunde Nahrung ersetzt ihnen reichlich ihre verlorenen Kräfte.
      Diese und andere Vortheile sind so einleuchtend, daß man annehmen kann, daß eine dreifache Produktenvermehrung schon im fünften Jahre der Gütergemeinschaft Statt findet.
      Da nun aber unser Mangel nicht von der zu geringen Erzeugung der Bedürfnisse, sondern von der ungleichen Vertheilung derselben herrührt, so wird uns nach Einführung der Gütergemeinschaft eine dreifache Produkten-vermehrung einen ungeheuren Ueberfluß gewähren. Wo aber Ueberfluß ist, braucht man sich keinen Abbruch zu thun, und die Gesellschaft hat, um die allgemeine Wohlfahrt und die Freuden der Tafel nicht zu stören, nur die Unmäßigkeit als Verbrechen zu erklären.
      In den ersten 14 Tagen eingeführter Gütergemeinschaft wird freilich die Unmäßigkeit manche Verheerungen an unsern Vorräthen anrichten; aber wenn die verhungerte Generation erst satt ist, hört das von selbst auf. Der Mensch ist nur begierig auf das, was zu erlangen man ihm erschwert.
      Füllt ihm alle Tage seine Tafeln, und die Unmäßigkeit wird in dem Grade abnehmen, als sie in unserer jetzigen verdorbenen Gesellschaft mit dem Hunger zunimmt.
      Nur außerordentliche Fälle, die in den ersten Jahren der Güter-gemeinschaft eintreten können, und woran unsere Feinde die Ursache sind, können die Maßregel einer genauen Zumessung der Bedürfnisse entschuldigen, wenn nämlich der Krieg mit unseren Feinden ein allgemeines Aufgebot erfordert und viele unserer Magazine verbrannt oder geplündert sind. In diesem Falle müssen wir die größten Opfer bringen; dann können die Bundesglieder nur das unter sich theilen, was nach Abzug der Bedürfnisse der Armee übrig bleibt; denn unsere Krieger dürfen keinen Mangel leiden. Haben die Uebrigen dann Entbehrungen zu leiden, so entbehren sie mitsammen; denn Alles was man mitsammen erträgt, fällt keinem zu schwer; wir haben dann wenigstens das Aergerniß nicht mehr, Andern das Fett vom Maule fließen und in seinen Schränken Dutzende von Anzügen zu sehen, während wir darben und frieren.
      Und wenn in einem Bezirk von 1 000 000 Einwohnern dann 200 000 die Waffen für die Gleichheit ergreifen, so werden die Andern mit Freuden, außer der für Alle festgesetzten Arbeitszeit von 6 Stunden, auf die Dauer des Krieges, noch täglich 3 Stunden mehr übernehmen, damit die für Alle nothwendige Produktion keine Stunde Arbeitszeit verliere.
      Sie leben dann, ungeachtet dieser außerordentlichen Opfer, in physischer und moralischer Beziehung, noch immer glücklicher als die große Mehrzahl in unserer jetzigen Civilisation.
      Aus diesen Beweisen der Möglichkeit und Nothwendigkeit der Gütergemeinschaft ergibt sich zugleich der überwiegende Vortheil derselben im Kriege. Keine andere Verfassung ist im Stande solche Anstrengungen zu machen und solche Opfer zu bringen, als gerade diese. Ein kleiner Landstrich, mit nur 3 oder 4 Millionen Einwohner, könnte es im Nothfalle mit allen Volksfeinden Europas zugleich aufnehmen und nur siegreich aus dem Kampfe gehen; denn mit jedem Schritte den der Feind vorwärts macht, verdoppelt es seinen Muth und seine Anstrengungen; und mit jedem Schritte den er rückwärts macht, befreiet es seine Brüder, und verstärkt seine Mittel zum Kampf.