B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A
           
  Wilhelm Weitling
1808 -1871
     
   


D i e   M e n s c h h e i t
w i e   s i e   i s t
u n d   w i e   s i e   s e i n   s o l l t e .


1 8 3 8

_______________________________________________


      EILFTES KAPITEL


Wenn diese Ideen in Ausführung kommen, wird man überall nur den Bruder und die Schwester finden, und nirgends den Feind. Die dritte Generation der in Gütergemeinschaft lebenden Menschheit wird eine Sprache sprechen und gleich in Sitten und wissenschaftlicher Bildung sein.
      Der Handwerker und der Bauer werden zugleich Gelehrte, und der Gelehrte Handwerker und Bauer sein.
      Man wird nicht nur seinen Geburtsort kennen, sondern man wird alle Zonen und Welttheile bereisen, und überall in seiner Heimath sein.
      Die erste Generation wird eine von den schon bekannten todten Spra-chen, oder eine von ihr selbst erfundene neue Sprache, als Weltsprache in allen ihren Erziehungsanstalten neben der Volkssprache lehren lassen. Die zweite Generation wird diese Weltsprache in allen Geschäfts- und Familien-verbindungen einführen; und die dritte alle Nationalsprachen verschwinden machen, durch die Aufnahme der Kinder in die Erziehungsanstalten, von ihrer Geburt an; und dann wird ein Hirt und eine Heerde sein.
      Was heute der vielen Vorurtheile halber schwierig ist, das ist bei der zweiten, in Gütergemeinschaft lebenden Generation leicht, und die dritte verlangt es aus Nothwendigkeit.
      Bei der Einführung der Schutzblattern, widerstrebten die meisten Eltern derselben, aus Besorgniß ihren Kindern zu schaden, und schenkten ihr keinen Glauben. Heute würden sie dem Verbote der Einimpfung eben so entgegen sein, wie damals der Einführung derselben.
      Denket euch einen Mann, der zu den Zeiten Kaiser Augusts das Schieß-pulver und die Magnetnadel erfunden, und durch vorherige mehrjährige Prüfung sich von deren Wirkungen überzeugt hätte. Derselbe würde sich ungefähr mit folgenden Worten an dessen Minister gewendet haben:
      Mit dieser Kleinigkeit kann ich die Kriegskunst Alexanders und Cäsars ändern; ich kann damit Burgen in die Luft sprengen; in der Entfernung von einer Stunde die Städte zerschmettern; in eine Minute die Stadt Rom in einen Haufen Trümmer verwandeln; auf 3000 Schritte weit eure Legionen vernichten; den schwächsten Soldaten dem stärksten gleich machen, und den Blitz in meiner Hosentasche tragen.
      Endlich kann ich mittelst dem in dieser kleinen Schachtel enthaltenen Instrument in der Dunkelheit den Stürmen und Klippen widerstehen; ein Schiff bei Nacht so sicher führen wie am hellen Tage; und es überall, ohne Erde und Himmel zu sehen, nach den Weltgegenden richten.

      Nach dieser Rede hätten die hohen Personen des damaligen Roms, als Mecene und Agrippa, den Erfinder für einen Träumer gehalten; und doch hätte er nichts als sehr mögliche Wirkungen versprochen; welche heute zu Tage schon den Kindern bekannt sind.
      Jede neue Erfindung, jede tiefdurchdachte Wahrheit finden heute dieselben Schwierigkeiten, und denselben Widerspruch, weil ihnen zu viele besondere Interessen und Vorurtheile entgegenstehen; aber am Ende dringen sie doch durch die Finsterniß, denn sie sind Kinder des Lichts.
      Grabet also muthig fort bis zu den Brunnen, der den köstlichen Quell verschließt, an welchen sich die künftigen Generationen erquicken werden.
      Wenn euch der erste Sieg gelungen ist, und ihr die alten morschen Bänder der Herrschsucht, der Tyrannei und des Eigennutzes zertrümmert habet, so gebet wohl acht auf die Wahl eurer neuen Verfassung.
      Sie gleiche nicht einer ausgebesserten Landstraße, deren Vertiefungen mit Sand und Steinen ausgefüllt sind, und auf welcher man zu Pferd, zu Fuß und zu Wagen reiset.
      Hier weichen die Wagen so gerne den steinigten Stellen aus, und befahren den ebenen Pfad der Fußgänger. Diese sehen sich dann oft genöthigt, den rauhen steinigten Pfad zu betreten, wenn sie nicht in dem aufgewühlten Koth steckenbleiben wollen.
      Die Gütergemeinschaft ist das Erlösungsmittel der Menschheit; sie schafft die Erde gleichsam zu einem Paradiese um, indem sie die Pflichten in Rechte verwandelt, und eine Menge Verbrechen aus der Wurzel vertilgt. Die verabscheuten Worte: Raub, Mord, Geiz, Diebstahl, Bettelei, und viele ihres Gleichen, werden in den Sprachen der Nationen veralten; und nur die Bücher der Weltgeschichte werden noch ihre traurige Bedeutung erklären, vor welcher unser künftiges Geschlecht zurückschaudern wird.
      Welche Hoffnung haben wir aber für die Einführung derselben, und wie können wir dahin gelangen?
      Durch Klugheit, Muth und Nächstenliebe.
      Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben; und fürchtet euch nicht vor denen die den Leib tödten.
      Die Nächstenliebe stellt uns Heere mit kräftigen Armen.
      Die Klugheit entwindet unsern Feinden die Waffen; und der Muth ergreift jede Gelegenheit ihn damit zu bekämpfen.
      Wer den Muth hat, seinen Bedrückern die Steuern zu verweigern und ihre Polizeiknechte und Gensdarmen zum Hause hinaus zu werfen, hat so viel rühmliches gethan, als der, welcher einen Tyrannen niederschlägt. Wer aber um sein Leben zu fristen, für das Blut- und Thränengeld der Tyrannen, Schaffotte und Gefängnisse für seine Brüder errichtet, und die Hände müßig in den Schooß legt, wenn die Würger ihre Beute suchen, oder gar den fortgeschleppten Opfern gleichgültig nachsieht, der ist verächtlicher als ein Polizeiknecht und elender als der erbärmlichste Sklave. Die Namen dieser Feiglinge sollen aus der Menschheit verschwinden, denn sie sind nicht werth, daß ihre Kinder ihr Andenken ehren.
      An Klugheit und List sind uns unsere Feinde immer zuvor gewesen, und darum haben auch unserem Muthe immer die rechten Waffen gefehlt, sie damit zu bekämpfen; aber von Nächstenliebe ist bei ihnen keine Spur zu finden. Ihre Armeen ergänzen sie durch Zwang, und diese wären gerne schon in unsern Reihen.
      Gebet Beweise eures Muthes und eurer Entschlossenheit, den Kampf für eure Ueberzeugung zu bestehen. Schreibt auf eure Fahnen: wir wollen keine Armuth und keine Unterdrückung mehr! Wählt eure Anführer selber, und sehet dabei nicht auf die Reichen und Mächtigen. Euer General habe nicht mehr Recht auf den Genuß der Lebensgüter, als der jüngste Freiwillige. Er sei vor dem Feind euer Vater, und an der Tafel euer Bruder. Bedenket, daß die Schweiz einem Bauern ihre Freiheit verdankt. Der Tod verlangt von Allen seinen Tribut, und es ist besser, ihm für die Befreiung der Menschheit sein junges Leben in die eiserne Wagschaale zu werfen, als es dem Wucher und dem Uebermuth für ein Stückchen Brod in die Hände zu liefern, die sich von seinem Marke mästen, und es ausgesogen auf die Gasse werfen, unbeküm-mert um sein armes elendes Dasein.
      Heilig! dreimal heilig! seien der Mit- und Nachwelt die Namen der ersten Märtyrer, die unter dem Banner der Bruderliebe, die heimathliche Erde mit ihrem Blute tränken, und ihren unerschütterlichen Glauben mit ihrem Tod besiegeln.
      Auf dem Wahlplatze, wo sie gerungen, errichte die befreite Menschheit aus den zusammengeschmolzenen Bildsäulen und Kanonen der Tyrannen einen Piedestal; und auf der Plattform dieses überliefere der in eine Pyramide zusammengeschmolzene Mammon der erstaunten Nachwelt die Namen dieser Bekämpfer des Mammons und der rohen Gewalt.
      Und abermals dreimal heilig! die Namen derjenigen, die ausharren bis ans Ende. Ein gleiches Denkmal verkünde auf dem schönsten Punkte der Erde den künftigen Generationen ihren Ruhm.
      Und das werden die Heiligthümer der Menschheit sein.
      Aus allen Zonen werden sie strömen, um diese Heiligthümer zu sehen und ihren Eintrachtsbund vor denselben zu erneuen.
      Also lasset die Klugheit eure Führerin sein, der Muth euer Schild und Waffen, und die Nächstenliebe euer Losungswort; denn in diesen Zeichen werdet ihr siegen.
      Die Spartaner lebten 500 Jahre in Gütergemeinschaft.
      Ihnen fehlte es nicht an Klugheit und Muth, wohl aber an Nächstenliebe. Sie arbeiteten nicht, sondern zwangen die in den Kriegen gemachten und unter sich vertheilten Gefangenen für sie zu arbeiten. Sie kannten das Sprichwort nicht: wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen; und darum ging ihre Verfassung unter.
      Im sechzehnten Jahrhundert war der politische Horizont Deutschlands mit wichtigen Begebenheiten schwanger. Thomas Münzer, ein evangelischer Prediger in Sachsen, lehrte Gütergemeinschaft, vertrieb die Reichen aus den Städten und verschaffte sich großen Anhang. Aber es fehlte ihm an Muth. Als das Heer seiner Feinde gegen ihn anrückte, machte er seine 30 000 Mann, die er im Lager hatte, auf einen Regenbogen am Himmel aufmerk-sam; verkündete ihnen den Beistand der Engel, und verbot ihnen zu kämpfen. Sie wurden fast ohne Widerstand erschlagen.
      Der Schneider Johann von Leiden führte in derselben Zeit zu Münster in Westphalen ebenfalls die Gütergemeinschaft ein, vertrieb die Reichen aus der Stadt und ließ sich als König des Erdballs ausrufen. Nach einer Belagerung Münsters, seinen Feinden durch Verrath in die Hände gefallen, starb er einen grausamen, aber keinen Märtyrertod, denn er hatte die reine Lehre durch seinen Ehrgeiz entweiht.
      Diese Beispiele beweisen indeß, welchen elektrischen Zauber die Lehre der Gütergemeinschaft schon damals, trotz der Unvollkommenheit mit der man sie lehrte, auf die Massen ausübte.
      In demselben Jahrhundert wütheten in Schwaben, Franken und Oester-reich Heere aufrührischer Bauern, durch den Uebermuth der Priester und Großen aufgereizt, gegen ihre Tyrannen, deren Klöster, Schlösser und Burgen sie verbrannten.
      Wieder zur selbigen Zeit eiferte ein Priester in Sachsen gegen die Mißbräuche und Anmaßungen des Papstes und der Priester, sah aber nicht allein der Tyrannei der Großen durch die Finger, sondern munterte sie auf und unterstützte sie.
      Er gab den Fürsten den Rath, die aufrührerischen Bauern wie das Vieh zu erschlagen: und doch enthielten die 10 Artikel, für deren Gewährung diese kämpften, Billigkeiten und Rechte, welche heute Niemand bestreitet. Der Bauernkrieg wurde durch die Fürsten unterdrückt, aber die Reformation gelang unter dem Schutze derselben, und Deutschlands Einheit entschwand zu ihrem Vortheile. Wäre die Reformation mit dem Bauernkrieg Hand in Hand gegangen, und reine Volkssache geblieben, so wären wir der Tyrannei der Priester und der Großen mit einmal los geworden, und alle die Thränen und das Blut, das seither geflossen, hätte das Volk nicht zu bejammern. Wie lange wird es noch jammern? — In welchem Gau werden zuerst die Fahnen der deutschen Rächer wehen? — Aller Herzen schlagen ungeduldig den nächsten Ereignissen entgegen. —
      Die Reformation durchzuckte damals wie ein milder Lichtstrahl die finstere Welt. Das aus der Finsterniß auftaumelnde Volk blickte scheu um sich, um den Eingang des neuen Paradieses zu erspähen; aber es sah nur Schwerter und Kronen, deren blutiger Schimmer seine Augen schmerzte.
      Und seine Wimpern senkten sich wieder zu neuem Schlafe, ähnlich dem vorigen; nur ein matter Strahl des Evangeliums blieb in seiner hoffenden Seele zurück. Seitdem schleicht sich von Zeit zu Zeit die Zwietracht, bald von fremden bald von einheimischen Tyrannen geschickt, unter die Reihen der Schläfer; die Opfer aufrüttelnd, die sie zur Schlachtbank führen will. Armes betrogenes aber gutmüthiges Volk! — Schlafe fort bis dich die Trompeten und Sturmglocken zum jüngsten Gericht rufen. Dann kehre sie weg, die Männer von Wittenberg und Rom, die den Thronen und Geldsäcken, zum Hohn deiner Blöße, das Wort reden. Dann wird die Einheit die Standarte der Nächstenliebe in deinen Gauen aufpflanzen, deine Jünglinge werden mit ihr an der Welt Enden fliegen und die Welt wird sich in einen Garten und die Menschheit in eine Familie verwandeln.