B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A
           
  Wilhelm Weitling
1808 -1871
     
   


K e r k e r p o e s i e n .

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Text:
aus: Weitling der Gefangene
und seine «Gerechtigkeit»
Christentum und Sozialismus I
Hrsg.: Ernst Barnikol, Kiel 1929


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V o r w o r t .


      Lieber Leser!

      Hiermit erhältst Du wieder ein Lebenszeichen von mir, einige von mir im Gefängnis gemachten Gedichte, aus deren Inhalt Du Dir einen Begriff meiner Gemütsstimmungen in meiner damaligen Lage als Gefangener machen kannst.
      Ich machte diese Gedichte, teils um mich zu trösten und aufzuheitern, teils nur, um mich zu beschäftigen. Ersterer Beweggrund schuf besonders die Gedichte: «Verzage nicht!», «Hoffnung!», «Wunden und Balsam!», welches bei Beurteilung der[S. VI]selben nicht übersehen werden darf. In letzterwähntem Gedicht, wie in: «das verplauschte Böcklein» sprechen sich Befürchtungen aus, die sich später nicht verwirklicht haben und die ich, wie einige andere Stellen, jetzt abändern würde, wenn ich damit nicht ein treues Bild meiner damaligen innern Gefühle geben wollte. Es ist hier nicht am Platz, Dir einen vollkommenen Begriff meiner Lage als Gefangener zu machen, diese Aufgabe werde ich wohl später ausführlicher lösen, indeß halte ich doch folgende kurze Darstellung in diesem Vorwort noch für notwendig:
      Denke Dir einen Mann, der im Strudel seltener Schicksale immer wie Andere die Verbesserung seiner Lebenslage im Auge hatte, aber zu dem Schluß kam, daß dieselbe ohne die Verbesserung der Lebenslage aller Uebrigen nicht dauerhaft möglich sei; der, nachdem er sich durch eigene Studien von der Möglichkeit eines solchen Zustandes überzeugt hatte, sich ohne [S. VII] die Hoffnung der Verwirklichung desselben und ohne tätige Mitwirkung für die Erreichung eines solchen Zustandes nicht glücklich fühlen konnte.
      Denke Dir diesen Mann von einigen seiner Freunde falsch beurteilt und somit in die Notwendigkeit versetzt, diesen seine Aufopferung und Uneigennützigkeit durch Nichtachtung der Gefahren aufs Neue zu beweisen.
      Denke Dir denselben in der Gewalt seiner bittersten Feinde, ein Opfer seiner Ueberzeugung, in die Unmöglichkeit versetzt, den über ihn und sein Wirken ausgesprengten Verleumdungen, Lügen, Intriguen und Irrtümern kräftig zu begegnen; denke ihn Dir mit dem Bewußtsein, einen wichtigen, die Erkenntnis der Wahrheit bezweckenden Gedanken, zum Wohle der Menschheit noch veröffentlichen zu müssen, und in halber Verzweiflung befürchtend, daß ihn dazu von seinen Feinden nun jede Gelegenheit abgeschnitten werden würde.
      [S. VIII] Denke Dir denselben in dem Glauben nach dem Maßstabe des Züricher Rechts(?)-Verfahrens in Preußen, seinem Vaterlande, auf den Inhalt seiner Schriften hin, eine nochmalige Untersuchung, so geist- und lebentötend wie die frühere, bestehen zu müssen, und mit der Ueberzeugung, daß dadurch seine moralische und physische Kraft zu Grunde gehe; denke Dir dies Bild mit allen erdenkbaren, raffinierten geistigen Martern schattiert, so wirst Du Dir das Bedürfnis erklären, das mich treibt, jetzt wieder anstatt zur Nadel und Schere, zur Feder zu greifen.
      Es war nicht Widerwille gegen mein Handwerk, das mich veranlaßte, schriftstellerische Versuche zu machen, es war weder Ehrgeiz noch persönliches Interesse. Nein, das war es nicht! — Ich fand in der Literatur eine ungeheure Lücke noch nicht ausgefüllt, hielt die Ausfüllung derselben für das dem Wohle der Gesellschaft Allernotwendigste, und machte mich nur an die Arbeit, weil ich sah, daß sie, so [S. IX] viel mir bekannt war, kein anderer deutscher Schriftsteller unternahm. Diese Tatsache steht unwiderlegbar fest, ebenso meine Ueberzeugung, daß durch die Eigenheiten des Schneiderhandwerks meine Studien in dem Fache der Literatur, welches ich bearbeitete, möglicher waren als in vielen ändern Geschäftsfächern. Ich glaube, ich mußte ein Handwerker sein, um für meine Prinzipien ein Schriftsteller zu werden; auf Universitäten wäre ich dies schwerlich geworden.
      Wenn ich nun jetzt wieder schriftstellere, so hänge ich die Schneiderei darum nicht an den Nagel, sondern an den Brotkorb, damit die undankbare Literatur mit mir in meinem Fache denselben nicht noch höher hängen kann.
      Ob ich in meinem Wirken vom Ehrgeiz geleitet werde oder nicht, darüber will ich ändern das Urteil ohne Opposition überlassen, um so mehr, als jenes Wort in seiner Bedeutung meist falsch angewandt wird.
       [S. X] Ehrgeizig ist nach meinen Begriffen der, welchen Andern, je nach verschiedenen Beweggründen, nicht gern Ehre erweis't; wer gerne in Allem seine eigene, ausschließliche Ehre sucht, den nenne ich ehrsüchtig, und ehrlich den, welcher in seiner Lebensweise nicht gegen die Begriffe verstößt, welche sich andere von der Ehre machen. Daß ich in meinem Wirken nicht ausschließlich vom persönlichen Interesse geleitet werde, darüber wird wohl unter Freunden und Feinden nur eine Meinung sein. Ich schreibe nicht ausschließlich, um zu leben, sondern lebe, um zu schreiben und somit durch Verbreitung meiner Schriften der Gesellschaft zu nützen.
      Vorliegendes Heft halte ich aber nur insofern nützlich für die Lehre, als es mir möglichen Falls die Mittel verschafft, andere wichtigere Arbeiten zu unternehmen; ich suche also Geld!
      Geld ist in unserer heutigen gesellschaftlichen Ordnung der Hebel, welcher dieselbe in Bewegung setzt, deshalb darf es nicht verwundern, daß auch [S. XI] der Kommunist, welcher auf die Abschaffung des Geldes hinarbeitet, nach Geld schreit, und dadurch gleichsam beweist, daß für ihn das erstere ohne das letztere nicht möglich ist.
Das Geld, als etwas Unpoetisches, soll in diesem Vorwort nur dazu dienen, das Urteil des Lesers zwischen dem Titel dieses Heftes und den nachfolgenden Versen, die ich «Poesien» nenne, in der richtigen Mitte zu halten.
      Nach meinen Begriffen sind Poesien angenehme, oft täuschende Bilder im fließenden Redestil, wohllautend zusammengesetzt; es sind Bilder, welche der innere, geistige Mensch sich macht, um durch ihre Betrachtung die unangenehmen Eindrücke der Wirklichkeit zu mildern und zu verwischen, oder den angenehmen eine längere Dauer und mehr Genuß abzugewinnen, folglich kann die Poesie besonders auf das Los eines Gefangenen einen sehr wohltätigen Einfluß üben; damit sie dies aber kann, muß sie den [S. XII] verschiedenen Lebenslagen und Gemütsstimmungen angepaßt werden.
      Falls nun nach dem Urteile der Leser einige der, nachfolgenden Gedichte diesem entsprechen, so wäre dadurch auch zugleich der allgemeine Nutzen derselben bewiesen, was meine Gewissensskrupel in Betreff des Brotkorbes bedeutend vermindern würde.

      W. Weitling.