B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A
           
  Peter Altenberg
1859 - 1919
     
   


A s h a n t e e

1 8 9 7

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Titel 1897
 
A s h a n t e e
(Im Wiener Thiergarten
bei den Negern der Goldküste,
Westküste.)

Meinen schwarzen Freundinnen,
den unvergesslichen «Paradieses-Menschen»
Akolé, Akóshia, Tíoko, Djôjô, Nah-Badûh
gewidmet.

 
Meyer, Conversations-Lexikon

     Band I., Seite 900:
«Ashantee: Negerreich in Guinea, Westküste, Goldküste. Wurde von den Engländern 130 Kilometer von der Küste zurückgedrängt. Hauptsitz der englischen Colonie an der Küste: Accrá.
     Der Boden des Landes ist meist leichter Lehm. Das Klima heiss. Zweimal im Jahre, Ende Mai, Ende Oktober, Regenzeit. Die nutzbarsten Bäume der Wälder: Palmen, Gummibäume. Hauptnahrung: Yams-Wurzel (eine unserer Kartoffel ähnliche Pflanze). Die Aschanti sind echte, kraushaarige Neger, welche das Odschi sprechen; sie sind namentlich im Teppichweben und in Goldarbeiten sehr geschickt. Es herrscht Vielweiberei. Die Religion ist Fetischismus. Die mysteriöse Aufgabe der Priester besteht hauptsächlich darin, die bösen Genien durch geheimnisvolle Ceremonien und hysterische Tänze zu beschwichtigen. Hauptstadt von Ashantee: Coomassie. General Wolseley rückt 4. Februar 1874 in Coomassie ein; der König räumte alle Küstenpunkte und gelobte Abschaffung der Menschenopfer.
     Vergleiche: Brackenbury, the Ashantee war.
                       Stanly, Coomassie and Magdala.»
 

Der Hofmeister

     Beim Eingange in den «Thiergarten» mit dem schwarzen Netz-Gitter und den staubigen Syringen war ein hellbraunes, von Firniss glänzendes und in der Nachmittag-Sonne bratendes Schweizerhäuschen, in welchem der Clark sass und eine Birne speiste. Er verkaufte citronengelbe Entréekarten und dunkelgrüne ermässigte für Vereine, Militärs, Habitüé's. «Les enfans ne comptent pas» sagte er, wie wenn man sagt: «Marsch, verschwindet, Ihr habt wenig
Bedeutung - - -.» In einem kleinen Käfige bei dem schwitzenden Schweizerhäuschen sassen zwei Aguti, Dasyprocta Aguti. Der Käfig-Boden war bedeckt mit Semmelstücken und Zuckerstücken.
     Ein junger Hofmeister, mit einem Knaben und einem Mädchen, sagte: «Bornirte Menschen. Obst fressen sie nur! Du wirst gleich sehen.» Er gab ihnen eine kleine Pfirsich.
     Die Aguti setzen sich auf die Hinterbeine und assen wie Eichkätzchen. Das junge Mädchen war ganz warm vor Verehrung und spürte es, wie alle Umstehenden den Hofmeister ebenso verehrten oder ähnlich.
     «Erinnere mich, Fortunatina, morgen werde ich dir «Brehm» vorlesen über diese lebendige Lieblingsspeise der Onza, Jaguare, Brasilien. Diese Zwei befinden sich im Hafen des Lebens. Aber Brod und Zucker?! Affen sind es doch nicht, par exemple.»
     Dann kam man zu den Bären, welche stereotype Bewegungen ausführten und elend rochen und welche das Publikum ununterbrochen aufforderte, doch in das Bassin sich zu begeben.
     «Wartet - - -» sagte der Hofmeister und warf eine ganze Semmel in das Bassin. Da musste der Bär hinein, wenn auch nur mit dem Vorderleibe.
     Bei der Löwin stützte Fortunatina ihre Ellbogen auf die Holz-Barrière und blickte sie lange an. Die Löwin schlich hin und her, wie rutschend auf dem feuchten Steinboden, wie sich anschleichend, hélas, an was heran?!
     Der Hofmeister stand mit dem Knaben rückwärts, welcher zum Weitergehen drängte: «Eine Löwin, was sieht man?! Eingesperrt ist
sie - - -.»
     Der Hofmeister blieb ruhig auf seinem Platze.
     «Fortunatina und die Löwin - - -» dachte er. Er wusste gar nicht, was es bedeutete, welchen Inhalt es habe. Wie eine Ballade fühlte er es, welche noch Niemand gedichtet hat. Die Ballade ist da, will geboren werden von einem Dichter, ganz in das Leben hinaus gestellt sein. Im Kopfe eines Menschen befindet sie sich bereits, drängt zum Tageslichte, will Gesang werden - - - Fortunatina und die Löwin!
     Der Hofmeister stand ruhig da.
     Das kleine Mädchen wandte sich um, erröthete, lächelte verlegen, machte sich bereit zu gehen.
     «Es ist keine Schande, in Thiere sich hineinzu träumen» dachte der Hofmeister. Er legte lächelnd seine wundervollen väterlichen Hände auf die Schultern des Kindes.
     Fortunatina träumte: «- - - plötzlich mitten in der Nacht, ertönt ein Gebrüll, welches gleichsam die ganze Natur erbeben macht - - -. Ein Schlag mit der Tatze ist im Stande ein Rind zu fällen - - -. Man hat Beispiele, dass - - -. Afrika. Afrika. Kaltblütigkeit, Entschlossenheit haben oft im letzten Momente den kühnen Jäger - - -.»
     Sie blickte auf den Hofmeister.
     Dieser aber trug eine breite Pepitahose, ein dunkles Saccõ und einen kleinen braunen Filzhut. Ferner einen Stock mit einem Hirschgeweihgriffe und einen Zwicker mit Goldeinfassung. Ganz in gelbem Leder sollte er dastehen! Jedesfalls aber in Gamaschen.
     Sie gingen weiter.
     Man hörte das Geräusch von eisernen Castagnetten, dumpfen Holztrommeln, Messingringen.
     Sie kamen zu dem Tanzplatze der Aschanti.
     «Syncopirte Rythmen» sagte der Hofmeister, «hört Ihr?! Tàda tadáda dadà tadáda - - -.»
     «Wie bei Uns die Dreschflegel» sagte der Knabe.
     «Sehr richtig» sagte der Hofmeister, «Syncopen.»
     «Wirklich wie Drescher» sagte Fortunatina.
     «Oder wie in einem Eisenbahn-Waggon die Geräusche unter dem Boden» sagte der Knabe.
     «Wirklich wie in einem Eisenbahn-Waggon» sagte Fortunatina; «dazu müsste man jetzt erst eine Musik machen mit echten Instrumenten.»
     «Bravo Fortunatina - - -» sagte der Hofmeister.
     «Für Die ist es jedesfalls Musik - - -» sagte der Knabe.
     «Mache nur nicht gleich solche Abgründe zwischen Uns und Ihnen. Für Die, für Die. Was bedeutet es?! Glaubst Du, weil das dumme Volk sich über sie stellt, sie behandelt wie exotische Thiere?! Warum?! Weil ihre Epidermis dunkle Pigment-Zellen enthält?! Diese Mädchen sind jedesfalls sanft und gut. Komme her, Kleine. What is your name?!»
     «Tíoko - - -.»
     Er nahm die wundervolle braune Hand und legte sie in die Hand Fortunatina's. Diese wurde verlegen.
     Dann nahm er eine vierfache Schnur weisser Glasperlen mit Gold-Schliesse aus der Tasche und schenkte sie Tíoko.
     «Woher haben Sie es?!» fragte der Knabe, wärend es dem Mädchen selbstverständlich vorkam.
     «Woher, nun woher?!» erwiderte der Hofmeister.
     Später sagte der Knabe: «Sie waren gut und sanft mit Tíoko und glauben, dass sie es war mit Ihnen; gerade umgekehrt.»
     Der Hofmeister blickte ihn an, wie wenn man sagt: «Dummer Mensch, das ist ja die ganze Lösung des Räthsels im verworrenen Leben.» Aber er sagte: «Fortunatina, war Tíoko nicht gut, sanft und milde?! Nun also! Wie etwas Treues ist sie mit uns gegangen, hat deine Hand nicht losgelassen. Welche Freude an den Glasperlen. Und überhaupt. Diese Reinlichkeit, diese wunderbare glatte kühle Haut, die Elfenbein- Zähne, die zarten Hände und Füsse, diese Aristokratie der Gelenke!»
     Der Knabe dachte: «Dennoch ist es so. Gekauft hat er sie sich.»
     Fortunatina sagte beim Abschiede: «Tíoko, I love you.»
     Der Knabe dachte: «Fortunatina ist überspannt, in Allem.»
     Der Hofmeister küsste Tíoko.
     Fortunatina fühlte: «Alle sind sanft, Tíoko, die arme Löwin, der Hofmeister. Wie im Paradiese ist es eigentlich, wo Menschen und wilde Thiere - - -.»
     Der Knabe sagte: «Was haben die Glasperlen gekostet?! Wieso haben Sie dieselben gehabt?! Sagen Sie es mir doch.»
     «Wieso, nun wieso?! Man muss das Herz jedes Menschen öffnen mit dem Schlüssel, welcher dazu passt.»
     Der Knabe dachte: «Tíoko ist eine Interessirte, ganz einfach.»
     Fortunatina fühlte: «Ich möchte weinen, über Tíoko, über die Löwin, über Alles.»
     Beim Ausgange des Gartens sassen wieder die Aguti in dem Käfige und die bornirten Menschen warfen wieder Semmel und Zucker hinein. In dem hellbraunen lackirten Schweizerhäuschen sass der Clark, verkaufte citronengelbe Karten und dunkelgrüne ermässigte für Vereine, Militär's, Habitüé's.
     «Bist du müde, Fortunatina?!» fragte der Hofmeister.
     «Ein bischen - -.»
     «Dann setzen wir uns - -.»
     Eine Bank war in einem Bosquet, umgeben von Wiesen, in welchen Baumgruppen standen. Alle spürten die angenehme Ruhe, duckten sich gleichsam zusammen. Der Hofmeister nahm aus der Tasche eine vierfache Schnur weisser Glasperlen mit einer Goldschliesse, legte es Fortunatina um den Hals.
     Diese erbebte vor Paradieses-Freude.
     Alle schwiegen.
     Der Knabe war verlegen.
     «Von den Wiesen duftet es - - -» sagte der Hofmeister.
     Alle athmeten tief den guten Hauch ein, den die Erde ausathmete aus ihren wunderbaren Lungen, eigentlich aus ihren Haut-Poren.
     «Was wird Tíoko Abends machen?!» fragte das Mädchen.
     «Sie putzt für den Clark, welchen du an der Kasse gesehen hast, die Kleider und Schuhe, macht die Betten, richtet Wasser her in den Lavoirs.»
     «Ich hielt sie für die Tochter des Königs!»
     Der Hofmeister küsste sie sanft auf ihre goldenen Haare.
     «Ich habe einen königlichen Schmuck» fühlte sie, «wie Lady Dudley, vier Reihen tadelloser Solo-Perlen, unschätzbar an Werth, vielleicht zwei Millionen -- -.»
     Die feuchte abendliche Wiesen-Erde gab ihre dunstförmige nebelförmige Frische den müden Menschen auf den harten Gartenbänken, den Liebespaaren in verschwiegenen Ecken, welche den Abend sich erwünschten und die Stille. Die Baumgruppen standen wie Wolken auf dem Wiesen-Firmamente. Tíoko, im Garten, bebt, legt den dünnen heliotropfarbigen Kattun über ihre wunderbaren hellbraunen Brüste, welche sonst in Freiheit und in Schönheit lebten, wie Gott sie geschaffen, dem edlen Männer-Auge ein Bild der Weltvollkommenheiten gebend, ein Ideal an Kraft und Blüthe.
     Dann hockt sie auf einem kleinen Holz-Schemel und schält Kartoffeln zum Souper.
     «Was macht Tíoko?!» dachte das Kind auf der Bank.
     Der Hofmeister hielt ihre weisse Hand in den seinen, diesen wunderschönen brüderlichen Händen - - -.
     «Allons - -» sagte der Knabe, «es ist schrecklich fade und man verkühlt sich. Fortunatina wird gleich Schnupfen bekommen.»
     «Du, kümmere dich nicht darum, ja, bitte, ich bitte sehr - - -» sagte der Hofmeister. Alle gingen verlegen und schweigend nach Hause.
     Am Wege sagte das kleine Mädchen zu dem Hofmeister: «Ich hätte doch vielleicht Schnupfen bekommen - - -. Sind Sie böse auf Oscar?!»
     «Gute, Sanfte - - -» sagte der Hofmeister und drückte ihre kleine Hand an sein Herz.
 

The school

Einmaleins

Ich lerne fleissig mit:
        èkó         1
        enyo         2
        eté         3
        eduë         4
        enumo         5
        ekba         6
        kbao         7
        kbānyo         8
        néhu         9
        nyònma         10

     Wenn bibi Akolé geprüft wird, soufflire ich. Niemand merkt es. Nur Jaté lächelt mir zu. Die Strafe sind Schläge auf die Handfläche mit einem Bambusstabe.
     Der Lehrer macht Stichproben mit bibi Akolé. 7? kbao. 4? eduë. 50? Nomajnumó. 21? - - -. 21? - - -. Bibi Akolé blickt schief zu mir herüber. 21 - -?
     Ich antworte nicht. Ich habe es auch vergessen. Bibi Akolé blickt mich ängstlich an.
     Ich laufe in eine der Hütten, reisse mein Notizbuch heraus, zeichne 21 hin, halte es fragend vor die Negerin. «Twenty one, Sir, - -» sagt sie, «what's the matter?!» «Du gebildetes Mistvieh» denke ich. «No, no,» sage ich, «Ashantee?!» «Nomanjokaakomè» sagt sie.
     Ich fliege zur Schule und in der Aufregung soufflire ich ein wenig zu laut: «Nomanjokaakomè!!»
     Alle Kinder lachen. Der Lehrer lächelt milde.
     Bibi Akolé weint in einem Eckchen.
     Sie hat einen Augenblick früher den Hieb auf ihre süsse Hand bekommen.
     Wahrscheinlich werde ich das Ashantee-Einmaleins vergessen - - - ewig werde ich aber wissen: 21 - - nomanjokaakomè!
 

Der Kuss

     Ich sass auf einer Gartenbank im «Thiergarten.» Auf meinem Schosse sass bibi Akolé und zählte ihr Geld, welches in drei Portemonnaie's wundervoll vertheilt war, in jedem Fache 25 Kreuzer, Geschenke von Bewunderern.
     Eine wunderschöne junge Dame kam und ihr Gatte.
     Akolé sah die Dame an, stand auf, ging auf sie zu, breitete die Arme aus, wollte sie auf den Mund küssen, weil sie schön war.
     Die Dame wich zurück.
     Das Kind schmiegte sich an mich an, tief beschämt.
     «Madame - -» sagte ich, «ich bitte Sie, ich bitte Sie - - -.»
     «Nicht auf den Mund - -» sagte die Dame verlegen.
     Ich nahm Akolé in meine Arme, küsste ihren geliebten Mund, dessen Athem wie der Hauch von Abend-Wiesen war.
     «Thue es doch - - -» sagte der Gatte, «il sera offensé.»
     «Ich kann nicht - - -» sagte die wunderschöne junge Dame.
     Da sagte ich: «Diese Dame ekelt sich vor dir, Akolé. Wie eine dumme stupide Mutter benehme ich mich, welche die anderen Menschen nicht begreift. Verzeihen Sie mir, Madame. Ich war wie eine stupide Mutter, das Dümmste, das Beschränkteste, was es auf der Erde giebt. Die Liebe eines Vogelgehirnes ganz einfach.»
     Die Dame gab dem Kinde eine Krone.
     Das Kind gab sie zurück, sogleich.
     Der Gatte dachte: «War das Ganze notwendig?! Solche Überspanntheiten.»
     Die Dame sagte adieu, gab mir die Hand, blickte mich traurig an.
     Langsam ging das Ehepaar weg.
     Akolé verkroch sich in meinen Armen, die sich in unermesslicher Liebe um sie schlossen.
 

Cultur

     Akolé, the big Akolé (17 Jahre) und Akolé, the bibi Akolé (7 Jahre), waren bei Frau H. zum Diner geladen, in der Stadt. Sie trugen eine braune Toga und hellgrüne Glasperlen-Colliers. Sonst nichts. Einige Freunde und Freundinnen des Hauses waren geladen. Die beiden Akolé assen wie englische Damen vom Hofe der Königin.
     «Sehr viel Einbildung, diese Paradies-Menschen - - -» sagte
Frln. D.
     «Jawohl!» erwiderte Peter A.
     Fräulein D. erröthete.
     Peter A.: «Ein Wald, was ist ein Wald?! Sehr viel Einbildung, ein Wald. Eine Anhäufung von Blättern. Keine falschen Poesieen, meine Lieben, keine ungesunden Träumereien! So ist es. Eine Anhäufung von Blättern.»
     «Warum wollen Sie immer verletzen, Peter, an den Pranger stellen, guillotiniren?!»
     Peter: «Neger sind Kinder. Wer versteht diese?! Wie die süsse stumme Natur sind Neger. Dich selbst bringen sie zum Tönen, während sie selbst musiklos sind. Frage mich, was der Wald ist, das Kind, der Neger?! Etwas sind sie, was Uns zum Tönen bringt, die Kapellmeister unseres Symphonie-Orchesters. Sie selbst spielen kein Instrument, sie dirigiren unsere Seele.»
     Nach dem Diner bekam jede Akolé eine wunderbare französische Puppe, zum Spasse.
     Zuerst sangen sie dieselben in Schlaf und küssten sie.
     Plötzlich liess the big Akolé ihre Toga von ihrem idealen Oberleibe herabgleiten und gab dem Püppchen aus ihrer herrlichen Brust zu trinken. Little Akolé stand da, mit ihrem hungrigen Püppchen im Arme, tief verzweifelt über ihr Brüstchen.
     Frau H. sagte zu ihren Gästen, es wäre der heiligste Augenblick ihres Lebens.
     Die Gäste fanden Ähnliches, wenn auch nicht so bombastisch.
     Selbst monsieur R. de B. lächelte, wie man eigentlich nicht lächelt, wenn man lächelt - - -.
 

Paradies

     «Was möchtest du am liebsten von der Welt, Tíoko?!»
     «Green bills cutted, Sir - - -.» (Geschliffene grüne Glasperlen).
     «Und?!»
     «And lila bills cutted, Sir - - -.»
     «Und?!»
     «And nothing, Sir - -.»
 

Der Abend

     Acht Uhr Abend's. Regen, Regen - - -.
     Es hört ein bischen auf.
     Es duftet nach nassen Kieselsteinen. Oder es scheint so zu sein.
     Tíoko steht da, in lila Kattun eingehüllt. Wie ein dunkler Teichvogel, der friert. Wie auf einem Fusse steht sie, geduckt in lila Gefieder.
     Da gebe ich ihr den ersten Kuss.
     Ruhig steht sie - - -.
     Wie glücklich bin ich - - -.
     Der Regen hat ein bischen aufgehört.
     Es duftet nach nassen Kieselsteinen.
     «Goodnight, Tíoko - - - - - - - -. Tíoko - - -!? - - - - - Tíoko?!»
     «Oh Sir - - -.»
 

Ein Brief aus Accra
(Westküste, Goldküste)

     Ein Brief aus Afrika. Wann ist er aufgegeben?! Am 20. Juli. Wann ist er angekommen?! Am 26. August. Die Thränen der Absender sind bereits versiegt, während die der Empfänger fliessen. Monambô's Bruder ist gestorben, 14 Jahre alt. «Er war so gross wie Tíoko - - -» sagt Monambô, «und ebenso schön.»
     The big Akolé sitzt bei ihrem Verkaufstische, zählt Geld. Die Thränen rinnen über ihr edles Gesicht.
     «Il me semble, qu'elle est encore plus noire aujourdhui» sagt die französische Sekretärstochter und küsst sie.
     «War er verwandt mit ihr?!» fragte ich den Häuptling auf englisch.
     «Wir weinen um Alle,» sagte der Häuptling, «so sind die «Black-men.» Wenn ich in Afrika sein werde, werde ich um dich weinen, Sir.»
     Akóschia sitzt auf dem Tanzplatze, macht Musik mit eisernen Castagnetten; die Thränen rinnen über ihr edles Antlitz.
     Tíoko sitzt vor ihrer Hütte, singt leise vor sich hin und weint. Wie Harfenbegleitung zu Thränen. Wie Psalmen.
     Monambô weint nicht.
     «Du bist nicht traurig, Monambô?!»
     «Sir, ich bin in der Fremde. Ich werde weinen, bis ich in Afrika
bin - - -.»
     «Diese allgemeine Trauer ist doch ein bischen unverständlich» sagt die junge Sekretärstochter zaghaft zu mir. Und ich:
     «Glauben Sie es doch nicht, dass es dieser Knabe ist, um welchen sich diese edlen sanften Geschöpfe grämen. Sie weinen um Afrika, c'est le mal du pays, die zarteste Krankheit unserer Seele, welche zum Vorschein kommt. Wie wenn ein kleines Mädchen eine neue Bonne bekäme. «Merkwürdig» sagen die besorgten Eltern, «wirklich, Niemand hätte es gedacht, unser Schatz ist ganz freundlich mit ihr; wie alte Bekannte. Alles geht gut, sie vertragen sich, das Fräulein ist aber auch so lieb mit ihr, sie hat keine leichte Position.» Plötzlich aber ein unscheinbares Wort der Bonne, eine Geberde. Das Kind bricht in heisse Thränen aus. Ist es das Wort, diese Geberde?! Keineswegs. Sie schluchzt um ihre alte Kinderfrau - - -.»
     Neun Uhr Abends. Die Thränen sind versiegt. Der Mond macht die Birken im Garten glitzern. Still sind die afrikanischen Hütten. Tíoko's Hütte ist finster. Monambô ruft mich. Ich trete in die Hütte. Auf dem Boden liegen Monambô, Akolé, die Wunderbare und Akóschia. Kein Polster, keine Decke. Die idealen Oberkörper sind nackt. Es duftet nach edlen reinen jungen Leibern. Ich berühre leise die wunderbare Akolé.
     «Go to Tíoko,» sagt sie sanft, «du liebst nur Diese!»
     Monambô, welche die Traurigkeit für Afrika aufspart, sagt: «Sir, morgen bringst du uns einen piss- pot; es ist zu kalt, um in der Nacht aus der Hütte zu treten. Er muss aussen blau und innen weiss sein. Was er kostet, werden wir Drei zusammen bezahlen. Freilich, Tíoko würdest du einen schenken! Was wird er kosten?!»
     «Monambô, niemals habe ich noch einen piss-pot besorgt. Ich kenne die Preise nicht. Zwischen 50 Kreuzer und 500 Gulden. Königinnen benützen goldene.»
     «Sir, es war heute ein trauriger Tag. Gute Nacht. Du liebst Tíoko. Der piss-pot muss aussen blau und innen weiss sein. Bringe ihn bestimmt, tomorrow. Man kann in diesen Nächten nicht aus der Hütte treten, verstehst du?!»
     Ich küsste den drei Mädchen auf ihren harten Lagern die Hände. Akolé war zu schön! Ich kniete mich nieder, küsste sie auf die Stirn, die Augen, den Mund - -.
     «Go to Tíoko - - -» sagte sie sanft.
     Monambô, Akóshia verkrochen sich in ihren Kattunen. «Go to Tíoko - - -!»
     Als ich aus der Hütte trat, waren die Birken grau im Frühlichte und wie eins mit der nebeligen Luft, welche nach feuchter Frische duftete - - -.
 

Der Neger

     Ein kleines wundervolles einäugiges blondes Mädchen schleppt einen riesigen Neger überall mit sich. In dem Circus sitzen sie allein in einer Loge.
     «Eine kleine Romantische - - -» sagt der Vater glücklich und stolz, «wenn das so weiter geht - - -?!»
     Schreckensbilder aus amerikanischen illustrirten Zeitungen: «Ein Neger schändet ein kleines Mädchen. Man lyncht ihn, übergiesst ihn mit Petroleum, zwei Stunden lang verkohlt er.»
     Da sitzen sie beisammen in der Loge des Circus. Etwas Magnetisches, eine Welt-Sympathie, die Condensatoren aufgestapelter Liebesströme der Natur: die Seele des Kindes, das Rückenmark des Wilden!
     Die amerikanischen illustrirten Zeitungen übertreiben. Aber die Natur selbst ist übertrieben, das Gewitter, der Donnerschlag ist übertrieben, der Vesuv, die Liebe, der Tropenwald, die Heringszüge, Alles übertrieben, übertrieben - - - - - -!
     «Das ist ein Elephant - - -» sagt das kleine Mädchen, «Ele-phant.»
     «Schuo - -» sagt der Neger.
     «Schuo - -» sagt das Kind.
     Wie nahe sie sich gerückt sind: Schuo - Elephant, Elephant - Schuo. Eine gemeinsame Sprache sprechen sie bereits, Schuo - Elephant, Elephant - Schuo!
 

Akolé's Gesang, Akolé's süsses Lied

     Ein schrecklicher Sturm im Garten. Auf dem braunen Teiche liegen tausend grüne Blätter und kleine schwarze Äste. Die hellbraunen Wildgänse bekommen schleissige Federn, öffnen ihre rothen Schnäbel.
     Akolé hockt an dem Teiche, singt ihr süsses Lied:
«andelaína andelaína andelaína gbomolééééé - -
andelaína gbomolé.
andelaína Akkra-ūma, andelaína gbomolé
andelaína andelaína - - -.
andelaína hé oblāinŏ, andelaína gbomolé - - -
andelaína andelaína andelaína gbomolé.
andelaína
Akkra-lady andelaína hé oblāinŏ,
andelaína andelaína - - -
andelaína
Vienna-lady andelaína bobandôôô - -
andelaína andelaína andelaína bobandôôô
andelaína hé oblaio, andelaína gbomolé!
»
     Ein schrecklicher Sturm im Garten. Auf dem braunen Teiche liegen tausend grüne Blätter und kleine schwarze Äste.
     «andelaína andelaína - - - - - -.»
 

Complications

     Akolé, wie von Barbédienne Modellirte, in Bronze Gegossene, ein junger Mann aus reichem Hause möchte dich besitzen!
     Einen kleinen goldenen Kamm, welchen er dir geschenkt hat, trägst du längst in deinen krausen Haaren!
     In einer Equipage fährt er vor. Seine Mama trägt einen Hut aus französischen Veilchen und grüsst dich lächelnd, Akolé: «Ein ideales Moment wäre es vielleicht in Victor's Leben, Etwas, was ihn rettet vor. Keine Sprache spricht sie. Man hat sie in seiner Gewalt. Uns gehört sie. Sie ist mir zugethan. Was wird sie sich wünschen?! Noch eine Glasperlen-Rivière und noch eine. Und einen seidenen Regenschirm und Seide überhaupt. Schwarz ist sie, nicht Jedermann's Geschmack, für Alle stumm. Keine Complications de l'âme. Ein ideales Moment dürfte sie sein in seinem Leben, eine Medizin der schlaffen erschöpften Seele, ein Tonicum. Jedesfalls Etwas Aussergewöhnliches, wie eine Reise in das Ausland oder das Militärjahr. Etwas Umwandelndes, Bewegung Bringendes, Etwas wie eine Episode aus dem Leben eines Künstlers, Dichters. Später freilich - -?!»
     «Akolé - - -» sagt Ofolu Ahadjí, «misumo (ich liebe Dich) - - -.»
     «Akolé - - -» sagt Peter A., «return to Akkrá - - -!»
     «Akolé - - -!» sagt der junge Mann aus reichem Hause, der sie besitzen möchte à tout prix.
     Die Mama sagt gar nichts, küsst das Mädchen zärtlich auf die
Stirne - - -.
 

Physiologisches

     Können Negerinnen erröthen?!
     Negerinnen können erröthen. Wie kupferfarbig werden sie, gleichsam heller. Zum Beispiel wenn du ihre Hände küsst, dich wie ein Cavalier benimmst.
     Können Negerinnen erbleichen?!
     Nein, im Gegentheile. Sie - - - erdunkeln!
     Zum Beispiel, wenn du - - - dich nicht wie ein Cavalier benimmst.
     Dann - - - erdunkeln sie!
 

Klein-Ella

     «Ella, nur keine Dummheiten. Die alte Marie wird dich abholen um sieben Uhr Abends. Kann man es Herrn Peter zumuthen, dich spät Abends aus dem Thiergarten wieder zurückzubringen?! Genug, wenn er dich abholt. Wie kommt er dazu?! Nun also. Nur gescheidt sein. Ich glaube, man hat genug Zeit, sich zu amüsiren.»
     «Amüsiren, Mama?!»
     «Jawohl. Nun, eine Clavier-Lektion ist es nicht, in den Thiergarten zu gehen mit Herrn Peter zu diesen Wilden. Nur nicht übertrieben sein, verstehst du?! Du weisst, dass ich Alles gerne gestatte, was - - -. Ella - -! Ella - -?! Was ist denn? Du bist wirklich schon eine Hysterische. Nein du bist zu dumm. Mein Engel. No, no, no - - -. Siehst du, war das nothwendig? Ich werde gleich ganz verbieten - - -. Da hast du mein Taschentuch. Du Dumme. Wie alt bist du, sage?! Hm?! Geh', mein Schatzerl, sei doch nicht so.»
     «Oh Mama - - -. Kein Amüsement ist es. In ein anderes Leben führt Er mich in diesem Thiergarten. Alles ist wundervoll. Niemand kann wissen, wieso!? «Wie Forellen in ihrem Bache sind wir da unten» hat einmal Herr Peter von uns gesagt, von sich und von mir, Mama.»
     «Schon gut, mein Kind. Wenn der Papa aber das Alles wüsste?! In der Nacht wirst du dich wieder herumwälzen. Und in der Früh schlecht aussehen.»
     «Oh Mama. Auf dem Wege sagte Herr Peter zu mir: «Mit Ihnen ist man wie mit sich selbst. Man braucht da Nichts zu lügen.» Verstehst du das, Mama?!»
     «Nun, was heisst es?!»
     «Was es heisst, weiss ich nicht. Ich fühle es!»
     «Siehst du, das sind ungesunde Sachen. Nun, ich habe es dir versprochen und halte es. Wasche dich, gleich wird Er anläuten.»
     «Mama, ich möchte zu Hause bleiben -.»
     «Warum?!»
     «Ich möchte so gerne zu Hause bleiben!»
     «Nun, siehst du, ganz verdreht bist du schon. Wie Er. Gehe mein Kind, geh' ziehe dich an, wasche dich, nimm die hellgrüne Sammt-Mütze. Rasch, mache dich fertig. Ärgere mich nicht. Jetzt habe ich es auch schon der alten Marie gesagt, dass sie dich um sieben Uhr aus dem Thiergarten abholen soll. Was glaubst du eigentlich?! Einmal hin, einmal her?!»
     «Mama, ich möchte zu Hause bleiben -.»
     «Mache mich nicht böse, Ella.»
     - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
     Herr Peter läutet unten im Stiegenhause bei dem Haustelegraphen.
     Durch das Sprachrohr: «Ella soll gleich herunterkommen.»
     «Herr Doktor, Ella ist ein bischen unwohl. Sie kann leider nicht mitkommen in den Thiergarten. Ich danke vielmals für ihre Güte.»
     «Oh - -. Kann ich Ella sprechen?! - - - - -. Ella, kommen Sie denn nicht mit in das Feenreich?!»
     «Nein, Herr Doktor, ich kann nicht mit in das Feenreich.»
     «Adieu.»
     «Adieu, Herr Doktor, oh, Herr Doktor -.»
     Man hört nichts mehr.
 

Prinzessin in Grün

     Geschenke an Nah-Badûh von Sir Peter:
     4 Schnüre mattgrüner Perlen, ashinooh.
     8 Schnüre dunkelgrüner undurchsichtiger Perlen für einen Hüftengürtel, hlénì, mit einem dunkelgrünen seidenen Tüchlein, boè, Jungfrauen-Schutz, welches an dem Perlengürtel befestigt und zwischen den Beinen durchgezogen wird.
     Weisse Schuhe, aspati, mit grüner Seide gefüttert.
     Weisses Flanell-Leibchen, kabashirt, mit grüner Seide ausgenäht.
     4 Duku (Kopftuch) aus grüner Seide.
     Pagne (Überwurf, Toga), 4 Meter, aus grüner Seide mit weisser Stickerei.
 

Paprika-Schoten

     «Herr - - -» sagte der Goldschmied Nôthëi, «wo ist der Paprika welchen du versprochen hast, mir zu bringen?!»
     «Vergessen, Nôthëi - - -.»
     «Vergessen?! Es wird dir nicht angenehm gewesen sein, denselben zu besorgen -!? Nah-Badûh hat heute nichts zu Mittag gegessen - - -.»
     «Warum?!»
     «So - - -. Übrigens, es war kein Paprika in der Suppe. Black-men essen Nichts ohne Gewürze. So hat sie Alles stehen gelassen. Oh, Herr, morgen wirst du nicht sagen: «ich habe vergessen» -!»
 

L'homme médiocre

     «Ich bitte Sie, wie steht es mit diesen schwarzen jungen
Mädchen?! - - - Ja?!»
     «Nein.»
     «Oh. Sie sind gentleman; Sie verrathen nichts.»
     «Ich habe nichts zu verrathen.»
     «Nun, und Geld nehmen sie an?!»
     «Ja.»
     «Und seidene Tücher?!
     «Ja.»
     «Und was dann?!»
     «Dann Nichts.»
     «Warum beschenkt man sie?!»
     «Weil sie schön und sanft sind. Königliche Geschenke machen sie uns daher, wir danken wie Bettler.»
     «Wie steht es mit den jungen Männern?! Acht Monate sind sie fort. Was thuen sie in Bezug - - -?!»
     «Sie arbeiten, sie tanzen, sie singen -.»
     «Aber sie sind doch so stark?!»
     «Eben deshalb. Nur der schwache Mensch hat unentrinnbare Bedürfnisse. Der Starke hat Accomodations-Kräfte!»
     «Also die Mädchen sind unnahbar?!»
     «Im Gegentheile.»
     «Unter welchen Bedingungen?!»
     «Unter den Bedingungen der Liebe?!»
     «Ich hörte aber, man könne junge schwarze Mädchen kaufen?!»
     «Jawohl. Wenn sie dich liebt. Man sagt zu der Mutter: «Mama, ich liebe deine Tochter und deine Tochter liebt mich.» «Da wirst du mir 300 Schilling geben müssen in Silber» antwortet die Mutter.
     «Wie lange kann man das Mädchen behalten?!»
     «Solange die Liebe dauert, ein halbes Jahr, ein Jahr, zwei Jahre, ewig.»
     «Und wenn man sie entlässt?!»
     «Dann ist sie wie eine Jungfrau. Jeder schwarze Mann heirathet sie. Worin hat sie sich verändert?! Aus Liebe giebt es nur eine unbefleckte Empfängnis
     Pause.
     «Nah-Badûh - -! Nah-Badûh, bāä (komme her)! Dieser fremde Herr beauftragt mich, dir von ihm diese 10 Kronen zu geben.»
     «Oh, Sir - - -?!»
 

Der Automat

     «Herr - - -» sagte der junge Neger Mensah «hier im Garten befindet sich eine Zaubersache (a mistery). Man wirft zwei Káple (Kreuzer) hinein und du erfährst dein Leben.»
     «Jawohl» sagte Peter A.
     «Sir, es ist eine ganz verrückte Sache: Im oberen Dorfe befindet sich eine junge Negerin, welche ich liebe. Und sie hat einen Gatten.»
     «Liebt sie denselben?!»
     «Nein.»
     «Wieso weisst du es?!»
     «Sie hat zu traurige Augen.»
     «Komme - - -.»
     Der Herr ging mit dem Neger zu dem Wahrsage- Automaten, welcher ganz roth lackirt war und eine Scheibe hatte mit einem Zeiger. Dort wo der Zeiger stehen blieb, war das Schicksal.
     Der Neger warf zwei Káple hinein.
     Der Zeiger drehte sich.
     Er blieb stehen auf den Worten: «Du wirst eine Reise machen und viel Geld unverhofft verdienen.»
     «Nun - -?!» sagte der Neger.
     «Du wirst geliebt» sagte Peter A.
«Herr» sagte am nächsten Tage der Neger zu Peter A., «kann man es wissen?! Es befindet sich noch eine solche Zaubersache im Garten. Wenn diese dasselbe sagt - - -!?»
     «Zeige mir vorher Méja, deine geliebte Freundin.»
     Er führte den Herren hin.
     Méja sass auf dem Tanzplatze. Ihr Gatte trat zu ihr, nahm sein Pagne ab aus graugrüner Wolle, legte es um ihre zarten Schultern, weil der Abendwind sich zu erheben anfing in dem Garten.
     Unbeweglich blieb sie.
     «Komme - - -» sagte der Herr zu dem Neger.
     Der blaulackirte Automat funktionirte pünktlich.
     Der Zeiger blieb stehen.
     «Nun - -?!» sagte Mensah.
     «Du stehst vor einem grossen Missgeschicke. Noch ist es Zeit. Besinne dich!» sagte der Herr, während der Automat auf Glück und Liebe zeigte.
     Mensah versank in tiefes Nachsinnen -.
     «Thank you, Sir.»
     Pause.
     Dann sagte Mensah: «Und sie hat dennoch zu traurige Augen - - -.»
     Der Herr aber dachte: «Er hat ihr zärtlich seinen Schal herumgegeben, als der Abendwind sich zu erheben anfing - - -!»
 

Ehebruch

     «Und welche Folgen hat bei Euch der Ehebruch, Samson Adukuè?!?»
     «Wie meinst Du es, Herr?!?»
     «Nun, prügelt er sie, schickt er sie zurück zu den Eltern, tödtet er sie sogar?!?»
     «Weshalb sollte er solches unternehmen, Herr?!? Er hat sie ja geheiratet, weil er sie lieb hat!?»
     «Nun, irgend welche Folgen muss es dennoch nach sich ziehen?!?»
     «Oh ja, Herr, schreckliche Folgen. Bis dahin hat er die grosse Liebe zu ihr gehabt, von da an hat er nur mehr die kleine Liebe
 

Prügel

     «Prügel sind gut, oh Herr» sagte die eben von ihrem Gatten geprügelte junge Negerin Dédé zu P.A. «Wie tshofán ist es (Medizin)! Der, der prügelt, wird von seiner Wuth geheilt und der Andere von seinem «bösen Gewissen!»
 

Mitgift

     «Wie ist es bei Euch mit der Mitgift, Samson Adukuè!!?»
     «Der Mann, der ein Mädchen heirathen möchte, oh Herr, bezahlt natürlich den Eltern einen Preis, um das Mädchen zu bekommen!»
     «Natürlich!!»
 

Erbfolge

     «Wer ist bei Euch Universal-Erbe?!!»
     «Der älteste Sohn der Schwester des Verstorbenen natürlich!»
     «Wie?!? Der Neffe? Ja, weshalb denn nicht der eigene Sohn?!?»
     «Der eigene Sohn?! Wie käme denn der dazu?! Der Sohn der Schwester ist doch der einzig sichere Bluts- Verwandte! Der Sohn meiner Schwester, von wem immer sie ihn auch habe, von einem Gatten oder einem Ehebrecher, kann immer nur mein Blut, mein Schwester-Sohn sein! Jedoch mein eigener Sohn?!? Oh Herr!?»
 

Philosophie

     Besucher des Aschanti-Dorfes schlagen Abends an die Holzwände der Hütten, zum Spasse.
     Der Goldschmied Nôthëi: «Sir, wenn Ihr zu Uns nach Akkra kämet als Ausstellungsobjekte (exhibited), würden wir nicht des Abends an eure Hütten klopfen!»
 

Ritterlichkeit

     «Herr - - -» sagte der Häuptling Bôdjé zu P.A., «komme in meine Hütte.» - - - - - - -. «Sit down». - - - - - - -. «Ich habe heute Nachmittags Nah-Badûh geschlagen. Ich schlug sie mit diesem Ochsenziemer. Verstehst du mich?!»
     «I understand - - -.»
     «I am the chief of my people» (Ich bin das Haupt meines Volkes). Ich liebe es nicht, Nah-Badûh zu schlagen. Of course. Wenn alle Mädchen zu dem Tam-Tam (Tanz und Gesang) jedoch sich begeben, sitzt sie in ihrer Hütte und macht gar nichts. Sie ist weder krank noch müde. Ganz verrückt sitzt sie in ihrem Hause und macht gar nichts. I am the chief of my people! Ich fragte sie, warum sie täglich dasselbe thue, dazusitzen und gar nichts zu thun. Ich fragte und fragte. Dann schlug ich sie mit meinem Ochsenziemer. Wenn alle Mädchen in den Hütten sitzen würden und vor sich hin träumen, nicht?! Wofür zahlen die weissen Menschen?! Es ist unsere Pflicht. Ich liebe es nicht, Nah-Badûh zu schlagen. Ich wollte dir das nur sagen, damit du es wissest. Was hast du denn, Herr - -?!»
     «Nichts, Bôdjé - - -.»
     «Nun, Herr, ich werde sie von nun an träumen lassen in ihrer
Hütte - - -.»
 

Mütterlichkeit

     «Oh Herr» sagte das junge vollständig abgehärmte Negerweib zu P.A., «nimm doch von meiner kleinen Akolé, Akòshia, Mensah, Shômé, die süsse Schönheit weg, die ich Ihnen verliehen habe, thue das Alles wieder zusammen, und Du könntest auch mich so bewundern wie Deine göttliche Nāh-Badûh, die noch nichts gespendet hat!
 

Palawer
(Rath der Männer)

     Abend. Die Sterne funkeln. In Frieden liegt das Dorf.
     Vor der Hütte des Goldschmiedes sitzen auf Bambus-Schemeln Nôthéi, Adû, Kwakû, Bôdjé.
     Ganz versunken sitzen sie, in männlicher Bedenklichkeit.
     Bôdjé: «Wisse Nôthéi! Ich vermuthe, wir schenken Tíoko dem weissen Manne, welcher hier unser gütiger Herr war, dem Direktor dieses Gartens. Können wir es anders thun?! Ich vermuthe, dass wir so handeln werden.»
     Tiefe Stille.
     Adû: «Bôdjé! Ich vermuthe ebenfalls, dass wir so thun werden.»
     Tiefe Stille.
     Bôdjé: «Rufet Tíoko!»
     «Tíoko, bāä - - -!»
     Bôdjé: «Tíoko, der Palawer hat beschlossen, dich dem Herrn dieses Gartens zum Abschiede zum Geschenke zu machen. Er war stets gütig gegen uns. We are black-men, of course. Willst du bei ihm zurückbleiben?!»
     «Ich will in Vienna zurückbleiben - -.»
     «Bei dem gütigen Herren dieses Gartens?!»
     Tiefe Stille.
     Tíoko: «Bei dem Herren dieses Gartens also - -. Weiss aber Sir Peter davon?!»
     Bôdjé: «Was kümmert es Diesen?! Der Palawer hat beschlossen. Go!»
     - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
     Der Thiergarten-Direktor: «Meine Herren, meine Damen! Sie werden staunen. Heute Vormittags schenkte mir der «Rath der Männer» Tíoko als Ehrengabe!»
     «Hohohoho - -. Werden Sie dieselbe behalten?! Ja, Sie müssen es. Das wird etwas Romantisches sein. Wie ein Kapitel aus Victor Hugo oder Dumas in unserem Kasernen-Leben!»
     Der Direktor schweigt.
     Dann sagt er: «Nichts Romantisches würde es sein. Die Welt ist leer. Eine vervehmte Magd würde sie bald bei uns. Ich habe diese schwarzen Menschen dennoch sehr lieb gewonnen. Gegen mich selbst. Als ich Tíoko refüsirte, waren Alle wie versteinert, tief beschämt. Zu weinen hätten sie gewünscht. Ich küsste Tíoko. Da sagte Bôdjé: «Herr, wenn du also Tíoko nicht annehmen willst, weil dir dieselbe nicht gefallen dürfte, selbstverständlich, so erlaube mir dir diese gute Vogel-Flinte zum Andenken zu geben. Sogar den Reiher-Milán habe ich damit geschossen.»»
     «Und was that Tíoko?!» fragten die Damen.
     «Diese stand da, kerzengerade und betrachtete es, wie man sie durch eine Vogelflinte ersetzte. Und wissen Sie, meine Herrschaften, was Herr Peter zu mir sagte, als er davon erfuhr?!»
     «Gewiss eine grässliche Verrücktheit.»
     «Jawohl. Er sagte: «Sie hätten sie bei sich behalten sollen. Sie wären gut mit ihr ausgekommen.»»
     «Was meinte er?!»
     «Ich weiss es nicht. Aber ich glaube es selbst, dass ich gut mit ihr ausgekommen wäre.»
     Alle schwiegen, wie verlegen.
     Dann sagte Fräulein Hansi H.: «Herr Direktor, bitte, rufen Sie Tíoko an unseren Tisch.»
     «Wozu?!»
     «Ich möchte sie auf ihre Stirne küssen -.»
 

Der Tag des Abschiedes

     Māmā of Tíoko: «Herr, komme in unsere Hütte - - -.» - - - - «Wir geben dir als Dash (Geschenk) diesen kleinen afrikanischen Holzschemel, auf welchem unsere Tochter Tíoko in letzter Zeit zu sitzen liebte und zu weinen. Wir schenken es dir in Erinnerung daran, dass du unsere Tochter doch einst sehr geliebt hast - - -.»
     Nah-Badûh: «Poor?» (Bist du arm?)
     «Ja.»
     «No Afrika?» (Kannst du nicht mit nach Afrika?)
     «Nein.»
     Schweigen.
     «O hā mi Dash-Goodbye?!» (Welches Geschenk wirst du mir zum Abschiede geben?!)
     «Pagne, green silk and white» (Überwurf, grünes und weisses Seidengewebe).
     «Good (es ist gut), jard eba (6 Meter).»
     «Jard eba.»
     «Jard banyŏ (8 Meter).»
     «Jard banyŏ.»
     «Und etwas Geld könntest du mir auf die Reise mitgeben (Shika, Shika Goodbye).»
     «Ich werde dir 30 Shilling mitgeben. Oh Nah-Badûh - -.»
     «Poor ... no Afrika! Rich ... Afrika!» (Du gehst nicht mit mir nach Afrika, weil du arm bist. Wenn du reich wärest, gingest du mit mir!)
     Wie eine Königin des Lebens stand sie da in ihrer braunen nackten Schönheit: «Wenn du reich wärest, gingest du mit, bis nach Afrika!»
     Davon leben die Königinnen! Vom Siege!! Vom Hauch des Sieges!!
     Er ginge mit! Er ginge mit mir bis Afrika!
 

Ihre Adresse

     Nah-Badûh
     Christiansborg
     Goldcoost, Accrá
     King's street, Lômô-house
     West-Coost, Afrika.
 

Spätherbst-Abend

     «Herr Direktor - - -» sagte der Wächter des «Thiergarten», «heute Abend war ein Herr da, welcher sich nach Ihnen erkundigte. Dann ist er in eine der leeren Hütten im oberen Dorfe getreten. Nach einer Viertelstunde ist er herausgekommen und ist langsam weggegangen aus dem Garten.»
     «Schon gut, Joseph. Übrigens, die Hütten werden morgen abgebrochen - -. Wir brauchen Platz für die Seiltänzergesellschaft und den Ballon captif.»