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B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A

 

 

 

 
Georg Heym
Die Revolution



 






 




E r s t e  S z e n e

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Konstanz. Abend.

E r s t e r  B ü r g e r
Es wird Frühling, Nachbar.

Z w e i t e r  B ü r g e r
Es war ein langer Winter.

E r s t e r  B ü r g e r
Das Eis springt auf dem See und die Berge sind im Nebel. Da wird bald der Föhn kommen und den Frühling bringen. Riecht Ihr nicht schon den Frühling in der Luft?

Z w e i t e r  B ü r g e r
Ach, wenn es doch auch in Deutschland Frühling würde.

E r s t e r  B ü r g e r
Ihr lest wohl jetzt die Seeblätter, Nachbar.

Z w e i t e r  B ü r g e r
Man muß sieh fortbilden, man muß mit der Zeit gehen. Bei der Konkurrenz wickeln sie die Wurst in die Seeblätter ein, und seitdem laufen alle Kunden zu ihr. Mit dem hinkenden Landboten und dem Roman von der schönen Genoveva fingt man keinen mehr.
Man muß die Seeblätter lesen, wenn man für einen Mann von Kopf gelten und etwas verdienen will.
Ihr habt jetzt auch reichlich Arbeit und Verdienst, man sieht's ja, wie sie bei Euch aus und ein laufen?

E r s t e r  B ü r g e r
Ja, ja es will alle Welt in blauen Kitteln und polnischen Schnürröcken herumlaufen. Da heißt es arbeiten. Polnischer Schnürrock, Herr Nachbar, Euer Rock ist schon sehr abgetragen. Vor drei Jahren habt Ihr ihn mir in Arbeit gegeben. Am Ellenbogen aus den Nähten gegangen. Alle Knopflöcher zerrissen und der Samtkragen, der schöne Samtkragen. Wie der vor drei Jahren einmal ausgesehen hat. Dazu die Rockschöße, Herr Nachbar, die Rockschöße. Ihr habt wohl Euren Hosenboden schonen wollen, daß Ihr immer auf den Rockschößen saßet. Oder Ihr habt Euch in Speck gesetzt. Das glänzt ja wie ein Spiegel. Der ganze Markt spiegelt sich in Eurem Rücken.
Pfui, Herr Nachbar, ein Mann von Reputation. Ich will Euch zu einem polnischen Schnürrock Maß nehmen. Euer polnischer Schnürrock ist etwas wert für einen liberalen Mann. Und Ihr wollt doch den Leutnantsposten in der
Bürgerwehr? Kommt zu mir auf den Abend. Dann kann ich Euch Maß nehmen.

Z w e i t e r  B ü r g e r
Ich will's überlegen Gevatter. Ich will meine Frau fragen. Man muß so etwas reiflich überdenken.

E r s t e r  B ü r g e r
Überlegt's Euch nur in Ruhe. Ich will Euch nicht drängen. Der Fleischermeister Untermann in der Seegasse will auch einen bestellen.

Z w e i t e r  B ü r g e r
Der Untermann? Ich komme auf den Abend, Herr Lechli.

E r s t e r  B ü r g e r
Auf den Abend also. Grüß Euch Gott.

Z w e i t e r  B ü r g e r
Gehabt Euch wohl. Auf den Abend.
(Ab.)

E r s t e r  B ü r g e r
Ach ein schlimmes Jahr. Ein schlimmes Jahr. Seeblätter. Bürgerwehr. Konstitution, deutsche Republik, polnische Schnürröcke. Wer hätte so etwas fruher gedacht.
Ach ein schlimmes Jahr. Man muß alle Stunde einmal nachfühlen, ob man noch seinen Kopf auf dem Leibe hat.

Zwei andere.
Sie wollen aneinander vorbei.
Da erkennen sie sich.


H e c k e r
Struve, du!

S t r u v e
Du, Hecker. Du kommst nach Konstanz? Wir dachten, du hättest die phrygische Mütze hinter den Ofen gehangen und säßest ruhig zu Karlsruhe.

H e c k e r
In zwei Tagen bin ich hierhergereist, Tag und Nacht in den Postkutschen gelegen. Über Zürich und Basel. Hinter mir ist ein Steckbrief erlassen. Und wer mich fängt:

S t r u v e
Der hängt dich. Aber du wirst dich nicht fangen lassen. Der Brutus, der Danton der deutschen Republik, Hecker, von einem jämmerlichen Steckbrief verfolgt. Den wollen wir morgen auf dem Marktplatz im Amtskasten aushängen lassen und dazu einen hinter den wackligen Leopold von Baden, den paralytischen Friedrich Wilhelm, den despotischen Feigling Ferdinand von Habsburg und den siebenunddreißig andern Schmeißfliegen, die sich an dem Blute teutscher Nation mästen.
O Hecker, Hecker, daß du wiederkamst.
(Pause.)

H e c k e r
Fickler ist verhaftet!

S t r u v e
Fickler verhaftet?

H e c k e r
Der schöne demokratische Mathy hat die Larve von der feilen Schranzenfratze gerissen und Fickler verhaften lassen, da er nach Konstanz wollte, um den Aufstand zu predigen.

S t r u v e
Der schurkische Mathy. Und das Vorparlament?

H e c k e r
Berät über die Unsterblichkeit der Seele, über die republikanische Damenkleidung, die Befreiung der Hausknechte, einen Nationaltempel mit freier Wohnung der Abgeordneten, es läßt sich die Haare wild wachsen, teutsche Anzüge machen und es spielt abends auf Kosten der künftigen Republik seinen Tarock und raucht seine Pfeife.

S t r u v e
Es wird Zeit, Hecker.

H e c k e r
Es wird Zeit, Struve. Sonst spannen sie die deutsche Freiheit auf das Prokrustesbett.

S t r u v e
Setzen sie unter Spiritus und zeigen sie auf allen Schaubuden und Jahrmärkten als hundertköpfige Totgeburt. Und die siebenunddreißig schwachköpfigen Kronen- und Kurhutträger tanzen vor ihrem Leichnam wie weiland David vor der Bundeslade.
Hecker, verlaß die Freiheit nicht. Hecker.

H e c k e r
Struve, mit meinem Leben verlasse ich sie nicht. Wo sind die andern? Wo sind Willig, Bruche, Möglich. Wo sind Sigel und der alte Weishaar?

S t r u v e
Sie revolutionieren das Land. Ich habe sie ausgeschickt, wie Christus seine Jünger aussandte. Auf den Abend sind sie zurück. Wir halten Rat. Du wirst ihm präsidieren?

H e c k e r
Ich werde bei euch sein.
(Ab.)

S t r u v e
(allein.).
Das gute Kind Hecker. Der hübsche Junge. Wie er sich schon auf den hohen Stuhl der deutschen Republik träumt. Ärgerlich, daß ihm das Volk nachläuft, daß es immer einen Abgott haben muß. Frauen und Volk, sie haben keinen Sinn für das Ewig-Abstrakte. Sie können einer Sache nicht zujubeln, wenn sie ihre Apostel nicht lieben.
Ich muß mir aus ihm eine Krücke schnitzen, ich muß auf seinem breiten Rücken in die Höhe klettern.
Er soll der Riese Christophoros sein, der das Heil der Welt durch die Fluten trägt, heißt, mit dem Unterschied, daß er nie das rettende Ufer sehen soll. Er soll Theseus sein und den Kampf mit dem Minotaurus wagen, ich bin die Schere,
die den Ariadnefaden hinter ihm durchbeißt.
(Ab.)
 
 
 
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