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B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A

 

 

 

 
Georg Heym
Die Revolution



 






 




Z w e i t e  S z e n e

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Abend. Eine Wirtsstube.

M ö g l i c h
Wie es draußen stürmt und wettert, Mariechen. Wie die Wolken über den See kommen. Das wilde Heer der Märznacht. Welche Traurigkeit liegt in den Wolken. Als Kind wollte ich immer mit ihnen spielen, sie fangen. Aber sie kamen nie zu mir, sie blieben immer fern, meine Mutter tröstete mich mit meinem Lämmchen, nun tröstet mich niemand mehr über ihre Traurigkeit. Ich habe einen Hirten gekannt, der ist nun schon lange tot. Wenn er auf der Bergweide lag und auf seiner Flöte spielte, dann kamen alle Wolken am Himmel herbei, sie setzten sich auf die kahlen Bergkegel in der Runde und hörten seinem Liede zu.
Die kleinen weißenn Wolkenkinder flogen immer um seinen Kopf. In seiner Flöte wohnten alle Toten, die der Blitz auf der Heide erschlug und die im See in der Herbstnacht ertrunken waren. Ach es war ein trauriges Lied. Und wenn es aufhörte, dann fingen alle Wolken an zu weinen und es regnete Tag und Nacht. Sind sie nicht schön, wenn der Sturm sie über den See führt und sie tief in die Wogen hängen. Gleichen sie nicht den Segeln der spanischen Flotte, da Columbus nach dem unbekannten Land fuhr. Sind sie nicht die Freiheit? Wenn ich ein König wäre, ich wollte einmal hoch oben in den Bergen eine große Harfe mit silbernen Saiten spannen lassen, daß die Wolken und die Winde mit ihr spielten, und man nicht wüßte, woher das Lied käme, das große Lied von der Freiheit. O Thekla, wie dich meine Seele liebt!

M a r i e c h e n
Thekla? Welche Thekla. Also es ist doch wahr, daß du mit des Gumperts Thekla gegangen bist.

M ö g l i c h
Sei ruhig, Mariechen. Ich parodiere den Max Piccolomini, das ist eine Rolle, die mir auf den Hals geschrieben ist.
Ich übe mich im Posieren, denn wenn ich bei der Revolution nichts ernte, werde ich Schauspieler.
Wir wollen sehen, welches Geschäft mehr einbringt. Du kommst die Nacht wieder zu mir?

M a r i e c h e n
Nein! Wo denkst du hin? Mein guter Ruf. Es ist schon so viel herum. Vor meiner Tür haben sie Heckerling gestreut. Und das läßt sich ein anständiges Mädchen nicht bieten. Mein guter Ruf, du bedenkst meinen guten Ruf nicht.

M ö g l i c h
Deine Beine sind eine reizende Schere. Wie es meinen Lenden guttut, wenn deine Schenkel sie zwicken.
Deine amüsanten Waden sind viel mehr wert, als dein langweiliger guter Ruf. Hole der Teufel den guten Ruf. Behüte mich Gott vor meinem guten Ruf. Wollte ich mich immer nach meinem guten Ruf umsehen, ich müßte immer mit verdrehtem Kopf laufen, ich wäre immer im Schatten und käme nie in die Sonne.
Der gute Ruf verträgt sich nicht mit der Freiheit. Ein Spießbürger, der sich jeden Morgen seinen guten Ruf besieht, ob er nicht fadenscheinig geworden ist und gewendet werden muß.

(Schritte.)

M a r i e c h e n
Der Vater kommt.

M ö g l i c h
Um Mitternacht sehe ich dich.

M a r i e c h e n
Ich weiß es noch nicht.
(Ab.)

M ö g l i c h
Sie weiß es noch nicht. Dabei brennt sie vor Begierde. Sie kann nicht schlafen, bis es Mittemacht ist. Ach du, ich möchte von dir los, und ich muß immer wieder zu dir. Ich bin nicht dazu gemacht, allein zu schlafen.
Es gab einmal einen Frühlingsabend, einen Abend im Mai mit Mondschein und den Nachtigallen im Tal. Am Rande des Bergwaldes stand eine alte Buche, an ihrem Stamm saßen zwei Menschen, zwei Kinder und waren glücklich. Welch ein Rausch war das, Johanna, wo magst du sein, Johanna. Götter, ihr habt einen Fehler begangen. Was wäre aus mir geworden, hättet ihr mich nicht zerstört.

S t r u v e
Ein Landpastor, ein Dorfschulmeister. Achtzig Jahre gelebt und in die Grube gefahren. Ein Leichenstein, hier ruht in Gott Thomas Möglich, geboren, gelebt, gestorben und von den Würmern gefressen, der steht dreißig Jahre, dann wirft ihn der Wind um.

M ö g l i c h
Struve, ich sollte es dir heimzahlen, daß du mich belauscht hast. Es ist schändlich von dir, den Horcher zu spielen. Aber ich will mir keine Mühe darum geben. Fahre fort, Schamgefühl, du bist der letzte unreine Geist, der noch in mir steckt, du bist das einzige Gewicht, das mich aus den olympischen Höhen der Vernunft noch auf diese gemeine Erde hinunterzieht. Satan, so sollst du mich auch ganz haben. Ich will wahrhaftig nicht lau sein, denn die Lauen wird der Herr ausspein aus seinem Munde. Was soll man tun, Struve, wenn man rührselig wird. Hast du keine Medizin gegen die Rührseligkeit. Sie muß in der Jahreszeit liegen, im Frühling werde ich immer schwermütig.

S t r u v e
Es ist eine Modekrankheit. Die ästhetischen Damencafés haben sie ins Land gebracht. Komm her, ich will dich unter Quarantäne stellen, ich will dich desinfizieren. Ich will dir Teil geben an meinem Feuergeist.

M ö g l i c h
Ich habe diesen Morgen geschworen, ich trinke keinen Branntwein mehr, ich entsage dem Rum, ich habe es bei meiner Seele geschworen, ich sehe kein Glas Branntwein mehr an. Ich werde also mit geschlossenen Augen trinken.
 
 
 
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