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B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A

 

 

 

 
Georg Heym
Die Revolution



 






 




D r i t t e  S z e n e

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Dieselbe Stube.
Sigel. Weishaar. Bruche. Willig.
Struve. Möglich. Peter.
Dann Hecker.


M ö g l i c h
(singt.)
Zu Konstanz auf der Brücken
Da stehen zwei und fiedeln
Da stehen zwei und fiedeln
Die ganze Nacht hindurch.

S i g e l
(zu Weishaar.)
Fickler ist verhaftet. Das ist ein furchtbarer Schlag für die Freiheit. Damit ist das Unterland dem Aufstand verloren.

W e i s h a a r
Aber Hecker ist uns zurückgewonnen. Wir haben einen Bannerträger für die gute Sache, um den sich jetzt das Volk
sammeln wird.
Struves Gesicht ist seit Heckers Ankunft noch gelber geworden. Er wünschte ihn wahrhaftig zu allen Teufeln. Sieh ihn nur an, wie er mit den zusammengebissenen Lippen über seinen Plänen brütet.
Es ist schlimm, daß wir mit Struve, Möglich und solchem Gelichter zusammengehen müssen.

S i g e l
Ein guter Feldherr braucht alles, was ihm zuläuft. Robespierre gebrauchte Danton, solange er seines Schutzes bedurfte. Als er allein stark genug war, jagte er ihn auf die Guillotine. Wir werden Struve eine Zeitlang brauchen, bis wir ihn unter die Kugeln der badischen Grenadiere jagen können.

W e i s h a a r
Es ist nicht gut, eine große Sache mit schlechten Waffen verteidigen.

S i g e l
Es ist gut, jemanden zu haben, der einen Fehlschlag vor den Augen der Nachwelt erklärlich macht.

W e i s h a a r
Du glaubst an kein Gelingen?

S i g e l
Ich will niemandem seine Zuversicht rauben.

* * *

H e c k e r
(auf einem Tisch.)
Täuschen wir uns nicht. Wir sind am Ende der Dinge. Das Arsenal der gesetzlichen Waffen ist ausgeräumt. Bahnten seine Schwerter uns nicht den Weg in die Freiheit, so laßt uns die roten Brandfackeln des Aufruhrs von ihrem Altar reißen. Als wir auf gesetzlichem Wege, im Sonntagsrock des Spießbürgers vor die Tyrannen Germanias traten, und so demütig um etwas Freiheit baten, um etwas Menschlichkeit, da war ein Hohnlachen ihre Antwort. Vielleicht lernt ihre Grimassc noch einmal das Zittern, wenn sie vom Fenster ihrer Paläste statt der gewohnten Bücklinge und der devotest heruntergerissenen Hüte das tausendstimmige Schreien der Not und des blutigen Aufstandes hören, wenn sie die aufgerissenen Straßen, die drohenden Barrikaden sehen müssen und ihre Soldaten, unsere Brüder, in unseren Reihen. Ihre Kronen werden auf ihrem wackligen Kahlkopf herumtanzen, wie ein Brummkreisel, wenn sie vom flammenden Horizont das Wimmern der Sturmglocken aus allen Kirchtürmen hören. Barrikaden. Barrikaden. Welch ein Wort. Welch einen Sturm der Begeisterung facht es an. Wenn das Volk auf sie die Banner der Freiheit pflanzt und sich um sie schart, sie zu verteidigen mit Blut und Gut und Leben. O. Freiheit. Freiheit.

S t r u v e
Friedrich Hecker. Du hast eine gute Lunge. Man muß dich beruhigen, sonst läuft das Volk zusammen und Konstanz würde es dir nie verzeihen, wenn du es aus seinem ruhigen Schlaf störtest.
Du wolltest uns einen Bericht geben, Bürger Hecker, und du hältst uns die Rede, die wir morgen auf dem Markt von
dir erwarteten.
Wir müssen in Ruhe überdenken, was Deutschland von uns zu hoffen hat. Dürfen wir es wagen, den Aufstand zu
predigen.

S i g e l
Daß deiner Brust Begeisterung fremd ist, Struve, wußten wir. Aber auch die Mönchskutte kannst du beiseite lassen.
Wer könnte mehr gewinnen bei einem Aufstande wie du. Weiß doch ein jeder, daß um deinen Kopf die Steckbriefe wie die Raben fliegen. Ein Löffeldiebstahl macht noch keinen Freiheitshelden. Dir steht das Gcwand des Grenadiers schlecht zu Gesicht.

W e i s h a a r
Keinen Zank weiter.

* * *

W i l l i g
Was für eine Lust ist das, eine Revolution zu machen. Was für eine Freude. Man fühlt sich wie neugeboren. Das ist wahrhaftig ein anderes Vergnügen, als wenn man sich sonst im März auf seinen neuen Sommerrock freute.
Man liebäugelt mit allen Galgen. Man unterhält sich mit den Krähen und Raben auf den kahlen Landstraßen und weist einem jeden eine Provinz in seinem Leibe zu. Man weiß nicht, von was leben, und ob man morgcen noch frei sein wird.
Ich habe den ganzen Winter in den Wirtsstuben gelegen, mich faul auf den Bänken geräkelt. Ich war wie ein Maulwurf, der vor Langeweile in seinen Winterschlaf gefallen ist.
Und jetzt, Gefahr an jedem Morgen, man weiß nicht kommt man noch heil zu Bette. Ich träume jede Nacht von Napoleon. Bin ich noch derselbe Willig, der ich im Jänner war. Ich war ein Schuljunge, der den Lackel fürchtet. Und jetzt bin ich ein Mann und das danke ich dir, Bruder Hecker.
Bis nach Stockach hinauf warten sie auf uns. Sie warten auf das Fanal, das ihnen den Aufstand bringen soll.
In allen Wirtshäusern haben sie mir zugejubelt, wenn ich ihnen aus den Seeblättern vorlas. Alle Schubläden und Schränke haben sie leer gemacht für die Beute. Keiner will mehr arbeiten. Sie üben sich jeden Morgen mit ihren Sensen am Türpfosten. Noch einmal, es ist eine Lust und Freude, eine Revolution zu machen, an die reicht keine andere.
 
 
 
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