BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Schubartgymnasium Aalen

gegründet 1912

 

Aus den Zeiten der Lateinschule

 

Oberstudienrat Herbert Plickert:

Aus der Geschichte unserer Schule

(bis 1914)

 

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Die Lateinschule holt auf

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Als Aalen im Jahre 1803 dem württembergischen Staat einge­gliedert wurde, blieb die alte einklassige Lateinschule weiter bestehen, während in manchen Städten vergleichbarer Größe die Lateinschulen eingingen. Wenn sie sich im allgemeinen behaupten konnten, so mochte das an der Stärke der örtlichen Überlieferung liegen oder auch daran, daß die erstrebte Vorbereitung auf das württembergische „Land­examen“ möglichst am Heimatort der Schüler und nicht auswärts durchgeführt werden sollte.

Der Umstand, daß in Aalen als Mittelpunkt eines Oberamts und in Wasseralfingen mit dem staatlichen Hüttenwerk verhältnismäßig viel Beamte wohnten, die für ihre Kinder eine akademische Bildung wünschten, brachte es wohl mit sich, daß in Aalen die Weiterexistenz der Lateinschule nie ernsthaft gefährdet war. Wenn auch in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ihre Schülerzahl stieg, so blieb sie doch deutlich hinter ihrer Konkurrentin zurück. 1897 hatte sie 3 Klassen mit 3 Lehrern und 60 Schülern gegenüber 6 Klassen mit 6 Lehrern und 168 Schülern der Realschule. Damals beschloß der Gemeinderat, die organisatorische Trennung beider Anstalten aufrecht zu erhalten.

Ein Wandel in der Stellung der Lateinschule trat ein, als ihr Leiter Professor Knodel 1904 der Stadtverwaltung den Vorschlag machte, die dreiklassige Anstalt auf 6 Klassen zu erweitern. Seine Argumente waren nicht von der Hand zu weisen: Auch die „Lateiner“ kämen in den Genuß der Vorteile des „Einjährigen“, mit fakultativem Unterricht in Griechisch könne man den Zugang zum humanistischen Gymnasium und zum evangelischen und katholischen Landexamen erleichtern. Ein entsprechender Antrag der Stadt an die Kultministerialabteilung wurde unter Hinweis auf den „gegenwärtigen Mangel an Lehramtskandi­daten“ abgelehnt.

Wieder trat die Bürgerschaft auf den Plan mit einer Petition – diesmal standen nicht weniger als 87 Namen darunter. Angesichts dieses Drängens konnte die Stuttgarter Behörde sich nicht mehr sperren. Sie genehmigte den Ausbau der Lateinschule mit 7 Klassen (einschließlich einer Vorklasse) zu einem Realprogymnasium unter Vereinigung mit der Realanstalt, deren Rektor die Gesamtleitung übertragen wurde. Seit dem 1. September 1906 hieß die neue Anstalt „Realprogymnasium und Realschule Aalen“.

In dem neuen Namen der früheren Lateinschule repräsentierte sich ein im 19. Jahrhundert entstandener Typ höherer Lehranstalten. Sie hielten am Latein als erster Fremdsprache fest, gaben aber in den oberen Klassen den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern einen breiteren Raum, als es die humanistischen Gymnasien taten. Inzwischen jedoch war eine neue Abart des Realgymnasiums entstanden: Aus der Erkenntnis, daß bei Schülern im Alter von 8 – 9 Jahren es schwer zu entscheiden ist, ob man sie den hohen Anforderungen des Lateinischen als Anfangssprache gegenüberstellen solle oder nicht, waren führende Pädagogen in Deutschland auf die Idee gekommen, Französisch als erste und Latein als zweite Fremdsprache anzusetzen. Man nannte diesen Typ der höheren Schule „Reformrealgymnasium“.