BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Germaine de Staël

1766 -1817

 

Über Deutschland

 

Erster Theil. I. Abtheilung.

 

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Fünftes Capitel.

 

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Das südliche Deutschland.

 

Es wird ziemlich allgemein anerkannt, daß die Literatur blos in Norddeutschland zu Hause sey, und daß die Bewohner des Süden sich den Genüssen des physischen Lebens dahingeben, während die nördlichen Gegenden sich dem feineren Lebensgenuß überlassen. Manche genialische Köpfe sind zwar im Süden geboren, haben sich aber im Norden ausgebildet. Nicht weit von dem Baltischen Meere findet man die schönsten Anstalten, die ausgezeichnetsten [53] Gelehrten und Schön-Geister; von Weimar bis Königsberg, von Königsberg bis Copenhagen scheint es, als sey Nebel und Frost das natürliche Element der Männer von starker und tiefer Einbildungskraft.

Kein Land bedarf so sehr der literarischen Beschäftigung als Deutschland; da die Geselligkeit in diesem Lande wenig Reiz darbietet, da es den Bewohnern größtentheils an der Grazie, an der Lebhaftigkeit fehlt, womit die Natur das wärmere Clima begabt, so folgt daraus, daß der Deutsche nur dann liebenswürdig ist, wenn er ein höherer Mensch ist, und daß er Genie haben muß, um geistreich zu seyn.

Franken, Schwaben, und, vor der Errichtung der berühmten Akademie zu München, auch Baiern, galten für schwerfällige einförmige Länder, wo es keine Künste gab, die Musik ausgenommen; wenig Literatur; eine rauhe Betonung, der die Aussprache der lateinischen Töchtersprachen ungemein schwer wurde; keine Gesellschaft; große Zusammenkünfte, die mehr einer Feierlichkeit als einem geselligen Vergnügen glichen; eine kriechende Höflichkeit gegen eine ungeglättete Aristokratie; Herzensgüte, Biedersinn in allen Classen, aber eine lächelnde Steifheit, die mit aller Zwanglosigkeit alle Würde verscheucht. Es dürfen uns also nicht die Urtheile, nicht die Spöttereien Wunder nehmen, die man sich über die deutsche Langeweile erlaubt hat. In einem Lande, wo die Gesellschaft so gar nichts, und die Natur so wenig ist, können nur die Sitze der Literatur, die gelehrten Städte, anziehend seyn.

Vielleicht würde man im südlichen Deutschland die Wissenschaften und schönen Künste mit eben so gutem Erfolge, als in Norddeutschland, getrieben haben, wenn die regierenden Fürsten sich [54] für ihren Wachsthum warm interessirt hätten. Gleichwohl bleibt es ausgemacht, daß das gemässigte Clima der Geselligkeit günstiger ist als der Poesie. Ist ein Clima weder rauh noch schön, lebt man fort, ohne von Luft und Himmel etwas zu hoffen oder zu fürchten zu haben, so schränkt man gewöhnlich seine Beschäftigungen auf die positiven Rücksichten der Existenz ein. Soll die Einbildungskraft lebhaft erschüttert werden, so muß es durch die Reize des Süden, oder durch die Strenge des Norden geschehen. Die Macht der Schöpfung ist gleich groß über uns, wir mögen gegen die Natur ankämpfen, oder uns in ihren Gaben berauschen; beides erweckt in uns den Sinn für die schönen Künste, oder das innere Treiben der Seelengeheimnisse.

Das südliche Deutschland, in jeder Hinsicht gemäßigt, schleicht im eintönigen Wohlseyn dahin, und verbleibt in diesem Zustande, dem nachtheiligsten für die Thätigkeit im Handeln wie im Denken. Der lebhafteste Wunsch der Bewohner dieser ruhigen fruchtbaren Länderstrecke besteht darin, so fortzuleben, wie sie leben; und wozu führt dieser Wunsch, wenn er der einzige ist? Er reicht nicht einmal hin, dasjenige zu behalten, womit man sich begnügt.