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Konrad von Würzburg
Sprüche
 


 






 




S p r ü c h e


32.1

Got herre, waz du wunders an dir selben hâst geschicket!
wie gar dîn frône almehtekeit mit creften ist verzwicket,
diu sich hat verstricket
sêr in der êwekeite dîn!
5
drivalt inein gedrungen unde einlich indriu geflohten
bist dû: der stric hât allen sin werlichen übervohten;
nie gedanke mohten
gebrechen in die bünde sîn.
sunder ende und âne ursprinc was ie dîn lebende majestât,
10
diu sich undermischet hât
mit drîn persônen vaste
und ein got ist ân underscheit bî drîer bilde laste;
sich flaht an ir ein drîvalt rîs ie zeime ganzen aste,
der mit sîme glaste
15
gît endelôser wunne schîn.


32.3

Got wil zejungest sînen tôt verwîzen uns vil armen,
dur daz wir in der helle müezen êweclîche erwarmen:
daz lâ dich erbarmen,
erwelte muoter ûzerkorn!
5
sîn rôtes bluot er uns ze schaden vor gerihte enblœzet:
des lâ von dîner brüste werden blanke milch geflœzet!
hei wie daz verstœzet
von uns dâ sînen grimmen zorn!
wie mac ungenâde uns iemer von dîm edelen sun geschehen,
10
sô dun lâst dîn brüstel sehen,
und er dich sîne wunden?
er wart versêret und du swanger durch der menschen funden:
der liebe urkünde sol uns dort von leide tuon enbunden,
sô daz zallen stunden
15
iht werde an uns sîn tôt verlorn.


32.8

Ûf erde nie kein man gesach sô tougenliche clôsen,
sô wîbes herze in dem diu minne lûzet âne kôsen:
si kan mit ir lôsen
gebærde ir friunt beschâchen wol.
5
ahî wie sæleclichen der mit fröuden wirt gerîchet,
der si vil reinen winkeldiupen vâhet unde erslîchet,
diu der strâze entwîchet
dur lâge in gar ein enges hol!
ûf den si den roup muoz lân, den si verborgenlichen hilt,
10
swaz sir friunden ab gestilt,
daz si ze loche tücket,
daz wirt herwider ûz von in gehelset und gedrücket,
si giltet kus mit kusse dem si tougen hât gezücket,
swâ sich liep gesmücket
15
ze liebe, als ez von rehte sol.


32.9

Zwelf schâcher zeines türsen hûs in einem walde kâmen:
der fraz er einlif sunder wer, die schiere ein ende nâmen.
sît begunde er râmen
daz se alle würden gar verzert.
5
Dô werte sich der zwelfte und wolte alsam ein helt gebâren.
dô sprach der türse «du enmaht nu keiner wer gevâren:
dô dîn zwelve wâren,
dô soltest du dich hân gewert!»
Dir gelîchet ein geslehte daz ein herre stœren wil;
10
daz enlâze sich niht vil
besunder underzücken:
ez wer sich mit ein ander sîn, swenn erz beginne drücken.
wil ez sich einzelinge under sîne füeze smücken,
sô wirt ez in stücken
15
ze jungest gar von im verhert.


32.10

Genühtec man an sippeschefte, prüeve in dîme sinne,
wie dîn getriuwer dienest und dîn lûterlîchiu minne
friunde gnuoc gewinne,
die zuo dir in der nœte traben.
5
ein trûtgeselle ist bezzer danne vil unholder mâge;
dâvon du flîzeclichen des mit dînem dienste lâge,
der sich bî dir wâge,
sô dich die sorge al umbegraben.
ob er sî gereinet dir, sô liuter im ouch dînen sin,
10
sô das dû dich wider in
vor allem meine schûmest.
den friunt du lange suochest ê du zim den wec gerûmest,
er wirt unsanfte funden und behalten aller kûmest:
helfe dû versûmest,
15
wilt dû niht guoten friunt behaben.


32.16

Wie sol ich rîchen edeln schalc mit valschem muote erwaschen?
von kupfer scheidet man daz golt mit eines unkes aschen
hei, daz mîner taschen
vil nâhe ein pulver nie gelac,
5
dâmite ich guldîn adel schiede ûz kupferînem willen!
wê daz ein îderslange mag dur herten cokodrillen,
und daz niht gebillen
mîn zunge in arge sinne mac!
swaz ich singe ald ich gesage der valschen rîchen edeln schar,
10
des nimt si ze cleine war;
ir muot alsô vereinet
an triuwen unde an êren ist, daz si niht tugende meinet.
in korne wart ein kündic wahtel nie sô sanfte erbeinet,
als ir herze ersteinet
15
in schanden ist naht unde tac.


32.17

Des argen ôre müeze sîn verwâzen und vertüemet,
daz niht wil hœren dâ man tugentrîche liute rüemet!
swâ diu rebe sich blüemet,
dâ fliuhet daz gewürme dan.
5
des wînes blüete mag ez niht gedræhen noch gelîden:
alsô muoz êrenblôzer schalc der frumen lop vermîden:
wan der bœse nîden
wil iemer tugentrîchen man.
bernder miltekeite blüete kargen herren gar bevilt;
10
tugende spürt er sam das wilt
ein nasewîser bracke;
doch mestet sich mit ir ungerne sînes herzen backe.
des fliuhet er des milten lob als ein pantier der tracke,
der vor sînem smacke
15
sîn leben niht gefristen kan.


32.20

Der Mîssenær hât sanges hort in sînes herzen schrîne,
sîn dôn ob allen ræzen dœnen vert in êren schîne,
dâmit er bî Rîne
die singer leit in sîn getwanc.
5
in fuorten überz lebermer der wilden grîfen zwêne:
dâ lêrte in underwegen dœne singen ein syrêne:
lebte noch Elêne
von Kriechen, si seit im ir danc
durch sîn adellichez dœnen, daz dâ klinget hôhe enbor.
10
er gât an der wirde vor
smaragden und saphîren;
er dœnet vor uns allen sam diu nahtegal vor gîren
man sol ze sînem sange ûf einem messetage vîren.
«alsus kan ich lîren»,
15
sprach einer der von Ecken sanc.


32.21

Für alle fuoge ist edel sang getiuret und gehêret,
darumbe daz er sich von nihte breitet unde mêret.
elliu kunst gelêret
mac werden schône mit vernunst,
5
wan daz nieman gelernen kan red und gedœne singen;
diu beide müezen von in selben wahsen unde entspringen:
ûz dem herzen clingen
muoz ir begin von gotes gunst.
ander fuoge durfen alle râtes und geziuges wol.
10
swer si trîben rehte sol,
der muoz hân daz gerüste,
dâmite er si volende nâch der liute muotgelüste;
son darf der sanc niht helfe wan der zungen und der brüste:
sunder valsche áküste
15
gât er dâvon für alle kunst.


32.24

Mich wundert daz ich mazzes iemer willeclîche enbîze
und daz ich in der zuoversiht diu mîniu jâr verslîze,
sît des tôdes wîze
ze jungest mich ersterben wil.
5
ein wildez tier enæze es niht vor angestlichen sorgen,
ob ez erkante sînen tôt, der vor im lît verborgen;
âbent unde morgen
sô het sîn herze sorgen vil.
hungers ez vor leide erstürbe, wære im niht der wân gegeben,
10
daz ez iemer solte leben:
sus spür ich unde erkenne,
daz ich ie nâher unde nâher gein dem tôde renne;
sît ich daz weiz, warumbe fröuwe ich mich sô dicke denne?
trûren eteswenne
15
solt ich gein mînes endes zil.
 
 
 
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