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Süezkint der Jude von Trimperg
um 1280
 


 






 






Peter Wapnewski
über die Miniatur
des Süezkint
im Codex Manesse:



     [. . .] Unter den 137 Autorenbildern nach Kaiser und nach Königen, Herzögen und Fürsten, Grafen und Freiherrn, gelehrten Bürgern und schließlich den einfachen Fahrenden ein sensationeller Fall: fol 359r., das heißt, Blatt 359 Vorderseite, begegnet uns Sueskint der Jude von Trimberg. Der einzige in der Geschichte der deutschen Dichtung des Mittelalters bezeugte jüdische Autor. Und staunenswert ist, was der Miniator aus ihm - der urkundlich so wenig bezeugt ist wie die meisten der anderen Dichter - gemacht hat. Da steht er, prachtvoll gewandet, pelzgeschmückt und spezifisch gekennzeichnet durch den Judenhut, steht in stolzer Größe als Entsprechungsfigur dem geistlichen Herrn gegenüber, - und das kostbare Blattgold seines Hutes korrespondiert der goldenen Krümme des bischoflichen Stabes. Zentral zwischen ihnen zwei weitere Figuren, bisher fälschlich der Entourage des Bischofs zugeschlagen, vordergründig die eine, die andere zum Zeichen minderen Ranges zurückgesetzt.

     Die Wissenschaft hat sich schwergetan mit der Deutung des Auftritts. Sie hat an einen theologischen Disput, an einen Rezitationsakt, an eine Gerichtsszene mit zwei Hauptakteuren gedacht. Und sie hat den Vorgang auf Grund der - nicht eindeutigen - heraldischen Indizien nach Konstanz verlegt. Erst in jüngster Zeit ist hier (durch Manuela Jahrmärker) dank genauer Bestimmung von Fahne und Gestik Klarheit geschaffen worden. Und zwar lokalisiert der Illuminator die Szene in Köln - somit eines der großen Judenzentren seiner Zeit am Rhein assoziierend. Den dramatischen Inhalt des Auftritts verrät die genaue Analyse der Komposition und der Handgesten-Sprache. Drei (und nicht nur zwei) Handelnde und ihre präzisen Gebärden zeigen, in welchem Verhältnis zueinander sie stehen. Denn in jener illiteraten Epoche kam, wie vor allem die notwendigerweise bebilderten Rechtsbücher darlegen, den gestischen und bewußt überdeutlichen Darstellungen von Hand- und Armhaltung eine verbindliche Bedeutung zu. Sie waren Sinnträger, gemalte Worte, Sentenzen, Rollenzuweisungen. Ihre Bestimmung in unserem Falle zeigt: Hier klagt ein christlicher Bürger - eben der Mann in der Mitte - gegen einen Juden in einer Sache, für die der Bischof als Gerichtsherr zuständig ist (in dieser weltlichen Funktion verzichtet er auf die Mitra).

     Ein seltsames Zeugnis. Inmitten einer Welt, deren antisemitische Affekte sich furchtbar schon entladen hatten (und schon in nächster Zukunft werden sie sich zum mörderischsten Pogrom des Mittelalters steigern), stellt der Maler den Juden in den Frieden einer sich durch Recht und Gerechtigkeit ideal bestimmenden Ordnung. Und gibt ihm durch Stellung, Haltung und Kleidung den Rang der Gleichberechtigung. Gibt ihm die Ehre.

     Wahrlich ein Dokument von großem Seltenheitswert in der Geschichte der europäischen Kultur. Und das gibt diesem schlichten Bildchen die Ehre.

     (aus: ZEITmagazin 35, 1988)
 
 
 
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