Der Welsche Gast - II

by Thomasin von Zerklaere

digital ed. © Steven M. Wight ( Los Angeles, 1999)
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ed. HEINRICH RÜCKERT 
(Quedlinburg/Leipzig 1852)

Prosa Prolog -
Teil 1 - Teil 2: [2.1][2.2][2.3][2.4][2.5]  - Teil 3 - Teil 4 - Teil 5 -
Teil 6 - Teil 7 - Teil 8 - Teil 9 - Teil 10

[2.1]   Am êrsten teil hân ich geseit
daz man zuht und hüfscheit
in sîner jugent haben muoz.
Swer daz verlât, der habe ze buoz   [1710]
daz er sî an sîme alter guot;
wan swelch man daz niht entuot,
der hât sîn leben gar verlorn: 
er wær noch bezzer ungeborn.
Dirre mînen gmeinen lêre   [1715]
wil ich ervinden michels mêre
an den vürsten und an den herren:
von den schînt guot bild von verren.
Tuon ich unreht, deist mîn eine:
der vürsten sünde diust gemeine.   [1720]
Siht der geleite bœslîchen,
er wîst uns alle angestlîchen.
Ist daz houbet zaller stunt
einem manne ungesunt,
ez wirret den geliden vaste.   [1725]
Jâ dörrent ouch eins boumes aste,
ob den wurzen wirret iht.
Swaz ze vliezen geschiht
in einem phlûm, ist ez unreine,
ez wirt den bachen ouch gemeine.   [1730]
Daz selbe sagich, swelich lant
ist in eines herren hant
der dâ niht verenden kan,
vürhtent einn ieglîchen man,
und getar gerihten niht,   [1735]
daz lant ist mit eim bœsewiht
verirrt.  Ez muoz im schaden vil,
swer in dem lande belîben wil,
wande der herren trâkeit
den armen liuten dicke scheit.   [1740]
Ein herre der rihten niht getar,
der macht sîn liute tumbe gar.
Ein herre zage machen kan
küen wider sich einn lîhten man.
Ob er gebieten niht getar,   [1745]
er krenket sîn gebet gar.
Daz mer ist âne wazzer niht:
bœslîchen tuon dem bœsen geschiht.
Der walt ist ouch niht âne wilde:
ein bœser herre ân bœse bilde   [1750]
niht ze wol gesîn mac.
Wir müezen sehen durch den tac
an iu herren waz man sol
tuon.  Ist daz ir tuot wol,
wir volgen harte gern daz guot.   [1755]
Ob aver ir unrehte tuot,
wirn wizzen waz wir suln volgen,
und varn irre nahts unz an den morgen.
Tuot ir unreht, ir sît diu naht
diu uns nimt des liehtes kraft.   [1760]
Wir suln uns gar an iu schouwen:
ir sît der spiegel, wir die vrouwen.
Ist der spiegel ungelîche,
man siht sich selben wunderlîche:
man dunkt ze kurz sich od ze lanc,   [1765]
ode ze breit, ode ze kranc.
Ein herre sol schiuhen di enge,
die preit, die kürze und die lenge.
Die eng, daz er behabe daz reht,
so ist diu strâze wît und sleht.   [1770]
Ern sol der êren lâzen niht
die im von reht ze hân geschiht.
Ein herre sol schiuhen die breite,
daz er sîn maht sô beleite
daz im der vuoz niht entslîfe   [1775]
daz er iemens reht übergrîfe.
Die kürz, wan er sol niht ze hart 
gâhen in sîns willen vart.
Ein herre sol tuon minner niht
denne im von reht ze tuon geschiht.   [1780]
Die lenge ein herre schiuhen sol,
und sûm sich niht ze tuon wol.
Ein herre sol tuon nimêr
dan daz reht ze tuon ger.
Ist der spiegel lieht als er sol,   [1785]
ganz, sinwel, man siht sich wol.
Ein herre der sol vil lieht sîn,
daz er an guotem bilde erschîn.
Er sol sîn ganz an stætekeit,
daz in niht wandel lieb noch leit;   [1790]
trete ûz der tugent kreize niht,
swaz halt in der werlde geschiht.
Man sol an tugent stæte sîn,
daz was ie der rât mîn.
Ob ein herre an tugent ist   [1795]
bekumbert mit bœsem list,
den ahte ich gar in mînem muot
zeinem liehte daz man tuot
ûf hôhe: erlischetz etewenne,
ez wære baz her abe denne.   [1800]
Swelch man ein erloschen lieht
ûf ein kerzen stal gestecket hiet,
er möht sichs schamen, ob er wolde
und ob er tæte daz er solde.
Er solt ez halt werfen nider   [1805]
und stecken dar ein brinnend wider.
Ob man den bœsen herren tæte
alsam, ich hiet sîn lîhte ræte:
man sol di untugent gar verlân 
ê man die tugent werde an.   [1810]
Man sol den acker reinen wol,
swer guoten sâmen sæen sol;
sint dar inne steine und dorn,
sô wirt verdrücket lîht daz korn.
Ich wil daz man sîn arbeit   [1815]
alrêrst an die stætekeit
wende, sô gewinnt man baz
die andern tugende, wizzet daz.
Die andern tugende sint enwiht,
und ist dâ bî diu stæte niht.   [1820]
Niemen mac die stæte hân,
ern well di unstætekeit verlân.
Swer unstætekeit verlât,
die stæte er begriffen hât.
Dâ von sol diu unstætekeit   [1825]
von mir alrêst werdn geseit.
Ich hân gehôrt dick unde vil,
swer ein brükke machen wil,
daz er daz bœse breche gar
und mach daz guote danne dar:   [1830]
wir suln der unstæte brükke
genzlîchen lân ze rükke
und suln alrêste mit getæte
sîn an guoten dingen stæte.
Der unstæt der ist harte vil,   [1835]
der ich iu ein teil sagen wil.
[2.2]   Waz ist unstæte?  Herren schande,
irresal in allem lande.
Unstæte ist stæte an bœsen dingen:
niemen mac si des betwingen   [1840]
daz si an guoten dingen sî. 
Unstætekeit diu ist niht vrî.
Unstætekeit gar eigen ist
der untugende zaller vrist.
Unstæte volgt die untugent   [1845]
beidiu an alter und an jugent.
Ein ieglîch untugent hât
beidiu ir dienst und ir rât.
Unstæte gar unmüezec ist
mit allen dingen zaller vrist.   [1850]
Swaz unstæte hiute tuot,
daz dunket si niht morgen guot.
Si zimbert daz vil schiere hât
zebrochen ir unstæter rât.
Unstætekeit verkêret snelle   [1855]
daz vierekke an sinewelle.
Daz sinwel si niht verlât,
wan ez baz an vier ekken stât.
Daz ist immer ir bezzer spil
daz si muotet des si niht enwil.   [1860]
Der wandelung si nie bedrôz:
daz wênege machet si ze grôz,
daz grôze macht si aver kleine.
Nu loufet si, nu gêt si seine,
nu stîget si, nu vellt si nider,   [1865]
hiut vert si hin, morgen wider,
nu hin ze gebirg, nu hin ze mer,
hiut ist si eine, morgn mit her,
nu hin ze holz, nu in der stat:
dort und dâ ist ir mat,   [1870]
wan si ez in ir herzen treit
daz si dâ allenthalben jeit.
Von stat ze stat si varn mac, 
ave von ir herzn niht einen tac.
    Swer dem welf zem zagel bindet   [1875]
ein schelln, er loufet unde windet
sich hin und her und en weiz niut
daz er dâ treit daz er dâ vliuht.
Sam ist umb den unstæten man
der da enweiz noch enkan   [1880]
waz im werr; wizzt daz er treit
daz in von stat ze stat jeit.
Unstæte versuochet vil der spîse
der si niht enmac deheine wîse,
wan ir der mage ist erkalt   [1885]
von bœser rihte manicvalt.
Unstæte ouch ir magen hât,
deist ir gelust der schier zergât,
wan swes si smorgens lüsten mac,
daz wert nimmer durch den tac:   [1890]
ir gelust ist kalt von rihte vil.
Swer nâch mêr dinges streben wil,
der ist niht stæte an ir deheinem.
Swer stæt wil sîn, der sî an einem.
Swer an einem wil niht stæte sîn,   [1895]
ez ist uns dicke worden schîn
daz er ir driu vür einez lât:
seht, waz er erworven hât!
Swer in der werlde umb varn wil,
der gewinnt herberge vil,   [1900]
und vriuntschaft ninder deheine.
Alsô geschiht dem der gemeine
an allen dingen sîn wil,
der lât ir under wegen vil.
    Der pfaffe der vil buoche hât   [1905]
sî stæte an eim von mînem rât,
wan wil ers eins tags übersehen
gar, so mac daz niht geschehen
daz er vernem ir aller sin.
Swer von buochen wîstuomes gewin   [1910]
suochen wil, der habe vast,
swenner begrîft des sinnes ast.
Man siht niht wol durch eine tür,
ob man ze snell wil loufen vür.
Ez ist dehein sô guot getât   [1915]
daz ez iht helfe, ob manz verlât.
Swelch man hœret ein guot wort,
er sol niht hangen vor der port:
er sol dar in mit grôzer stæte,
unz er von grunde vinde ir ræte.   [1920]
Den stein der trophe dürkel macht
dicke vallent, niht mit kraft.
Der hât ein guote rede vür niht
dem si ze merken niht geschiht,
swers aver wol merken kan,   [1925]
der vindet grôze vreude dran.
    Swer niht vernimet daz er list,
der verliust dick lange vrist.
Swer ein guot wort vernemen mac,
der hât verlorn niht gar den tac.   [1930]
Der sol an guote rede vil
gedenken, swer vernemen wil.
Ich verwirf lîht hiute daz
daz mir morgn gevellet baz.
An guoten dingn man haben muoz   [1935]
vil stille der stætekeite vuoz.
Ist der vuoz dâ under wunt, 
daz gên macht in niht gesunt:
ein wîl man stille ligen muoz,
wil man dar nâch gên mit dem vuoz.   [1940]
Daz ezzen hilft dem lîbe niht
dem dâ belîben niht geschiht.
Swelher siech wil sîn gesunt,
der sol niht wandeln zaller stunt
sîn ezzen: wil er schier genesen,   [1945]
von der arzte rât sol daz wesen.
Der siech ist niht wol behuot
an dem man erzenîe versuoht.
An allen dingn sol stæte wesen:
swer von einer erzenîe genesen   [1950]
möht, der wære ein tôre gar
versuoht er ir mêr, deist wâr.
Swer gern versuoht daz er niht solde,
der vindet oft daz er niht wolde.
Swer ein dinc hât undern henden,   [1955]
er sol daz alrêste verenden
ê er sich neme ein anderz an,
daz ist reht und wol getân:
wan swer beginnet dinges vil,
der endet niht swaz er wil.   [1960]
Swer vil gedenket, krenkt den sin.
Von teiln wirt daz geteilte min.
Swer allenthalbn ist, ninder ist,
daz weiz ich wol vor langer vrist.
    Swaz ist ganz, muoz sîn eine:   [1965]
unstætekeit diu ist gemeine,
wan si allenthalben wil.
Si ist niht ganz und hât niht zil.
Si ist ze minnst in vier geteilt: 
ein teil ist liep, daz ander leit,   [1970]
daz dritte jâ, daz vierde niht.
Si ist zebrochen und zebricht:
wan swer ir volget, schiltet den
den er muoz loben etewenn.
Wan der im hiute ist harte unmære,   [1975]
dem gunde er lîhte morgen êre.
Niemen man sô schelten sol,
man müg in loben dâ nâch wol,
wande der nu vil bœse ist,
der wirt lîht vrum zeinr andern vrist.   [1980]
[2.3]   Unstæte diu ist nâch gemeine,
doch enstêt si niemen sô unreine
als den herrn, wan der getât
sol sîn an allen dingen stât.
Swaz der herre spricht od tuot,   [1985]
er sol dar an hân stæten muot.
Jâ hât sîn schande ein lîhter man,
der sich vor lüge niht hüeten kan:
nu seht, wie ein herr ist bewart,
ob er kumt in der lüge vart.   [1990]
Der amme reht uns wîsen solde
und an der wârheit, ob er wolde,
gît uns der lüge bilde gar,
wan er seit selbe selten wâr.
Ez ist deheiner der sô gerne liege   [1995]
oder mit lüge die liute triege,
ez ensî im dannoch swære
swer in heizet lügenære.
Hie neme ein herre bilde bî,
ob er daz selbe welle sîn   [2000]
des sîn rîter laster hât. 
So ist lüge ein seltsæniu wât,
ob si den herren êren wil
und bringt dem rîter lasters vil.
Iedoch sagich iu vür wâr,   [2005]
swaz den rîter lastert gar,
dâ wirt der herre niht von gêrt,
wan swaz des rîters ist unwert,
daz kumt niht dem herren wol,
und swaz den herren zieren sol,   [2010]
daz muoz gezierde dem rîter sîn.
Hie sult ir nu merken bî,
sît lüge dem rîter übel stêt,
dem herrn si an sîn êre gêt.
    Zewâre ez stêt unedelîche,   [2015]
swes rede und herz sint ungelîche,
wande über elliu übel ist
guotiu rede mit bœsem list.
Einvaltiu rede, zwivalter muot
die machent übel dunken guot.   [2020]
Nu merket, swer beschorn wære
ungelîch, ez diuht in swære,
aver uns dunkt niht lasterlîche
daz herze und rede sint ungelîche:
uns dunket laster an dem hâr.   [2025]
Daz wir im herzn behalten gar
dar inne liep, her ûze leit,
daz ist ein grôz unstætekeit.
    Unstæte der lüge muoter ist:
unstæte mac deheine vrist   [2030]
sîn an dem wâr: zorn, lüge sint
der unstætekeite kint.
Die hânt noch geswistrede vil 
die ich iu alle zelen wil
ê ich gebe der rede ein end:   [2035]
wirt ez aver niht schier verent,
ir sultz durch iuwer zuht vertragen,
wan vil mac ich niht schier gesagen.
Swenn ich an der unstætekeit
gesleht gedenke, swer ichs einen eit,   [2040]
ichn vinde under allm ir künne
des ich den herren wirser günne
denn liegen, daz geloubt vür wâr:
lüge ist mir widerzæme gar.
In einer hant si vreude treit,   [2045]
in der andern sorge und leit.
Diu eine halst, diu ander sleht,
diu eine minnt, diu ander vêht,
diu eine triut, diu ander roufet,
diu eine gît, diu andr verkoufet,   [2050]
diu eine villt, diu ander kleit,
swenn einiu lobt, diu ander seit
daz ez gelogen sî vil gar,
und koment alsô dick ze hâr.
Sîn ensol iuch niht betrâgen,   [2055]
ich wilz iu kurzlîchen sagen,
der lüge geheiz ist harte guot
und hât doch wurze an valschem muot.
Der lügenær hât rede schôn
und guot geheize und bœsen lôn.   [2060]
Der herr sol mit der zühte schar
eben den willen, schrôten gar
di unnütze rede, daz bêdiu muot
unde ouch sîn rede sî guot.
    Swes hemde gêt dem rocke vor   [2065]
einer ellen, er dunkt ein tôr.
Swer sînen roc vor langen hât,
ob er dan hinden hôhe gât
unz an daz knie, den hât ouch
ein wîse man vür einen gouch.   [2070]
Dar umbe gibich einen rât
der vrumen herren wol an stât,
daz ir hemde sî gelîche
dem rocke, ich mein daz alsô rîche
ir gâbe sî als ir geheiz,   [2075]
wan ich vor langer zît weiz,
swer mêr geheizet danner gît,
daz er sîn lüge breitet wît.
Umbesihtic sî der herre:
jâ sol er sehen harte verre   [2080]
bêdiu vür sich und hinder sich.
Jâ möhtestu wol schamen dich,
geheizstu, hâstuz danne niht,
swenne dir ze geben geschiht.
Swes roc vor zen vüezen gêt,   [2085]
der sehe hinden wie er stêt:
swer nâch geheize riuwe hât,
den riuwet sîn geheiz ze spât,
ern welle velschen sînen muot.
Doch ist schade bezzer amme guot:   [2090]
wan in dem muot und in dem herzen
ist schade ein schentlîcher smerze.
Nu mac sprechen lîht ein herre:
“Ich muoz geheizen ofte mêre
dan geben, wan versagen vil   [2095]
daz ist des ich niht enwil,”
sô sprich ich: man verseit baz 
mit grœzern êrn, mit minnern haz
ê man werde von geheize schol:
dar nâch verseit man niht ze wol.   [2100]
Swelch herre nâch geheiz verseit,
der wil niht beherzen unde scheit
dem vast dem er geheizen hât,
wan er sich gar an in verlât.
Swelch herre geheizen wil   [2105]
iht, ez sî kleine ode vil,
er sol gedenken wol vür wâr,
er hab ez entnomen gar.
Swaz lîhent der wuocherære
und der herre geheizent wære,   [2110]
daz solt vergolten werden wol.
Von wuocher man sich lœsen sol:
der herr sol lœsen ouch sîn triuwe,
wan nâch geheiz gehœrt niht riuwe.
Ich lœse mîn phant vor dem zil:   [2115]
daz sol sîn eins herren will
daz er sîn wârheit lœsen sol
vil schiere, daz stât hêrlîch wol.
Ich lœs mînn brief zem wuocherære,
daz er dermit mich niht beswære:   [2120]
der herr sol lœsen sîn wort,
wan liegen ist der helle port.
Swaz ein herre spricht iâ ode niht,
daz sol gar sîn schephen schrift.
[2.4]   Ich underdinge der herren zorn:   [2125]
diu stæte diu ist gar verlorn
von ir willn und von ir schulde:
ezn sol niht sîn wider ir hulde
daz ich spriche, ich sprichz durch guot. 
Hât mîn herre unstæten muot,   [2130]
ich muoz ze der unstætekeit
mit samt im sîn bereit.
Swenn mîn herre hiute giht,
er welle morgn von hinnen niht,
sô kumt im hînt ein ander muot   [2135]
daz in dunket aver guot
daz er morgen var anderswar,
sô muoz ich danne aver dar.
Ich bin nu daz stunt gelêrt,
swar man daz stiuwerruoder kêrt,   [2140]
daz daz schef muoz dâ hin:
wandelt ein herre sînen sin,
sîn liute müezn unstæte sîn.
Jâ ist uns dicke worden schîn
daz der unstæten herren muot   [2145]
vil in der werlde unstæte tuot.
Alsô ist diu werlt gar
nâch unserm willen manicvar
worden, untriu und unstæte:
daz ist durch unser missetæte.   [2150]
Diu werlt wart gar stætic gemacht,
nu hât si niht an stæte kraft,
daz mac sehen swer der wil.
Der werlde unstæte ist harte vil:
sumers ist uns vor schûwer wê;   [2155]
winters vor îse und vor snê;
hiute ist regen und morgen wint,
die uns oft beidiu schade sint;
der donerslac nâch liehtem blicke
der bringet vinster tôde dicke;   [2160]
ich sihe daz ez vil ofte snît 
hin gegen des sumers zît,
vil ofte ouch vil heiz ist,
und kumt der vrost in kurzer vrist.
Uns koment wolken dick ze lône,   [2165]
swenn uns daz weter dunket schône.
Diu werlt hât unstæte site,
unser unstæte si volgt mite.
    Ich getar sîn wol gejehen,
jâne möht nimmer geschehen,   [2170]
wære unser unstæte niht,
unstæt diu an der werlde geschiht.
Nu zwiu wære regen od wint?
Wær Âdâm und sîniu kint
gewesen stæt, zwiu solt der snê?   [2175]
Uns würde nimer von kelte wê.
    Alsô ich gesprochen hân:
dô diu werlt alrêst wart getân,
si wart vil stæte gemacht.
Daz schînet dar an daz diu naht   [2180]
vert vor dem tage zaller zît.
Deheine hitze der sumer gît
wan nâch dem winter, deist wâr.
Diu werlt wær noch stæte gar,
als si wart stæte gemacht,   [2185]
wær niht unsr unstæte kraft.
Diu gît ir vil unstætekeit
diu si verkêrt an unser leit:
wan ir unstæt diu schât ir niht,
der schade uns vil gar geschiht.   [2190]
Si gît uns siehtuom vür gesunt,
swenn si sich wandelt zaller stunt.
    Diu werlt behaltet noch ein teil 
der stæte, daz kumt uns ze heil:
wan wir behalten nihtes niht,   [2195]
daz ist ein wunderlîch geschiht.
An der werlde stæte lît
daz ieglîch dinc hât sîne zît.
Bluomen und loup, obez und gras
ie nâch sînen zîten was.   [2200]
Der obeze einz vürz ander gât:
einz kumt vruo, daz ander spât.
Nâch sîner zît vellt loup und gras
und dörret daz ê grüene was.
Sumers ist lanc der tac,   [2205]
daz winters niht gesîn mac.
Sumers ist diu hitze grôz,
des vrosts den winter nie verdrôz.
Aver wir behalten deheine zît:
swaz in unserm muote lît,   [2210]
ez sî übel od ez sî guot,
wir wellen volgen unserm muot.
Ern aht ûf deheinn heiligen tac,
swer sîn gelust verenden mac.
    Diu werlt hât an der stæte sin   [2215]
daz diu sunne tages schîn
ûf der erde, nahtes under.
Des sol iuch niht nemen wunder,
wan ir natûre und ir site
ist daz si vert dem himel mite   [2220]
und ouch wider zaller vrist.
Daz an dem buoche geschriben ist:
“Wan daz was ie der werlde stæte
daz der himel umbe di erde dræte.”
Der siben sterne widerganc   [2225]
machet daz diu erde kranc
wider die sterke des himels wert,
daz er si niht hât umbe gekêrt.
Ein ieglîchr sînen kreiz hât
dâ er inne umbe gât:   [2230]
er vert ûz sînem ringe niht,
als uns ze varn dicke geschiht.
Wan wir varn hin und her
und versuochen wege mêr
denn einen, und sîn doch unstæte   [2235]
an alln von unser missetæte.
Man versuocht der wege vil,
dem besten man niht volgen wil:
der bœse wec und der unreht
der dunket uns guot unde sleht.   [2240]
Dem volge wir unz er uns dar
bringet dâ wir sîn vil gar
geschendet ode lîhte tôt,
ode wir komen mit grôzer nôt
wider; wan swer varen wil   [2245]
verre, kumt mit arbeit vil
heim, ich meinez an der buoz
die man nâch sünden haben muoz.
    An der werlde ist stæte zaller vrist:
swenn diu sunne nâhen ist   [2250]
zuo dem mân, sô wirt er smal;
dar nâch wirt er über al
grœzer, unde sô ie verrer,
sô wirt er ie mêre und mêrer.
Alsam swenn uns daz vergêt   [2255]
daz uns durch unser sünde bestêt,
sone bezzer wir uns nihtes niht. 
Dâ von der tiusche man giht:
“Dô der siech man genas,
dô was er als er ê was.”   [2260]
    Daz muoz immer stæte sîn
daz diu sunne tages schîn.
Ir lieht birget tages gar
der himelischen sterne schar,
wand ir lieht machet daz   [2265]
daz wir nahtes sehen baz
die stern denn tages: deist wâr,
daz meiste nimt daz minnest gar.
Ave wir haben des liehtes niht
daz uns berge di ungeschiht   [2270]
vor, die wir hân, daz ist ze klagen.
Ich mag ez iu vür wâr gesagen
daz ez ist nu komen dar
daz man sich nien schamt umbe ein hâr
tuon vor den liuten offenlîchen   [2275]
unrehtiu dinc und bœslîchen.
[2.5]   Daz ist noch stæt swaz inder lebet,
kriuchet, gât, vliugt ode swebet,
und swaz ist niderhalbe des mân,
daz muoz vier elmente hân.   [2280]
Ich mein die natûre vier
von den gemeinlîchen wier
gemünzet sîn unde geslagen.
Der vier gevert wil ich iu sagen.
    Viuwer, luft, wazzer, erde,   [2285]
die vier natûr sint widerwerte.
Diu erde ist trucken unde kalt.
Daz wazzer in sînem gewalt
kelte und ouch nezze hât. 
Der luft ouch des niht verlât   [2290]
ern sî heiz unde ouch naz.
So ist daz viuwer ave baz
heiz unde trucken ouch.
Nu merke swer niht sî ein gouch,
sît sich vereinent dise vier   [2295]
an unserm lîp, daz danne wier
an unserm willn vereinen niht,
von grôzem nîde daz geschiht.
Zwischen wazzer unde erd
ist nihtes niht, der luft gert   [2300]
ouch nihtes niht zwischen sî
unde dem wazzer.  Oben bî
dem lufte daz viuwer ist.
Ez ziuhet hôhe zaller vrist,
ez ensîget niht her abe baz:   [2305]
wizzet daz sîn ringe machet daz.
Seht, wie einz bî dem andern vert,
swie si halt sîn widerwert.
Ich wæn daz dise vier elmente
habent etlîchez gebende   [2310]
daz si underbinden mac:
si enscheident sich niht naht noch tac.
Idoch swie trucken sî diu erd,
daz wazzer si niht trucken gert.
Daz wazzer hât niht den gewalt   [2315]
daz ez den luft mache kalt.
Der luft nezt, daz viuwer niht;
wan daz deheine wîs geschiht
daz diu natûre der elemente
sich müge wandeln andern ende.   [2320]
Man mac ein wazzer heizen vil, 
ein viuwer leschen, swer der wil:
daz viuwer doch niht verlât
sîn hitze und trücken die ez hât.
Man nimtz im mit deheinem list   [2325]
die wîle ez niht erloschen ist.
Daz wallend wazzer lât ouch niht
kelte und nezz diu im geschiht
vor sînr natûr, daz merkt dâ bî:
swie heiz einem manne sî,   [2330]
er küelt sich mit dem wazzer heiz.
Ich sagiu ouch, wan ich ez weiz,
daz beidiu luft und erde mac
von ir natûr niht einen tac:
wie kumt der man dan alsô wît   [2335]
von sînr natûre zaller zît?
Man bringet uns ûz harte schier,
Wan zaller zît, swenne wier
ezzen und trinken über maht,
daz ist ûz der natûre kraft.   [2340]
Swer sînr natûre volgen wil,
der sol dehein dinc tuon ze vil.
Dem vihe ist ezzen vil unmære,
swenne vol ist sîn bûch lære;
ez trinket ouch ân durst niht.   [2345]
Wan swaz uns ze tuon geschiht
über maht, daz ist vil gar
ûz der natûr, daz wizzt vür wâr.
    Alsô ich gesprochen hân:
her abe niderhalbe des mân   [2350]
sint diu vier element
und werdent bî dem mân verent.
Diu vierd natûre endet dâ, 
diu vümfte diu beginnet sâ.
Der himel und die sterne siben   [2355]
sint an der vümstn natûre beliben.
Die andern sterne haftent al
an dem himelischen sal,
ave dise siben haftent niht:
dâ von ze hangen in geschiht.   [2360]
Ir urhap ist hôhe und ir ende
ist her abe zem vierden elemente.
Der êrste ist Sâturnus gnant,
an dem ist kelte und trücken erkant.
Der ander heizet Jupiter,   [2365]
heiz und naz ist ouch der.
Der drite ist Mars, der zaller vrist
heiz und ouch trucken ist.
So ist der vierde stern diu sunne,
heiz und trucken ist ir wunne.   [2370]
Geheizen ist Vênus der vumft,
kalt und naz ist sîn kumft.
Mercurîus der sehste ist,
heiz und naz an sînem list.
Der sibende ist geheizen mân,   [2375]
der kelte und nezz hât dicke getân.
Man sihtz an allen dingen wol,
der mân der macht si nezze vol.
Swenn der mâne voller ist,
die âder sint vol zuo der vrist.   [2380]
    Ein sterne heizet dâ von kalt,
daz er hât den gewalt
daz von im kelte geschiht:
dehein sterne ist kalt niht.
Dâ von heizet er heiz, trucken, naz,   [2385]
daz er ofter machet daz,
daz der luft ist trucken hart,
heiz ode naz nâch sîner vart.
Wan als ich gesprochen hân,
swaz oberhalbe ist des mân,   [2390]
daz hât ein vümft natûre besunder.
Dâ von sol iuch niht nemen wunder,
swaz zwischen mân und himel ist,
daz hât stæte zaller vrist.
Da ist niemêr natûr denn eine,   [2395]
dâ von muoz sîn ir site gemeine.
Gelîche der mit dem andern gât
der sîn natûre ganzlîch hât.
Swes einer muot, der ander gert:
dâ oben ist niht widerwert.   [2400]
Ave her abe ist niht stæte an,
swaz niderhalbe ist des mân,
wand diu elemente vier
sint widerwert: geloubet mier,
dâ von ist niht her abe stæt.   [2405]
Swie der viere deheinez læt
sîn natûr di wîl ez ist,
ez læt sich selbe zaller vrist.
Wan der luft wil tegelîch
ze viur; daz wazzer semelîch   [2410]
ze lufte; alsam tuot diu erd:
daz machet ir natûre widerwert.
Hitz wider kelte ruowet niht,
und swenne ouch daz geschiht
daz nezze vihtet wider trücken,   [2415]
dâ geschiht dem eime gelücke,
wan swelher dâ sterker ist, 
der ander wîchet zuo der vrist
und muoz im sich selben lân:
der strît wirt alle tage getân.   [2420]
Ob dem mân ist stætekeit,
dâ ist niht widerwertikeit.
    Swaz sich gar vereinet wol,
von reht daz stæte wesen sol:
nimmer uns vereinen wier,   [2425]
swâ unser drî sint ode vier.
Die wîl Rôme vereinte ir sin,
het si an êre grôzen gwin:
sît si sich niht vereinte mêre,
dô rücket hinder gar ir êre.   [2430]
Do si sich vereint, wizzt daz ir hant
der werlde vil überwant,
ave dô si niht vereinte, sît
was ouch ir kraft niht ze wît.
Allenthalben was ir vorht,   [2435]
disehalbe mers und ouch dort.
Nu ist ir êre gar enwiht:
man vürht si ze Biterbe niht.
    Zwiu sag ich daz vor langer vrist
in der werlde geschehen ist?   [2440]
Wan ez sint bî unser zît
von unvereinunge und von nît,
von urliuge und von ungeschiht
manege stete worden enwiht.
Ich bin niht alt drîzec jâr   [2445]
und gedenke doch, deist wâr,
daz Berne an êre truoc den kranz,
ir türne und hiuser wâren ganz:
die sint bestriuwet ûf die erd. 
Presse ist worden ouch unwert   [2450]
durch urliuge und durch nît;
daz ist wordn bî unser zît.
Von Vincence und von Ferrære
möht man sagen diu selben mære.
    Daz ich zel ist ein kleiner garte.   [2455]
Untriu hât sich gebreit sô harte
daz nu niemen vinden mac
triuwe und stæte einn halben tac.
Wâ ist nu stæt bî unser zît?
Diu werlt hât erwelt strît,   [2460]
erge, lüge, spot, haz, nît, zorn:
die tugende sint nu gar verlorn.
Diu werlt ist vol unstætekeit:
wâ ist nu triuwe und wârheit?
Si ist nu allenthalbn unwert,   [2465]
swâ man sich inder umbe kêrt.
Si ist von Engelant vertriben:
ze Kerlingen ist si niht bliben,
wand die zwên künege urliugære
hânt ir lant gemachet lære.   [2470]
Si ist ouch von Provenze gejeit:
die ketzer tâten ir dâ leit.
Ist si ze Spange?  Nein si niht,
wan ir dâ grôz leit geschiht
von heiden und von vernogierten   [2475]
kristen dies dâ übel zierten.
Ze Püllen ist si niht beliben,
wan si ist stunt von danne vertriben.
Nu wie ob si ze Rôme ist?
Daz ervert in kurzer vrist   [2480]
swer dâ iht ze schaffen hât 
an der Rômær valschem rât.
Ze Tuskâne mans niht suochen sol:
die pilgerîne wizzenz wol,
swenn man in ab ziuht ze Mont Flaskôn,   [2485]
ob triuwe ze Tuscâne won.
Si ist ouch niht ze Lamparten,
wan dâ habents erschrecket harte
die Meilânære mit unglouben,
mit prant, mit urliuge und mit rouben.   [2490]
Ob si ze tiuschen landen sî,
daz weiz man wol verre und bî.
Ze Ungern ist ouch niht ir wesen,
wan dâ ists lange niht gewesen:
der Ungern untriu und unsinne   [2495]
schein wol an ir küneginne.
    Ich möht der lande nennen mêr:
ichn vinde weder dort noch her
weder triu noch wârheit;
daz hât gemacht unstætekeit.   [2500]
Ir seht wol der unstæte maht:
vil grôziu zeichn gît uns ir kraft
daz diu werlt welle schier
nemen end; jâ mugen wier
der werlde ende wizzn derbî   [2505]
daz wir alle mit unminne sîn.
    Wan unminne und strit  [2506a]
    sint warzæichen zaller zit,
    daz ein dinch welle nemen ent.
    Daz habet ir an den element
    unde an manigen dingen vornomen.  [2506e]
    Ob ir sin war habt genomen.
    Swenne ein man sol ersterben,
    so moht der siehtum verderben
    die nature.  So muz unminn
    unde strit sin zwischen in.  [2506j]
    Swa unminne ist und strit,
    da sol man warten zaller zit
    endes an etlichen dingen.
    Swem ez muz misslingen,
    stritet man gemæinliche  [2506o]
    mit unveræinunge sicherliche,
    so ist daz ende ouch gemæin.
    Ich enweiz an wen ich mich lein,
    ob si gar strebent ze dem valle.
    Alsam, ob si stritent alle,  [2506t]
    sone wizzt ich werz versunen sol.
    Da von muget ir merchen wol,
    sit uns ein ieglicher strit,
    ob er wert, ein ende git,
    daz diu gemeine unminne
    und der gemæine strit bringet inne,   [2506z]
    daz diu werlde welle ende nemen.   [2506aa]
    Welt ir die zæichen gar vernemen,
    diu vor des sulen geschehen,
    so moht ir mir wol mit iehen.  [2506dd]
Wir haben daz geschriben wol
daz vor der werlde ende sol
hunger sîn und bœsiu jâr,
schûr, erdpidem: man sihtz nu gar.   [2510]
Urliug, haz, zorn und nît,
daz sol ouch sîn vor der zît;
rîch wider rîch, lant wider lant. 
Dar nâch kumt niht zehant
der werlde ende alsô drât.   [2515]
Die sint boten die si vür lât:
untriu, lüge, meineit, unstæte
und aller hande missetæte.
Uns sint komen boten und bot:
nu stætigt iuwer herz ze Got,   [2520]
daz ir niht volgt der unstæt
der werlde, wan si schier zergêt,
und daz ir komt ze sînem rîche.
Dâ sît ir immer stætelîche
mit aller wunne âne leit:   [2525]
dâ ist der vreude stætekeit.  [2526]
    Da muz immer wesen stæte, [2526a]
    swer sich behutet vor missetæte:
    in dirre werlde Got bring uns baz
    dar, denne wir verdienen daz. [2526b]
    Daz ander teil hie ende hât:  [2527]
mîn griffel an daz dritte gât.