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B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A

 

 

 

 
Wolfram von Eschenbach
1170/75 - nach 1220
 


 






 








L i e d e r

      Lied 1     Den morgenblic bî wahtærs sange erkôs
      Lied 2     Ez ist nu tac!
      Lied 3     Sîne klâwen
      Lied 4     Von der zinnen
      Lied 5     Der helnden minne ir klage
      Lied 6     Ein wîp mac wol erlouben mir
      Lied 7     Ursprinc bluomen, loup ûzdringen
      Lied 8     Guot wîp, ich bite dich minne

Die Reihenfolge der Lieder
folgt der Ausgabe
von Peter Wapnewski


__________________


Lied 1


I
Den morgenblic bî wahtærs sange erkôs
ein vrouwe dâ si tougen
an ir werden vriundes arme lac.

dâ von si der vröiden vil verlôs.
5
des muosen liehtiu ougen
aver nazzen. si sprach ‹ôwê tac!

wilde und zam daz vröit sich dîn
und siht dich gerne - wan ich eine. wie sol iz mir ergên!
nu enmac niht langer hie bî mir bestên
10
mîn vriunt: den jaget von mir dîn schîn.›


II
Der tac mit kraft al durh diu venster dranc.
vil slôze sie besluzzen.
daz half niht: des wart in sorge kunt.

diu vriundîn den vriunt vast an sich twanc.
5
ir ougen diu beguzzen
ir beider wangel. sus sprach zim ir munt:

‹zwei herze und einen lîp hân wir
gar ungescheiden unser triuwe mit einander vert.
der grôzen liebe der bin ich gar verhert,
10
wan sô du kumest und ich zuo dir.›


III
Der trûric man nam urloup balde alsus:
ir liehten vel diu slehten
kômen nâher. sus der tac erschein.

weindiu ougen - süezer vrouen kus!
5
sus kunden sie dô vlehten
ir munde, ir brüste, ir arm, ir blankiu bein.

swelch schiltær entwurfe daz,
geselleclîche als si lâgen - des wære ouch dem genuoc.
ir beider liebe doch vil sorgen truoc,
10
sie pflâgen minne ân allen haz.



Lied 2


I
«‹Ez ist nu tac!
daz ich wol mac
mit wârheit jehen,     ich wil niht langer sîn.›»

‹diu vinster naht
5
hât uns nu brâht
ze leide mir     den morgenlîchen schîn.

sol er von mir scheiden nuo,
mîn vriunt, diu sorge ist mir ze vruo:

ich weiz vil wol, daz ist ouch im,
10
den ich in mînen ougen gerne burge,
möhte ich in alsô behalten.

mîn kumber wil sich breiten:
ôwê des, wie kumt ers hin?     der hôhste vride müeze in noch
an mînen arm geleiten.›


II
Daz guote wîp
ir vriundes lîp
vaste umbevienc:     der was entslâfen dô.

dô daz geschach
5
daz er ersach
den grâwen tac,     dô muose er sîn unvrô.

an sîne brüste dructe er sie
und sprach: «jâne erkande ich nie

kein trûric scheiden alsô snel.
10
uns ist diu naht von hinnen alze balde:
wer hât si sô kurz gemezzen?

der tac wil niht erwinden.
hât diu minne an sælden teil,     diu helfe mir, daz ich dich noch
mit vröiden müeze vinden.»


III
Sie beide luste
daz er kuste
sie genuoc.     gevluochet wart dem tage.

urloup er nam,
5
daz dô wol zam.
nu merket wie     da ergienc ein schimpf bî klage.

sie heten beide sich bewegen,
ez enwart sô nâhe nie gelegen,

des noch diu minne hât den prîs:
10
obe der sunnen drî mit blicke wæren,
sie enmöhten zwischen si geliuhten.

er sprach «nu wil ich rîten.
dîn wîplich güete neme mîn war     und sî mîn schilt hiut hinnen noch
und her noch zallen zîten.»


IV
Ir ougen naz
dô wurden baz.
ouch twanc in klage:     er muose dan von ir.

si sprach hin zim
5
‹urloup ich nim
ze den vröiden mîn;     diu wil nu gar von mir.

sît daz ich vermîden muoz
dînen munt, der manegen gruoz

mir bôt und ouch dînen kus
10
als in dîn ûzerwelte güete lêrte,
und din geselle, dîniu triuwe: -

weme wilt du mich lâzen?
nu kum schier wider ûf rehten trôst.     ôwê dur daz enmac ich noch
strenge sorge niht gemâzen.›



Lied 3


I
«‹Sîne klâwen
durch die wolken sint geslagen:
er stîget ûf mit grôzer kraft!

ich sich in grâwen
5
tegelîch als er wil tagen:
den tac, der im geselleschaft

erwenden wil, dem werden man,
den ich bî naht în verliez.
ich bringe in hinnen ob ich kan:
10
sîn vil manigiu tugent mich daz leisten hiez.›»


II
‹Wahtær du singest
daz mir manige vröide nimt
unde mêret mîne klage.

mær du bringest
5
der mich leider niht gezimt
immer morgens gegen dem tage:

diu solt du mir verswîgen gar!
daz gebiut ich den triuwen dîn.
des lôn ich dir als ich getar -
sô belîbet hie der geselle mîn.›


III
«‹Er muoz et hinnen
balde und âne sûmen sich.
nu gib im urloup, süezez wîp!

lâz in minnen
5
her nâch sô verholne dich,
daz er behalte êre und den lîp.

er gap sich mîner triuwen alsô
daz ich in bræhte ouch wider dan.
ez ist nu tac: naht was ez dô
10
mit drucken an die brüste dîn kus mir in an gewan.›»


IV
‹Swaz dir gevalle
wahtær sinc und lâ den hie,
der minne brâht und minne enpfienc.

von dînem schalle
5
ist er und ich erschrocken ie.
sô ninder morgenstern ûf gienc

ûf in der her nâch minne ist komen,
noch ninder lûhte tages lieht:
du hâst in dicke mir benomen
10
von blanken armen - und ûz herzen niht.›


V
Von den blicken,
die der tac tet durch diu glas,
und dô wahtære warnen sanc,

si muose erschricken
5
durch den der dâ bî ir was.
ir brüstlîn an brust si twanc,

der rîter ellens niht vergaz
(des wold in wenden wahtærs dôn).
urloup nâh und nâher baz
10
mit kusse und anders gab in minne lôn.



Lied 4


I
‹«Von der zinnen
wil ich gên, in tagewîse
sanc verbern.

die sich minnen
5
tougenlîche, und ob sie prîse
ir minne wern:

sô gedenken sêre
an sîne lêre,
dem lîp und êre
10
ergeben sîn.

der mich des bæte,
deswâr ich tæte
ime guote ræte
und helfe schîn.

15
ritter, wache, hüete dîn!


II
Niht verkrenken
wil ich aller wahtær triuwe
an werden man.

niht gedenken
5
solt du, vrouwe, an scheidens riuwe
ûf künfte wân.

ez wære unwæge,
swer minne pflæge,
daz ûf im læge
10
meldens last.

ein sumer bringet
daz mîn munt singet
‹durch wolken dringet
ein tagender glast›.

15
hüete dîn, wache, süezer gast!»›


III
Er muose et dannen,
der sie klagen ungerne hôrte.
dô sprach sîn munt:

«allen mannen
5
trûren nie sô gar zerstôrte
ir vröiden vunt».

swie balde ez tagte,
der unverzagte
an ir bejagte
10
daz sorge in vlôch.

unvrömedez rucken,
gar heinlîch smucken,
ir brustel drucken
und mê dannoch

15
urloup gap: des prîs was hôch.



Lied 5


I
Der helnden minne ir klage
du sunge ie gên dem tage,

daz sûre nâch dem süezen.
swer minne und wîplich grüezen
5
alsô enpfienc,

daz sie sich muosen scheiden, -
swaz du dô riete in beiden,
dô ûf gienc

der morgensterne: wahtære swîc,
10
dâ von niht langer sinc!


II
Swer pfliget oder ie gepflac,
daz er bî liebe lac

den merkern unverborgen:
der darf niht durch den morgen
5
dannen streben.

er mac des tages erbeiten.
man darf in niht ûz leiten
ûf sîn leben:

ein offeniu süeziu wirtes wîp
10
kan solhe minne geben.



Lied 6


I
Ein wîp mac wol erlouben mir
daz ich ir neme mit triuwen war.

ich ger - mir wart ouch nie diu gir
verhabet -, mîn ougen swingen dar.

5
wie bin ich sus iuwelenslaht:
si siht mîn herze in vinster naht.


II
Si treit den helfelîchen gruoz
der mich an vröiden rîchen mac.

dar ûf ich iemer dienen muoz.
vil lîhte erschînet noch der tac

5
daz man mir muoz vröiden jehen:
noch grœzer wunder is geschehen.


III
Nu seht waz ein storch den sæten schade:
noch minre schaden hânt mîn diu wîp.

ir haz ich ungern ûf mich lade.
diu nu den schuldehaften lîp

5
gegen mir treit - daz lâze ich sîn.
ich wil nu pflegen der zühte min.



Lied 7


I
Ursprinc bluomen, loup ûzdringen
und der luft des meigen urbort vogel ir alten dôn.

etswenne ich kan niuwez singen
sô der rîfe liget, guot wîp, noch allez ân dîn lôn.

5
die waltsinger und ir sanc
nâch halben sumers teile in niemens ôre enklanc.


II
Der bliclîchen bluomen glesten
sol des touwes anehanc erliutern, swâ si sint.

vogel die hellen und die besten,
al des meigen zît si wegent mit gesange ir kint.

5
dô slief niht diu nahtegal.
nu wache aber ich und singe ûf berge und in dem tal.


III
Mîn sanc wil genâde suochen
an dich, güetlich wîp: nu hilf, sît helfe ist worden nôt.

dîn lôn dienstes sol geruochen
daz ich iemer bite und biute unz an mînen tôt.

5
lâze mich von dir nemen den trôst
daz ich ûz mînen langen klagen werde erlôst.


IV
Guot wîp, mac mîn dienst ervinden,
ob dîn helfelîch gebot mich vröiden welle wern,

daz mîn trûren müeze swinden
und ein liebez ende an dir bejagen mîn langez gern?

5
dîn güetlîch gelâz mich twanc
daz ich dir beide singe al kurz oder wiltu lanc.


V
Werdez wîp, dîn süeziu güete
und dîn minneclîcher zorn hât mir vil vröide erwert.

maht du trœsten mîn gemüete?
wan ein helfelîchez wort von dir mich sanfte ernert.

5
mache wendic mir mîn klagen,
sô daz ich werde grôz gemuot bî mînen tagen.



Lied 8


I
Guot wîp, ich bite dich minne
ein teil durch daz,
sît ich dir niht gebieten mac.

du gip mir die gewinne
5
daz ich baz
an dir gelebe noch lieben tac.

snel vür mich, wilder danne ein tier
mac mir dîn helfe entwenken.
wilt an triuwe gedenken,
10
sælic wîp,
sô gîst ein liebez ende mir.


II
Du treist sô vestez herze
ûf mîne vlust.
wie sol der site an dir zergên?

ein mûzervalke, ein terze,
5
dem mac brust
niht baz danne dir diu dîne stên.

dîn munt ist ûf den kus gestalt,
dîn lachelîchez grüezen
mac mir wol gesüezen
10
sûre nôt.
sus hât dîn minne mîn gewalt.


III
Möht ich die sælde reichen,
diu sô hôch
ob mîner vröide stêt gezilt!

got muoz ir herze erweichen,
5
sît ez noch
der mîner swære niht bevilt.

man siht mich alze selten geil.
ein vlins von donrestrâlen
möht ich zallen mâlen
10
hân erbeten,
daz im der herte entwiche ein teil.


IV
Ir wengel wol gestellet
sint gevar
alsam ein touwic rôse rôt.

diu schœn mir wol gevellet:
5
sist valsches bar.
ir ougen bringent mich in nôt,

si dringent in mîns herzen grunt.
so entzündet mich ir minne,
daz ich von ir liebe enbrinne.
10
an der stat
bin ich von der süezen wunt.


V
Ir schœne vröide machet.
durliuhtic rôt
ist ir munt als ein rubîn.

swem si von herzen lachet,
5
des sorge ist tôt.
sist mîn spilnder ougen schîn.

ir vrömde krenket daz herze mîn,
ich stirbe, mir werde ir minne.
Vênus diu gotinne,
10
lebt si noch, -
si müeste bî ir verblichen sîn.


VI
Ich wil des mînen ougen
sagen danc,
daz sie sie vunden alsô guot.

die ich dâ minne tougen
5
sunder wanc,
diu hât gehœhet mir den muot.

daz schaffet mir ir rôter munt.
ir minneclîchez lachen
kan mir wol gemachen
10
hôhen muot.
dâ von mir wirt ein vröide kunt.

 
 
 
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