B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A
           
  Heinrich von Mügeln
um 1320 - nach 1371
     
   


D i e   G ö t t i n g e r   S p r u c h s a m m l u n g
V I .   B u c h .   D e r   T u m


Die digitale Version dieses Textes
wurde freundlicherweise von Michael Stolz
zur Verfügung gestellt.

Kritischer Text aus:
Die kleineren Dichtungen Heinrichs von Mügeln.
Erste Abteilung: Die Spruchsammlung des Göttinger Cod. Philos. 21,
hrsg. v. Karl Stackmann, 3 Teilbände, Berlin 1959
(Deutsche Texte des Mittelalters 50 - 52), 2. Teilband, S. 147 - 181


______________________________________________________________________


[Vorrede im Göttinger Cod. philos. 21:]

Hie will der meister setzen tzwey vnd sybentzig
lyder zu lobe vnser frauwen. Jn manchen
bluenden spruchen, In tzeichin das sy gelobet
sal werden in allen tzungen der erden, der tzwey
vnd sybentzig sind. Die selben lyder singen sich
auch in dem houedon, da sich die bibel Inne be-
griffen hat.

110 (1)
Was e die meister han
den sprüchen wat gesniten an,
die zeist ich wider unde span
daruß eins nuwes tichtes kleit.

des ich uf alde wat,
die nuw min sin geferbet hat,
ufsnide manche slimme nat
mit ungefruter erebeit.

wer hoffet, ticht der ersten kunst so eben
sich messen, ferben und so rich geweben,
als es spinn an dem reben
vernunst füntliches sinnes hant?

111 (2)
Des hoffet nicht min list.
ich ferbe, wo verblichen ist
geticht von grober sprüche mist,
und trib der sprüche süche dann.

die meister künste gra
nicht achten, ab rethorica
gel, grün rot ferbe ader bla.
des ich in mines tichtes plan

durch underscheit mit blünden sprüchen kreie
(als zu den esten blüte fitze meie),
die doch ich wüster leie
uf aldes tichtes anger fant.

112 (3)
Her Salomon der spricht,
es si nuw in der werlde nicht.
ein ieglich ding, das ist beticht
und flüßt uß alder künste bach.

des ticht ich sunder wan
recht sam ein gouwisch zimmerman,
der nuwes nicht erfinden kan,
uf aldes ticht ein nuwes dach

zu lobe dem, der alle ding gebouwet
hat und ouch den kein wisheit schouwet
und sam der ar genouwet
sich hat in enges herzen want.

113 (4)
O bilder der vernunst,
entwirf in mines herzen runst
der sprüche forme unde kunst,
und mich ein lob entwerfen ler

mit der genaden stift.
uß dir sich alle witze rifft.
des nennet dich die ware schrift
idea und die meister her.

was wesen hat, das ist entworfen funden
von der vernunst in dines spiegels runden:
der tumm, der arm, gebunden,
der fri, der ho, der sinnes rich.

114 (5)
Sint in dins herzen blat
den himel und der speren rat
und alles, das in wesen gat,
entwarf dins hoen sinnes list,

wie es sal ende han,
unwendelich, das understan
mag nieman sunder zwivels wan.
doch mich die hoffenunge frist:

din ware schrift, die riset noch erlischet,
sie nicht veralt und ouch sie nimmer frischet
sich: uf genade fischet
min bet in diner güte tich.

115 (6)
Bin ich entworfen nicht
in dinem spiegel zu geticht,
din barmung, her, das wol verslicht,
diner eren hochste malerin.

da in des fluches dorn
uns warf der grimme raches zorn,
mit einer meit sie wart geborn
und sach uß dines herzen zinn.

die laß uns schriben, malen, vater guter:
sie gibt der sel und sinn des lebens futer.
hilft nicht des heiles muter,
in ruße tumheit ich verblich.

116 (7)
Ach, töt der sünden phlanz,
die mir in mines herzen kranz
blüt stet dem heile min zu schranz!
so wold ich, meit, der wirde din

flechten uß sinnes fließ
ein lob mit blünder sprüche ris.
nu hat der argen sünden is
die flamm erfrört (die sinne min),

das sich nicht mag erquicken tichtes zunder.
des wecke, meit, der sprüche flamme munder.
der sünden wurze sunder
und rad uß mines herzen gruft.

117 (8)
Mins tichtes stam besnit,
den rifen grober sprüche wit
von im, der mir gewaldig lit
in herzen anger, warer mei.

saf und der witze tror
güß, maget, in mins sinnes ror
und slüß mir uf der künste tor,
das ich dir, künsteloser lei,

Maria, lob uß blünder zungen webe
und girdig in dins dienstes silen strebe.
uf tichtes mar ich swebe,
das mir indren der gnaden tuft.

118 (9)
Von Wirzburg Konrat baß
polieret hett dins lobes glas,
der aller blünder sprüche was
ein former und ein houbetsmit,

wann ich, getichtes twerg,
von Müglin Heinrich, solches werk
florieren mag. der künste berg
mir ist zu ho, ich stüre bit.

des reich genaden hant mir ungelerten,
laß mich zusamne kluben die verrerten
sprüche des hochgeerten
getichtes risen sunder guft.

119 (10)
E got der erden kreiß,
luft, engel, mer, die helle freis
mit sinem finger umbereiß,
umbformte aller himel ring,

in sines herzen want
din bilde er entworfen fant.
des er in m i n n e n füre brant
und sachte durch dich alle ding,

du heiles wurz und trostes schepherinne
sich unde blick uß der genaden zinne,
entzünde liecht der minne,
laß uns den vater schouwen an,

120 (11)
der sines spiegels wunn
warf, maget, in dins herzen brunn,
in dem uns sichtig wart die sunn,
die e der sünden wolken barg.

du bist die ware rut,
die Jesse durch sin herze wut
und trechtig wart von geistes brut,
der küscheit unvermeilter sarg;

du bist der busch, den Moises in flamme
sach unverschart, du ware gotes amme:
des fluches nacht verdamme
und trib der sünden nebel dann,

121 (12)
uß unsers herzen swell
des alden fluches rinde schel.
die phorte, die Ezechiel
versperret sach (iedoch der künig

gieng kreftig uß und in),
des magetums und der küsche schrin,
er ewig hieß versperret sin.
sus wart der alde grise nig

von einem wort und siner gotheit lempel
zu opher trug in dines herzen tempel.
der reinikeit exempel,
beschilt uns uf des todes ban.

122 (13)
Kein liecht die sterne han
recht sam der spiegel sunder wan.
ir liecht muß uß dem brunne gan
der sunnen, spricht der meister list.

sus diner küscheit blum
ein liecht gibt allem magetum:
als in dem spiegel liechtes rom
erschint, sus du inschinig bist.

gib liecht der selen oug und sinne sterne,
du urhab, wallnder glanz und liechtes kerne.
der hochsten salden erne
trag, freud, in trübes herzen ror.

123 (14)
Meit, hochster freuden zell,
du bist hern Gedeonis fel,
das tou des himels fuchte snel
und trucken ließ das ganze lant:

das zeichen frides was.
da sus wart diner brüste faß
von touw des hochsten geistes naß,
da wart des heiles liecht enbrant

dem menschen der da lag in todes rigel
versigelt mit der flammen ingesigel.
in unsers herzen tigel
güß trostes bach und frides tror.

124 (15)
Du blünder salden hag,
kein zung din lob berißen mag,
sint in dins herzen grüfte lag
der himel und der engel brot.

des du genennet bist
gelübdes ark. laß sünden mist,
der in uns grünet alle frist,
ußkeren diner güte phot.

du blündes ris Aronis und sin gerte,
dins zwiges frucht der helle siechen nerte,
und fluches tam verscherte
des lebenden heils durchgendes tor.

125 (16)
Uß Jacob brinnder stern,
der erge finster unde kern
uß herzen git: dins liechtes gern
die swebenden uf des jamers mer.

e die sirene arg
sie senken in des todes sarg,
in sende der genaden bark
und sie uß kummers banden scher.

du bist der hoffelosen marner eine,
die an des alden fluches agetsteine
haften; die hastu, reine,
gelöset von des felsen kraft.

126 (17)
Meit, des gelübdes gert,
in straßen zwelfe wart geschert
das mer von dir; du hast ernert
die diet von Pharaonis joch.

da din der quarz enphant
uß siner kel er flüte sant
dem volke, Israhel genant,
und leschten durstes flammen gach.

uß unsers herzen stein der buße flüte
trib, maget, mit der hochsten gnaden güte.
inphlanz der tugent blüte
dem herzen, das nach gnaden stafft.

127 (18)
Du bist die tavel her:
der gotheit finger ane ser
der zen gebot und rechtes ler
entwarf in diner brüste phad.

des rechtes widerpart
von in in Oreb wart verschart.
des sich din alder friedel zart
stalt jung in dines herzen blat.

hilf, das er uns in gruft der sele klimme
und felz in sie rechts und der tugent gimme.
du bist des louwen stimme,
die iren welfen leben schafft.

128 (19)
Du bist das milde blut
des pellicanus, das in flut
durch gotes brüste phorte wut
und leben gab den kücheln sin.

das mit der flamme spund
verspündet lag in jamers grund,
das nem du uß des todes slund
und güßt im nuwes leben in.

rinn, trostes bach, in unsers herzen falden,
e wir in sünden roste, damph veralden.
glut barmung laß nicht kalden,
sint wir dich eine rufen an.

129 (20)
Du brunn und heiles mar,
in dem des himels adelar
sich jungt und sin gefider gar
(und bleib doch in der ersten art),

uß diner wat er sneit
im wat und ließ doch sunder leit
die wat und diner küsche kleit,
wie er von dir gekleidet wart.

blick in den spiegel, maget, diner truwe
und kleid uns mit der tugent wete nuwe.
straß zu des himels buwe
an dich kein ouge finden kan.

130 (21)
Meit, blünder salden stam,
dem alden fenix wol anzam,
das er in diner küsche flamm
smelzte das hoe alder sin.

doch sunder mannes stür
entzündet wart des heiles für.
des nam sin edelie tür
sins knechtes forme sunder pin.

o reine meit, in unsers herzen tigel
drück unde smelz der tugende ingesigel,
e uns des fluches igel
für bündig in des todes schrann.

131 (22)
Unsers heils jegerin,
das eingehürne uß der zinn
des himels hat erjaget din minn,
und fienge es mit der küsche strick.

da solcher witze bach
floß uß dins reinen herzen dach,
da stunt der grimme helle trach
in ruwe und in todes rick.

des liebte dich din alder friedel schone
und gab durch minne brüte dir zu lone
von sternen zwelf ein krone,
uß der lücht aller tugende stein.

132 (23)
Grüne der jaspis ist,
das blut er stellt und gibet rist
vor trügen und vor leides mist.
die grüne anefang bedüt.

anfang geloube nam
und grünet uß dins herzen stamm.
des fluches fluß und leides scham
du hast verstellt und ußgerüt.

des stunt der jaspis vorn in der kron, grüne,
und gab dich gein des trachen drouwe küne,
der tugende gimme süne
dem vater din, du maget rein.

133 (24)
Der safir ist gefar
recht sam der luter himel klar,
der liechten glanz gibt sunder spar,
wann das in slet der sunnen glast.

ouch stürt er ougen swach.
da got in dines herzen bach
den safir diner küscheit sach,
da nam sins zornes ouge rast.

er wold in in den sims dins kranzes felzen
und glas der güt unbruchlich daruf smelzen.
durch dine minn verhelzen
er wolde fort der sinen kein.

134 (25)
Des calcidonis kraft
sin kleine stückel an sich rafft
und sie mit erster art besafft,
wie klein das sie gemüllet sin.

der ziende minne stein
ouch uß der krone sweife schein:
da sünden hant uns trette klein,
da zoch die ware minne din

an sich und gab uns kraft und die nature
der ersten art. wann unsers heiles mure
was von des fluches schure
zerfallen und zerzerret gar.

135 (26)
Über alles rises blat
der smaragt riche grüne hat.
er grünet luft, die umb in gat
und blumen, die verfalbet sint.

die gimme sunder schranz
erschein uß diner wirde kranz,
du bist des gründen heiles phlanz,
uf der man frucht des lebens fint.

laß grünen frucht uf unsers herzens rise
der tugent, meit, das icht der alde grise
uns von dem anger wise,
uf dem die engel suchen nar.

136 (27)
Der edelstein crisolt
gibt fürsten sinem trager holt
und ist geferbet sam das golt
und liechte funken uß im lat.

der hochsten wisheit schruf
in diner diadema stuf
er felzte, den in milde ruf
der sterne sweif bewiset hat.

er zierte dich mit siner wisheit erze,
da er den sun uß dines herzen kerze
dort in des fluches swerze
ließ lüchten der verhofften schar.

137 (28)
Abeston - mir ist kunt -
wann das die gimme wirt entzunt,
so mag sie fort in keiner stund
verleschen wint noch wages art.

in diner krone rand
die gimm entzunte gotes hant,
das sie in geistes füre brant
und sider nie verleschet wart.

du bist der stein, des tugent lischet nimmer:
die flamme güß in unsers herzen wimmer
- verbrenn des fluches zimmer - ,
das e inbant der sünden hant.

138 (29)
Von der naturen list
der crisopat geferbet ist
als golt in purpur. leides mist
und sorg er rüt uß herzen tal.

da nu der sünden rut
den menschen treib in sorgen flut,
din küsch in gotes brüste wut
und wold verdemphen fluches swal.

der gotheit golt mit diner küscheit röte
sich flacht (doch sunder der naturen nöte):
von solches heils gelöte
der mensch entran uß leides bant.

139 (30)
Achates, swarz gefar
und wiß gestriemt, die gimme klar
ouch lüchtet in der steine schar
dins kranzes, hochgelobte meit.

der stein gedanke arg
vertribet uß des mutes sarg
und machet das gesichte stark
und sterbet gift und sie verjeit.

g e d a n k e  rein in gruft des mutes rere,
der sünden gift in herzen grunde tere.
der sele ougen sere
an diner gimme stüre fant.

140 (31)
In diner kron gerist
stunt violfar der amatist.
vor trunkenheit er menschen frist
und gibet munder die vernunst.

da wir uß sünden kar
trunken des grimmen todes mar,
dich amatisten, meit, zu nar
uns gab des hochsten gotes gunst.

wir sliefen trunken in der sünden twalme,
da wecktestu uns mit der gnaden galme.
des hochsten frides palme,
laß uns in dinem schaten stan.

141 (32)
Über alle gimme tür
karfunkel lüchtet sam das für
des nachtes unde gibet stür
den ougen, die in blicken an.

o meit, der tugent phlanz,
du blünde rose sunder schranz,
den stein got satzt in dinen kranz
und treib des fluches swerze dann.

da dir sins adels gimme wart gesendet,
uns leides nacht in freuden tag gewendet
wart. zungen blat nicht endet
din lob noch umbereifen kan.

142 (33)
Topasion der hat
die kraft, das er nicht wallen lat
das wasser, das in glüte stat,
wie grimme si der flammen guft.

der wallnde gotes haß
gestunt in sines herzen faß,
da nu des geistes gimme was
gesenkt in dines herzen gruft.

topasion hat farbe aller steine
in golt getrint. sus hastu sunder meine
form aller tugent eine,
du himels stig und heiles ban.

143 (34)
Da mit der tugende dach
din adel got gekrenzet sach,
sin güte zornes kluse brach
und klam in dines herzen want.

das schuf der agetstein
der demut, den du, maget rein,
in dinem kranze trüge ein:
der zoch in an sich unde bant.

des wart der mensche los uß jamers ise,
da gotes kint blut uß diner brüste rise.
dich, heiles ast, ich prise,
uß dem uns sproß des lebens frucht.

144 (35)
Dir lob min zunge blat,
sint got dich mit der sunnen hat
gewet und diner füße phad
den manden satzte sunder schrank.

er sach dich wandels fri,
des sant er diner edeli
zu lon den dritten uß der dri,
der uß dins herzen brunne trank

des lebens seim von eines wortes gruße
und wusch uns von des ersten fluches ruße:
joch immer tragender buße
geringet wart und leides sucht.

145 (36)
Du blünder salden boum,
din ho erschein des küniges troum
Assirie: dins firstes soum
ab aller speren rundel sach.

fisch, vogel, mensche, tier,
gesacht uß elementen vier,
die han zu dinem schaten gir,
wann du bist der genaden dach.

mit diner güte ris uns, meit, bedache,
din barmung oug über uns verweisten wache.
uns slint der helle trache,
wo uns nicht schilt din ware zucht.

146 (37)
Da in der ruwe tal
der mensche trank des todes gall
und mochte durch den ersten fal
nicht klimmen uf der freuden berg,

für barmung got entzunt.
des sucht er der genaden funt,
wie das er uß des fluches grund
uns brechte, siner hende
werk.
er macht uß dir, o meit, der himel leiter;
an dir wir klimmen uß des fluches eiter.
her Jacob sach dich heiter
in sime troume sunder wan.

147 (38)
Da in des todes faß
der schenke Pharaonis saß,
sin troum ersach in großer maß
ein trub, uß der trank Pharao

und leschte durstes flamm.
du bist die trube, gotes amm,
der win uß diner brüste stamm
durst zornes lescht und fluches dro.

da got den win trank in dins herzen presse,
da leschte er den brant der alden hesse.
e er unser vergesse
in klamm, für uns din güte man.

148 (39)
Wann der naturen goum
bespinnet nu den mandelboum
mit loub und siner este soum,
des norden heft sich von uns wit.

du heiles mandelris,
da mit des geistes blüte wiß
dich zeichent Gabrielis fliß,
da net dins trostes summerzit.

'fiat din wort' den former aller dinge
schephet und drang uß gotes herzen ringe.
mir frucht genaden bringe
und trib des fluches norden dann.

149 (40)
Der alden slangen dro
din frucht verleschte, zeder ho,
der uf dem berge Libano
der wolken achsel hat bedacht.

was riset durch sin mal
von dinen esten hin zutal,
das fellet endelosen fal
in immer tragendes leides schacht.

o reine meit, zu diner tugende reben
uns bint, laß sünden schur uns widerstreben,
e das wir uns ergeben
und fallen in des jamers grunt.

150 (41)
Der cypreß hat die art
von der naturen gunst gelart,
das er mit sime dunste schart,
entzünt den trachen und den unk.

du reine gotes kron,
du bist der cypreß uf Sion,
da got entzunt dins herzen span
mit sines hochsten geistes funk.

der tugent dunst der sünden gift erstecke
und minne f l a m m  i n  h e r z e n  rore wecke,
genade schult bedecke,
du hochster salden erster funt.

151 (42)
Des oleiboumes frucht
gegossen in der wunden slucht,
die senftet smerzen unde sucht,
wie hart das tier verseret si.

da uß dins herzen kann
in unser sele wunden ran
der barmung öl, der mensch began
sich quicken und wart todes fri.

das schuf genaden balsam und sin salben:
der ließ uns nicht in leides fule falben.
über alle wurz der alben
du heilest menschen sünde wunt.

152 (43)
Der lorberboum, der hat
die art, das er nicht fallen lat
in keiner zit sins rises blat,
sin öl swent alle kalde sucht.

du blündes heiles ris,
diner eren loub fellt keiner wis,
das öl verswent der sünden is
gepresset uß dins herzen frucht;

das güß in unser angeborne wunden,
die von dem ersten slag zu allen stunden
sten offen, ungebunden
und an dich ungeheilet sint.

153 (44)
Was zu dem figenstamm
man bint, das macht sin tugent zam.
sin saf verlescht der gifte flamm
und junget, wer sich damit smirt.

got, allem sinen wilt,
gebunden an dins herzen schilt
sich zemen ließ in menschen bild.
ouch jungte sich des himels wirt:

da er sich wusch mit diner blüte saffe,
jung wart gefar des hochsten trones phaffe.
den selben, meit, uns schaffe
und zu genaden aste bint.

154 (45)
Art hat der winstock rein:
sin saf ufspelt den quader ein
und wurzet in den herten stein;
sin blut die slangen ouch verjeit.

saf und genaden merz
laß spalden die versteinten herz
und güß in unser wunden smerz
der tugende tror, du klare meit.

trib sünden unk uß unser brüste wimmer,
das von des todes bisse fulet immer.
laß in genaden zimmer
uns wonen, din verweisten kint.

155 (46)
Genaden für ufrich,
laß witze flamm enphengen sich.
ich ere wie ich lobe dich,
- du swebst über lobes zimmer wit -

doch ticht ich als der gouch,
der meien früte garret ouch.
sus strouw ich miner stimme rouch
in lob dir, heiles sumerzit.

du bist das liecht vernunst, das got erzunte,
da er sich in dins herzen kluse spunte.
bach diner tugent grunte
nie sinnes maß noch lobes sprieß.

156 (47)
Wer aller witze schrin
verslossen in das herze min
und daruß schüsse sam der Rin
in sturme aller künste bach,

und ab der witze tou
sich breit in dines lobes ou,
doch wer dir, aller himel frou,
die münze mines lobes swach:

menschliche kunst  g e s a c h e t  i s t  von dingen,
das sie dins lobes stam nicht mag beringen.
des saltu, meit, indringen
mir tummen der genaden fließ.

157 (48)
O meit, du bist der se,
des wag der engel weget e,
(wer in den quam, der wart von we
enbunden und von süche bann)

in den ich gerne stafft.
nu roubet sünde mich der kraft
der tugent, das ich siecher haft
und in den tich nicht kumen kan.

des send genaden boten mir kranken welfe,
der in den se mir sünden lamen helfe.
der lob von schuld ich gelfe,
die hoffer in süch nie verließ.

158 (49)
Zu staden diser schrift
der segel mines tichtes schifft.
da Eva schephte todes gift
und trenkte menschen künne gar,

der hochste got, der sneit
uß diner forme formen kleit,
der aller formen spiegel treit,
und want uß dines herzen mar.

der alle sache sachet, tirmet, schicket
und über den first des hochsten himels blicket,
der wart für uns gezwicket
verwundet an des rises ast.

159 (50)
Das Seth der engel gab,
das leben, sich ließ des todes stab
da leiten in des fleisches grab,
das Joseph hett gemachet im.

als dich der schruf innam,
brunn lebens, urhab unde stam,
sus wasch uß unser sünden slam
und unser sel zu grabe nim.

als Jonas in dem fisch, sus in der erde
dri tage was din sun, du maget werde,
der uß der flammen herde
rette der grimmen witze gast.

160 (51)
Darnach sin tugent wut
mit Adam uß des todes flut
und brach den rigel, geisel, rut
des fluches und des leides tam,

und uß des jamers mur
uf cherubines flügel fur,
den e besloß dins herzen snur,
meit, muter, tochter, gotes amm.

des ich dir lobes zimmer pinsel, tirme
und mit der farbe blünder sprüche firme.
genaden schilt, uns schirme
und lesch ab sines zornes frast.

161 (52)
Wann er uns künftig ist
und gibet den gerechten rist
und wirfet aller sünden mist
in immer wallnder flammen zorn

- die alle ding verslint,
die schult in iren tigel bint -,
er fürbaß nicht genaden fint,
wen da verschart der rache sporn.

so mache, meit, sins zornes bürde linde
und schel von uns swerz und der erge rinde,
e uns die flamme slinde,
die tror keins betes leschet me.

162 (53)
Wer mag uns raten baß,
sint dines reines herzen glas
des hochsten gotes spiegel was,
in dem er erst sin forme sach,

die e was nie gesen.
die lerer hör ich alle jen,
wie das gerichte si geschen
in ougen blick. des, muter, wach

und kum zu stür den kinden din in ziten,
das wir icht werden von der rechten siten
gespalden unde schriten
in immer tragendes leides se,

163 (54)
uß dem du fort nicht macht
gehelfen. muter, das betracht,
das durch uns got dich hat gesacht,
der sus din hett bedürfet nicht.

du rettst das erbe din
von schult. uß solcher witze schrin
sint wir die erste sache sin,
die dir din wirde hat geticht,

des ticht uns freud als wir dir han getichtet,
das wir icht sten in leides bant gerichtet,
da leit in leit sich flichtet
und blüt uß jamers stamme we.

164 (55)
O muter, mir vergib,
das ich dich zele zu gesipp
mir armen stoube und gestieb
und züne dich in die natur

miner art: ich  s ü n d e n  wurm,
meit, gruntfest und gelouben turm,
ich ile vor des todes sturm
durch schirm in der genaden mur.

des kan ich form noch betes ordenunge,
sint das gespannen an der angest runge
das blat ist miner zunge:
tror forcht das liecht der witze blent.

165 (56)
Wasch ab, du trostes fließ,
der forchte ruß und leides mies.
der in dins herzen brunn sich ließ
und formte sich nach diner art,

des wille ist  d i n  will,
din gir ist siner girde zil.
des im uß frostes grüfte stil
des zornes flamm, du maget zart,

wann er zu jüngst sitzt uf der wolken glanze
mit nagel, sper, krüz und des dornes kranze
und von der sünden schranze
der barmung ouge immer went.

166 (57)
So wirt genaden mar
von zornes brunst verderret gar,
wann got jeit die verdammten schar
in immer wallnder flammen se.

wer in des fluches lach
und in des grimmen todes bach
getriben wirt durch bruches sach,
des ist vergessen immer me.

o keiserin der engel, menschen stüre,
das icht din sun an im sin marter türe
verlies, wann er mit füre,
was uf dem centrum ist, verswent.

167 (58)
Got, über der tugent berg,
sich nimet der genaden werk:
die ander tugent sam getwerg
gein barmung dines herzen sint.

da ganz der tugent schar
Noe in grimmer flüte mar
ließ sweben, alles trostes bar,
sie rette tier, mensch, vogel, rint.

ouch in Kaldea uß des füres flamme
Abram sie half, Jonas uß fisches wamme,
Loth uß des swefels slamme,
der Sodomam verzerte gar.

168 (59)
Ouch uß des swertes mund
din barmung Isaak gesunt
nam und lost uß des todes bund
hern Joseph in Egypten land,

Susannen, Ninive
(wie Jonas hett geprediget e,
sie sold verslinden fluches se,
iedoch din wort in widerwant).

sie lost uß glünden oven Ananias,
hern Mizahel und ouch hern Azarias.
sie zuckt Enoch, Elias
uß sünden flut und leides mar.

169 (60)
Ouch durch das rote mer
sie furt der Israhelen her
uß Pharaonis joche swer
und uß dem klamm von Babilon.

groß uß dins herzen kann
die barmung diner güte ran.
da nu die Juden von Aman
des todes beiten sunder wan,

mit Hester sie die diet uß angest rette.
da Holofernes sie besessen hette,
mit Judith sie vertrette
ir not und half der kranken schar.

170 (61)
O got Emanuel
da nu zerstöret hette Bel
in Persia her Daniel
und von dem künig geworfen was

für siben louwen groß,
din barmung, her, in machte los
und sine finde gar besloß
versigelt in des todes faß.

von Golias hern David half ir milde,
dem künig Assirie von rindes bilde.
sie dackt mit irem schilde
vor Gabaon hern Josue.

171 (62)
Da Pharo sterben hieß
die kint, din barmung nicht verließ
hern Moises, den in den fließ
sin vater jung warf sunder hab.

da erst geboren lag
Cyrus geworfen in den hag,
din barmung in dem walde phlag
des kindes und im spise gab.

von Lidia da Cresus wold sin ende
genomen han in grimmer flammen wende,
dem künige si ir hende
reicht unde zuckt uß glüte fle.

172 (63)
Sus diner güte trift
ich spür in aller hande schrift:
uß kummers bande wie gerifft
die heiden, juden, cristen sin,

die sunder zwivels wan
trost ein an dir gesuchet han.
den hastu der genaden ban
gezeiget und die helfe din.

des ich dir lob, kraft, ere, wirde krie,
einfaldig got, doch in personen drie:
uß todes klamm uns frie,
als du hast die genanten e.

173 (64)
Brunst diner barmung alt
bran ie in diner tugent wald.
flamm diner güt ist nie erkalt
noch lischt von keiner sünde frost.

sie ist der tugende amm,
zu stür die den betrübten quam
und sie uß leides banden nam
und von in wusch der sorgen rost.

die rad uß herzen tigel gift der sünde
und uns in minne glüte dir gefründe,
e uns des todes ünde
verslinde und des jamers flut.

174 (65)
Sint barmung iren mast
ie bant zu dines herzen ast
und du genaden segel hast
gehengt in diner güte schif

(das schif Maria ist,
der mast das krüz, der segel Crist),
du ein des heiles marner bist.
des uns uß kummers banden riff.

gedenke, das du treist der menscheit muder
und nim zu henden der genaden ruder,
trib die sirenen fuder
des fluches mit der tugende rut.

175 (66)
M e i t , aller güt inguß,
hab ich nicht blünder sprüch influß
geleitet sam her Tullius
in dines hoen lobes tich,

der sines tichtes blat
mit farben sechzig geblumet hat
und das gefilde hat besat
rethorice, der künste rich,

so nim den willen für die meisterschefte:
sint das min gir erzeiget hat sin krefte,
riß uß dins zornes hefte
und schirm uns vor der helle glut.

176 (67)
Diß buch, das heißt der tum,
in dem der blünden sprüche blum
man fint gestrout in lobes rum
der hochsten himels keiserin,

die gotes ein genas
und spist uß ires herzen faß.
des sie ein tum der tugende was
und unsers heiles bilderin,

als uns tut kunt die schrift und Isaias,
Ezechiel, David und Jeremias
und ouch her Zacharias,
her Daniel und Balaam.

177 (68)
Von der getichtet hie
ich han und weiß doch leider, wie!
den himel, mer und erde nie
mit irem zirkel han besweift

nach der naturen art,
den hastu, maget, der tugent gart,
von einem worte sunder schart
mit dines herzen snur bereift.

des tichtes maß nicht reicht dins lobes größe:
du bist  g e n a d e n  schif und trostes flöße,
mit der uß todes röße
und fluches lach der mensche swam.

178 (69)
Dich zung vollobet nicht -
was meister blünder sprüche flicht
und zünt in dines lobes ticht,
die sint recht sam eins zwiges blat

gein Caucasus dem berg -
o meit, des nim diß kranke werk:
bi tichtes risen ein getwerg
ich bin und folg doch irem phad,

wie mir zu wite sint der künste trite.
des bis mir swachen tichter, muter, mite,
das ich mit lobes schrite
din huld erile, gotes amm.

179 (70)
Wer aller künste zins,
schatz wisheit, richtum alles sinns
verrunet in mins herzen flins,
versigelt mit der witze wachs,

und wer ein ieglich troph
des meres an der wolken schoph
gezünet, dines lobes zoph
volflechte nicht irs sinnes flachs.

din wird über alles lobes berge sweimet,
die zungen blat durchgoumet noch durchseimet:
saffs was sie künste heimet,
doch falbet sie dem lobe din.

180 (71)
O meit, des nim vergut,
was uß mins kranken tichtes rut
frucht lobes sprüßt. diner eren blut
keins tichtes schrank hat nie begart.

uß not und sorgen phul
uf ruw und der genaden stul
uns hilf, du bist der tugent schul,
in der got barmung hat gelart.

din minne brach des brinnden zornes kluse,
des wacht din lob in alles herzen huse.
schilt vor des tüvels gruse,
durch bruch die hie verweiset sin.

181 (72)
In glas der güte sich,
meit, und leides flammen rich
min herschaft, eldern unde mich
und alle, die dem glouben bi

mit ganzen truwen stan
und zuflucht zu dir, muter, han.
die leit uf der genaden ban
und sie uß sorgen banden fri.

der angest glut lesch und der sünden brende
mit ruwe tror und mit der buße hende.
verlich ein reines ende
und schirm uns vor der helle pin.