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B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  Karl Philipp Moritz
1756 - 1793

 
 
   
   



Ü b e r   d i e
b i l d e n d e   N a c h a h m u n g
d e s   S c h ö n e n.


( 1 7 8 8 )

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))41((   Und weit mehr Schade, als um die unterjochte Thierwelt, wäre es wieder um die Menschenwelt, wenn diese deßwegen nicht statt finden sollte, damit alles übrige in dem Zustande seiner natürlichen Freiheit bliebe. -

   So ließe sich nun weiter schließen, daß es in der Menschenwelt auch mehr Schade um die überwiegende Stärke wäre, wenn diese deswegen nicht stattfinden sollte, damit die Schwäche ihre Schwachheit nicht gewahr werde; als es um den schwächern Theil der Menschen schade ist, daß sie der Obermacht des Stärkern weichen und ihre Schwäche empfinden müssen. -

   Und daß es folglich auch wieder um das Schöne, welches am meisten um sein selbst willen da ist, weit mehr Schade wäre, wenn es deswegen vertilgt seyn sollte, damit keine unbefriedigte Sehnsucht dadurch entstehn, und keine thätige Kraft darunter erliegen könne; als es um die thätige Kraft schade ist, die unter der unbefriedigten Sehnsucht endlich erliegen muß; -

   Da überdem das Schöne mit dem Leiden, das sein versagter Genuß erweckt, zusammengenommen, in unsrer Vorstellung erst seinen höchsten Reiz erhält, dem durch kein schöneres Opfer, als dieses, kann gehuldigt werden. -

))42((   Denn so wie die Liebe die höchste Vollendung unsres empfindenden Wesens ist, so ist die Hervorbringung des Schönen die höchste Vollendung unsrer thätigen Kraft - und die höchste Liebe muß wieder in Hervorbringung, in Zeugung, wo nicht in die süßeste Auflösung des liebenden Wesens hinüber gehn. -

   Nun sind freilich die Begriffe von Aufopferung, Liebe und Sehnsucht selber viel zu süß, als daß wir sie wieder entbehren könnten, sobald wir sie einmal haben, oder ihr Daseyn nicht wünschen sollten, sobald wir sie einmal kennen. -

   Es scheint nichts Höheres zu geben, dem die Aufopferung selbst wieder müßte aufgeopfert werden. - Und das Schöne hinwegwünschen, weil unter ihm die Stärke erliegt, hieße auch, die Stärke hinweg wünschen, weil unter ihr die Schwäche erliegt; den Menschen, weil er mit zerstöhrender Hand die freie Thierwelt sich unterjocht; die ganze lebende Welt, weil sie unaufhörlich die unschuldige Pflanzenwelt zerstöhrt; und zuletzt auch die leblose Pflanzenwelt, weil sie die unzerstöhrbaren Theile des organisirten Stoffs aus ihrer natürlichen Gleichheit reißt, und sie, durch die trügerische Bildung und Form zum erstenmale der Zerstöhrung unterwirft.

   Das einfachste Pflanzengewebe muß für seinen Raub an den noch einfachern Elementen schon durch ))43(( Auflösung und Verwelkung; das geringste Lebende für seinen Raub an dem Organisirten, mit körperlichen Schmerzen und dem Tode; und die Menschheit für den Raub ihres höhern Daseyns, an der ganzen umgebenden Natur, mit dem Leiden der Seele büßen. - Und das Individuum muß dulden, wenn die Gattung sich erheben soll.

   Die Menschengattung aber muß sich heben, weil sie den Endzweck ihres Daseyns nicht mehr außer sich, sondern in sich hat; und also auch durch die Entwicklung aller in ihr schlummernden Kräfte, bis zur Empfindung und Hervorbringung des Schönen, sich in sich selber vollenden muß. - Zu dieser Vollendung aber gehört das duldende Individuum selber mit; dessen Duldung eben, wenn sie vorüber ist, durch die Darstellung zugleich in den höchsten Vollendungspunkt des Schönen mit hinüber geht. -

   So löst sich die Duldung in die Erscheinung auf, indem sie da, wo sie wirklich geduldet ward, nicht mehr empfunden, nicht mehr geduldet wird. -

   Das individuelle Leiden in der Darstellung, geht in das erhabnere Mitleiden über, wodurch eben das Individuum aus sich selbst gezogen, und die Gattung wieder in sich selber vollendet wird.

   Höher aber kann die Menschheit sich nicht heben, als bis auf den Punkt hin, wo sie durch das Edle in ))44(( der Handlung, und das Schöne in der Betrachtung, das Individuum selbst aus seiner Individualität herausziehend, in den schönen Seelen sich vollendet, die fähig sind, aus ihrer eingeschränkten Ichheit, in das Interesse der Menschheit hinüber schreitend, sich in die Gattung zu verlieren.

   Ehe sie aber bis dahin sich erhebt, muß die Duldung des Einzelnen vorhergehen. - Die Gattung ist mit dem Individuum, die Erscheinung mit der Wirklichkeit im ewigen Kampfe.

   Sobald die Erscheinung in der Gattung, über die Wirklichkeit in dem Individuum gesiegt hat, geht das bitterste Leiden, durch das über die Individualität erhabne Mitleid, in die süßeste Wehmuth über; und der Begriff des höchsten Schädlichen in der Wirklichkeit, löst sich in den Begriff des höchsten Schönen in der Erscheinung, auf.

   Und so wie jedes Schöne in der Erscheinung nur in dem Maaße schön ist, als es nicht nützlich zu sein braucht, so ist es auch nur in dem Maaße schön, als es, wenn es wirklich wäre, schädlich seyn würde; und doch auch wieder nicht schädlich seyn würde - in sofern das Wort schädlich von untergeordneten, selbst der Schönheit huldigenden Wesen ausgesprochen wird, die nicht wünschen können, daß das Schöne vertilgt seyn mögte, damit es keine Zerstöhrung an- ))45(( richte; sondern die Schuld der Zerstöhrung von der Schönheit ab, auf die Notwendigkeit der Dinge, oder höhere Mächte wälzen: wie der Greis Priamus beim Homer, der die erhabne, selbst über den durch sie gestifteten Jammer weinende Schönheit, mit sanften Worten tröstet:

   Tochter, du bist nicht, die unsterblichen Götter sind schuldig,
Welche den traurigen Krieg mir mit Achaja erregten.

   Und die zürnenden Trojaner, welche die verderbliche Ursach des Krieges laut verwünschen, können sich nicht enthalten, bei der Ankunft des göttlichen Weibes, sich ins Ohr zu flüstern:

   Wahrlich, sie sind nicht zu schelten, die schön gestiefelten Griechen,
Und die Trojaner, um solch ein Weib so vieles zu dulden:
Denn den Unsterblichen gleicht sie an Wuchs und schöner Gebehrde.

   Der Kampf muß also durchgekämpft, das große Opfer muß dargebracht werden. - Das Geklirr der Waffen, und das Geschrei der Sterbenden muß gen Himmel tönen. - Hektor muß fallen, und Hekuba ihr Haar zerraufen. -

   Hat dann die Zeit über die Zerstöhrung ihre Furche hingezogen, so nimmt die Nachwelt den Jammer der Vorwelt in ihren Busen auf, und macht ihn, wie ein köstliches Kleinod, sich zu eigen, durch welches der Menschheit ihr dauernder Werth gesichert, und ihre edelste und zarteste Bildung vollendet wird.

))46((   Denn in der Duldung liegt der Kern zu jeder höhern Entwicklung; und die Freude selbst nimmt, wo sie am höchsten steigt, von der jungfräulichen Hoffnung und dem geliebten Kummer, mit süßen Tränen, Abschied. - Der freudige Stoff der Dichtkunst lößt sich in sich selber, der tragische in der Veredlung unsres Wesens durch das Mitleid, auf.

   Je weniger wir nämlich das schadende und vernichtende [Vollkommnere] selbst vertilgt wünschen und uns dennoch nicht enthalten können, vor der nahen, unvermeidlichen Vernichtung eines Wesens unsrer Art, zu zittern, um desto edler und reiner muß unser Mitleid werden, weil es mit keiner Bitterkeit und keinem Haß gegen die zerstöhrende Obermacht mehr vermischt ist, sondern, ganz in sich selbst versunken, sich zu der unaufhaltbaren Thräne ründet, worinn unser ganzes mitleidendes Wesen, aus seinem zartesten Vollendungspunkte, sich aufzulösen und zu zerfließen strebt.

   Wir können aber das vernichtende Vollkommnere in so fern nicht vertilgt wünschen, als wir uns zugleich selbst in ihm doppelt vernichtet fühlen würden. -

   Denn in sofern das Schöne alles Mangelhafte von sich ausschließt, begreift es auch alles Wirkliche in sich, das bloß durch sein Mangelhaftes sich von dem Schönen unterscheidet, und eben deswegen sich unwiderstehlich von ihm angezogen fühlt, und mit ihm ))47(( eins zu seyn strebt, weil es in dem Schönen das Ganze erkennt, von dem es selber nur ein Theil ist.

   Indem nun aber das Schöne alles Mangelhafte von sich ausschließt, und alles Wirkliche in sich begreift, ohne doch alles Wirkliche selbst zu seyn, findet es, selbst da, wo es wirklich ist, für jedes Individuum, das mit ihm nicht eins werden kann, immer nur in der Erscheinung statt.

   Wenn nun bei diesem Individuum die Empfindung die Thatkraft überwiegt, und also die Thatkraft durch Zerstöhrung sich nicht rächen kann; so muß das Individuum für den Raub, den es durch die Erkenntniß des ihm unerreichbaren Schönen, an seiner Individualität begangen hat, mit Höllenqualen büßen.

   Sysiphus wälzt den Stein - Tantalus lechzt nach der von seinen Lippen ewig weichenden Fluth. -

   Allein die Qualen sind nur dem Individuum schrecklich, und werden in der Gattung schön - sobald daher die Gattung in dem Individuum sich vollendet, lößt sein Leiden sich von ihm ab, und geht in die Erscheinung, die Empfindung geht in die Bildung über - was von dem bildenden Wesen sich zerstöhrt, ist sein Phantom - das veredelte Daseyn bleibt zurück.

))48((   Eben diese Erscheinung aber faßt das alles in sich, was die Wirklichkeit hätte zerstöhren müssen, wenn sie nicht die Macht gehabt hätte, es von sich abzulösen, und bildend außer sich darzustellen. - So wie jedes vollkommne Kunstwerk seinen Urheber, oder was ihn umgiebt, würde vernichtet haben, wenn es sich aus seiner Kraft nicht hätte entwickeln können.

   In diesem Punkte treffen also Zerstöhrung und Bildung in eins zusammen. - Denn das höchste Schöne der bildenden Künste, faßt dieselbe Summe der Zerstöhrung, in einander gehüllt, auf einmal in sich, welche die erhabenste Dichtkunst, nach dem Maaß des Schönen, auseinander gehüllt, in furchtbarer Folge uns vor Augen legt.

   Ist es nicht die immerwährende Zerstöhrung des Einzelnen, wodurch die Gattung in ewiger Jugend und Schönheit sich erhält?

   Und ist es nicht die durch die reinste Jmagination zum Gott verkörperte Jugend und Schönheit selbst, welche mit sanftem Geschoß die Menschen tödtet; oder mit Köcher und Bogen zürnend einher tritt, düster und furchtbar wie Schrecken der Nächte - den silbernen Bogen spannt - und die verderbenden Pfeile in das Lager der Griechen sendet?

   Sobald nämlich in der vollendeten Schönheit die Gattung sich selbst erblickt, kann sie das, worinn sie ))49(( eigentlich erst sich selbst besitzt, nicht anders, als für das größte Kleinod halten, welches, in sofern es nicht als Erscheinung, sondern als wirklich betrachtet wird, alles Einzelne aufwiegt.

   Weil es nun von jedem als wirklich betrachtet werden kann, so wird das Einzelne dadurch gezwungen, sich wieder unter einander aufzuwiegen, damit sein verhältnißmäßiger Werth gegen das Schöne sichtbar werde, der sich nicht anders, als durch die Zerstöhrung des Schwächern durch das Stärkre, und des Unvollkommnern durch das Vollkommnere, zeigen kann.

   Auf die Weise schreibt die Schönheit der Zerstöhrung selbst ihr edles Maaß vor - wo nicht, so regen die Zähne des Drachen sich in der lockern Erde - die Saat des Kadmus keimt in geharnischten Männern auf, die ihre Schwerter gegen einander kehren, und ehe vom Streit nicht ruhn, bis ihre Leiber wieder den Boden küssen. -

   Weil nun durch die Erscheinung der individuellen Schönheit dieselbe Summe der Zerstöhrung des Einzelnen, in einem kürzern Zeitraume, sichtbar wird, welche zur Erhaltung der immerwährenden Jugend und Schönheit, in der Gattung überhaupt, durch Alter und Krankhei,t fast unmerklich ihren Fortschritt hält:

))50((   Und weil wir diese Zerstöhrung mit der individuellen Schönheit, durch welche sie unmittelbar bewirkt wird, uns zusammendenken:

   So giebt das Schöne, in welches die Zerstöhrung selbst sich wieder auflößt, uns gleichsam ein Vorgefühl von jener großen Harmonie, in welche Bildung und Zerstöhrung einst Hand in Hand, hinüber gehn.

   Und die immerwährende Zerstöhrung des Schwächern durch das Stärkre, und des Unvollkommnern durch das Vollkommnere, scheint uns in eben dem Maaße wie die unaufhörliche Bildung des Unvollkommnern zum Vollkommnern, dem ewigen Schönen nachzuahmen, das, über Zerstöhrung und Bildung selbst erhaben, in der Himmelswölbung und auf der stillen Meeresfläche ruhend, sich uns am reinsten darstellt. -

   Allein unser Begriff des Schönen verliert sich zuletzt doch immer wieder in den Begriff der Nachahmung von etwas, worinn das Vollendete sich wieder zu vollenden, und unser eignes Wesen, in jeder Aeußrung seines Daseyns, uns unbewußt, sich aufzulösen strebt.

   Wo nun die Auflösung eines Wesens unsrer Art am unmittelbarsten durch die schönen Verhältnisse des Ganzen selbst bewirkt wird, und in der edelsten Bil- ))51(( dung dieses Wesens selbst sich gründet, da scheinet in der Darstellung seiner Leiden, die immerwährende Auflösung unsres eignen Wesens, auf einige Augenblicke, uns bewußt zu werden, indem uns dünkt, als ob, im schönen Wiederschein herbeigezaubert, ein Stück aus jenem großen Zirkel vor uns schwebte, in welchen unsre kleinre Laufbahn sich einst verlieren wird. -

   So vollendet die Liebe unser Wesen - das erhabnere Mitleid aber blickt thränend auf die Vollendung selbst herab - Weil es Aufhören und Werden, Zerstöhrung und Bildung in eins zusammenfaßt.

   Und wenn jemals ein schwacher Schimmer des über Zerstöhrung und Bildung erhabnen Schönen sich uns zeigen kann, so muß es auf dem Punkte seyn, wo es aus der über unserm Haupte schwebenden Zerstöhrung selbst uns wieder entgegen lächelt. -

   Das Auge blickt dann, sich selber spiegelnd, aus der Fülle des Daseyns auf. -

   Die Erscheinung ist mit der Wirklichkeit, die Gattung mit dem Individuum eins geworden. -

   Tod und Zerstöhrung selbst verlieren sich in den Begriff der ewig bildenden Nachahmung des über ))52(( die Bildung selbst erhabnen Schönen, dem nicht anders, als durch immerwährend sich verjüngendes Daseyn, nachgeahmt werden kann.

   Durch dieß sich stets verjüngende Daseyn sind wir selber.

   Daß wir selber sind, ist unser höchster und edelster Gedanke.

   Und von sterblichen Lippen, läßt sich kein erhabneres Wort vom Schönen sagen, als: es ist!

 
 
 
 
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