B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A
           
  Friedrich Schiller
1759 - 1805
     
   


A n t h o l o g i e
a u f   d a s   J a h r   1 7 8 2


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[115]
      Kastraten und Männer.
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Ich bin ein Mann! – wer ist es mehr?
      Wers sagen kann, der springe
Frei unter Gottes Sonn einher
      Und hüpfe hoch und singe!

5
Zu Gottes schönem Ebenbild
      Kann ich den Stempel zeigen,
Zum Born woraus der Himmel quillt
      Darf ich hinunter steigen.

Und wol mir, daß ichs darf und kann!
10
      Geht's Mädchen mir vorüber,
Rufts laut in mir. Du bist ein Mann!
      Und küsse sie so lieber.

[116]
Und röther wird das Mädchen dann,
      Und 's Mieder wird ihr enge –
15
Das Mädchen weißt, ich bin ein Mann,
      Drum wird ihr 's Mieder enge.

Wie wird sie erst um Gnade schrein,
      Ertapp ich sie im Bade?
Ich bin ein Mann, das fällt ihr ein,
20
      Wie schrie sie sonst um Gnade?

Ich bin ein Mann, mit diesem Wort,
      Begegn' ich ihr alleine,
Jag ich des Kaisers Tochter fort,
      So lumpicht ich erscheine.

25
Und dieses goldne Wörtchen macht
      Mir manche Fürstin holde,
Mich ruft sie – habt indessen Wacht
      Ihr Buben dort im Golde!

[117]
Ich bin ein Mann, das könnt ihr schon
30
      An meiner Leier riechen,
Sie donnert wie im Sturm davon,
      Sonst würde sie ja kriechen.

Zum Feuergeist im Rükenmark
      Sagt meine Mannheit: Bruder;
35
Und herrschen beide löwenstark
      Umarmend an dem Ruder.

Aus eben diesem Schöpferfluß,
      Woraus wir Menschen sprudeln,
Quillt Götterkraft und Genius,
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      Nur leere Pfeifen dudeln.

Tyrannen haßt mein Talisman
      Und schmettert sie zu Boden,
Und kann er's nicht, führt er die Bahn
      Freiwillig zu den Todten.

[118]
Pompejen hat mein Talisman
      Bei Pharsalus bezwungen,
Roms Wollüstlinge Mann für Mann
      Auf teutschen Sand gerungen.

Saht ihr den Römer stolz und kraus
50
      In Afrika dort sizen?
Sein Aug speit Feuerflammen aus
      Als säht ihr Hekla blizen.

Da kommt ein Bube wohlgemut,
      Gibt manches zu verstehen –
55
„Sprich, du hättst auf Karthago's Schutt
      Den Marius gesehen!“ –

So spricht der stolze Römersmann,
      Der Bub thät fürbaß eilen;
Das dankt der stolze Römersmann,
60
      Das dankt er seinen Pfeilen!

[119]
Drauf thäten seine Enkel sich
      Ihr Erbteil gar abdrehen,
Und huben jedermänniglich
      Anmuthig an zu krähen. –

65
O Pfui, und Pfui und wieder Pfui
      Den Elenden! – sie haben
Verlüderlicht in einem Hui
      Des Himmels beste Gaben,

Dem lieben Herrgott sündiglich
70
      Sein Konterfei verhunzet,
Und in die Menschheit schweiniglich
      Von diesem Nu gegrunzet.

Und schlendern elend durch die Welt,
      Wie Kürbisse von Buben
75
Zu Menschenköpfen ausgehölt,
      Die Schädel leere Stuben!

[120]
Wie Wein, von einem Chemikus
      Durch die Retort getrieben,
Zum Teufel ist der Spiritus,
80
      Das Flegma ist geblieben.

Und fliehen jedes Weibsgesicht,
      Und zittern, es zu sehen, –
Und dörften sie – und können nicht!
      Da möchten sie vergehen! –

85
Und wenn das blonde Seidenhaar,
      Und wenn die Kugelwaden,
Wenn lüstern Mund und Augenpaar
      Zum Lustgenusse laden,

Und zehenmal das Halstuch fällt,
90
      Und aus den losen Schlingen,
Halbkugeln einer bessern Welt,
      Die vollen Brüste springen, –

[121]
Führt gar der höllsche Schadenfroh
      Sie hin, wo Nimfen baden,
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Daß ihre Herzen lichterloh
      Von diebschen Flammen braten,

Wo ihrem Blik der Spiegelfluß
      Elysium entziffert,
Arkana, die kein Genius
100
      Dem Aug je blos geliefert,

Und Ja! die tollen Wünsche schrei'n,
      Und Nein! die Sinne brummen –
O Tantal! stell dein Murren ein!
      Du bist noch gut durchkommen! –

105
Kein kühler Tropfen in den Brand!
      Das heiß' ich auch beteufeln!
Gefühl ist Ihnen Kontreband,
      Sonst müssen sie verzweifeln!

[122]
Drum fliehn sie jeden Ehrenmann,
110
      Sein Glük wird sie betrüben –
Wer keinen Menschen machen kann,
      Der kann auch keinen lieben.


Drum tret ich frei und stolz einher
      Und brüste mich und singe:
115
 Ich bin ein Mann! – Wer ist es mehr?
      Der hüpfe hoch und springe.

O.