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B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  Johann Gottfried Schnabel
vor 1692 - nach 1750

 
 
   
   



W u n d e r l i c h e
F a t a   e i n i g e r
S e e f a h r e r


1 .   T e i l   ( 1 7 3 1 )
A n h a n g :
L e b e n s b e s c h r e i b u n g
d e s   D o n   C y r i l l o
S e i t e   5 2 3 - 5 5 1


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     [523] Das Glücke aber, welches mir biß in mein dreissigstes Jahr noch so ziemlich günstig geschienen, mochte nunmehro auf einmahl beschlossen haben, den Rücken gegen mich zu wenden. Denn mein König und mächtiger Versorger starb im folgenden 1506ten Jahre, die Königin Johanna, welche schon seit einigen Jahren an derjenigen Ehe=Stands=Kranckheit laborirte, die ich in meinen Adern fühlete, jedoch nicht eben dergleichen Artzeney, als ich, gebrauchen wolte oder konte, wurde, weil man sogar ihren Verstand verrückt glaubte, vor untüchtig zum regieren erkannt, derowegen entstunden starcke Verwirrungen unter den Grossen des Reichs, biß endlich Ferdinandus aus Arragonien kam, und sich mit zurücksetzung des 6.jährigen Cron=Printzens Caroli, die Regierung des Castilianischen Reichs auf Lebens=Zeit wiederum zueignete.

     Ich weiß nicht ob mich mein Eigensinn oder ein allzu schlechtes Vertrauen abhielt, bey diesem meinem alten, und nunmehro recht verneuerten Herrn, um die Bekräfftigung meiner Ehren=Stelle und damit verknüpffter Besoldung anzuhalten, wie doch viele meines gleichen thaten, zumahlen da er sich sehr gnädig gegen mich bezeigte, und selbiges nicht undeutlich selbst zu verstehen gab; Jedoch ich stellete mich in diesen meinen besten Jahren älter, schwächer und kräncklicher an als ich war, bath mir also keine andere Gnade aus, als daß mir die Zeit meines Lebens auf meinen Väterlichen Land=Gütern in Ruhe hinzubringen erlaubt seyn möchte, welches mir denn auch ohne alle Weitläufftigkeiten zugelassen wurde.

     [524] Meine Gemahlin schien hiermit sehr übel zufrieden zu seyn, weil sie ohnfehlbar gewisser Ursachen wegen viellieber bey Hofe geblieben wäre, jedoch, sie sahe sich halb gezwungen, meinem Willen zu folgen, gab sich derowegen gantz gedultig drein. Ich fand meine Mutter nebst der jüngsten Schwester auf meinem besten Ritter=Gute, welche die Haußhaltung daselbst in schönster Ordnung führeten. Mein jüngster Bruder hatte so wohl als die älteste Schwester eine vortheilhaffte und vergnügte Heyrath getroffen, und wohneten der erste zwey, und die letztere drey Meilen von uns. Ich verheyrathete demnach, gleich in den ersten Tagen meiner Dahinkunfft, die jüngste Schwester an einen reichen und qualificirten Edelmann, der vor etlichen Jahren unter meinem Regiment als Hauptmann gestanden hatte, und unser Gräntz=Nachbar war, die Mutter aber behielt ich mit gröstem Vergnügen bey mir, allein zu meinem noch grössern Schmertzen starb dieselbe ein halbes Jahr darauf plötzlich, nachdem ich ihr die Freude gemacht, nicht allein meinen Schwestern ein mehreres Erbtheil auszuzahlen, als sie mit Recht verlangen konten, sondern auch dem Bruder die Helffte aller meiner erblichen Ritter=Güter zu übergeben, als wodurch diese Geschwister bewogen wurden, mich nicht allein als Bruder, sondern als einen Vater zu ehren und zu lieben.

     Nunmehro war die Besorgung der Ländereyen auf drey nahe beysammengelegenen Ritter=Gütern mein allervergnügtester Zeitvertreib, nächst [525] dem ergötzte mich in Durchlesung der Geschichte, so in unsern und andern Ländern vorgegangen waren, damit mich aber niemand vor einen Geitzhalß oder Grillenfänger ansehen möchte, so besuchte meine Nachbaren fleißig, und ermangelte nicht, dieselben zum öfftern zu mir zu bitten, woher denn kam, daß zum wenigsten alle Monat eine starcke Zusammenkunfft vieler vornehmer Personen beyderley Geschlechts bey mir anzutreffen war.

     Mit meiner Gemahlin lebte ich ungemein ruhig und verträglich, und ohngeacht wir beyderseits wohl merckten, daß eins gegen das andere etwas besonders müste auf dem Hertzen liegen haben, so wurde doch alle Gelegenheit vermieden, einander zu kräncken. Am allermeisten aber muste bewundern, daß die sonst so lustige Donna Eleonora nunmehro ihren angenehmsten Zeitvertreib in geistlichen Büchern und in dem Umgange mit heiligen Leuten beyderley Geschlechts suchte, dahero ich immer befürchtete, sie möchte auf die Gedancken geraten, sich von mir zu scheiden, und in ein Kloster zu gehen, wie sie denn sich von freyen Stücken gewöhnete, wöchentlich nur zwey mahl bey mir zu schlaffen, worbey ich gleichwohl merckte, daß sie zur selbigen Zeit im Wercke der Liebe gantz unersättlich war, dem ohngeacht wolten sich von unserern ehlichen Beywohnungen gar keine Früchte zeigen, welche ich doch endlich ohne allen Verdruß hätte um mich dulden wollen.

     Eines Tages, da ich mit meiner Gemahlin auf dem Felde herum spatzirenfuhr, begegnete uns ein Weib, welches nebst einem ohngefähr 12. biß 13. [526] jährigen Knaben, in die nächst gelegene Stadt Weintrauben zu verkauffen tragen wolte. Meine Gemahlin bekam Lust, diese Früchte zu versuchen, derowegen ließ ich stillehalten, um etwas darvon zu kauffen. Mittlerweile sagte meine Gemahlin heimlich zu mir: Sehet doch, mein Schatz, den wohlgebildeten Knaben an, der vielleicht sehr armer Eltern Kind ist, und sich dennoch wohl besser zu unserm Bedienten schicken solte, als etliche, die des Brodts nicht würdig sind. Ich nehme ihn, versetzte ich, sogleich zu eurem Pagen an, soferne es seine Mutter und er selbst zufrieden ist. Hierüber wurde meine Gemahlin alsofort vor Freuden Blut=roth, sprach auch nicht allein die Mutter, sondern den Knaben selbst um den Dienst an, schloß den gantzen Handel mit wenig Worten, so, daß der Knabe so gleich mit seinem Frucht=Korbe uns auf unser Schloß folgen muste.

     Ich muste selbst gestehen, daß meine Gemahlin an diesen Knaben, welcher sich Caspar Palino nennete, keine üble Wahl getroffen hatte, denn so bald er sein roth mit Silber verbrämtes Kleid angezogen, wuste er sich dermassen geschickt und höfflich aufzuführen, daß ich ihn selbst gern um mich leiden mochte, und allen meinen andern Bedienten befahl, diesem Knaben, bey Verlust meiner Gnade, nicht den geringsten Verdruß anzuthun, weßwegen sich denn meine Gemahlin gegen mich ungemein erkänntlich bezeugte.

     Wenige Wochen hernach, da ich mit verschiedenen Gästen und guten Freunden das Mittags=Mahl einnahm, entstund ein grausames Lermen [527] in meinem Hofe, da nun dieserwegen ein jeder an die Fenster lieff, wurden wir gewahr, daß meine Jagd=Hunde eine Bettel=Frau, nebst einer etwa 9.jährigen Tochter zwar umgerissen, jedoch wenig beschädigt hatten. Meine Gemahlin lieff aus mitleidigen Antriebe so gleich hinunter, und ließ die mehr von Schrecken als Schmertzen ohnmächtigen Armen ins Hauß tragen und erquicken, kam hernach zurück, und sagte: Ach mein Schatz! was vor ein wunderschönes Kind ersiehet man an diesem Bettel=Mägdlein, vergönnet mir, wo ihr anders die geringste Liebe vor mich habt, daß ich selbiges so wohl als den artigen Kaspar auferziehen mag.

     Ich nahm mir kein Bedencken, ihr solches zu erlauben, denn da in kurtzen das Bettel=Mägdlein dermassen herausgeputzt wurde, auch sich solchergestallt in den Staat zu schicken wuste, als ob es darzu gebohren und auferzogen wäre. Demnach konte sich die Donna Eleonora alltäglich so vieles Vergnügen mit demselben machen, als ob dieses Mägdlein ihr liebliches Kind sey, ausserdem bekümmerte sie sich wenig oder gar nichts um ihre Haußhaltungs=Geschäfte, sondern wendete die meiste Zeit auf einen strengen GOttesdienst, den sie nebst einer heiligen Frauen oder so genannten Beata zum öfftern in einem verschlossenen Zimmer verrichtete.

     Diese Beata lebte sonst gewöhnlich in dem Hospital der Heil. Mutter GOttes in Madrid, hatte, meiner Gemahlin Vorgeben nach, einen Propheten=Geist, solte viele Wunder gethan haben, und noch thun können, über dieses fast täglicher Er=[528]scheinungen der Mutter GOttes, der Engel und anderer Heiligen gewürdiget werden. Sie kam gemeiniglich Abends in der Demmerung mit verhülltem Gesichte, und brachte sehr öffters eine ebenfalls verhüllete junge Weibs=Person mit, die sie vor ihre Tochter ausgab. Ein eintziges mahl wurde mir vergönnet, ihr bloßes Angesicht zu sehen, da ich denn bey der Alten ein ausserordentlich häßliches Gesichte, die Junge aber ziemlich wohlgebildet wahrnahm, jedoch nachhero bekümmerte ich mich fast gantz und gar nicht mehr um ihren Aus= und Eingang, sondern ließ es immerhin geschehen, daß diese Leute, welche ich so wohl als meine Gemahlin vor scheinheilige Narren hielt, öffters etliche Tage und Wochen aneinander in einem verschlossenen Zimmer sich aufgehalten, u. mit den köstlichsten Speisen und Geträncke versorget wurden. Ich muste auch nicht ohne Ursach ein Auge zudrücken, weil zu befürchten war, meine Gemahlin möchte dereinst beym Sterbe=Fall ihr grosses Vermögen mir entziehen, und ihren Freunden zuwenden.

     Solchergestalt lebte nun biß ins vierdte Jahr mit der Donna Eleonora, wiewohl nicht sonderlich vergnügt, doch auch nicht gäntzlich unvergnügt, biß endlich folgende Begebenheit meine bißherige Gemüths=Gelassenheit völlig vertrieb, und mein Hertz mit lauter Rach=Begierde und rasenden Eiffer anfüllete: Meiner Gemahlin vertrautes Cammer=Mägdgen Apollonia, wurde von ihren Mit=Bedienten vor eine Geschwängerte ausgeschryen, und ohngeacht ihr dicker Leib der Sache selbst einen starcken Beweißthum gab, so verließ sie sich doch be=[529]ständig aufs Läugnen, biß ich endlich durch erleidliches Gefängniß, die Wahrheit nebst ihrem eigenen Geständnisse, wer Vater zu ihrem Hur=Kinde sey, zu erforschen Anstalt machen ließ. Dem ohngeacht blieb sie beständig verstockt, allein, am 4ten Tage ihrer Gefangenschafft meldete der Kerckermeister in aller Frühe, daß Apollonia vergangene Nacht plötzlich gestorben sey, nachdem sie vorhero Dinte, Feder und Pappier gefordert, einen Brief geschrieben, und ihn um aller Heiligen Willen gebeten, denselben mit gröster Behutsamkeit, damit es meine Gemahlin nicht erführe, an mich zu übergeben. Ich erbrach den Brief mit zitternden Händen, weil mir mein Hertz allbereit eine gräßliche Nachricht propheceyete, und fand ohngefähr folgende Worte darinnen:

     Gestrenger Herr!
Vernehmet hiermit von einer Sterbenden ein Geheimniß, welches sie bey Verlust ihrer Seeligkeit nicht mit ins Grab nehmen kan. Eure Gemahlin, die Donna Eleonora, ist eine der allerlasterhafftesten Weibes=Bilder auf der gantzen Welt. Ihre Jungfrauschafft hat sie schon, ehe ihr dieselbe geliebt, dem Don Sebastian de Urrez preisgegeben, und so zu reden, vor einen kostbarn Haupt=Schmuck verkaufft. Mit dem euch wohlbekandten Neapolitaner hat sie in eurer Abwesenheit den Knaben Caspar Palino gezeuget, welcher ihr voritzo als Page aufwartet, und das vermeynte Bettel=Mägdlein [530] Euphrosine ist ebenfalls ihre leibliche Tochter, die sie zu der Zeit, als ihr gegen die Maurer zu Felde laget, von ihrem Beichtvater empfangen, und heimlich zur Welt gebohren hat. Lasset eures Verwalters Menellez Frau auf die Folter legen, so wird sie vielleicht bekennen, wie es bey der Geburth und Auferziehung dieser unehelichen Kinder hergegangen. Eure Mutter, die ihr gleich anfänglich zuwider war, habe ich auf ihren Befehl mit einem subtilen Gifft aus der Zahl der Lebendigen schaffen müssen, euch selbst aber, ist eben dergleichen Verhängniß bestimmt, so bald ihr nur eure bißherige Gelindigkeit in eine strengere Herrschafft verwandeln werdet. Wie aber ihre Geilheit von Jugend auf gantz unersättlich gewesen, so ist auch die Zahl derjenigen Manns=Personen allerley Standes, worunter sich öffters sogar die allergeringsten Bedienten gefunden, nicht auszusprechen, die ihre Brunst so wohl bey Tage als Nacht Wechsels=weise abkühlen müssen, indem sie den öfftern Wechsel in diesen Sachen jederzeit von ihr allergröstes Vergnügen gehalten. Glaubet ja nicht, mein Herr, daß die so genannte Beata eine heilige Frau sey, denn sie ist in Wahrheit eine der allerliederlichsten Kupplerinnen von gantz Madrit, unter derjenigen Person aber, die vor ihre Tochter ausgegeben wird, ist allezeit ein verkappter Mönch, oder ein anderer junger Mensch [531] versteckt, der eure Gemahlin, so offt ihr die Lust bey Tage ankömmt, vergnügen, und des Nachts an ihrer Seite liegen muß, und eben dieses ist die sonderbare Andacht, so dieselbe in dem verschlossenen Zimmer verrichtet. Ich fühle, daß mein Ende heran nahet, derowegen muß die übrigen Schand=Thaten unberühret lassen, welche jedoch von des Menellez Frau offenbaret werden können, denn ich muß, die vielleicht noch sehr wenigen Augenblicke meines Lebens, zur Busse und Gebet anwenden, um dadurch von GOtt zu erlangen, daß er mich grosse Sünderin seiner Barmhertzigkeit geniessen lasse. Was ich aber allhier von eurer Gemahlin geschrieben habe, will ich in jenem Leben verantworten, und derselben von gantzen Hertzen vergeben, daß sie gestern Abend die Cornelia zu mir geschickt, die mich nebst meiner Leibes=Frucht, vermittelst eines vergiffteten Apffels, unvermerckt aus der Welt schaffen sollen, welches ich nicht ehe als eine Stunde nach Geniessung desselben empfunden und geglaubet habe. Don Vincentio de Garziano, welcher der Donna Eleonora seit 4. Monaten daher von der Beata zum Liebhaber zugeführet worden, hat wider meiner Gebietherin Wissen und Willen seinen Muthwillen auch an mir ausgeübt, und mich mit einer unglückseeligen Leibes=Frucht belästiget. Vergebet mir, gnädigster Herr, meine Boßheiten [532] und Fehler, so wie ich von GOTT Vergebung zu erhalten verhoffe, lasset meinen armseeligen Leib in keine ungeweyhete Erde begraben, und etliche Seel=Messen vor mich und meine Leibes=Frucht lesen, damit ihr in Zukunfft von unsern Geistern nicht verunruhiget werdet. GOTT, der meine Seele zu trösten nunmehro einen Anfang machet, wird euch davor nach ausgestandenen Trübsalen und Kümmernissen wiederum zeitlich und ewig zu erfreuen wissen. Ich sterbe mit grösten Schmertzen als eine bußfertige Christin und eure
     unwürdige Dienerin
     Apollonia.

     Erwege selbst, du! der du dieses liesest, wie mir nach Verlesung dieses Briefes müsse zu Muthe gewesen seyn, denn ich weiß weiter nichts zu sagen, als daß ich binnen zwey guten Stunden nicht gewust habe, ob ich noch auf Erden oder in der Hölle sey, denn mein Gemüthe wurde von gantz ungewöhnlichen Bewegungen dermassen gefoltert und zermartert, daß ich vor Angst und Bangigkeit nicht zu bleiben wuste, jedoch, da aus den vielen Hin= und Hergehen der Bedienten muthmassete, daß Eleonora erwacht seyn müsse, brachte ich dasselbe in behörige Ordnung, nahm eine verstellte gelassene Gebärde an, und besuchte sie in ihrem Zimmer, ich war würklich selbst der erste, der ihr von dem Tode der Apolloniæ die Zeitung brachte, welche sie mit mäßiger Verwunderung anhörte, und dar=[533]bey sagte: Der Schand=Balg hat sich ohnfehlbar selbst mit Giffte hingerichtet, um des Schimpffs und der Straffe zu entgehen, man muß es untersuchen, und das Aas auf den Schind=Anger begraben lassen. Allein, ich gab zur Antwort: Wir werden besser thun, wenn wir die gantze Sache vertuschen, und vorgeben, daß sie eines natürlichen Todes gestorben sey, damit den Leuten, und sonderlich der heiligen Inquisition, nicht Gelegenheit gegeben wird, vieles Wesen davon zu machen, ich werde den Pater Laurentium zu mir ruffen lassen, und ihm eine Summe Geldes geben, daß er nach seiner besondern Klugheit alles unterdrücke, den unglückseeligen Cörper auf den Kirchhof begraben lasse, und etliche Seel=Messen vor denselben lese. Ihr aber, mein Schatz! sagte ich ferner, werdet, so es euch gefällig ist, die Güte haben, und nebst mir immittelst zu einem unserer Nachbarn reisen, und zwar, wohin euch beliebt, damit unsere Gemüther, nicht etwa dieser verdrüßlichen Begebenheit wegen, einige Unlust an sich nehmen, sondern derselben bey lustiger Gesellschafft steuren können.

     Es schien, als ob ihr diese meine Reden gantz besonders angenehm wären, auf mein ferneres Fragen aber, wohin sie vor dieses mahl hin zu reisen beliebte? schlug sie so gleich Don Fabio de Canaria vor, welcher 3. Meilen von uns wohnete, keine Gemahlin hatte, sondern sich mit etlichen Huren behalff, sonsten aber ein wohlgestaltet, geschickter und kluger Edelmann war. Ich stutzte ein klein wenig über diesen Vorschlag, Eleonora aber, welche [534] solches sogleich merckte, sagte: Mein Schatz, ich verlange nicht ohne Ursache, diesen übel=berüchtigten Edelmann einmahl zu besuchen, um welchen es Schade ist, daß er in so offenbarer Schande und Lastern lebt, vielleicht aber können wir ihn durch treuhertzige Zuredungen auf andern Wege leiten, und dahin bereden, daß er sich eine Gemahlin aussuchet, mithin den Lastern absaget. Ihr habt recht, gab ich zur Antwort, ja ich glaube, daß niemand auf der Welt, als ihr, geschickter seyn wird, diesen Cavalier zu bekehren, von dessen Lebens=Art, ausser der schändlichen Geilheit, ich sonst sehr viel halte, besinnet euch derowegen auf gute Vermahnungen, ich will indessen meine nöthigsten Geschäffte besorgen, und so dann gleich Anstalt zu unserer Reise machen lassen. Hierauf ließ ich den Kercker=Meister zu mir kommen, und erkauffte ihn mit 200. Cronen, wegen des Briefs und Apolloniens weitern Geschichten, zum äusersten Stillschweigen, welches er mir mit einem theuren Eyde angelobte. Mit dem Pater Laurentio, der mein Beicht=Vater und Pfarrer war, wurde durch Geld alles geschlichtet, was des todten Cörpers halber zu veranstalten war. Nach diesen befahl meinem allergetreusten Leib=Diener, daß er binnen der Zeit unserer Abwesenheit eine kleine schmale Thür aus einem Neben=Zimmer in dasjenige Gemach durchbrechen, und mit Bretern wohl verwahren solte, allwo die Beata nebst ihrer Tochter von meiner Gemahlin gewöhnlich verborgen gehalten wurde, und zwar solchergestalt, daß Niemand von dem andern Gesinde etwas davon er=[535]führe, auch in dem Gemach selbst an den Tapeten nichts zu mercken seyn möchte. Mittlerweile erblickte ich durch mein Fenster, daß die Beata nebst ihrer verstellten Tochter durch die Hinter=Thür meines Gartens abgefertiget und fortgeschickt wurden, weßwegen ich meinen Leib=Diener nochmahls alles ordentlich zeigte, und ihn meiner Meinung vollkommen verständigte, nach eingenommener Mittags=Mahlzeit aber, mit Eleonoren zu Don Fabio de Canaria reisete.

     Nunmehro waren meine Augen weit heller als sonsten, denn ich sahe mehr als zu klärlich, mit was vor feurigen Blicken und geilen Gebährden Eleonora und Fabio einander begegneten, so daß ich leichtlich schliessen konte: wie sie schon vordem müsten eine genauere Bekandtschafft untereinander gepflogen haben, anbey aber wuste mich dermassen behutsam aufzuführen, daß beyde Verliebten nicht das geringste von meinen Gedancken errathen oder mercken konten. Im gegentheil gab ihnen die schönste Gelegenheit allein zusammen zu bleiben, und sich in ihrer verdammten Geilheit zu vergnügen, als womit ich Eleonoren ausserordentlich sicher machte, dem Fabio aber ebenfalls die Meynung beybrachte: ich wolte oder könte vielleicht nicht Eiffersüchtig werden. Allein dieser Vogel war es eben nicht allein, den ich zu fangen mir vorgenommen hatte. Er hatte noch viele andere Edelleute zu sich einladen lassen, unter denen auch mein Bruder nebst seiner Gemahlin war, diesem vertrauete ich bey einem einsamen Spatzier=Gange im Garten, was mir vor ein schwerer Stein auf dem Hertzen [536] läge, welcher denn dieserwegen ebenso hefftige Gemüths=Bewegungen als ich selbst empfand, jedoch wir verstelleten uns nach genommener Abrede aufs Beste, und schienen so wohl als alle andern, drey Tage nacheinander rechtschaffen lustig zu seyn. Am vierdten Tage aber reiseten wir wiederum aus einander, nachdem mein Bruder versprochen, alsofort bey mir zu erscheinen, so bald ich ihm deßfalls nur einen Boten gesendet hätte. Zwey Tage nach unserer Heimkunfft, kam die verhüllte Beata nebst ihrer vermeynten Tochter in aller Frühe gewandelt, und wurde von Eleonoren mit gröstem vergnügen empfangen. Mein Hertz im Leibe entbrannte vom Eiffer und Rache, nachdem ich aber die Arbeit meines Leib=Dieners mit Fleiß betrachtet, und die verborgene Thür nach meinem Sinne vollkommen wohl gemacht befunden, ließ ich meinen Bruder zu mir entbiethen, welcher sich denn noch vor Abends einstellete. Meine Gemahlin war bey der Abend=Mahlzeit ausserordentlich wohl aufgeräumt, und schertzte wider ihre Gewohnheit sehr lange mit uns, da wir aber nach der Mahlzeit einige Rechnungen durchzugehen vornahmen, sagte sie: Meine Herren, ich weiß doch, daß euch meine Gegenwart bey dergleichen ernstlichen Zeitvertreibe beschwerlich fällt, derowegen will mit eurer gütigen Erlaubniß Abschied nehmen, meine Andacht verrichten, hernach schlafen gehen, weil ich ohnedem heute ausserordentlich müde bin. Wir fertigten sie von beyden Seiten mit unverdächtiger Freundlichkeit ab, blieben noch eine kurtze Zeit beysammen sitzen, begaben uns hernach mit zweyen Blend=Laternen und [537] blossen Seiten=Gewehren, gantz behutsam und stille in dasjenige Zimmer, wo die neue Thür anzutreffen war, allwo man auch durch die kleinen Löcher, welche so wohl durch die Breter als Tapeten geschnitten und gestochen waren, alles gantz eigentlich sehen konte, was in dem, vor heilig gehaltenen Gemache vorgieng.

     Hilff Himmel! Was vor Schande! Was vor ein scheußlicher Anblick! Meine schöne, fromme, keusche, tugendhaffte, ja schon halb canonisirte Gemahlin, Donna Eleonora de Sylva, gieng mit einer jungen Manns=Person Mutternackend im Zimmer auf und ab spatzieren, nicht anders als ob sie den Stand der Unschuld unserer ersten Eltern, bey Verlust ihres Lebens vorzustellen, sich gezwungen sähen. Allein wie kan ich an den Stand der Unschuld gedencken? Und warum solte ich auch diejenigen Sodomitischen Schand=Streiche erwehnen, die uns bey diesem wunderbaren Paare in die Augen fielen, die aber auch kein tugendliebender Mensch leichtlich errathen wird, so wenig als ich vorhero geglaubt, daß mir dergleichen nur im Traume vorkommen könne.

     Mein Bruder und ich sahen also diesem Schand= und Laster=Spiele länger als eine halbe Stunde zu, binnen welcher Zeit ich etliche mahl vornahm die Thür einzustossen, und diese bestialischen Menschen zu ermorden, allein mein Bruder, der voritzo etwas weniger hitzig als ich war, hielt mich davon ab, mit dem Bedeuten: dergleichen Strafe wäre viel zu gelinde, über dieses so wolten wir doch erwarten, was nach dem saubern Spatziergange würde vorgenom=[538]men werden. Wiewohl nun solches leichtlich zu errathen stund, so wurde doch von uns die rechte Zeit, und zwar mit erstaunlicher Gelassenheit abgepasset. Sobald demnach ein jedes von den Schand=Bälgern einen grossen Becher ausgeleeret, der mit einem besonders annehmlichen Geträncke, welches die verfluchte Geilheit annoch vermehren solte, angefüllet gewesen; fielen sie als gantz berauschte Furien, auf das seitwärts stehende Huren=Lager, und trieben daselbst solche Unflätereyen, deren Angedencken ich gern auf ewig aus meinen Gedancken verbannet wissen möchte. Nunmehro, sagte mein Bruder, haben die Lasterhafften den höchsten Gipffel aller schändlichen Wollüste erstiegen, derowegen kommet mein Bruder! und lasset uns dieselben in den tieffsten Abgrund alles Elendes stürtzen, jedoch nehmet euch so wohl als ich in acht, daß keins von beyden tödtlich verwundet werde. Demnach wurde die kleine Thür in aller Stille aufgemacht, wir traten durch die Tapeten hinein, ohne von ihnen gemerckt zu werden, biß ich den verfluchten geilen Bock beym Haaren ergriff, und aus dem Bette auf den Boden warff. Eleonora that einen eintzigen lauten Schrey, und bliebe hernach auf der Stelle ohnmächtig liegen. Die verteuffelte Beata kam im blossen Hembde mit einem Dolche herzugesprungen, und hätte mich ohnfehlbar getroffen, wo nicht mein Bruder ihr einen solchen hefftigen Hieb über den Arm versetzt, wovon derselbe biß auf eine eintzige Sehne durchschnitten und gelähmet wurde. Ich gab meinem Leib=Diener ein abgeredetes Zeichen, welcher sogleich nebst 2. Knechten in dem Neben=Zimmer zum Vor=[539]scheine kam, und die zwey verfluchten Frembdlinge, so wir dahinein gestossen hatten, mit Stricken binden, und in einen sehr tieffen Keller schleppen ließ.

     Eleonora lag so lange noch ohne alle Empfindung, biß ihr die getreue Cornelia bey nahe dreyhundert Streiche mit einer scharffen Geissel auf den wollüstigen nackenden Leib angebracht hatte, denn diese Magd sahe sich von mir gezwungen, ihrer Frauen dergleichen kräfftige Artzeney einzugeben, welche die gewünschte Würckung auch dermassen that, daß Eleonora endlich wieder zu sich selbst kam, mir zu Fusse fallen, und mit Thränen um Gnade bitten wolte. Allein meine bißherige Gedult war gäntzlich erschöpfft, derowegen stieß ich die geile Hündin mit einem Fusse zurücke, befahl der Cornelia ihr ein Hembd überzuwerffen, worauff ich beyde in ein leeres wohlverwahrtes Zimmer stieß, und alles hinweg nehmen ließ, womit sie sich etwa selbsten Schaden und Leyd hätten zufügen können. Noch in selbiger Stunde wurde des Menellez Frau ebenfalls gefänglich eingezogen, den übrigen Theil der Nacht aber, brachten ich und mein Bruder mit lauter Berathschlagungen hin, auf was vor Art nehmlich, die wohl angefangene Sache weiter auszuführen sey. Noch ehe der Tag anbrach, begab ich mich hinunter in das Gefängniß zu des Menellez Frau, welche denn gar bald ohne Folter und Marter alles gestund, was ich von ihr zu wissen begehrte. Hierauff besuchte nebst meinem Bruder die Eleonora, und gab derselben die Abschrifft von der Apollonie Briefe zu lesen, worbey sie etliche [540] mahl sehr tieff seuffzete, jedoch unseres Zuredens ohngeacht, die äuserste Verstockung zeigte, und durchaus kein Wort antworten wolte. Demnach ließ ich ihren verfluchten Liebhaber in seiner Blösse, so wohl als die schändliche Beata herzu führen, da denn der Erste auf alle unsere Fragen richtige Antwort gab, und bekannte: Daß er Don Vincentio de Garziano hieße, und seit 4. oder 5. Monaten daher, mit der Eleonora seine schandbare Lust getrieben hatte, bat anbey, ich möchte in Betrachtung seiner Jugend und vornehmen Geschlechts ihm das Leben schencken. Es ist mir, versetzte ich, mit dem Tode eines solchen liederlichen Menschen, wie du bist, wenig oder nichts geholffen, derowegen solstu zwar nicht hingerichtet, aber doch also gezeichnet werden, daß die Lust nach frembden Weibern verschwinden, und dein Leben ein täglicher Tod seyn soll. Hiermit gab ich meinem Leibdiener einen Winck, welcher sogleich 4. Handfeste Knechte hereintreten ließ, die den Vincentio sogleich anpackten, und auf eine Tafel bunden. Dieser merckte bald was ihm widerfahren würde, fieng derowegen aufs neue zu bitten und endlich zu drohen an: wie nehmlich sein Vater, der ein vornehmer Königl. Bedienter und Mit=Glied der Heil. Inquisition sey, dessen Schimpff sattsam rächen könte, allein es halff nichts, sondern meine Knechte verrichteten ihr Ammt so, daß er unter kläglichem Geschrey seiner Mannheit beraubt, und nachhero wiederum gehefftet wurde. Ich muste zu meinem allergrösten Verdrusse sehen: Daß Eleonora dieserwegen die bittersten Thränen fallen ließ, um deßwillen sie von mir mit dem Fusse [541] dermassen in die Seite gestossen wurde, daß sie zum andern mahle ohnmächtig darnieder sanck. Bey mir entstund dieserwegen nicht das geringste Mittleyden, sondern ich verließ sie unter den Händen der Cornelia, der Verschnittene aber muste nebst der vermaledeyten Kupplerin zurück ins Gefängniß wandern. Nachhero wurde auch die Cornelia vorgenommen, welche sich in allen aufs Läugnen verließ, und vor die allerunschuldigste angesehen seyn wolte, so bald ihr aber nur die Folter=Bank nebst dem darzu gehörigen Werck=Zeuge gezeigt wurde, bekannte die liederliche Metze nicht allein, daß sie auf Eleonorens Befehl den vergiffteten Apfel zugerichtet, und ihn der Apollonie zu essen eingeschwatzt hätte, sondern offenbarete über dieses noch ein und anderes von ihrer verstorbenen Mit=Schwester Heimlichkeiten, welches alles aber nur Eleonoren zur Entschuldigung gereichen, und mich zur Barmhertzigkeit gegen dieselbe bewegen solte. Allein dieses war alles vergebens, denn mein Gemüthe war dermassen von Grimm und Rache erfüllet, daß ich nichts mehr suchte als dieselbe rechtmäßiger Weise auszuüben. Immittelst, weil ich mich nicht allzusehr übereilen wolte, wurde die übrige Zeit des Tages nebst der darauff folgenden Nacht, theils zu reifflicher Betrachtung meines unglückseel. Verhängnisses, theils aber auch zur benöthigten Ruhe angewendet.

     Da aber etwa zwey Stunden vor Anbruch des Tages im halben Schlummer lag, erhub sich ein starcker Tumult in meinem Hofe, weßwegen ich aufsprunge und durchs Fenster ersahe, wie meine Leute [542] mit etlichen frembden Personen zu Pferde, bey Lichte einen blutigen Kampf hielten. Mein Bruder und ich warffen sogleich unsere Harnische über, und eileten den unsern beyzustehen, von denen allbereit zwey hart verwundet auf dem Platze lagen, jedoch so bald wir unsere Schwerdter frisch gebrauchten, fasseten meine Leute neuen Muth, daß 5. unbekandte Feinde getödtet, und die übrigen 7. verjagt wurden. Indem kam ein Geschrey, daß sich auf der andern Seiten des Schlosses, ein Wagen nebst etlichen Reutern befände, welche Eleonoren und Cornelien, die sich itzo zum Fenster herabliessen, hinwegführen wolten. Wir eileten ingesammt mit vollen sprüngen dahin, und trafen die beyden saubern Weibs=Bilder allbereit auf der Erden bey dem Wagen an, demnach entstunde daselbst abermahls ein starckes Gefechte, worbey 3. von meinen Leuten, und 8. feindliche ins Gras beissen musten, jedoch letztlich wurden Wagen und Reuter in die Flucht geschlagen, Eleonora und Cornelia aber blieben in meiner Gewalt und musten, um besserer Sicherheit willen, sich in ein finsteres Gewölbe verschliessen lassen.

     Ohnfehlbar hatte Cornelia diesen nächtlichen Uberfall angesponnen, indem sie vermuthlich Gelegenheit gefunden, etwa eine bekandte getreue Person aus dem Fenster anzuruffen, und dieselbe mit einem Briefe so wohl an ihre eigene als Eleonorens Vettern oder Buhler abzusenden, welche dann allerhand Waghälse an sich gezogen, und sie zu erlösen, diesen Krieg mit mir und den Meinigen angefangen [543] hatten, allein ihr Vortheil war sehr schlecht, indem sie 13. todte zurück liessen, wiewohl ich von meinen Bedienten und Unterthanen auch 4. Mann dabey einbüssete. Dieses eintzige kam mir hierbey am allerwundersamsten vor, daß derjenige Keller in welchem die Beata und der Verschnittene lagen, erbrochen, beyde Gefangene aber nirgends anzutreffen waren, wie ich denn auch nachhero niemahls etwas von diesen schändlichen Personen erfahren habe.

     Ich ließ alle meine Nachbarn bey den Gedancken, daß mich vergangene Nacht eine Räuber=Bande angesprenget hätte, denn weil meine Bedienten und Unterthanen noch zur Zeit reinen Mund hielten, wuste niemand eigentlich, was sich vor eine verzweiffelte Geschicht in meinem Hause zugetragen. Gegen Mitternacht aber lieff die grausame Nachricht bey mir ein, daß sich so wohl Eleonora als Cornelia, vermittelst abgerissener Streifen von ihren Hembdern, verzweiffelter Weise an zwey im Gewölbe befindlichen Haken, selbst erhänckt hätten, auch bereits erstarret und erkaltet wären. Ich kan nicht läugnen, daß mein Gemüthe dieserwegen höchst bestürzt wurde, indem ich mir vorstellete: Daß beyde mit Leib und Seele zugleich zum Teuffel gefahren, indem aber nebst meinem Bruder diesen gräßlichen Zufall beseuffzete und berathschlagte, was nunmehro anzufangen sey, meldete sich ein Bothe aus Madrit, der sein Pferd zu tode geritten hatte, mit folgenden Briefe bey mir an:

     [544]
     Mein Vetter!
ES hat mir ein vertrauter Freund vom Hofe ingeheim gesteckt, daß sich entsetzliche Geschichte auf eurem Schlosse begeben hätten, worüber jederman, der es hörete, erstaunen muste. Ihr habt starcke Feinde, die dem, euch ohne dieses schon ungnädigen Könige, solche Sache noch heute Abends vortragen und den Befehl auswürcken werden, daß der Königl. Blut=Richter nebst seinen und des Heil. Officii Bedienten, vermuthlich noch Morgen vor Mittags bey euch einsprechen müssen. Derowegen bedencket euer Bestes, machet euch bey Zeiten aus dem Staube, und glaubet sicherlich, daß man, ihr möget Recht oder Unrecht haben, dennoch euer Gut und Blut aussaugen wird. Reiset glücklich, führet eure Sachen in besserer Sicherheit aus, und wisset, daß ich beständig sey
     euer getreuer Freund
     Don Alphonso de Cordua.

     Nunmehro wolte es Kunst heissen, in meinen verwirrten Angelegenheiten einen vortheilhafften Schluß zu fassen, jedoch da alle Augenblicke kostbarer zu werden schienen, kam mir endlich meines getreuen Vetters Rath am vernünfftigsten vor, zumahlen da mein Bruder denselben gleichfalls billigte. Also nahm ich einen eintzigen getreuen Diener zum Gefährten, ließ zwey der besten Pferde satteln, und so viel Geld und Kleinodien darauf pa=[545]cken, als sie nebst uns ertragen mochten, begab mich solchergestallt auf die schnellste Reise nach Portugall, nachdem ich nicht allein meinem Bruder mein übriges Geld und Kostbarkeiten mit auf sein Gut zu nehmen anvertrauet, sondern auch, nebst ihm meinem Leib=Diener und andern Getreuen, Befehl ertheilet, wie sie sich bey diesen und jenen Fällen verhalten solten. Absonderlich aber solte mein Bruder des Menellez Frau, wie nicht weniger den Knaben Caspar Palino, und das Mägdlein Euphrosinen heimlich auf sein Schloß bringen, und dieselben in genauer Verwahrung halten, damit man sie jederzeit als lebendige Zeugen darstellen könne.

     Ich gelangete hierauff in wenig Tagen auf dem Portugisischen Gebiethe, und zwar bey einem bekandten von Adel an, der mir auf seinem wohlbefestigten Land=Gute den sichersten Auffenthalt versprach.

     Von dar aus überschrieb ich meine gehabten Unglücks=Fälle mit allen behörigen Umständen an den König Ferdinandum, und bat mir nichts als einen Frey= und Sicherheits=Brief aus, da ich denn mich ohne Zeit=Verlust vor dem hohen Gerichte stellen, und meine Sachen nach den Gesetzen des Landes wolte untersuchen und richten lassen. Allein obzwar der König anfänglich nicht ungeneigt gewesen mir dergleichen Brief zu übersenden, so hatten doch der Eleonora und des Vincentio Befreundte, nebst meinen anderweitigen Feinden alles verhindert, und den König dahin beredet: Daß derselbe, nachdem ich, auf dreymahl wiederholte Citation, [546] mich nicht in das Gefängniß des Heil. Officii gestellet, vor schuldig straffbar erkläret wurde.

     Bei so gestallten Sachen waren alle Vorstellungen, die ich so wohl selbst schrifftlich, als durch einige annoch gute Freunde thun ließ, gäntzlich vergebens, denn meine Güter hatte der König in Besitz nehmen lassen, und einen Theil von den Einkünfften derselben dem Heil. Officio anheim gegeben. Ich glaube gantz gewiß, daß des Königs Geitz, nachdem er diese schöne Gelegenheit besser betrachtet, mehr Schuld an diesem meinen gäntzlichen Ruine gewesen, als die Verfolgung meiner Feinde, ja als die gantze Sache selbst. Mein Bruder wurde ebenfalls nicht übergangen, sondern um eine starcke Summe Geldes gestrafft, jedoch dieser hat meinetwegen keinen Schaden gelitten, indem ich ihm alles Geld und Gut, so er auf mein Bitten von dem Meinigen zu sich genommen, überlassen, und niemahls etwas zurück gefordert habe. Also war der König, der sich in der Jugend selbst zu meinen Versorger aufgeworffen hatte, nachhero mein Verderber, welches mich jedoch wenig Wunder nahm, wenn ich betrachtete, wie dessen unersättlicher Eigen=Nutz nicht allein alle vornehmsten des Reichs zu paaren trieb, sondern auch die besten Einkünffte der Ordens=Ritter an sich zohe.

     Dem ohngeacht schien es als ob ich noch nicht unglückseelig genug wäre, sondern noch ein härter Schicksal am Leibe und Gemüth ertragen solte, denn es schrieb mir abermahls ein vertrauter Freund: Daß Ferdinandus meinen Auffenthalt in Portugal erfahren hätte, und dieserwegen ehe=[547]stens bey dem Könige Emanuel, um die Auslieferung meiner Person bitten wolte, im Fall nun dieses letztere geschähe, dürffte keinen Zweiffel tragen, entweder meinen Kopf zu verlieren, oder wenigstens meine übrige Lebens=Zeit in dem Thurme zu Segovia als ein ewiger Gefangener hinzubringen. Da nun weder dieses noch jenes zu versuchen beliebte, und gleichwohl eines als das andere zu befürchten die gröste Ursach hatte, fassete ich den kurtzen Schluß: mein verlohrnes Glück zur See wieder zu suchen, und weil eben damahls vor 8. oder 9. Jahren die Portugiesen in der neuen Welt eine grosse und treffliche Landschafft entdeckt, und selbige Brasilien genennet hatten, setzte ich mich im Port=Cale zu Schiffe, um selbiges Land selbst in Augenschein zu nehmen, und da es nur in etwas angenehm befände, meine übrige Lebens=Zeit daselbst zu verbleiben. Allein das Unglück verfolgte mich auch zur See, denn um die Gegend der so genannten glückseeligen Insuln, wurden die Portugisischen Schiffe, deren 8. an der Zahl waren, so mit einander seegelten, durch einen hefftigen Sturm=Wind zerstreuet, dasjenige aber, worauf ich mich befand, zerscheiterte an einem Felsen, so daß ich mein Leben zu erhalten einen Balcken ergreiffen, und mich mit selbigen 4. Tage nach einander vom Winde und Wellen muste herum treiben lassen. Mein Untergang war sehr nahe jedoch der Himmel hatte eben zu rechter Zeit etliche Spanische Schiffe in diese Gegend geführet, welche nebst andern auch mich auffischeten und erquickten.

     Es waren dieses die Schiffe des Don Alphonso [548] Hojez, und des Don Didaco de Niqvesa, welche beyde von dem Spanischen Könige, als Gouverneurs, und zwar der erste über Carthago, der andere aber über Caragua, in die neu erfundene Welt abgefertiget waren. Unter allen bey sich habenden Leuten war nur ein eintziger, der mich, und ich hinwiederum ihn von Person sehr wohl kennete, nehmlich: Don Vasco Nunez di Valboa, der unter dem Hojez ein Schiffs=Hauptmann war, dieser erzeigte sich sehr auffrichtig gegen mich, hatte vieles Mittleyden wegen meines unglücklichen Zustandes, und Schwur wider meinen willen, mich niemanden zu entdecken, also blieb ich bey ihm auf seinem Schiffe, allwo er mich, mit Vorbewust des Hojez, zu seinem Schiffs=Lieutenant machte.

     Wir erreichten demnach ohne ferneres Ungemach die Insul Hispaniolam, daselbst rüstete der Gouverneur Hojez, 4. grosse und starcke, nebst etlichen kleinen Neben=Schiffen aus, auf welchen wir gerades Wegs hinüber nach der Stadt Neu=Carthago zu seegelten. Hieselbst publicirte Hojez denen Einwohnern des Landes das königliche Edict: Wie nehmlich dieselben von ihrem bißherigen Heydnischen Aberglauben ablassen, von den Spaniern das Christenthum nebst guten Sitten und Gebräuchen annehmen, und den König in Castilien vor ihren Herrn erkennen solten, widrigen falls man sie mit Feuer und Schwerdt verfolgen, und in die strengste Sclaverey hinweg führen wolte.

     Allein diese Leute gaben hierauff sehr freymüthig zur Antwort: Daß sie sich um des Königs von Ca=[549]stilien Gnade oder Ungnade gar nichts bekümmerten, nächst diesen möchten sie zwar gern das Vergnügen haben in ihrem Lande mit frembden Völckern umzugehen, und denenselben ihre überflüßigen Reichthümer zuzuwenden, doch müsten sich selbige freundlich, fromm und tugendhafft aufführen. Da aber die Spanier seit ihrer ersten Ankunfft etliche Jahre daher nichts als Tyranney, Geitz, Morden, Blutvergiessen, Rauben, stehlen, sängen und brennen, nebst andern schändlichen Lastern von sich spüren lassen, nähmen sie sich ein billiges Bedencken, dergleichen verdächtiges Christenthum, Sitten und Gebräuche anzunehmen. Demnach möchten wir nur alsofort zurücke kehren und ihre Gräntzen verlassen, widrigenfalls sie sich genöthiget sähen ihre Waffen zu ergreiffen, und uns mit Gewalt von dannen zu treiben.

     Ich vor meine Person wuste diesen sehr vernunfftmäßigen Entschluß nicht im geringsten zu tadeln, zumahlen da die gottlose und unchristliche Aufführung meiner Lands=Leute mehr als zu bekannt worden. Dem ohngeacht ließ der Gouverneur also bald sein Kriegs=Volck an Land steigen, fieng aller Orten zu sängen, zu brennen, todtzuschlagen und zu verfolgen an, verschonete auch weder Jung noch Alt, Reich noch Arm, Männ= oder Weibliches Geschlechte, sondern es muste alles ohne Unterschied seiner Tyranney herhalten.

     Meine Hände hüteten sich so viel als möglich war, dieses unschuldige Blut vergiessen zu helffen, ja ich beklagte von Grunde meiner Seelen, daß mich ein unglückliches Verhängniß eben in dieses jam=[550]mervolle Land geführet hatte, denn es bedünckte mich unrecht und grausam, auch gantz wieder Christi Befehl zu seyn, den Heyden auf solche Art das Evangelium zu predigen. Uber dieses verdroß mich heimlich, daß der Gouverneur aus purer Boßheit, das Königliche Edict, welches doch eigentlich nur auf die Caraiber oder Menschen=Fresser zielete, so muthwillig und schändlich mißbrauchte, und nirgends einen Unterschied machte, denn ich kan mit Wahrheit schreiben: daß die Indianer auf dem festen Lande, und einigen andern Insuln, nach dem Lichte der Natur dermassen ordentlich und tugendhafft lebten, daß mancher Maul=Christe dadurch nicht wenig beschämt wurde.

     Nachdem aber der Gouverneur Hojez um Carthago herum ziemlich reine Arbeit gemacht, und daselbst ferner keinen Gegenstandt seiner Grausamkeit antreffen konte, begab er sich über die zwölff Meilen weiter ins Land hinein, streiffte allerwegen herum, Bekriegte etliche Indianische Könige, und verhoffte solchergestallt ein grosse Beute von Gold und Edelgesteinen zu machen, weil ihm etliche Gefangene Indianer hierzu die gröste Hoffnung gemacht hatten. Allein er fand sich hierinnen gewaltig betrogen, denn da wir uns am allersichersten zu seyn bedüncken liessen, hatte sich der Caramairinenser König mit seinem außerlesensten Land=Volcke in beqveme heimliche Oerter versteckt, welcher uns denn dermassen scharff zusetzte, daß wir gezwungen wurden eiligst die Flucht zu ergreiffen und dem Meere zu zu eilen nachdem wir des Hojez Obristen Lieutenant Don Juan de la Cossa, nebst [551] 74. der tapffersten Leute eingebüsset, als welche von den Indianern jämmerlich zerhackt und gefressen worden, woraus geurtheilet wurde, daß die Caramairinenser von den Caraibern oder Menschen=Fressern herstammeten, und derselben Gebrauche nachlebten, allein ich halte davor, daß es diese sonst ziemlich vernünfftigen Menschen damahls, mehr aus rasenden Eifer gegen ihre Todt=Feinde, als des Wohlschmeckens wegen gethan haben mögen.

     Dieser besondere Unglücks=Fall veruhrsachte, daß der Gouverneur Hojez in dem Hafen vor Carthago, sehr viel Noth und Bekümmerniß ausstehen muste, zumahlen da es so wohl an Lebens=Mitteln als andern höchstnöthigen Dingen zu mangeln begunte. Jedoch zu gutem Glücke traff Don Didaco de Niquesa nebst etlichen Schiffen bey uns ein, welche mit bey nahe 800. guten Kriegs=Leuten und gnungsamen Lebens=Mitteln beladen waren. So bald er demnach den Hojez und dessen Gefährten aufs Beste wiederum erqvicket hatte, wurde berathschlagt, den empfangenen unglücklichen Streich mit zusammen gesetzter Macht an den Caramairinensern zu rächen, welches denn auch grausam genung von statten gieng. Denn wir überfielen bey nächtlicher Weile dasjenige Dorff, bey welchem de la Cossa nebst seinen Gefährten erschlagen worden, zündeten dasselbe ringsherum mit Feuer an, und vertilgeten alles darinnen was nur lebendigen Othem hatte, so daß von der grossen Menge Indianer die sich in selbigem versammlet hatten, nicht mehr übrig blieben als 6. Jünglinge, die unsere Gefangene wurden.

 
 
 
 
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