BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Christian Friedrich Daniel Schubart

1739 - 1791

 

Geislinger Schuldiktate

 

1766/69

 

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Mein lustiger Freund,

 

He! was Neues! es kommt etwas! Etwas Schönes!

etwas Lustiges!

etwas Fröhliches, etwas

zum Tanzen, zum Springen,

zum Lachen, zum Singen,

zum Geigen und Blasen,

zum Schreien und Rasen,

zum Essen, zum Trinken, zur Lust,

Es hüpfet voll Freude die Brust.

Nur noch ein Tag und wieder ein Tag und noch ein Tag, und noch einer und wieder einer, und einen drein – Hopsa! da kommt sie! – und was dann, närrischer Kerl? Was sonst als die Kirchweihe! Schon flattern die Bänder auf dem Hut; schon hör ich des Schochen [Sohn des früheren Kantors] Baßgeige brummen; schon sind wir auf dem Bau [dem Festplatz]; schon springen wir wie die Geißböcke. Schon – doch ich kann vor Freuden nicht reden. Komm du nur selber zu uns und bring ein paar neue Schuh, einen vollen Geldbeutel und einen fröhlichen Mut mit. Wie froh bin ich, daß ich jung bin! Da müssen die alten Männer bei ihrer Brille zu Haus bleiben und die alten Weiber müssen ihre Pelze hüten, und wir – Ei, guten Morgen ihr Graubärte, gebt uns Geld, daß wir brav tanzen können. Man ist nur einmal jung, und wann die Knochen steif werden, da hol der Henker das Tanzen. Gute Nacht, lieber Fritz, schlaf wohl und komm bald zu

Deinem fröhlichen

Freund

Hans Juchhe.

 

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Hochgeehrter Herr,

 

Hier hat sich folgende Neuigkeit zugetragen. Ein Schäfer entdeckte auf dem Geiselstein ein Loch, und als er hineinstieg, so fand er eine eiserne Kiste, worinnen folgende Kostbarkeiten sich befanden:

1. 100 geschnittene Federn, welche Alles selbst schön und orthographisch schreiben können.

2. Eine Brille, durch welche der dummste Mensch Alles lesen kann.

3. Ein pulverisierter Menschenverstand, den man wie Schnupftabak in das Hirn hinaufziehen kann.

4. Etliche Gläser Gedächtnistropfen, womit sich Diejenigen, welche ihren Catechismum, ihre Sprüche, Lieder nicht auswendig lernen wollen, alle Morgen und Abend um die Schläfe schmieren müssen.

5. 3 Dutzend Feldteufel in Futteralen, welche die bösen Buben bei den Ohren schütteln, wann sie gottlose Streiche anstellen.

6. 10 gestankvertreibende Salbe, womit sich diejenigen schmieren können, die das ganze Jahr wie die Böcke stinken.

7. Ein Stimmhammer, womit man diejenigen Hälse stimmen kann, welche rauhe Eselsstimmen haben.

8. Ein Hobel, womit man alle groben Flegel hobeln kann.

9. Ein Zauberspiegel, worin man alle Tagediebe, Fresser, Flucher, Unflätige und Dummköpfe erkennen kann u. s. f.

Diese und andere Raritäten sind allhier in Geislingen um billige Preise zu haben. – In unserer Schule könnte man sie wohl brauchen, wann nur das Geld nicht so klemm wäre. Ich verharre

Dero ergebenster Diener

Doktor Niklas Quacksalber.

 

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Hochverehrtester Herr Vetter,

 

Aus Ihrem letzten sehr werten Schreiben ersehe ich, daß Sie zu wissen verlangen, was vor eine Profession ich zu erlernen gedenke? Es wäre mir lieb, wann ich Ihnen gleich eine gewisse Antwort erteilen könnte. Aber ich und meine Eltern haben uns bishero noch zu nichts entschließen können. Die Handwerksleute in Geislingen hocken so dick aufeinander, daß man sich nicht unter sie dringen kann, ohne fast erdrückt zu werden. Hier sind etwann 1500 Menschen, groß und klein, Einheimische und Fremde, unter dieser geringen Anzahl befinden sich folgende Handwerksleute und Professionisten:

28 Holz- und Beindrechsler, 20 Schuhmacher, 15 Schneider, 20 Becken, 30 welche im Feuer arbeiten, als Kupferschmiede, Huf- und Nagelschmiede, Messerschmiede, Waffenschmiede, Zinngießer und dgl., 7 Schreiner und 3 Zimmerleute, 5 Küfner und 4 Kübler, 4 Glaser, 1 Buchbinder, 4 Maurer, 7 Seiler, 5 Weißgerber, 14 Tuch- und Zeugmacher, 7 Rotgerber, 6 Sattler, 6 Sekler, 10 Metzger, 4 Strumpfweber, 2 Hutmacher, 2 Büchsenmacher, 4 Kürschner, 8 Leineweber, 5 Merzler [Viktualienhändler], 2 Wagner, 3 Spindlendreher, 2 Ölschlager, 2 Hafner, 1 Nadler, 17 Wirte, 8 Müller. Dann diejenigen Leute, welche eine Kunst oder Profession erlernt haben oder sich der Handelschaft gewidmet als:

1 Apotheker, 9 Kauf- und Handelsleut, 2 Lackierer, 3 Zuckerbacher, 5 Bader, 2 Bordenmacher, 3 Färber, 1 Papiermüller, 2 Gärtner, 2 Drucker.

Doch, wer wird alle diese Leute zusammenzählen? Genug, daß Sie daraus sehen können, wie schwer es unter einer solchen Menge von Arbeitern halte, sein Auskommen zu finden. Daher geht es auch unseren Handwerksleuten so hart, daß sie kaum die Woche einmal ein christliches Räuschlein trinken können. Doch sind noch verschiedene Handwerksleute übrig, die man allhier nicht antrifft, als: Goldschmiede, Zirkelschmiede, Gürtler, Knopfmacher, Marner [Grautucher], Feilenhauer, Blechler, Bürstenbinder, Siebmacher u. dgl.

Schreiben Sie mir also mit nächster Gelegenheit, zu was ich mich entschließen soll. Das Handwerk, wo man sich doch nicht gar so plagen darf, wäre mir das Liebste. Leben Sie wohl. Ich verbleibe

Dero ergebenster Diener

Jakob Faulholz

 

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Mein lieber Schüler,

 

Du fragst mich, ob ein Schüler manchmal mit gutem Gewissen eine Schule versäumen könne? Wann ich hoffen darf, daß diese Frage aus einem guten Gewissen hergeflossen sei, so will ich dir mit Vergnügen darauf eine Antwort erteilen. Man versäumt die Schule gemeiniglich aus fünferlei Absichten.

Erstlich aus Krankheit, zweitens aus Armut, drittens wegen der Geschäfte, 4tens aus Leichtsinn und 5tens aus offenbarer Bosheit.

Die erste Ursache ist die stärkste, dann Krankheit entschuldiget allenthalben, wann es nur keine verstellte Krankheit ist oder eine solche, die sich der Schüler durch sein liederliches Leben selbsten zugezogen hat. Bei der andern Ursache muß man schon behutsamer verfahren. Freilich brauchen arme Eltern, die keinen Gesellen und keine Dienstboten vermögen, ihre Kinder manchmal zum Handwerk, zum Holztragen und zu andern, häuslichen Verrichtungen. Aber muß man deswegen die Kinder fast gar von allen Schulen abhalten? Je ärmer man ist, je mehr sollte man eigentlich lernen. Der Reiche kommt durch sein Geld fort, aber durch was sollen dann die Armen fortkommen? Ist es nicht ein Jammer, wann man einen armen Knaben sieht, der weder lesen noch schreiben und kaum das Vaterunser recht beten kann und dem der Hunger und die Dummheit zugleich aus denen Augen heraussieht? Verachtet von jedermann, verschmäht und verworfen muß er sein Brot vor der Tür suchen, und wann ihn Krankheit und Alter drückt, noch froh sein, wann er als ein Scheusal mit Bettelfuhren im Lande herumgefahren wird und wie ein armer Sünder sein Leben auf einem Karren endigen kann. O meine liebe Kinder, Gott bewahre euch vor Armut, aber noch weit mehr vor Dummheit.

Ein andersmal will ich dir auch auf die andern Stücke antworten, vor diesmal lebe wohl und sei versichert, daß ich allezeit sein werde

Dein getreuer Lehrer

N.N.