BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Christian Friedrich Daniel Schubart

1739 - 1791

 

Gedichte

 

1777-1787 (Kerkerjahre)

 

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Hohenasperg und Kerkerturm


Frage (1777/84)

Der Frühling (1778)

Der Reichsadler (1779)

Die Fürstengruft (1780)

Mädchenlaune (1781)

An Schiller (1782)

Die Forelle (1782)

Schwäbisches Bauernlied (1782)

Liebe im Kerker (1782/87)

Der Gefangene (1782)

Aderlässe (1782)

Branntweinlied eines Schusters (1782)

Erstickter Preisgesang (1782)

Der ewige Jude (1783)

Warnung an die Mädels (1783)

Der Bettelsoldat (1783)

Winterlied eines schwäbischen Bauernjungen (1783)

Die Linde (1783)

Lisel an Michel (1783)

Michel an Lisel (1783)

Die Aussicht (1784)

Die gefangene Sänger (1784)

Selmar an seinen Bruder

Golgatha

Der kalte Michel (1784)

Deutsche Freiheit (1786)

Kaplied (1787)

Frage

(1777/84)

 

Warum ist mir das Morgenrot

So blutgestreift? die Welt so tot?

Warum strahlt mir das Sonnenlicht

Oft so beschwerlich ins Gesicht?

5

Und warum weint die Wolke mir?

Was traurt der Linde Blütenzier?

Die Lüfte wimmern: jedes Bild

Ist mir in Trauerflor gehüllt! –

Der Tau, beglänzt vom Sonnenschein,

10

Deucht mir vom Schmerz geweint zu sein,

Die Wohlgerüche in der Luft

Umschwimmen mich wie Gräberduft;

Die lieben Blümlein allzumal

Sind mir versengt vom Sonnenstrahl.

15

Der Vogel aus der Luft herab

Tönt mir wie Sterbgesang am Grab;

Und alles, alles um mich her

Scheint kummervoll und tränenschwer.

Die Farben grün und weiß und rot

20

Sind abgestanden, schwarz und tot.

Die Menschen, deren Trost ich such,

Sind Geister, die im Leichentuch

Mich ansehn bleich und furchtbar-stumm:

Du guter Gott! warum, warum?

25

Hast du der ganzen Erde Pracht

Zu einem Totenschlund gemacht? –

Ach nein! die Welt ist noch wie vor,

Nur dem, der Freiheit! dich verlor,

Ist diese Welt, so schön gemacht,

30

Ein Totenschlund voll Fluch und Nacht;

Wo alles heult, den Schädel schlägt,

Verzweiflung brüllt – und Ketten trägt! –

O Gott im Himmel, mach mich frei

Aus dieser Höllentäuscherei!! –

 

 

 

Der Frühling

(1778)

 

Da kommt er nun wieder,

Der Jüngling des Himmels,

Und schüttelt aus seidnen Locken

Goldnen Tau in die Kelche

5

Der dürstenden Blümchen im Tal;

Die Hügel erwachen!

Es rauschen die Flüsse,

Entfesselt vom Eise!

Die Lüfte ertönen;

10

Die Wälder erklingen

Vom Vogelgesang.

Der frömmere Mensch

Blickt betend gen Himmel,

Und Freudentränen tropfen

15

Ins junge keimende Gras.

 

Willkommen! Willkommen!

Du lächlender Lenz,

Gefährte der Engel

Im Bräutigamsschmuck!

 

20

Doch ach! ich soll dich nicht sehen,

Du Jüngling des Himmels,

Nicht sehen den blinkenden Goldtau,

Der sanft dir entträufelt;

Nicht hören deiner Flügel Melodie

25

Und das Geflister der Winde,

Die deine glühende Wange kühlen?

 

Vergib mir's, vergib mir's,

Schaffer des Frühlings,

Wann ich in bebender Rechte

30

Mein Antlitz berg und weine!

 

Schöpfer, zwar hab ich gesündigt;

War seiner Blumengerüche,

Seiner fröhlichen Farbengemische,

Seiner Winde Säuseln nicht wert;

35

Nicht wert seiner Gesänge

Und des blütenbewehten Silberbachs!

 

Doch sah ich nicht auch

Vom lächelnden Antlitz des Frühlings

Zu dir, seinem Bilder, empor?

40

Ach Gott, du weißt's,

Oft tropften Tränen auf den Blüeenzweig,

Den ich dankend brach und ihn

Flistern ließ an der pochenden Brust;

Oft entküßt ich dem ersten Veilchen,

45

Von der Hand des Knaben gepflückt,

Die lichtere Tropfe und sog,

Gott fühlend, seinen Balsam auf;

Hörte preisend

Der steigenden Lerche Lied,

50

Der Grasmücke Gezwitscher

Aus der blühenden Linde Duft!

Und wie stieg mein Herz,

Wenn am Abend aus dunkelm Gebüsche

Die melodische Nachtigall gluckte!

55

Auch saß ich oft im Frühlingsgrase

Der fühlenden Gattin zur Seite,

Von goldlockichten Kindern umhüpft;

Da sah und fühlt ich dich, Schöpfer!

Fühlt's, daß du die Liebe bist. –

60

Sah im Wiesenblümchen dich!

Im Forellenbache dich!

In der Rosenknospe dich! –

 

Und ach! im schimmernden Blicke der Gattin

Und auf der Kinder rötlichen Wange

65

Dich, Freudengeber! dich! –

Ich mußte weinen, Vater!

Mein Aug in hohler Hand bergen

Und weinen, denn ach!

Ich habe gesündigt!

70

Bin des himmlischen Frühlings Anblick

Und seiner Umarmung nicht wert.

Drum warfst du mich zürnend

In des Felsen Nacht

Und sprachst: Fühl es, Berauschter,

75

Was es heißt, meinen Frühling nicht sehen!

Oh, ich fühl's, ich fühl's, Erbarmer!

Denn zu Gefühlen der Schönheit und Größe

War dies Herz immer geöffnet.

Ich fühl's, ich fühl's, was es sei,

80

Deinen Frühling nicht sehn;

 

Aber tragen deiner Ungnade Last,

Fühlen des Rächerblicks Flamme.

Nicht von der Rute des Vaters,

Nein, von der Geißel des Richters zerfleischt,

85

Liegen im Staube des Kerkers,

Von Finsternis und Fluch gedrückt,

Nicht sehn das Bruderantlitz des Menschen,

Der tröstenden Liebe Blick!

O das ist mehr, du Ewiger, mehr,

90

Als deinen Frühling nicht sehn . . .

O lächle mir wieder Gnade,

Erbarmer, Gnade, Gnade!

Laß das Zorngewölk zerfließen,

Das mir deinAntlitz verhüllt!

95

Und du, mein Erlöser,

Jesus Christus, mein König, mein Gott!

Dessen Opferblut

Auf die Frühlingsblume floß,

Erbarme dich meiner und bitte für mich!

100

Laß schreien dein Blut am Throne:

Gnade! Gnade! Gnade!! –

Dann erheb ich mein Haupt vom Staube,

Achte nicht mehr der Fesseln Geklirr

Und des schüchternen Frühlings,

105

Der mit blässerer Wange

Durch mein Eisengitter schaut.

Hast du mir vergeben, Erlöser, vergeben,

Dann geht mir jenseit des Grabes

Ein schönrer Frühling auf als der,

110

Der Gräber bescheint

Und dunklere Grüfte des Kerkers.

 

 

 

Der Reichsadler

(1779)

 

Ein aufgelöstes heraldisches Rätsel

 

Ihr Forscher in der Wappenkunde,

Was fragt ihr ängstlich nach dem Grunde:

Warum in jeder Schilderei

Der deutsche Adler doppelköpfig sei?

5

«Zwei Köpfe», sprecht ihr oft im Feuer,

«Sind ja ein wahres Ungeheuer,

Und Köpfe noch dazu wie die,

Voll bissiger Antipathie.»

O laßt doch einmal nach, mit Forschen euch zu plagen,

10

Ein Novellist sogar kann euch die Wahrheit sagen.

Der eine Kopf, der  w e s t w ä r t s  blickt,

Sanft scheint und desto schärfer pickt,

Ist Kaiser Josephs Kopf, des toleranten Weisen!

Der andre Kopf, der  n o r d w ä r t s  schaut,

15

Scharf sieht und mit dem Schnabel haut: –

Ist Friederich, der Donnergott der Preußen.

Warum sie aber uneins sind,

Begreift beinah ein kleines Kind;

Sie sind entzweit in dem gemeinen Falle:

20

Was eine Kralle packt, packt auch die andre Kralle; –

Drum zerren sie so jämmerlich –

O Vaterland, wie daurst du mich!!

 

 

 

Die Fürstengruft

(1780)

 

Da liegen sie, die stolzen Fürstentrümmer,

Ehmals die Götzen ihrer Welt!

Da liegen sie, vom fürchterlichen Schimmer

Des blassen Tags erhellt!

 

5

Die alten Särge leuchten in der dunklen

Verwesungsgruft wie faules Holz,

Wie matt die großen Silberschilde funklen!

Der Fürsten letzter Stolz.

 

Entsetzen packt den Wandrer hier am Haare,

10

Geußt Schauer über seine Haut,

Wo Eitelkeit, gelehnt an eine Bahre,

Aus hohlen Augen schaut.

 

Wie fürchterlich ist hier des Nachhalls Stimme!

Ein Zehentritt stört seine Ruh.

15

Kein Wetter Gottes spricht mit lautrem Grimme:

O Mensch, wie klein bist du!

 

Denn ach! hier liegt der edle Fürst! der Gute!

Zum Völkersegen einst gesandt,

Wie der, den Gott zur Nationenrute

20

Im Zorn zusammenband.

 

An ihren Urnen weinen Marmorgeister;

vDoch kalte Tränen nur von Stein,

Und lachend grub – vielleicht ein welscher Meister,

Sie einst dem Marmor ein.

 

25

Da liegen Schädel mit verloschnen Blicken,

vDie ehmals hoch herabgedroht,

Der Menschheit Schrecken! – Denn an ihrem Nicken

Hing Leben oder Tod.

 

Nun ist die Hand herabgefault zum Knochen,

30

Die oft mit kaltem Federzug

Den Weisen, der am Thron zu laut gesprochen,

In harte Fesseln schlug.

 

Zum Totenbein ist nun die Brust geworden,

Einst eingehüllt in Goldgewand,

35

Daran ein Stern und ein entweihter Orden

Wie zween Kometen stand.

 

Vertrocknet und verschrumpft sind die Kanäle,

Drin geiles Blut wie Feuer floß,

Das schäumend Gift der Unschuld in die Seele,

40

Wie in den Körper goß.

 

Sprecht, Höflinge, mit Ehrfurcht auf der Lippe,

Nun Schmeichelein ins taube Ohr! –

Beräuchert das durchlauchtige Gerippe

Mit Weihrauch wie zuvor!

 

45

Er steht nicht auf, euch Beifall zuzulächeln,

Und wiehert keine Zoten mehr,

Damit geschminkte Zofen ihn befächeln,

Schamlos und geil wie er.

 

Sie liegen nun, den eisern Schlaf zu schlafen,

50

Die Menschengeißeln, unbetraurt!

Im Felsengrab, verächtlicher als Sklaven,

In Kerker eingemaurt.

 

Sie, die im ehrnen Busen niemals fühlten

Die Schrecken der Religion

55

Und gottgeschaffne, beßre Menschen hielten

Für Vieh, bestimmt zur Fron;

 

Die das Gewissen, jenem mächt'gen Kläger,

Der alle Schulden niederschreibt,

Durch Trommelschlag, durch welsche Trillerschläger

60

Und Jagdlärm übertäubt;

 

Die Hunde nur und Pferd' und fremde Dirnen

Mit Gnade lohnten und Genie

Und Weisheit darben ließen; denn das Zürnen

Der Geister schreckte sie.

 

65

Die liegen nun in dieser Schauergrotte,

Mit Staub und Würmern zugedeckt,

So stumm! So ruhmlos! – Noch von keinem Gotte

Ins Leben aufgeweckt.

 

Weckt sie nur nicht mit eurem bangen Ächzen,

70

Ihr Scharen, die sie arm gemacht,

Verscheucht die Raben, daß von ihrem Krächzen

Kein Wütrich hier erwacht!

 

Hier klatsche nicht des armen Landmanns Peitsche,

Die nachts das Wild vom Acker scheucht!

75

An diesem Gitter weile nicht der Deutsche,

Der siech vorüberkeucht!

 

Hier heule nicht der bleiche Waisenknabe,

Dem ein Tyrann den Vater nahm;

Nie fluche hier der Krüppel an dem Stabe,

80

Von fremdem Solde lahm.

 

Damit die Quäler nicht zu früh erwachen;

Seid menschlicher, erweckt sie nicht.

Ha! früh genug wird über ihnen krachen

Der Donner am Gericht.

 

85

Wo Todesengel nach Tyrannen greifen,

Wenn sie im Grimm der Richter weckt,

Und ihre Greul zu einem Berge häufen,

Der flammend sie bedeckt.

 

Ihr aber, beßre Fürsten, schlummert süße

90

Im Nachtgewölbe dieser Gruft!

Schon wandelt euer Geist im Paradiese,

Gehüllt in Blütenduft.

 

Jauchzt nur entgegen jenem großen Tage,

Der aller Fürsten Taten wiegt,

95

Wie Sternenklang töne euch des Richters Waage,

Drauf eure Tugend liegt.

 

Ach, unterm Lispel eurer frohen Brüder –

Ihr habe sie satt und froh gemacht,

Wird eure volle Schale sinken nieder,

100

Wenn ihr zum Lohn erwacht.

 

Wie wird's euch sein, wenn ihr vom Sonnenthrone

Des Richters Stimme wandeln hört:

«Ihr Brüder, nehmt auf ewig hin die Krone,

Ihr seid zu herrschen wert.»

 

 

 

Mädchenlaune

(1781)

 

Die Mädels sind veränderlich,

Heut so und morgen so,

Kaum zeigt ein Rosenwölklein sich,

So sind sie hell und froh!

5

Doch morgen? –

Ei, wie geschwind

Dreht sich der Wind!

 

Sobald ein rauhes Lüftlein weht,

Grämt sich das Mädel tief;

10

Ein Zährlein ihr im Äuglein steht,

Das Mündlein krümmt sie schief.

Doch morgen? –

Tralla la la!

Hopsa sa sa!

 

15

Das Mädlein siehe dich liebreich an,

Du traust dem schlauen Blick

Und schwindelst auf zur Sonnenbahn

Und träumst von deinem Glück.

Doch morgen? –

20

Kennt sie dich kaum;

Nichtiger Traum!

 

Ihr Mädels, dreht mir noch so süß

Die Äuglein hin und her,

Und kämt ihr aus dem Paradies,

25

So traut ich keiner mehr.

Ihr Falsche!

Heut seid ihr heiß!

Morgen wie Eis!

 

 

 

An Schiller

(1782)

 

Dank Dir, Schiller, für die Wonne,

Die Deinem Gesang entquoll! –

Meines Berges Genius, der Riese,

Ein Schätzer hohen Sangs,

5

Lauscht' Dir, daß der Kolbe von Stahl

Entsank seiner wolkichten Rechte! –

 

Auch ich schlang Deinen Gesang,

Wie der Langdurstende

Mit wollüstig geschloßnem Auge

10

Schlirft aus des Baches Frische.

 

Sah nicht des eisernen Gitters Schatten,

Den die Sonne malt

Auf meines Kerkers Boden!

 

Hörte nicht Fesselgeklirr am wunden Arm.

15

Denn Du sangst!

Schiller, Du sangst!

 

Deiner Lieder Feuerstrom

Stürzte tönend nieder vor mir;

Und ich horchte seinem Wogensturze;

20

Hoch empor stieg meine Seele

Mit dem Funkengestäube

Seiner Flut.

 

Da trat vor mich ein Bote des Himmels; –

Lächelte mir sanft und sprach:

25

«Ein Bote des Himmels bin ich

Und bringe deinem trauten Schiller,

Den du so heiß und brüderlich liebst,

An dessen Feuerbusen du jüngst lagst

Und lange dran weintest, –

30

Ja, deinem trauten Schiller bring ich

Gottes Gruß – und – Befehle! –

Daß ihn Lauras Zauberblick

Nicht lockt' in der Wollust Lache;

Daß er in Lauras flimmendem Auge

35

– Gott sah!

Daß er mutig zürnt

Dem gekrönten Laster!

Daß er's köstlicher hält,

Menschen zu lieben!

40

Als zu überfliegen! –

Daß er hörte des Weltalls Symphonie,

Beginnend im tausendstimmigen Einklang der Liebe,

Endend im allstimmigen Einklang der Liebe!

Daß er von seines Felsen Zacken

45

Die Sprache des Sturms der Natur

Hinunter ins menschenwogende Tal hörte:

«Kreaturen, erkennt ihr Gott? –

Kreaturen, erkennt ihr Gott?? –»

Daß er's für Torheit hält,

50

Mit hektischem Menschenodem

Zu hauchen in Gottes

Lebenden Sturmwind;

Zu beflügeln den ewigen Kreislauf

Der beaugten Räder!

55

Daß er beim künftigen Seraph

Den gegenwärtigen Wurm nicht vergißt:

Dies dank ich deinem Schiller

Und bring ihm Gruß des Hocherhabnen!

Auch bring ich ihm Befehle:

60

Den Ätherstrahl des Genius zu brauchen

Für Gott! –

Für den Gesalbten Gottes!

Fürs Vaterland!!

Zu stählen seiner Brüder milchzerfloßnen Mut;

65

Zu sprechen jenes Lebens Hoffnung

Ins Herz des Leidenden!

Die frömmere Träne

Zu wecken in des Jünglings Blick!

Zu schleudern siebenfach-

70

Gezackten Blitz, – wenn Laster, Wahn,

Unglaube, Christuslästerung

Aus aller Nacht die Drachenhäupter heben.

Er wird es tun!

– Dein Schiller wird es tun.

75

Gott gab ihm Sonnenblick

Und Cherubs Donnerflug

Und starken Arm zu schnellen

Pfeile des Rächers vom tönenden Bogen.

Ha, früher wird er hören,

80

Was er kaum glaubt,

Aus seines Himmels goldnen Kreisen

Das Schreien des heiligen Blutes der Söhnung

Hinunter in Höllenschlund:

Gnade! Gnade! Gnade!

85

Der Ewigkeit Ringe sind zerrissen,

Und Vollendung ist! –»

 

 

 

Die Forelle

(1782)

 

In einem Bächlein helle,

Da schoß in froher Eil

Die launische Forelle

Vorüber wie ein Pfeil.

5

Ich stand an dem Gestade

Und sah in süßer Ruh

Des muntern Fisches Bade

Im klaren Bächlein zu.

 

Ein Fischer mit der Rute

10

Wohl an dem Ufer stand

Und sah's mit kaltem Blute,

Wie sich das Fischlein wand.

So lang dem Wasser Helle,

So dacht ich, nicht gebricht,

15

So fängt er die Forelle

Mit seiner Angel nicht.

 

Doch plötzlich ward dem Diebe

Die Zeit zu lang. Er macht

Das Bächlein tückisch trübe,

20

Und eh ich es gedacht; –

So zuckte seine Rute,

Das Fischlein zappelt dran,

Und ich mit regem Blute

Sah die Betrogne an.

 

25

Die ihr am goldnen Quelle

Der sichern Jugend weilt,

Denkt doch an die Forelle;

Seht ihr Gefahr, so eilt!

Meist fehlt ihr nur aus Mangel

30

Der Klugheit. Mädchen, seht

Verführer mit der Angel! –

Sonst blutet ihr zu spät.

 

 

 

Schwäbisches Bauernlied

(1782)

 

So herzig, wie mein Lisel,

Gibt's halt nichts auf der Welt,

Vom Köpflein bis zum Füßel

Ist sie gar wohl bestellt:

5

Die Wänglein weiß und rot,

Ihr Mund wie Zuckerbrot.

So herzig, wie mein Lisel,

Gibt's halt nichts auf der Welt.

 

Viel weicher als die Seide

10

Ist ihr kohlschwarzes Haar,

Und ihre Äuglein beide

Sind wie die Sternlein klar;

Sie blinzeln hin und her,

Sind schwarz wie Vogelbeer.

15

So herzig, wie mein Lisel,

Gibt's halt nichts auf der Welt.

 

Im Dörflein ist kein Mädchen

So fleißig wie mein' Braut;

Im Winter dreht sie 's Rädchen,

20

Im Frühling pflanzt sie's Kraut;

Im Sommer macht sie Heu,

Träge Obst im Herbst herbei.

So herzig, wie mein Lisel,

Gibt's halt nichts auf der Welt.

 

25

Auch schreibt sie, 's ist ein Wunder;

Jüngst schickt sie mir 'nen Brief,

Daß mir die Backen runter

Das helle Wasser lief;

Liest sie in der Postill,

30

So bin ich mäusleinsstill.

So herzig, wie mein Lisel,

Gibt's halt nichts auf der Welt.

 

Ihr sollt sie tanzen sehen,

Mein trautes Liselein;

35

Sie hüpft und kann sich drehen

Als wie ein Wieselein;

Doch schleift und tanzt sie dir

Am liebsten nur mit mir.

So herzig, wie mein Lisel,

40

Gibt's halt nichts auf der Welt.

 

Oh, traute Lisel! länger

Renn ich nicht hin und her;

Es wird mir immer bänger,

Wenn doch die Hochzeit wär:

45

Im ganzen Schwabenland

Kriegst keine treure Hand!

O du, mein traute Lisel!

Wenn doch die Hochzeit wär!

 

 

 

Liebe im Kerker

(1782/87)

 

H– ist der Ort, wo ich gefangen bin.

In Banden wein ich hier mein Trauerleben hin,

Und immer dennoch bleibt dies unglückvolle Leben

Der Liebe Tyrannei zum Opfer hingegeben.

5

Gezwungen tugendhaft, weil du nicht bei mir bist,

Fluch ich der Unschuld oft, die mir beschwerlich ist.

Noch bis zur Wut verliebt, soll ich die Liebe zwingen!

Wie schwer, wie grausam ist's, bei meiner Pein zu ringen,

Ach, eh einmal die Ruh dies arme Herz erquickt,

10

Eh die Vernunft einmal die Glut in mir erstickt;

Wie oft, wie oft werd ich noch lieben, noch bereuen,

Verlangen, hassen, flehn; verzweifeln, suchen, scheuen!

Mich  m i r  entreißen – ja! – denn dies gebeut die Pflicht.

Und alles will ich tun, nur dich vergessen nicht.

 

 

 

Der Gefangene

(1782)

 

Gefangner Mann, ein armer Mann!

Durchs schwarze Eisengitter

Starr ich den fernen Himmel an

Und wein und seufze bitter.

 

5

Die Sonne, sonst so hell und rund,

Schaut trüb auf mich herunter;

Und kömmt die braune Abendstund,

So geht sie blutig unter.

 

Mir ist der Mond so gelb, so bleich,

10

Er wallt im Witwenschleier;

Die Sterne mir – sind Fackeln gleich

Bei einer Totenfeier.

 

Mag sehen nicht die Blümlein blühn,

Nicht fühlen Lenzeswehen;

15

Ach! lieber säh ich Rosmarin

Im Duft der Gräber stehen.

 

Vergebens wiegt der Abendhauch

Für mich die goldnen Ähren;

Möcht nur in meinem Felsenbauch

20

Die Stürme brausen hören.

 

Was hilft mir Tau und Sonnenschein

Im Busen einer Rose;

Denn nichts ist mein, ach! nichts ist mein,

Im Muttererdenschoße.

 

25

Kann nimmer an der Gattin Brust,

Nicht an der Kinder Wangen

Mit Gattenwonne, Vaterlust

In Himmelstränen hangen.

 

Gefangner Mann, ein armer Mann!

30

Fern von den Lieben allen,

Muß ich des Lebens Dornenbahn

In Schauernächten wallen.

 

Es gähnt mich an die Einsamkeit,

Ich wälze mich auf Nesseln;

35

Und selbst mein Beten wird entweiht

Vom Klirren meiner Fesseln.

 

Mich drängt der hohen Freiheit Ruf;

Ich fühl's, daß Gott nur Sklaven

Und Teufel für die Ketten schuf,

40

Um sie damit zu strafen.

 

Was hab ich, Brüder! euch getan?

Kommt doch und seht mich Armen!

Gefangner Mann! ein armer Mann!

Ach! habt mit mir Erbarmen!

 

 

 

Aderlässe

(1782)

 

Des Lebens Purpurstrahl

Fährt schäumend aus der kleinen Ritze;

O Schöpfer! wann verfliegt einmal

Dies Blut, das ich in fauler Rast verspritze?

 

5

Soll alle meine Kraft

Im Feuer banger Qualen schmelzen?

Gebricht's nicht bald an neuem Saft,

Die Kügelchen des Blutes fortzuwälzen?

 

Du bist so heiß, o Blut!

10

Was sprudelst du in dieser irdnen Schale?

Hast du noch Glut, noch Sonnenglut?

Zückt Freiheit noch in deinem roten Strahle?

 

O Arzt! so binde du

Nur schnell, nur schnell mit deiner Binde

15

Die offne Ader wieder zu:

Denn Freiheit ist des Deutschen größte Sünde!

 

Doch willst du nimmer heiß,

O Blut, aus deinen Röhren schießen;

Willst frostig, wie zerschmolznes Eis

20

Vom nackten Fels, in kalten Tropfen fließen:

 

So fließe, fließe nur –

Kein Fürst wird deine Kälte strafen,

Denn kalte, frostige Natur

Schickt sich allein für arme deutsche Sklaven.

 

 

 

Branntweinlied eines Schusters

(1782)

 

Aus einer Hanswurstias

 

O Fläscherl, hübsch und fein,

Gefüllt mit Branntewein!

Du bist des Wurstels Freude,

Bist seine Schnabelweide,

5

Gluck gluck, gluck gluck, gluck

Gluck, gluck – – –

O goldner Branntewein,

Wie süß schlüpfst du hinein!

 

O Fläscherl, stärke mich,

10

Komm her, ich küsse dich.

Sei g'scheit, mein liebes Weiberl,

Ich bring dir's zu, mein Täuberl.

Gluck – – – –

Gluck – – – –

15

O goldner Branntewein,

Wie süß schlüpfst du hinein!

 

Wenn ich des Morgens trink,

Bin ich zur Arbeit flink;

Kann sohlen, steppen, nähen,

20

Den Draht im Takte drehen.

 

Schluck, schluck – – –

Schluck – – – –

O goldner Branntewein,

Wie süß schlüpfst du hinein.

 

25

Macht mich der Gerber toll,

Wenn ich ihn zahlen soll;

So denk ich: hol der Sperber

Den Ledrer samt dem Gerber.

Gluck, gluck – – –

30

Gluck – – – –

Beim Gläschen Branntewein

Fällt keine Schuld mir ein.

 

Trink ich ein Gläschen Spitz,

Krieg ich Verstand und Witz.

35

Dann tanz ich nach der Fiedel,

Sing hübsche deutsche Liedel.

Gluck, gluck – – –

Gluck – – – –

O goldner Branntewein,

40

Wie süß schlüpfst du hinein!

 

O Fläscherl, hübsch und fein,

Mein Schätzerl sollst du sein,

Will dich mit nassen Blicken

Oft an mein Goscherl drücken.

45

Gluck, gluck, gluck, gluck, gluck,

Gluck, gluck, gluck, gluck, gluck.

Es lebe hübsch und fein

Mein Fläscherl Branntewein!

 

 

 

Erstickter Preisgesang

(1782)

 

Singen will ich, Schöpfer! singen

Dir mit heiterem Gemüt;

Hell, wie Waldgesang, erklingen

Soll vor dir, o Gott! mein Lied.

5

Woge, Geist, in mir, frohlocke

Und zerfließ in Lobgesang;

Töne wie die Silberglocke,

Brause wie der Orgel Klang.

 

Geister, die wie Feuerflammen

10

Um den Thron des Höchsten stehn,

Engel, Menschen, singt zusammen;

Helft mir meinen Gott erhöhn!

Hallt Posaunen, Davids Psalter,

Harfe, die Eloa schlug,

15

Tönt dem Schöpfer, dem Erhalter!

Doch ihr tönt nicht laut genug.

 

Tier' in Wäldern und in Meeren,

Vögel in der Luft, im Hain,

Preist ihn all; ihr Christenzähren,

20

Strömt voll Dank und Wonne drein.

Aber – weh! wie schmerzt die Wunde –

Ach! mich Armen traf ein Pfeil;

Der Gesang erstickt im Munde,

Wandelt sich und wird Geheul.

 

25

Sieh dich um, du bist gefangen – –

Der Gedanke stürzt auf mich;

Sieh am Arm die Fessel hangen,

Sieh die braune Wand um dich!

Ha! ich seh das Nachtgefieder

30

Ausgebreitet über mir;

Gott! ach Gott! ich stürze nieder,

Und mein Lied verstummt vor dir!

 

So beginnt im Morgenstrahle

Oft des Finken Lobgesang;

35

Ach! er sieht im nahen Tale

Nicht des Vogelmörders Gang!

Plötzlich aus dem ehrnen Schlunde

Fliegt der mörderische Schrot –

Blutig, mit geschloßnem Munde,

40

Liegt der arme Vogel tot.

 

 

 

Der ewige Jude

(1783)

 

Eine lyrische Rhapsodie

 

Aus einem finstern Geklüfte Karmels

Kroch Ahasver. Bald sind's zweitausend Jahre,

Seit Unruh ihn durch alle Länder peitschte.

Als Jesus einst die Last des Kreuzes trug

5

Und rasten wollt vor Ahasveros' Tür,

Ach! da versagt' ihm Ahasver die Rast

Und stieß den Mittler trotzig von der Tür:

Und Jesus schwankt' und sank mit seiner Last.

Doch er verstummt. – Ein Todesengel trat

10

Vor Ahasveros hin und sprach im Grimme:

«Die Ruh hast du dem Menschensohn versagt;

Auch dir sei sie, Unmenschlicher! versagt,

Bis daß er kömmt!!» – Ein schwarzer höllentflohner

Dämon geißelt nun dich, Ahasver,

15

Von Land zu Land. Des Sterbens süßer Trost.

Der Grabesruhe Trost ist dir versagt!

Aus einem finsteren Geklüfte Karmels

Trat Ahasver. Er schüttelte den Staub

Aus seinem Barte; nahm der aufgetürmten

20

Totenschädel einen, schleudert' ihn

Hinab vom Karmel, daß er hüpft' und scholl

Und splitterte. «Der war mein Vater!» brüllte

Ahasveros. Noch ein Schädel! Ha, noch

Sieben Schädel polterten hinab von

25

Fels zu Fels! «Und die – und die», mit stierem

Vorgequollnem Auge rast's der Jude:

«Und die – und die – sind meine Weiber – Ha!»

Noch immer rollten Schädel. «Die und die»,

Brüllt Ahasver, «sind meine Kinder, ha!

30

S i e  k o n n t e n  s t e r b e n !  – Aber ich Verworfner,

I c h  k a n n  n i c h t  s t e r b e n  – Ach! das furchtbarste Gericht

Hängt schreckenbrüllend ewig über mir. –

 

Jerusalem sank. Ich knirschte den Säugling,

Ich rannt in die Flamme. Ich fluchte dem Römer;

35

Doch, ach! doch, ach! der rastlose Fluch

Hielt mich am Haar, und – ich starb nicht.

 

Roma, die Riesin, stürzte in Trümmer;

Ich stellte mich unter die stürzende Riesin,

Doch, sie fiel – und zermalmte mich nicht.

40

Nationen entstanden und sanken vor mir;

I c h  a b e r  b l i e b  u n d  s t a r b  n i c h t ! !

Von wolkengegürteten Klippen stürzt' ich

Hinunter ins Meer; doch strudelnde Wellen

Wälzten mich ans Ufer, und des Seins

45

Flammenpfeil durchstach mich wieder.

Hinab sah ich in Ätnas grausen Schlund

Und wütete hinab in seinen Schlund.

Da brüllt ich mit den Riesen zehn Monden lang

Mein Angstgeheul und geißelte mit Seufzern

50

Die Schwefelmündung – Ha! zehn Monden lang!!

Doch Ätna gor und spie in einem Lavastrom

Mich wieder aus. Ich zuckt in Asch und lebte noch:

Es brannt ein Wald. Ich Rasender lief

In brennenden Wald. Vom Haare der Bäume

55

Troff Feuer auf mich –

Doch sengte nur die Flamme mein Gebein

Und – verzehrte mich nicht.

Da mischt ich mich unter die Schlächter der Menschheit.

Stürzte mich dicht ins Wetter der Schlacht.

60

Brüllte Hohn dem Gallier!

Hohn dem unbesiegten Deutschen:

Doch Pfeil und Wurfspieß brachen an mir.

An meinem Schädel splitterte

Des Sarazenen hochgeschwungenes Schwert.

65

Kugelsaat regnete herab an mir,

Wie Erbsen, auf eiserne Panzer geschleudert.

Die Blitze der Schlacht schlängelten sich

Kraftlos um meine Lenden,

Wie um des Zackenfelsen Hüften,

70

Der in Wolken sich birgt. –

Vergebens stampfte mich der Elefant;

Vergebens schlug mich der eiserne Huf

Des zornfunkelnden Streitrosses.

Mit mir berstete die pulverschwangre Mine,

75

Schleudert' mich hoch in die Luft!

Betäubt stürze ich herab und fand mich – geröstet

Unter Blut und Hirn und Mark

Und unter zerstümmelten Äsern

Meiner Streitgenossen wieder.

80

An mir sprang der Stahlkolben des Riesen.

Des Henkers Faust lahmte an mir –;

Des Tigers Zahn stumpfte an mir;

Kein hungriger Löw zerriß mich im Zirkus.

Ich lagerte mich zu giftigen Schlangen;

85

Ich zwickte des Drachen blutroten Kamm;

Doch die Schlange stach – und mordete nicht!

Mich quälte der Drache und mordete nicht!

Da sprach ich Hohn den Tyrannen,

Sprach zu Nero: Du bist ein Bluthund!

90

Sprach zu Christiern: Du bist ein Bluthund!

Sprach zu Mulei Ismael: Bist ein Bluthund!

Doch die Tyrannen ersannen

Grausame Qualen und würgten mich nicht.

Ha! nicht sterben können! nicht sterben können!

95

Nicht ruhen können nach des Leibes Mühen!

Den Staubleib tragen! Mit seiner Totenfarbe

Und seinem Siechtum. Seinem Gräbergeruch!

Sehen müssen durch Jahrtausende

Das gähnende Ungeheuer  E i n e r l e i !

100

Und die geile, hungrige Zeit,

Immer Kinder gebärend, immer Kinder verschlingend! –

Ha! nicht sterben können! nicht sterben können!! –

Schrecklicher Zürner im Himmel,

Hast du in deinem Rüsehause

105

Noch ein schrecklicheres Gericht? –

Ha, so laß es niederdonnern auf mich! –

Mich wälz ein Wettersturm

Von Karmels Rücken hinunter,

Daß ich an seinem Fuße

110

Ausgestreckt lieg –

Und keuch – und zuck und sterbe!! –»

 

Und Ahasveros sank. Ihm klang's im Ohr;

Nacht deckte seine borst'gen Augenwimper.

Ein Engel trug ihn wieder ins Geklüft.

115

«Da schlaf nun», sprach der Engel, «Ahasver,

Schlaf süßen Schlaf; Gott zürnt nicht ewig!

Wenn du erwachst, so ist Er da,

Des Blut auf Golgatha du fließen sahst;

120

Und der – auch dir verzeiht.»

 

 

 

Warnung an die Mädels

(1783)

 

Es sah ein Mädel jung und zart

Einst einen Offizier.

Das Port d'Epée, die Achselschnur

Und seine modische Frisur

5

Behagte trefflich ihr.

 

Willst mich? so fragt der Offizier

Das Mädel husch: – Ich will! –

Drauf war das Pärlein wohlgemut,

Auch ging's dem Weiblein anfangs gut,

10

Sie hatte Hüll und Füll.

 

Solang der Krieger fechten kann,

Hält man ihn lieb und wert.

Doch wenn ihm Jugendkraft gebricht;

So wird des Fürsten Angesicht

15

Gar bald von ihm gekehrt.

 

Taratara! ins Feld! ins Feld! –

Das arme Weiblein schreit;

Denn bald Kartätschenfeuer kam

Und schoß ihr liebes Männchen lahm,

20

Bei aller Tapferkeit.

 

Da lag der lahme Krieger da,

Ihn heilte keine Kur;

Er hinkte nun am Krückenstab;

Der Fürst ihm seinen Abschied gab –

25

Jedoch in Gnaden nur.

 

Das arme Pärchen wandert nun

Auf Bettelfuhren fort.

Doch endlich ging der lahme Held

Von einem Strohsack aus der Welt

30

Und kam an bessern Ort.

 

Da jammert nun das arme Weib

Auf seinem Grab und spricht

«Ihr Mädels – alles in der Welt,

Nehmt Männer, wie es euch gefällt,

35

Nur einen Kriegsmann nicht!»

 

 

 

Der Bettelsoldat

(1783)

 

Mit jammervollem Blicke,

Von tausend Sorgen schwer,

Hink ich an meiner Krücke

In weiter Welt umher.

 

5

Gott weiß, hab viel gelitten,

Ich hab so manchen Kampf

In mancher Schlacht gestritten,

Gehüllt in Pulverdampf.

 

Sah manchen Kameraden

10

An meiner Seite tot

Und mußt im Blute waten,

Wenn es mein Herr gebot.

 

Mir drohten oft Geschütze

Den fürchterlichsten Tod,

15

Oft trank ich aus der Pfütze,

Oft aß ich schimmlig Brot.

 

Ich stand in Sturm und Regen

In grauser Mitternacht,

Bei Blitz und Donnerschlägen,

20

Oft einsam auf der Wacht.

 

Und nun nach mancher Schonung,

Noch fern von meinem Grab,

Empfang ich die Belohnung –

Mit diesem Bettelstab.

 

25

Bedeckt mit dreizehn Wunden,

An meine Krück gelehnt,

Hab ich in manchen Stunden

Mich nach dem Tod gesehnt.

 

Ich bettle vor den Türen,

30

Ich armer lahmer Mann!

Doch ach! wen kann ich rühren?

Wer nimmt sich meiner an?

 

War einst ein braver Krieger,

Sang manch Soldatenlied

35

Im Reihen froher Sieger;

Nun bin ich Invalid.

 

Ihr Söhne, bei der Krücke,

An der mein Leib sich beugt,

Bei diesem Tränenblicke,

40

Der sich zum Grabe neigt;

 

Beschwör ich euch – ihr Söhne!

O flieht der Trommel Ton!

Und Kriegstrommetentöne,

Sonst kriegt ihr meinen Lohn.

 

 

 

Winterlied

eines schwäbischen Bauernjungen

(1783)

 

Mädel, 's ist Winter, der wollichte Schnee,

Weiß wie dein Busen, deckt Täler und Höh.

Horch, wie der Nordwind ums Häuslein her pfeift!

Hecken und Bäume sind lieblich bereift.

 

5

Mädel, 's ist Winter, die Bäche sind Eis;

Dächer der ländlichen Hütten sind weiß;

Grau und ehrwürdig, im silbernen Flor,

Streckt sich der stattliche Kirchturm empor.

 

Mädel, 's ist Winter. Mach's Stüblein fein warm;

10

Setz dich zum Ofen und nimm mich in Arm!

Lieblich und kosend wie rosichten Mai

Führt uns die Liebe den Winter vorbei.

 

Drehst du mit Fingern, so reinlich wie Wachs,

Seidene Fäden vom silbernen Flachs,

15

Schüttl ich die Ageln dir schäkernd vom Schurz,

Mache die Nächte mit Märlein dir kurz.

 

Mädel, 's ist Winter. O wärst du schon mein!

Schlüpt ich ins blähende Bettlein hinein;

Nähm dich, mein herziges Liebchen! in Arm;

20

Trotzte dem Winter. Denn Liebe macht warm. –

 

 

 

Die Linde

(1783)

 

Warst so schön, breitwipflichter Baum,

Als dir schwollen die Knospen,

Als du Blütendüfte verhauchtest;

Warst so schön!

 

5

Dich umsummt' im Lenzabend der Käfer,

Geflügelte Ameisen schwärmten

Wie Mittagswölkchen, die die Sonne

Versilbert, um deinen Blütenzweig.

 

Die Blüte fiel; da warst du grün

10

Und stärktest mein Auge,

Das, ans falsche Dunkel meines Kerkers

Gewöhnt, blinzt' im Sonnenstrahl.

 

Und nun bist du halbnackt;

Der Herbststurm blies in deinen Scheitel

15

Und deinen Schmuck; die goldnen Blätter

Wälzt nun wogend der Odem des Sturms.

 

Die schwarzen Äste starren traurend,

Ihrer Decke beraubt, in die Luft.

Dich flieht der Sperling, denn du bist

20

Ihm nicht mehr Hülle gegen den Sperber. –

 

Einst knospete ich, o Linde!

Schöner als du. Trug Blüten

Des Knaben, des Jünglings, die süßer

Düfteten als du im Frühlingsschmuck.

 

25

Meine geringelte Seidenlocken

Waren schöner als dein grünes Haar.

Schöner als deines Finken und Distelvogels

Scholl mein Gesang und Flügelspiel.

 

Ich war ein Mann, breitwipflicht

30

Und lieblich im Sonnenstrahl spielend.

Meines Geistes Fittich deckte die Meinen, –

Wie dein schattender Wipfel den Pilger.

 

Aber ach! mein Herbst ist gekommen;

So früh ist schon mein Herbst gekommen! –

35

Das Schicksal blies mit kaltem stürmendem Odem;

Und meine Blätter fielen.

 

Heiser ist mein Gesang;

Die geflügelte Rechte lahmt

Auf den braunen Tasten

40

Des goldnen Saitenspiels.

 

Meine Phantasie, der Riese,

Zuckt ausgestreckt wie ein Geripp

Im Staube. Mein Witz, die Rose,

Liegt entblättert, zerknickt.

 

45

Fern ist meine Liebe;

Meine Kinder sind ferne; –

Der schwarze, starre, enthaarte Ast

Vermag nicht mehr zu schatten die Lieben!

 

 

 

Lisel an Michel

(1783)

 

Mein trauter Michel ist so gut,

So gue wie er gibt's keinen;

Wenn ihn mein Auge sehen tut,

So möcht's vor Freuden weinen.

 

5

Kein Apfel ist so rot und rund

Wie sein Gesicht und Wangen;

Wie Rosenblätter ist sein Mund,

Dran Honigtropfen hangen.

 

Die Äugelein sind rund und scharf

10

Als wie Rebhühneraugen;

Sie könnten, wenn man's sagen darf,

Des Nachts für Sternlein taugen.

 

Wer ist so flink und rasch wie er,

Im Tanzen, Werfen, Springen;

15

Wer kann im Dorfe trefflicher

Zum Dudelsacke singen?

 

Wer ist so launig, so voll Scherz

Beim Flegel und der Sichel;

Und wer hat ein so gutes Herz

20

Als wie mein lieber Michel?

 

Denkt nur, er ist erst achtzehn Jahr;

Man sieht's an seinem Kinne,

Am schlanken Wuchs, am weichen Haar

Und an der hellen Miene.

 

25

Weiß wohl, es gibt der Mädels mehr,

Die meinen Michel lieben;

Drum fällt's mir armen Mädel schwer,

Die Hochzeit zu verschieben.

 

Noch heute werd ich seine Frau,

30

So wahr ich Lisel heiße!

Daß nicht ein andres Mädchen schlau

Den Michel mir entreiße.

 

 

 

Michel an Lisel

(1783)

 

Wer ist wohl auf der ganzen Welt

Vergnügter als ein Bauer?

Sein Haus und Hof und Ackerfeld

Macht's Leben ihm nicht sauer,

5

Hat er ein Weibchen noch dazu:

O Bauer, wie vergnügt bist du!

 

Ich hab ein Mädel – Dudeldum!

O Gott, so zuckersüße.

Im Dorf und Stadt und weit herum

10

Gibt's nichts wie meine Lise.

So jung und schön, so rot und braun,

Und immer von so guter Laun.

 

Mein Lisel ist mir herzlich gut

Und ich ihr gleicherweise,

15

Sie schenkt mir Bänder auf den Hut,

Und ich – ich schenk ihr Sträuße.

Nun, Dudelsack, so tummle dich!

Kein Mensch ist so vergnügt wie ich.

 

 

 

Die Aussicht

(1784)

 

Schön ist's, von des Tränenberges Höhen

Gott auf seiner Erde wandeln sehen,

Wo sein Odem die Geschöpfe küßt.

Auen sehen, drauf Natur, die treue,

5

Eingekleidet in des Himmels Bläue,

Schreitet, und wo Milch und Honig fließt!

 

Schön ist's in des Tränenberges Lüften

Bäume sehn, in silberweißen Düften,

Die der Käfer wonnesummend trinkt;

10

Und die Straße sehn im weiten Lande,

Menschenwimmelnd, wie vom Silbersande

Sie, der Milchstraß' gleich am Himmel, blinkt.

 

Und den Neckar blau vorüberziehend,

In dem Gold der Abendsonne glühend,

15

Ist dem Späherblicke Himmelslust;

Und den Wein, des siechen Wandrers Leben,

Wachsen sehn an mütterlichen Reben,

Ist Entzücken für des Dichters Brust.

 

Aber, armer Mann, du bist gefangen;

20

Kannst du trunken an der Schönheit hangen?

Nichts auf dieser schönen Welt ist dein!

Alles, alles ist in tiefer Trauer

Auf der weiten Erde; denn die Mauer

Meiner Veste schließt mich Armen ein!

 

25

Doch herab von meinem Tränenberge

Seh' ich dort den Moderplatz der Särge;

Hinter einer Kirche streckt er sich

Grüner als die andern Plätze alle: –

Ach! herab von meinem hohen Walle

30

Seh' ich keinen schönern Platz fur mich!

 

 

 

Die gefangene Sänger

(1784)

 

Die Lerche, die, im schlauen Garn gefangen,

Im dunklen Eisenkäfig saß

Und traurig auf bestäubten Stangen

Den wirbelnden Gesang vergaß.

 

5

Fühlt' einst, vom Morgenstrahl erhoben,

Den mächtigen Beruf,

In einem Lied den Gott zu loben,

Der sie zur Lerche schuf.

 

Schon öffnet sich ihr Schnäbelein zum Singen,

10

Schon kräuselt sie die Melodie;

Spannt ihre Flügel aus, um sich emporzuschwingen

Und hoch herab aus blauer Lufe zu singen

Ihr schmetterendes Tirili.

 

Doch sie vergaß im Jubel ihrer Seele

15

Des engen Käfigs Zwang,

Und ach! umsonst kräust ihre Kehle

Den jubelnden Gesang.

 

Sie stieß sich an den Käfigboden,

Stürzt' nieder, zuckt' im Staub.

20

Nun liegt sie da, gleich einem Toten.

Für alle Töne taub.

Ein fürchterliches Bild für mich:

So flieg ich auf – und so verstumm auch ich.

 

Die Nachtigall singt auch im Bauer;

25

Doch nicht so süß, als wär sie frei.

Ihr Lied gluckt fürchterliche Trauer

Und nicht der Freude Melodei.

Ein Bild – o Gott! ein Bild für mich:

Mein Lied tönt auch so fürchterlich!

 

30

Girrt die gefangne Turteltaube

Auch freie Lieb und Zärtlichkeit

Wie in der sichern Frühlingslaube,

Die keine Sklaverei entweiht?

Nein, traurig girrt sie, trüb und bang!

35

Ihr Lied ist Klag, ist Sterbgesang!

Ein Bild – o Gott, ein Bild für mich!

So klag und wein und girr auch ich!

 

 

 

Selmar an seinen Bruder

 

O du – wie soll ich dich in meinen Qualen nennen?

Kann ich dich Bruder nennen? – Nein!

Du würdest sonst nicht Bruderblut verkennen

Und gegen mich ein Tiger sein!

5

Und doch beschwör' ich dich beim süßen Brudernamen!

Sei einmal Mensch, und höre mich!

Sind wir nicht aufgezeugt von Eines Vaters Samen?

Trug meine Mutter nicht auch dich?

Ach denke dran, und blick in meine Kerkerhöhle,

10

Entzieh dich meinem Jammer nicht!

Und sieh einmal die Leiden meiner Seele

Im abgezehrten Angesicht!

 

Sieh diese dünnen, grauen Locken!

Und meiner Wangen Rot verbleicht!

15

Sieh dieses Aug' von langem Weinen trocken!

Und höre, wie mein Ach aus kranker Lunge keucht!

O, neunzehn bange Jahre leiden!

In menschenloser Einsamkeit

Vertrocknen zum Gefühl der Freuden;

20

Ist eine fürchterliche Zeit! –

 

Was hab' ich denn getan? Sprich! Bin ich ein Rebelle,

Der mit gehobner Faust sein Vaterland verheert?

Bin ich ein Gottesfeind? Ein schwarzer Sohn der Hölle?

Hab' ich Religion und Wissenschaft entehrt?

25

Lebt' ich zur Schande unsers Adels?

War ich ein Sklav der niedern Sinnlichkeit?

War ich mit Recht der Vorwurf deines Tadels?

Und hab' ich je die Bruderpflicht entweiht?

Floß falsches Blut aus tückisch bösem Herzen?

30

War ich ein Heuchler feig und schlimm?

Empfand ich statt des Mitleids sanften Schmerzen

Des Misanthropen schwarzen Grimm?

O Bruder, nein! – zu laut zeugt mein Gewissen;

Ich kenne diese Frevel nicht.

35

Was unser Bruderband – dies heil'ge Band zerrissen,

War Leichtsinn – nicht verletzte Pflicht.

 

Wenn Traubengold im Kristallglase blinkte,

So trank ich oft – vielleicht ein Glas zu viel;

Und wenn die Liebe mir aus blauen Augen winkte;

40

So war ich nie ein Klotz, ein Hasser vom Gefühl.

 

Oft griff ich auch dem Trotzer an die Kehle,

Von jugendlichem Mut belebt,

Denn Feigheit haßte meine Seele,

Und weibisch hat sie nie gebebt.

 

45

Doch sprich! sind dies so schreckliche Verbrechen,

Die du an mir mit grausamem Verlust

Der Freiheit und des Lebens rächen,

Ach, so unendlich rächen mußt!

 

Sind neunzehn Jahre voller Kummer,

50

Zum Jammerberge aufgehäuft,

Sind Schauernächte ohne Schlummer,

Ein Bett mit Tränenfluth beträuft;

 

Sind Klagen, die um schwarze Wände fliegen,

Ist langsamer verbißner Gram;

55

Sind Seufzer, die der Brust entstiegen,

Seit deine Wut mir alles nahm;

 

Sind dies die Strafen meiner Fehler?

Ist Leichtsinn solcher Qualen wert?

Und bist du selbst der fürchterliche Quäler,

60

Der, wie ein Geier, sich von meiner Lebcr nährt?

 

O Bruder glaub's, denn Gott hat's ausgesprochen!

Unmenschlichkeit – ist mehr, als meine Schuld;

Mit Donnern hat er oft den Bruderhaß gerochen,

Und Leichtsinn trug er meist mit schonender Geduld.

 

65

Und dennoch zweifelst du, dein hartes Herz zu zeigen, –

Ob Reu' und Buße möglich sei?

Läßt deinen Bruderhaß zum höchsten Gipfel steigen

Und spottest meiner Sklaverei.

 

Ja wäre Gottes Herz von deiner Eisenhärte,

70

So nähm' er nicht die Sünder an;

Er drohte nur mit seinem Flammenschwerte,

Und würgte, weil er würgen kann.

 

Doch ach, was klag' ich? – Meine Klagen

Sind doch umsonst! sie prallen ab von dir,

75

Wie Wellen sich an rauhen Klippen schlagen;

So hart und grausam bist du mir! –

O ist's dir möglich – so erbarme

Dich über meine lange Not!

Beut mir dein Herz und deine Bruderarme,

80

Und komm, entreisse mich dem Kerkertod!

 

Ach laß mich Gottes freie Lüfte

Doch einmal wieder in mich ziehn,

Einathmen süße Frühlingsdüfte

Und an der Brust des Freundes wieder glühn.

85

Erlaube mir die letzten Reste

Des kurzen Lebens frei zu sein;

Hol mich herab von meiner Veste,

Der langen Zeugin meiner Pein!

Laß mich einmal in jenem Grabe modern,

90

Wo unser Vater, unsre Mutter ruht!

Sonst wird dereinst ihr Schatten von dir fodern

Des Sohnes und des Bruders Blut!

Ach lern einmal des Mitleids Wonne schmecken!

Sei Bruder, und erbarme dich.

95

Doch sollen länger mich des Kerkers Qualen schrecken,

So schwinge deinen Dolch, und komm und töte mich.

Dann bin ich doch einmal der langen Pein entrissen,

Der bangen, schreckenvollen Pein;

Denn, ach! das Glück der goldnen Freiheit missen,

100

Heißt mehr als tot, heißt ein Verdammter sein.

 

 

 

Golgatha

 

Seele, hast du keine Flügel?

So fliege doch nach Golgatha –

Wo auf einem Todeshügel

Den Sohn der Vater leiden sah.

5

Die Erde zittert,

Schaut und erschüttert

Den Tod, den großen Tod!

Der dem Mittler Gottes droht.

 

Geister stehen auf den Höhen,

10

Wie Tote bleich, wie Gräber stumm!

Und die wen'gen Edlen stehen

Ohnmächtig um den Pfahl herum;

Sie sehn und schauen

Den Tod voll Grauen;

15

Den Tod, den großen Tod!

Der dem besten Freunde droht.

 

Nacht und Dunkel hängt herunter,

Moria, wo ist deine Pracht?

Wo ist deines Tempels Wunder?

20

Deckt alles Tod und Mitternacht?

Die Berge zittern,

Die Felsen splittern;

O Tod, o großer Tod!

Der dem Sündentilger droht.

 

25

Aus der fürchterlichsten Wolke

Erhebt die Todesstimme sich

Vor dem zitterenden Volke:

«Mein Gott! warum verläß'st du mich?»

Vom Höllengrimme

30

Zeugt diese Stimme;

O Tod ! o welch ein Tod!

Der dem größten Menschen droht.

 

Blutigrote Strahlen zücken

Von eines Todesengels Schwert,

35

Geister hören, staunen, blicken!

Als sie das letzte Wort gehört:

«Nun ich empfehle

Dir meine Seele!

O Gott, es ist vollbracht!»

40

Und sein Haupt sinkt in die Nacht.

 

Tief an deinem Kreuze unten,

Gottmensch! Erlöser! lieg' ich hier.

Ich blick' hinauf nach deinen Wunden,

Sie strömen Seligkeit auch mir.

45

Will Tod mich töten,

So soll es reden

Dein Blut, Gottmensch, dein Blut!

Und ich trotze seiner Wut.

 

O wie freudig kann ich sterben!

50

Ich fürchte nicht der Hölle Glut;

Meine Kleider will ich färben

In des erwürgten Lammes Blut.

Auch ich empfehle

Dir meine Seele,

55

O Gott! wenn einst der Tod

Mir, wie meinem Mittler droht.

 

 

 

Der kalte Michel

(1784)

 

Erzählung

 

War einst ein teutscher Junker

Im prächtigen Paris:

Er wollt sein Geld in Ehren

Und mit Geschmack verzehren

5

In Frankreichs Paradies.

 

Auf einmal blieb der Wechsel

Ihm allzulange aus.

Er schrieb zwar viel naive

Und wohlgesetzte Briefe,

10

Doch keiner kam von Haus.

 

Des Franzmanns Komplimenten –

Die waren itzt nicht groß;

Nur die mit vollen Händen

Ihr teutsches Geld verschwenden,

15

Grüßt gerne der Franzos.

 

Da war der Junker traurig

Und hängt das Mäulchen schief.

Es äugelt ihm itzunder

Vergeblich der Burgunder,

20

Er will nur Geld und Brief.

 

Einst schaute er zum Fenster

Mit dunkelm Blick hinaus;

Schon träumt' er von Pistolen,

Von Mord und Teufelholen;

25

Da kam sein Knecht von Haus.

 

Gleich schrie er: «Guter Michel,

O komm doch rauf zu mir!»

Der Michel sprach: «Ihr Gnaden!

Ein Schöpplein könnt nicht schaden;

30

Ich weiß kein Wirtshaus hier.»

 

Der Kerl war nun im Zimmer;

Der Junker fragt: «Was Neu's?»

Doch Michel setzt sich nieder,

Labt erst mit Wein die Glieder,

35

Dann sagt er, was er weiß.

 

«Ei, denkt doch, gnäd'ger Herre!

Der Rabe ist verreckt.

Er hatte wenig Futter,

Auf einmal fraß er Luder,

40

Bis er davon verreckt.»

 

«Wer gab ihm soviel Luder?»

Frägt Junker schon gerührt.

«Ha! Euers Vaters Pferde –

Ihr wißt's von großem Werte,

45

Sie waren halt krepiert.»

 

«Was, meines Vaters Pferde?»

«Ha! 's ist ja schon bekannt!

Ihr Gnaden! muß nur sagen,

Vom vielen Wassertragen

50

Verreckten sie beim Brand.»

 

«Was sagst von einem Brande?»

«Hm! ja in Euerm Haus.

's ist eben kein Mirakel:

Denn, spielt man mit der Fackel,

55

So kömmt gleich Feuer aus.»

 

«Ach Gott! mein Schloß verbrannte?»

«Ihr Gnaden sagt es gleich.

Mit Fackeln und mit Kerzen

Ist wahrlich nicht zu scherzen,

60

Wie bei der Mutter Leich.»

 

«Wie, Michel, meine Mutter?» –

«Ja freilich ist sie tot:

Sie hat sich halt bekümmert,

Und Kümmernis verschlimmert

65

Das Blut und bringt den Tod.»

 

«Wer hat sie denn bekümmert?»

«Ihr Vater, wie man sagt.

Der hat vor sieben Wochen

Halt das Genick gebrochen,

70

Und zwar auf einer Jagd.»

 

Der Junker sich an Schädel

Mit beiden Händen schlug –

«Wär ich doch nie geboren!

Ha! alles ist verloren! –

80

Verdammter Hund, genug!»

 

«Ist nicht so arg», sprach Michel;

«Was braucht's des Lärmens da?

Ich schwimm, bei meiner Ehre,

Gleich itzo auf dem Meere

85

Fort nach Amerika.»

 

Und mir nichts, dir nichts, plötzlich

Floh er mit ihm davon!

Europa bleibt zurücke,

Sie machen bald ihr Glücke

90

Beim großen Washington.

 

 

 

Deutsche Freiheit

(1786)

 

Da, lüpfe mir, heilige Freiheit,

Die klirrende Fessel am Arme,

Daß ich stürm in die Saite

Und singe dein Lob.

 

5

Aber, wo find ich dich, heilige Freiheit,

O du, des Himmels Erstgeborne? –

Könnte Geschrei dich wecken; so schrie ich,

Daß die Sterne wankten,

 

Daß die Erd unter mir dröhnte,

10

Daß gespaltne Felsen

Vor dein Heiligtum rollten

Und seine Pforte sprengten.

 

Könnten Tränen dich rühren;

Ach, du kämst zum Fesselbeladnen,

15

Dem schon neun schreckliche Jahre

Zährenfeur die Wange sengt.

 

Aber hier bist du nicht, wo Galioten,

Wie Vieh an Karren gespannt,

Mit Ketten vorüberrasseln; –

20

Hier, Göttin, bist du nicht,

 

Wo die starre Verzweiflung

Am Eisengitter schwindelt;

Wo des Langgefangnen Flüche

Fürchterlich im Felsenbauche hallen.

 

25

Aber, wo bist du?

Gottes Vertraute, wo bist du?

Ach, daß du mir lüpftest die Fessel,

So säng ich, Göttin, dein Lob.

 

Doch weinend, wie der Siechling singt

30

Von der Gesundheit goldnen Gabe,

Wie der einsame Mann von der fernen Geliebten,

So sing ich, Göttin, dein Lob.

 

Hast du verlassen Germanias Hain,

Wo du unter dem Schilde des Monds

35

Auf Knochen erschlagner Römer

Deinen Thron ertürmtest?

 

Wo du mit deinem aufgesäugten Sohne

Hermann – Winfelds Schlacht schlugst

Und die Äser der Freiheitshasser

40

Den Wölfen vorwarfst zum Fraße? –

 

Laut auf muß ich weinen,

Denn ach, du weiltest in Deutschlands Hainen

Der seligen Jahre

Nur wenige.

 

45

Dich scheuchte ein scheußliches Ungeheur –

Schreckbarer als des Nilus Tier,

Wenn es mit gestorbnen Fischen

Und faulenden Krebsen in den Schuppen

 

Ans Ufer springt und die Lüfte verpestet.

50

Ja, so ein Ungeheuer

Entwand sich dem Nebelschlunde der Hölle

Und entweihte Germanias Hain.

 

Zwei Drachenhäupter hatte das Untier;

Eine Krone von Gold und eine Mütze von Samt

55

Schmückten die Köpfe

Der Greulgestalt.

 

In Lachen von Blut und verspritztem Marke

Wälzte das Untier sich,

Wie Mizraims Scheusal

60

Im Schlamme Nilus' sich wälzt.

 

In dichtere Eichenschatten

Entflohen die Söhne Teuts,

Und ihre brüllende Klage

Scheuchte das Wild.

 

65

An Eichenast hing die Telyn der Barde,

Lehnte sich an Moosstamm und starb.

Da haucht' sein Geist in die Telyn,

Und sie schütterte Sterbgewinsel.

 

In finstern Pagoden thronte die Dummheit,

70

Der Gewalttat erste Vertraute,

Löhrte Unsinn vor der gaffenden Menge,

Und an der Fessel dorrte des Weisen Arm. –

 

Heilige Freiheit, verzeih es dem kühneren Frager:

Ist sie bald verströmt, die schreckliche Wolkennacht?

75

Vollendet Joseph im Harnisch,

Was Luther begann in der Kutte?

 

Ha, vielleicht ist sie da, göttliche Freiheit,

Die heilige Stunde deiner neuen Erscheinung!

Schon donnert in Tuiskons Hainen

80

Dein Feldgeschrei:  D e r  D e u t s c h e n  B u n d !

 

 

 

Kaplied

(1787)

 

Auf, auf! ihr Brüder und seid stark,

Der Abschiedstag ist da!

Schwer liegt er auf der Seele, schwer!

Wir sollen über Land und Meer

5

Ins heiße Afrika.

 

Ein dichter Kreis von Lieben steht,

Ihr Brüder, um uns her:

Uns knüpft so manches teure Band

An unser deutsches Vaterland,

10

Drum fällt der Abschied schwer.

 

Dem bieten graue Eltern noch

Zum letzten Mal die Hand;

Den kosen Bruder, Schwester, Freund;

Und alles schweigt, und alles weint,

15

Todblaß von uns gewandt.

 

Und wie ein Geist schlingt um den Hals

Das Liebchen sich herum:

Willst mich verlassen, liebes Herz,

Auf ewig? Und der bittre Schmerz

20

Macht's arme Liebchen stumm.

 

Ist hart! drum wirble du, Tambour,

Den Generalmarsch drein.

Der Abschied macht uns sonst zu weich,

Wir weinen kleinen Kindern gleich;

25

Es muß geschieden sein.

 

Lebt wohl, ihr Freunde! Sehn wir uns

Vielleicht zum letzten Mal,

So denkt, nicht für die kurze Zeit,

Freundschaft ist für die Ewigkeit,

30

Und Gott ist überall.

 

An Deutschlands Grenze füllen wir

Mit Erde unsre Hand

Und küssen sie, das sei der Dank

Für deine Pflege, Speis und Trank,

35

Du liebes Vaterland!

 

Wenn dann die Meereswoge sich

An unsern Schiffen bricht,

So segeln wir gelassen fort;

Denn Gott ist hier, und Gott ist dort,

40

Und der verläßt uns nicht!

 

Und ha, wenn sich der Tafelberg

Aus blauen Düften hebt,

So strecken wir empor die Hand

Und jauchzen: Land! ihr Brüder, Land!

45

Daß unser Schiff erbebt.

 

Und wenn Soldat und Offizier

Gesund ans Ufer springt,

Dann jubeln wir, ihr Brüder, ha!

Nun sind wir ja in Afrika.

50

Und alles dankt und singt

 

Wir leben drauf in fernem Land

Als Deutsche brav und gut,

Und sagen soll man weit und breit,

Die Deutschen sind doch brave Leut,

55

Sie haben Geist und Mut.

 

Und trinken auf dem Hoffnungskap

Wir seinen Götterwein,

So denken wir, von Sehnsucht weich,

Ihr fernen Freunde, dann an euch;

60

Und Tränen fließen drein.