BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Christian Friedrich Daniel Schubart

1739 – 1791

 

Kritische Skala

der vorzüglichsten

deutschen Dichter

 

1792

 

_____________________________________________

 

 

 

Kritische Skala der

vorzüglichsten deutschen Dichter

 

Klopstock, unser erster Dichter, gibt das Maß des poetischen Genies so an:

«Ist die  R e i z b a r k e i t  d e r  E m p f i n d u n g s k r a f t  etwas größer als die  L e b h a f t i g k e i t  d e r  E i n b i l d u n g s k r a f t,  und ist die  S c h ä r f e  d e s  U r t e i l s  in  u n g l e i c h e m  A b s t a n d e  von beiden  g r ö ß e r  als sie: so sind dies vielleicht die  V e r h ä l t n i s s e,  durch welche  d a s  p o e t i s c h e  G e n i e  entsteht.»

Nach dieser Definition eines Mannes, der dies alles so sehr an sich selbst erfuhr, hab ich jederzeit den poetischen Genius betrachtet.

Wenn man die Ingredienzien eines Dichters auseinandersetzen wollte, so müßte man der Deutlichkeit wegen gewiß folgende Rubriken machen:

G e n i e,  womit ich das Herz in genaue Verbindung setze; denn  G e n i e  o h n e  H e r z  i s t  n u r  h a l b e s  G e n i e.

Voltaire konnte daher wegen seines durch ewiges Spotten und Witzeln verdorbenen Herzens nie ein großer Dichter werden. Ein grinsender Faun ging ihm immer zur Seite und verscheuchte die olympische Muse.

S c h ä r f e  d e s  U r t e i l s,  ohne welches der Dichter Ungeheuer schaffen würde oder Welten ohne Ordnung.

L i t e r a t u r,  nicht  e i g e n t l i c h e  G e l e h r s a m k e i t,  denn akademischer und scholastischer Wust gibt eine Rinde, durch welche der Genius nur mühsam durchblitzt; sondern dasjenige Maß von Kenntnissen, welches der Dichter zur Ausführung seiner Gegenstände bedarf. Der Dichter muß nie  U n w i s s e n h e i t  verraten; denn das schickt sich für den Göttersohn nicht. Er darf aber auch nicht  G e l e h r s a m k e i t  auskramen oder, welches eins ist, das Heiligtum der Musen mit menschlichem Unrate entweihen. Milton hat durch seine Gelehrsamkeit gewiß seinem göttlichen Gedichte geschadet, so wie unser Wieland sich durch vaste Literatur selbst einen Damm erbaute, der seinen Geniestrom einzwängte; daher auch die wenige Originalität in seinen Werken.

S p r a c h s t ä r k e.  Alle große Dichter sind auch Verbesserer, oft Umbilder ihrer Sprache geworden, sie rangen mit der Sprache wie Jakob mit Gott. Keines Volkes Sprache wurde je groß, stark, schön und reich ohne die Bearbeitung großer Dichter.

P o p u l a r i t ä t  oder Volkssinnigkeit halt ich mit Bürgern für eine der vorzüglichsten Eigenschaften eines Dichters. Wen nur wenige verstehen, der kann unmöglich jene göttliche Einfalt haben, die für jeden Menschen von schlichtem Verstande verständlich und einschneidend ist. Je stärker und daurender die Eindrücke eines Dichters bei der Nation sind, je größer ist er. Wie groß sind in diesem Betrachte Homer, Ossian, Shakespeare, Gleim in den Würkungen seiner Kriegslieder auf die Preußen!! – All diese Würkungen konnten ohne  P o p u l a r i t ä t  nicht hervorgebracht werden.

Das Muster aller Popularität unter den Deutschen ist Luther. Hätt er sich ganz auf die Dichtkunst gelegt, so hätten wir längst unsern Homer. Wie allgewaltig würkte er mit seiner Sprache! Noch denken wir mit ihr, reden mit ihr, schreiben mit ihr, beten mit ihr! Kein deutscher Dichter ist groß geworden und wird groß werden, der nicht diesen Vaterlandsapostel studiert hat.

L a u n e,  diese Abweichung vom Konventionellen und Üblichen, so ferne sie ins Lächerliche fällt, worin die Engländer so ausgezeichnete Muster sind, findet sich bei allen großen Genies, folglich auch bei Dichtern in größerem und vermindertem Grade. Der Sänger der Iliade verrät in seiner Batrachomyomachie viel Laune; Young, der himmlische Seher in der Nacht, hat in seinen Satiren reiche launische Züge; so wie unser Klopstock in seiner so wenig verstandenen «Gelehrtenrepublik» gezeigt hat, daß auch ihm – das Wölkchen Laune auf der Stirne dämmert. Unsere ältere Dichter, Fischart, Burkhard Waldis, Sebastian Brant, hatten weit mehr Laune als die neuern – Liscow, einen unsrer Morgensterne, ausgenommen.

W i t z  bedarf der Dichter viel, um Ähnlichkeiten zu finden, weil ohne analogischen Wert sich kein gutes Gedicht denken läßt. Nur in großen Werken muß der Dichter mit dieser Gabe sparsam umgehen; denn der Witz gleicht nicht selten einem Modegecken, der seinen Körper durch überladene Verzierungen und schreiende Papageifarben zu heben sucht.

Das  G e d ä c h t n i s  ja nicht zu vergessen; diese viel zu tief heruntergewürdigte Seeleneigenschaft. Wem in der Stunde der Begeisterung oder vielmehr der  A u s a r b e i t u n g  und Anordnung des erfundenen Feuerstoffes das Gedächtnis nicht die nötigen Subsidien zuführt, der schwächt durch  F e h l e r  und  L ü c k e n  die Eindrücke seines Gedichtes.

Nach dieser kurzen Zergliedrung ist also der  D i c h t e r g e n i u s  der größte unter allen. Er ist der wahre  N a c h a h m e r  d e r  G o t t h e i t,  schafft wie Er, ordnet wie Er, stellt dar wie Er, würkt wie Er – Gott in ungeheuern Bezirken, der Dichter in eingeschränktern.

Die orientalischen Völker, die der Sonne näher sind als wir am Eispunkte frierende Deutsche, nennen daher mit Wahrheit den wahren Dichter – einen  S e h e r.  Und wie sehr ist er's!! Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft liegen vor ihm – oft aufgedeckt, oft sieht er nur durch wolkenöffnende Blitze ins Heiligtum. Ist ihm Wahrheit über alles heilig; wird er durch Demut und Einfalt Gott immer näher; ist er von Menschenliebe und Patriotismus beseelt; bewahrt er durch weise Diät seinen  L e i b,  d e n  O f f e n b a r u n g s t h r o n  s e i n e r  S e e l e,  daß die Glorie der Gesundheit ihn stets umleuchtet; dann ist es vollendet das Bild des göttlichen Dichters. Alle gedachte große Eigenschaften vereinigen sich in  e i n e m  P u n k t e,  reiben sich, werden Flammen und lodern himmelan – den Menschenkindern zur Stärkung und Leuchte, den Engeln zum Wohlgefallen.

Nach diesem meinem poetischen Glaubensbekenntnisse will ich es wagen, einige unsrer Dichter nach aufgegebener Skala zu messen.

Man sieht aus diesem Versuche, wie schwer es sei, Geister zu messen, wie man Körper mißt. Inzwischen hat es doch seinen Nutzen. Der Zwerg sieht's deutlicher, daß er ein Zwerg ist, wenn er sich am Maße der Potsdamer Garde hinaufstreckt.

Von einigen Angaben will ich hier Beweise geben:  K l o p s t o c k s  Dichtergenius ist unverkennbar, er schlägt einem wie Flammen aus all seinen Worten ins Gesicht. Geisteshöhe, Herzenstiefe, Tonfülle, Sprachgewalt hat er wie keiner. Unversiegbar rinnt der Quell seiner Empfindungen. Die Bilder seiner Schöpfungen stellen sich den kühnsten an die Seite; an Ahndungen des Lebens im Himmel müssen ihm aber alle lebende und gestorbene Dichter die Palme lassen. Sein Herz schimmert wie Blut durch ein Kristallgefäß. Schade, daß sich sein Genie von der  D o g m a t i k  – oft selbst von den ängstlichen Regeln der  G r a m m a t i k  fesseln ließ. Griechische und lateinische Formen, unsrer Sprache so fremde, unter die sich der Dichter so oft schmiegte, hinderten den  A l l n u t z e n,  das Allinteresse, mit einem Worte, die  P o p u l a r i t ä t  seiner Werke. Inzwischen ist Klopstock bei weitem unser  e r s t e r  D i c h t e r  und wird es wohl noch lange bleiben, da unsre Nation für alles wahre Dichtergefühl immer mehr erstarrt.

W i e l a n d  zeichnet sich durch die Harmonie seiner Seelenkräfte vorzüglich aus. Alle poetische Bestandteile stehen gleichsam bei ihm auf einer Stufe; daher die Sensation, die er unter uns machte. Darzu kommt noch sein  E i n d r i n g e n  i n  d e n  f r i v o l e n  G e i s t  d e r  Z e i t  durch die Wahl seiner Stoffe und Dichtungsarten. Er hat mit Pope sehr viel Ähnliches; nur ist er minder moralisch als jener. Lebensweisheit in Dichtungen zu kleiden, wäre Wielands höchste Stärke geworden, wenn ihn nicht Griechen, Welsche und Franzosen – leider nur zu oft – wie Irrwische in Sümpfe geführt hätten.

B ü r g e r  arbeitet an einem Volksgedicht auf Friedrich den Großen; hat er dies vollendet, so wird er hoch stehen auf der poetischen Himmelsleiter. Seinen bisherigen poetischen Charakter glaub ich so ziemlich in der Skale enthüllt zu haben.

G e r s t e n b e r g  könnte zwischen Klopstock und Wieland stehen, wie ein Mittler zwischen der Sionitin und der gröber verkörperten Muse – w e n n  e r  w o l l t e.  Seine Tändeleien, prosaischen Gedichte, einzelnes in Musenalmanachen zerstreutes Manna, musikalischen Gedichte, Skaldengesang – sein «Ugolino», «Minona» sind voll von Funken eines hohen himmlischen Genius, der nicht selten der Urschönheit den Schleier lüpft und ihre ewigen Reize belauscht.

G e ß n e r  ist unter allen Deutschen – der korrekteste Dichter, voll Licht, Einfalt und des reinsten Naturgefühls: daher ist er auch der übersetzbarste, unter den Ausländern der beliebteste. Durch die beibehaltenen griechischen Mythen schwächt er sein Nationalinteresse. Wie würksam ist dagegen seine Schweizeridylle!! sein Lied eines Schweizermädchens!!