BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Charlotte von Stein

1742 - 1827

 

Dido, ein Trauerspiel

in fünf Aufzügen.

 

Vierter Aufzug.

 

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Erste Scene.

Einöde mit Felsen. Eine Wohnung von Baumästen

geflochten, im Felsen eine Grabhöhle.

Königin. Ein Sklave.

 

Königin (vom Kamel herabsteigend zum Sklaven).

Laß unsere Thiere in der Morgendämmerung weiden, und du, guter Geselle, labe dich von dem Trank und den 1) Früchten, womit wir versorgt sind. Ich will mir indeß hier auf diesem in Fels gehauenen Sitz des Schlafes Schwester, die Ruhe, zugesellen, bis ersterer mir willig den Platz in des Alten Hütte räumen wird. Den ehrwürdigen Greis will ich nicht aufwecken.

 

Sklav.

Die Ruhe ist mir noch lieber als der Schlaf; man behält so hübsch seine Sinne zusammen. (Ab.)

 

Königin (nachdem sie eine Weile stille gesessen, sich umsehend).

Die willigen Schritte meines Kamels haben mich, ehe ich's dachte, in diese Einöde getragen, und nun ich mich von den Verwirrungen meiner jetzigen Lage hier sicher fühle, ergreift mich ich weiß nicht war vor eine dürre, todte Gleichgültigkeit. – (Nach einer Pause.) O du mein liebster Gefährte, der Schmerz! verlaß mich nicht noch zuletzt! – – – Mein Leben wäre, als wenn das Schweigen des Grabes über mich sich verbreitet hätte. – – Bleib! – – ich will dir auch noch mannigmal einen labenden Becher aus dem Quell meiner Thränen schöpfen. (Sie steigt auf und betrachtet die Grabhöhle.) Diese Wohnung, guter Alter, hast du Zeit gehabt dir gefällig zu erbauen. – – Auch eine Grabschrift! – (Sie liest.) «Verzeiht, ihr fleißigen Wanderer des Lebens, daß ein Müßiger, nicht Müder, hier unverdiente Ruhe findet.» Wie? so bin ich zu deinem Grabe gewallfahrtet, und für ein Königreich bieten mir die Götter deine friedliche Hütte zur Erbschaft an? Ich muß noch deine Gebeine darin segnen.

(Sie geht hinein.)

 

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1) «den» fügte die zweite Hand hinzu.