BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Daniel Stoppe

1697 - 1747

 

Neue Fabeln oder Moralische Gedichte,

der deutschen Jugend zu einem

erbaulichen Zeitvertreibe aufgesetzt.

 

Theil II

1740/45

 

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[3.09]

Die Kinder.

 

Ein Postknecht, der zu viel auf Wein und Brandtwein hielt,

Und gern bey Leuten saß, die fleißig Prosit! sagen,

Verlohr von seinem Reisewagen

Einst nächtlich einen Sack, mit Franzgeld angefüllt.

Es war kaum völlig lichter Tag,

So kam ein Haufen kleiner Jungen

An eben diesen Ort geschrien und gesprungen.

Sie fanden den verlohrnen Sack,

Eröffneten ihn auch; doch ohne daß sie sich

Darüber sonderlich erfreuten.

Das Silber hat gemeiniglich

Noch keinen Wert bey jungen Leuten.

Sie wußten lange nicht, was mit zu machen sey.

Gleich über floß ein Strom vorbey,

Auf dem ein Dutzend Enten schwammen;

Daher die Kinder Lust bekamen,

Mit Werfen sich die Zeit, gut kindisch, zu vertreiben.

Es waren Steine gnug um den erhabnen Rand;

Die mochten immer liegen bleiben;

Sie griffen in den Sack, und schmissen, ohn Verstand,

Die harten Thaler nach den Enten,

Als wenn sie sie nun sonst zu gar nichts brauchen könnten.

Es regnete hier wirklich Geld;

Jedoch nur für das Volk der nassen Unterwelt.

Die kleine Schützenbrüderschaft

Bestrebte sich aus aller Kraft,

Den Reichthum schleunigst zu erschöpfen.

Sie zielten insgesamt den Enten nach den Köpfen;

Geschah gleich hier und da manch fehlgegangner Schuß,

So traf man wenigstens doch allemal den Fluß.

In einer halben Viertelstunde

Lag fast das ganze Geld im Wasser auf dem Grunde.

Und schaut! als eben itzt der letzte Wurf geschah,

Kam unser Postknecht gleich ins Dorf zurück geritten.

O wie erschrak der Kerl! Wie ward er voller Wüten!

Indem er selber noch die schöne Kurzweil sah,

Wie diese Buben hier sein Geld ins Wasser schmissen.

Wenn nicht das Volk im Dorfe kam,

Und die Partey der Kinder nahm:

Ich glaub, er hätte sie im Eifer gar zerrissen.

Geht! sprach man, wißt ihr nicht, daß Kinder, Kinder sind?

Sind die Erwachsnen doch oft dießfalls gleich so blind;

Der Zehnte weis kaum recht, wozu der Reichthum nütze,

Drum mäßigt euch in eurer Hitze!

 

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In Wahrheit! Sinnt nur nach, ob mancher reicher Prasser

Nicht diesen Kindern ähnlich sieht?

Ist ja dabey ein Unterschied;

So wird es dieser seyn: Er zielt nicht in das Wasser,

Er wirft sein schönes Geld, so viel ihm möglich ist,

Itzt prächtig in die Luft, itzt schändlich auf den Mist.