BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Zedlers Universal-Lexicon

1732 - 1754

 

Grosses vollständiges Universallexikon

aller Wissenschaften und Künste

 

Band XXXVI (Schwe - Senc)

1743

 

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Sclave, Leibeigener, Knecht, Lat. Mancipium, bello captus, Fr. Esclave, Ital. Schiavo, Holl. Slaaf. Dieses Wort wird in einer zweyfachen Absicht gebraucht. Einmahl in Ansehung eines andern, von dem man ein Sclave ist, und da wird es wieder genommen entweder in engern Verstande vor eine Person, die sich in einer vollkommenen und absoluten Knechtschafft entweder wegen der Geburt befindet, oder durch die Gefangenschafft im Kriege, oder durch den so genannten Menschen-Raub, oder auf andere Weise darein gerathen ist, und ohne Lohn verrichten muß, was man ihm nur befiehlet. Von den Sclaven der alten Hebräer, Griechen und Römer findet man im XV Bande, unter dem Titul Knecht, p. 1068. u. ff. zulängliche Nachricht. Wir reden ietzo ins besondere von den Sclaven, so sich heutiges Tages unter den Türcken, Tartarn und andern barbarischen Völckern befinden, ja auch von den Christlichen Kaufleuten in America in den Plantagen oder Feldbau, ingleichen in den Bergwercken, Zuckermühlen und Tobacks-Spinnereyen zu Arbeiten gebrauchet werden. Von diesen nun, so meist Mohren-Sclaven sind, und dem Handel mit denselbigen, ist schon im XXIV Bande, unter Nigritien, p. 888 u. f. gehandelt worden. Der Zustand dieser Sclaven in America ist noch gantz erträglich, allein die Christen-Sclaven unter den Türcken und Barbarn zu Algier, Tunis, Tripoli, Fetz, Marocco und an andern Orten sind sehr übel dran. Als die Sclaven zu Fetz und Marocco müssen recht Egyptische Plagen ausstehen, und beständig an dem Alcassare zu Marocco arbeiten. Sie werden nur mit ein wenig Gersten-Brod und Wasser gespeiset, und wenn sie das geringste versehen, grausam geprügelt. Sie liegen unter der Erden auf der Erden in Gestanck und ungesunder Lufft. Die Bleßirten und Krancken finden zu ihrem Troste noch zu Miquenetz ein Hospital, das der König in Spanien hat bauen lassen. Die Algierischen und Tripolitanischen Sclaven sind die allerelendesten und gequältesten Sclaven. Des Nachts stecken sie in denen sogenannten Bains oder Gefängnissen, und mögen darinnen ihren Gottesdienst halten. Es ist aber der Bain ein Gebäude, worinnen die Sclaven eines Herrn wohnen, und nahe an des Herrn Hause liegt. Anfangs hat es einen engen Eingang, von dannen kommt man in ein grosses Gewölbe, welches sein Licht durch einige Gitter sehr sparsam empfähet. Dieser Bainen sind heutiges Tages sechse, nehmlich des Bassa Bain, worinnen der Bassa seine Sclaven verwahret: Des Divans Bain, gehöret gleichsam der Stadt Algier gemeinschafftlich: Der Callolis, Turkonouvo, CataIins und Schelode. Die sieben Tabernen nicht weit von Babel Wedd waren vor diesem auch ein Bain. Das Unglück, in solchen zu seyn, trifft insgemein Italiäner, Frantzosen, Engelländer, Holländer, und Hamburger, denn die treiben ihr Gewerbe auf der Mittelländischen See, und werden da weggecapert. Diejenigen [644] Sclaven befinden sich in dem allerelendesten und kläglichsten Zustande, so ins Gefängniß zu Tetuan gerathen. Dieses Gefängniß ist ein sehr grosser gewölbter Keller bey 30 Fuß tief unter der Erden, und ist in drey unterschiedene Theile abgesondert. Der größte hat in der Länge 28, und in der Breite 24 Fuß, die beyden andern sind ein wenig kleiner. Dieses Gefängniß ist aber viel zu enge vor so viel Volck, da gemeiniglich 170, auch wohl mehr darinnen gefangen gehalten werden. Sie werden zu schwerer und saurer Arbeit in den Gärten und Feldern gezwungen, da sie das Erdreich umwühlen, und Steine brechen müssen. Etliche werden 8 bis 10 Tage-Reisen von Tripoli weggeschickt, die wüsten Felder umzuackern, und müssen Schilf-Rohr am Ufer des Stroms Mesrata sammlen, woraus Seile gemacht werden. Dieses giebt eine gefährliche Arbeit ab, denn es kommen die Araber und wilde Thiere, als Löwen, Panther-Thiere und Crocodile, deren sie sich kaum erwehren können, und müssen hier Schlangen, Nattern, Eydexen, und Heuschrecken essen. Die gemeinste Arbeit aber, worzu sie gebraucht werden, ist auf den Galeeren, wovon im XXXII Bande, pag. 1459. der Artickel Ruderknecht zu sehen. Ihre Nahrung ist nur Brod und Wasser. Des Morgens bekommen sie ein klein schwartz Brod, als ein Finger dicke, und so groß als ein mittelmäßiger Teller. Des Abends bekommen sie zu Hause zwey. Sie können nicht einmahl das blosse Wasser bekommen, sondern müssen es erst selbst 12 bis 15 Schuhe tief unter dem Sande hervor graben. Sie sind allen ersinnlichen Strafen unterworffen. Aber merckwürdig ist, daß kein Sclave gehencket wird. Und mit solchen Christen-Sclaven geschieht auch in Algier, Tripolis, Salee, und andern an den Barbarischen Küsten liegenden Raub-Nestern mehr, ebenfalls ein grosser Handel, welche die Türckischen und Algierischen See-Räuber vor eine gar köstliche Waare, an welcher viel zu gewinnen ist, halten, sonderlich wenn dergleichen Christen-Sclaven männliches Geschlechts, und noch jung und starck von Gliedern sind, ein gutes Handwerck können, oder auch von reicher und vornehmer Herkunfft sind, damit ihre Herren dermaleins eine stattliche Ranzion von ihnen zu gewarten haben. Die Weibspersonen müssen ebenfalls noch jung seyn, auch wohl aussehen, und ebenfalls von gutem Stande seyn, damit sie auch mit der Zeit ein grosses Lösegeld vor sich erlegen können. Es gehet aber mit dem Verkauff dieser armseligen Leute folgender massen zu: Wenn sie entweder auf der See in eroberten Christlichen Schiffen gefangen worden, oder die Corsaren etwan an Christlichen Küsten heimlich ans Land gesetzet, und daselbst einige Christen-Leute, jung oder alt, erschnappet haben, bringen sie solche mit sich in ihre Raub-Nester, führen sie an Ketten angeschlossen auf öffentlichen Marckt, und zwar mehrentheils halb nackend, damit die Käuffer um soviel ehe erkennen können, ob sie starck und gesund, grob oder zart von Gliedern, und die Arbeit wohl ertragen können, zu welcher sie von denen, so sie offt um ein liederliches Geld erhandelt haben, Barbarischer Weise angetrieben werden. Findet sich einer darunter, der ein gut Handwerck kan, der kommt am besten fort, und ist ihnen auch am liebsten. Ein [645] solcher muß nun entweder vor seinen Herrn selbst solches treiben, oder sein Herr vermiethet ihn auch an andere, und ziehet den verdienten Lohn dafür, wobey er dem armen Sclaven erwan des Tages ein Stündgen bey Feyerabend frey läßt, daß er sich, wenn er etwas mehrers, als sein ordinaires Wasser oder Brod, haben will, solches selbst verdienen möge. Etliche accordiren auch mit ihren Sclaven, was sie ihnen täglich oder wöchentlich einbringen sollen, was sie denn darüber erwerben, behalten sie vor sich. Bisher haben wir von den Sclaven in engern Verstande geredet. Das Wort Sclave, in Ansehung eines andern, wird aber auch inweitern Sinn von einem Menschen gebraucht, der sich in seinem Thun und Lassen lediglich nach des andern Willen, entweder aus einem Interesse, oder aus Furcht vor der Straffe, oder aus einem blinden Vorurtheil, richtet. Also heissen in Theologischen Verstande diejenigen, so sich unter die Herrschafft der Sünde begeben, Sclaven des Satans. Man hat aber im Philosophischen Verstande nicht nur eine Sclaverei des Willens, dergleichen nur jetzo beschrieben worden, sondern auch ins besondere des Verstandes, welche man die Philosophische Sclaverey, oder die Sclaverey im philosophiren nennen kann. Man ist in solcher Sclaverey, wenn man sich entweder selbst darzu begiebt, oder gehalten ist, etwas für wahr anzunehmen, weil es ein anderer sagt, daß es wahr sey, und den Beweiß deswegen muß gelten lassen, weil ihn der andere für überzeugend ausgiebt. Siehe Philosophie (Sectirische) im XXVII Bande, p. 2123 u. f. Hieher gehören auch die so genannten Mode-Sclaven, die etwas im gemeinen Leben vor zierlich oder anständig halten, weil es so Mode ist, wovon der Artickel Mode im XXI Bande, p. 700 u. ff. zu sehen. Endlich braucht man das Wort Sclave auch in Ansehung sein selbst, wenn man sagt, man sey ein Sclave von sich selbst. Dieses ist derjenige Zustand eines Menschen, wenn er sich bloß von seiner Einbildung, oder von seinen unvernünfftigen Neigungen und Affecten regieren läßt. Von den Sclaven der Einbildungs-Krafft, siehe Phantasie (Sclaven der) im XXVII Bande, p. 1742 u. f. Von der Sclaverey der Neigungen u. Affecten siehe Moralische Sclaverey im XXI Bande, p. 1481.

 

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