BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Adelbert von Chamisso

1781 - 1838

 

Gedichte.

Ausgabe letzter Hand

 

1837

 

_______________________________________________________________________

 

 

 

Lieder und lyrisch-epische Gedichte.

 

 

Singe, wem Gesang gegeben,

In dem deutschen Dichterwald!     Uhland

 

Frauen-Liebe und Leben.

 

1

 

Seit ich ihn gesehen,

Glaub ich blind zu sein;

Wo ich hin nur blicke,

Seh ich ihn allein;

Wie im wachen Traume

Schwebt sein Bild mir vor,

Taucht aus tiefstem Dunkel

Heller nur empor.

 

Sonst ist licht- und farblos

Alles um mich her,

Nach der Schwestern Spiele

Nicht begehr ich mehr,

Möchte lieber weinen

Still im Kämmerlein;

Seit ich ihn gesehen,

Glaub ich blind zu sein.

 

2

 

Er, der herrlichste von allen,

Wie so milde, wie so gut!

Holde Lippen, klares Auge,

Heller Sinn und fester Muth.

 

So wie dort in blauer Tiefe,

Hell und herrlich, jener Stern,

Also er an meinem Himmel,

Hell und herrlich, hoch und fern.

 

Wandle, wandle deine Bahnen;

Nur betrachten deinen Schein,

Nur in Demuth ihn betrachten,

Selig nur und traurig sein!

 

Höre nicht mein stilles Beten,

Deinem Glücke nur geweiht;

Darfst mich, niedre Magd, nicht kennen,

Hoher Stern der Herrlichkeit!

 

Nur die Würdigste von allen

Soll beglücken deine Wahl,

Und ich will die Hohe segnen,

Segnen viele tausend Mal.

 

Will mich freuen dann und weinen,

Selig, selig bin ich dann,

Sollte mir das Herz auch brechen,

Brich, o Herz, was liegt daran!

 

3

 

Ich kann's nicht fassen, nicht glauben,

Es hat ein Traum mich berückt;

Wie hätt er doch unter allen

Mich Arme erhöht und beglückt?

 

Mir war's, er habe gesprochen:

Ich bin auf ewig dein –

Mir war's – ich träume noch immer,

Es kann ja nimmer so sein.

 

O laß im Traume mich sterben

Gewieget an seiner Brust,

Den seligsten Tod mich schlürfen

In Thränen unendlicher Lust.

 

4

 

Du Ring an meinem Finger,

Mein goldnes Ringelein,

Ich drücke dich fromm an die Lippen,

Dich fromm an das Herze mein.

 

Ich hatt ihn ausgeträumet,

Der Kindheit friedlichen Traum,

Ich fand allein mich verloren

Im öden unendlichen Raum.

 

Du Ring an meinem Finger,

Da hast du mich erst belehrt,

Hast meinem Blick erschlossen

Des Lebens unendlichen Werth.

 

Ich werd ihm dienen, ihm leben,

Ihm angehören ganz,

Hin selber mich geben und finden

Verklärt mich in seinem Glanz.

 

Du Ring an meinem Finger,

Mein goldnes Ringelein,

Ich drücke dich fromm an die Lippen,

Dich fromm an das Herze mein.

 

5

 

Helft mir, ihr Schwestern,

Freundlich mich schmücken,

Dient der Glücklichen heute mir.

Windet geschäftig

Mir um die Stirne

Noch der blühenden Myrte Zier.

 

Als ich befriedigt,

Freudiges Herzens,

Dem Geliebten im Arme lag,

Immer noch rief er,

Sehnsucht im Herzen,

Ungeduldig den heut'gen Tag

 

Helft mir, ihr Schwestern,

Helft mir verscheuchen

Eine thörichte Bangigkeit;

Daß ich mit klarem

Aug ihn empfange,

Ihn, die Quelle der Freudigkeit.

 

Bist, mein Geliebter,

Du mir erschienen,

Gibst du, Sonne, mir deinen Schein?

Laß mich in Andacht,

Laß mich in Demuth

Mich verneigen dem Herren mein.

 

Streuet ihm, Schwestern,

Streuet ihm Blumen,

Bringt ihm knospende Rosen dar.

Aber euch, Schwestern,

Grüß ich mit Wehmuth,

Freudig scheidend aus eurer Schar.

 

6

 

Süßer Freund, du blicktest

Mich verwundert an,

Kannst es nicht begreifen,

Wie ich weinen kann;

Laß der feuchten Perlen

Ungewohnte Zier

Freudenhell erzittern

In den Wimpern mir.

 

Wie so bang mein Busen,

Wie so wonnevoll!

Wüßt ich nur mit Worten,

Wie ich's sagen soll;

Komm und birg dein Antlitz

Hier an meiner Brust,

Will ins Ohr dir flüstern

Alle meine Lust.

 

Hab ob manchen Zeichen

Mutter schon gefragt,

Hat die gute Mutter

Alles mir gesagt,

Hat mich unterwiesen,

Wie, nach allem Schein,

Bald für eine Wiege

Muß gesorget sein.

 

Weißt du nun die Thränen,

Die ich weinen kann,

Sollst du nicht sie sehen,

Du geliebter Mann;

Bleib an meinem Herzen,

Fühle dessen Schlag,

Daß ich fest und fester

Nur dich drücken mag.

 

Hier an meinem Bette

Hat die Wiege Raum,

Wo sie still verberge

Meinen holden Traum;

Kommen wird der Morgen,

Wo der Traum erwacht,

Und daraus dein Bildniß

Mir entgegen lacht.

 

7

 

An meinem Herzen, an meiner Brust,

Du meine Wonne, du meine Lust!

 

Das Glück ist die Liebe, die Lieb ist das Glück,

Ich hab es gesagt und nehm's nicht zurück.

 

Hab überglücklich mich geschätzt,

Bin überglücklich aber jetzt.

 

Nur die da säugt, nur die da liebt

Das Kind, dem sie die Nahrung giebt;

 

Nur eine Mutter weiß allein,

Was lieben heißt und glücklich sein.

 

O wie bedaur ich doch den Mann,

Der Mutterglück nicht fühlen kann!

 

Du schauest mich an und lächelst dazu,

Du lieber, lieber Engel, du!

 

An meinem Herzen, an meiner Brust,

Du meine Wonne, du meine Lust!

 

8

 

Nun hast du mir den ersten Schmerz gethan,

Der aber traf.

Du schläfst, du harter, unbarmherz'ger Mann,

Den Todesschlaf.

 

Es blicket die Verlaßne vor sich hin,

Die Welt ist leer.

Geliebet hab ich und gelebt, ich bin

Nicht lebend mehr.

 

Ich zieh mich in mein Innres still zurück,

Der Schleier fällt,

Da hab ich dich und mein vergangnes Glück,

Du meine Welt!

 

 

9

 

Traum der eignen Tage,

Die nun ferne sind,

Tochter meiner Tochter,

Du mein süßes Kind,

Nimm, bevor die Müde

Deckt das Leichentuch,

Nimm ins frische Leben

Meinen Segensspruch.

 

Siehst mich grau von Haaren,

Abgezehrt und bleich,

Bin, wie du, gewesen

Jung und wonnereich,

Liebte, wie du liebest,

Ward, wie du, auch Braut,

Und auch du wirst altern,

So wie ich ergraut.

 

Laß die Zeit im Fluge

Wandeln fort und fort,

Nur beständig wahre

Deines Busens Hort;

Hab ich's einst gesprochen,

Nehm ich's nicht zurück:

Glück ist nur die Liebe,

Liebe nur ist Glück.

 

Als ich, den ich liebte,

In das Grab gelegt,

Hab ich meine Liebe

Treu in mir gehegt;

War mein Herz gebrochen,

Blieb mir fest der Muth,

Und des Alters Asche

Wahrt die heil'ge Gluth.

 

Nimm, bevor die Müde

Deckt das Leichentuch,

Nimm ins frische Leben

Meinen Segensspruch:

Muß das Herz dir brechen,

Bleibe fest dein Muth,

Sei der Schmerz der Liebe

Dann dein höchstes Gut.

 

 

Küssen will ich,

ich will küssen.

 

Freund, noch einen Kuß mir gib,

Einen Kuß von deinem Munde,

Ach! ich habe dich so lieb!

Freund, noch einen Kuß mir gib.

Werden möcht ich sonst zum Dieb,

Wärst du karg in dieser Stunde;

Freund, noch einen Kuß mir gib,

Einen Kuß von deinem Munde.

 

Küssen ist ein süßes Spiel,

Meinst du nicht, mein süßes Leben?

Nimmer ward es noch zu viel,

Küssen ist ein süßes Spiel.

Küsse, sonder Zahl und Ziel,

Geben, nehmen, wiedergeben,

Küssen ist ein süßes Spiel,

Meinst du nicht, mein süßes Leben?

 

Gibst du einen Kuß mir nur,

Tausend geb ich dir für einen.

Ach wie schnelle läuft die Uhr,

Gibst du einen Kuß mir nur.

Ich verlange keinen Schwur,

Wenn es treu die Lippen meinen,

Gibst du einen Kuß mir nur,

Tausend geb ich dir für einen.

 

Flüchtig, eilig wie der Wind,

Ist die Zeit, wann wir uns küssen.

Stunden, wo wir selig sind,

Flüchtig, eilig wie der Wind!

Scheiden schon, ach so geschwind!

Oh, wie werd ich weinen müssen!

Flüchtig, eilig wie der Wind,

Ist die Zeit, wann wir uns küssen.

 

Muß es denn geschieden sein,

Noch nur einen Kuß zum Scheiden!

Scheiden, meiden, welche Pein!

Muß es denn geschieden sein?

Lebe wohl, und denke mein,

Mein in Freuden und in Leiden,

Muß es denn geschieden sein,

Noch nur einen Kuß zum Scheiden!

 

 

Thränen.

 

1

 

Was ist's, o Vater, was ich verbrach?

Du brichst mir das Herz, und fragst nicht darnach.

 

Ich hab ihm entsagt, nach deinem Befehl,

Doch nicht ihn vergessen, ich hab es nicht Hehl.

 

Noch lebt er in mir, ich selbst bin todt,

Und über mich schaltet dein strenges Gebot.

 

Wann Herz und Wille gebrochen sind,

Bittet um eins noch dein armes Kind.

 

Wann bald mein müdes Auge sich schließt,

Und Thränen vielleicht das deine vergießt;

 

An der Kirchwand dort, beim Holunderstrauch,

Wo die Mutter liegt, da lege mich auch.

 

2

 

Ich habe, bevor der Morgen

Im Osten noch gegraut,

Am Fenster zitternd geharret

Und dort hinaus geschaut.

 

Und in der Mittagsstunde,

Da hab ich bitter geweint,

Und habe doch im Herzen:

Er kommt wohl noch, gemeint.

 

Die Nacht, die Nacht ist kommen,

Vor der ich mich gescheut;

Nun ist der Tag verloren,

Auf den ich mich gefreut.

 

3

 

Nicht der Thau und nicht der Regen

Dringen, Mutter, in dein Grab,

Thränen sind es,

Thränen deines armen Kindes

Rinnen heiß zu dir hinab.

 

Und ich grabe, grabe, grabe;

Von den Nägeln springt das Bluth,

Ach! mit Schmerzen,

Mit zerrißnem bluth'gem Herzen

Bring ich dir hinab mein Gut.

 

Meinen Ring, sollst mir ihn wahren,

Gute Mutter, liebevoll;

Ach! sie sagen,

Daß ich einen andern tragen,

Weg den meinen werfen soll.

 

Ring, mein Ring, du teures Kleinod!

Muß es denn geschieden sein?

Ach! ich werde

Bald dich suchen in der Erde,

Und du wirst dann wieder mein.

 

4

 

Denke, denke mein Geliebter,

Meiner alten Lieb und Treue,

Denke, wie aus freud'gem Herzen,

Sonder Harm und sonder Reue,

Frei das Wort ich dir gegeben,

Dich zu lieben, dir zu leben –

Suche dir ein andres Lieb!

 

Ach! er kam, besah die Felder

Und das Haus, der Mutter Erbe,

Sprach und feilschte mit dem Vater

Der befahl gestreng und herbe. –

Eitel war das Wort gesprochen,

Herz und Treue sind gebrochen –

Suche dir ein andres Lieb!

 

Und der Priester mit dem Munde

Sprach den Segen unverdrossen,

Unerhöret, einem Bunde,

Der im Himmel nicht geschlossen. –

Zieh von hinnen! zieh von hinnen!

Andres Glück dir zu gewinnen,

Suche dir ein andres Lieb!

 

5

 

Die, deren Schoß geboren,

In Wonn und Lust verloren,

Ihr Kind in Armen hält,

Sie giebt dir Preis und Ehren,

Und weint des Dankes Zähren

Dir, Vater aller Welt.

 

Und, welcher du verneinet

Des Leibes Segen, weinet

Und grämt und härmet sich,

Sie hebt zu dir die Arme

Und betet: ach! erbarme,

Erbarme meiner dich!

 

Ich Aermste nur von allen,

In Schuld und Schmach gefallen,

Bin elend grenzenlos;

Ich bete: – weh mir! – mache,

Aus Mitleid oder Rache,

Unfruchtbar meinen Schoß.

 

 

6

 

Ich hab ihn im Schlafe zu sehen gemeint,

Noch sträubt vor Entsetzen mein Haar sich empor,

O hätt ich doch schlaflos die Nacht durchweint,

Wie manche der Nächte zuvor.

 

Ich sah ihn verstört, zerrissen und bleich,

Wie er in den Sand zu schreiben schien,

Er schrieb unsre Namen, ich kannt es gleich,

Da hab ich wohl laut geschrien.

 

Er fuhr zusammen vom Schrei erschreckt,

Und blickte mich an, verstummt wie das Grab,

Ich hielt ihm die Arme entgegen gestreckt,

Und er – er wandte sich ab.

 

7

 

Wie so bleich ich geworden bin?

Was willst du fragen?

Freue, freue dich immerhin,

Ich will nicht klagen.

 

Hast das Haus und die Felder auch,

Und hast den Garten,

Laß mich unterm Holunderstrauch

Den Platz erwarten.

 

Tief das Plätzchen und lang und breit

Nur wen'ge Schuhe,

Leg ich dort mich zu guter Zeit

Und halte Ruhe.

 

 

Die Blinde.

 

1

 

Es hat die Zeit gegeben,

Wo hinaus mein Auge mich trug,

Zu folgen im tiefen Lichtmeer

Der flüchtigen Wolken Zug;

 

Zu streifen über die Ebne

Nach jenem verschwindenden Saum,

Mich unbegrenzt zu verlieren

Im lichten unendlichen Raum.

 

Die Zeit ist abgeflossen,

Lebwohl, du heiterer Schein!

Es schließet die Nacht der Blindheit

In engere Schranken mich ein.

 

O trauert nicht, ihr Schwestern,

Daß ich dem Licht erstarb;

Ihr wißt nur, was ich verloren,

Ihr wißt nicht, was ich erwarb.

 

Ich bin aus irren Fernen

In mich zurücke gekehrt,

Die Welt in des Busens Tiefe

Ist wohl die verlorene werth.

 

Was außen tönet, das steiget

Herein in mein Heiligthum;

Und was die Brust mir beweget,

Das ist mein Eigenthum.

 

2

 

Wie hat mir einer Stimme Klang geklungen

Im tiefsten Innern,

Und zaubermächtig alsobald verschlungen

All mein Erinnern!

 

Wie einer, den der Sonne Schild geblendet,

Umschwebt von Farben,

Ihr Bild nur sieht, wohin das Aug er wendet,

Und Flammengarben;

 

So hört ich diese Stimme übertönen

Die lieben alle,

Und nun vernehm ich heimlich nur ihr Dröhnen

Im Widerhalle.

 

Mein Herz ist taub geworden! wehe, wehe!

Mein Hort versunken!

Ich habe mich verloren und ich gehe

Wie schlafestrunken

 

3

 

Jammernd sinn ich und sinn immer das Eine nur:

Wonneselig die Hand, welche beseelet, sanft

Gleitend über sein Antlitz

Dürft ihm Form und Gestalt verleihn!

 

Armes, armes Gehör, welches von ferne nur

Du zu schlürfen den Ton einzig vermagst, ins Herz

Ihn nachhallend zu leiten,

Ob nachhallend, doch wesenlos!

 

4

 

Stolz, mein Stolz, wohin gekommen!

Bin ein armes, armes Kind,

Deren Augen, ausgeglommen,

Nur zu weinen tauglich sind.

 

Lesen kann ich in den seinen

Nicht das heimlich tiefe Wort,

Meine schweigen, aber weinen,

Weinen, weinen fort und fort.

 

Ja wir sind getrennt! In Scherzen

Und in Freuden wandelst du,

Ueber mich und meine Schmerzen

Schlägt die Nacht die Flügel zu.

 

5

 

Wie trag ich's doch zu leben

Nur mir und meiner Pein?

Dem Liebsten sollt ich dienen,

Da wollt ich selig sein!

 

Ich wollt ein treuer Page

Um den Gebieter stehn,

Bereit zu jeder Botschaft

Und jeden Gang zu gehn.

 

Ich kenne jede Windung

Der Straßen, jedes Haus,

Und jeden Stein am Wege,

Und weiche jedem aus.

 

Wie freudig zitternd trüg ich

Ihm nachts die Fackel vor,

Die freud'ge Luft ihm spendend,

Die selber ich verlor!

 

Oh, traurig ist's im Dunkeln,

Ich weiß es nur zu sehr!

Licht wollt ich, Licht verbreiten

Um seine Schritte her.

 

Ihn sollte stets erfreuen

Das allerfreu'nde Licht,

Sein Anblick sollte jeden

Erfreuen, mich nur nicht.

 

Und sollte da mich treffen

Der Menschen Spott und Hohn,

Ich seh es nicht, und hört ich's,

Ach das ertrüg ich schon.

 

6

 

Du mein Schmerz und meine Wonne,

Meiner Blindheit andre Sonne,

Holde Stimme, bist verhallt.

Meine Nacht hüllt sich in Schweigen,

Ach, so schaurig, ach, so eigen,

Alles öd und leer und kalt!

 

Leise welken, mich entfärben

Seht ihr Schwestern mich und sterben,

Und ihr fragt und forscht und klagt:

Laßt das Forschen, laßt das Fragen,

Laßt das Klagen, seht mich tragen

Selbst mein Schicksal unverzagt.

 

Hingeschwunden ist mein Wähnen,

Ohne Thränen, ohne Sehnen

Welk ich meinem Grabe zu;

Nichts dem Leben bin ich schuldig,

Stumm, geduldig, trag ich, duld ich,

Schon im Herzen Todesruh.

 

 

Lebens-Lieder und Bilder

 

1

Der Knabe.

 

Gehört vom Lindwurm habt ihr oft,

Ihr meine Spielgesellen,

Nun wird es wahr, was ich gehofft,

Den Drachen werd ich fällen.

Er liegt gekrümmt am dunklen Ort

Im kleinen Schrank am Spiegel dort,

Da hat er seine Höhle.

 

Ihr seid die beiden Doggen traut,

Die ich zum Kampfe brauche,

Ich treib euch an, ihr heulet laut

Und packt ihn unterm Bauche.

Ich geh mit Schwert und Schild voran,

Mit Helm und Panzer angethan,

Und schrei ihn aus dem Schlafe.

 

Hervor, hervor! du Höllenbrut!

Da, seht den grimmen Drachen!

Hu wie er Feuer speit und Bluth

Aus weit gesperrtem Rachen!

Wir kamen unbedachtsam nicht

Zu diesem Strauß, thut eure Pflicht,

Ihr meine guten Doggen.

 

Und schnappt er gierig erst nach mir,

Ich werd ihn listig fassen,

Die aufgehäuften Bücher hier

Sind schwere Felsenmassen,

In seinen Rachen werf ich sie,

Du Unthier, erst verschlucke die,

Bevor du mich kannst beißen.

 

Die Schlacht beginnt, wohl aufgepaßt!

Wir wollen Gutes hoffen;

Er denkt: er hält mich schon gefaßt,

Sein weites Maul ist offen, –

Der dicke Scheller fliegt hinein,

Die andern folgen, groß und klein,

Der Bröder und der Buttmann.

 

O Buttmann! o was tust du mir,

Du dummer, zum Verderben?!

Du triffst den Spiegel, nicht das Thier,

Da liegen, ach, die Scherben!

Der dumme Spiegel nur ist Schuld,

Und tragen soll ich in Geduld

Deshalb noch viele Schläge.

 

Das Glück hat feindlich sich erprobt,

Getrost, ihr Spielgesellen!

Ich werde, wenn der Meister tobt,

Mich selbst für alle stellen.

Er schlage mich nach Herzenslust,

Daß er es kann, ist mir bewußt,

Doch wird es so nicht dauern.

 

Ich bin auf immer nicht ein Kind,

Es wird das Blatt sich wenden,

Die durch die Rute mächtig sind,

Die Ruten werden enden.

Ich hab als Kind den Schwur gethan,

Und bin ich erst erwachsner Mann,

Dann weh den Rutenführern!

 

2

Das Mädchen.

 

Mutter, Mutter! meine Puppe

Hab ich in den Schlaf gewiegt,

Gute Mutter, komm und siehe,

Wie so englisch sie da liegt.

 

Vater wies mich ab und sagte:

«Geh, du bist ein dummes Kind»;

Du nur, Mutter, kannst begreifen,

Welche meine Freuden sind.

 

Wie du mit den kleinen Kindern,

Will ich alles mit ihr thun,

Und sie soll in ihrer Wiege

Neben meinem Bette ruhn.

 

Schläft sie, werd ich von ihr träumen,

Schreit sie auf, erwach ich gleich, –

Meine himmlisch gute Mutter,

O wie bin ich doch so reich!

 

3

Er.

 

Möchte doch einer die Fäuste sich nagen!

Also zu jung! nicht stark noch genug!

Hören muß ich die Trommel schlagen,

Sehen die andern Waffen tragen,

Fernab ziehen, verschwinden den Zug.

 

Hören muß ich, und ruhig kauern,

Schelten der Fremden Uebermuth;

Sehen die Mutter beten und trauern,

Aber gefangen in diesen Mauern

Kühlen am Tacitus meine Wuth.

 

Ziehet, ihr glücklichen fröhlichen Fechter,

Sorget, daß ihr vom Joch uns befreit,

Aber bestellt mich vertrauend zum Wächter

Ueber die künftigen Schergengeschlechter,

Einst auch kommen wird meine Zeit.

 

4

Sie.

 

Mutter, Mutter! unsre Schwalben –

Sieh doch selber, Mutter, sieh!

Junge haben sie bekommen,

Und die Alten füttern sie.

 

Als die lieben kleinen Schwalben

Wundervoll ihr Nest gebaut,

Hab ich stundenlang am Fenster

Heimlich sinnend zugeschaut;

 

Und wie erst sie eingerichtet

Und bewohnt das kleine Haus,

Haben sie nach mir geschauet

Gar verständig klug hinaus.

 

Ja, es schien sie hätten gerne

Manches heimlich mir erzählt,

Und es habe sie betrübet,

Was zur Rede noch gefehlt.

 

Also hab ich, liebe Schwalben,

Unverdrossen euch belauscht,

Und ihr habt, mit euren Räthseln,

Wunderseltsam mich berauscht;

 

Jetzt erst, jetzt hat das Geheimniß,

Das ihr meintet, sich enthüllt,

Eure heimlich süße Hoffnung

Hat sich freudig euch erfüllt.

 

Sieh doch hin! die beiden Alten

Bringen ihnen Nahrung dar.

Giebt es Süßeres auf Erden,

Als ein solches Schwalbenpaar!

 

5

Er.

 

Kraft der Erde, Licht der Sonne,

Schäumt der edle Wein;

Laßt, ihr Brüder, ernst und heilig

Unsre Stimmung sein.

 

Heute nicht dem Rausch der Freude,

Nicht der eiteln Lust,

Nein dem Gotte soll er gelten

Tief in unsrer Brust.

 

Gleich dem Weine warm und kräftig,

Lauter, rein und klar,

Bringen wir das volle Leben

Ihm zum Opfer dar.

 

Schmach der Feigheit! Krieg der Lüge!

Allem Schlechten Krieg!

Herrlich für die Freiheit sterben,

Herrlicher der Sieg!

 

Wir für Menschenrecht und Würde

Kämpen allzumal,

Weihen den gefallnen Helden

Funkelnd den Pokal.

 

6

Sie.

 

Rose, Rose, Knospe gestern

Schliefst du noch in moos'ger Hülle,

Heute prangst in Schönheitsfülle

Du vor allen deinen Schwestern.

Träumtest du wohl über Nacht

Von den Wundern, die geschahen,

Von des holden Frühlings Nahen

Und des jungen Tages Pracht?

 

7

Er.

 

Ich hab in den Klüften des Berges gehaust

Gar manche schaurige Nacht,

Und wann in den Föhren der Sturm gesaust,

Recht wild in den Sturm gelacht.

 

Da, wo die Spur sich des Menschen verlor,

Ward's erst mir im Busen leicht;

Ich bin geklommen auf Gipfel empor,

Die sonst nur der Adler erreicht.

 

Das Land, vom luftigen Horst geschaut,

Lag unten, von Wolken verdeckt;

Da schallte mein Lied gar grimmig und laut, –

Das Lied – hat schier mich erschreckt.

 

Und nieder trieb mich die grausige Lust

Am Strom der Wildniß entlang;

Ihn überschrie aus bewegter Brust

Mein seltsam brausender Sang.

 

Der Strom vertobt in ein friedliches Thal,

Dort liegt ein einsames Haus –

Ein Rosengarten – ein Gartensaal –

Es schaut wohl jemand heraus.

 

Und wie ich schweifend vorübergewallt

Am Hag, wo die Rosen sind,

Sind alle die schaurigen Lieder verhallt,

Ich ward so ein sanftes Kind!

 

8

Sie.

 

Ich muß den Zweig, den bösen Rosenzweig

Verklagen.

Er bat so sanft, wie sollt ich den ihm gleich

Versagen?

 

Doch war's, daß ich ihn selbst zum Strauch geführt,

Nicht weise,

Wo seine Hand die meinige berührt,

So leise.

 

Und als er zögernd aus dem Garten war

Gegangen,

Stand zitternd ich, als hätt ich Böses gar

Begangen.

 

O hätt ich seiner holden Rede nicht

Gelauschet!

Mich nicht an seines Auges klarem Licht

Berauschet!

 

Nun trag ich unablässig, schreckhaft, bang,

Mit Schmerzen,

Das Licht des Auges und der Stimme Klang

Im Herzen.

 

9

Er.

 

Ein Rosenzweig dich schmücken?

Du Wilder, wie will sich's schicken?

Was hast du mit Rosen gemein? –

Es stehen drei Sterne am Himmel,

Die geben der Lieb ihren Schein.

 

Zwei Knospen am Zweig und die Rose

Entscheiden nun meine Lose,

Die Dreie, die mein ich allein. –

Es stehen drei Sterne am Himmel,

Die geben der Lieb ihren Schein.

 

Die Rose, die zarte, blühet,

Die Liebe blühet und glühet,

Das fühl ich im Herzen mein. –

Es stehen drei Sterne am Himmel,

Die geben der Lieb ihren Schein.

 

Noch Knospen im grünen Laube,

Die Hoffnung und der Glaube,

Sie müssen zur Blüthe gedeihn. –

Es stehen drei Sterne am Himmel,

Die geben der Lieb ihren Schein.

 

Ich pflanz ihn in meinen Garten,

Den Zweig, und seiner zu warten,

Dem will ich ernst mich weihn. –

Es stehen drei Sterne am Himmel,

Die geben der Lieb ihren Schein.

 

Ich seh ihn im freudigen Traume

Erwachsen zum starken Baume,

Mein Obdach soll er sein. –

Es stehen drei Sterne am Himmel,

Die geben der Lieb ihren Schein.

 

Und hat der Traum mich betrogen,

Verdorrend der Zweig mich belogen,

Mag alles dann Lüge sein;

Dann steht kein Stern am Himmel,

Kein Stern giebt der Liebe den Schein.

 

10

Sie.

 

Hör ich seine Stimme wieder?

Weh mir, weh mir! welche Lieder!

Ach! was hab ich ihm gethan?

Mitleid sollt er an mir üben,

Aber nur mich zu betrüben,

Sinnt der schonungslose Mann.

 

Vor den Liedern sollt ich fliehen,

Mich verbergen, mich entziehen

Der bezaubernden Gewalt –

Aber lauschen muß ich, lauschen,

Gierig, schmerzlich mich berauschen,

Bis der letzte Ton verhallt.

 

Schweigt es, hallt in mir die Weise

Nach, gar unbegriffner Weise,

Traurig mild, und schaurig wild. –

Und die Träume! Wehe, wehe!

Wann ich leuchtend vor mir sehe

Wundersam sein hohes Bild.

 

11

Er.

 

Am Rosenhag im Thal, am Quell der Linden,

Da haben meine Lieder oft gerauscht;

Sie hofften gläubig Widerhall zu finden;

Hast, Widerhall, den Liedern du gelauscht,

Und ahndungsvoll gebebt bei ihrem Klange? –

Lange!

 

Geahndet hättest du, daß ich dich meinte,

Und dich in Schmerz und Lust mit mir vereint?

Und hättest bald, wann ich verzagend weinte,

Betrübet und verzagend auch geweint?

Und bald gehofft, wann ich ermuthigt hoffte? –

Ofte!

 

Du kennst das unbegriffne bange Sehnen,

Den Widerstreit in der bewegten Brust?

Den Hochgesang der Freuden und die Thränen,

Den liebgehegten Schmerz, die herbe Lust?

Der Hoffnung Honigseim, des Zweifels Galle? –

Alle!

 

Wohlan! Ich werde gehn, mein Haus zu bauen;

Sei fest, wie ich es bin, gedenke mein.

Den dreien Sternen will ich fest vertrauen,

Die dort der Liebe geben ihren Schein;

Und wirst auch du vertrauen ihrem Schimmer? –

Immer!

 

So lebe wohl, du Seele meiner Lieder,

Und nur auf kurze Zeit verstumme du,

Gar bald erweckt dich meine Stimme wieder,

Dann rufen wir es laut einander zu,

Was ungesagt verschwiegen nicht geblieben, –

Lieben!

 

12

Sie.

 

So still das Thal geworden! – ach! die Lieder,

Seitdem er fortgezogen, sind verhallt;

Und sorglos wandl ich, aber trauernd wieder

Am Quell der Linden, wo sie sonst geschallt.

 

Der Winter schleicht heran, die Bäume zeigen

Die Aeste schon vom falben Schmuck beraubt,

Mein Rosenbaum wird bald die Krone neigen

Vom Reife schwer und schimmernd neu belaubt.

 

Und auch auf meinen Wangen, hör ich sagen,

Entfärben sich die Rosen, sie sind bleich;

Und mir ist wohl, ich habe nicht zu klagen,

Ich bin in der Erinnerung so reich!

 

Er hat, der Morgensonne gleich, dem Traume,

Dem nächtlichen, der Kindheit mich entrückt;

Er schreite vor im lichterfüllten Raume,

Es sinkt mein Blick geblendet und entzückt.

 

Ich werde nicht, einfält'ges Kind, begehren,

Daß mir die Sonne nur gehören soll;

Mag flammend mich ihr mächt'ger Strahl verzehren,

Ich segne sie und sterbe freudenvoll.

 

13

Er.

 

Wie stürmte der Knab in das Leben

So feindlich schroff und ergrimmt! –

Ein Blick in dein klares Auge,

Ein Blick in den reinen Himmel,

Wie friedsam ward er gestimmt!

 

Er liegt, der Wilde, besänftigt,

Gelassen, besonnen und mild,

Zu deinen Füßen gebändigt,

Und hebet zitternd die Hände

Zu dir, du friedliches Bild!

 

Ich habe mir einen Garten

Bestellt nach allem Fleiß;

Da seh ich die Rosen erblühen,

Sich härmen und still verglühen,

Von denen die Herrin nicht weiß.

 

Ich hab ein Haus mir erbauet,

Begründet es dauerhaft;

Das seh ich so düster trauern,

Weil nicht in den öden Mauern

Die segnende Hausfrau schafft.

 

Ich habe von reinem Golde

Bestellt mir einen Ring,

Den Ring... ich zittre verstummend –

Den Ring, du Reine, du Holde,

Nimm an den goldenen Ring.

 

Den Gartenhag und die Rosen,

Das Haus, des Ringes Zier,

Mein Herz und meinen Frieden,

Mein Leben und mein Lieben,

Die leg ich zu Füßen dir.

 

14

Sie.

 

Mein güt'ger Herr, du willst herab dich lassen

Beseligend zu deiner armen Magd!

Mir hat die Sonne deiner Huld getagt!

Ich kann es nicht ermessen, nicht erfassen.

 

Du sollst nicht wirre Träume neu beleben,

Mein innres Herz nicht rufen an das Licht,

Laß ab, du täuschest dich, du kennst mich nicht,

Ich habe nichts als Liebe dir zu geben.

 

Laß ab, du Vielgeliebter, von der Armen,

Die schon der Liebe Schmerz um dich beglückt;

Sie heißt dich fliehn, und fest und fester drückt

Sie wonnetrunken dich in ihren Armen.

 

15

Er.

 

Wie klang aus deinem Munde

Das Ja so wunderbar?

Ich bin nun zwei geworden,

Der ich so einsam war.

 

Sie.

 

Wie klang es aus deinem Munde

Beseligend meinem Ohr?

Ich habe Ruhe gefunden,

Da ich in dir mich verlor.

 

Er.

 

Mein Kind, mein Weib, mein Liebchen,

Mein süßes Eigenthum,

Du meines Laubes Blume,

Du meine Freude, mein Ruhm!

 

Sie.

 

Dein Kind, dein Weib, dein Liebchen,

Und deine Magd, und dein!

Mein teurer Herr, mein Gebieter,

Du Vielgeliebter mein!

 

Er.

 

Wie anders ergeht in die Zukunft

Sich nun der Gedanken Flug!

Nun gilt es, stark zu erhalten,

Beharrlich, besonnen und klug.

 

Sie.

 

Vergessen aller Zeiten

An deiner lieben Brust!

Der Gegenwart genießen

In süßer himmlischer Lust!

 

Beide.

 

Wirf, segenreicher Vater,

Den Blick auf die Kinder dein,

Und laß ihre fromme Liebe

Ein Dankgebet dir sein.

 

16

Sie.

 

Du schlummerst, feiner Knabe,

Du meiner Freuden Kind,

So sanft in meinen Armen,

Die deine Welt noch sind.

 

Nun wachst du auf, du lächelst,

Ich blicke wonnereich

In deines Vaters Augen

Und in mein Himmelreich.

 

Laß schwelgend mich genießen

Der süßen kurzen Frist,

Wo noch an meinem Herzen

Du ganz der Meine bist.

 

Es will sich bald nicht passen,

Es treibt und dehnt sich aus,

Es wird dem lock'gen Knaben

Zu klein das Mutterhaus.

 

Es stürmt der Mann ins Leben,

Er bricht sich seine Bahn;

Mit Lieb und Haß gerüstet

Strebt kämpfend er hinan.

 

Und der verarmten Mutter

Ist nun Entsagung Pflicht;

Sie folgt ihm mit dem Herzen,

Ihr Aug erreicht ihn nicht.

 

O Liebling meines Herzens,

Mein Segen über dich!

Sei gleich nur deinem Vater,

Das andre findet sich.

 

17

Er.

 

Dein Vater hält dich im Arme,

Du goldenes Töchterlein,

Und träumt gar eigene Träume,

Und singt und wieget dich ein.

 

Es eilt die Zeit so leise,

Gewaltig und geschwind,

Aus enger Wiege steiget

Hervor das muntere Kind.

 

Das Kind wird still und stiller,

Es drängt an die Mutter sich;

Wie blühet heran die Jungfrau

Bewußtlos so minniglich!

 

Ein Himmel, welcher Tiefe!

Ihr Auge so blau und klar!

Wie bist du gleich geworden

Der Mutter, die dich gebar!

 

Nun überthauen Perlen

Des hellen Blickes Glanz,

Nun will der Zweig der Myrte

Sich biegen zum bräutlichen Kranz.

 

Dein Vater hält dich im Arme,

Du goldenes Töchterlein,

Und träumt von deiner Mutter,

Und singt und wieget dich ein.

 

18

Sie.

 

Du liebst mich wohl, ich zweifle nicht daran,

Und lebte nicht, wenn mir ein Zweifel bliebe;

Doch liebst du mich, du lieber böser Mann,

Nicht so, wie ich dich liebe.

 

Getheilten Herzens, halb, und halb wohl kaum,

Wann eben Zeit und Ort es also geben;

Du aber bist mein Wachen und mein Traum,

Mein ganzes Sein, mein Leben.

 

Du kennst nicht deiner süßen Stimme Macht,

Wenn du dich liebeflüsternd zu mir neigest;

Ein armes Wort, das schon mich selig macht,

Du sprichst es nicht, du schweigest.

 

Noch winde dich aus meinem Arm nicht fort,

Laß lesen mich aus deinen lieben Augen,

Und von dem kargen Lippenpaar das Wort,

Das ungesprochne, saugen.

 

19

Er.

 

Ich werde nicht mit dir, du Süße, rechten, –

Dich lieben, so wie du mich liebest? nein.

Aus Rosen laß den Siegerkranz dir flechten,

Der Liebe Preis ist dein.

 

Die Lieb umfaßt des Weibes volles Leben,

Sie ist ihr Kerker und ihr Himmelreich:

Die sich in Demuth liebend hingegeben,

Sie dient und herrscht zugleich.

 

Gekehrt nach außen ist des Mannes Trachten,

Und bildend in die Zukunft strebt die That;

Als Pflegling muß die Liebe den betrachten,

Dem segnend sie sich naht.

 

So hab ich dir im allgemeinen Bilde,

Beglückende, dein eigenes gezeigt,

Dein Bild, vor dem der Ungefüge, Wilde

Sich sanft gebunden neigt.

 

O lasse mich in deinen lieben Armen

Vergessen dieser Zeiten düstern Schein,

An deiner lieben treuen Brust erwarmen

Und reich und glücklich sein.

 

20

Sie.

 

Es wallt das Gewölk herüber,

Verhüllt, verfinstert meinen Stern.

Es faltet sich trüb und trüber

Die Stirne meines teuern Herrn.

 

Zu dir erhebet die Hände,

Erbarmer, die gebeugte Magd;

Du, schaffe des Grames Ende,

Der meinem Herrn am Herzen nagt.

 

Wo nicht sie vermag zu heilen,

Vertraut die Liebe dir allein;

Befiehl dem Gewölk sich zu theilen,

Gib meinem Stern du seinen Schein.

 

21

Er.

 

Sei stark, du meine Männin, reiche mir

Und weihe, sie berührend, meine Waffen;

Nicht thöricht gilt's die Welt mehr umzuschaffen,

Sei stark, für Recht und Ordnung kämpfen wir.

 

Bricht selbstverschuldet Unheil auf ein Land,

Und krächzet mahnend links am Weg der Rabe,

Wird ihm verderblich seine Sehergabe,

Ihm giebt des Unheils Schuld der Unverstand.

 

Es hob sich wider mich der Thoren Zunft,

Sie stürmten auf mich ein, mich zu zerreißen;

Ich, Rabe, schrie: die schwangre Zeit will kreißen! –

Nun bebt die Welt bei ihrer Niederkunft.

 

Das haben ja die Kinder schon gewußt,

Und jene haben doch das Wort gesprochen;

Nun ist der Tag des Bluthes angebrochen;

Mit Erz umgürte sich jedwede Brust.

 

Wir ziehen trauernd in die Männerschlacht,

Und über Trümmer kämpfen wir und Leichen.

Fluch über sie, die uns den Oelzweig reichen

Verschmähend sahn, und Krieg uns zugebracht!

 

Fluch über sie! denn losgerissen stürzt

Anwachsend die Lauvin' und schafft Verderben.

Für Recht und Ordnung gilt's annoch zu sterben –

Wer weiß, wie morgen sich der Knoten schürzt?

 

In Zwietracht auf erkämpftem Boden mag

Sich leicht die Schar zerspalten der Genossen;

Die heut um mich den Heldenkreis geschlossen,

Sind Feinde mir vielleicht am nächsten Tag.

 

Ich werde stehen, wo ich soll und darf,

Und fallen, muß es sein, wo Edle starben,

Für Recht und Ordnung wehen meine Farben,

Für Recht und Ordnung ist der Tod nicht scharf.

 

Ich deck euch kämpfend mit dem eignen Leib,

Umarme mich noch einmal, laß das Weinen,

Bring her mir meine beiden armen Kleinen,

Und nun – – Leb wohl, du vielgeliebtes Weib.

 

22

Sie.

 

Bestreut mit Eichenlaub die Bahre dort – –

O meine Kinder! so wird hergetragen,

Der unser Vater war und unser Hort,

Sein Herz hat ausgeschlagen.

 

Heb auf das Tuch, du bist sein einz'ger Sohn,

Dem Sohne wird die Wunde dieses Helden,

Was Mannestugend sei, und was ihr Lohn,

Gar unvergeßlich melden.

 

Des Namens Erbe, den er sich erwarb,

Sollst trachten du dereinst nach gleichem Adel,

Und sterben, muß es sein, so wie er starb,

Stets ohne Furcht und Tadel.

 

Du, Auge meiner Freude, fielest zu,

Dich, süßer Mund, erschließet nicht mein Sehnen, –

Ja, weine, meine Tochter, weine du,

Ich habe keine Thränen.

 

 

Der Klapperstorch.

 

1

 

Was klappert im Hause so laut? horch, horch!

Ich glaub, ich glaube, das ist der Storch.

 

Das war der Storch. Seid, Kinder, nur still,

Und hört, was gern ich erzählen euch will.

 

Er hat euch gebracht ein Brüderlein

Und hat gebissen Mutter ins Bein.

 

Sie liegt nun krank, doch freudig dabei,

Sie meint, der Schmerz zu ertragen sei.

 

Das Brüderlein hat euer gedacht,

Und Zuckerwerk die Menge gebracht,

 

Doch nur von den süßen Sachen erhält,

Wer artig ist und still sich verhält.

 

2

 

Und als das Kind geboren war,

Sie mußten der Mutter es zeigen;

Da wird ihr Auge voll Thränen so klar,

Es strahlte so wonnig, so eigen.

 

Gern litt ich und werde, mein süßes Licht,

Viel Schmerz um dich noch erleben.

Ach! lebt von Schmerzen die Liebe nicht,

Und nicht von Liebe das Leben!

 

3

 

Der Vater kam, der Vater frug nach seinem Jungen,

Und weil der Knabe so geweint,

So hat ihm auch der Alte gleich ein Lied gesungen,

Wie er's im Herzen treu gemeint.

 

Als so ich schrie, wie du nun schreist, die Zeiten waren

Nicht so, wie sie geworden sind,

Geduld, Geduld! und kommst du erst zu meinen Jahren,

So wird es wieder anders, Kind!

 

Da legten sie, mit gläub'gem Sinn, zu mir dem Knaben

Des Vaters Wappenschild und Schwert;

Mein Erbe war's, und hatte noch, und sollte haben

Auf alle Zeiten guten Werth.

 

Ich bin ergraut, die alte Zeit ist abgelaufen,

Mein Erb ist worden eitel Rauch.

Ich mußte, was ich hab und bin, mir selbst erkaufen,

Und du, mein Sohn, das wirst du auch.

 

 

Die kleine Lise am Brunnen.

(Frei nach dem Dänischen von Andersen)

 

In den Grund des Brunnens schaut

Lischen gar gedankenvoll;

Was hier dieser Brunnen soll,

Hat die Mutter ihr vertraut.

 

«Meine Schwester sagte zwar

Daß der Storch die Kinder bringt;

Wie verständig es auch klingt,

Ist es aber doch nicht wahr.

 

Nein, das macht sie mir nicht weis.

Mutter, wie ich sie gefragt,

Hat es anders mir gesagt,

Mutter, die es besser weiß.

 

Aus dem Brunnen holt bei Nacht

Sie die weise Frau allein,

Die hat jüngst das Brüderlein

Aus dem Brunnen uns gebracht.

 

Vor fünf Jahren schlief ich auch

Hier im Brunnen, wundersam,

Bis sie mich zu holen kam

Nach dem hergebrachten Brauch.

 

Könnt ich nur die Kleinen sehn!

Ach, ich säh sie gar zu gern!

Doch sie schlafen tief und fern,

Keines läßt sich heut erspähn.

 

Wüßt ich, wie die Frau es macht,

Holt ich eines mir geschwind.

So ein himmlisch kleines Kind,

Ei, das wär auch eine Pracht!

 

O was gäb ich nicht darum!

Seit es durch den Sinn mir fährt,

Bist mir gar nichts, gar nichts werth,

Garst'ge Puppe, stumm und dumm!»

 

 

Die Klage der Nonne.

(Deutsch nach dem Chinesischen)

 

Ich muß in diesen Mauern in Abgeschiedenheit

Versäumen und vertrauern die schöne Jugendzeit.

Sie haben ja zur Nonne mich eingemauert arg,

Und haben mich lebendig gelegt in meinen Sarg.

 

Ich muß die Metten singen, mein Herz ist nicht dabei.

Vergib mir, du mein Heiland, wie sündhaft ich auch sei,

Vergib mir und vergib auch in deiner reichen Huld

Den Blinden, den Bethörten, die an dem Unheil Schuld.

 

Hier senkt die hohe Wölbung sich schwer auf mich herab

Und drängen sich die Wände zu einem engen Grab;

Mein Leib nur ist gefangen, es hält die dumpfe Gruft

Mein Sinnen nicht, das schweifet hinaus nach freier Luft.

 

Mich zieht die Sehnsucht schmerzlich in die erhellte Welt,

Wo Liebe sich mit Liebe zu froher Lust gesellt;

Die Freundinnen mir waren, sie lieben, sind geliebt,

Und nur für mich auf Erden es keine Liebe giebt.

 

Ich seh sie, ihre Männer, ihr häuslich stilles Glück,

Umringt von muntern Kindern, – es ruft mich laut zurück

In Gottes Welt, ich weine und weine hoffnungslos;

Ward doch auch mir verheißen des Weibs gemeinsam Los!

 

Ich hätte nicht den reichsten, den schönsten nicht begehrt,

Nur einen, der mich liebe, der meiner Liebe werth;

Ja keine Prunkgemächer, nur ein bescheidnes Haus,

Er ruhte sich am Abend vom Tagwerk bei mir aus.

 

Ich könnt im ersten Jahre, in stolzer Mutterlust,

Ein Kind, wohl einen Knaben, schon drücken an die Brust;

Da würden manche Sorgen und Schmerzen mir zu Theil,

Ist doch das Glück auf Erden um hohen Preis nur feil.

 

Ich wollt an seiner Wiege so treu ihm dienstbar sein,

Ihn pflegte ja die Liebe, was sollt er nicht gedeihn?

Du lächelst, streckst die Händchen, du meine süße Zier!

O Vater! sieh den Jungen, fürwahr, er langt nach dir!

 

Ich müßte bald verschmerzen, was meine Freude war,

Ich müßt ihn ja entwöhnen wohl schon im nächsten Jahr:

Du blickst, mein armer Junge, verlangend nach mir hin,

Du weinst, – ich möchte weinen, daß ich so grausam bin.

 

Er wächst, er kreucht, er richtet an Stühlen sich empor,

Verläßt die Stütze, schreitet selbstständ'ge Schritte vor;

Er fällt: du armer Junge! verliere nicht den Muth,

Ein Hauch von deiner Mutter macht alles wieder gut.

 

Und wie die ersten Laute er schon vernehmlich lallt,

Mama, Papa, ihr Klang mir im Herzen widerhallt!

Und wie ihn reich und reicher die Sprache schon vergnügt,

Und seltsam noch die Worte er aneinander fügt!

 

Er wird schon groß, wir schaffen ein Wiegenpferd ihm an,

Er tummelt es und peitscht es, ein kühner Reitersmann. –

Ei! kletterst du schon wieder? du ungezogner Wicht!

Er lacht, er kommt, er küßt mich, und zürnen kann ich nicht.

 

Er muß in seinen Jahren bald in die Schule gehn,

Muß lesen, schreiben lernen: das wirst du, Vater, sehn,

So wild er ist, wir lösen – ja, er wird fleißig sein, –

Noch manchen rothen Zettel von ihm mit Naschwerk ein.

 

Und wenn von rother Farbe nicht alle Zettel sind,

Sollst Vater so nicht schelten, er ist ja noch ein Kind,

Er wird noch unsre Freude und unser Ruhm zugleich

Einst hochgelahrt gepriesen im ganzen röm'schen Reich.

 

Und Jahr' um Jahre fliehen in ungehemmtem Lauf,

Er aber durch die Klassen arbeitet sich hinauf,

Er wird zur hohen Schule entlassen, er erreicht

Gewiß ein gutes Zeugniß, das beste? – ja! – vielleicht.

 

Und wann er uns besuchet, – o Gott! ich seh ihn schon

Mit seinem schwarzen Schnurrbart, den echten Musensohn. –

Die Ferien sind zu Ende, ade! muß wieder hin,

Ich komme nun nicht früher, als bis ich fertig bin.

 

Ein Brief! ein Brief! lies, Vater; – Dein Sohn hat ausstudiert,

Sie haben ihn zum Doktor mit hohem Lob kreiert,

Mit nächster Post, so schreibt er, ja, morgen trifft er ein;

Hol, Mutter, aus dem Keller die letzte Flasche Wein!

 

Das Posthorn hör ich schallen! – ach nein! zu meinem Ohr

Dringt dumpf nur das Geläute, das ruft mich in das Chor;

Sie haben ja zur Nonne mich eingemauert arg,

Und haben mich lebendig gelegt in meinen Sarg.

 

Ich muß die Metten singen, mein Herz ist nicht dabei.

Vergib mir, du mein Heiland, wie sündhaft ich auch sei,

Vergib mir und vergib auch in deiner reichen Huld

Den Blinden, den Bethörten, die an dem Unheil Schuld.

 

 

Die alte Waschfrau.

 

Du siehst geschäftig bei dem Linnen

Die Alte dort in weißem Haar,

Die rüstigste der Wäscherinnen

Im sechsundsiebenzigsten Jahr.

So hat sie stets mit sauerm Schweiß

Ihr Brod in Ehr und Zucht gegessen,

Und ausgefüllt mit treuem Fleiß

Den Kreis, den Gott ihr zugemessen.

 

Sie hat in ihren jungen Tagen

Geliebt, gehofft und sich vermählt;

Sie hat des Weibes Los getragen,

Die Sorgen haben nicht gefehlt;

Sie hat den kranken Mann gepflegt;

Sie hat drei Kinder ihm geboren;

Sie hat ihn in das Grab gelegt,

Und Glaub und Hoffnung nicht verloren.

 

Da galt's die Kinder zu ernähren;

Sie griff es an mit heiterm Muth,

Sie zog sie auf in Zucht und Ehren,

Der Fleiß, die Ordnung sind ihr Gut.

Zu suchen ihren Unterhalt

Entließ sie segnend ihre Lieben,

So stand sie nun allein und alt,

Ihr war ihr heitrer Muth geblieben.

 

Sie hat gespart und hat gesonnen

Und Flachs gekauft und nachts gewacht,

Den Flachs zu feinem Garn gesponnen,

Das Garn dem Weber hingebracht;

Der hat's gewebt zu Leinewand;

Die Schere brauchte sie, die Nadel,

Und nähte sich mit eigner Hand

Ihr Sterbehemde sonder Tadel.

 

Ihr Hemd, ihr Sterbehemd, sie schätzt es,

Verwahrt's im Schrein am Ehrenplatz;

Es ist ihr Erstes und ihr Letztes,

Ihr Kleinod, ihr ersparter Schatz.

Sie legt es an, des Herren Wort

Am Sonntag früh sich einzuprägen,

Dann legt sie's wohlgefällig fort,

Bis sie darin zur Ruh sie legen.

 

Und ich, an meinem Abend, wollte,

Ich hätte, diesem Weibe gleich,

Erfüllt, was ich erfüllen sollte

In meinen Grenzen und Bereich;

Ich wollt, ich hätte so gewußt

Am Kelch des Lebens mich zu laben,

Und könnt am Ende gleiche Lust

An meinem Sterbehemde haben.

 

 

Frühling.

 

Der Frühling ist kommen, die Erde erwacht,

Es blühen der Blumen genung.

Ich habe schon wieder auf Lieder gedacht,

Ich fühle so frisch mich, so jung.

 

Die Sonne bescheinet die blumige Au,

Der Wind beweget das Laub.

Wie sind mir geworden die Locken so grau?

Das ist doch ein garstiger Staub.

 

Es bauen die Nester und singen sich ein

Die zierlichen Vögel so gut.

Und ist es kein Staub nicht, was sollt es denn sein?

Mir ist wie den Vögeln zu Muth.

 

Der Frühling ist kommen, die Erde erwacht,

Es blühen der Blumen genung.

Ich habe schon wieder auf Lieder gedacht,

Ich fühle so frisch mich, so jung.

 

 

Geh du nur hin!

 

Ich war auch jung und bin jetzt alt,

Der Tag ist heiß, der Abend kalt,

Geh du nur hin, geh du nur hin,

Und schlag dir solches aus dem Sinn.

 

Du steigst hinauf, ich steig hinab,

Wer geht im Schritt, wer geht im Trab?

Sind dir die Blumen eben recht,

Sind doch sechs Bretter auch nicht schlecht.

 

 

Was soll ich sagen?

 

Mein Aug ist trüb, mein Mund ist stumm,

Du heißest mich reden, es sei darum.

 

Dein Aug ist klar, dein Mund ist roth,

Und was du nur wünschest, das ist ein Gebot.

 

Mein Haar ist grau, mein Herz ist wund,

Du bist so jung, und bist so gesund.

 

Du heißest mich reden, und machst mir's so schwer,

Ich seh dich so an, und zittre so sehr.

 

 

Morgenthau.

 

Wir wollten mit Kosen und Lieben

Genießen der köstlichen Nacht.

Wo sind doch die Stunden geblieben?

Es ist ja der Hahn schon erwacht.

 

Die Sonne, die bringt viel Leiden,

Es weinet die scheidende Nacht;

Ich also muß weinen und scheiden,

Es ist ja die Welt schon erwacht.

 

Ich wollt, es gäb keine Sonne,

Als eben dein Auge so klar,

Wir weilten in Tag und in Wonne,

Und schliefe die Welt immerdar.

 

 

Zur Antwort.

 

Dir ist sonst der Mund verschlossen,

Du antwortest mir ja kaum,

Nur zu Liedern süßen Klanges

Oeffnest du ihn, wie im Traum.

Könnt ich auch so dichten, würden

Hübsch auch meine Lieder sein,

Sänge nur, wie ich dich liebe,

Sänge nur: ganz bin ich dein.

 

Ich kann dir ins Antlitz schauen,

Heiter, wie das Kind ins Licht;

Ich kann lieben, kosen, küssen,

Aber dichten kann ich nicht.

Könnt ich auch so dichten, würden

Hübsch auch meine Lieder sein,

Sänge nur, wie ich dich liebe,

Sänge nur: ganz bin ich dein.

 

 

Zur Unzeit.

 

Ich wollte, wie gerne, dich herzen,

Dich wiegen in meinem Arm,

Dich drücken an meinem Herzen,

Dich hegen so traut und so warm.

 

Man verscheuchet mit Rauch die Fliegen,

Mit Verdrießlichkeit wohl den Mann;

Und wollt ich an dich mich schmiegen,

Ich thäte nicht weise daran.

 

Wohl zieht vom strengen Norden

Ein trübes Gewölk herauf,

Ich bin ganz stille geworden,

Ich schlage die Augen nicht auf.

 

 

Auf der Wanderschaft.

 

1

 

Wohl wandert ich aus in trauriger Stund,

Es weinte die Liebe so sehr.

Der Fuß ist mir lahm, die Schulter mir wund,

Das Herz, das ist mir so schwer.

 

Was singt ihr, ihr Vögel, im Morgenlicht?

Ihr wißt nicht, wie scheiden thut!

Es drücken euch Sorgen und Schuhe nicht;

Ihr Vögel, ihr habt es gut!

 

2

 

Der Regen strömt, die Sonne scheint,

Es geht bergauf, es geht bergab, –

Ich denke sie, die mich nur meint,

Sie, die mir ihre Treue gab.

 

Was gehst du suchend durch das Land,

Du Müder mit ergrautem Bart? –

Ich suche nicht, was ich schon fand,

Ich suche nicht, was mir schon ward.

 

Ich bin noch frisch, ich bin noch jung,

Die Welt ist kalt und ohne Lust,

Ich hab daheim der Freude genung,

Es wird mir warm an ihrer Brust.

 

3

 

Noch hallt nur aus der Ferne

Ein frisches Liedchen von mir.

Der Vater eilt zu dem Kinde,

Der Geliebte, mein Feinlieb, zu dir.

 

Er küßt dich auf die Stirne,

Er küßt dich auf den Mund,

Nun sie zu dir ihn tragen,

Sind ihm die Füße nicht wund.

 

 

Gern und gerner.

 

Der Gang war schwer, der Tag war rauh,

Kalt weht' es und stürmisch aus Norden;

Es trieft mein Haar vom Abendthau,

Fast wär ich müde geworden.

 

Laß blinken den rothen, den süßen Wein:

Es mag der alte Zecher

Sich gerne sonnen im rothen Schein,

Sich gerne wärmen am Becher;

 

Und gerner sich sonnen in trüber Stund

Am Klarblick deiner Augen,

Und gerner vom rothen, vom süßen Mund

Durchwärmende Flammen saugen.

 

Reichst mir den Mund, mir den Pokal,

Mir Jugendlust des Lebens;

Laß tosen und toben die Stürme zumal,

Sie mühen um mich sich vergebens.

 

 

Im Herbst.

 

Niedrig schleicht blaß hin die entnervte Sonne,

Herbstlich goldgelb färbt sich das Laub, es trauert

Rings das Feld schon nackt und die Nebel ziehen

Ueber die Stoppeln.

 

Sieh, der Herbst schleicht her und der arge Winter

Schleicht dem Herbst bald nach, es erstarrt das Leben;

Ja, das Jahr wird alt, wie ich alt mich fühle

Selber geworden!

 

Gute, schreckhaft siehst du mich an, erschrick nicht;

Sieh, das Haupthaar weiß, und des Auges Sehkraft

Abgestumpft; warm schlägt in der Brust das Herz zwar,

Aber es friert mich!

 

Naht der Unhold, laß mich ins Aug ihm scharf sehn:

Wahrlich, Furcht nicht flößt er mir ein, er komme,

Nicht bewußtlos raff er mich hin, ich will ihn

Sehen und kennen.

 

Laß den Wermuthstrank mich, den letzten, schlürfen,

Nicht ein Leichnam längst, ein vergeßner, schleichen

Wo ich markvoll einst in den Boden Spuren

Habe getreten.

 

Ach! ein Bluthstrahl quillt aus dem lieben Herzen:

Fasse Muth, bleib stark; es vernarbt die Wunde,

Rein und liebwerth hegst du mein Bild im Herzen

Nimmer vergänglich.

 

 

 

Das Schloss Boncourt.

 

Ich träum als Kind mich zurücke,

Und schüttle mein greises Haupt;

Wie sucht ihr mich heim, ihr Bilder,

Die lang ich vergessen geglaubt?

 

Hoch ragt aus schatt'gen Gehegen

Ein schimmerndes Schloß hervor,

Ich kenne die Thürme, die Zinnen,

Die steinerne Brücke, das Thor.

 

Es schauen vom Wappenschilde

Die Löwen so traulich mich an,

Ich grüße die alten Bekannten,

Und eile den Burghof hinan.

 

Dort liegt die Sphinx am Brunnen,

Dort grünt der Feigenbaum,

Dort, hinter diesen Fenstern,

Verträumt ich den ersten Traum.

 

Ich tret in die Burgkapelle

Und suche des Ahnherrn Grab,

Dort ist's, dort hängt vom Pfeiler

Das alte Gewaffen herab.

 

Noch lesen umflort die Augen

Die Züge der Inschrift nicht,

Wie hell durch die bunten Scheiben

Das Licht darüber auch bricht.

 

So stehst du, o Schloß meiner Väter,

Mir treu und fest in dem Sinn,

Und bist von der Erde verschwunden,

Der Pflug geht über dich hin.

 

Sei fruchtbar, o teurer Boden,

Ich segne dich mild und gerührt,

Und segn' ihn zwiefach, wer immer

Den Pflug nun über dich führt.

 

Ich aber will auf mich raffen,

Mein Saitenspiel in der Hand,

Die Weiten der Erde durchschweifen,

Und singen von Land zu Land.

 

 

Frühling und Herbst.

 

Fürwahr, der Frühling ist erwacht;

Den holden Liebling zu empfahn,

Hat sich mit frischer Blumenpracht

Die junge Erde angethan.

 

Die muntern Vögel, lieberwärmt,

Begehn im grünen Hain ihr Fest.

Ein jeder singt, ein jeder schwärmt,

Und bauet emsig sich sein Nest.

 

Und alles lebt und liebt und singt,

Und preist den Frühling wunderbar,

Den Frühling, der die Freude bringt;

Ich aber bleibe stumm und starr.

 

Dir, Erde, gönn ich deine Zier,

Euch, Sänger, gönn ich eure Lust,

So gönnet meine Trauer mir,

Den tiefen Schmerz in meiner Brust.

 

Für mich ist Herbst; der Nebelwind

Durchwühlet kalt mein falbes Laub;

Die Aeste mir zerschlagen sind,

Und meine Krone liegt im Staub.

 

 

Die drei Sonnen.

 

Es wallte so silbernen Scheines

Nicht immer mein lockiges Haar,

Es hat ja Zeiten gegeben,

Wo selber ich jung auch war.

 

Und blick ich dich an, o Mädchen,

So rosig und heiter und jung,

Da taucht aus vergangenen Zeiten

Herauf die Erinnerung.

 

Die Mutter von deiner Mutter –

Noch sah ich die Schönere nicht,

Ich staunte sie an, wie die Sonne,

Geblendet von ihrem Licht.

 

Und einst durchbebte mit Wonne

Der Druck mich von ihrer Hand,

Sie neigte darauf sich dem andern,

Da zog ich ins fremde Land.

 

Spät kehrt ich zurück in die Heimath,

Ein Müder nach irrem Lauf,

Es stieg am heimischen Himmel

Die andere Sonne schon auf.

 

Ja deine Mutter, o Mädchen, –

Noch sah ich die Schönere nicht,

Ich staunte sie an, wie die Sonne,

Geblendet von ihrem Licht.

 

Sie reichte mir einst die Stirne

Zum Kusse, da zittert ich sehr,

Sie neigte darauf sich dem andern,

Da zog ich über das Meer.

 

Ich habe verträumt und vertrauert

Mein Leben, ich bin ein Greis,

Heim kehr ich, die dritte Sonne

Erleuchtet den Himmelskreis.

 

Du bist es, o Wonnereiche;

Noch sah ich die Schönere nicht,

Ich schaue dich an, wie die Sonne,

Geblendet von deinem Licht.

 

Du reichst mir zum Kusse die Lippen,

Mitleidig mir wohl zu thun,

Und neigst dich dem andern, ich gehe

Bald unter die Erde, zu ruhn.

 

 

Nacht und Winter.

 

Von des Nordes kaltem Wehen

Wird der Schnee daher getrieben,

Der die dunkle Erde decket;

 

Dunkle Wolken ziehn am Himmel,

Und es flimmern keine Sterne,

Nur der Schnee im Dunkel schimmert.

 

Herb und kalt der Wind sich reget,

Schaurig stöhnt er in die Stille;

Tief hat sich die Nacht gesenket.

 

Wie sie ruhn auf dem Gefilde,

Ruhn mir in der tiefsten Seele

Dunkle Nacht und herber Winter.

 

Herb und kalt der Wind sich reget,

Dunkle Wolken ziehn am Himmel,

Tief hat sich die Nacht gesenket.

 

Nicht der Freude Kränze zieren

Mir das Haupt im jungen Lenze,

Und erheitern meine Stirne:

 

Denn am Morgen meines Lebens,

Liebend und begehrend Liebe,

Wandl ich einsam in der Fremde,

 

Wo das Sehnen meiner Liebe,

Wo das heiße muß, verschmähet,

Tief im Herzen sich verschließen.

 

Herb und kalt der Wind sich reget,

Dunkle Wolken ziehn am Himmel,

Und es flimmern keine Sterne.

 

Wie sie ruhn auf dem Gefilde,

Ruhn mir in der tiefsten Seele

Dunkle Nacht und herber Winter.

 

Leise hallen aus der Ferne

Töne, die den Tag verkünden. –

Wird der Tag denn sich erhellen?

 

Freudebringend dem Gefilde

Wird er strahlen, Nacht entschweben,

Herber Winter auch entfliehen,

 

Und des Jahres Kreis sich wenden,

Und der junge Lenz in Liebe

Nahen der verjüngten Erde.

 

Mir nur, mir nur ew'ger Winter,

Ew'ge Nacht, und Schmerz, und Thränen,

Kein Tag, keines Sternes Flimmer!

 

 

Blauer Himmel.

 

Heiter blick ich, ohne Reue

In des Himmels reine Bläue,

Zu der Sterne lichtem Gold.

Ist der Himmel, ist die Freundschaft,

Ist die Liebe mir doch hold.

Laure, mein Schicksal, laure!

 

Keine Stürme, keine Schmerzen,

Heitre Ruh im vollen Herzen,

Kann es aber anders sein?

Blauer Himmel, treue Freundschaft,

Reiche Liebe sind ja mein.

Laure, mein Schicksal, laure!

 

Hat das Schicksal arge Tücke,

Sieh, ich fürchte nichts vom Glücke,

Heiter bin ich, wie die Luft.

Mein der Himmel, mein die Freundschaft,

Mein die Liebe bis zur Gruft.

Laure, mein Schicksal, laure!

 

 

Winter.

 

In den jungen Tagen

Hatt ich frischen Muth,

In der Sonne Strahlen

War ich stark und gut.

 

Liebe, Lebenswogen,

Sterne, Blumenlust!

Wie so stark die Sehnen!

Wie so voll die Brust!

 

Und es ist zerronnen,

Was ein Traum nur war;

Winter ist gekommen,

Bleichend mir das Haar.

 

Bin so alt geworden,

Alt und schwach und blind,

Ach! verweht das Leben,

Wie ein Nebelwind!

 

 

Abend.

 

Laß, Kind, laß meinen Weg mich ziehen,

Es wird schon spät, es wird schon kalt,

Es neiget sich der Tag zu Ende,

Und erst dort unten mach ich Halt.

 

Wozu mir deine Lieder singen?

Sie treffen mich mit fremdem Klang. –

Wie war das Wort? war's Liebe? Liebe!

Vergessen hatt ich es schon lang.

 

Und doch, gedenk ich ferner Zeiten,

Mich dünkt, es war ein süßes Wort.

Jetzt aber zieh ich meiner Straße,

«Ein jeder kommt an seinen Ort».

 

Hier windet sich mein Pfad nach unten,

Die müden Schritte schwanken sehr;

Mein frühes Feuer ist erloschen,

Das fühl ich alle Stunden mehr.

 

 

Frisch gesungen!

 

Hab oft im Kreise der Lieben

In duftigem Grase geruht,

Und mir ein Liedlein gesungen,

Und alles war hübsch und gut.

 

Hab einsam auch mich gehärmet

In bangem düsterem Muth,

Und habe wieder gesungen,

Und alles war wieder gut.

 

Und manches, was ich erfahren,

Verkocht ich in stiller Wuth,

Und kam ich wieder zu singen,

War alles auch wieder gut.

 

Sollst nicht uns lange klagen,

Was alles dir wehe thut,

Nur frisch, nur frisch gesungen!

Und alles wird wieder gut.

 

 

Es ist nur so

der Lauf der Welt.

 

Mir ward als Kind im Mutterhaus,

Zu aller Zeit, Tag ein, Tag aus,

Die Rute wohl gegeben.

Und als ich an zu wachsen fieng

Und endlich in die Schule gieng,

Ergieng es mir noch schlimmer.

 

Das Lesen war ein Hauptverdruß,

Ach! wer's nicht kann und dennoch muß,

Der lebt ein hartes Leben.

So ward ich unter Schmerzen groß

Und hoffte nun ein beßres Los,

Da gieng es mir noch schlimmer.

 

Wie hat die Sorge mich gepackt!

Wie hab ich mich um Geld geplackt!

Was hat's für Noth gegeben!

Und als zu Geld ich kommen war,

Da führt' ein Weib mich zum Altar,

Da gieng es mir noch schlimmer.

 

Ich hab's versucht, und hab's verflucht,

Pantoffeldienst und Kinderzucht

Und das Gekreisch der Holden.

O meiner Kindheit stilles Glück,

Wie wünsch ich dich jetzt fromm zurück!

Die Rute war ja golden!

 

 

Geduld!

 

Als einst in Knabenjahren

Ich an zu kegeln fieng,

Da hab ich selbst erfahren,

Wie's jenem Kaiser gieng.

 

Tunelli, weiland Kaiser

Vom Reich Aromata,

Großmächt'ger Fürst und weiser,

Wie noch ich keinen sah,

 

Du Jäger unverdrossen,

Du knalltest mannlich los,

Und hattst du nichts erschossen,

So lag's am Zielen bloß.

 

Ich aber schob wie keiner,

Das Zielen nur war Schuld;

Von neunen fiel nicht einer –

Der Junge rief: Geduld!

 

Geduld! Geduld! – Indessen

Bin worden grau und alt,

Hab Kegeln schier vergessen,

Der Ton noch immer schallt.

 

Geduld! Geduld! – Ihr Jungen,

Ihr sangt ein Lied mir vor,

Euch sangen's tausend Zungen

Vielstimmig nach im Chor.

 

Geduld! Geduld! – Die Weise,

Die stimm ich selbst noch an:

Geduld auf später Reise,

Du müder, alter Mann!

 

 

Pech.

 

Wahrlich aus mir hätte vieles

Werden können in der Welt,

Hätte tückisch nicht mein Schicksal

Sich mir in den Weg gestellt.

 

Hoher Ruhm war zu erwerben,

Wenn die Waffen ich erkor;

Mich den Kugeln preis zu geben,

War ich aber nicht der Thor.

 

Um der Musen Gunst zu buhlen

War ich minder schon entfernt;

Ein Gelehrter wär ich worden,

Hätt ich lesen nur gelernt.

 

Bei den Frauen, sonder Zweifel,

Hätt ich noch mein Glück gemacht,

Hätten sie mich aller Orten

Nicht unmenschlich ausgelacht.

 

Wie zum reichen Mann geboren,

Hätt ich diesen Stand erwählt,

Hätte nicht vor allen Dingen

Immer mir das Geld gefehlt.

 

Ueber einen Staat zu herrschen,

War vor allen ich der Mann,

Meine Gaben und Talente

Wiesen diesen Platz mir an.

 

König hätt ich werden sollen,

Wo man über Fürsten klagt.

Doch mein Vater war ein Bürger,

Und das ist genug gesagt.

 

Wahrlich aus mir hätte vieles

Werden können in der Welt,

Hätte tückisch nicht mein Schicksal

Sich mir in den Weg gestellt.

 

 

Mässigung und Mässigkeit.

 

Laßt das Wort uns geben heute,

Uns vom Trunke zu entwöhnen;

Ziemt sich's für gesetzte Leute,

Wüster Völlerei zu frönen?

Nein, es ziemt sich Sittsamkeit.

Gutes Beispiel will ich geben:

Mäßigung und Mäßigkeit! –

Stoßet an, sie sollen leben! –

Mäßigung und Mäßigkeit! –

Maß! Maß!

Leert darauf das volle Glas!

 

Seht, ein Glas ist Gottes Gabe,

Und das zweite stimmt uns lyrisch;

Wenn ich gegen drei nichts habe,

Machen viele doch uns thierisch;

Trinket mehr nicht als genung!

Und mein Lied will ich euch singen:

Mäßigkeit und Mäßigung! –

Laßt die vollen Gläser klingen! –

Mäßigkeit und Mäßigung!

Maß! Maß!

Leert darauf das volle Glas!

 

Seht den Trunkenbold in schrägen

Linien durch die Gassen wanken;

Kommt die Hausfrau ihm entgegen,

Hört sie keifen, hört sie zanken;

Das verdient Beherzigung.

Laßt uns an der Tugend haften:

Mäßigkeit und Mäßigung!

Pereant die Lasterhaften;

Mäßigkeit und Mäßigung!

Maß! Maß!

Leert darauf das volle Glas!

 

Was hast, Schlingel, du zu lachen?

Will das Lachen dir vertreiben;

Dich moralisch auch zu machen,

Dir die Ohren tüchtig reiben,

Pack dich fort bei guter Zeit!

Doch ich will mich nicht erboßen:

Mäßigung und Mäßigkeit! –

Eingeschenkt und angestoßen! –

Mäßigung und Mäßigkeit!

Maß! Maß!

Leert darauf das volle Glas!

 

Modus, ut nos docuere,

Sit in rebus, sumus rati;

Medium qui tenuere

Nominati sunt beati;

C'est le juste Milieu zur Zeit!

Ergo! Ergel! – Deutsch gesprochen:

Mäßigung und Mäßigkeit! –

Frisch das Glas nur ausgestochen –

Mäßigung und Mäßigkeit!

Maß! Maß!

Leert darauf das volle Glas!

 

Nüchtern bin ich, – Wein her! Wein her! –

Immer nüchtern, – das versteht sich. –

Nur das Haus, der Boden, – Nein, Herr,

Nicht betrunken! – Wie doch dreht sich

Alles so um mich im Schwung?

Laß mich, Kellner, laß mich liegen!

Mäßigkeit und Mäßigung! –

Heute muß die Tugend siegen! –

Mäßigkeit und Mäßigung!

Maß! Maß!

Noch ein Glas – so – noch ein Glas!

 

 

Tragische Geschichte.

 

'S war einer, dem's zu Herzen gieng,

Daß ihm der Zopf so hinten hing,

Er wollt es anders haben.

 

So denkt er denn: wie fang ich's an?

Ich dreh mich um, so ist's gethan –

Der Zopf, der hängt ihm hinten.

 

Da hat er flink sich umgedreht,

Und wie es stund, es annoch steht –

Der Zopf, der hängt ihm hinten.

 

Da dreht er schnell sich anders 'rum,

's wird aber noch nicht besser drum –

Der Zopf, der hängt ihm hinten.

 

Er dreht sich links, er dreht sich rechts,

Es thut nichts Guts, es thut nichts Schlechts –

Der Zopf, der hängt ihm hinten.

 

Er dreht sich wie ein Kreisel fort,

Es hilft zu nichts, in einem Wort –

Der Zopf, der hängt ihm hinten.

 

Und seht, er dreht sich immer noch,

Und denkt: es hilft am Ende doch –

Der Zopf, der hängt ihm hinten.

 

 

Nachtwächterlied.

 

Eteignons les lumières

Et rallumons le feu.

Béranger

 

Hört, ihr Herrn, und laßt euch sagen,

Was die Glocke hat geschlagen:

Geht nach Haus und wahrt das Licht,

Daß dem Staat kein Schaden geschicht.

Lobt die Jesuiten!

 

Hört, ihr Herrn, wir brauchen heute

Gute, nicht gelehrte Leute,

Seid ihr einmal doch gelehrt,

Sorgt, daß keiner es erfährt.

Lobt die Jesuiten!

 

Hört, ihr Herrn, so soll es werden:

Gott im Himmel, wir auf Erden,

Und der König absolut,

Wenn er unsern Willen thut.

Lobt die Jesuiten!

 

Seid, ihr Herrn, es wird euch frommen,

Von den gutgesinnten Frommen;

Blase jeder, was er kann,

Lichter aus, und Feuer an.

Lobt die Jesuiten!

 

Feuer, ja, zu Gottes Ehren,

Um die Ketzer zu bekehren,

Und die Philosophen auch,

Nach dem alten, guten Brauch.

Lobt die Jesuiten!

 

Hört, ihr Herrn, ihr seid geborgen,

Geht nach Haus, und ohne Sorgen

Schlaft die lange, liebe Nacht,

Denn wir halten gute Wacht.

Lobt die Jesuiten!

 

 

Josua.

 

Juchhei! das war ein Schlagen,

Ein Schlachten bei Gibeon;

Der Tag gebrach den Würgern,

Es neigte die Sonne sich schon.

 

Sprach Josua zur Sonne:

«Du, steh am Himmel fest!»

Sie stand, da gab er gemächlich

Den Ueberwundnen den Rest.

 

Das war ein Tag der Frommen,

Wie nie ein andrer getagt,

Wie nie ein andrer wird tagen,

Das wird ausdrücklich gesagt.

 

Das war ein feines Kunststück,

Wie mancher erachten mag,

Der wohl die Nacht uns wünschte

Zu jenem unendlichen Tag.

 

Sie beten und schimpfen und schöpfen

In Säcke das Sonnenlicht,

Es tief in das Meer zu versenken –

Den Tag verdunkeln sie nicht.

 

Laßt dieses nicht euch kümmern,

Die Welt ist kugelrund,

Und rollt von Westen gen Osten

Verständig zu aller Stund.

 

Und der das Lied euch gesungen,

Hat auch die Welt sich beschaut;

Er hat bei den Wilden gehauset,

Und sich mit ihnen erbaut.

 

 

Ein französisches Lied.

Nach der Melodie:

Es ritten drei Reiter zum Thore hinaus.

 

Und sitz ich am Tische beim Glase Wein,

Trink aus!

Und stimmen auch wacker die Freunde mit ein,

Trink aus!

So geht mir zu Herzen das Heil der Welt:

's ist gar zu erbärmlich damit auch bestellt,

Trink aus, trink aus, trink aus!

Es treiben's die Leute zu kraus!

 

Ich sollte nur tragen der Herrschaft Last,

Trink aus!

Es stünde bald anders und besser fast.

Trink aus!

Die Presse zuerst und die Wahlen frei,

Die Presse, sie dient mir als Polizei.

Trink aus, trink aus, trink aus!

Es treiben's die Leute zu kraus!

 

Wann erst in dem Hause Vertrauen besteht,

Trink aus!

Geht alles von selbst, was nimmer sonst geht.

Trink aus!

Wir schaffen uns bald vor den Mönchen Ruh,

Wir schicken die frommsten dem Chaves zu,

Trink aus, trink aus, trink aus!

Es treiben's die Leute zu kraus!

 

Es mögen die Städte verwalten sodann –

Trink aus!

Die eignen Geschäfte, es geht sie nur an,

Trink aus!

Regieren nur wenig, das wenige gut,

Das hab ich der Ruhe halber geruht,

Trink aus, trink aus, trink aus!

Es trieben's die Leute zu kraus!

 

Und merkt euch, ihr Freunde, wie trefflich es schafft!

Trink aus!

Die Liebe der Völker, da lieget die Kraft,

Trink aus!

Wie klingen die Gläser in heiliger Lust,

Wie schallt das Gebet mir aus jeglicher Brust,

Trink aus, trink aus, trink aus!

Der König hoch, und sein Haus!

 

Sind aber die Gläser und Flaschen erst leer,

Zu Bett!

Dann werden der Kopf und die Zunge mir schwer,

Zu Bett!

Mein Weib wird mich schelten, mein Herrschen ist aus,

Ich schleiche mich leise, ganz leise nach Haus,

Zu Bett, zu Bett, zu Bett!

Daß sie den Pantoffel nicht hätt!

 

 

Kleidermacher-Muth.

 

Und als die Schneider revoltiert, –

Courage! Courage!

So haben gar grausam sie massakriert

Und stolz am Ende parlamentiert:

Herr König, das sollst du uns schwören.

 

Und drei Bedingungen wollen wir stelln: –

Courage! Courage!

Schaff ab, zum ersten, die Schneider-Mamselln,

Die das Brod verkürzt uns Schneider-Geselln;

Herr König, das sollst du uns schwören.

 

Die brennende Pfeife, zum andern, sei –

Courage! Courage!

Zum höchsten Aerger der Polizei,

Auf offener Straße uns Schneidern frei;

Herr König, das sollst du uns schwören.

 

Das dritte, Herr König, noch wissen wir's nicht, –

Courage! Courage!

Doch bleibt es das Beste an der ganzen Geschicht,

Wir bestehn auch darauf bis ans Jüngste Gericht;

Das dritte, das sollst du uns schwören.

 

 

Das Dampfross.

 

Schnell! schnell, mein Schmidt, mit des Rosses Beschlag!

Derweil du zauderst, verstreicht der Tag. –

«Wie dampfet dein ungeheures Pferd!

Wo eilst du so hin, mein Ritter werth?» –

 

Schnell! schnell, mein Schmidt! Wer die Erde umkreist

Von Ost in West, wie die Schule beweist,

Der kommt, das hat er von seiner Müh,

Ans Ziel um einen Tag zu früh.

 

Mein Dampfroß, Muster der Schnelligkeit,

Läßt hinter sich die laufende Zeit,

Und nimmt's zur Stunde nach Westen den Lauf,

Kommt's gestern von Osten schon wieder herauf.

 

Ich habe der Zeit ihr Geheimniß geraubt,

Von Gestern zu Gestern zurück sie geschraubt,

Und schraube zurück sie von Tag zu Tag,

Wie einst ich zu Adam gelangen mag.

 

Ich habe die Mutter, sonderbar!

In der Stunde besucht, da sie mich gebar,

Ich selber stand der Kreißenden bei,

Und habe vernommen mein erstes Geschrei.

 

Viel tausend Mal, der Sonne voran,

Vollbracht ich im Fluge noch meine Bahn,

Bis heut ich hier zu besuchen kam

Großvater als glücklichen Bräutigam.

 

Großmutter ist die lieblichste Braut,

Die je mit Augen ich noch erschaut;

Er aber, grämlich, zu eifern geneigt,

Hat ohne weitres die Thür mir gezeigt.

 

Schnell! schnell, mein Schmidt! mich ekelt schier,

Die jetzt verläuft, die Zeit von Papier;

Zurück hindurch! es verlangt mich schon

Zu sehen den Kaiser Napoleon.

 

Ich sprech ihn zuerst auf Helena,

Den Gruß der Nachwelt bring ich ihm da;

Dann sprech ich ihn früher beim Krönungsfest,

Und warn ihn, – o hielt' er die Warnung fest!

 

Bist fertig, mein Schmidt? nimm deinen Sold,

Ein Tausend Neunhundert geprägtes Gold.

Zu Roß! Hurrah! nach Westen gejagt,

Hier wieder vorüber, wann gestern es tagt! –

 

«Mein Ritter, mein Ritter, du kommst daher,

Wohin wir gehen, erzähle noch mehr;

Du weißt, o sag es, ob fällt, ob steigt

Der Cours, der jetzt so schwankend sich zeigt?

 

Ein Wort, ein Wort nur im Vertraun!

Ist's weis auf Rothschild Häuser zu baun?» –

Schon hatte der Reiter die Feder gedrückt,

Das Dampfroß fern ihn den Augen entrückt.

 

 

Die goldene Zeit.

 

Oh le bon siècle, mes frères,

Que le siècle où nous vivons!

Armand Charlemagne

(Fliegendes Blatt)

 

Füllt die Becher bis zum Rand,

Thut, ihr Freunde, mir Bescheid:

Das befreite Vaterland,

Und die gute goldne Zeit!

Dann der Bürger denkt und glaubt,

Spricht und schreibt nun alles frei,

Was die hohe Polizei

Erst geprüft hat und erlaubt.

 

Du eröffnest mir den Mund,

Du geschwätz'ger Traubensaft,

Und die Wahrheit mach ich kund,

Rücksichtslos mit freud'ger Kraft.

Steigt die Sonne, wird es Tag,

Sinkt sie unter, wird es Nacht.

Nehm vor Feuer sich in Acht,

Wer sich nicht verbrennen mag.

 

Ungeschickt zum Löschen ist,

Wer da Oel gießt, wo es brennt;

Noch ist drum kein guter Christ,

Der zu Mahom sich bekennt.

Scheut die Eule gleich das Licht,

Fährt sich's doch vorm Winde gut,

Besser noch mit Wind und Flut,

Aber gegen beide nicht.

 

Wer nicht sehen kann, ist blind,

Wer auf Krücken geht, ist lahm;

Mancher redet in den Wind,

Mancher geht, so wie er kam.

Grünt die Erde weit und breit,

Glaube nicht den Frühling fern;

Rückwärts gehn die Krebse gern,

Aber vorwärts eilt die Zeit.

 

Zwar ist nicht das Dunkle klar,

Doch ist nicht, was gut ist, schlecht;

Denn, was wahr ist, bleibt doch wahr,

Und, was recht ist, bleibt doch recht.

Goldes-Ueberfluß macht reich,

Aber Lumpen sind kein Geld.

Wer mit Steinen düngt sein Feld,

Macht gar einen dummen Streich.

 

An der Zeit, ist nicht zu spät,

Doch Geschehnes ist geschehn,

Und wer Disteln hat gesät,

Wird nicht Weizen reifen sehn.

Gestern war's, nun ist es heut,

Morgen bringt auch seinen Lohn;

Kluge Leute wissen's schon,

Nur sind Narren nicht gescheut.

 

Und am besten weiß, wer klagt,

Wo ihn drückt der eigne Schuh;

Wer zuerst nur A gesagt,

Setzt vielleicht noch B hinzu;

Denn, wie Adam Riese spricht,

Zwei und zwei sind eben vier – – –

Gott! wer pocht an unsre Thür?

Ihr, verrathet mich nur nicht!

 

«Hebt auf das verruchte Nest,

Sie mißbrauchen die Geduld.

Setzt den Jakobiner fest,

Wir sind Zeugen seiner Schuld;

Er hat öffentlich gelehrt:

Zwei und zwei sind eben vier.» –

Nein, ich sagte... «Fort mit dir,

Daß die Lehre keiner hört!»

 

 

Kanon.

 

Shall we rouse the night-owl in a catch, that

will draw three souls out of one weaver?

Shakespeare Tw. N. Act. 2. Sc. 3.

(Sollen wir die Nachteule mit einem

Kanon aufstören, der einem Leinweber drei Seelen

aus dem Leibe haspeln könnte?)

 

Das ist die Noth der schweren Zeit!

Das ist die schwere Zeit der Noth!

Das ist die schwere Noth der Zeit!

Das ist die Zeit der schweren Noth!

 

 

Das Gebet der Witwe.

Nach Martin Luther.

 

Die Alte wacht und betet allein

In später Nacht bei der Lampe Schein:

«Laß unsern gnädigen Herrn, o Herr!

Recht lange leben, ich bitte dich sehr.

Die Noth lehrt beten.»

 

Der gnädige Herr, der sie belauscht,

Vermeint nicht anders, sie sei berauscht;

Er tritt höchst selbst in das ärmliche Haus,

Und fragt gemüthlich das Mütterchen aus:

«Wie lehrt Noth beten?»

 

«Acht Kühe, Herr, die waren mein Gut,

Ihr Herr Großvater sog unser Bluth,

Der nahm die beste der Kühe für sich

Und kümmerte sich nicht weiter um mich.

Die Noth lehrt beten.

 

Ich flucht ihm, Herr, so war ich bethört,

Bis Gott, mich zu strafen, mich doch erhört,

Er starb, zum Regimente kam

Ihr Vater, der zwei der Kühe mir nahm.

Die Noth lehrt beten.

 

Dem flucht ich arg auch ebenfalls,

Und wie mein Fluch war, brach er den Hals;

Da kamen höchst Sie selbst an das Reich

Und nahmen vier der Kühe mir gleich.

Die Noth lehrt beten.

 

Kommt Dero Sohn noch erst dazu,

Nimmt der gewiß mir die letzte Kuh –

Laß unsern gnädigen Herrn, o Herr!

Recht lange leben, ich bitte dich sehr.

Die Noth lehrt beten.»

 

 

Katzennatur.

 

'S war mal 'ne Katzenkönigin,

Ja, ja!

Die hegte edlen Katzensinn,

Ja, ja!

Verstand gar wohl zu mausen,

Liebt' königlich zu schmausen,

Ja, ja! – Katzennatur!

Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!

 

Die hatt 'nen schneeweißen Leib,

Ja, ja!

So schlank, so zart, die Hände so weich.

Ja, ja!

Die Augen wie Karfunkeln,

Sie leuchteten im Dunkeln,

Ja, ja! – Katzennatur!

Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!

 

Ein Edelmausjüngling lebte zur Zeit,

Ja, ja!

Der sah die Königin wohl von weit,

Ja, ja!

'ne ehrliche Haut von Mäuschen,

Der kroch aus seinem Häuschen,

Ja, ja! – Mäusenatur!

Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!

 

Der sprach: in meinem Leben nicht,

Ja, ja!

Hab ich gesehen so süßes Gesicht,

Ja, ja!

Die muß mich Mäuschen meinen,

Sie thut so fromm erscheinen,

Ja, ja! – Mäusenatur!

Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!

 

Der Maus: willst du mein Schätzchen sein?

Ja,ja!

Die Katz: ich will dich sprechen allein.

Ja, ja!

Heut will ich bei dir schlafen –

Heut sollst du bei mir schlafen –

Ja, ja! – Katzennatur!

Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!

 

Der Maus, der fehlte nicht die Stund,

Ja, ja!

Die Katz, die lachte den Bauch sich rund,

Ja, ja!

Dem Schatz, den ich erkoren,

Dem zieh ich's Fell über die Ohren,

Ja, ja! – Katzennatur!

Schlafe, mein Mäuschen, schlafe du nur!

 

 

Sternschnuppe.

 

Wann einer ausgegangen ist,

So ist er nicht zu Haus;

Und wird der Winter hart, so friert

Das Ungeziefer aus.

 

Ihr war der Knecht so eben recht,

So lang allein er warb;

Der Jäger kam, des Federhut

Den Handel ihm verdarb.

 

Der Pächter nahm, so wie er kam,

Ihr Herz gleich in Empfang;

Kein Wunder daß dem Amtmann auch

Der Meisterschuß gelang.

 

Und den Husaren – Offizier

Erblickte sie von fern:

Fahr hin, fahr hin, Kartoffelkraut,

Da geht mir auf mein Stern!

 

Dein Stern? was geht dein Stern mich an

Absonderlicher Art

Mit goldbeschnürtem rothem Wams

Und Schnurr- und Backenbart?

 

Bald hat ein solcher sich geschneuzt,

Es lischt das Lichtlein aus;

Wann einer ausgegangen ist,

So ist er nicht zu Haus.

 

Nun bricht der Winter an, es friert;

Du blickst nach uns zurück;

Ich und wir alle, teurer Schatz,

Wir wünschen dir viel Glück.

 

Und bleibst du sitzen, teurer Schatz,

So bist du nicht allein;

Noch wird der alten Jungfern Zunft

Nicht ausgefroren sein.

 

 

Der Frau Base

kluger Rath.

 

Möchtest du den Jungen haben?

Den gesunden, frischen, üpp'gen,

Blondgelockten, schönen Knaben?

Ei, ein wahres Zuckerpüppchen!

Eine Lust mit dem zu leben!

Mußt um ihn dir Mühe geben;

Ja, der ist ein schmucker Mann!

Kratze, kratze, kratze, Trulle,

Dir den hübschen Jungen an!

 

Oder den, nach altem Brauche,

Mit Dreimaster, Puderzopfe,

Dünnen Beinen, dickem Bauche,

Kupfernas und Wackelkopfe?

Stirbt er, giebt es viel zu erben;

Und was sollte der nicht sterben?

Ja, der ist ein reicher Mann!

Kratze, kratze, kratze, Trulle,

Kratze dir den Alten an.

 

Oder den vom Militäre?

Silber auf dreifarb'gem Tuche –

Federhut – «auf meine Ehre!»

Lügt er auch, wie aus dem Buche.

Vornehm wirst du, Eure Gnaden!

Kommt das Bürgergrob zu Schaden,

Hältst du's mit dem Edelmann.

Kratze, kratze, kratze, Trulle,

Kratze dir den Leutnant an!

 

Oder wen du kannst, den Lahmen

Wie den Krummen, laß dich warnen:

Oft von allen, die da kamen,

Bleibt nicht einer in den Garnen.

Einen Mann nur! heut zu Tage

Geht die allgemeine Klage:

Jede kriegt nicht einen Mann.

Kratze, kratze, kratze, Trulle,

Dir den ersten besten an!

 

 

Recht empfindsam.

 

Tochter

Meine teuren Eltern, habt Erbarmen,

Laßt mein Leid erweichen euren Sinn,

Nähm ich diesen Mann, in seinen Armen

Welkt ich, zarte Blume, bald dahin!

 

Vater

Mutter, sieh, wie sie sich zieret!

Hör, du dumme Trine, du,

Einen Mann sollst du bekommen,

Greif mit beiden Händen zu.

 

Tochter

Rauher Wirklichkeit nur mag er frönen;

Ohne Zartheit, ohne Poesie,

Ungebildet, kann er nur mich höhnen,

Mich verstehen, nein, das wird er nie!

 

Vater

Mutter, die verfluchten Bücher

Müssen ihr den Kopf verdrehn.

Waren wir denn je gebildet?

Konnten wir uns je verstehn?

 

Tochter

Wo die Herzen fremd einander blieben,

Knüpft ihr nicht ein gottgefällig Band;

Weder achten kann ich ihn, noch lieben,

Nimmermehr erhält er meine Hand!

 

Vater

Mutter, hör die dumme Trine,

Hör doch, was es Neues giebt!

Haben wir uns je geachtet?

Haben wir uns je geliebt?

 

Tochter

Lieber will ich in ein Kloster fliehen,

Giebt's kein Kloster, in mein frühes Grab;

Wohl denn! dieser Schmach mich zu entziehen,

Stürz ich in die Wellen mich hinab!

 

Vater

Hast du endlich ausgeredet?

Gut, du bleibst mir heut zu Haus,

Hältst dein Maul und nimmst den Bengel,

Punktum, und das Lied ist aus.

 

 

Polterabend.

 

Woher, Alte, deine schönen

Launen? willst du uns erfreuen?

Willst du dich mit uns versöhnen?

Nein, die Alte will noch freien,

Nein, sie will, vor Thoresschlusse,

Humpeln noch mit lahmem Fuße,

Und um welchen Preis es sei,

Ei, ei!

Noch ein Tänzlein, oder zwei.

 

Hurtig, hurtig! liebe Lene,

Her die Schminke, die Perücke;

Bringe her mir meine Zähne,

Meinen Busen, meine Krücke;

Also will ich seiner harren. –

Hör ich nicht die Thüre knarren? –

Ist er's? – Nein – es geht vorbei.

Ei, ei!

Töpfe werfen sie entzwei.

 

Testament und Ehepakten

Hat der Schreiber wohl geschrieben;

Beides nahm er zu den Akten,

Also darf ich frei ihn lieben.

Also will ich seiner harren. –

Hör ich nicht die Thüre knarren? –

Ist er's? – Nein – es geht vorbei.

Ei, ei!

Töpfe werfen sie entzwei.

 

Wird der Priester, wird der Küster,

Werden bald die Gäste kommen?

Und mein Bräutigam! o wüßt er,

Wie ich seiner, liebentglommen,

Bangend harre, wie ich schmachte? – –

Klopft er? – Ist er's? – Sachte, sachte!

Ungebetne sind dabei.

Ei, ei!

Sind die Leichenträger frei.

 

Legen mich die schwarzen Leute

Einsam in ein enges Bette,

Schleppen sich mit ihrer Beute

Langsam nach der Ruhestätte;

Priester, Bräutigam und Gäste

Singen fröhlich bei dem Feste, –

Auch die Rede war vorbei –

Ei, ei!

Nicht ein Tänzlein, oder zwei!

 

 

Der vortreffliche Mantel.

 

Liebe Tochter, was klagst du so sehr

Um diesen Einen?

's giebt ja der hübschen Jünglinge mehr,

Laß ab zu weinen.

 

Liebe Mutter, es fällt mir nicht ein

Um ihn zu klagen;

Um den Mantel klag ich allein,

Ich will's dir sagen.

 

Ach der gute Mantel, beschwert

Mit silbernen Ketten!

Den behielt er noch unverzehrt,

Wenn den wir nur hätten!

 

 

Eid der Treue.

 

Mißtrauest, Liebchen, du der flücht'gen Stunde,

Des Augenblickes Lust?

Bist Brust an Brust du nicht, und Mund an Munde,

Der Ewigkeit bewußt?

 

Ich soll nur dir, und ewig dir gehören;

Du willst darauf ein Pfand:

Wohlan! ich will's mit kräft'gem Eid beschwören,

Ich hebe meine Hand:

 

Ich schwör's, elftausend heilige Jungfrauen,

Bei eurem keuschen Bart;

Bei Jakobs Leitersprosse, die zu schauen

In Mailand wird bewahrt;

 

Ich schwör es noch, zu mehrerem Gewichte –

Ein unerhörter Schwur! –

Beim Vorwort zu des Kaisers Karl Geschichte,

Und bei des Windes Spur;

 

Beim Schnee, der auf dem Libanon gefallen

Im letzt vergangnen Jahr;

Bei Nihil, Nemo, und dem andern allen,

Was nie sein wird noch war.

 

Und falls ich dennoch jemals untreu würde,

Vergäße jemals dein,

So soll mein Eid verbleiben ohne Würde,

Und ganz unbündig sein.

 

 

Minnedienst.

 

Während dort im hellen Saale

Lustberauscht die Gäste wogen,

Hält ein Ritter vom Gedränge

Einsam sich zurückgezogen.

 

Wie er von dem Sofa aufblickt,

Wo er ruhet in Gedanken,

Sieht er neben sich die Dame,

Der er dienet sonder Wanken.

 

«Sind es Sterne, sind es Sonnen,

Die in meiner Nacht sich zeigen?

Sind's die Augen meiner Herrin,

Welche über mich sich neigen?»

 

«Schmeichler, Schmeichler! Sterne, Sonnen

Sind es nicht, wovon Ihr dichtet;

Sind die Augen einer Dame,

Die auf Euch sie bittend richtet.» –

 

«Herz und Klinge sind Euch eigen,

Schickt mich aus auf Abenteuer,

Heißt im Kampfe mich bestehen

Riesen, Drachen, Ungeheuer.» –

 

«Nein, um mich, mein werther Ritter,

Soll kein Bluth den Boden färben;

Um ein Glas Gefrornes bitt ich,

Lasset nicht vor Durst mich sterben.» –

 

«Herrin, in dem Dienst der Minne

Wollt ich gern mein Leben wagen,

Aber hier durch das Gedränge

Wird es schwer sich durchzuschlagen.»

 

Und sie bittet, und er gehet, –

Kommt zurück, wie er gegangen:

«Nein! ich konnte, hohe Herrin,

Kein Gefrorenes erlangen.»

 

Und sie bittet wieder, wieder

Wagt er's, immer noch vergebens:

«Nein! man dringt durch jene Thüre

Mit Gefahr nur seines Lebens.»

 

«Ritter, Ritter, von Gefahren

Sprachet Ihr, von Kämpfen, Schlachten;

Und Ihr laßt vor Euren Augen

Ohne Hülfe mich verschmachten.»

 

Und ins wogende Gewühle

Ist der Ritter vorgedrungen,

Dort verfolgt er einen Diener,

Hat den Raub ihm abgerungen.

 

Und die Dame schaut von ferne,

Wie mit hochgehaltner Schale

Er sich durch den Reigen windet

In dem engen, vollen Saale;

 

Sieht in eines Fensters Ecke

Glücklich seinen Fang ihn bergen,

Sieht ihn hinter die Gardine

Ihren Augen sich verbergen;

 

Sieht ihn selber dort gemächlich

Das Eroberte verschlingen,

Wischen sich den Mund und kommen,

Ihr betrübte Kunde bringen:

 

«Gern will ich mein Leben wagen,

Schickt mich aus auf Abenteuer,

Heißt im Kampfe mich bestehen

Riesen, Drachen, Ungeheuer.

 

Aber hier, o meine Herrin,

Hier ist alles doch vergebens,

Und man dringt durch jene Thüre

Mit Gefahr nur seines Lebens.»

 

 

Lebewohl.

 

Wer sollte fragen: wie's geschah?

Es geht auch andern eben so.

Ich freute mich, als ich dich sah,

Du warst, als du mich sahst, auch froh.

 

Der erste Gruß, den ich dir bot,

Macht' uns auf einmal beide reich;

Du wurdest, als ich kam, so roth,

Du wurdest, als ich gieng, so bleich.

 

Nun kam ich auch Tag aus, Tag ein,

Es gieng uns beiden durch den Sinn;

Bei Regen und bei Sonnenschein

Schwand bald der Sommer uns dahin.

 

Wir haben uns die Hand gedrückt,

Um nichts gelacht, um nichts geweint,

Gequält einander und beglückt,

Und haben's redlich auch gemeint.

 

Da kam der Herbst, der Winter gar,

Die Schwalbe zog, nach altem Brauch,

Und: lieben? – lieben immerdar? –

Es wurde kalt, es fror uns auch.

 

Ich werde gehn ins fremde Land,

Du sagst mir höflich: Lebe wohl!

Ich küsse höflich dir die Hand,

Und nun ist alles, wie es soll.

 

 

Frühlingslied.

 

Wohl war der Winter ein harter Gast,

Den armen, den trauernden Vögeln verhaßt,

Die fröhlich wieder nun singen;

Aus blauer Luft, auf grüner Flur,

Wie hört man's munter erklingen!

 

Und als sich der Wald aufs neue belaubt,

Da hat es mir nicht zu weilen erlaubt,

Ich mußte hinaus und wandern;

Es singen so lustig die Vögel umher,

Ich singe mein Lied, wie die andern.

 

Und komm ich ans Wirthshaus, so kehr ich ein:

Frau Wirthin, Frau Wirthin, ein gut Glas Wein,

Ich habe mich durstig gesungen.

Da kommt mit dem Weine die Tochter sogleich

So munter zu mir gesprungen.

 

Der Wein, den du schenkest, er ist fürwahr

So roth wie dein Mund, wie dein Auge so klar,

Gar kräftig und lieblich zu schlürfen;

Und darf ich dich ansehn und trinken den Wein,

So werd ich wohl singen auch dürfen.

 

Ich habe so eben ein Lied mir erdacht,

Und hab es für dich ganz eigens gemacht,

Hab's nimmer zuvor noch gesungen;

So höre mir zu, du rosige Maid,

Und sprich: ob's gut mir gelungen?

 

Ich liebe den Frühling, des Waldes Grün,

Der Vögel Gesang, der Bienen Bemühn,

Der Blumen Farben und Düfte,

Den Strahl der Sonne, des Himmels Blau,

Den Hauch der wärmeren Lüfte.

 

Sieh dort am Thor, was die Schwalben thun,

Wie emsig sie fliegen, sie werden nicht ruhn,

Bis fertig ihr Nestchen sie schauen;

Ich sang, wie die Vögel, mein munteres Lied,

Vergaß, ein Nest mir zu bauen.

 

Ich liebe, die frischer als Waldes-Grün,

Noch emsiger schafft als sich Bienen bemühn,

Vor der die Rosen sich neigen,

Deren Blick mich erwärmt wie der Sonne Strahl,

Daß Lieder dem Busen entsteigen.

 

Ich habe gesungen, was sagest du nun?

Sieh dort am Thor, was die Schwalben thun!

Was sollt es uns nicht gelingen?

Frau Wirthin, Frau Mutter, sie kommt eben recht,

Sie soll noch ihr Amen uns singen.

 

 

Hochzeitlieder.

 

1

 

Es stehn in unserm Garten

Der blühenden Rosen genung, –

Dir blüht, noch schöner als Rosen,

Ein Mägdlein so frisch und so jung.

 

Ich habe mit Fleiß gewählet

Die schönsten Rosen zum Strauß, –

Du küssest die rosigen Lippen

Und lachst am Ende mich aus.

 

2

 

Rosen in dem Maien,

Und der Liebe Fest!

Schwalben und die Lieben

Bauen sich ihr Nest.

 

Maienrosen, Lieder,

Schwalben, Liebe gar!

Und ich werde wieder

Jung im grauen Haar.

 

3

 

Wer doch durch des Festes Hallen

Wallet mit dem Kranz im Haar?

Ach, die Beste ist's von allen,

Sie, die uns die Liebste war.

 

Und wer tritt mit freud'ger Eile

Schön und stolz an ihrer Hand?

Hier schoß Amor goldne Pfeile,

Und sein Bruder knüpft das Band.

 

Und ich seh die Götter nieder-

steigen mit der Scherze Chor,

Und ich singe Glückeslieder,

Und ich blicke froh empor.

 

Liebeleben, Glückesbande,

Langes Leben, ew'ges Fest!

Tauben durch des Friedens Lande,

Viele Jungen in das Nest!

 

Immer froh und ohne Sorgen,

Alles, alles muß gedeihn,

Und ihr sollt mit jedem Morgen

Glücklicher und jünger sein.

 

 

In malaiischer Form.

 

1

Genug gewandert.

 

Es schwingt in der Sonne sich auf

Ein Bienchen in guldiger Pracht. –

Bin müde vom irren Lauf,

Erstarrt von der Kälte der Nacht.

 

Ein Bienchen in guldiger Pracht,

In würziger Blumen Reihn –

Erstarrt von der Kälte der Nacht,

Begehr ich nach stärkendem Wein.

 

In würziger Blumen Reihn

Bist, Rose, die herrlichste du. –

Begehr ich nach stärkendem Wein,

Wer trinket den Becher mir zu?

 

Bist, Rose, die herrlichste du,

Die Sonne der Sterne fürwahr! –

Wer trinket den Becher mir zu

Aus der rosigen Mädchen Schar?

 

Die Sonne der Sterne, fürwahr

Die Rose entfaltete sich, –

Aus der rosigen Mädchen Schar

Umfängt die lieblichste mich.

 

Die Rose entfaltete sich,

Das Bienchen wird nicht mehr gesehn. –

Umfängt die Lieblichste mich,

Ist's fürder ums Wandern geschehn.

 

2

Die Korbflechterin.

 

Der Regen fällt, die Sonne scheint,

Die Windfahn dreht sich nach dem Wind, –

Du findst uns Mädchen hier vereint,

Und singest uns ein Lied geschwind.

 

Die Windfahn dreht sich nach dem Wind,

Die Sonne färbt die Wolken roth, –

Ich sing euch wohl ein Lied geschwind,

Ein Lied von übergroßer Noth.

 

Die Sonne färbt die Wolken roth,

Ein Vogel singt und lockt die Braut, –

Was hat's für übergroße Noth

Bei Mädchen fein, bei Mädchen traut?

 

Ein Vogel singt und lockt die Braut,

Dem Fische wird das Netz gestellt, –

Ein Mädchen fein, ein Mädchen traut,

Ein rasches Mädchen mir gefällt.

 

Dem Fische wird das Netz gestellt,

Es sengt die Fliege sich am Licht,

Ein rasches Mädchen dir gefällt,

Und du gefällst dem Mädchen nicht.

 

3

Todtenklage.

 

Windbraut tobet unverdrossen,

Eule schreiet in den Klippen, –

Weh! euch hat der Tod geschlossen,

Blaue Augen, ros'ge Lippen!

 

Eule schreiet in den Klippen,

Grausig sich die Schatten senken –

Blaue Augen, ros'ge Lippen!

Hin mein Lieben, hin mein Denken!

 

Grausig sich die Schatten senken,

Regen strömt in kalten Schauern. –

Hin mein Lieben, hin mein Denken!

Weinen muß ich stets und trauern.

 

Regen strömt in kalten Schauern.

Ziehn die Wolken wohl vorüber? –

Weinen muß ich stets und trauern,

Und mein Blick wird trüb und trüber.

 

Ziehn die Wolken wohl vorüber,

Strahlt ein Stern in ew'gem Lichte. –

Ach! mein Blick wird trüb und trüber,

Bis ich ihn nach oben richte.

 

 

Das Kind an die erloschene Kerze.

 

Du arme, arme Kerze,

Gibst fürder keinen Schein,

Erloschen ist so schnelle

Dein Licht, das freud'ge, helle,

O mußt es also sein!

Du arme, arme Kerze,

Gibst fürder keinen Schein!

 

's ist nicht, weil ich nun weilen

Muß in der Dunkelheit!

O brenntest du nur immer,

Und gäb dein lieber Schimmer

Nur andern Freudigkeit!

's ist nicht, weil ich nun weilen

Muß in der Dunkelheit!

 

Du arme, arme Kerze,

Gibst fürder keinen Schein!

's ist nicht, weil ich alleine

Im Dunkeln bin und weine,

Ich bin ja gern allein!

Du arme, arme Kerze,

Gibst fürder keinen Schein!

 

 

Der Glücksvogel.

 

Es fliegt ein Vogel in dem Hain,

Und singt und lockt: man soll' ihn fangen.

Es fliegt ein Vogel in dem Hain,

Aus dem Hain in den Wald, in die Welt hinein,

In die Welt und über die See.

Und könnte wer den Vogel fangen,

Der würde frei von aller Pein,

Von aller Pein und Weh!

 

Es fliegt der Vogel in dem Hain,

«O könnt ich mir den Vogel fangen!»

Es fliegt der Vogel in dem Hain,

Aus dem Hain in den Wald, in die Welt hinein,

In die Welt und über die See.

«O könnt ich mir den Vogel fangen,

So würd ich frei von aller Pein

Von aller Pein und Weh!»

 

Der Knabe lief wohl in den Hain;

Er will den schönen Vogel fangen:

Der Vogel flog wohl aus dem Hain,

Aus dem Hain in den Wald, in die Welt hinein,

In die Welt und über die See.

Und hat der Knab ihn erst gefangen,

So wird er frei von aller Pein,

Von aller Pein und Weh!

 

 

Familienfest.

(Litauisch)

 

Der Vater gieng auf die Jagd in den Wald;

Ein gutes Wild ersah er sich bald.

 

Er legte wohl an, er drückte los,

Der Sperling fiel auf das weiche Moos.

 

Die Brüder luden zu Schlitten den Fang,

Und schleiften ihn heim, und jubelten lang.

 

Die Töchter schnell das Feuer geschürt,

Sie rupften und sengten ihn, wie sich's gebührt.

 

Die Mutter briet und schmort' ihn gleich,

Der Braten war köstlich und schmackhaft und weich.

 

Geschäftig trugen die Schwestern ihn auf;

Es kamen die fröhlichen Gäste zu Hauf.

 

Sie setzten zu Tisch sich und saßen fest,

und thaten sich gütlich beim weidlichen Fest.

 

Sie schmausten den Sperling in guter Ruh,

Und tranken drei Fässer des Bieres dazu.

 

 

Verrathene Liebe.

(Neugriechisch)

 

Da nachts wir uns küßten, o Mädchen,

Hat keiner uns zugeschaut;

Die Sterne, die standen am Himmel,

Wir haben den Sternen getraut.

 

Es ist ein Stern gefallen,

Der hat dem Meer uns verklagt,

Da hat das Meer es dem Ruder,

Das Ruder dem Schiffer gesagt.

 

Da sang derselbe Schiffer

Es seiner Liebsten vor,

Nun singen's auf Straßen und Märkten

Die Mädchen und Knaben im Chor.

 

 

Die Quelle.

 

Unsre Quelle kommt im Schatten

Duft'ger Linden an das Licht,

Und wie dort die Vögel singen,

Nein, das weiß doch jeder nicht!

 

Und das Mädchen kam zur Quelle,

Einen Krug in jeder Hand,

Wollte schnell die Krüge füllen,

Als ein Jüngling vor ihr stand.

 

Mögen wohl geplaudert haben,

Kam das Mädchen spät nach Haus:

Gute Mutter, sollst nicht schelten,

Sandtest selbst ja mich hinaus.

 

Geht man leicht zur Quelle, trägt man

Doch zu Haus ein schwer Gewicht,

Und wie dort die Vögel singen –

Mutter, nein, das weißt du nicht!

 

 

Der Gemsen-Jäger

und die Sennerin.

 

Nimm mich verirrten Jäger,

Du gute Sennerin, auf;

Es lockte mich über die Gletscher

Die Gemse mit flüchtigem Lauf.

 

Bin fremd auf dieser Alpe,

Verlassen für und für;

In rauher Nacht verschließe

Nicht hart mir deine Thür. –

 

Muß, Jäger, wohl sie verschließen,

Ich bin ja ganz allein,

Gar eng ist meine Hütte,

Für dich kein Lager darein. –

 

Nur Schutz an deinem Herde,

Ein Lager begehr ich nicht;

Ich scheide, sobald die Gletscher

Sich färben mit röthlichem Licht. –

 

Und wenn ich ein dich ließe...,

O Jäger, laß mich in Ruh,

Nachrede gäb's und Geschichten;

Was sagte der Hirt dazu? –

 

Der Hirt soll mich nicht hören,

Das, Gute, versprech ich dir:

Ich halte mich friedlich und stille,

Befürchte doch nichts von mir. –

 

Und willst du dich halten, o Jäger,

Ein stiller und friedlicher Gast,

So werd ich herein dich lassen;

Die Nacht ist zu grausig doch fast.

 

Sie öffnete leise die Thüre

Und ließ den Jäger herein;

Es loderte gastlich vom Herde

Die Flamme mit freundlichem Schein.

 

Und bei dem Scheine sahen

Die beiden sich staunend an –

Die Nacht ist ihnen vergangen,

Der Morgen zu dämmern begann.

 

Wie ließ ich dich ein, o Jäger,

Ich weiß nicht, wie es kam;

Nun röthet der Morgen die Gletscher

Und meine Wangen die Scham.

 

O lieber, lieber Jäger,

So schnell vergangen die Nacht!

Auf, auf! du mußt nun scheiden,

Bevor der Hirt noch erwacht.

 

Und muß für heut ich scheiden,

So bleibe, du Gute, mir hold;

Hast keinen Grund zu weinen,

Nimm diesen Ring von Gold.

 

Ein Haus, das mir gehöret,

Dort drüben im anderen Thal,

Mein Stutzer, auf Gletscher und Felsen

Die flüchtigen Gemsen zumal:

 

Ich kann dich ehrlich ernähren,

Du liebe Sennerin mein;

Und steiget zu Thal der Winter,

Soll unsere Hochzeit sein.

 

 

Die Jungfrau

von Stubbenkammer.

Volkssage.

 

Ich trank in schnellen Zügen

Das Leben und den Tod

Beim Königsstuhl auf Rügen

Am Strand im Morgenroth.

 

Ich kam am frühen Tage

Nachsinnend einsam her,

Und lauscht dem Wellenschlage,

Und schaute übers Meer.

 

Wie schweifend aus der Weite

Mein Blick sich wieder neigt,

Da hat sich mir zur Seite

Ein Feenweib gezeigt.

 

An Schönheit sondergleichen,

Wie nimmer Augen sahn,

Mit goldner Kron und reichen

Gewändern angethan.

 

Sie kniet' auf Felsensteinen,

Umbrandet von der Flut,

Und wusch, mit vielem Weinen,

Ein Tuch befleckt mit Bluth.

 

Umsonst war ihr Beginnen,

Sie wusch und wusch mit Fleiß,

Der böse Fleck im Linnen

Erschien doch nimmer weiß.

 

Da sah sie unter Thränen

Mich an, und bittend fast;

Da hat ein heißes Sehnen

Mich namenlos erfaßt.

 

«Gegrüßet mir, du blendend,

Du wundersames Bild! – –»

Sie aber, ab sich wendend,

Sprach schluchzend aber mild:

 

«Ich weine trüb und trüber

Die Augen mir und blind;

Gar viele ziehn vorüber,

Und nicht ein Sonntagskind.

 

Nach langem, bangem Hoffen

Erreichst auch du den Ort –

O hättest du getroffen

Zum Gruß das rechte Wort!

 

Hättst du Gott helf! gesprochen,

Ich war erlöst und dein,

Die Hoffnung ist gebrochen,

Es muß geschieden sein!» –

 

Da stand sie auf zu gehen,

Das Tuch in ihrer Hand,

Und, wo die Pfeiler stehen,

Versank sie und verschwand.

 

Ich trank in schnellen Zügen

Das Leben und den Tod

Beim Königsstuhl auf Rügen

Am Strand im Morgenroth.

 

 

Das Burgfräulein

von Windeck.

 

Halt an den schnaubenden Rappen,

Verblendeter Rittersmann!

Gen Windeck fleucht, dich verlockend,

Der luftige Hirsch hinan.

 

Und vor den mächtigen Thürmen,

Vom äußern verfallenen Thor

Durchschweifte sein Auge die Trümmer,

Worunter das Wild sich verlor.

 

Da war es so einsam und stille,

Es brannte die Sonne so heiß,

Er trocknete tiefaufatmend

Von seiner Stirne den Schweiß.

 

«Wer brächte des köstlichen Weines

Mir nur ein Trinkhorn voll,

Den hier der verschüttete Keller

Verborgen noch hegen soll?»

 

Kaum war das Wort beflügelt

Von seinen Lippen entflohn,

So bog um die Efeu-Mauer

Die sorgende Schaffnerin schon.

 

Die zarte, die herrliche Jungfrau,

In blendend weißem Gewand,

Den Schlüsselbund im Gürtel,

Das Trinkhorn hoch in der Hand.

 

Er schlürfte mit gierigem Munde

Den würzig köstlichen Wein,

Er schlürfte verzehrende Flammen

In seinen Busen hinein.

 

Des Auges klare Tiefe!

Der Locken flüssiges Gold! –

Es falteten seine Hände

Sich flehend um Minnesold.

 

Sie sah ihn an mitleidig

Und ernst und wunderbar,

Und war so schnell verschwunden,

Wie schnell sie erschienen war.

 

Er hat seit dieser Stunde,

An Windecks Trümmer gebannt,

Nicht Ruh, nicht Rast gefunden,

Und keine Hoffnung gekannt.

 

Er schlich im wachen Traume,

Gespenstig, siech und bleich,

Zu sterben nicht vermögend,

Und keinem Lebendigen gleich.

 

Sie sagen: sie sei ihm zum andern

Erschienen nach langer Zeit,

Und hab ihn geküßt auf die Lippen,

Und so ihn vom Leben befreit.

 

 

Herzog Huldreich und Beatrix.

 

Herr Huldreich, der Herzog im Böhmerland,

Er jagt auf den Höhen zur Stund;

Die Bäuerin wäscht die Leinewand

Am Bach im schattigen Grund.

 

«Bedürftig und müde verirrtest du

Dich Jäger in unser Thal;

Laß hier dich nieder zu kurzer Ruh,

Und theile mit mir das Mahl.» –

 

«Hab Dank, hab Dank, du freundliches Kind,

Du spendest, wo mancher raubt;

Wie mir ermattet die Glieder sind,

Sinkt sorgenschwer auch mein Haupt.» –

 

«Und naht die Sorge bei freudiger Jagd

Dir Jäger im lustigen Wald?

Wann nagend den alten Vater sie plagt,

Verscheuchet mein Lied sie bald.» –

 

«Kein Lied aus treuer, freudiger Brust!

So einsam inmitten der Schar!

Kein Stern der heiteren, innigen Lust,

Kein Aug, wie das deine so klar!» –

 

«Doch leuchtet aus kühngewölbten Braun

Mildfreundlich dein Augenstern;

Wer möchte nicht in den Himmel schaun,

Wer nicht in das Auge dir gern?»

 

«Zu mir hinauf wohl manche sah,

Frug nicht nach des Auges Licht,

Und hätte gestanden ein anderer da

Statt meiner, sie merkt' es nicht.» –

 

«Auf, Jäger, es mag geschieden nun sein;

Dort windet dein Pfad sich hinan.

Noch schaut ich ins Auge dem Vater allein,

Sonst keinem anderen Mann.» –

 

«Mißdeute nicht ein trübes Wort,

Das nicht, du Gute, dir galt;

Und schickst du von hinnen mich zürnend fort,

Wo find ich auf Erden noch Halt?» –

 

«Ich zürne nicht, wie du es meinst,

Ich bin vom Zürnen, wie fern!

Gott segne dich, und die dereinst

Wird deines Himmels Stern.» –

 

«Gott segne dich, du liebe Maid;

Noch eins verkünde mir mild:

Gedenk ich dein in Freud und Leid,

Wie nenn ich das süße Bild?» –

 

«Beatrix nennt der Vater mich,

Des Hütte dort sich zeigt;

Du aber sprich, wie nenn ich dich,

Der huldreich sich mir geneigt?» –

 

«Beatrix, Heilesbringerin!

Wohl wirst du als solche bekannt;

Und fragst nach mir? mit zartem Sinn

Hast selbst du mich eben genannt.» –

 

«Du Huldreich? hab ich's doch gedacht,

Wie unser Herzog schier,

Und käm er daher in der Herrschaft Pracht,

Ich blickte doch nur nach dir.» –

 

«Ich dünkte der Freude mich fremd noch fast,

Und hab's dir, Beatrix, vertraut;

Doch wenn um Liebe du Liebe hast,

Verbinde der Ring mir die Braut.» –

 

«Du lieber, du seltsamer Jägersmann,

So Huld- mir und Liebe-reich;

Den Ring, den nehm ich vom Vater nur an,

Ich führe zum Alten dich gleich.» –

 

«Wohlan, wohlan du süße Gestalt,

Ich werb um deine Hand;

Der Alte findet den Bessern, halt!

Doch nicht im böhmischen Land.» –

 

Da kamen die stolzen Genossen der Jagd

Den Herzog suchend einher,

Es dienet der Herr der Bauermagd,

Sie zürnen und schelten sie sehr. –

 

«Was zürnt ihr und scheltet die Bauermagd?

Die heut euch dünket zu klein,

Sie wird, bevor der Morgen noch tagt,

Wohl über euch Herzogin sein.»

 

 

Die Mutter

und das Kind.

 

Wie ward zu solchem Jammer

Der stolzen Mutter Lust?

Sie weint in öder Kammer,

Kein Kind an ihrer Brust;

Das Kind gebettet haben

Sie in den schwarzen Schrein,

Und tief den Schrein vergraben,

Als müßt es also sein.

 

Wie da die Erde fallend

Auf den versenkten Sarg

Ihn dumpf und schaurig schallend

Vor ihren Augen barg,

Hat Thränen sie gefunden,

Die nicht zu hemmen sind,

Sie weint zu allen Stunden

Um ihr geliebtes Kind.

 

Wann andrer Lust und Sorgen

Der laute Tag bescheint,

Weilt schweigsam sie verborgen

In finstrer Klaus und weint;

Wann andrer Schmerzen lindert

Die Nacht, und alles ruht,

Vergießt sie ungehindert

Der Thränen bittre Flut.

 

Wie einst sie unter Thränen

Die stumme Mitternacht

In hoffnungslosem Sehnen

Verstört herangewacht,

Sieht wunderbarer Weise

Das Kindlein sie sich nahn,

Es tritt so leise, leise,

Es sieht sie trauernd an.

 

O Mutter, in der Erden

Gewinn ich keine Rast,

Wie sollt ich ruhig werden,

Wenn du geweinet hast?

Die Thränen fühl ich rinnen

Zu mir ohn Unterlaß,

Mein Hemdlein und das Linnen,

Sie sind davon so naß.

 

O Mutter, laß dein Lächeln

Hinab ins feuchte Haus

Mir laue Lüfte fächeln,

Dann trocknet's wieder aus,

Und scheinet deinem Kinde

Dein Auge wieder klar,

Umblühn es Ros und Winde,

Wie sonst es oben war.

 

O weine nicht! sei munter!

Was helfen Thränen dir?

Komm lieber doch hinunter

Und lege dich zu mir;

Da magst du leise kosen

Mit deinem Kindelein,

Du liegst auf weichen Rosen

Und schläfst so ruhig ein.

 

Sie hat aus süßem Munde

Die Warnung wohl gehört,

Sie hat von dieser Stunde

Zu weinen aufgehört.

Wohl bleichten ihre Wangen,

Doch blieb ihr Auge klar;

Sie ist hinab gegangen,

Wo schon ihr Liebling war.

 

 

Der Kranke.

(Nach Millevoye)

 

Sei mir gegrüßt, o mein geliebter Wald!

Du Schauplatz meiner Kindheit froher Spiele,

Zum letzten Mal gegrüßt! ich scheide bald. –

So jung annoch, und schon am letzten Ziele!

 

Dein Laub wird gelb und gelber, fällt schon ab,

Ich seh es wohl, und fühle mich gebrochen,

Und blicke trauernd in mein frühes Grab.

Im Sommer hat der Arzt zu mir gesprochen:

 

«Es prangt der Wald im grünen Schmuck noch heut,

Du siehst ihn bald sich einmal noch entfärben,

Und wann der Herbst sein falbes Laub verstreut,

So wirst du, Früh-Verwelkter, selber sterben.»

 

Es ist ein Gestern worden, unerhört!

Das Heut, wo du im grünen Schmuck gepranget;

Herbst ist's: es fällt dein Laub, wie sich's gehört,

Und mahnt mich, daß der Tod nach mir verlanget.

 

O falle, Laub! ich kenne ja mein Los,

Zu sterben ohne noch gelebt zu haben;

Sie werden klanglos bald und namenlos

Am Fuße dieser Eiche mich vergraben.

 

O falle, Laub! dem Aug entziehe du

Der Mutter, die mit Schmerzen mich geboren,

Die schmerzlich stille Stätte meiner Ruh!

Sie hat die Hoffnung, unerfüllt, verloren.

 

Wenn aber Eine kommt, die ich gemeint,

Und sucht den kleinen Platz in Waldesräumen,

Und auf den Hügel sie sich wirft und weint,

O rausche, Laub! ich werde von ihr träumen.

 

Er lieget nun am Fuß der Eiche dort,

Nicht aber ist, die er gemeint, gekommen,

Es überdecken Laub und Schnee den Ort,

Und weit umher wird nur das Wild vernommen.

 

 

Die Grossmutter.

(Nach Victor Hugo)

 

«Großmutter, schläfst du? Deine Lippen pflegen

Wie betend sich im Schlafe zu bewegen,

Wie bist du heute regungslos und bleich?

Die Hände starr auf deiner Brust vereinet,

Die nicht dein Athem zu erheben scheinet,

Dem Marmorbild der Schmerzensmutter gleich.

 

Blick auf, erwache, rede! wie betrübest

Du, Mutter, deine Kinder, die du liebest?

Was thaten wir? wir waren beide fromm.

Du zürnest uns? du hörst nicht unsre Stimmen?

Sieh her! die Lampe flackert im Verglimmen,

Und schon das Feuer auf dem Herd verglomm.

 

Und willst du Licht und Feuer nicht erhalten,

So müssen wir erstarren in dem kalten

Und finstren Haus; zu spät erwachst du dann,

Auch wir beharren stumm in deinen Armen

Und können nicht an deiner Brust erwarmen,

Du rufst die Heiligen vergebens an.

 

Großmutter, o wie kalt sind deine Hände!

Wir wollen sie in unsern wärmen, wende

Nur deinen Blick uns freundlich wieder zu;

Da hast du dein Gesangbuch, nimm es wieder,

Du hast es fallen lassen, sing uns Lieder –

Du nimmst es nicht, und nichts erwiderst du?

 

Zeig uns, wir waren fromm, uns zu belohnen,

Das Bild der Bibel, wo die Heil'gen wohnen

Beim lieben Gott, umstrahlt von seinem Licht;

Erklär uns dann die göttlichen Gebote,

Und sprich vom beßren Leben nach dem Tode, –

Was ist der Tod? – du brichst das Schweigen nicht!»

 

So hallte lange noch der Waisen Klage,

Die Nacht brach ein, sie wich dem jungen Tage,

Die Thurm-Uhr maß die Zeit mit gleichem Schlag;

Zur offnen Thüre lauschend sah die Kleinen

Am Sterbebette knieen, beten, weinen

Ein Wandrer späte noch am andern Tag.

 

 

Die Waise.

(Litauisch)

 

Sie haben mich geheißen

Nach Heidelbeeren gehn:

Ich habe nach den Beeren

Im Walde nicht gesehn.

 

Ich bin hinaus gegangen

Zu meiner Mutter Grab,

Worauf ich mich gesetzet

Und viel geweinet hab. –

 

«Wer sitzt auf meinem Hügel,

Von der die Thränen sind?» –

Ich bin's, o liebe Mutter,

Ich, dein verwaistes Kind.

 

Wer wird hinfort mich kleiden

Und flechten mir das Haar?

Mit Liebeswort mir schmeicheln,

Wie's deine Weise war?

 

«Geh hin, o liebe Tochter,

Und finde dich darein,

Es wird dir eine zweite,

Statt meiner, Mutter sein.

 

Sie wird das Haar dir flechten

Und kleiden dich hinfort,

Ein Jüngling wird dir schmeicheln

Mit zartem Liebeswort.»

 

 

Treue Liebe.

(Litauisch)

 

Es schallten muntre Lieder

Hell durch den Fichtenwald,

Es kam ein muntrer Reiter

Zum Försterhause bald.

 

Frau Muhme, guten Morgen,

Wo bleibt die Liebste mein? –

Sie lieget, krank zum Sterben,

Im obern Kämmerlein.

 

Er stieg in bittern Thränen

Die Treppe wohl hinauf,

Er hemmte, vor der Thüre

Der Liebsten, ihren Lauf.

 

Herein, herein, Geliebter,

Zu schmerzlichem Besuch!

Die heim du holen wolltest,

Deckt bald das Leichentuch.

 

Sie schläft in engem Sarge,

Drauf liegt der Myrtenkranz;

Du wirst nicht heim sie führen,

Nicht bei Gesang und Tanz.

 

Sie werden fort mich tragen,

Und tief mich scharren ein,

Du wirst mir Thränen weinen,

Und eine andre frein. –

 

Die du mich nie betrübet,

Du meine Zier und Lust,

Wie hast du jetzt geschnitten

Mir scharf in meine Brust!

 

Drauf sahen zu einander

Die beiden ernst und mild,

Verschlungen ihre Hände,

Ein schönes, bleiches Bild.

 

Da schied sie sanft hinüber,

Er aber zog zur Stund

Das Ringlein sich vom Finger

Und steckt's in ihren Mund.

 

Ob er geweinet habe,

Als solches ist geschehn? –

Ich selber floß in Thränen,

Ich hab es nicht gesehn.

 

Es gräbt der Todtengräber

Ein Grab, und noch ein Grab:

Er kommt an ihre Seite,

Der ihr das Ringlein gab.

 

 

Der Sohn der Witwe.

(Litauisch)

 

Her zogen die Schwäne mit Kriegsgesang:

Zu Roß, zu Roß! es dröhnend erklang.

 

Es reiten aus allen Höfen umher

Die jüngern Söhne zum Kriegesheer.

 

Es ist mit uns gar schlimm bestellt,

Und keiner bleibt, wenn einer sich stellt.

 

Du ziehst, mein Bräut'gam, mein Bruder, mein Sohn,

Du ziehst in den Krieg, das wissen wir schon.

 

Wir Frauen bedienen den Kriegesknecht,

Den Helmbusch steckt die Braut dir zurecht,

 

Den Rappen führt die Schwester dir vor,

Dir öffnet die Mutter des Hofes Thor.

 

Wann kehrst du, mein Bräut'gam, mein Bruder, mein Kind,

Wann kehrst du zurück? das sag uns geschwind. –

 

Sind Luft und Wasser und Land erst frei,

Dann säum ich nicht länger, dann eil ich herbei. –

 

Und Luft und Wasser und Land sind frei,

Was säumt er noch länger, und eilt nicht herbei?

 

Wir Frauen, wir wollen entgegen ihm gehn,

Wir wollen vom Hügel entgegen ihm sehn.

 

Dort harren die Frauen und lauschen zu Thal

Die Straße entlang im Sonnenstrahl.

 

Und auf und nieder die Sonne steigt,

Kein Reitersmann dem Blicke sich zeigt.

 

Jetzt hebt sich Staub, jetzt kommt im Lauf

Ein Rappe daher – kein Reiter sitzt drauf.

 

Sie fangen ihn ein, sie fragen ihn aus:

Wie kommst du, mein Rappe, doch ledig nach Haus?

 

Bist, schlechter Gaul, dem Herrn du entflohn?

Wo blieb mein Bräut'gam, mein Bruder, mein Sohn?

 

Sie haben erschossen ihn in der Schlacht,

Auf grüner Heide sein Bett ihm gemacht.

 

Mich ließen sie laufen in alle Welt,

Ich habe die Botschaft trauernd bestellt.

 

Es zogen drei Schwäne mit Klaggesang,

Ein Grab zu suchen, die Heide entlang.

 

Sie ließen sich nieder, wie sie es ersahn,

Zu Füßen, zu Haupte, zur Seite ein Schwan.

 

Zu Haupte die Schwester, zu Füßen die Braut,

Zur Seite die Mutter, hoch ergraut:

 

O wehe, weh, Verwaisten uns drei'n!

Wer stimmt in unsre Klage mit ein?

 

Darauf die Sonne, sich neigend, begann:

Ich stimme mit ein, so gut ich kann.

 

Neun Tage traur ich in Nebelflor,

Und komm am zehnten nicht hervor.

 

Die Trauer der Braut drei Wochen war,

Die Trauer der Schwester, die war drei Jahr,

 

Die Mutter hat der Trauer gepflegt,

Bis müde sie selbst ins Grab sich gelegt.

 

 

Lass reiten.

 

Es ritt ein Reiter die Straße hinaus,

Die Spur verwehte der Wind.

Ein Mädchen zerpflückt einen

Rosenstrauß,

Und weint die Augen sich blind.

 

«Du warst mir so rosig und wohlgemuth,

Wie bist du geworden so bleich?

Was heimlich im Herzen dir wehe thut,

Mein Kind, vertraue mir gleich.» –

 

«Ich weine ja nicht um heimlichen Schmerz,

Weiß nicht, wie in Leiden ich steh.

Es thut mir, o Mutter, nicht bloß das Herz,

Es thut mir gar manches noch weh.» –

 

«Herr Doktor, Herr Doktor, die Tochter ist krank,

O helft doch dem Kinde mein!» –

Wohl mischte der Doktor 'nen bittern Trank,

Doch konnt's nicht geholfen mehr sein.

 

«'nen bittern Trank, den hab ich still

Getrunken; – nun ist's vorbei!

Laß reiten, laß reiten, wer mag und will,

Man kommt doch dem Winde nicht bei.»

 

 

Die Müllerin.

 

Die Mühle, die dreht ihre Flügel,

Der Sturm, der sauset darin;

Und unter der Linde am Hügel,

Da weinet die Müllerin:

 

Laß sausen den Sturm und brausen,

Ich habe gebaut auf den Wind;

Ich habe gebaut auf Schwüre –

Da war ich ein thörichtes Kind.

 

Noch hat mich der Wind nicht belogen,

Der Wind, der blieb mir treu;

Und bin ich verarmt und betrogen –

Die Schwüre, die waren nur Spreu.

 

Wo ist, der sie geschworen?

Der Wind nimmt die Klagen nur auf;

Er hat sich aufs Wandern verloren –

Es findet der Wind ihn nicht auf.

 

 

Der Müllerin Nachbar.

 

Die Mühle, die dreht ihre Flügel,

Der Wind, der sauset darin:

Ich wollte, ich wäre der Müller,

Von wegen der Müllerin.

 

Der Müller ist gestorben,

Gott schenk ihm die ewige Ruh!

Ich wollte, es holte der Henker

Den Flegel von Knecht noch dazu.

 

Am Sonntag in der Kirche,

Da glaubt ich, sie schiele nach mir;

Sie schielte an mir nur vorüber,

Der Knecht, der stand an der Thür.

 

Und als es gieng zum Tanze,

Da kam sie eben mir recht,

Sie grüßte mich freundlich und fragte –

Und fragte mich gar nach dem Knecht.

 

Der Knecht, der Knecht! – Ich wollte...

Mir kocht in den Adern das Bluth –

Ich wollte an ihm mich rächen,

Ich wollte, ich hätte den Muth.

 

Ich wollte... Nun, was weiß ich?

Ich weiß nicht, wo ich bin. –

Die Mühle, die dreht ihre Flügel,

Der Wind, der sauset darin.

 

 

Don Quixote.

 

Noch ein Abenteuer,

Welches Ruhm verspricht;

Siehst du auf dem Hügel

Dort die Riesen nicht?

Thurmhoch, mißgeschaffen,

Drohend in den Wind,

Welche anzuschauen

Fast wie Mühlen sind?

Mit Vergunst, Herr Ritter,

Kann ich da nur sehn

Mühlen, die im Winde

Ihre Flügel drehn.

 

Seien, feiger Knappe,

Deinem stumpfen Sinn

Diese Ungeheuer

Mühlen immerhin;

Hülle sich mit Trugschein

Zauberhaft der Graus,

Findet doch der Ritter

Sich die Riesen aus.

Mit Vergunst, Herr Ritter,

Glaubt's mir, auf mein Wort,

Das sind echte Mühlen,

Auf dem Hügel dort.

 

Dürft ihr's euch erfrechen,

Haltet mir nur Stand,

Strauß mit euresgleichen

Ist mir Kindertand.

Einer gegen alle,

Falsche Höllenbrut,

Und die Erde trinkt bald

Eures Herzens Bluth.

Mit Vergunst, Herr Ritter,

Hört mich doch nur an,

Mühlen sind's, nur Mühlen,

Wie ich schwören kann.

 

Süße Dulcinea,

Blick auf mich herab!

So der wackre Ritter,

Spornt den Gaul in Trab;

Treibet auf den ersten,

Der da seiner harrt –

Und geschleudert stürzt er

Auf die Erde hart.

Lebt Ihr, guter Ritter,

Oder seid Ihr todt?

Aber that's mit Mühlen

Euch zu raufen Noth?

 

Sollte wer mich fragen,

Wie man vieles fragt,

Ob es Riesen waren,

Wie der Herr es sagt,

Oder bloße Mühlen,

Wie es meint der Knecht;

Geb ich unbedenklich

Unserm Ritter Recht.

Mit den Herrn es halten,

Bleibt das Klügste noch;

Was von solchen Dingen

Wissen Knechte doch!

 

 

Der alte Müller.

 

Es wüthet der Sturm mit entsetzlicher Macht,

Die Windmühl schwankt, das Gebälk erkracht.

Hilf, Himmel, erbarme dich unser!

 

Der Meister ist nicht, der alte, zur Hand,

Er steht an der Felswand schwindlichem Rand.

Hilf, Himmel, erbarme dich unser!

 

Da steht er allein, mit dem Winde vertraut,

Und spricht mit den Lüften vernehmlich und laut.

Hilf, Himmel, erbarme dich unser!

 

Er schüttelt im Sturme sein weißes Haar,

Und was er da spricht, klingt sonderbar.

Hilf, Himmel, erbarme dich unser!

 

Willkommen, willkommen, großmächtiger Wind!

Was bringst du mir Neues, verkünd es geschwind.

Hilf, Himmel, erbarme dich unser!

 

Du hast mich gewiegt, du hast mich genährt,

Du hast mich geliebt, du hast mich gelehrt.

Hilf, Himmel, erbarme dich unser!

 

Du hast mir die Worte wohl hinterbracht,

Die Worte der Weisheit, von Thoren verlacht.

Hilf, Himmel, erbarme dich unser!

 

Ihr Thoren, ihr Thoren, die faßtet ihr nicht,

Die faßte der Wind auf, der gab mir Bericht.

Hilf, Himmel, erbarme dich unser!

 

Das Wort wird That, das Kind wird Mann,

Der Wind wird Sturm, wer zweifelt daran?

Hilf, Himmel, erbarme dich unser!

 

Willkommen, willkommen, großmächtiger Wind!

Und was du auch bringest, vollend es geschwind.

Hilf, Himmel, erbarme dich unser!

 

Das Maß ist voll, die Zeit ist aus;

Jetzt kommt das Gericht in Zerstörung und Graus.

Hilf, Himmel, erbarme dich unser!

 

Ein Wirbelwind faßt den Alten zumal

Und schleudert zerschmettert ihn tief in das Thal.

Hilf, Himmel, erbarme dich unser!

 

Zerschellt ist der Mühle zerbrechlicher Bau,

Und Wogen von Sand bedecken die Au.

Hilf, Himmel, erbarme dich unser!

 

 

Vier Lieder von Béranger.

 

1

Die Kartenlegerin

 

Schlief die Mutter endlich ein

Ueber ihre Hauspostille?

Nadel, liege du nun stille:

Nähen, immer nähen, – nein! –

Legen will ich mir die Karten.

Ei, was hab ich zu erwarten?

Ei, was wird das Ende sein?

 

Trüget mich die Ahndung nicht,

Zeigt sich Einer, den ich meine, –

Schön! da kommt er ja, der Eine,

Cœurbub kannte seine Pflicht. –

Eine reiche Witwe? – wehe!

Ja, er freit sie, ich vergehe!

O verruchter Bösewicht!

 

Herzeleid und viel Verdruß, –

Eine Schul und enge Mauern, –

Carreaukönig, der bedauern,

Und zuletzt mich trösten muß. –

Ein Geschenk auf art'ge Weise –

Er entführt mich – eine Reise –

Geld und Lust in Ueberfluß!

 

Dieser Carreaukönig da

Muß ein Fürst sein oder König,

Und es fehlt daran nur wenig,

Bin ich selber Fürstin ja. –

Hier ein Feind, der mir zu schaden

Sich bemüht bei seiner Gnaden,

Und ein Blonder steht mir nah.

 

Ein Geheimniß kommt zu Tag

Und ich flüchte noch bei Zeiten, –

Fahret wohl, ihr Herrlichkeiten!

O das war ein harter Schlag! –

Hin ist Einer, eine Menge

Bilden um mich ein Gedränge,

Daß ich kaum sie zählen mag.

 

Dieser hier in grauem Haar

Ist ein Junker wohl vom Lande,

Spröde halt ich ihn am Bande

Und ich führ ihn zum Altar. –

Nach Paris! – Ein lustig Leben!

Brummt der Mann, so lach ich eben,

Bleibt doch alles, wie es war. –

 

Kommt das grämliche Gesicht,

Kommt die Alte da mit Keuchen,

Lieb und Lust mir zu verscheuchen,

Eh die Jugend mir gebricht? –

Ach! die Mutter ist's, die aufwacht,

Und den Mund zu schelten aufmacht. –

Nein, die Karten lügen nicht!

 

2

Die rothe Hanne, oder das Weib des Wilddiebes

 

Den Säugling an der Brust, den zweiten

Der Knaben auf dem Rücken, führt

Sie an der Hand den Erstgebornen,

Der fast entkleidet, barfuß friert.

Den Vater haben sie gefangen,

Er kühlt im Kerker seinen Muth;

Sei Gott du mit der rothen Hanne!

Der Wilddieb sitzt in sichrer Hut.

 

Ich sah sie oft in bessern Tagen,

Schulmeisters liebes Töchterlein;

Sie spann und sang und las und nähte,

Ein herzig Kind, und schmuck und fein;

Beim Sonntagstanz im Kreis der Linden,

Wie war sie froh und wohlgemuth!

Sei Gott du mit der rothen Hanne!

Der Wilddieb sitzt in sichrer Hut.

 

Ein junger, hübscher, reicher Pächter

Versprach ihr einst ein beßres Glück;

Ihr rothes Haar, das ward verspottet,

Der reiche Freier trat zurück;

Es kamen andre, giengen wieder;

Sie hatte ja kein Heirathsgut.

Sei Gott du mit der rothen Hanne!

Der Wilddieb sitzt in sichrer Hut.

 

Ein Taugenichts war schnell entschlossen:

Ich nehme dich, blond oder roth;

Drei Büchsen hab ich, weiß die Schliche,

Der Förster macht mir keine Noth;

Den Schwarzrock will ich auch bezahlen,

Des Sprüchlein uns zusammenthut;

Sei Gott du mit der rothen Hanne!

Der Wilddieb sitzt in sichrer Hut.

 

Sie sprach nicht nein, mit sanfter Lockung

Gebot Natur in ihrer Brust,

Und drei Mal ward allein im Walde

Sie Mutter unter bittrer Lust;

Die Kinder treiben und gedeihen,

Ein blühend frisch gesundes Bluth;

Sei Gott du mit der rothen Hanne!

Der Wilddieb sitzt in sichrer Hut.

 

Des treuen Weibes nächt'gen Jammer

Erhellet noch ein milder Schein;

Sie lächelt: ihre Kleinen werden

Schwarzlockig wie der Vater sein;

Sie lächelt, ach! aus ihrem Lächeln

Schöpft der Gefangne frischen Muth;

Sei Gott du mit der rothen Hanne!

Der Wilddieb sitzt in sichrer Hut.

 

3

Der Bettler

 

Ich will in dieser Rinne sterben,

Bin alt und siech genug dazu;

Sie mögen mich «betrunken» schelten,

Mir recht! sie lassen mich in Ruh.

Die werfen mir noch ein'ge Groschen,

Die wenden ab ihr Angesicht;

Ja, eilt nur, eilt zu euren Festen,

Zum Sterben brauch ich euch doch nicht.

 

Vor Alter muß ich also sterben,

Man stirbt vor Hunger nicht zumal;

Ich hofft in meinen alten Tagen

Zuletzt noch auf ein Hospital;

So viel des Elends giebt's im Volke,

Man kommt euch nirgends mehr hinein;

Die Straße war ja meine Wiege,

Sie mag mein Sterbebett auch sein.

 

Lehrt mich ein Handwerk, gebt mir Arbeit,

Mein Brod verdienen will ich ja; –

Geh betteln! hieß es, Arbeit? Arbeit?

Die ist für alle Welt nicht da.

Arbeite! schrien mich an, die schmausten,

Und warfen mir die Knochen zu;

Ich will den Reichen doch nicht fluchen,

Ich fand in ihren Scheunen Ruh.

 

Ich hätte freilich stehlen können,

Mir schien zu betteln minder hart;

Ich habe höchstens mir am Wege

Ein paar Kartoffeln ausgescharrt;

Und immer aller Orten steckte

Die Polizei mich dennoch ein,

Mir raubend meine einz'ge Habe –

Du Gottes Sonne bist ja mein!

 

Was kümmern mich Gesetz und Ordnung,

Gewerb und bürgerliches Band?

Was euer König, eure Kammern?

Sagt, hab ich denn ein Vaterland?

Und dennoch, als in euern Mauern

Der Fremde, Herr zu sein, gemeint,

Der Fremde, der mich reichlich speiste,

Ich Narr, wie hab ich da geweint!

 

Ihr hättet mich erdrücken sollen,

Wie ich das Licht der Welt erblickt;

Ihr hättet mich erziehen sollen,

Wie sich's für einen Menschen schickt;

Ich wäre nicht der Wurm geworden,

Den ihr euch abzuwehren sucht;

Ich hätt euch brüderlich geholfen,

Und euch im Tode nicht geflucht.

 

4

Prophezeihung des Nostradamus auf das Jahr MM.

 

Schreibt Nostradamus, der die Zeit beschwören,

Und aus den Sternen konnte prophezeihn:

Im Jahr zweitausend wird von Jubelchören

Das glückliche Paris durchtönet sein;

Man wird nur einer Stimme Mißlaut hören,

Die wird am Fuß des Louvre kläglich schrein:

Ihr glücklichen Franzosen, wollt des armen,

Des letzten Königs Frankreichs euch erbarmen!

 

Aus Rom gekommen wird ein siecher Greise,

Ein armer Lazarus, den Ruf erheben,

Und einem weiten dichtgedrängten Kreise

Von Straßenjungen sich zum Schauspiel geben;

Drauf giebt ihm streng ein Senator Verweise:

«Hört, Freund! hier darf von Betteln keiner leben.» –

«Ihr werdet doch, mein gnäd'ger Herr, des armen,

Des letzten Königs Frankreichs euch erbarmen!»

 

«Bist wirklich du von jener Sippe?» – «Ja!

Der ich zu Rom zur Pabstzeit noch die Krone

In meines Ahnherrn Händen schimmern sah;

Er mußte sie verkaufen; die Spione,

Die Skribler und die Helfer heischten da

Den vollen Goldeswerth zu ihrem Lohne;

Ein Stab ist nun mein Zepter. Wollt des armen,

Des letzten Königs Frankreichs euch erbarmen!

 

Mein Vater starb bejahrt im Schuldenthurme;

Er hatte mir ein Handwerk untersagt,

Ich bettle. Hart erweist ihr euch dem Wurme,

Ihr Glückeskinder, sei es Gott geklagt!

Ich komme her verschlagen von dem Sturme,

Ihr habt so oft die Meinen weggejagt,

O wollt doch, da ihr glücklich seid, des armen,

Des letzten Königs Frankreichs euch erbarmen!»

 

Wird der Senator bei der Hand ihn fassen

Und sprechen; «Komm mit mir nach meinem Gute;

Wir hören auf die Könige zu hassen,

Die letzten küssen höflich unsre Rute;

Darfst dem Senat dein Schicksal überlassen;

Der ich aus altem Königsmörder-Bluthe

Entsprossen bin, ich will indeß des armen,

Des letzten Königs Frankreichs mich erbarmen.»

 

Und Nostradamus schreibt: dem Fürsten spenden

Wird der Senat zwei tausend Franken jährlich;

Der Alte wird zum Guten noch sich wenden,

Als Mair' von Saint Cloud wird er schlicht und ehrlich,

Ein wackrer Bürger, seine Laufbahn enden;

Die Chronik macht's der Nachwelt dann erklärlich,

Wie Frankreich sich im Glücke seines armen

Und letzten Königs mochte mild erbarmen.

 

 

Nach dem Dänischen

von Andersen.

 

1

Märzveilchen.

 

Der Himmel wölbt sich rein und blau;

Der Reif stellt Blumen aus zur Schau.

 

Am Fenster prangt ein flimmernder Flor,

Ein Jüngling steht ihn betrachtend davor.

 

Und hinter den Blumen blühet noch gar

Ein blaues, ein lächelndes Augenpaar.

 

Märzveilchen, wie jener noch keine gesehn!

Der Reif wird angehaucht zergehn.

 

Eisblumen fangen zu schmelzen an –

Und Gott sei gnädig dem jungen Mann!

 

 

2

Muttertraum.

 

Die Mutter betet herzig und schaut

Entzückt auf den schlummernden Kleinen;

Er ruht in der Wiege so sanft, so traut,

Ein Engel muß er ihr scheinen.

 

Sie küßt ihn und herzt ihn; sie hält sich kaum,

Vergessen der irdischen Schmerzen;

Es schweift in der Zukunft ihr Hoffnungstraum;

So träumen Mütter im Herzen.

 

Der Rab indeß mit der Sippschaft sein

Kreischt draußen am Fenster die Weise:

Dein Engel, dein Engel wird unser sein!

Der Räuber dient uns zur Speise!

 

 

3

Der Soldat.

 

Es geht bei gedämpfter Trommel Klang;

Wie weit noch die Stätte! der Weg wie lang!

O wär er zur Ruh und alles vorbei!

Ich glaub, es bricht mir das Herz entzwei!

 

Ich hab in der Welt nur ihn geliebt,

Nur ihn, dem jetzt man den Tod doch giebt.

Bei klingendem Spiele wird paradiert,

Dazu bin auch ich kommandiert.

 

Nun schaut er auf zum letzten Mal

In Gottes Sonne freudigen Strahl, –

Nun binden sie ihm die Augen zu, –

Dir schenke Gott die ewige Ruh.

 

Es haben die neun wohl angelegt,

Acht Kugeln haben vorbei gefegt;

Sie zitterten alle vor Jammer und Schmerz –

Ich aber, ich traf ihn mitten ins Herz.

 

 

4

Der Spielmann.

 

Im Städtchen giebt es des Jubels viel,

Da halten sie Hochzeit mit Tanz und mit Spiel,

Den Fröhlichen blinket der Wein so roth,

Die Braut nur gleicht dem getünchten Tod.

 

Ja todt für den, den nicht sie vergißt,

Der doch beim Fest nicht Bräutigam ist;

Da steht er inmitten der Gäste im Krug,

Und streichet die Geige, lustig genug!

 

Er streichet die Geige, sein Haar ergraut,

Es springen die Saiten gellend und laut,

Er drückt sie ans Herz und achtet es nicht,

Ob auch sie in tausend Stücken zerbricht.

 

Es ist gar grausig, wenn einer so stirbt,

Wann jung sein Herz um Freude noch wirbt;

Ich mag und will nicht länger es sehn,

Das möchte den Kopf mir schwindelnd verdrehn. –

 

Wer heißt euch mit Fingern zeigen auf mich?

O Gott! bewahr uns gnädiglich,

Daß keinen der Wahnsinn übermannt;

Bin selber ein armer Musikant.

 

 

Roland ein Rosskamm.

(Orlando furioso 30. 5.)

 

Herr Roland ein seltsamer Roßkamm,

Als feil er die Stute bot.

Ausnehmend schön war die Stute,

Sie aber war leider todt.

 

«Sieh her, die vortreffliche Stute,

Du kaufst sie, das sag ich dir!

Mein Ohm, der mächtige Kaiser,

Besitzt kein schöneres Thier.

 

Betrachte den Hals und die Hüften,

Den zierlichen Gliederbau;

Kein Fehler an ihr zu rügen,

Und forschest du noch so genau.

 

Ist leider sie todt, was verschlägt das?

Ein Unglück ist es doch nur,

Kein Fehler, es lieget das Todtsein

In solcher Stuten Natur.

 

Sieh her, die untadliche Stute,

Du kaufst sie, das sag ich dir!

Mein Ohm, der mächtige Kaiser,

Besitzt kein schöneres Thier.» –

 

Ist musterhaft auch geschrieben

Und regelrecht das Gedicht,

Wir kaufen die todte Stute,

Wir lesen die Verse doch nicht.

 

 

Hans Jürgen und sein Kind.

 

Hans Jürgen, läßt du das Trinken nicht sein,

Und läßt nicht vom leidigen Branntewein,

Du wirst zur Verzweiflung mich bringen;

Im Weiher dort ist's bald geschehn,

Da wirst du dein Kind mich ertränken sehn,

Mich selbst hinunter springen. –

 

Ach Frau, sei mir darum nicht gram,

Weiß selber kaum, wie gestern es kam,

Der goldene Löw ist schuldig;

Ich kam an der Schenke vorüber und sann,

Das Thier mich anzuglotzen begann,

Der Löw, er gleißte so guldig.

 

Ich gieng hinein, das war nicht gut,

Ich trank, hinaus zu gehn, mir Muth,

Kam unter dem Tische zu liegen;

Wenn abermals es dem Teufel gelang,

Sei, liebes Herz, darum nicht bang,

Er soll nicht wieder mich kriegen.

 

Die Augen zu! Ein Wort, ein Mann.

Ich bringe dir heut, was ich alles gewann,

Und eine trockene Kehle.

So gieng er zu seinem Meister hin,

Es lag ihm schwer in seinem Sinn,

Es quält' ihn in seiner Seele.

 

Und als es Feierabend war

Und heim er kam, da fühlt' er gar

Den leidigen Durst ihn beißen.

Die Augen zu! Er kam mit Glück

Der Klippe vorbei, da schaut' er zurück,

Er sah den Löwen so gleißen. –

 

Jedweder Tugend ihren Lohn!

Verdient, wahrhaftig, hab ich ihn schon,

Ein Schluck darauf wird schmecken! –

Und taumelnd gelangt' er und spät nach Haus,

Die Frau saß da, sah finster aus,

Er mußte vor ihr erschrecken.

 

Sie prüft' ihn mit den Augen stumm;

Sie gieng ihm seltsam im Kopf herum,

Gedenkend der eigenen Schwüre.

Sie aber schritt zu der Wiege hin,

Und nahm das Kind, das gelegen darin,

Und eilte hinaus zur Thüre.

 

Er ist da nüchtern geworden fast,

Ein kaltes Entsetzen hat ihn erfaßt: –

Dahin, dahin gekommen! –

Hans Jürgen, rette, rette dein Kind!

Zum Weiher, zum Weiher! geschwind, geschwind!

Sie hat den Weg genommen. –

 

Er eilt ihr nach in vollem Lauf,

Ein Plätschern schallt vom Weiher herauf, –

Nur noch die Mutter zu sehen: –

Zurück! das Kind, ich hol es hervor,

Noch halten's die schwimmenden Tücher empor,

Zurück! genug ist geschehen. –

 

Er schreit es und springt in das Wasser hinein, –

Das Wasser, das mochte so tief nicht sein,

Die Beute leicht zu erhalten.

Er trägt das Wickelkind im Arm,

Und drückt's an die Brust so innig und warm,

Und steigt aus dem Bade, dem kalten. –

 

«An meinem Herzen, an meiner Brust,

Du meine Wonne, du meine Lust!»

Doch mußt du mich nicht so kratzen.

Ein gutes, schönes Kind, allein

Es kratzet doch ganz ungemein;

Was hast denn du für Tatzen? –

 

Und wie er's näher untersucht,

Erkennt er den schwarzen Kater und flucht,

Den Kater, ihm zum Possen. –

Ach Frau, ach Frau, wo bist denn du? –

Die sitzt zu Hause, die Thür ist zu,

Die Thüre bleibt verschlossen. –

 

Ach Frau, das ist ein frostiger Spaß;

Es ist so kalt, ich bin so naß. –

Die Thüre bleibt verschlossen;

Und wie er pocht und flucht und lärmt,

Und fleht und winselt und sich härmt,

Die Thüre bleibt verschlossen.

 

Die Nachbarsleute, die Gäste zu Hauf

Vom goldenen Löwen paßten wohl auf,

Das kann leicht einer sich denken;

Die haben wacker ihn ausgelacht,

Und haben ein Lied auf ihn gemacht,

Und singen's in allen Schenken:

 

Hans Jürgen, rette, rette dein Kind!

Zum Weiher, zum Weiher! geschwind, geschwind!

Doch lasse dich ja nicht kratzen.

Und schmeckt, Hans Jürgen, der Branntewein,

Komm her zu dem goldenen Löwen herein,

Wir singen ein Lied dir zum Platzen.

 

 

Böser Markt.

 

Einer kam vom Königsmahle

In den Park sich zu bewegen,

Aus dem Busch mit einem Male

Trat ein andrer ihm entgegen;

Zwischen Rock und Kamisole

Griff der schnell, und die Pistole

Setzt er jenem auf die Brust.

 

«Leise, leise! muß ich bitten;

Was wir hier für Handel treiben,

Mag vom unberufnen Dritten

Füglich unbelauschet bleiben.

Wollt Ihr Uhren nebst Gehenken

Wohl verkaufen? nicht verschenken;

Nehmt drei Batzen Ihr dafür?» –

 

Mit Vergnügen!» – «Nimmer richtig

Ist die Dorfuhr noch gegangen;

Thut der Küster auch so wichtig,

Weiß er's doch nicht anzufangen;

Jeder weiß in unsern Tagen,

Was die Glocke hat geschlagen;

Gottlob! nun erfahr ich's auch.

 

Sagt mir ferner: könnt Ihr missen,

Was da blinkt an Euren Fingern?

Meine Hausfrau, sollt Ihr wissen,

Ist gar arg nach solchen Dingern;

Solche Ringe, solche Sterne,

Wie Ihr da habt, kauf ich gerne;

Nehmt drei Batzen Ihr dafür?» –

 

«Mit Vergnügen!» – «Habt Ihr künftig

Mehr zu handeln, laßt mich holen;

Edel seid Ihr und vernünftig,

Und ich lob Euch unverhohlen.

Gleich mich dankbar Euch zu zeigen,

Laß ich jede Rücksicht schweigen,

Und verkauf Euch, was Ihr wollt.

 

Seht den Ring da, den ich habe;

Nur von Messing, schlecht, unscheinsam,

Aber, meiner Liebsten Gabe;

Ach sie starb, und ließ mich einsam!

Nicht um einen Goldesheufen...!

Aber Ihr, wollt Ihr ihn kaufen,

Gebt mir zehn Dukaten nur.» –

 

«Mit Vergnügen!» – «Ei! was seh ich?!

Schöner Beutel goldgeschwollen,

Du gefällst mir, das gesteh ich;

Die Pistole für den vollen!

Sie ist von dem besten Meister,

Kuchenreuter, glaub ich, heißt er,

Nehmt sie für den Beutel hin!» –

 

«Mit Vergnügen! Nun Geselle,

Ist die Reih an mich gekommen!

Her den Beutel auf der Stelle!

Her, was du mir abgenommen!

Gib mir das Geraubte wieder,

Gleich! ich schieße sonst dich nieder,

Wie man einen Hund erschießt!»

 

«Schießt nur, schießt nur! wahrlich, Schaden

Wärt Ihr fähig anzurichten,

Wäre nur das Ding geladen.

Ihr gefallt mir so mit nichten.

Unfein dürft ich wohl Euch schelten;

Abgeschloßne Händel gelten,

Merkt es Euch und, gute Nacht!»

 

Ihn verlachend unumwunden,

Langgebeint, mit leichten Sätzen,

War er in dem Busch verschwunden

Mit den eingetauschten Schätzen.

Jener mit dem Kuchenreuter

In der Hand, sah nicht gescheuter

Aus, als augenblicks zuvor.

 

 

Der rechte Barbier.

 

Und soll ich nach Philisterart

Mir Kinn und Wange putzen,

So will ich meinen langen Bart

Den letzten Tag noch nutzen;

Ja! ärgerlich, wie ich nun bin,

Vor meinem Groll, vor meinem Kinn,

Soll mancher noch erzittern.

 

«Holla! Herr Wirth, mein Pferd! macht fort!

Ihm wird der Hafer frommen.

Habt ihr Barbierer hier im Ort?

Laßt gleich den rechten kommen.

Waldaus, waldein, verfluchtes Land!

Ich ritt die Kreuz und Quer und fand

Doch nirgends noch den rechten.

 

Tritt her, Bartputzer, aufgeschaut!

Du sollst den Bart mir kratzen;

Doch kitzlich sehr ist meine Haut,

Ich biete hundert Batzen;

Nur, machst du nicht die Sache gut,

Und fließt ein einz'ges Tröpflein Bluth, –

Fährt dir mein Dolch ins Herze.»

 

Das spitze, kalte Eisen sah

Man auf dem Tische blitzen,

Und dem verwünschten Ding gar nah

Auf seinem Schemmel sitzen

Den grimm'gen schwarzbehaarten Mann

Im schwarzen, kurzen Wams, woran

Noch schwärzre Troddeln hingen.

 

Dem Meister wird's zu grausig fast,

Er will die Messer wetzen,

Er sieht den Dolch, er sieht den Gast,

Es packt ihn das Entsetzen;

Er zittert wie das Espenlaub,

Er macht sich plötzlich aus dem Staub

Und sendet den Gesellen.

 

«Ein Hundert Batzen mein Gebot,

Falls du die Kunst besitzest;

Doch, merk es dir, dich stech ich todt,

So du die Haut mir ritzest.»

Und der Gesell: «Den Teufel auch!

Das ist des Landes nicht der Brauch.»

Er läuft und schickt den Jungen.

 

«Bist du der rechte, kleiner Molch?

Frisch auf! fang an zu schaben;

Hier ist das Geld, hier ist der Dolch,

Das beides ist zu haben;

Und schneidest, ritzest du mich bloß,

So geb ich dir den Gnadenstoß;

Du wärest nicht der erste.»

 

Der Junge denkt der Batzen, druckst

Nicht lang und ruft verwegen;

«Nur still gesessen! nicht gemuckst!

Gott geb Euch seinen Segen!»

Er seift ihn ein ganz unverdutzt,

Er wetzt, er stutzt, er kratzt, er putzt:

«Gottlob! nun seid Ihr fertig.»

 

«Nimm, kleiner Knirps, dein Geld nur hin;

Du bist ein wahrer Teufel!

Kein andrer mochte den Gewinn,

Du hegtest keinen Zweifel,

Es kam das Zittern dich nicht an,

Und wenn ein Tröpflein Bluthes rann,

So stach ich doch dich nieder.»

 

«Ei! guter Herr, so stand es nicht,

Ich hielt Euch an der Kehle,

Verzucktet Ihr nur das Gesicht

Und gieng der Schnitt mir fehle,

So ließ ich Euch dazu nicht Zeit,

Entschlossen war ich und bereit

Die Kehl Euch abzuschneiden.» –

 

«So so! ein ganz verwünschter Spaß!»

Dem Herrn ward's unbehäglich,

Er wurd auf einmal leichenblaß

Und zitterte nachträglich:

«So so! das hatt ich nicht bedacht,

Doch hat es Gott noch gut gemacht;

Ich will's mir aber merken.»

 

 

Hans im Glücke.

 

Willst zurück zu deiner Mutter?

Hans, du bist ein braver Sohn;

Hast gedient mir treu und redlich;

Wie die Dienste, so der Lohn;

Gebe dir zu deinem Sold

Diesen Klumpen da von Gold;

Bist du mit dem Lohn zufrieden,

Hans im Glücke?

 

Ja, zufrieden! und die Mutter,

Ja, die gute Mutter soll

Mich beloben und sich freuen,

Alle Hände bring ich voll;

Alles, alles trifft mir ein,

Muß ein Sonntagskind wohl sein,

Und auf Glückeshaut geboren,

Hans im Glücke!

 

Und er ziehet seine Straße

Rüstig, frisch und frohgesinnt,

Doch es sticht ihn bald die Sonne,

Die zu steigen schon beginnt,

Und der Klumpen Gold ist schwer,

Drückt die Schulter gar zu sehr;

Du erliegest unterm Golde,

Hans im Glücke!

 

Kommt ein Reiter ihm entgegen; –

Schimmel! ei, du muntres Thier!

Aber schleppen muß ich, schleppen

Den verwünschten Klumpen hier;

So ein Reiter hat es gut,

Weiß nicht, wie das Schleppen thut;

Hätt ich diesen Schimmel, wär ich

Hans im Glücke. –

 

Lümmel, sage mir, was ist es,

Was du da zu schleppen hast? –

Nichts als Gold, mein werther Ritter, –

Gold?! – und mich erdrückt die Last –

Nimm dafür den Schimmel. – Topp!

Und so reit ich, hopp, hopp, hopp!

Trabe, Schimmel! trabe, Schimmel!

Hans im Glücke.

 

Hopp, hopp, hopp! der dumme Teufel

Schwitzt nun unter meinem Schatz;

Hopp, hopp! Hopp, hopp! sachte, Schimmel!

Pfui dich! – Plautz! ein Seitensatz,

Und er lieget da zum Spott,

Danket aber seinem Gott,

Daß er nicht den Hals gebrochen,

Hans im Glücke.

 

Kommt ein Bauer, treibt gemächlich

Vor sich hin ein magres Rind;

Halt den Schimmel! halt den Schimmel!

Schreit ihn an das Glückeskind;

Ja! es lief sehr glücklich ab,

Aber hart ist doch der Trab,

Und ich will nicht wieder reiten,

Hans im Glücke!

 

Eine Kuh giebt Milch und Butter,

Der Besitzer hat's nicht schlecht. –

Wollt Ihr mit den Thieren tauschen?

Mir ist schon der Schimmel recht. –

Mit den Thieren tauschen?! Topp.

Trabe, Bauer, hopp, hopp, hopp!

Selig, überselig preist sich

Hans im Glücke.

 

Erst den Dienst, und dann die Bürde,

Wieder nun den Schimmel los!

Immer besser! immer besser!

Nein, mein Glück ist allzu groß! –

Und im heißen Sonnenschein

Findet bald der Durst sich ein:

Hast ja deine Kuh zu melken,

Hans im Glücke. –

 

Melken also; er versucht es,

Nicht gedeiht es ganz und gar,

Weil er Melken nicht gelernt hat,

Und die Kuh ein Ochse war;

Und er stößt und wehret sich:

Prr! Prr! ruhig! denkst du mich,

Wilde Bestie, todt zu schlagen?

Hans im Glücke.

 

Und des Weges zog ein Metzger,

Der ein Schwein zur Metzig trieb:

Esel! bleibe von dem Ochsen,

Hast du deine Knochen lieb! –

Von dem Ochsen?! – Tritt zurück! –

Ist's ein Ochse? welch ein Glück!

Ich erfahr es noch bei Zeiten,

Hans im Glücke.

 

Aber ach! die Milch? die Butter?

Nun! der wird zu schlachten sein.

Aber Schweinefleisch ist besser

Und ich lobe mir das Schwein;

Schweinebraten, Rippenspeer,

Speck und Schinken, ja, noch mehr,

Frische Wurst und Metzelsuppe!

Hans im Glücke! –

 

Dieses alles kannst du haben,

Gib dafür den Ochsen hin;

Willst du tauschen? – Herzlich gerne!

Ja! der Handel ist Gewinn.

Auf! mein Schweinchen, trabe du

Lustig unserm Dorfe zu;

Ja! die Mutter wird mich loben,

Hans im Glücke! –

 

Und es hat ein loser Bube

Bei dem Handel ihn belauscht,

Hätte gern auf gute Weise

Sich von ihm das Schwein ertauscht,

Kommt daher mit einer Gans,

Schaut das Schwein an, dann den Hans: –

Hast du selbst das Schwein gestohlen,

Hans im Glücke? –

 

Schwein gestohlen?! – Wie denn anders!

Ja! das ist gestohlnes Gut.

Sei du mir im nächsten Dorfe

Vor dem Schulzen auf der Hut;

Auf der Inquisitenbank,

Dort im Amthaus... – Gott sei Dank!

Das erfahr ich noch bei Zeiten,

Hans im Glücke! –

 

Nun! dir wäre schon zu helfen,

Mach ich doch mir nichts daraus;

Gib das Schwein und nimm den Vogel,

Ich gehöre hier zu Haus,

Weiß die Schliche durch den Wald,

Man ertappt mich nicht so bald. –

Ei! schon wieder außer Sorgen,

Hans im Glücke!

 

Freuen wird sich doch die Mutter,

Eine Gans ist gar kein Hund,

Und nach gutem Gänsebraten

Wässert lange mir der Mund;

Und das edle Gänsefett!

Und die Daunen für das Bett!

Ei! wie wirst darauf du schlafen,

Hans im Glücke!

 

Nicht das Beste zu vergessen,

Auch der Federkiele viel!

Nichts ist mächtiger auf Erden,

Als ein solcher Gänsekiel,

Wenn der Kantor Wahres spricht;

Aber schreiben kannst du nicht,

Hättest schreiben du gelernt,

Hans im Glücke! –

 

Und ein lust'ger Scherenschleifer

Kam daher die Straß entlang,

Machte Halt mit seinem Karren,

Rieb die Hände sich und sang:

Geld im Sack und nimmer Noth!

Meine Kunst ist sichres Brod. –

Könnt ich diese Kunst, so wär ich

Hans im Glücke. –

 

Kerl, wo hast du diese Gans her? –

Hab getauscht sie für mein Schwein. –

Und dein Schwein? – für meinen Ochsen. –

Diesen? – für den Schimmel mein. –

Und den Schimmel? – für mein Gold. –

Gold?! – ja; meiner Dienste Sold. –

Blitz! du hast dich stets gebessert,

Hans im Glücke!

 

Aber eins mußt du bedenken:

Eine Gans ist bald verzehrt,

Mußt auf eine Kunst dich legen,

Die ein sichres Brod gewährt. –

Meister, ja, das mein ich auch;

Lehrt mich Scherenschleifer-Brauch,

Bin ich Scherenschleifer, bin ich

Hans im Glücke. –

 

Willst dafür die Gans mir geben? –

Ja! es lohnet wohl der Kauf. –

Zwei der Steine, die da lagen,

Hebt der Schalk vom Boden auf,

Wohlgerundet, glatt und rein,

Nicht zu groß und nicht zu klein:

Wirst ein tücht'ger Scherenschleifer,

Hans im Glücke.

 

Her die Gans, und nimm die Steine,

Trage sie im Arme, so!

Auf dem klopfst du, auf dem schleifst du,

Und das ist das A und O.

Geld im Sack und nimmer Noth,

Deine Kunst ist sichres Brod;

Alles andre wird sich finden,

Hans im Glücke. –

 

Und er nimmt mit Gans und Karren

Schnell den nächsten Seitensteg;

Hans mit seinen Steinen ziehet

Jubilierend seinen Weg:

Alles, alles trifft mir ein,

Muß ein Sonntagskind wohl sein,

Und auf Glückeshaut geboren,

Hans im Glücke! –

 

Aber späte war's geworden,

Fern das Dorf, und Essenszeit,

Nichts gegessen, nichts getrunken,

Hunger, Durst und Müdigkeit;

Und die Steine waren schwer,

Drückten, wie das Gold, auch sehr:

Holte die der Teufel, wär ich

Hans im Glücke! –

 

Dort am Brunnen will er trinken,

Setzt, wie ein bedächt'ger Mann,

Auf den Rand die Steine nieder,

Schaut sich um und stößt daran;

Plump! sie liegen in dem Grund,

Und er lacht den Bauch sich rund;

Auch der Wunsch ist eingetroffen,

Hans im Glücke!

 

Zu der Mutter! ruft er freudig,

Zu der Mutter, leicht zu Fuß!

Sollst mich loben! sollst dich freuen!

Bringe Glückesüberfluß;

Alles, alles trifft mir ein,

Muß ein Sonntagskind wohl sein,

Und auf Glückeshaut geboren,

Hans im Glücke!

 

 

Das Urtheil des Schemjáka.

(Russisches Volksmärchen)

 

«Hilf, Bruder, lieber Bruder mein,

Hilf, Reicher du, dem Armen;

Wirst gegen mich doch menschlich sein,

Wirst meiner dich erbarmen;

Leih mir den Gaul auf einen Tag,

Daß ich zu Holze fahren mag;

Gar grausam ist der Winter!»

 

«Dich lehrt das Roß, das du verlangst,

Die Zunge zu bewegen;

Wann erst du an zu betteln fangst,

Wird's nicht so bald sich legen.

So nimm es hin und schier dich fort,

Und sieh dich vor, denn, auf mein Wort,

Heut ist's zum letzten Male.»

 

«Hilf, Bruder, lieber Bruder mein,

Hilf, Reicher du, dem Armen;

Wirst gegen mich doch menschlich sein,

Wirst meiner dich erbarmen;

Du gibst das Kummet noch daran,

Daß ich zu Holze fahren kann,

Du leihst mir noch das Kummet.»

 

«Wirst mich in einem Athemzug

Um Haus und Hof noch bitten;

Du hast das Roß, das ist genug,

Hier, Punktum! abgeschnitten.

Was zauderst du? so schier dich fort,

Du kriegst es nicht, nein! auf mein Wort,

Ich leihe dir kein Kummet.»

 

Und gab er nicht das Kummet her,

Wird nur der Gaul es büßen,

Wird mit dem Schwanze weit und schwer

Den Schlitten ziehen müssen.

Noch diese Scheiter obenauf, –

Nun ist's gepackt; lauf, Schimmel, lauf!

Heut gilt's zum letzten Male.

 

Und wie er kam in seinem Stolz,

Nichts ahndend von Gefahren,

Mit einem tücht'gen Fuder Holz

Den Hof hinan gefahren;

Erlitt er Schiffbruch schon am Ziel, –

Es stolperte der Gaul und fiel,

Und riß sich, ach! den Schwanz aus.

 

«Hier, Bruder, lieber Bruder, schau!

Hier hast den Gaul du wieder;

Nimm's, Bruderherz, nicht zu genau,

Er hat gesunde Glieder,

Er ist noch gut, er ist noch ganz,

Es fehlt ihm nichts, als nur der Schwanz,

Der Schwanz – ist ausgerissen.» –

 

«Und hast du mir mein gutes Pferd

Verstümmelt und geschändet,

Und zahlst du mir nicht gleich den Werth,

So weiß ich, wie das endet:

Schemjáka spricht, der Richter, schon

Mit dir aus einem andern Ton;

Du folgst mir vor den Richter.»

 

Dem Armen, der die Sach ermißt,

Behaget schlecht das Wandern;

Weil's aber doch nicht anders ist,

So folgt er still dem andern.

Sie kamen, wo zur rechten Hand

Am Weg die weiße Schenke stand,

Zeit war es einzukehren.

 

Gleich ward der grüne Branntewein

Dem Reichen aufgetragen,

Mit trank der Wirth, das muß so sein,

Dem Armen knurrt der Magen;

Er steiget auf die Ofenbank,

Verschlafen will er Speis und Trank,

Er hat's nicht zu bezahlen.

 

Der Hunger ist ein scharfer Gast,

Der Schlaf hat seine Launen;

Er findet oben keine Rast,

Er hört sie unten raunen;

Er dreht sich hin, er dreht sich her,

Und stürzt am Ende plump und schwer

Herunter auf die Wiege.

 

«Mein Kind! mein Kind! es ist erstickt;

Der hat den Mord begangen,

Du hast's erwürgt, du hast's erdrückt,

Du wirst vom Galgen hangen;

Schemjáka spricht, der Richter, schon

Mit dir aus einem andern Ton;

Du folgst mir vor den Richter.»

 

Zum Richter wallten nun die drei,

Sich um ihr Recht zu balgen;

Dem Armen ward nicht wohl dabei,

Er träumte Rad und Galgen;

Drum auf der Brücke, die nun kam,

Er plötzlich einen Anlauf nahm,

Er sprang, dem Tod entgegen.

 

Just unterhalb der Brücke fuhr

Ein Greis in seinem Schlitten;

Im Fall erdrückt' er diesen nur,

Und hatte nichts gelitten. –

«Ein Mord! ein Mord! du hast's vollbracht,

Hast mir den Vater umgebracht;

Du folgst mir vor den Richter.»

 

Zum Richter wallten nun die vier,

Der Arme gar mit Grimme:

Was hilft mein Sterben – wollen mir?

Das Schlimmste jagt das Schlimme.

Zwei Todte zu dem Pferdeschweif!

Und bin zum Galgen ich schon reif,

So will ich Rache haben.

 

Den Stein da will ich in mein Tuch

Gewickelt bei mir tragen,

Und lautet wider mich sein Spruch,

Ich schwör ihn zu erschlagen;

Nicht hab ich Geld, nicht hab ich Gut,

Und soll ich geben Bluth um Bluth,

Will Bluth um Bluth ich nehmen.

 

Auf hohem Richterstuhle sitzt

Schemjáka da, der Weise;

Die Kläger treten ein erhitzt

Und stellen sich zum Kreise,

Der Arme zorn'gen Herzens stellt

Sich hinter sie, und fertig hält

Er schon den Stein zum Wurfe.

 

Der reiche Bruder war nicht faul,

Die Klage zu erheben:

«Der Schwanz, der Schwanz fehlt meinem Gaul,

Den soll er wiedergeben.»

Dicht hinter ihm der Arme stand,

Hielt hoch den Stein in seiner Hand

Und drohte schon dem Richter.

 

Gerechtigkeit war immer blind;

Schemjáka sah's von ferne,

Er meinte, hundert Rubel sind

Es wohl, die nehm ich gerne.

«Und Rechtens folgt daraus der Schluß,

Daß er den Gaul behalten muß,

Bis wieder ihm der Schwanz wächst.»

 

Der Schenkwirth trat zum andern vor,

Die Klage zu erheben:

«Das Kind, das Kind, das ich verlor,

Er soll's mir wiedergeben.»

Dicht hinter ihm der Arme stand,

Hielt hoch den Stein in seiner Hand

Und drohte noch dem Richter.

 

Gerechtigkeit war immer blind;

Schemjáka sah's von ferne:

Aha! noch hundert Rubel sind

Zu haben, herzlich gerne!

«So nehm er denn zu sich dein Weib,

Und zeuge dir aus ihrem Leib

Ein Kind, das dich entschädigt.»

 

Zuletzt begann des Greises Sohn

Um Mord ihn anzuklagen:

«Gib diesem Mörder seinen Lohn,

Mein Vater liegt erschlagen.»

Dicht hinter ihm der Arme stand,

Hielt hoch den Stein in seiner Hand

Und drohte baß dem Richter.

 

Gerechtigkeit war immer blind;

Schemjáka sah's vom weiten:

Ei, Gottessegen! wieder sind

Hier hundert zu erbeuten. –

«So sollt ihr zu der Brücke gehn,

Er unten und du oben stehn;

Dann springst du und erschlägst ihn.»

 

Und früh erschien am andern Tag

Der Arme vor dem Reichen:

«Gib her den Gaul, Schemjáka mag

Ich Salomon vergleichen.

Gewiß ich bring ihn dir zurück,

Sobald ihm nur zu gutem Glück

Hinwiederum der Schwanz wächst.» –

 

«Ich hab's bedacht, es war nicht klug,

Um einen Roßschweif zanken;

Der Gaul ist so mir gut genug,

Ich will für Beßres danken.

Laß Freund' uns sein; ich schenke dir

Die Ziege mit dem Zicklein hier,

Und noch zehn Rubel Silber.»

 

Dem Schenkwirth macht' er den Besuch:

«Ich will dein Weib mir holen,

Du weißt Schemjákas Richterspruch,

Und was er mir befohlen;

Ich will zur Sühne meiner Schuld

Die Straf erleiden in Geduld,

Und gleich zum Werke schreiten.» –

 

«Bemüh dich nicht, es thut nicht Noth;

Viel Kinder, viele Sorgen;

Und ist mein armes Kindlein todt,

Ich will kein fremdes borgen;

Als Friedenspfand nimm diese Kuh,

Das Kalb, die Stute noch dazu,

Und hundert Rubel Silber.»

 

Er kam zu dem verwaisten Sohn:

«Ich bin bereit zum Tode,

Du kennst Schemjákas Urtheil schon,

Ich steh dir zu Gebote;

Was zauderst du? der Weg ist lang,

Der kleine Sprung, der mir gelang,

Er wird dir schon gelingen.» –

 

«Der weite Gang unnöthig ist,

Gefällt mir auch mit nichten;

Ich bin versöhnlich als ein Christ,

Wir wollen's gütlich schlichten;

Und weil die Sache dich verdroß,

So schenk ich dir ein gutes Roß,

Dazu dreihundert Rubel.»

 

Und wie sein Vieh er überschaut

Und läßt die Münze klingen,

Tritt ein Schemjákas Diener traut,

Ein seltsam Wort zu bringen:

«Gib her, was du gezeiget hast,

Der weißen Rollen Silberlast,

Gib her dreihundert Rubel.» –

 

«Dreihundert Rubel! sagst du? nein,

Wer hat die zu verschenken?

Gezeiget hab ich ihm den Stein,

Den nimm zum Angedenken.

Mißfiel sein Spruch mir, sag's ihm nur,

Geschworen hatt ich einen Schwur,

Mit dem ihn zu erschlagen.»

 

«Den Stein, o Herr, den schickt er nur,

Und läßt dabei dir sagen:

Mißfiel dein Spruch ihm, galt sein Schwur,

Mit dem dich zu erschlagen.»

Da hat gehustet, sich geschneuzt

Schemjáka, und zuletzt bekreuzt:

Gottlob! das lief noch gut ab.

 

 

Ein Lied von der Weibertreue.

 

S'il est un conte usé, commun et rebattu,

C'est celui qu'en ces vers j'accommode à ma guise.

La Fontaine

Sie haben zwei Todte zur Ruhe gebracht;

Der Hauptmann fiel in rühmlicher Schlacht,

Mit Ehren ward er beigesetzt,

Und der, den jüngst er wacker gehetzt,

Der Räuber hängt am Galgen.

 

Da hält die Wacht als Schildergast

Ein junger Landsknecht, verdrießlich fast;

Die Nacht ist kalt, er flucht und friert,

Und wird ihm geraubt, der den Galgen ziert,

So muß für ihn er hangen.

 

Im Grabgewölb bei des Hauptmanns

Leib Verweilt verzweiflungsvoll sein Weib,

Sie hat geschworen in bittrer Noth,

Für ihn zu sterben den Hungertod;

Die Amme, zur Gesellschaft.

 

Die Amme spricht: «Gebieterin,

Ich habe geschworen nach Eurem Sinn;

Beklagt und lobt den sel'gen Herrn,

Da stimm ich mit ein, von Herzen gern,

Doch plagt mich sehr der Hunger.

 

Er war, so alt er war, gar gut,

Nicht eifersüchtig, von sanftem Muth;

Ach, edle Frau, Ihr findet zwar

Den zweiten nicht, wie der erste war,

Doch plagt mich sehr der Hunger.

 

Euch war's, es ist mir wohl bewußt,

Ein harter Schlag, ein großer Verlust;

Doch seid Ihr noch schön, doch seid Ihr noch jung,

Und könntet noch haben der Freude genung;

Es plagt mich sehr der Hunger!»

 

Die Amme so; und stumm beharrt

Die edle Frau im Schmerz erstarrt,

Erloschen scheint der Augen Licht,

Sie klaget nicht, sie weinet nicht,

Es plagt sie sehr der Hunger.

 

Und draußen bläst der Wind gar scharf;

Der Landsknecht läuft, so weit er darf,

Indem er sich zu erwärmen sucht;

Und wie er läuft, und wie er flucht,

So sieht ein Licht er schimmern.

 

Von wannen mag der Schimmer sein?

Er schleicht hinzu, er tritt hinein:

«Gegrüßet mir, ihr edle Fraun;

Wie muß ich hier im Grabe schaun

So hoher Schönheit Schimmer!»

 

So staunend er; und stumm beharrt

Die edle Frau im Schmerz erstarrt,

Erloschen scheint der Augen Licht,

Sie klaget nicht, sie weinet nicht,

Es plagt sie sehr der Hunger.

 

Die Amme drauf: «Das seht Ihr ja,

Wir trauern um den Todten da;

Wir haben geschworen in bittrer Noth,

Für ihn zu sterben den Hungertod,

Es plagt mich sehr der Hunger.»

 

Drauf er: «Das ist nicht wohlgethan,

Und hilft zu nichts dem todten Mann.

So schön! so jung! ihr seid nicht klug,

Es hat die Welt der Freude genug;

Entsetzlich nagt der Hunger!

 

Ich sage nur: ihr Frauen sollt

Mich essen sehn, dann thun, was ihr wollt.

Hier hab ich Brod, hier hab ich Wurst,

Hier eine Flasche für den Durst;

Es plagt auch mich der Hunger.»

 

Und wie er thut, was er gesagt,

Und ihm so wohl das Essen behagt,

Da sinkt der Alten ganz der Muth:

«Ach! edle Frau, das schmeckt so gut!

Und, ach! mich plagt der Hunger!»

 

Drauf er: «So eßt, ich habe für zwei

Genug, und habe genug für drei,

Ich esse sonst allein für vier;

So eßt und trinkt getrost mit mir;

Das hilft schon für den Hunger.»

 

Die Amme versucht, auf gutes Glück,

Ein Stückchen erst und dann ein Stück;

Sie sieht der Herrin ins Angesicht;

Sie klaget nicht, sie weinet nicht,

Es plagt sie sehr der Hunger.

 

«Ach, edle Frau, das schmeckt so gut,

Ihr wißt schon, wie der Hunger thut,

Was hat davon Euer Herr Gemahl?

Es sei genug für dieses Mal,

Entsetzlich nagt der Hunger!»

 

Er tritt zu ihr: «Versucht es nur.»

Sie aber spricht: «Mein Schwur! mein Schwur!»

Und stößt ihn dennoch nicht zurück,

Sie nimmt ein Stückchen und dann ein Stück,

Das hilft denn für den Hunger.

 

Er fällt vor ihr auf seine Knie:

«Ich sah ein schöneres Weib noch nie,

Nur sollt Ihr hinfort mir klüger sein.

Nun muß ich gehen, gedenket mein,

Ich komme morgen wieder;

 

Nichts da von Lebensüberdruß!»

Er spricht's und raubt ihr einen Kuß,

Und stürzt hinaus, er ist schon fort;

Die Alte ruft: «So halt auch Wort,

Du lieber, lieber Landsknecht!»

 

Und ferner spricht sie zu der Frau:

«Bedenk ich, Herrin, die Sache genau,

Er hat es gar nicht schlecht gemacht,

Und uns auf guten Weg gebracht,

Der liebe, liebe Landsknecht!»

 

Sie sagt nicht nein, sie sagt nicht ja,

Sie steht betroffen, erröthend da,

Giebt ihren Thränen freien Lauf,

Und seufzet leiseratmend auf:

«Du lieber, lieber Landsknecht!»

 

Der Landsknecht aber verwundert sich sehr,

Er steht vor dem Galgen und der steht leer.

«Blitz Hagel! das war mein Henkersschmaus;

Den Platz da füll ich morgen noch aus!

Ich armer, armer Landsknecht!»

 

Er läuft zurück: «Nun schafft auch Rath,

Sonst muß ich hangen; ich kam zu spat.»

Sie fragen ihn aus; wie er alles gesagt,

Da weint die edle Frau und klagt:

«Du armer, lieber Landsknecht!»

 

Die Alte spricht: «Geduld! Geduld!

Ich wasch ihn rein von aller Schuld;

Er hat uns errettet, das wißt Ihr doch,

Versteht mich, Frau, was zaudern wir noch?

Du lieber, lieber Landsknecht!

 

Man hat ihm seinen Todten geraubt,

Wir haben auch einen, wenn Ihr es erlaubt,

Gebt ihm den Unsern, gebt Euren Schatz,

Der füllt, wie einer, seinen Platz.

Du lieber, lieber Landsknecht!

 

Und wer betrachtet's scharf genug,

Daß er entdeckte den Betrug?

Frisch angefaßt und schnell ans Werk!

Daß keiner dort den Mangel merk.

Du lieber, lieber Landsknecht!»

 

Wie er die Hand an den Todten legt,

Da ruft der Landsknecht tief bewegt:

«Mein Hauptmann! was? du bist es fürwahr!

Nun bring ich dich an den Galgen gar!

Du lieber, guter Hauptmann!»

 

Die Frau versetzt: «Was zauderst du?

Geschwind! sonst kommen noch Leute dazu,

Geschwind! ich helfe, was ich kann,

Geschwind! geschwind! du lieber Mann,

Du lieber, lieber Landsknecht!»

 

Und er darauf: «Es geht nicht an;

Dem Räuber fehlt ein Vorder-Zahn.»

Da nimmt sie selber einen Stein

Und schlägt den Zahn dem Todten ein:

Du lieber, lieber Landsknecht!

 

So schleifen hinaus ihn alle drei

Und hängen ihn an den Galgen frei;

Und streift nun der Wind die Heide entlang,

So geben die Knochen gar guten Klang

Zum Lied von der Weibertreue.

 

 

Vetter Anselmo.

 

1

 

Noch war zu Toledo in hohem Flor

Die heimliche Kunst, die sonst sich verlor;

Ein weiser Meister war dort bekannt,

Yglano, der Magier und Nekromant.

 

Wie abends er einst vor dem Stundenglas

In seinem Museum sinnend saß,

Trat ein zu ihm demüthig fast

Sein Vetter Anselmo, ein seltener Gast. –

 

«Herr Vetter Anselmo, wie hat man das Glück?

Was führt Euch endlich zu uns zurück?

Ihr wart ja sonst auf der rechten Bahn,

Was giengen Euch da die Verwandten an?» –

 

«Seid grausam nicht und ungerecht,

Herr Vetter; versteht mich endlich recht.

Mich hielt von Toledos leuchtendem Stern,

Von Don Yglano nur Ehrfurcht fern.

 

O wüßtet Ihr, wie der Busen mir schwoll,

Wann Euer Lob mir entgegen erscholl!

Wie stolz und jubelnd ich eingestimmt:

Der ist uns allen zum Muster bestimmt!

 

Der eine rief, der andere schrie:

So einen sah die Welt noch nie,

Der zaubermächtig und weise zugleich

Beherrscht der Geister nächtliches Reich!

 

Er ist das Gold der Wissenschaft,

Und ist das Erz und ist die Kraft;

So mannlich fest, so kindlich mild,

So aller Tugend vollendetes Bild!

 

Doch hat Euch einer zu tadeln gewußt,

Den alle so preisen zu meiner Lust,

Und dieser Tadel, daß Ihr es wißt,

Ist eben der Wurm, der das Herz mir frißt.

 

Er sprach: wie kommt es, wer macht mir das klar,

Daß euer Löw und Lamm und Aar

Den Biedermann, der sein Vetter doch ist,

Den guten Anselmo so schmählich vergißt?» –

 

«Was sagtet denn Ihr, wenn ich bitten darf,

Zu solchem Tadel, so spitz und scharf?

Ich machte die Lehre mir gerne zu Nutz;

Ihr nahmt mich, Vetter, doch wacker in Schutz?» –

 

«Vermocht ich es denn, der ich da stand

Dem hämischen Kläger bequem zur Hand,

Um so mich zu legen ad acta gleich,

Zerlumpt, verhungert, hager und bleich?

 

Ich frag Euch, o blickt doch auf mich herab,

Sah je ein Bettler als Leiche im Grab

Erbärmlicher aus? o tilgt doch die Schmach!

Sie trifft Euch zumeist, wie der Neider sprach.

 

Mir eine Pfründe, ein Bischofsstab!

Das macht nur bald mit dem Teufel ab,

Und ihm und Euch mit Haut und Haar

Verschreib ich mich auf immerdar.» –

 

«Herr Vetter, Herr Vetter! ei, ei! mit Vergunst!

Von Gott allein ist meine Kunst,

Versteht mich recht, von Gott allein;

Hab mit dem Teufel nichts gemein.» –

 

«Von Gott, versteht sich! sagt ich es nicht?

Es ist der Hunger, der aus mir spricht.

Mit Gott, Herr Vetter, verhelft mir zu Brod

Und rechnet auf mich auf Leben und Tod!» –

 

«Ihr wolltet dankbar, erkenntlich sodann

Vergelten, was Gutes ich Euch gethan,

Wann einen Gönner und Schutzpatron

Ich einmal suchte für meinen Sohn?» –

 

«Ja, dankbar, ja! mit unendlicher Lust!

Die Dankbarkeit ist die Tugend just,

Die einz'ge vielleicht, deren, unverblümt,

Mit Fug und Recht mein Herz sich rühmt.

 

Man hat von mir Euch Böses gesagt,

Mich manches Lasters angeklagt,

Mich angeschwärzt zu aller Stund,

Oft, leider! vielleicht nicht ohne Grund.

 

Ich weiß, Herr Vetter, ich habe gefehlt,

Das Gute versäumt, das Böse gewählt,

Gewatet in Sünden bis an die Knie;

Undankbar aber, das war ich nie.

 

O Dankbarkeit, du süße Pflicht,

Du Himmelslust, du Himmelslicht!

Wie hab ich dich mir eingeprägt,

Wie hab ich stets dich heilig gehegt!

 

Und Euer vortrefflicher, teurer Sohn –

Wie lieb ich den lieben Vetter doch schon!

O welch ein Glück ist Dankbarkeit!

O wär ich doch erst, Herr Vetter, so weit!» –

 

«Gemach, gemach! das liegt noch fern,

Und nicht das Nächste versäum ich gern.

Da kommt Frau Martha, die eben fragt,

Was mir zum Abendessen behagt.

 

So hört, Frau Martha; seid eben gefaßt –

Nicht wahr, Herr Vetter? – auf einen Gast;

Ihr habt zwei Hühner; das zweite Huhn

Steckt erst an den Spieß, wenn ich's heiße thun.

 

Jetzt aber nehmt die Flasche dort,

Und dort den Humpen von seinem Ort,

Und schenkt mir langsam den edlen Wein

Von hoch, recht perlend und schäumend ein.

 

Ihr, Vetter, indeß kommt näher zu mir,

In diesen Kreis auf dem Estrich hier;

Da, nehmt das Stundenglas in die Hand,

Und schaut nur scharf auf den rinnenden Sand.

 

Es ist nur so ein Experiment.

Ihr wißt den Anfang, ich weiß das End.

Sie hocus pocus, bracadabra!

Wir sind noch hier und wähnen uns da!» –

 

Er hatte die Worte murmelnd gebraucht,

Und heimlich zugleich ihn angehaucht;

Anselmo stand die Augen verdreht

Und starr, wie ein hölzerner Heiliger steht.

 

2

 

Die Boten sind kommen, Anselmo, du bist

Bischof geworden zu dieser Frist;

Vernimmst du's? Bischof! erschrickt dir vor Lust

Das schlagende Herz in der schwellenden Brust?

 

Wirf ab die schlechten Lumpen geschwind,

Die grau und zerschlitzet vor Alter sind;

Leg an das seidene Purpurgewand;

Zum Segen lerne falten die Hand.

 

Das Kreuz auf die Brust, das blinkende Ding,

An deinen Finger den Siegelring;

Leg an, Anselmo, den vollen Ornat,

Und zeige dich uns als stolzer Prälat.

 

Und wie im Palast er heimisch war,

Umglitzerten rings ihn die Wände so klar,

Er legte sich, strahlend vom Widerschein,

Ins Fenster und sah in die Straße hinein.

 

Da hätt er gerne die Leute gefragt:

Ihr Lumpenvolk da unten, sagt,

Wie nehm ich denn hier oben mich aus?

Steht trefflich mir nicht das prächtige Haus?

 

Doch ward es ihm bald zu öd und zu weit,

Ihm graute schier in der Einsamkeit;

Da kam ihm eine... Nichte nach,

Von welcher man schon zu Toledo sprach.

 

Hoffährtig war und launisch das Kind,

Wie solche Nichten zu Zeiten es sind;

Die trug nun auch ein seidenes Kleid

Und brauchte Perlen und andres Geschmeid.

 

Das Regiment, wie sich's gebührt,

Ward bald allein von ihr geführt,

Und Regen kam und Sonnenschein

In Haus und Kirche von ihr allein.

 

Wie wetterwendisch sie's immer trieb,

Er ärgerte sich und hatte sie lieb,

Und also kam es, bei Aerger und Spaß,

Daß ganz er Vetter Yglano vergaß.

 

Wie einst beim Vespern er fröhlich war,

Bedünkte es ihn fast sonderbar;

Die Thür gieng auf und herein gewallt

Erschien Yglanos vergeßne Gestalt.

 

«Gott grüß Euch, Herr Vetter; ich bin erfreut

Euch wohl zu finden; mit nichten gereut

Es mich, was immer ich für Euch gethan,

Sofern Ihr seid ein zufriedener Mann.

 

Doch seht: die Welt ist kugelrund,

Der Supplikant, der bin ich zur Stund,

Entsinnt Euch, ich sprach Euch von meinem Sohn,

Versorgt mir ihn jetzt, das sei mein Lohn.

 

Die kleine Pfründe, die eben vakant

Geworden ist, wie wohl Euch bekannt,

Und die Ihr erst vergeben sollt,

Die wäre so recht, was für ihn ich gewollt.» –

 

«Die Pfründe», versetzte hastig die Maid,

«Ist schon vergeben, es thut mir leid;

Mein Bruder bekommt sie; Ihr seht selbst ein,

Das nächste Recht war doch wohl sein.

 

Und nächstens, – künftig, – einst vielleicht

Wird Eurem Sohn das Seine gereicht;

Geht's heut nicht an, ist's unsre Schuld?

Der Vetter muß warten; Geduld! Geduld!» –

 

«Muß warten!» erhub in demselben Ton

Der würdige Bischof seinen Sermon;

«Ihr Bruder... mein Neffe... wir ändern es nicht;

Die Sache verhält sich so, wie sie spricht.

 

Ein Bistum ist kein Königreich!

Ich werde geplagt dem Besten gleich,

Von Schranken und aber Schranken beengt,

Von Supplikanten und Bettlern bedrängt.

 

Sie haben den Vortheil, ich habe die Qual;

Ich kann nicht helfen allen zumal,

Nicht jeden fördern nach seinem Begehr; –

Ein Kardinal, der könnte schon mehr.

 

Ja, Vetter, hättet Ihr mich gemacht

Zum Kardinal, und entspräche die Macht

Dem redlichen Willen des Herzens nur,

So wollt ich Euch helfen, bei meinem Schwur!»

 

Darauf mit großer Seelenruh

Der Vetter Yglano: «Da drückt Euch der Schuh;

Der rothe Hut, der rothe Hut!

Nicht wahr, das ist, was Noth Euch thut?» –

 

Darauf erglühend im Angesicht

Der geistliche Herr: «Ich leugn' es nicht,

Und wenn Ihr den mir noch verschafft,

So wahr mir helfe des Zaubers Kraft!»...

 

Ihm fiel der Wunderthäter ins Wort:

«Genug! kein Schwur ist hier am Ort;

Ich lasse mich den Versuch nicht reun,

Euch mag der rothe Hut noch erfreun.»

 

Er hub die Hand bedrohlich fast,

Zog Kreis auf Kreis in die Luft mit Hast.

«Sie hocus pocus Schiboleth!

Es wird erst Tag, wann die Nacht vergeht!» –

 

Ihm schaute zu, und atmete kaum,

Der geistliche Herr, wie im Fiebertraum;

Das Wort war gesprochen, das Werk vollbracht;

Er rieb sich die Augen, es war noch Nacht.

 

3

 

Da kam vom Heiligen Vater der Brief,

Der unsern Prälaten nach Rom berief;

Zum Fürsten der Kirche, zum Kardinal

Erhebt ihn des Dreimalgekrönten Wahl.

 

Der alten Günstlinge junger Genoß

Erschien er am Hof, wo bald ihn umfloß

Der trüglichen Sonne blendendes Licht,

Das dort auf schwankendem Boden sich bricht.

 

Selbstsüchtig schritt, ehrgeizig hinan

Er unverdrossen die schwindliche Bahn,

Und hatte, bei üppiger Lust und Pracht,

Mit nichten noch an Yglano gedacht.

 

Einst saß er am offenen Fenster allein

In der scheidenden Sonne verlöschendem Schein,

Und starrte, befallen mit finsterem Muth,

Hinaus in die bluthig dämmernde Gluth.

 

Da regte Geräusch sich im Säulengang,

Hin warf er den Blick, noch schimmerte lang

Ein farbiges Spiel dem Geblendeten vor;

Yglano erschien, als der Schein sich verlor;

 

Und wie er ihn scharf in das Auge gefaßt,

Ward eines ihm klar, er erzitterte fast:

Die Sonne sinkt, dein Stern geht auf!

Der lenkt für dich des Geschickes Lauf.

 

Wie kühn er den Wurf schnell überschaut,

Trat hastig er vor und grüßt' ihn vertraut,

Und sprach, als ein welterfahrener Mann,

Geflügelten Wortes zuerst ihn an:

 

«Du kommst mich zu mahnen an deinen Sohn,

Mich anzuspornen, das merk ich schon;

Doch solches, mein Alter, ist nicht am Ort;

Vergaß ich denn je ein gegebenes Wort?

 

Und was ich bin, dir schuld ich es nur,

Dein bin ich, deine Kreatur;

Ich sag es laut, ich bekenn es frei; –

Du zweifelst, ob ich erkenntlich sei?

 

Du hast mich erzogen und meiner gepflegt,

Hast, guter Vetter, mich liebgehegt,

Du halfest dem Liebling nach deiner Macht;

Doch eines hast nicht recht du bedacht.

 

Du hättest gern recht hoch mich gestellt,

Zu wirken, zu schaffen in Kirche und Welt;

Ein Kardinal! das Wort schallt recht, –

Sein Sinn ist: der Knechte niedrigster Knecht.

 

Mein guter Vetter, o wüßtest du doch,

Wie gespannt du mich hast in ein schmähliches Joch!

Der Neid umlagert die Pfade der Gunst;

Es gilt, sich zu drehn und zu wenden, für Kunst.

 

Dich lockt die Larve, du trauest ihr wohl?

So schlag an das Herz, da klingt es hohl;

Von Ränken und aber Ränken umgarnt,

Der stellt dir ein Bein, der vor Schlingen dich warnt.

 

Die Schuld, die heimlich im Finstern schleicht,

Die hat das Ziel am ersten erreicht;

Verworfene Dirnen, um Sünde und Geld,

Und Schächer beherrschen die christliche Welt.

 

Du wähnest annoch, gutherziger Mann,

Daß deinen Sohn ich befördern kann?

Ich bin, ob sündenhaft, zu rein,

Um irgend in Rom vermögend zu sein.

 

In meinem Bistum vermocht ich's einmal

Zu schalten, zu walten nach Einsicht und Wahl;

Das schlechteste Dorf ist ein kleines Reich,

In Rom ist der Zweite dem Letzten gleich.

 

Der Heilige Vater ist schwach und alt, –

Der müden Hand entsinkt die Gewalt, –

Er ist sehr krank, – er leidet viel, –

Er sehnt sich selbst nach dem letzten Ziel.

 

Er könnte... sterben, der alte Mann,

Er könnte! mein lieber Vetter, und dann...

Ich meine nicht... versteh mich nur:

Er könnte, es liegt im Lauf der Natur.

 

Sieh krampfhaft deine Knie mich umfahn!

Verbeßre, vollende, was du gethan,

Zieh mich empor aus dem Sündenpfuhl

Und bahne den Weg mir zum heiligen Stuhl!

 

Dann bricht mir an der gehoffte Tag,

Wo alles ich dir zu vergelten vermag;

Dein Sohn... Gebiete, Vetter, du bist

Mein einziger Gott, mein Heiland, mein Christ!»

 

Gelassen darauf Yglano: «Genug,

Zuviel gesprochen in einem Zug;

Was aber dahinter verborgen, und nicht,

Wir fördern es, mein ich, sogleich an das Licht.

 

Der Kardinal ist Euch zu gering,

Es dünkt Euch Pabst sein ein anderes Ding;

Wir wollen sehn, wir wollen sehn!

Euch mag nach Eurem Glauben geschehn.»

 

Er hub die Hand bedrohlich fast,

Zog Kreis auf Kreis in die Luft mit Hast:

«Sie hocus pocus Schiboleth!

Es wird erst Tag, wann die Nacht vergeht!» –

 

Ihm schaute zu, und atmete kaum,

Der Kardinal, wie im Fiebertraum;

Das Wort war gesprochen, das Werk vollbracht;

Er rieb sich die Augen, es war noch Nacht.

 

4

 

Und bald sprang auf ein verschlossenes Thor;

Der Pabst Anselmo trat hervor,

Und ward geweiht in Sankt Petri Dom;

Ihm jauchzte entgegen das heilige Rom.

 

Darauf von den hohen Stufen herab

Er urbi et orbi den Segen gab,

Und sah vor seiner Heiligkeit

Sich beugen die sämtliche Christenheit.

 

Dann eilten herbei von nah und fern

Die Abgesandten der Fürsten und Herrn,

Den Fuß in Demuth zu küssen bestellt

Dem dreimalgekrönten Beherrscher der Welt.

 

Drauf saß er geruhig im Vatikan,

Der niedern Sorgen abgethan,

Und nicht war an Lust und Freuden karg

Der enge Raum, der ihn verbarg.

 

Der Tisch war gut, die Pfühle weich,

Der Kämmerling dem geübtesten gleich;

Ein Kardinal gieng ihm zur Hand,

Der Lesen und Schreiben trefflich verstand.

 

Und was das lästige Volk betrifft,

Das nicht zufrieden noch mit der Schrift,

Redselig uns oft viel Kummer macht, –

Da hielten die Pförtner schon gute Wacht.

 

Die Sonne stieg am Morgen auf,

Beschloß am Abend ihren Lauf,

Es wurde Tag, es wurde Nacht,

Und alles gieng, wie hergebracht.

 

Der Frühling kam mild, der Sommer warm,

Der Herbst kam reich, der Winter arm;

Es wurde Tag, und wurde Nacht,

Und alles gieng, wie hergebracht.

 

Da wiegte der Heilige Vater sein Haupt

Und sprach: «Ich hätte nimmer geglaubt,

Bevor ich selber die Macht erreicht,

Es sei die Welt zu regieren so leicht.»

 

Und wie im Traum ein Bild uns erscheint,

Das längst wir todt und verschollen gemeint,

Trat einst ein Vergessener mahnend vor ihn,

Der schier ihm unheimlich, gespenstisch erschien:

 

«Ich bin's, Herr Vetter; erkennt Ihr mich nicht?

Es ist Yglano, der mit Euch spricht;

Ich ließ Euch Zeit, ich hatte Geduld;

Nun komm ich einzufodern die Schuld.»

 

Erröthend, erblassend in einem Nu,

Sprang auf der Pabst und schrie ihm zu:

«Hinweg aus meinem Angesicht!

Hinweg! entfleuch! ich kenne dich nicht.»

 

Yglano blieb geruhig, und trat

Zwei Schritte noch vor, dann lächelnd that

Er auf den Mund mit leisem Hohn,

Und sprach in schaurig flüsterndem Ton:

 

«O Dankbarkeit, du süße Pflicht,

Du Himmelslust, du Himmelslicht!

Wie hat sich dieser dich eingeprägt?

Wie hat er stets dich heilig gehegt?

 

Ich zog dich, Wurm, aus deinem Staub,

Und mästete dich mit der Kirche Raub;

Du stiegest und stiegest im schwindelnden Flug

Auf meinen Flügeln, nichts galt dir genug.

 

Ich machte, nach deiner gierigen Wahl,

Zum Bischof dich, zum Kardinal,

Und machte dich gar am Ende zum Pabst, –

Wo blieb das Wort, das du mir gabst?»

 

Der Heilige Vater hub an zu schrein:

«Wer ließ mir den groben Gesellen herein?

Trabanten und Wachen herbei! wir sind

Gefährdet, ergreift den Alten geschwind!»

 

Da keiner erschien, fuhr Yglano fort:

«Erfülle mir, Pabst, dein gegebenes Wort;

Zum andern, zum dritten, fodr ich dich auf,

Ich, welcher noch lenkt des Geschickes Lauf.»

 

Und laut und lauter inzwischen erscholl

Die Stimme des Pabstes, er schrie wie toll:

«Verruchter! Zauberer! Ketzer! dein Lohn,

Der Scheiterhaufen erwartet dich schon!»

 

Yglano darauf: «Herr Vetter, Ihr wißt

Aus Erfahrung jetzt, was des Brauches ist:

Ein jeder für sich; – was frommte mir nun

Das Allergeringste für Euch zu thun?»

 

Dann trat er vor ihn und gab ihm zugleich

Mit fliegender Hand einen Backenstreich;

Anselmo starrte erwachend empor;

Ihm schallten die letzten Worte im Ohr.

 

Er sah sich um; im Büchersaal

Yglanos stand er, wie dazumal;

Zerlumpt, das Stundenglas in der Hand,

Und unvermindert rann der Sand.

 

Dort stand Frau Martha und schenkte den Wein

Mit erhobener Hand in den Humpen ein,

Und wie er gefüllt bis zum Rande war,

So reichte sie ihn dem Hausherrn dar.

 

Yglano nahm den Humpen und trank,

Und setzte ihn weg, und sagte: «Schön Dank!»

Erbat sich sodann das Stundenglas,

Und stellte es hin zu dem Tintenfaß.

 

Und sprach: «Wir haben uns bedacht,

Frau Martha; ein einziges Huhn zu Nacht. –

Es thut, Herr Vetter, mir herzlich leid

Daß Ihr zu fasten gesonnen seid.

 

So lebt denn wohl! – Frau Martha, das Licht,

Daß nicht der Vetter den Hals noch bricht;

Ihr leuchtet ihm hübsch die Treppe hinab,

Und schließt die Hausthür hinter ihm ab.»

 

 

Der neue Ahasverus.

 

Hegst im Herzen du die Stunden

Unsrer Kindheit noch, die Träume,

All mein Lieben, all mein Hoffen?

Siehst du wandeln uns verbunden

Durch des Paradieses Räume,

Und die Zukunft vor uns offen,

Sternbeglänzt und ungemessen,

Wie des Aethers reines Blau?

Nein, Sie haben das vergessen,

Gnäd'ge Frau.

 

Ja vergessen! und es sollen

Die französisch wohlgestellten

Worte für Erinnrung gelten!

Mitleid also und Erbarmen

Schenken gnädig Sie dem Armen,

Dessen Thränen Sie entrollen

Sehen, ohne nur zu wissen,

Welch ein Dämon ihn bethört.

O du hast mein Herz zerrissen

Unerhört!

 

Hab in altem Buch gelesen

Eine wundersame Sage,

Wer der ew'ge Jud gewesen.

Nicht kann Ahasverus sterben,

Sterben nicht, noch Ruh erwerben,

Bis der Herr am jüngsten Tage

Ruft die Todten aus dem Grabe,

Und auch er vernimmt das Wort;

Und er wankt am Wanderstabe

Fort und fort.

 

Fürder durch der Erde Weiten

Rastlos, müden Fußes wallt er,

Läßt die Weltgeschichte fluten.

Menschenalter ihm Minuten,

Und Minuten Menschenalter,

Stehen still vor ihm die Zeiten,

Bleibt in ihm sein Herz, das alte,

Drin der alte Schmerz gebannt,

Lastend über ihm die kalte

Schicksalshand.

 

Aber stets nach hundert Jahren

Treibt's nach Salem ihn zu wandern,

Von der Heimath zu erfahren.

Römer, Sarazenen, Franken

Wechselten, verdrängt von andern,

Tempel und Altäre sanken,

Mauern und Paläste brachen,

Flüsse wandten ihren Lauf,

Neue Götter, neue Sprachen

Steigen auf.

 

Düster sinnt der Fremdgewordne

Ueber unbekannten Trümmern,

Daß im Geist er's wieder ordne;

Und er fragt, und fragt vergebens,

Keiner will um ihn sich kümmern,

Auf dem Grabe seines Lebens

Steht versteint der Sohn der Schmerzen,

Ueber ihn hin braust der Sturm,

Und in seinem alten Herzen

Nagt der Wurm.

 

Ich bin Ahasverus, sag ich!

Sieh darauf mich an verwundert,

Salem du, wovor mir grauet.

Irrens müd, das Haar ergrauet,

Wank ich heim nach aber hundert

Jahren und vergebens frag ich,

Ruf ich – in den öden Mauern

Weck ich keinen Widerhall; –

Sieh Versteinten mich betrauern

Salems Fall.

 

 

Der Schatz.

 

Fernher aus geheimem Schreine

Winkt ein Schatz so wunderbar;

Weiß allein nur, wen er meine,

Und den Ort, wo er bewahrt.

Und wir streben, und wir meinen,

Streben, meinen immerdar,

Schweifen durch des Lebens Weite,

Und verachten die Gefahr;

Wir begehren nur das Eine,

Wir begehren immerdar;

Immerdar auch will's erscheinen,

Ach verschwinden immerdar.

 

 

Herein!

Χαίρετε, τέκνα διός, καὶ ἐμὴν τιμήσατ᾽ ἀοιδήν.

(Melodie des Chors: Bekränzt mit Laub etc.)

 

Tragiker

Gestalten hab ich, wie der Geist es mir gebot,

Nach meinem Bilde, aus dem Schattenreich hervor

Gerufen, Leben ihnen eingehaucht, und so,

Selbständig und einander widerstrebend, sie

Sich selber überlassen und dem Waltenden.

Sie stürmten unaufhaltsam dem verderblichen,

Zermalmend sie ereilenden Geschicke zu.

Ich trete, kaum aufatmend, tief erschüttert noch

Vor euch: gewährt Aufnahme mir in euren Kreis.

 

Chor

Herein, herein! du erster unsrer Fürsten,

Das hast du gut gemacht!

Du sollst uns nicht beim frohen Mahle dürsten,

Den Humpen ihm gebracht!

 

Komiker

Gestalten aus dem Schattenreich hervor

Zu rufen, Leben ihnen einzuhauchen,

Versteh ich auch, ich hab es auch gethan;

Nur hab ich sie gesehen närrisch sich,

Wie eben andre Menschen thun, gebärden;

Und doch – es dünkt mich, muß ich frei gestehn,

Wir haben nicht verschiedene Gestalten,

Verschieden wohl dieselben nur geschaut,

Denn alle Menschen sind einander gleich.

Ihr hört, ich bin ein Liberaler, wollt

Mich drum aus eurem Bunde nicht verbannen.

 

Chor

Herein, herein! du köstlicher Geselle,

Das hast du gut gemacht!

Dir fließe gleich des Weines reichste Quelle;

Den Humpen ihm gebracht!

 

Mimiker

Ich zeigte Wesen euren Blicken, die

Des Dichters innres Auge nur geschaut,

Und machte seines Hirnes Träume wahr;

Den er gedacht, der war ich. Räumet mir

Den nächsten Sitz zu seiner Linken ein.

 

Chor

Herein, herein! du bist der Sohn vom Hause,

Das hast du gut gemacht!

Er dürste nicht bei unserm frohen Schmause;

Den Humpen ihm gebracht!

 

Uebersetzer

Ihr staunet ob dem königlichen Gast,

Der stolz erscheint inmitten eurem Rath,

Ein Heim'scher doch, und doch ein Fremder fast.

Ich bin's, und bin ein andrer euch genaht,

Nicht Zepter und nicht Krone rühm ich mein,

Doch führ ich Kron und Zepter in der That,

Forscht nicht, und schafft mir Platz in euren Reihn.

 

Chor

Herein, herein! mit fremder Herrscherkrone,

Das hast du gut gemacht!

Dir fließe Wein, gereift in glühnder Zone;

Den Humpen ihm gebracht!

 

Lyriker

Gewiegt in ihren weichen Armen,

Gelehnt das Haupt an ihrer Brust,

Da fühlt ich wohlig mich erwarmen,

Da ward Gesang aus süßer Lust.

 

Es klang wohl gut in dieser Stunde,

Doch, was es war, ich weiß es nicht:

Mein Lohn – ein Kuß von ihrem Munde

Und ihres Auges strahlend Licht.

 

Ich singe gerne, trinke gerne,

Und liebe wohl, geliebt zu sein:

Mit eurem Lorbeer bleibt mir ferne,

Von euren Weinen schenkt mir ein.

 

Chor

Herein, herein! du Lieblingskind der Musen,

Das hast du recht gemacht!

Dir wärme Wein den liedervollen Busen;

Den Humpen ihm gebracht!

 

Maler

Ob ich ein Dichter sei? seht diese Tafel,

Wo Farben Leben werden, und der Geist

Hervor aus schönen Formen strahlt. Ich bin

Ein Glied von eurer Kette. Laßt mich ein.

 

Chor

Herein, herein! du Dichterfürst der Farben,

Das hast du gut gemacht!

Du darfst uns nicht beim frohen Mahle darben;

Den Humpen ihm gebracht!

 

Musiker

Rauschend auf Cherubs-

Schwingen getragen,

Verträum ich mein Leben

In Harmonien.

Aber es senkt sich

Der Flug hernieder,

Und in der Halle,

Der festlich erhellten,

Seh ich der Stühle

Viele bereitet,

Und der goldene Nektar blinkt.

Empfangt mich gastlich,

Söhne der Musen,

Reicht mir die Schale,

Trinkt mir die funkelnde zu.

 

Chor

Herein, herein! Beherrscher du der Töne,

Das hast du gut gemacht!

Ihm fließe Wein, daß er sich hergewöhne;

Den Humpen ihm gebracht!

 

Leser

Ich habe meine Pflichten treu erfüllt,

Genützt, wie ich gesollt; einheimisch dann

Im schönen Dichterlande, hab ich Ohr

Und Herz dem Zauber eurer Schöpfungen

Geliehn, und nicht den oft verschuldeten,

Den schweren Vorwurf über mich geladen,

Daß ich, was besser ungeschrieben wär

Geblieben, doch geschrieben hätte, – nein,

Ich trete kühn in diesen Kreis, es sind

Die Hände mir von Tinte rein geblieben.

 

Chor

Herein, herein! du seltenster der Gäste,

Das hast du gut gemacht!

Er dürste nicht bei unserm frohen Feste;

Den Humpen ihm gebracht!

 

 

Liederstreit.

 

Die Sänger saßen in dem Saal

Gelehnt auf ihre Harfen,

Nach dem Genossen ihrer Wahl

Sie rings die Blicke warfen:

Die Jünger streben hohen Drangs;

Wer ist ein Meister des Gesangs?

Wem reichen wir die Palme?

 

Der Jünger

Der Palmen nicht begehrend naht

Ich euch, ehrwürd'gen Meistern,

Vertheilet sie nach weisem Rath

Den sangbegabten Geistern.

Mir schläft das Lied in tiefster Brust,

Und träumt, sich selber unbewußt,

Und kann sich nicht gestalten.

 

Mich laßt, wo ihr begeistert singt,

Bei mächt'ger Harfen Rauschen,

Nach dem, was mir im Busen ringt,

In euren Liedern lauschen.

Es schwellen wogend Lust und Schmerz,

Ich bin ganz Ohr, ich bin ganz Herz,

Und meine Thränen rollen.

 

Die Sänger

Das deutsche Lied, der deutsche Laut

Sind frei, so wie Gedanken;

Ihr Jünger, die ihr euch vertraut,

Wir öffnen euch die Schranken;

Verhalle, was nur leerer Schall,

Und wecke späten Widerhall,

Wem es ein Gott gegeben.

 

Du aber komm, seltsamer Gast,

Du sitzest bei uns nieder,

Und übst die Gabe, die du hast,

Du Widerhall der Lieder;

Die Palme, die des Sieges Pfand,

Wir legen sie in deine Hand,

Dem Würd'gen sie zu reichen.

 

 

Die Löwenbraut.

 

Mit der Myrte geschmückt und dem Brautgeschmeid,

Des Wärters Tochter, die rosige Maid,

Tritt ein in den Zwinger des Löwen; er liegt

Der Herrin zu Füßen, vor der er sich schmiegt.

 

Der Gewaltige, wild und unbändig zuvor,

Schaut fromm und verständig zur Herrin empor;

Die Jungfrau, zart und wonnereich,

Liebstreichelt ihn sanft und weinet zugleich:

 

«Wir waren in Tagen, die nicht mehr sind,

Gar treue Gespielen wie Kind und Kind,

Und hatten uns lieb, und hatten uns gern;

Die Tage der Kindheit, sie liegen uns fern.

 

Du schütteltest machtvoll, eh wir's geglaubt,

Dein mähnen-umwogtes, königlich Haupt;

Ich wuchs heran, du siehst es, ich bin

Das Kind nicht mehr mit kindischem Sinn.

 

O wär ich das Kind noch und bliebe bei dir,

Mein starkes, getreues, mein redliches Thier;

Ich aber muß folgen, sie thaten's mir an,

Hinaus in die Fremde dem fremden Mann.

 

Es fiel ihm ein, daß schön ich sei,

Ich wurde gefreiet, es ist nun vorbei; –

Der Kranz im Haare, mein guter Gesell,

Und nicht vor Thränen die Blicke mehr hell.

 

Verstehst du mich ganz? schaust grimmig dazu;

Ich bin ja gefaßt, sei ruhig auch du;

Dort seh ich ihn kommen, dem folgen ich muß,

So geb ich denn, Freund, dir den letzten Kuß!»

 

Und wie ihn die Lippe des Mädchens berührt,

Da hat man den Zwinger erzittern gespürt;

Und wie er am Gitter den Jüngling erschaut,

Erfaßt Entsetzen die bangende Braut.

 

Er stellt an die Thür sich des Zwingers zur Wacht,

Er schwinget den Schweif, er brüllet mit Macht;

Sie flehend, gebietend und drohend begehrt

Hinaus; er im Zorn den Ausgang wehrt.

 

Und draußen erhebt sich verworren Geschrei,

Der Jüngling ruft: «Bringt Waffen herbei;

Ich schieß ihn nieder, ich treff ihn gut!»

Auf brüllt der Gereizte, schäumend vor Wuth.

 

Die Unselige wagt's, sich der Thüre zu nahn,

Da fällt er verwandelt die Herrin an;

Die schöne Gestalt, ein gräßlicher Raub,

Liegt bluthig, zerrissen, entstellt in dem Staub.

 

Und wie er vergossen das teure Bluth,

Er legt sich zur Leiche mit finsterem Muth,

Er liegt so versunken in Trauer und Schmerz,

Bis tödtlich die Kugel ihn trifft in das Herz.

 

 

Der Bettler und sein Hund

 

Drei Thaler erlegen für meinen Hund!

So schlage das Wetter mich gleich in den Grund!

Was denken die Herrn von der Polizei?

Was soll nun wieder die Schinderei?

 

Ich bin ein alter, ein kranker Mann,

Der keinen Groschen verdienen kann;

Ich habe nicht Geld, ich habe nicht Brod,

Ich lebe ja nur von Hunger und Noth.

 

Und wann ich erkrankt, und wann ich verarmt,

Wer hat sich da noch meiner erbarmt?

Wer hat, wann ich auf Gottes Welt

Allein mich fand, zu mir sich gesellt?

 

Wer hat mich geliebt, wann ich mich gehärmt?

Wer, wann ich fror, hat mich gewärmt?

Wer hat mit mir, wann ich hungrig gemurrt,

Getrost gehungert und nicht geknurrt?

 

Es geht zur Neige mit uns zwein,

Es muß, mein Thier, geschieden sein;

Du bist, wie ich, nun alt und krank,

Ich soll dich ersäufen, das ist der Dank!

 

Das ist der Dank, das ist der Lohn!

Dir geht's, wie manchem Erdensohn.

Zum Teufel! ich war bei mancher Schlacht,

Den Henker hab ich noch nicht gemacht.

 

Das ist der Strick, das ist der Stein,

Das ist das Wasser, – es muß ja sein.

Komm her, du Köter, und sieh mich nicht an,

Noch nur ein Fußstoß, so ist es gethan.

 

Wie er in die Schlinge den Hals ihm gesteckt,

Hat wedelnd der Hund die Hand ihm geleckt,

Da zog er die Schlinge sogleich zurück,

Und warf sie schnell um sein eigen Genick.

 

Und that einen Fluch, gar schauderhaft,

Und raffte zusammen die letzte Kraft,

Und stürzt' in die Flut sich, die tönend stieg,

In Kreise sich zog und über ihm schwieg.

 

Wohl sprang der Hund zur Rettung hinzu,

Wohl heult' er die Schiffer aus ihrer Ruh,

Wohl zog er sie winselnd und zerrend her, –

Wie sie ihn fanden, da war er nicht mehr.

 

Er ward verscharret in stiller Stund,

Es folgt' ihm winselnd nur der Hund,

Der hat, wo den Leib die Erde deckt,

Sich hingestreckt und ist da verreckt.

 

 

Der Invalid im Irrenhaus.

 

Leipzig, Leipzig! arger Boden,

Schmach für Unbill schafftest du.

Freiheit! hieß es, vorwärts, vorwärts!

Trankst mein rothes Bluth, wozu?

 

Freiheit! rief ich, vorwärts, vorwärts!

Was ein Thor nicht alles glaubt!

Und von schwerem Säbelstreiche

Ward gespalten mir das Haupt.

 

Und ich lag, und abwärts wälzte

Unheilschwanger sich die Schlacht,

Ueber mich und über Leichen

Sank die kalte, finstre Nacht.

 

Aufgewacht zu grausen Schmerzen,

Brennt die Wunde mehr und mehr;

Und ich liege hier gebunden,

Grimm'ge Wächter um mich her.

 

Schrei ich wüthend noch nach Freiheit,

Nach dem blutherkauften Glück,

Peitscht der Wächter mit der Peitsche

Mich in schnöde Ruh zurück.

 

 

Des Gesellen Heimkehr.

 

Wer klopft so stark? wer begehrt ins Haus?

Ich schließe nicht auf, mein Ehherr ist aus.

 

«Und sag ich dir an, der klopft, ist dein Sohn,

O Mutter, o Mutter! so öffnest du schon.»

 

Was kehrtest du heim, mein Sohn, so geschwind,

Bevor noch die Jahre verstrichen sind?

 

«Ich kehrte heim – ich war wohl bethört –

Hast, Mutter, du nie von Heimweh gehört?»

 

Mein Mann, befürcht ich, vernimmt's nicht gern; –

O weh, daß ich freite den anderen Herrn!

 

«O weh, daß dem zweiten du hin dich warfst,

Und nicht mit dem Sohne dich freuen mehr darfst!»

 

Mein Sohn, o schone der Mutter dein,

Und laß das Gericht nur Gottes sein!

 

«O meine Mutter! – doch, mache mir kund,

Wo weilt die Christel zu dieser Stund?»

 

Mein Mann ist streng, unfreundlich fast,

Er trieb aus dem Haus den ihm lästigen Gast.

 

«Des Sohnes Braut aus dem Hause gejagt! –

So auch den Sohn, sei Gott es geklagt!

 

Das Heimweh trieb, ich kam geeilt,

Die Heimath hat gar bald mich geheilt.

 

Und falls Frau Mutter mich länger nicht hält,

Möcht weiter ich ziehn in die weite Welt.

 

Wohin – wen kümmert's? – auf gutes Glück,

Und käme vielleicht so bald nicht zurück.

 

Ade! du gibst deinen Segen mir doch, –

Und Gott, vielleicht, erbarmet sich noch!»

 

So schied er, und wandte zu gehen sich um;

Die Mutter verharrte zitternd und stumm.

 

Und wie hinab er die Straße gewallt,

Am Thor, vor der Wache, da macht er Halt.

 

Stand Christel dort im Soldatenschwarm,

Und hing verbuhlt dem einen im Arm.

 

Wie aber sie erst den Gesellen erschaut,

Verhüllt' sie ihr Antlitz und weinte laut.

 

Da haben umher die Soldaten der Wacht

Mit lärmendem Jubel sie ausgelacht.

 

Er hat nicht gelacht, er hat nicht geweint,

Er starrte sie an und war wie versteint.

 

Er raffte sich endlich, endlich auf,

Und stürzte hinaus mit schnellerem Lauf.

 

Wohin? wen kümmert's? man weiß es nicht,

Erzählt sich zur Kurzweil nur manche Geschicht.

 

Er war hienieden so ganz verarmt,

Hat Gott vielleicht sich seiner erbarmt?

 

Sein Nam, als eines Verschollenen, hat

Zu drei Mal gestanden im Wochenblatt.

 

 

Die Sonne bringt es an den Tag.

 

Gemächlich in der Werkstatt saß

Zum Frühtrunk Meister Nikolas,

Die junge Hausfrau schenkt' ihm ein,

Es war im heitern Sonnenschein. –

Die Sonne bringt es an den Tag.

 

Die Sonne blinkt von der Schale Rand,

Malt zitternde Kringeln an die Wand,

Und wie den Schein er ins Auge faßt,

So spricht er für sich, indem er erblaßt:

«Du bringst es doch nicht an den Tag.»

 

«Wer nicht? was nicht?» die Frau fragt gleich,

«Was stierst du so an? was wirst du so bleich?»

Und er darauf: «Sei still, nur still;

Ich's doch nicht sagen kann, noch will.

Die Sonne bringt's nicht an den Tag.»

 

Die Frau nur dringender forscht und fragt,

Mit Schmeicheln ihn und Hadern plagt,

Mit süßem und mit bitterm Wort,

Sie fragt und plagt ihn fort und fort:

«Was bringt die Sonne nicht an den Tag?»

 

«Nein, nimmermehr!» – «Du sagst es mir noch.»

«Ich sag es nicht.» – «Du sagst es mir doch.» –

Da ward zuletzt er müd und schwach,

Und gab der Ungestümen nach. –

Die Sonne bringt es an den Tag.

 

«Auf der Wanderschaft, 's sind zwanzig Jahr,

Da traf es mich einst gar sonderbar,

Ich hatt nicht Geld, nicht Ranzen, noch Schuh',

War hungrig und durstig und zornig dazu. –

Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

 

Da kam mir just ein Jud in die Quer,

Ringsher war's still und menschenleer:

Du hilfst mir, Hund, aus meiner Noth;

Den Beutel her, sonst schlag ich dich todt!

Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

 

Und er: Vergieße nicht mein Bluth,

Acht Pfennige sind mein ganzes Gut!

Ich glaubt ihm nicht, und fiel ihn an;

Er war ein alter, schwacher Mann –

Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

 

So rücklings lag er bluthend da,

Sein brechendes Aug in die Sonne sah;

Noch hob er zuckend die Hand empor,

Noch schrie er röchelnd mir ins Ohr:

Die Sonne bringt es an den Tag.

 

Ich macht ihn schnell noch vollends stumm,

Und kehrt ihm die Taschen um und um:

Acht Pfenn'ge, das war das ganze Geld.

Ich scharrt ihn ein auf selbigem Feld –

Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

 

Dann zog ich weit und weiter hinaus,

Kam hier ins Land, bin jetzt zu Haus. –

Du weißt nun meine Heimlichkeit,

So halte den Mund und sei gescheit;

Die Sonne bringt's nicht an den Tag.

 

Wann aber sie so flimmernd scheint,

Ich merk es wohl, was sie da meint,

Wie sie sich müht und sich erbost, –

Du, schau nicht hin, und sei getrost:

Sie bringt es doch nicht an den Tag.»

 

So hatte die Sonn eine Zunge nun,

Der Frauen Zungen ja nimmer ruhn. –

Gevatterin, um Jesus Christ!

Laßt Euch nicht merken, was Ihr nun wißt. –

Nun bringt's die Sonne an den Tag.

 

Die Raben ziehen krächzend zumal

Nach dem Hochgericht, zu halten ihr Mahl.

Wen flechten sie aufs Rad zur Stund?

Was hat er gethan? wie ward es kund?

Die Sonne bracht es an den Tag.

 

 

Des Basken Etchehons Klage.

(Gazette des tribunaux)

 

Gensdarmen, ausgesendet

Zu fahen den Etchehon,

Ihr sucht ihn vergeblich zu Barcus,

Er ist zu den Bergen entflohn.

 

Die Pyrenäen verbergen

Ihn gastlich in ihrem Schoß,

Da theilt er, in bitterem Elend,

Des flüchtigen Wildes Los.

 

Es staunen La Soules Hirten

Zu Eguiton ihn an,

Und reichen das Brod des Mitleids

Dem bluthigen Sängersmann.

 

Ihr staunt, mitleidige Hirten,

Wie bluthig die Hand mir sei? –

Zehn Jahre hab ich geschmachtet

In Ketten und Sklaverei.

 

Ich hab ein Weib mir gefreiet

In meiner Jugend Kraft,

Sie hat mich umstricket in Liebe,

Mir Gift in das Haus nur geschafft.

 

Fünf Jahre lag ich in Ketten,

War kaum noch meiner bewußt;

In Eifersucht zehn Jahre.

Die reißt erst scharf in die Brust.

 

Ich trug wohl, Eguiapal,

Um dich der Ketten Last; –

Was trieb dich, mein Weib zu verführen,

Der selbst du ein Weib doch hast?

 

Du wußtest Ränke zu schmieden,

Du spanntest um mich den Verdacht;

Derweil in Sünde du schwelgtest,

Verkam ich in Kerkersnacht.

 

Ich lag in Ketten, im Kerker,

Auf Stroh, in Elend und Noth,

Erweichte mit meinen Thränen

Mein hartes, mein trockenes Brod.

 

Du übermüth'ger Geselle,

Warst Herr in dem Hause mein,

Und schliefest auf meinen Pfühlen,

Und trankest von meinem Wein.

 

Und als den Tag der Freiheit

Ich endlich, endlich geschaut,

Da dünkte reif uns die Rache,

Da hat es vor mir dir gegraut.

 

Ja! zittre, tückischer Bube!

Ich lade verhängnißvoll

Ins Feuerrohr die Kugel,

Die nieder dich strecken soll.

 

So harrt ich zu Nacht bei der Brücke

Von Barcus auf dich, mein Ziel; –

Es trieben die Geister der Hölle

Mit mir ihr grausiges Spiel.

 

Ich sah dich, du kamst gegangen,

Ich zielte sicher und gut,

Ein Druck – und – Etchegoyen

Lag röchelnd in seinem Bluth.

 

Mein Etchegoyen, der liebend

Mich stets zu erfreuen gestrebt! –

Das ist das Bluth, ihr Hirten,

Das mir an den Händen klebt.

 

Und nicht vergebens schreit es

Um Rache zum Himmel empor;

Du bist mir, Eguiapal,

Der Schuldige, siehe dich vor.

 

Du mochtest frevelnd dich rühmen,

Wie trefflich dir alles gelang;

Durch dich ein gleiches Verderben

Die Besten von Barcus umschlang.

 

Bin müde, nur Lieder zu dichten

Zu müßigem Zeitvertreib,

Nur Thränen der Wuth zu weinen,

Gleich einem gekränkten Weib.

 

Es zieht mit Gewalt mich hinunter,

Hinunter ins heimische Thal,

Ob ich, ob du sollst dienen

Den Geiern des Himmels zum Mahl?

 

 

Das Mädchen zu Cadix.

 

«Willst, ein Schlechter unter Schlechten,

Um die Spanierin du buhlen?

Girrend zu der Laute singst du,

Und der Franke hält die Runde.

 

Geht, ich kenn euch, Taubenherzen!

Geht, ich kenn euch, Andalusier!

Euch die Spindel, uns die Waffen,

Besser ständ's mit Spaniens Ruhme!

 

Regen sich in ihrer Scheide

Eure Messer ungeduldig

Durstend nach dem Bluth der Fremden,

Sprecht ihr zu dem Eisen: ruhig!

 

O der übermüth'gen Fremden!

Ueber euch sei ihre Rute,

Ueber euch, ihr feigen Knechte,

Würdig solcher Nebenbuhler!» –

 

«Herrin, Worte schweren Inhalts

Sprichst du aus mit leichter Zunge,

Stehst du mit den fremden Henkern

Scherzend gegen mich im Bunde?» –

 

«Dünken dich, mein zarter Knabe,

Schon des Mädchens Worte furchtbar? –

Sieh den Franken! – willst du Schutz nicht

Unter meinem Mantel suchen?» –

 

«Unverhohlen, was begehrst du?

Eh ich solche Schmach erdulde,

Will ich jede That begehen,

Gehen selber dann zu Grunde!» –

 

«Dieser kommt im Glanz der Waffen

Und vertrauet seiner Jugend;

Bist ein Spanier du, beweis es, –

Nieder mit dem stolzen Buben!» –

 

Aber röchelnd lag der fremde

Krieger schon in seinem Bluthe;

Schergen holten ein den Thäter,

Brachten ihn daher gebunden.

 

Und das Mädchen sang frohlockend:

«Diesmal ist es mir gelungen!

Eines Thoren werd ich ledig,

Und der Franke zahlt die Buße.»

 

Diese Worte hört der Spanier,

Winket schweigsam seiner Buhlen,

Ziehet schweigsam dann vorüber,

Finstern Sinnes, kecken Mutes. –

 

«Nicht ihr, Franken, gebt den Tod mir,

Nicht um Sühne muß ich bluthen,

Weil ich Spaniens Boden schmückte

Mit dem ihm verfallnen Purpur.

 

Nein, ich trag in meinem Herzen

Schweigsam schon die Todeswunde;

Meine Herrin hat gerichtet,

Meine Stunde hat gerufen!» –

 

Also sang er vor der Fronte,

Als die Augen ihm verbunden;

Auf den Wink des Führers sank er,

In dem Herzen sieben Kugeln.

 

 

Nächtliche Fahrt.

 

In Purpur pranget der Abend,

Der Landwind hebet schon an;

Zur Lustfahrt ladet der Fischer

Dich, Mädchen, in seinen Kahn. –

 

Noch heißer begehr ich selbander

Mit dir zu fahren, als du.

Gib voll das Segel dem Winde,

Es kommt zu steuern mir zu. –

 

Du steuerst zu kühn, o Mädchen,

Hinaus in das offene Meer;

Du trauest dem leichten Fahrzeug

Bei hohen Wellen zu sehr. –

 

Mißtrauen sollt ich dem Fahrzeug?

Ich habe dazu nicht Grund,

Die einst ich deiner Treue

Getrauet in böser Stund. –

 

Unsinnige, wende das Ruder!

Du bringest uns beide in Noth;

Schon treiben der Wind und die Wellen

Ihr Spiel mit dem schwachen Boot. –

 

Laß treiben den Wind und die Wellen

Mit diesen Brettern ihr Spiel;

Hinweg mit Rudern und Segel,

Hinweg! ich bin am Ziel.

 

Wie du mich einst, so hab ich

Dich heut zu verderben berückt;

Mach Frieden mit dem Himmel,

Denn siehe, der Dolch ist gezückt.

 

Du zitterst, verworfner Betrüger,

Vor dieses Messers Schein?

Verrathene Treue schneidet

Noch schärfer ins Herz hinein.

 

Und manche betrogene Buhle

Härmt stille zu Tode sich:

Ich weiß nur, mich rächend, zu sterben,

Weh über dich und mich! –

 

Der Jüngling rang die Hände,

Der eigenen Schuld bewußt;

Sie stieß den Dolch in das Herz ihm,

Und dann in die eigene Brust.

 

Es trieb ein Wrak an das Ufer

Bei wiederkehrender Flut,

Es lagen darauf zwei Leichen,

Gebadet in ihrem Bluth.

 

 

Die Sterbende.

 

Geläute schallt vom Thurm herab,

Es ruft der Tod, es gähnt ein Grab.

Ihr sünd'gen Menschen, zum Gebet!

Ein gleiches Los bevor euch steht.

 

Im Sterben liegt ein schönes Weib,

Sie weint um ihren jungen Leib,

Sie weint um ihre sünd'ge Lust,

Sie ringt die Hände, sie schlägt ihre Brust.

 

Es harrt des Ausgangs ihr Gemahl,

Blickt starr und kalt auf ihre Qual;

Sie windet sich in dieser Stund

Zu seinen Füßen, sie öffnet den Mund:

 

«Vergib mir, Gott, in deiner Huld,

Vergib, Gemahl, mir meine Schuld;

Ich klag es an in bittrer Reu,

Weh mir! ich brach geschworne Treu.» –

 

«Vertrauen ist Vertrauen werth,

Und machst du mir kund, wie du mich entehrt,

So mach ich dir kund in deiner Noth,

Du stirbst am Gift, das ich dir bot.»

 

 

Die Giftmischerin.

 

Dies hier der Block und dorten klafft die Gruft.

Laßt einmal noch mich atmen diese Luft,

Und meine Leichenrede selber halten.

Was schauet ihr mich an so grausenvoll?

Ich führte Krieg, wie jeder thut und soll,

Gen feindliche Gewalten.

Ich that nur eben, was ihr alle thut,

Nur besser; drum, begehret ihr mein Bluth,

So thut ihr gut.

 

Es sinnt Gewalt und List nur dieß Geschlecht;

Was will, was soll, was heißet denn das Recht?

Hast du die Macht, du hast das Recht auf Erden.

Selbstsüchtig schuf der Stärkre das Gesetz,

Ein Schlächterbeil zugleich und Fangenetz

Für Schwächere zu werden.

Der Herrschaft Zauber aber ist das Geld:

Ich weiß mir Beßres nichts auf dieser Welt,

Als Gift und Geld.

 

Ich habe mich aus tiefer Schmach entrafft,

Vor Kindermärchen Ruhe mir geschafft,

Die Schrecken vor Gespenstern überwunden.

Das Gift erschleicht im Dunkeln Geld und Macht,

Ich hab es zum Genossen mir erdacht,

Und hab es gut befunden.

Hinunter stieß ich in das Schattenreich

Mann, Brüder, Vater, und ich ward zugleich

Geehrt und reich.

 

Drei Kinder waren annoch mir zur Last,

Drei Kinder meines Leibes; mir verhaßt,

Erschwerten sie mein Ziel mir zu erreichen.

Ich habe sie vergiftet, sie gesehn,

Zu mir um Hülfe rufend, untergehn,

Bald stumme, kalte Leichen.

Ich hielt die Leichen lang auf meinem Schoß,

Und schien mir, sie betrachtend thränenlos,

Erst stark und groß.

 

Nun frönt ich sicher heimlichem Genuß,

Mein Gift verwahrte mich vor Ueberdruß

Und ließ die Zeugen nach der That verschwinden.

Daß Lust am Gift, am Morden ich gewann,

Wer, was ich that, erwägt und fassen kann,

Der wird's begreiflich finden.

Ich theilte Gift wie milde Spenden aus,

Und weilte lüstern Auges, wo im Haus

Der Tod hielt Schmaus.

 

Ich habe mich zu sicher nur geglaubt,

Und büß es billig mit dem eignen Haupt,

Daß ich der Vorsicht einmal mich begeben.

Den Fehl, den einen Fehl bereu ich nur,

Und gäbe, zu vertilgen dessen Spur,

Wie viele eurer Leben!

Du, schlachte mich nun ab, es muß ja sein.

Ich blicke starr und fest vom Rabenstein

Ins Nichts hinein.

 

 

Der Tod des Räubers.

Nach de la Vigne.

 

Dem Söldner zahlt den ausgerufnen Preis! –

Der sonst um Romas Mauern weit im Kreis

Gemordet und geraubt, liegt überwunden;

Der Schreckliche verspritzt aus tiefen Wunden

Sein Bluth so heiß.

Die Seinen haben ihn hinabgetragen

In ihre Höhle, wo beim Fackelschein

Um den Gefallnen sie gekauert klagen;

Der Alte liegt besinnungslos, allein

Die Pulse schlagen.

 

Der späht, indem den Brand er näher schiebt,

Ob er kein Lebenszeichen von sich giebt;

Der spricht, indem er geht das Grab zu graben

Und seine Thränen er verschluckt: «Wie haben

Wir ihn geliebt!

Die um das Sterbebett des Pabstes weilen,

Sie haben nicht für ihn die Herzlichkeit.

Wie wußt er zu der Plünderung zu eilen!

Wie stark im Kampf und welche Ehrlichkeit

Sodann beim Theilen!

 

Er war ein echter Christ vom alten Schlag,

Er hielt die Fasten, wie nur einer mag,

Die heil'ge Kirche nebst den Heil'gen ehrt' er,

Und Raub und Mord, und jedes Werk verwehrt' er

Am Feiertag.

Da hatte nicht ein Christenkind zu beben,

Der Ketzer durfte nur, wie sich's gebührt,

Der Engeländer uns zu schaffen geben. –

Beeifert euch, wenn's so zu sterben führt,

Noch fromm zu leben!

 

Nun regt er sich, erwartet sein Gebot!» –

Er streckt die Hand aus, breit und bluthig roth,

Sie suchet seine Flinte noch zu fassen;

Nicht will er von der alten Waffe lassen,

Nicht in den Tod.

Sie war so manche Jahre sein getreuer,

Sein einziger Beschützer und Genoß;

Er freut sich ihrer, die er hält so teuer,

Versucht mit starrem Finger noch das Schloß –

Da giebt sie Feuer.

 

«Schon gut, du kennst mich noch; – indessen rafft

Der Söldner mich inmitten meiner Kraft;

Ich kann nicht selber meine Rache nehmen;

Du mußt dich einer stärkern Hand bequemen,

Die Rache schafft.

Durch dich getroffen muß der Wicht erstarren,

Den schuldest du mir noch, versage nicht;

Sie werden in die Erde mich verscharren,

Drei Tage geb ich Zeit, tu deine Pflicht,

Ich werde harren.»

 

Des Weges zog ein Mönch von ungefähr;

Mit Geld und milden Gaben hatten schwer

Die Gläub'gen ihn beladen; dieses bracht er

Dem Kloster zu, des Geldes nur gedacht er; –

So zog er her.

Ein Räuber hieß, ehrfürchtig die Gebärde,

Das Haupt entblößt, ihn folgen zu dem Platz;

Er kam unweigerlich, den Blick zur Erde,

Mit leisem Schritt, daß klingend nicht sein Schatz

Verrathen werde.

 

Und brünstig betet' er zu Gott empor;

Da klang dieß Wort unheimlich in sein Ohr:

«Ihr sollt mich beichten hören, mich entbinden,

So lieb Euch Euer Kopf ist, meiner Sünden.

Confiteor:

Es lastet mancher Mord auf meiner Seele,

Darauf war einmal mein Gewerb gestellt.»

Demüthig sprach mit angstgeschnürter Kehle

Der Mönch: «Wer ist, mein Sohn, in dieser Welt

Ganz frei von Fehle?»

 

Erbaulich kreuzigte, wer um ihn stund,

Bei jedem Mord sich traurend, den sein Mund

Berichtete; und ferner sprach der Alte:

«Wie sich's mit meinem Nachlaß noch verhalte,

Ich mach es kund.

Im Namen Gottes und der Jungfrau, sollen

Gehören meinem Weib Geschmeid und Tand;

Dir mein Gewehr, um Rache mir zu zollen;

Euch, Herr, mein Geld; – die Seel' in Gottes Hand,

Mög er sie wollen!»

 

Der Mönch empfieng im Schrecken seinen Lohn

Und gab dem Sünder Absolution;

Dann trat das schöne Weib herein, mit stieren,

Mit stolzen Augen, in den Armen ihren

Unmünd'gen Sohn.

«Todt», rief sie, «todt! doch hat er nicht die Seinen

Verlassen, und kein Feiger liegt er da!»

«Nein!» schrie er zornig auf, «wer dürft es meinen?»

Das Kind indessen weinte, weil es sah

Die Mutter weinen.

 

Sie warf sich neben den geliebten Mann,

Nahm in den Schoß sein Haupt und weinte dann.

Ihm klapperten vor Schmerz die Zähne heftig;

Bezwingen wollt er sich noch willenskräftig,

Es gieng nicht an.

«Wir werden länger nicht vereinigt bleiben,

Leb wohl, du gutes Kind, es wird nun wahr;

Der scheidet, will auch uns vonsammen treiben.»

Er lächelte, – sein Lächeln aber war

Nicht zu beschreiben.

 

«Und weißt du noch den Kuß, der uns verband,

Den ersten, als im Wald ich einst dich fand,

Dich widerstrebend fest umschlungen hatte,

Und liebesstark dein Bräutigam, dein Gatte

Dich überwand!

So laß mit einem letzten Kuß uns scheiden;

Nicht wonnetrunken, taumelnd, unbewußt,

Nein, schmerzenreich besiegelt er uns beiden,

Wie jener erste dort die erste Lust,

Die letzten Leiden.

 

Es will nicht taugen, daß du einsam bist;

Nimm einen wackern Mann nach kurzer Frist,

Und beide liebet meinen armen Knaben.

Laßt, wie ich selbst, ihn Gott vor Augen haben

Als guter Christ.

Wann dreizehn Jahr er alt ist, so erschein er

Zum Abendmahl; dann sprich zu ihm das Wort:

Dein Vater, der dich schaut, war kühn wie keiner;

Sieh hier sein Grab, die offne Straße dort, –

Und denke seiner.»

 

Er sprach's, dann gieng's zu sterben; in der Wuth

Der Schmerzen wälzt' er stöhnend sich im Bluth,

Das Antlitz bleich von Angstschweiß überflossen.

Noch rief er: «Ave!» – «Amen!» die Genossen

Mit trübem Muth.

Dann sank sein müdes Haupt zurück. Hienieden

Gebührt die Ehr ihm: feuert in die Luft

Noch drei Mal die Musketen; schaffet Frieden

Vor Kinderschrei um dieses Mannes Gruft:

Er ist verschieden.

 

 

Der Graf und der Leibeigene.

 

1

 

Laß, Graf, die Jagd und wende dein Roß;

Es wird, bevor du erreichest dein Schloß,

Wo kreißend die Gräfin begehret dein,

Der Erbe vielleicht dir geboren sein.

 

Wie sprengt er daher mit freudigem Muth!

Wie trieft der Rappe von Schweiß und von Bluth!

Die Burg erreicht er mit letzter Kraft, –

Verwirrung herrscht in der Dienerschaft.

 

Es dringt in das Frauengemach der Graf;

Die Wöchnerin liegt in ruhigem Schlaf,

Die Frauen entfernt, die Fenster verhängt,

Die Wiege dicht an das Bette gedrängt.

 

Er deckt die Wieg auf, atmend kaum; –

Zwei Knaben faßt der enge Raum,

Zu Haupt liegt einer, der andre am Fuß;

Wie schwelgt nun sein Herz in Ueberfluß!

 

Er hebt den einen, den andern mit Lust

Aus enger Wiege an seine Brust,

Er legt sie beisammen, und wieder hervor

Sie hebend hält er die beiden empor.

 

«Wie bin ich so reich, wie war ich so arm!

Nun wieg ich der Sprößlinge zwei im Arm,

Nun grünt mein Stamm in Ueppigkeit,

Nun soll er mir ragen in Herrlichkeit!»

 

Da kommt die Wehemutter herein,

Sie ahndet schon, was geschehen mag sein,

Sie hört und sieht ihn erschrocken an:

«Was hast du Graf, was hast du gethan?

 

Entbunden ward mit der Herrin zugleich

Die Schaffnerin, – was wirst du so bleich? –

Sie hat, die hier sich geschäftigt verletzt,

Der Kinder eins in die Welt gesetzt.

 

Zu Häupten lag, der dir gehört,

Der andre zu Füßen, wie sich's gehört.

Wer ist dein Bluth, wer dein Geschlecht?

Leibeigen wer und niedrer Knecht?»

 

Da ruft er entsetzt: «Was hab ich gethan?

Mein Sohn, mein Sohn! wer zeigt mir ihn an?»

Erwachend ruft die Gräfin: «Mein Kind!

O gebt mein eigenes Kind mir geschwind!»

 

Vergeblich Klage: kein Zeuge spricht,

Zu kennen sind die Kinder nicht,

Verloren ist der Irrung Spur,

Die Zeichen schweigen, es schweigt die Natur.

 

2

 

«Bald legt sich der Alte zur letzten Ruh

Und fällt sein brechendes Aug erst zu, –

Auf welcher Seite sei das Recht, –

So bin ich der Herr, so bist du der Knecht.» –

 

«Du, Doppelgänger, bist mir fast,

So wie ich dir, in der Seele verhaßt;

Und schläft er... ich frage nach keinem Recht,

So bin ich der Herr, so bist du der Knecht.» –

 

«Ich bin der Graf, wer widersagt

Dem hochgeborenen Herren? wer wagt

Verblendet gegen mich den Raub?

Vor mir, Leibeigener, in den Staub!» –

 

«Ich bin der Graf und dulde hier

Dein blasses Bild nicht neben mir;

Ich werfe dich in den tiefsten Thurm;

Zu meinen Füßen kreuch, du Wurm!»

 

«Wenn schmähen deine Zunge darf,

Ist doch dein Schwert viel minder scharf,

Sonst müßte bald entschieden sein

Wohl zwischen uns das Mein und Dein.» –

 

«Was warten wir, daß sein Auge bricht?

Ich fälle dich gleich, du Bösewicht!» –

«Was warten wir? das sprachst du gut;

Gleich dünge mein Land dein schwarzes Bluth!»

 

Vernahmst du, Graf, der Waffen Klang

Vom Hag herüber die Halle entlang?

Was trägt dein schwankender Fuß dich dahin?

Ach! Unheil ahndet dein finstrer Sinn.

 

Und über zwei Leichen auf bluthigem Grund,

Da ringt er verwaist die Hände wund,

Und weint die alten Augen blind,

Und schüttelt sein greises Haar in dem Wind.

 

 

Der Waldmann.

 

Der Wandrer eilt das Thal hinauf,

Er steigert fast den Schritt zum Lauf,

Der Pfad ist steil, die Nacht bricht ein,

Sie Sonne sinkt in bluth'gem Schein,

Die Nebel ziehn um den Drachenstein.

 

Und wie er bald das Dorf erreicht,

Ein seltsam Bild vorüber schleicht,

Gespenstisch fast, unheimlicher Gast; –

Drückt ihn annoch des Lebens Last?

Gewährt das Grab ihm keine Rast?

 

«Ihr friedlichen Leute, was zaget ihr,

Und kreuziget euch, und zittert schier?» –

Ob mir das Haar zu Berge steigt,

Ich sag's dir an, wenn alles schweigt:

Es hat der Waldmann sich gezeigt.

 

«Der Waldmann?» – Ja. Du wirst nicht bleich,

Du bist hier fremd, ich dacht es gleich;

Ich bin ein achtzigjähr'ger Mann,

Und war ein Kind, als sich's entspann,

Ich bin's, der Kunde geben kann.

 

Die Drachenburg stand dazumal

Stolz funkelnd noch im Sonnenstrahl;

Da lebte der Graf in Herrlichkeit,

Bei ihm, bewundert weit und breit,

Das junge Fräulein Adelheid.

 

Der Schreiber Waldmann, höflicher Art,

Trübsinnig, blaß und hochgelahrt,

Erfreute sich der Gunst des Herrn;

Er sah das Fräulein nur zu gern,

Und der Versucher blieb nicht fern.

 

Zu reden wie er, kein andrer verstund;

Er webte fein mit falschem Mund

Das Netz, womit er sie umschlang;

Er sprach von Lieb, er sprach von Rang,

Von freier Wahl und hartem Zwang;

 

Von Gott und Christo nebenbei,

Und Sündenhaftes allerlei;

So hat er sie bestürmt, geplagt,

Gequält, umgarnt, sei's Gott geklagt,

Bis sie ihm Liebe zugesagt.

 

Spät ward's dem Vater hinterbracht,

Sein Zorn, sein Mitleid sind erwacht;

Sein Kind Erbarmen bei ihm fand,

Der falsche Schreiber ward verbannt,

Bei Leibesstrafe von Burg und Land.

 

Schön Adelheid in Thränen zerfloß,

Der Waldmann aber irrt' um das Schloß;

Er kannt nicht Ruh, er wußt nicht Rath,

Er wüthete, brütete früh und spat,

Und sann auf schauerliche That.

 

Er sandt ihr heimlich einen Brief,

Wovor es kalt sie überlief:

«Zusammen sterben!» hieß es darin,

«Getrennt zu leben, bringt keinen Gewinn,

Nach einem Dolchstoß steht mein Sinn.

 

Du schleichst zu Nacht aus des Schlosses Raum

Und stellst dich ein beim Kästenbaum;

Bestellt das Brautbett findest du,

Das Bett zur langen, langen Ruh,

Am Morgen deckt dein Vater uns zu.»

 

Und wie in schwerem Fiebertraum

Zog's sie zu Nacht nach dem Kästenbaum.

Ob da sie selbst den Tod begehrt,

Ob widerstrebt, ob sich gewehrt,

Die Nacht verbirgt's, kein Mensch es erfährt.

 

Der Tag, wie er in Osten ergraut,

Hat erst das bluth'ge Werk geschaut:

Er hat in der Geliebten Brust,

Die Liebe nur atmet und süße Lust,

Den Dolchstoß sicher zu führen gewußt.

 

Wie aber sie sank in seinen Arm,

Ihr Bluth verspritzte so roth und warm,

Da merkt' er erst, wie das Sterben thut,

Da ward er feig, da sank sein Muth,

Da dünkt' es ihn zu leben gut.

 

Er hat die Leiche hingestreckt,

Und ist entflohn, und hat sich versteckt.

Es ward das Schreckniß offenbar,

Wie kaum die Arme verblichen war;

Der Vater zerraufte sein greises Haar.

 

Er hat dem Mörder grausig geflucht:

Dem Tod zu entkommen, der drohend ihn sucht;

Er hat das Grab der Tochter bestellt,

Er hat sich bald zu derselben gesellt;

Sein Stamm verdorrt, die Burg zerfällt.

 

Der Waldmann dort bei den Gräbern haust,

Beim Kästenbaum, wann der Sturm erbraust,

Gespenstisch fast, unheimlicher Gast; –

Drückt ihn annoch des Lebens Last?

Gewährt das Grab ihm keine Rast?

 

Man weiß es nicht, doch wann er steigt

Hinab zu Thal, im Dorfe sich zeigt,

So folgt ihm Unheil auf dem Fuß;

Verderben bringt sein ferner Gruß,

Und wen er anhaucht, sterben muß.

 

 

Vergeltung.

 

Wie der Mai du anzuschauen,

Wonnereiche, Zarte, Feine,

Mit des Haares Gold, der blauen

Klaren Augen Himmelsreine;

Mit den Lippen von Korallen,

Mit der Gabe zu gefallen,

Holdes, süßes Mägdelein, –

Mußt, unseligste von allen,

Du des Henkers Tochter sein?!

 

Und der Vater kam nach Hause

Düstern, fast verstörten Muthes;

Ihn verfolgt das Bild, das grause,

Des am Tag vergoßnen Bluthes: –

Haben, die den Stab gebrochen,

Nach den Rechten auch gesprochen,

Schreit um Rache doch dieß Bluth;

Jene Rechte sind bestochen,

Sind der Unterdrücker Gut.

 

Ja, die Mächt'gen, die Beglückten,

Ja, die Götter dieser Erden!

Ihnen muß der Unterdrückten

Sühnend Bluth geopfert werden;

Rein von Bluth sind ihre Hände,

Das Gesetz verlangt die Spende,

Wie der Richter selber spricht;

Ich, Verworfner, bring's zu Ende,

Ob das Herz darob mir bricht.

 

Recht und Freiheit! rufen wollte

Dieser noch, da scholl der dumpfe

Trommelschlag, – ein Wink, – es rollte

Schnell sein Haupt getrennt vom Rumpfe.

Morgen werden Mütter weinen,

Morgen folgen zwei dem einen,

Und gebrandmarkt werden drei! –

Möchte noch der Tag mir scheinen,

Wo Vergeltung Losung sei! –

 

Wühlt in seines Herzens Wunden

So der Alte trüb und trüber,

Und die nächtlich bangen Stunden

Ziehen träg an ihm vorüber;

Ewig scheint die Nacht zu dauern;

Wahngebilde sieht er lauern,

Wo sein Auge starrend ruht;

Sieht an den geweißten Mauern

Rieseln der Gerechten Bluth.

 

Und er hofft die düstern Sorgen

Sich beschäft'gend abzustreifen,

Im voraus zum andern Morgen

Will er Beil und Messer schleifen,

Will am Herde sich bemühen

Noch die Stempel auszuglühen,

Die er morgen brauchen soll; –

Bluthroth sieht er Funken sprühen

Um das Eisen schreckenvoll.

 

Bluth und Bluth! Die grausen Bilder

Stürmen auf ihn ein und hadern,

Es empöret wild und wilder

Sich das Bluth in seinen Adern;

Frieden hofft er nur zu finden,

Sich der Angst nur zu entwinden

In der reinen Unschuld Näh: –

Dieser Spuk, er wird verschwinden,

Wann ich meine Tochter seh.

 

Nahen will ich ihr, mich halten

Ihr zu Häupten, nur sie schauen,

Zum Gebet die Hände falten

Und auf meinen Gott vertrauen. –

Wie er sagte, also that er,

Sorglich, leisen Schrittes naht' er,

Nicht zu stören ihre Ruh; –

Was, verzweiflungsvoller Vater,

Zuckst dein scharfes Messer du?

 

Ach du siehest, weh dir Armen!

Siehst den Wüstling, siehst den Grafen,

Siehst der Tochter in den Armen

Den Verführer eingeschlafen.

Im Begriff, den Stoß zu führen,

Wirst du andres noch erküren,

Ja! du wirfst das Messer weit, –

Zeit war's, jene Gluth zu schüren,

Und der Stempel liegt bereit. –

 

Wirst nicht, Schandbub, mit dem Leben

Nur die Frevelthat mir büßen;

Werde meinen Fluch dir geben,

Und du wirst dich krümmen müssen,

Trage du auf deiner bleichen

Stirne dieses Kainszeichen,

Eingebrannt von meiner Hand!

Magst so ungefährdet schleichen,

Mann der Sünde, durch das Land.

 

Zischend brennt sich ein das Eisen,

Schreiend fährt er aus dem Schlafe,

Und erblickt den grimmen Greisen

Mit dem Werkzeug seiner Strafe. –

«Zeuch von hinnen! dein Erwachen

Möge den noch glaubend machen,

Der Vergeltung nicht geglaubt;

Gott ist mächtig in dem Schwachen»:

Spricht's und wiegt sein graues Haupt.

 

 

Der König im Norden. 1)

 

Es war ein König im Norden

Gar stolz, gewaltig und reich;

Ihm gleich ist keiner geworden,

Und nie wird einer ihm gleich.

 

Und als es galt zu sterben,

Er saß am öden Meer,

Es schlichen herbei seine Erben,

Der Wolf, die Eule, der Bär.

 

Da sprach er zum zottigen Bären:

«Dir laß ich Forst und Wald;

Kein Jagdherr wird dich stören

Im luftigen Aufenthalt.»

 

Und weiter sprach er zur Eule:

«Ich lasse sonder Zahl

Dir Burgen und Städte, vertheile

Sie deinen Töchtern zumal.»

 

Und sprach zum Wolfe desgleichen:

«Dir laß ich ein stilles Feld,

Mit Leichen und aber Leichen,

So weit ich geherrscht, bestellt.»

 

Und wie er solches gesprochen,

So streckt' er sich aus zur Ruh, –

Ein Sturm ist angebrochen,

Der deckte mit Schloßen ihn zu.

 

1)  Ich schmücke mich mit fremden Federn. Dieses Gedicht ist eigentlich von Julius Curtius; ich habe es nur beim Abschreiben unbedeutend in den Worten verändert.

 

 

Lass ruhn die Todten.

 

Es ragt ein altes Gemäuer

Hervor aus Waldesnacht,

Wohl standen Klöster und Burgen

Einst dort in herrlicher Pracht.

 

Es liegen im kühlen Grunde

Behauene Steine gereiht:

Dort schlummern die Frommen, die Starken,

Die Mächt'gen der alten Zeit.

 

Was kommst du bei nächtlicher Weile

Durchwühlen das alte Gestein?

Und förderst herauf aus den Gräbern –

Nur Staub und Todtengebein!

 

Unmächtiger Sohn der Stunde,

Das ist der Zeiten Lauf.

Laß ruhn, laß ruhn die Todten,

Du weckst sie mit Klagen nicht auf.

 

 

Ungewitter.

 

Auf hohen Burgeszinnen

Der alte König stand,

Und überschaute düster

Das düster umwölkte Land.

 

Es zog das Ungewitter

Mit Sturmesgewalt herauf,

Er stützte seine Rechte

Auf seines Schwertes Knauf.

 

Die Linke, der entsunken

Das goldene Zepter schon,

Hielt noch auf der finstern Stirne

Die schwere goldene Kron.

 

Da zog ihn seine Buhle

Leis an des Mantels Saum:

«Du hast mich einst geliebet,

Du liebst mich wohl noch kaum?»

 

«Was Lieb und Lust und Minne?

Laß ab, du süße Gestalt!

Das Ungewitter ziehet

Herauf mit Sturmesgewalt.

 

Ich bin auf Burgeszinnen

Nicht König mit Schwert und Kron,

Ich bin der empörten Zeiten

Unmächtiger, bangender Sohn.

 

Was Lieb und Lust und Minne?

Laß ab, du süße Gestalt!

Das Ungewitter ziehet

Herauf mit Sturmesgewalt.»

 

 

Der alte Sänger.

 

Sang der sonderbare Greise

Auf den Märkten, Straßen, Gassen

Gellend, zürnend seine Weise:

«Bin, der in die Wüste schreit.

Langsam, langsam und gelassen!

Nichts unzeitig! nichts gewaltsam!

Unablässig, unaufhaltsam,

Allgewaltig naht die Zeit.

 

Thorenwerk, ihr wilden Knaben,

An dem Baum der Zeit zu rütteln,

Seine Last ihm abzustreifen,

Wann er erst mit Blüthen prangt!

Laßt ihn seine Früchte reifen

Und den Wind die Aeste schütteln,

Selber bringt er euch die Gaben,

Die ihr ungestüm verlangt.»

 

Und die aufgeregte Menge

Zischt und schmäht den alten Sänger:

«Lohnt ihm seine Schmachgesänge!

Tragt ihm seine Lieder nach!

Dulden wir den Knecht noch länger?

Werfet, werfet ihn mit Steinen!

Ausgestoßen von den Reinen

Treff ihn aller Orten Schmach!»

 

Sang der sonderbare Greise

In den königlichen Hallen

Gellend, zürnend seine Weise:

«Bin, der in die Wüste schreit.

Vorwärts! vorwärts! nimmer lässig!

Nimmer zaghaft! kühn vor allen!

Unaufhaltsam, unablässig,

Allgewaltig drängt die Zeit.

 

Mit dem Strom und vor dem Winde!

Mache dir, dich stark zu zeigen,

Strom- und Windeskraft zu eigen!

Wider beide, gähnt dein Grab.

Steure kühn in grader Richtung!

Klippen dort? die Furt nur finde!

Umzulenken heischt Vernichtung;

Treibst als Wrak du doch hinab.»

 

Einen sah man da erschrocken

Bald erröthen, bald erblassen;

«Wer hat ihn herein gelassen,

Dessen Stimme zu uns drang?

Wahnsinn spricht aus diesem Alten;

Soll er uns das Volk verlocken?

Sorgt den Thoren festzuhalten,

Laßt verstummen den Gesang.»

 

Sang der sonderbare Greise

Immer noch im finstern Thurme

Ruhig, heiter seine Weise:

«Bin, der in die Wüste schreit.

Schreien mußt ich es dem Sturme;

Der Propheten Lohn erhalt ich!

Unablässig, allgewaltig,

Unaufhaltsam naht die Zeit.»

 

 

Deutsche Volkssagen.

 

«Die Sage will ihr Recht. Ich schreit ihr nach.»

Fouqué an Fichte (Held d. N. II.)

1

Das Riesen-Spielzeug

 

Burg Niedeck ist im Elsaß der Sage wohlbekannt,

Die Höhe, wo vor Zeiten die Burg der Riesen stand;

Sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer,

Du fragest nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.

 

Einst kam das Riesen-Fräulein aus jener Burg hervor,

Ergieng sich sonder Wartung und spielend vor dem Thor,

Und stieg hinab den Abhang bis in das Thal hinein,

Neugierig zu erkunden, wie's unten möchte sein.

 

Mit wen'gen raschen Schritten durchkreuzte sie den Wald,

Erreichte gegen Haslach das Land der Menschen bald,

Und Städte dort und Dörfer und das bestellte Feld

Erschienen ihren Augen gar eine fremde Welt.

 

Wie jetzt zu ihren Füßen sie spähend niederschaut,

Bemerkt sie einen Bauer, der seinen Acker baut;

Es kriecht das kleine Wesen einher so sonderbar,

Es glitzert in der Sonne der Pflug so blank und klar.

 

«Ei! artig Spielding!» ruft sie, «das nehm ich mit nach Haus.»

Sie knieet nieder, spreitet behend ihr Tüchlein aus,

Und feget mit den Händen, was da sich alles regt,

Zu Haufen in das Tüchlein, das sie zusammen schlägt;

 

Und eilt mit freud'gen Sprüngen, man weiß, wie Kinder sind,

Zur Burg hinan und suchet den Vater auf geschwind:

«Ei Vater, lieber Vater, ein Spielding wunderschön!

So Allerliebstes sah ich noch nie auf unsern Höhn.»

 

Der Alte saß am Tische und trank den kühlen Wein,

Er schaut sie an behaglich, er fragt das Töchterlein:

«Was Zappeliches bringst du in deinem Tuch herbei?

Du hüpfest ja vor Freuden; laß sehen, was es sei.»

 

Sie spreitet aus das Tüchlein und fängt behutsam an,

Den Bauer aufzustellen, den Pflug und das Gespann;

Wie alles auf dem Tische sie zierlich aufgebaut,

So klatscht sie in die Hände und springt und jubelt laut.

 

Der Alte wird gar ernsthaft und wiegt sein Haupt und spricht:

«Was hast du angerichtet? das ist kein Spielzeug nicht;

Wo du es hergenommen, da trag es wieder hin,

Der Bauer ist kein Spielzeug, was kommt dir in den Sinn!

 

Sollst gleich und ohne Murren erfüllen mein Gebot;

Denn, wäre nicht der Bauer, so hättest du kein Brod;

Es sprießt der Stamm der Riesen aus Bauernmark hervor,

Der Bauer ist kein Spielzeug, da sei uns Gott davor!»

 

Burg Niedeck ist im Elsaß der Sage wohlbekannt,

Die Höhe, wo vor Zeiten die Burg der Riesen stand,

Sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer,

Und fragst du nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.

 

 

2

Die versunkene Burg

 

Es ragt umkrönt von Thürmen empor aus dunklem Forst

Ein steiler luft'ger Felsen, das ist der Raubherrn Horst,

Und wie aus blauen Lüften der Aar auf seinen Fang,

So schießen sie auf Beute von dort das Thal entlang.

 

Drei Brüder sind's, auf Straßen zu Roß in blankem Stahl,

In Hermelin und Purpur daheim im Rittersaal,

In Bluth und Lust und Sünden, in Stolz und Ueppigkeit,

So schwelgen sie und prassen gefürchtet weit und breit.

 

Und ihre freche Buhle weiß nicht, wie Hunger thut;

Sie prunkt in Gold und Seide und tritt aus Frevelmuth

Die heil'ge Gottesgabe verächtlich in den Kot,

Sie geht einher auf Schuhen von feinem Weizenbrod.

 

Der Wächter hat gerufen: «Auf, Ritter, auf! zu Roß!

Von Reisigen erscheinet ein staubumwölkter Troß,

Das sind die fremden Kaufherrn, das ist der reiche Zug,

Die führen wenig Eisen, doch rothes Gold genug.»

 

«Vergeßt nicht eure Buhle», ruft ihnen nach die Maid,

«Schafft Gold und Edelsteine, schafft funkelndes Geschmeid,

Versorgt mit Singevögeln aufs neu den Rosenhag,

Daß sich an ihrem Zwitschern mein Ohr erfreuen mag.»

 

Und bald mit Jubel ziehen sie wieder Burg hinan,

Vor ihnen die Gefangnen gebunden Mann für Mann. –

«Wir bringen dir die Vögel, die du begehret hast,

Im Rosenhag zu zwitschern, und Goldes manche Last.»

 

Der Rosenhag: tief öffnet und eng sich eine Gruft,

Das Burgverlies, es steiget empor der Leichen Duft,

Tief unten gähnt der Abgrund, ein jäher Felsenspalt,

Kein andrer Ausgang führet aus diesem Aufenthalt.

 

Da galt es zu verhungern. Der Angstruf, welcher drang

Aus diesem Schreckensschlunde, das war der Vogelsang;

Und wenn hinab sich stürzte, am Felsen sich zerschlug

Verzweiflungsvoll ein Opfer, das war der Vogelflug.

 

Sie stießen nun die Armen hinab in diesen Graus,

Da rief ein Greis, ein Priester, noch händeringend aus:

«Weh über euch, ihr Thoren! die ihr verblendet seid,

Einst werden solche Werke mehr euch, denn uns, noch leid!»

 

Da rief ein Ritter grimmig: «Nun – Bluthschuld, Sinnenlust?

Ich bin der eignen Werke vollkommen mir bewußt;

Ich will darüber brüten, bei meinem teuren Eid!

Bis zu dem Weltgerichte, sie werden mir nicht leid.»

 

Da rief der andre höhnend: «Du willst der Rabe sein?

Die Sorg um meine Werke, so wie die Lust ist mein;

Ich selber will sie tragen, bei meinem teuren Eid!

Bis zu dem jüngsten Tage, sie werden mir nicht leid.»

 

Da rief der dritte lachend: «Hinunter in den Schlund,

Als Nachtigall zu singen, der hier gebellt als Hund;

Ich trage meine Werke, bei meinem teuren Eid!

Bis an den Tag der Tage, sie werden mir nicht leid.»

 

Wie frevelnd ihren Lippen das schnelle Wort entflohn,

Entgegnet aus der Tiefe ein Wehgeschrei dem Hohn,

Und «Amen!» ruft die Buhle, die höllisch gellend lacht;

Da schallt und rollt der Donner, der Felsen wankt und kracht.

 

Und jene kreischt verwandelt, es rauscht der Flügelschlag,

Sie schwingt sich in die Lüfte, verfinstert wird der Tag,

Die Erde flammensprühend eröffnet ihren Mund,

Und wie die Burg versunken, so ebnet sich der Grund.

 

Du forschest nach der Stätte, wo einst die stolze stand,

Du fragest nach den Namen, wie jene sonst benannt? –

Vergebliches Beginnen, es waltet das Gericht;

Vergessen und verschollen, die Sage weiß es nicht.

 

 

3

Die Männer im Zobtenberge

 

Es wird vom Zobtenberge gar Seltsames erzählt;

Als tausend und fünfhundert und siebzig man gezählt,

Am Sonntag Quasimodo lustwandelte hinan

Johannes Beer aus Schweidnitz, ein schlichter frommer Mann.

 

Er war des Berges kundig, und Schlucht und Felsenwand

Und jeder Stein am Stege vollkommen ihm bekannt;

Wo in gedrängtem Kreise die nackten Felsen stehn,

War dießmal eine Höhle, wo keine sonst zu sehn.

 

Er nahte sich verwundert dem unbekannten Schlund,

Es hauchte kalt und schaurig ihn an aus seinem Grund;

Er wollte zaghaft fliehen, doch bannt' ihn fort und fort

Ein lüsternes Entsetzen an nicht geheuren Ort.

 

Er faßte sich ein Herze, er stieg hinein und drang

Durch enge Felsenspalten in einen langen Gang;

Ihn lockte tief da unten ein schwacher Dämmerschein,

Den warf in ehrner Pforte ein kleines Fensterlein.

 

Die Pforte war verschlossen, zu welcher er nun kam,

Er klopfte, von der Wölbung erdröhnt' es wundersam,

Er klopfte noch zum andern, zum dritten Mal noch an,

Da ward von Geisterhänden unsichtbar aufgethan.

 

An rundem Tische saßen im schwarzbehangnem Saal,

Erhellt von einer Ampel unsicher bleichem Strahl,

Drei lange hagre Männer; betrübt und zitternd sahn

Ein Pergament vor ihnen sie stieren Blickes an.

 

Er zögernd auf der Schwelle beschaute sie genau, –

Die Tracht so altertümlich, das Haar so lang und grau, –

Er rief mit frommem Gruße: «Vobiscum Christi pax!»

Sie seufzten leise wimmernd: «Hic nulla, nulla pax!»

 

Er trat nun von der Schwelle nur wen'ge Schritte vor,

Vom Pergamente blickten die Männer nicht empor,

Er grüßte sie zum andern: «Vobiscum Christi pax!»

Sie lallten zähneklappernd: «Hic nulla, nulla pax!»

 

Er trat nun vor den Tisch hin, und grüßte wiederum:

«Pax Christi sit vobiscum!» sie aber blieben stumm,

Erzitterten, und legten das Pergament ihm dar:

«Hic liber obedientiae» darauf zu lesen war.

 

Da fragt' er: wer sie wären? – Sie wüßten's selber nicht.

Er fragte: was sie machten? – Das endliche Gericht

Erharrten sie mit Schrecken, und jenen jüngsten Tag,

Wo jedem seiner Werke Vergeltung werden mag.

 

Er fragte: wie sie hätten verbracht die Zeitlichkeit?

Was ihre Werke waren? Ein Vorhang wallte breit

Den Männern gegenüber und bildete die Wand,

Sie bebten, schwiegen, zeigten darauf mit Blick und Hand.

 

Dahin gewendet hob er den Vorhang schaudernd auf:

Geripp und Schädel lagen gespeichert da zu Hauf;

Vergebens war's mit Purpur und Hermelin verdeckt,

Drei Schwerter lagen drüber, die Klingen bluthbefleckt.

 

Drauf er: ob zu den Werken sie sich bekennten? – Ja.

Ob solche gute waren, ob böse? – Böse, ja.

Ob leid sie ihnen wären? Sie senkten das Gesicht,

Erschraken und verstummten: sie wüßten's selber nicht.

 

 

4

Der Birnbaum auf dem Walserfeld

 

Es ward von unsern Vätern mit Treuen uns vermacht

Die Sage, wie die Väter sie ihnen überbracht;

Wir werden unsern Kindern vererben sie aufs neu;

Es wechseln die Geschlechter, die Sage bleibt sich treu.

 

Das Walserfeld bei Salzburg, bezeichnet ist der Ort,

Dort steht ein alter Birnbaum verstümmelt und verdorrt,

Das ist die rechte Stätte, der Birnbaum ist das Mal,

Geschlagen und gewürget wird dort zum letzten Mal.

 

Und ist die Zeit gekommen und ist das Maß erst voll, –

Ich sage gleich das Zeichen, woran man's kennen soll, –

So wogt aus allen Enden der sündenhaften Welt

Der Krieg mit seinen Schrecken heran zum Walserfeld.

 

Dort wird es ausgefochten, dort wird ein Bluthbad sein,

Wie keinem noch die Sonne verliehen ihren Schein,

Da rinnen rothe Ströme die Wiesenrain' entlang,

Da wird der Sieg den Guten, den Bösen Untergang.

 

Und wann das Werk vollendet, so deckt die Nacht es zu,

Die müden Streiter legen auf Leichen sich zur Ruh,

Und wann der junge Morgen bescheint das Bluthgefild,

Da wird am Birnbaum hangen ein blanker Wappenschild.

 

Nun sag ich euch das Zeichen: ihr wißt den Birnbaum dort,

Er trauert nun entehret, verstümmelt und verdorrt;

Schon dreimal abgehauen, schlug dreimal auch zuvor

Er schon aus seiner Wurzel zum stolzen Baum empor.

 

Wann nun sein Stamm, der alte, zu treiben neu beginnt,

Und Saft im morschen Holze aufs neu lebendig rinnt;

Und wann den grünen Laubschmuck er wieder angethan,

Das ist das erste Zeichen: es reift die Zeit heran.

 

Und hat er seine Krone erneuet dicht und breit,

So rückt heran bedrohlich die lang verheißne Zeit;

Und schmückt er sich mit Blüthen, so ist das Ende nah;

Und trägt er reife Früchte, so ist die Stunde da.

 

Der heuer ist gegangen zum Baum und ihn befragt,

Hat wundersame Kunde betroffen ausgesagt;

Ihn wollte schier bedünken, als rege sich der Saft

Und schwöllen schon die Knospen mit jugendlicher Kraft.

 

Ob voll das Maß der Sünde? ob reifet ihre Saat

Der Sichel schon entgegen? ob die Erfüllung naht?

Ich will es nicht berufen, doch dünkt mich eins wohl klar:

Es sind die Zeiten heuer gar ernst und sonderbar.

 

 

Abdallah.

(Tausend und eine Nacht)

 

Abdallah liegt behaglich am Quell der Wüste und ruht,

Es weiden um ihn die Kamele, die achtzig, sein ganzes Gut;

Er hat mit Kaufmannswaren Balsora glücklich erreicht,

Bagdad zurück zu gewinnen, wird ledig die Reise ihm leicht.

 

Da kommt zur selben Quelle, zu Fuß am Wanderstab,

Ein Derwisch ihm entgegen den Weg von Bagdad herab.

Sie grüßen einander, sie setzen beisammen sich zum Mahl,

Und loben den Trunk der Quelle, und loben Allah zumal.

 

Sie haben um ihre Reise theilnehmend einander befragt,

Was jeder verlangt zu wissen, willfährig einander gesagt,

Sie haben einander erzählet von dem und jenem Ort,

Da spricht zuletzt der Derwisch ein gar bedächtig Wort:

 

«Ich weiß in dieser Gegend, und kenne wohl den Platz,

Und könnte dahin dich führen, den unermeßlichsten Schatz.

Man möchte daraus belasten mit Gold und Edelgestein

Wohl achtzig, wohl tausend Kamele, es würde zu merken nicht sein.»

 

Abdallah lauscht betroffen, ihn blendet des Goldes Glanz,

Es rieselt ihm kalt durch die Adern und Gier erfüllt ihn ganz:

«Mein Bruder, hör, mein Bruder, o führe dahin mich gleich!

Dir kann der Schatz nicht nützen, du machst mich glücklich und reich.

 

Laß dort mit Gold uns beladen die achtzig Kamele mein,

Nur achtzig Kameleslasten, es wird zu merken nicht sein.

Und dir, mein Bruder, verheiß ich, zu deines Dienstes Sold,

Das beste von allen, das stärkste, mit seiner Last von Gold.»

 

Darauf der Derwisch: «Mein Bruder, ich hab es anders gemeint,

Dir vierzig Kamele, mir vierzig, das ist, was billig mir scheint,

Den Werth der vierzig Thiere empfängst du millionenfach,

Und hätt ich geschwiegen, mein Bruder, o denke, mein Bruder, doch nach.»

 

«Wohlan, wohlan, mein Bruder, laß gleich uns ziehen dahin,

Wir theilen gleich die Kamele, wir theilen gleich den Gewinn.»

Er sprach's, doch thaten ihm heimlich die vierzig Lasten leid,

Dem Geiz in seinem Herzen gesellte sich der Neid.

 

Und so erhoben die beiden vom Lager sich ohne Verzug,

Abdallah treibt die Kamele, der Derwisch leitet den Zug.

Sie kommen zu den Hügeln; dort öffnet, eng und schmal,

Sich eine Schlucht zum Eingang in ein geräumig Thal.

 

Schroff, überhangend umschließet die Felswand rings den Raum,

Noch drang in diese Wildniß des Menschen Fuß wohl kaum.

Sie halten; bei den Thieren Abdallah sich verweilt,

Der sie, der Last gewärtig, in zwei Gefolge vertheilt.

 

Indessen häuft der Derwisch am Fuß der Felsenwand

Verdorrtes Gras und Reisig und steckt den Haufen in Brand;

Er wirft, so wie die Flamme sich prasselnd erhebt, hinein

Mit seltsamem Thun und Reden viel kräftige Spezerein.

 

In Wirbeln wallt der Rauch auf, verfinsternd schier den Tag,

Die Erde bebt, es dröhnet ein starker Donnerschlag,

Die Finsterniß entweichet, der Tag bricht neu hervor,

Es zeigt sich in dem Felsen ein weitgeöffnet Thor.

 

Es führt in prächtige Hallen, wie nimmer ein Aug sie geschaut,

Aus Edelgestein und Metallen von Geistern der Tiefen erbaut,

Es tragen goldne Pilaster ein hohes Gewölb von Krystall,

Hellfunkelnde Karfunkeln verbreiten Licht überall.

 

Es lieget zwischen den goldnen Pilastern, unerhört,

Das Gold hoch aufgespeichert, des Glanz den Menschen bethört,

Es wechseln mit den Haufen des Goldes, die Hallen entlang,

Demanten, Smaragden, Rubinen, dazwischen nur schmal der Gang.

 

Abdallah schaut's betroffen, ihn blendet des Goldes Glanz,

Es rieselt ihm kalt durch die Adern und Gier erfüllt ihn ganz.

Sie schreiten zum Werke; der Derwisch hat klug sich Demanten erwählt,

Abdallah wühlet im Golde, im Golde, das nur ihn beseelt.

 

Doch bald begreift er den Irrthum und wechselt die Last und tauscht

Für Edelgestein und Demanten das Gold, des Glanz ihn berauscht,

Und was er fort zu tragen die Kraft hat, minder ihn freut,

Als was er liegen muß lassen, ihn heimlich wurmt und reut.

 

Geladen sind die Kamele, schier über ihre Kraft,

Abdallah sieht mit Staunen, was ferner der Derwisch schafft.

Der geht den Gang zu Ende und öffnet eine Truh,

Und nimmt daraus ein Büchschen, und schlägt den Deckel zu.

 

Es ist von schlichtem Holze und was darin verwahrt,

Gleich werthlos, scheint nur Salbe, womit man salbt den Bart;

Er hat es prüfend betrachtet, das war das rechte Geschmeid,

Er steckt es wohlgefällig in sein gefaltet Kleid.

 

Drauf schreiten hinaus die beiden und draußen auf dem Plan

Vollbringt der Derwisch die Bräuche, wie er's beim Eintritt gethan;

Der Schatz verschließt sich donnernd, ein jeder übernimmt

Die Hälfte der Kamele, die ihm das Los bestimmt.

 

Sie brechen auf und wallen zum Quell der Wüste vereint,

Wo sich die Straßen trennen, die jeder zu nehmen meint;

Dort scheiden sie und geben einander den Bruderkuß;

Abdallah erzeigt sich erkenntlich mit tönender Worte Erguß.

 

Doch, wie er abwärts treibet, schwillt Neid in seiner Brust,

Des andern vierzig Lasten, sie dünken ihn eigner Verlust:

Ein Derwisch, solche Schätze, die eignen Kamele, – das kränkt

Und was bedarf der Schätze, wer nur an Allah denkt?

 

«Mein Bruder, hör mein Bruder!» – so folgt er seiner Spur –

«Nicht um den eignen Vortheil, ich denk an deinen nur,

Du weißt nicht, welche Sorgen und weißt nicht, welche Last

Du, Guter, an vierzig Kamelen dir aufgebürdet hast.

 

Noch kennst du nicht die Tücke, die in den Thieren wohnt,

O glaub es mir, der Mühen von Jugend auf gewohnt,

Versuch ich's wohl mit achtzig, dir wird's mit vierzig zu schwer,

Du führst vielleicht noch dreißig, doch vierzig nimmermehr.»

 

Darauf der Derwisch: «Ich glaube, daß Recht du haben magst,

Schon dacht ich bei mir selber, was du, mein Bruder, mir sagst.

Nimm, wie dein Herz begehret, von diesen Kamelen noch zehn,

Du sollst von deinem Bruder nicht unbefriedigt gehn.»

 

Abdallah dankt und scheidet und denkt in seiner Gier:

Und wenn ich zwanzig begehrte, der Thor, er gäbe sie mir.

Er kehrt zurück im Laufe, es muß versuchet sein,

Er ruft, ihn hört der Derwisch und harret gelassen sein.

 

«Mein Bruder, hör, mein Bruder, o traue meinem Wort,

Du kommst, unkundig der Wartung, mit dreißig Kamelen nicht fort,

Die widerspenstigen Thiere sind störriger, denn du denkst,

Du machst es dir bequemer, wenn du mir zehen noch schenkst.»

 

Darauf der Derwisch: «Ich glaube, daß Recht du haben magst,

Schon dacht ich bei mir selber, was du, mein Bruder, mir sagst.

Nimm, wie dein Herz begehret, von diesen Kamelen noch zehn,

Du sollst von deinem Bruder nicht unbefriedigt gehn.»

 

Und wie so leicht gewähret, was kaum er sich gedacht,

Da ist in seinem Herzen erst recht die Gier erwacht;

Er hört nicht auf, er fodert, wohl ohne sich zu scheun,

Noch zehen von den zwanzig und von den zehen neun.

 

Das eine nur, das letzte, dem Derwisch übrig bleibt,

Noch dieß ihm abzufodern des Herzens Gier ihn treibt;

Er wirft sich ihm zu Füßen, umfasset seine Knie:

«Du wirst nicht nein mir sagen, noch sagtest du nein mir nie.»

 

«So nimm das Thier, mein Bruder, wonach dein Herz begehrt,

Es ist, daß trauernd du scheidest von deinem Bruder, nicht werth.

Sei fromm und weis im Reichthum, und beuge vor Allah dein Haupt,

Der, wie er Schätze spendet, auch Schätze wieder raubt.»

 

Abdallah dankt und scheidet und denkt in seinem Sinn:

Wie mochte der Thor verscherzen so leicht den reichen Gewinn?

Da fällt ihm ein das Büchschen: das ist das rechte Geschmeid,

Wie barg er's wohlgefällig in sein gefaltet Kleid!

 

Er kehrt zurück: «Mein Bruder, mein Bruder! auf ein Wort,

Was nimmst du doch das Büchschen, das schlechte, mir dir noch fort?

Was soll dem frommen Derwisch der weltlich eitle Tand?» –

«So nimm es», spricht der Derwisch und legt es in seine Hand.

 

Ein freudiges Erschrecken den Zitternden befällt,

Wie er auch noch das Büchschen, das räthselhafte, hält;

Er spricht kaum dankend weiter: «So lehre mich nun auch,

Was hat denn diese Salbe für einen besondern Gebrauch?»

 

Der Derwisch: «Groß ist Allah, die Salbe wunderbar.

Bestreichst du dein linkes Auge damit, durchschauest du klar

Die Schätze, die schlummernden alle, die unter der Erde sind;

Bestreichst du dein rechtes Auge, so wirst du auf beiden blind.»

 

Und selber zu versuchen die Tugend, die er kennt,

Der wunderbaren Salbe, Abdallah nun entbrennt:

«Mein Bruder, hör, mein Bruder, du machst es besser, traun!

Bestreiche mein Auge, das linke, und laß die Schätze mich schaun.»

 

Willfährig thut's der Derwisch, da schaut er unterwärts

Das Gold in Kammern und Adern, das gleißende, schimmernde Erz;

Demanten, Smaragden, Rubinen, Metall und Edelgestein,

Sie schlummern unten und leuchten mit seltsam lockendem Schein.

 

Er schaut's und starrt betroffen, ihn blendet des Goldes Glanz,

Es rieselt ihm kalt durch die Adern und Gier erfüllt ihn ganz.

Er denkt: würd auch bestrichen mein rechtes Auge zugleich,

Vielleicht besäß ich die Schätze und würd unermeßlich reich.

 

«Mein Bruder, hör, mein Bruder, zum letzten Mal mich an,

Bestreiche mein rechtes Auge, wie du das linke gethan,

Noch diese meine Bitte, die letzte, gewähre du mir,

Dann scheiden unsere Wege und Allah sei mit dir.»

 

Darauf der Derwisch: «Mein Bruder, nur Wahrheit sprach mein Mund,

Ich mache dir die Kräfte von deiner Salbe kund.

Ich will, nach allem Guten, das ich dir schon erwies,

Die strafende Hand nicht werden, die dich ins Elend stieß.»

 

Nun hält er fest am Glauben und brennt vor Ungeduld,

Den Neid, die Schuld des Herzens, giebt er dem Derwisch schuld,

Daß dieser so sich weigert, das ist für ihn der Sporn,

Der Gier in seinem Herzen gesellet sich der Zorn.

 

Er spricht mit höhnischem Lachen: «Du hältst mich für ein Kind;

Was sehend auf einem Auge, macht nicht auf dem andern mich blind,

Bestreiche mein rechtes Auge, wie du das linke gethan,

Und wisse, daß, falls du mich reizest, Gewalt ich brauchen kann.»

 

Und wie er noch der Drohung die That hinzugefügt,

Da hat der Derwisch endlich stillschweigend ihm genügt,

Er nimmt zur Hand die Salbe, sein rechtes Aug er bestreicht – –

Die Nacht ist angebrochen, die keinem Morgen weicht.

 

«O Derwisch, arger Derwisch, du doch die Wahrheit sprachst,

Nun heile, kenntnißreicher, was selber du verbrachst.» –

«Ich habe nichts verbrochen, dir ward, was du gewollt,

Du stehst in Allahs Händen, der alle Schulden zollt.»

 

Er fleht und schreit vergebens und wälzet sich im Staub,

Der Derwisch abgewendet bleibt seinen Klagen taub;

Der sammelt die achtzig Kamele und gen Balsora treibt,

Derweil Abdallah verzweifelnd am Quell der Wüste verbleibt.

 

Die nicht er schaut, die Sonne vollbringet ihren Lauf,

Sie gieng am andern Morgen, am dritten wieder auf,

Noch lag er da verschmachtend; ein Kaufmann endlich kam,

Der nach Bagdad aus Mitleid den blinden Bettler nahm.

 

 

 

Der heilige Martin,

Bischof von Tours.

Legende.

 

«Diesen Martin», rief der Satan, –

«Fürchtet nichts, ihr Höllengeister,

Fürchtet nichts und hört den Rath an,

Den geschmiedet euer Meister, –

Diesen Martin, der, geplaget,

Angefochten, – unverzaget,

Unverfährdet, uns zum Hohn,

Wiederbringt die Kreaturen,

Die zu unsern Zeichen schwuren,

Dem verhaßten Menschensohn,

Diesen gilt es zu verderben;

Also will um ihn ich werben,

Zählt ihn zu den Unsern schon.»

 

Redend hat der Geist der Lüge

Form und Körper angenommen,

Und es sind des Heilands Züge,

Welche seiner Arglist frommen, –

Fürchtet nichts, o Vielgetreue,

Fürchtet nichts, wenn euch aufs neue

Tief verhaßt der Anblick kränkt;

Fürchtet nichts, ich bin der Alte,

Der, wie er sein Antlitz falte,

Alten Grolles nur gedenkt;

Ihm, den sie den Heil'gen schelten,

Will ich für den Juden gelten,

Bis er seine Seel uns schenkt.»

 

Und in Purpur prunkt er eitel,

Gleich den Königen der Erde,

Die Tiar' auf seiner Scheitel,

Stolz und Hochmuth die Geberde.

Und die Teufel faßt ein Grauen,

Wie das Schreckenbild sie schauen,

Und ein Weheruf erschallt;

Heulend stürzen sie vonsammen,

Suchen Schutz in ew'gen Flammen

Vor des Rächers Allgewalt;

Und mit Angst erfüllt nicht minder

Auch den argen Trugs-Erfinder

Die erfrevelte Gestalt.

 

Bischof Martin liegt indessen,

Lieb im Herzen, Hoffnung, Glaube,

Tief in Demuth, selbstvergessen,

Vor dem Kruzifix im Staube:

«Der du starbst uns zu erlösen,

Sieh uns Schwache, von dem Bösen,

Von der Sünde Garn umstellt;

Straf uns nicht in deinem Zorne,

Wasch uns rein im Gnadenborne

Von der Schuld, die auf uns fällt.»

Und es tritt der Geist der Lüge

Vor ihn hin, er trägt die Züge

Des Erlösers dieser Welt.

 

Und in Purpur prunkt er eitel,

Gleich den Königen der Erde,

Die Tiar' auf seiner Scheitel,

Stolz und Hochmuth die Geberde:

«Martin, sieh, ich bin der wahre

Christus, und ich offenbare

Dem mich, der zu mir sich neigt;

Und es ist dir anbefohlen,

Anzubeten unverhohlen,

Der sich deinen Augen zeigt.»

Martin starrt, die Augen offen,

Schier entrüstet und betroffen,

Den Versucher an und schweigt.

 

Und der Arge redet wieder:

«Christus bin ich und befehle;

Falle betend vor mir nieder

Und ergib mir deine Seele.»

Er darauf: «Der Allerbarmer

War hienieden selbst ein Armer,

Er, die Wahrheit, er das Licht,

Er, mein Christus, starb am Holze;

Aber dich in deinem Stolze,

Dich – entfleuch – dich kenn ich nicht.»

Und es war der Trug zerstoben,

Martin, seinen Gott zu loben,

Liegt im Staube fromm und schlicht.

 

 

Abba Glosk Leczeka.

 

Es schallen gut im Liede der Purpur und das Schwert,

Doch hüllt sich oft in Lumpen, der auch ist preisenswerth;

Ich führ euch einen Juden und Bettler heute vor,

Den Abba Glosk Leczeka, verschließt ihm nicht das Ohr.

 

Er harrte vor der Thüre von Moses Mendelssohn

Gelassen und geduldig vor Sonnenaufgang schon;

Wie hoch in Himmelsräumen zu steigen sie begann,

Trat erst aus seiner Wohnung der weitberühmte Mann.

 

Ihn grüßt der fremde Bettler in polnisch jüd'scher Tracht,

Sein Gruß den Schriftgelehrten dem andern kenntlich macht,

Er aber geht vorüber: «An Zeit es mir gebricht!» –

Der Fremde weicht zurücke, doch von der Schwelle nicht.

 

Und Mittag ward's und Abend, und als zur Nacht es gieng,

Die Stadt in ihren Straßen die Schatten schon empfieng,

Kam heim zu seinem Herde der weitberühmte Mann,

Da grüßt' ihn noch der Bettler, wie morgens er gethan.

 

Er sucht in seiner Börse nach einem Silberstück,

Ihm hält der fremde Bettler die milde Hand zurück:

«Das nicht von dir begehr ich, nur dein lebend'ges Wort,

Mich führt der Durst nach Wahrheit allein an diesen Ort.» –

 

«Du scheinst der kleinen Gabe bedürftig mir zu sein.» –

«Du hältst mich für unwürdig der größern!» – «Tritt herein!

Suchst redlich du die Wahrheit, die vielen so verhaßt,

So sei dem Gleichgesinnten ein liebgehegter Gast.»

 

Beim wogenden Gespräche, beim häuslich trauten Mahl,

Beim Becher edlen Weines, dem flüss'gen Sonnenstrahl,

Erblüht dem fremden Bettler die Rede wunderbar,

Ein Gläub'ger und ein Denker, wie nie noch einer war.

 

Er hat des Wortes Fessel gesprengt mit Geistes-Kraft,

Er hängt am Guten, Wahren so recht mit Leidenschaft,

Er sprühet Lichtgedanken so machtvoll vor sich hin,

So eignen Reiz verleiht ihm sein heitrer froher Sinn.

 

Und ob des seltnen Mannes verwundert und erfreut,

Der seine Neigung fesselt und Ehrfurcht ihm gebeut,

Fragt Mendelssohn ihn traulich: «Wie haben Schul und Welt

So seltsam dich erzogen und deinen Geist erhellt?»

 

Drauf er: «Du lenkst vom Lichte die Blicke niederwärts,

Zu forschen nach dem Menschen und schauen ihm ins Herz;

Ich zeige mich dem Freunde, und meinen Weg und Ziel,

Und melde, wie die Binde mir von den Augen fiel.

 

Mein Forschen und mein Trachten, das bin ich selbst und ganz;

Minuten so wie diese sind meines Lebens Glanz;

Ich trage sechzig Jahre noch frisch und wohlgemuth,

Noch schmilzt den Schnee des Alters des Herzens innre Gluth.

 

Zu Glosk in unsern Schulen bekam ich Unterricht;

Der Talmud und der Talmud! sie wußten andres nicht;

Verhangen und verfinstert das göttliche Gebot,

Das leis aus tiefstem Herzen sich doch mir mahnend bot.

 

Wie hab ich oft mit Schmerzen die stumme Mitternacht

Auf ihren todten Büchern verstört herangewacht;

Wie hätt ich fromm und willig den Lehrern nur geglaubt,

Und wiegte doch verneinend mein sorgenschweres Haupt.

 

Und nun ich sollte lehren, so wie ich selbst belehrt,

Da hat sich mir die Rede gar wundersam verkehrt;

Da schalt aus mir die Stimme auf Satzungen und Trug,

Dem Blitze zu vergleichen, der aus den Wolken schlug.

 

Sie haben sich entsetzet, sie haben mich fortan

Bedrohet und gefährdet und in den Bann gethan;

Ich hatte mich gefunden, ich war, der ich nun bin,

Ich folgte meiner Sendung mit leichtem, freud'gem Sinn.

 

So wallt ich, in der Heimath ein Fremder, nun hinfort

Verstoßen, fluchbeladen, unstät von Ort zu Ort,

Und forschte, sprach und lehrte, und trachtete doch nur,

Das arme Volk zu leiten auf eine beßre Spur.

 

Und dreizehn Bücher hatt ich verfaßt mit allem Fleiß,

Die Bücher, sie enthielten das Beste, was ich weiß;

Zu Wilna, oh! da waren fast grausam allzusehr

Die Aeltesten des Volkes, wie nirgends anders mehr.

 

Sie haben meine Bücher zerrissen insgesammt,

Und haben zu den Flammen sie ungehört verdammt;

Sie schichteten den Holzstoß beim alten Apfelbaum

Vor ihrer Synagoge im innern Hofesraum.

 

Da standen in dem Rauche die Alten blöd und blind,

Den schlug auf sie hernieder ein mächt'ger Wirbelwind,

Gereinigt schwang die Flamme sich zu dem höhern Licht;

Den Geist, das Licht, die Sonne vernichten sie doch nicht.

 

Ich selbst ich sollte sterben, kaum heimlich war der Rath;

Doch fand sich ein Rabbiner, der um mein Leben bat,

Ich wurde bloß gegeißelt, und als man frei mich gab,

So griff ich heitern Sinnes zu meinem Wanderstab.

 

Der freud'ge, rüst'ge Waller zieht über Berg und Thal,

Ihm scheinet, ihn erwärmet der lieben Sonne Strahl,

Der Schoß der grünen Erde empfängt mit rechter Lust

Sein müdes Haupt am Abend, er ruht an Mutterbrust.

 

Wer je von seinen Brüdern den Hunger selber litt,

Theilt ihm vom letzten Brode gern einen Brocken mit,

Er zieht durch Land und Städte und rühmt sich reich und frei,

Und weiß von keiner Armuth und keiner Sklaverei.

 

Vor Sprach- und Stammverwandten entquillt an jedem Ort

Aus übervollem Herzen ihm das lebend'ge Wort,

Zu lehren und zu bessern, zu sichten sonder Scheu

Den Glauben von dem Wahne, den Weizen von der Spreu.

 

Ist Felsen auch der Boden, die Saat verstreue nur!

Es träufelt auf den Felsen, wie auf die grüne Flur,

Des Ew'gen milder Regen. Beharrlichkeit! Geduld!

Du zahlest deinem Schöpfer so deines Lebens Schuld.

 

Und herwärts zog mich mächtig und ahndungsvoll mein Herz,

Von deines Namens Klange gelockt, du reines Erz;

Du bist, den ich gesuchet, du, der vom Wahne fern

Zerbricht die hohle Schale und sucht nach ihrem Kern.

 

Das will auch ich, so reiche mir deine liebe Hand,

Wir schaffen hier und knüpfen ein gottgefällig Band;

Das Licht, das ist das Gute; die Finsterniß, die Nacht,

Das ist das Reich der Sünde und ist des Bösen Macht.

 

Dir strömet von den Lippen ein ruhig klarer Born,

Es leiht gewalt'ge Worte mir oft ein heil'ger Zorn;

So laß vor unserm Volke zerreißen uns vereint

Des Aberglaubens Schleier, bis hell der Tag ihm scheint.

 

Nicht träge denn, nicht lässig; die Hand ans Werk gelegt!

Versammle du die Jünger, es tagt, die Stunde schlägt!

Wir hammern an den Felsen, bis hell der Stein erklingt,

Und an das Licht der Sprudel lebend'gen Wassers springt.»

 

Darauf mit Rührung lächelnd der Wirth zu seinem Gast:

«Genügt dir nicht, du Guter, was du erduldet hast?

Soll wiederum sich schichten ein Scheiterhaufen? kann

Die Geißel nicht dich lehren? du lehrbegier'ger Mann!

 

Du forschest nach der Wahrheit; erkenne doch die Welt,

Die fester als am Glauben am Aberglauben hält;

Was je gelebt im Geiste, gehört der Ewigkeit,

Nur ruft es erst ins Leben die allgewalt'ge Zeit.

 

Bleib hie und lerne schweigen, wo sprechen nicht am Ort;

Du magst im Stillen forschen, erwägen Geist und Wort,

Und magst das Korn der Furche der Zeiten anvertraun;

Vielleicht wird einst dein Enkel die goldnen Saaten schaun.»

 

Drauf er: «Du schweigst, du Kluger, und schweigen soll mein Mund!

So sprich, wer soll denn reden und thun die Wahrheit kund?

Du helles Licht des Geistes sollst leuchten freundlich mir;

Die Hand darauf! – wir scheiden! mein Pfad, der trennt sich hier.»

 

Er gieng; dem Flammengeiste, dem Flammenherzen galt

Für Feigheit jede Vorsicht, und freundlich zürnend schalt

Ihn Mendelssohn vergebens; er gieng und lehrt' und sprach,

Bis über ihn aufs neue das Ungewitter brach.

 

Die Aeltesten des Volkes entrüstet, luden ihn

Vor ihre Schranken: «Rede, was machst du in Berlin?» –

«Ich forsch in dem Gesetze, darüber sprech ich auch

Mit andern Schriftgelehrten nach hergebrachtem Brauch.» –

 

«Du stehst in keinem Dienste? hast kein Gewerbe?» – «Nein!

Ich kann und will nicht handeln, und mag nicht dienstbar sein.» –

«Und wir, nach hies'ger Ordnung, verbieten diese Stadt

Dem ärgerlichen Neurer, der hier gelästert hat.»

 

Darauf erhob sich Abba und sprach: «Hartherzigkeit,

Du bist zur Ordnung worden, du herrschest hier zur Zeit!

Und kennt ihr den Propheten Jeremia denn nicht,

Der so aus meinem Munde zu euch, ihr Starren, spricht:

 

‹Die Missethat der Tochter von Sion, unerhört!

Verdunkelt Sodoms Sünde, die doch mein Grimm zerstört.›

Die Schrift und die Propheten, die les ich Tag und Nacht,

Und hab auch andre Worte zu eigen mir gemacht!

 

‹Du sollst dich nicht entsetzen, und sollst, du Menschenkind,

Vor ihnen dich nicht fürchten, die mir abtrünnig sind;

Du wohnst bei scharfen Dornen und Skorpionen dort,

Doch sollst du dich nicht fürchten, verkündest du mein Wort.›»

 

Sie holten ihn am Abend wohl mit der Polizei,

Ihn auf die Post zu bringen, er rief den Freund herbei,

Der schafft' ihm einen Dienstschein, geschirmet war er so

Vor seinen Widersachern, sie waren des nicht froh.

 

Und eine Rechnung reichten zur Zahlung sie ihm dar,

Wo Postgeld nebst der Bütteln Gebühr verzeichnet war;

Er aber sprach und lachte: «Geduldet euch, ihr Herrn,

Hier paßt wohl ein Geschichtchen, und ich erzähl es gern:

 

Den Unsern wird zu Lemberg ein kummervolles Los,

Die jungen Herrn, die Schüler sind ganz erbarmungslos,

Den armen Unterdrückten mißhandeln sie und schmähn,

Und werfen ihn mit Steinen, wo immer sie ihn sehn.

 

Als einer, den sie schlugen, nah am Verscheiden war,

Vermaß sich die Gemeinde, bedrängt von der Gefahr,

Den Jesuiten Obern zu klagen ihre Noth;

Die haben unparteiisch erlassen ein Verbot:

 

Es dürfen nicht die Schüler aus eitlem Zeitvertreib

Die Juden so mißhandeln, daß sie an ihrem Leib

Beschädigt werden möchten; es wird auch untersagt,

Bluthrünstig sie zu schlagen, wie eben wird geklagt.

 

Ein arglos Schimpfen, Werfen, ein Stoß und solcherlei,

Das müssen sie erdulden und steht den Schülern frei,

Weil mancher unter diesen ist guter Eltern Kind,

Und Juden doch am Ende nur eben Juden sind.

 

Ein Jud in diesen Tagen, der her die Straße kam,

Bemerkte, daß ein Schüler ihn recht zum Ziele nahm,

Er bückte sich bei Zeiten, und wich dem Stein noch aus,

Der klirrend flog ins Fenster dem nächsten Bürgerhaus.

 

Die Scheibe war zerbrochen; der Bürger säumte nicht,

Und zog, Ersatz zu fodern, den Juden vor Gericht:

‹Denn hättest du gestanden dem Wurf, wie sich's gebührt,

So wurde von dem Steine mein Fenster nicht berührt.›

 

‹Ihr habt den Stein geworfen, ich habe mich gebückt,

So hat der Wurf die Scheibe des Nachbars nur zerstückt;

Ich soll die Scheibe zahlen, das Recht, das eure, spricht's,

Doch hat das Recht verloren, denn, seht! ich habe nichts.›»

 

Als jene sich entfernet, verblieben noch die zwei

Im traulichen Gespräche, sie dachten laut und frei;

Begegnen sich die Geister verwandt im Lichtrevier,

Das ist des Lebens Freude, das ist des Lebens Zier.

 

Und Abba zu dem Freunde: «Bin friedlich ja gesinnt,

Du siehst, daß aller Orten sich Hader um mich spinnt;

Frei muß ich denken, sprechen und atmen Gottes Luft,

Und wer die drei mir raubet, der legt mich in die Gruft.

 

Von hinnen will ich ziehen, den Wanderstab zur Hand

Ein Land der Freiheit suchen, nach Holland, Engelland;

Der Druck hat hier den Juden Bedrückung auch gelehrt,

Wohl wird er Duldung üben, wo Duldung er erfährt.»

 

Und Mendelssohn dagegen und schüttelte das Haupt:

«Du liebewerther Schwärmer, der noch an Duldung glaubt,

Zeuch hin, dich bloß zu geben auch dort der Eulenbrut!

Dein zugewognes Glückstheil, das ist dein froher Muth.» –

 

«Mein zugewognes Glückstheil, das ist die Liebe mein

Zu meinem Volk; mein Glaube, zu bessern müss' es sein;

Mein Hoffen, mitzuwirken dazu mit Gut und Bluth;

Du nennst die drei zusammen, das ist mein froher Muth.»

 

Und frohen Muthes nahm er den Wanderstab zur Hand,

Und zog wohl in die Fremde, nach Holland, Engelland;

Den bluth'gen Welterobrer verfolgt die Sage nur,

Vom Menschenfreund und Bettler verlieret sich die Spur.

 

Zurück nach manchen Jahren gleich frohen Muthes kam

Er nach Berlin gewandert; sein rechter Arm war lahm;

Und blind sein andres Auge, vernarbt sein Angesicht,

Sein Herz allein, das alte, verändert war es nicht.

 

So trat er freundlich lächelnd vor Moses Mendelssohn:

«Wie dort es mir ergangen, du Kluger, siehst es schon;

Sie haben mich geschmähet, mißhandelt und verbannt,

War ihnen Macht gegeben, sie hätten mich verbrannt.»

 

Und wieder frohen Muthes, da ihn Berlin verstieß,

Zog er nach seiner Heimath, die Haß ihm nur verhieß,

Da wallt' er rüst'gen Schrittes, ein Fremder, fort und fort,

Verstoßen, fluchbeladen, unstät von Ort zu Ort.

 

Einst sucht' er wohl vergebens seit manchem Tag vielleicht,

Wer ihm von seinem Brode das dürft'ge Stück gereicht;

Der Schoß der Mutter Erde empfieng zur letzten Ruh

Sein graues Haupt, ihm fielen die müden Augen zu.

 

 

Der neue Diogenes.

 

Was pressen sich die dichten Massen

Des Volkes in den engen Raum?

Es fassen, Amiens, deine Straßen

Das wogende Gedränge kaum. –

Der Kaiser naht, der Herr der Welt;

Hebt Siegeslieder an zu singen!

Er hat der Feinde Macht zerschellt,

Er naht, den Seinen Heil zu bringen! –

 

Der Freudenrausch, der sich ergossen,

Er läßt den Einen unberührt:

Ein Steinmetz ist's, der unverdrossen

Den Meißel und den Hammer führt;

Der läßt den Zug vorübergehn

Und nicht im Tagewerk sich stören,

Als hab er Augen nicht, zu sehn,

Als hab er Ohren nicht, zu hören.

 

Vom Roß herab bemerkt von ferne

Der Kaiser dort den rüst'gen Mann;

Es reizt ihn, daß er kennen lerne,

Wer so von ihm sich sondern kann.

Er hat sich ihm genaht, er fragt:

«Was schaffst du da?» – «Den Stein behauen!»

Entgegnet der, und wie er's sagt,

Er kann ihm scharf ins Antlitz schauen.

 

«Ich sah dich bei den Pyramiden,

Du schlugst dich gut, du warst Sergeant;

Wie kam's, daß du den Dienst gemieden,

Vergessen hier und unbekannt?»

«Ich habe meine Schuldigkeit

Gethan, o Herr, zu allen Stunden,

Und ward nach ausgedienter Zeit

Von Eid und Kriegespflicht entbunden!» –

 

«Es thut mir leid, im Heer zu missen,

Wer brav sich hielt im Kriegeslauf;

Laß deinen kühnsten Wunsch mich wissen,

Des Kaisers Gnade sucht dich auf!» –

«Ich brauche nichts, die Hände mein

Genügen noch, mich zu ernähren;

Laß mich behauen meinen Stein,

Und deiner Gnade nicht begehren.»

 

 

Georgis.

(Neugriechisch)

 

Georgis, Held Georgis, hast oft die Hände roth

Gefärbt in Türkenbluthe, gib Einem noch den Tod.

Wer aber bringt dir Kunde aus ferner Heimath her?

Du trägst nun Sklavenbande in unsrer Feinde Heer.

 

Der Türke Ariph schaltet in Kretas ebnem Land,

Er hat die stolze Botschaft den Rajas rings gesandt:

Es sollen eure Töchter erscheinen allzumal,

Zu meiner Lust zu tanzen vor mir in meinem Saal.

 

Und an Georgis' Vater sein Wort ergangen ist:

«Es werde deine Tochter beim Tanze nicht vermißt.»

Sie kam, und als am Abend er frei die andern sprach,

Da hatt er sie erkoren zu seines Bettes Schmach.

 

Die Jungfrau, stark und tüchtig, von aller Hülfe bloß,

Entwand sich dem Versucher und rang von ihm sich los;

Im schnellen Lauf entflohen dem prunkenden Gemach,

Erreichte, fromm und züchtig, sie bald das heim'sche Dach.

 

Zu ihres Vaters Hause am Morgen Ariph gieng,

Der Greis auf seiner Schwelle den argen Gast empfieng;

Er schickt ihn aus zum Frondienst und dringt ins Innre nun;

Die Jungfrau sucht der Wilde, Gewalt ihr anzuthun.

 

Vor ihr in ihrer Kammer in Waffen er erscheint,

Die Thüren sind verschlossen, er nun zu siegen meint;

Mit mannlichem Erkühnen greift selber sie ihn an,

Er liegt vor ihr entwaffnet, ein furchtsam feiger Mann.

 

Da schwur er beim Propheten ihr einen teuren Eid,

Er würde nun und nimmer versuchen eine Maid;

Da gab sie dem Bezwungnen die Freiheit, aufzustehn:

Und schenkt' ihm seine Waffen, und hieß hinaus ihn gehn.

 

Er aber zähneknirschend, der tiefen Schmach bewußt,

Nach bluth'ger Rache dürstend, stößt schnell in ihre Brust

Denselben Dolch, den eben ihm ihre Hand gereicht;

Sie sinkt zu seinen Füßen, verbluthet und erbleicht.

 

Vom Frondienst kommt der Alte zurück in böser Stund,

Er schaut die teure Leiche und ringt die Hände wund:

«Mein Sohn, mein Sohn Georgis, hast oft die Hände roth

Gefärbt in Türkenbluthe, gib Einem noch den Tod.»

 

Und Ariph hört den Jammer und schaut des Greises Schmerz; –

Es ist ein Schuß gefallen, die Kugel traf ins Herz;

Der Vater und die Tochter sind bluthig nun vereint,

Und keiner ist vorhanden, der über beide weint.

 

Georgis, Held Georgis, hast oft die Hände roth

Gefärbt in Türkenbluthe, gib Einem noch den Tod.

Wer aber bringt dir Kunde aus ferner Heimath her?

Du trägst nun Sklavenbande in unsrer Feinde Heer.

 

Die Möven bringen Kunde von Kretas heim'schem Strand,

Er hört die Möven, schüttelt und sprengt sein Sklavenband,

Ein Landsmann schafft ihm Waffen, ein andrer Ueberfahrt,

Er brütet Tag' und Nächte auf Rache seltner Art.

 

Was wühlt er stumm und grausig ein neugeschüttet Grab,

Und stört die Leiche dessen, der ihm das Leben gab?

Wohl schneidet aus dem Herzen er Ariphs Blei hervor,

Und ladet vielbedächtig damit sein Feuerrohr.

 

Der Türke hat vernommen, sein Feind ist heimgekehrt,

Er schickt ihm eine Botschaft, daß seiner er begehrt.

«Er möge heim mich suchen, ich traur im öden Haus,

Ich komme nicht zu Ariph, und trete nicht hinaus.»

 

Wie jener es gehöret, erwacht der alte Groll,

Er rufet seine Türken und spricht bedeutungsvoll:

«Mir folgen zehn in Waffen! der Raja spricht mir Hohn, –

Dem Vater und der Tochter gesell ich noch den Sohn.»

 

Er schreitet zu Georgis wohl in das Haus hinein;

Der Held saß überm Tische und trank den kühlen Wein,

Er greift nach seiner Waffe: «Hab oft die Hände roth

Gefärbt in Türkenbluthe, dir schuld ich noch den Tod.»

 

Er spricht's, und schießt zurücke die Kugel, die er nahm

Aus seines Vaters Leiche, auf den, von dem sie kam;

Er zielte nach dem Herzen und trifft, der Schütze, gut, –

Der Ariph wälzt sich röchelnd in seinem schwarzen Bluth.

 

Georgis, Held Georgis, hast oft die Hände roth

Gefärbt in Türkenbluthe, gabst Ariph auch den Tod;

Dein Nachruhm lebt in Liedern in aller Griechen Mund,

Und wird noch unsern Enkeln in späten Zeiten kund.

 

 

Lord Byrons letzte Liebe.

 

Byron ist erschienen, der Kamönen

Und des Ares Zögling strahlt, ein Held,

Unter Hellas heldenmüth'gen Söhnen

Auf dem bluthgedüngten Freiheitsfeld.

 

Und ihm schlagen aller Griechen Herzen –

Eines nicht, nach welchem er doch ringt;

Und er schafft sich unablässig Schmerzen,

Wo er selbst das Heil den Völkern bringt.

 

«Wie mein Volk, so will ich dich verehren!»

Mild, doch ungerührt die Jungfrau spricht:

«Magst die Krone von Byzanz begehren,

Meine Liebe nur begehre nicht!»

 

Eilig ward er einst zu ihr entboten,

Die der Stern ist seiner innern Nacht;

Stürmend folgt er, ahnungsvoll, dem Boten, –

Welch ein Schreckensbild vor ihm erwacht!

 

Starr lag, regungslos, die Schmerzenreiche,

Um ein Schwert die rechte Hand geballt;

Langsam richtet sich empor die bleiche,

Geisterartig herrliche Gestalt.

 

Sie beginnt: «Du sollst es jetzt erfahren:

Frühe traf ich schon der Liebe Wahl,

Gab sein Schwert auch meinem Palikaren,

Als das Vaterland es mir befahl.

 

Scheidend sprach ich ernst in ernster Stunde:

‹Sieg nur oder Tod, das wissen wir;

Auf denn! und ein Wort aus treuem Munde:

Stirbst du unserm Volke, sterb ich dir.›

 

Du nun siehst mich dem Gestorbnen sterben;

Fallend sandt er mir zurück sein Schwert;

Nimm es hin, du Dichterheld, zum Erben

Solchen Gutes bist nur du mir werth!»

 

Mit Entsetzen forscht er – und gelassen

Spricht sie: «Gift!» – und atmet, merklich kaum,

Und vollbracht ist's; – seine Arme fassen

Erst als Leiche seines Lebens Traum.

 

Byrons Züge seit der Stunde waren

Trüb und nächtlich, wie sein düstres Los;

Und er nahm das Schwert des Palikaren

Bald mit sich hinab in Grabes Schoß.

 

 

Sophia Kondulimo und ihre Kinder.

 

(Ed. Blaquière, Letters from Greece. London, 1828)

 

Du sinkest, Missolunghi, und liegst in Trümmern nun,

Bezeichnend nur den Friedhof, wo deine Helden ruhn;

Einziehend jauchzt der Moslim, der unserm Glauben flucht,

Und strauchelt über Leichen, wo er nach Sklaven sucht.

 

Sophia Kondulimo, die nun verwitwet stand, –

Ihr Gatte war gestorben den Tod fürs Vaterland –

Drückt ihre beiden Kinder an ihr gebrochnes Herz,

Und mißt die nächste Zukunft mit grenzenlosem Schmerz.

 

Die blühnde Jungfrau gleichet an hoher Schönheit Ruhm

Der goldnen Aphrodite vom blinden Heidenthum;

Nicht Jüngling noch zu nennen, der Knab entschüttelt kaum

Der blondgelockten Stirne den frohen Kindheitstraum.

 

«Auf, auf! der wüste Lüstling, der Türke stürmt herbei;

Noch steht ein Thor uns offen, ob wohl noch Rettung sei?

Nimm, Sohn, des Vaters Waffen, du – gestern noch ein Kind,

Es spricht die Zeit dich mündig, nun sei, was Männer sind!

 

Der Schande gilt's zu wehren, die gräßlich uns bedroht,

Wir fliehen vor der Schande, wir fürchten nicht den Tod;

Den letzten Schuß verwahrst du auf meinen Wink bereit,

Ich werde dir bezeichnen das Ziel und auch die Zeit.»

 

Es wälzt sich durch die Straßen, bedrängt von der Gefahr,

Der Witwen und der Waisen verzweiflungsvolle Schar,

Und flüchtend zu den Bergen ergießt sie sich durchs Feld,

Und wird in vollem Jammer vom Brand der Stadt erhellt.

 

Berittne Haufen schweifen und stellen auf dem Plan,

Sich Sklavinnen zu fangen, ein Menschentreiben an. –

O weinet, meine Augen! ich kann im Elendmeer

Sophia mit den Ihren nicht unterscheiden mehr.

 

Dort taucht sie aus der Menge, dort, bei der Bergesschlucht;

O rette deine Kinder, beflügle deine Flucht!

Es brechen Menschenräuber dort aus dem Hinterhalt,

Und feldwärts jagen Reiter herbei mit Sturmgewalt.

 

Zu spät! Die Schmerzenreiche ermißt, was kommen muß;

Der Sohn, des Winks gewärtig, bereitet sich zum Schuß,

Und sie – verhüllt ihr Antlitz, und ruft: «Der Türke naht! –

Dein Ziel – der Schwester Busen!» – Geschehen ist die That.

 

Stumm liegt zu ihren Füßen die göttergleiche Maid,

Von deren Herzens-Bluthquell sich gräßlich färbt ihr Kleid.

«Hinweg, hinweg! Sie ruhet gesichert so vor Schmach,

Hinweg vor dem Entsetzen, wovor das Herz uns brach.»

 

Sie sind nur wen'ge Schritte noch weiter ab geflohn,

Da sinkt an ihrer Seite verwundet auch der Sohn,

Und wie in ihren Armen sie ihn zu bergen glaubt,

Da blitzt ein Türkensäbel hernieder auf ihr Haupt.

 

Sie deckt den zarten Sprößling mit ihrem eignen Leib:

«Halt an: Und siehest, Unmensch, du nicht, ich bin ein Weib!»

Der Türke hält, getroffen vom Mutter-Angstgeschrei,

Und sparet die Gefangnen für harte Sklaverei.

 

Woher auf jenem Eiland das freudige Gewühl?

Sie küssen dort den Boden mit frommem Dankgefühl.

Ja, Eynards Boten eilten zur bluthgedüngten Statt,

Die Griechen-Sklaven sind es, die er erkaufet hat.

 

Sophia Kondulimo, du Schmerzensmutter, hier,

Und auch, den du gerettet, der Sohn zur Seite dir?

Bist du zu längerm Jammer hienieden aufgespart,

Das bluth'ge Bild der Tochter in steter Gegenwart?

 

Noch bringen andre Schiffe der Freigekauften viel,

Und viel des bittern Elends erreicht der Hoffnung Ziel;

Der junge Kondulimo, gemischt in ihre Schar,

Theilt Freud und Leid mit jedem, den Griechenland gebar.

 

«Wer bist du, Licht der Jungfraun? O wäre nicht geschehn,

Was selbst doch ich vollbrachte, ich dächte dich zu sehn;

O Schwester! – ja du bist es, ja, meine Schwester du!

Nun führ ich selbst der Mutter die Neugeborne zu!»

 

Eynard, du Freund der Menschheit, du segenreicher Mann,

Den auch der Dichter preisend nicht höher ehren kann,

Er beugt vor dir sich schweigsam und zollet dir gerührt

Mit Thränen frommer Ehrfurcht den Dank, der dir gebührt.

 

 

Chios.

 

Eugène Delacroix, Das Massaker von Chios (1824, Louvre Paris)

 

1

Der Dichter

 

«Auf! wach auf! entsetzlich müssen

Fieberträume dich erschrecken,

Krampfhaft stöhnst du, – laß mit Küssen

Dich dein treues Weib erwecken.» –

Dank dir, Weib; verscheuchst die bangen

Träume, hegst mich traut umfangen,

Und noch starrt mein Haar empor;

Noch, wohin die Blicke schweifen,

Seh ich bluth'ge Leichen schleifen,

Schwebt der Greuel Bild mir vor.

 

Dieses Buch 2) – es ist vergebens!

Laß an deiner Brust mich weinen,

Nimmer wird die Lust des Lebens

Wieder lächelnd mir erscheinen.

Chios, blühnder Friedensgarten,

Weh! du unterliegst dem harten,

Dem entmenschten Bluthgericht;

Deine neunzig tausend Bürger

Sind erwürgt, es zürnt der Würger,

Daß an Opfern es gebricht.

 

Allah! ruft der Moslim, hauet

Greise nieder, Kinder, Frauen;

Christus! ruft der Raja, schauet

Himmelwärts mit Hochvertrauen;

Er begehrt die heil'ge Palme; –

Menschen mähet der, wie Halme,

Jauchzet auf, ob Allahs Sieg. –

Das ist zu des Himmels Rache,

Das ist für die heil'ge Sache

Völker- und Vernichtungskrieg!

 

Die dem Wütherich zu Willen

Christensklaven hier verladen,

Schnöden Goldesdurst zu stillen

Sich in Bluth und Thränen baden,

Die nach Stambul bluth'ge Glieder

Liefern der erschlagnen Brüder –

Weh mir! – sind – o Schand und Spott!

Wagt mein Mund es auszusprechen? –

Franken sind es, und die Frechen

Nennen Christum ihren Gott.

 

Und die Pairs von Frankreich haben

Eines hohen Raths gepflogen,

Solcher Schandthat, solchen Knaben

Recht und Strafe zugewogen.

Du – Villele, sollst mir sagen,

Der den Rath zu unterschlagen

Du dich nicht entblödet hast:

Kennst du noch des Schlafes Mächte?

Nicht die Träume meiner Nächte

Tauscht ich gegen deine Rast!

 

2

Die Brüder

«Als von Samos du uns brachtest,

Logothetes, die Empörung,

Unglücksel'ger, du bedachtest

Nicht die drohende Zerstörung,

Nicht Vehib und seine Rotte,

Ali nicht und seine Flotte,

Nicht der Asiaten Brut;

Du entfleuchst, – wir sind vernichtet;

Der gereizte Tiger richtet,

Sättigt sich in unserm Bluth.»

 

Und er schreitet spähend, zagend,

Ueber Schutt und zwischen Leichen,

Gold und Edelsteine tragend,

In die Festung sich zu schleichen.

Ach er kommt, um zu den Füßen

Des Vehibs den Staub zu küssen,

Kommt den Unmensch zu erflehn; –

Wird dem Glanz der Edelsteine,

Wird Vehib dem Goldesscheine

Unerbittlich wiederstehn?

 

«Du und Ali habt's berathen;

Alle Geiseln müssen sterben,

Keiner soll von den Primaten

Unsers Volkes Gnad erwerben.

Nicht mit meinem Herrn zu rechten

Kam ich her; mit euren Knechten

Schaltet, wie ihr's räthlich glaubt;

Nimm hier deines Sklaven Gabe,

Nimm, Herr, seine ganze Habe,

Nimm sein dargebrachtes Haupt.

 

Ja mein Haupt: der Geiseln einer

Ist mein Bruder, nicht den Guten

Straf am Leben, nimm statt seiner

Mich, und laß für ihn mich bluthen.

Er ist Vater vieler Kinder;

Haupt um Haupt, es zählt nicht minder

Meines, als das teure Haupt.

Nimm hier deines Sklaven Gabe,

Nimm, Herr, meine ganze Habe,

Nimm mein dargebrachtes Haupt.»

 

Und es scheint, daß er sich freue

An dem Glanze des Metalles:

«Gilt dir, Raja, Brudertreue

Ueberschwenglich mehr als alles?

Willst den Tod für ihn erleiden?

Wohl, ich werde nicht euch scheiden. –

Schafft zur Stelle, den er meint!»

Wie sie sich umarmen wollen,

Winkt er; – beider Häupter rollen,

Und der Tod hat sie vereint.

 

3

Die Märtyrer

 

Welche nicht gewohnte Klänge

Hallen von den Klüften wider?

Jubelruf und Festgesänge:

«Heil dem Kreuz!» und Siegeslieder;

Und der Türke schaut verzaget

Nach den Bergen hin und fraget,

Ob der Halbmond unterliegt?

Ja, die Christusstreiter waren

Stark in harten Kampfs Gefahren,

Ja, es hat das Kreuz gesiegt.

 

Neun Tag ist das Bluth geflossen;

Der Barbaren wilde Horden,

Die sich rings ins Land ergossen,

Fangen Menschen ein und morden;

Herdenweise heimgetrieben,

Wie sie fest im Glauben blieben,

Sind dem Tode sie geweiht;

Wen'ge sparet man zu Sklaven;

Sie zu feilschen sind im Hafen

Fränk'sche Schiffe schon bereit.

 

Von den Bergen niederwallen

Sieht man einen neuen Haufen;

Diese sind, ach! abgefallen,

Sich vom Tode loszukaufen;

Türken, welche sie begleiten

Und voran dem Zuge reiten,

Triumphieren hochentzückt;

Doch sie selbst mit dumpfem Schweigen,

Und mit Schamerröthen zeigen,

Wie die Schmach sie niederdrückt.

 

Wie zum Richtplatz sie gelangen

Und dem Tod ins Auge schauen,

Dort, wo ihre Brüder hangen,

Ueberwinden sie das Grauen;

Es erfaßt sie, und sie beben

Vor der Sünde nur, dem Leben,

Vor der Schande bittrer Noth: –

«Heil dem Kreuze! wir sind Christen,

Wollen nicht das Leben fristen;

Gebt uns Märtyrern den Tod!»

 

Und der Bascha winkt im Grimme

Seinen Schergen sie zu schlachten;

Laut erschallt von fester Stimme

Der Gesang der Christenschlachten;

Bluth beginnt den Grund zu färben,

Und sie singen, und sie sterben,

Und des Kreuzes Hymne schallt,

Bis, erfüllt des Himmels Wille,

Schauerlich in Todesstille

Endlich der Gesang verhallt.

 

4

Die Geretteten

 

Vor der Wiege lieget bluthig,

Jung und schön, der Mann erschlagen,

Hat die schweren Wunden muthig

Vorn auf seiner Brust getragen;

Auf der Wiege selber lieget,

Angeklammert, angeschmieget,

Regungslos das zarte Weib,

Und den Säugling, welcher weinet

Und der Brust bedürftig scheinet,

Deckt sie starr mit ihrem Leib.

 

Jourdain, der mit zweien Booten

Kam, die Küste zu erspähen,

Und den letzten der Chioten

Rettung bringend beizustehen,

Jourdain sieht das Bild mit Schaudern,

Sucht die Mutter ohne Zaudern

Zu erwecken – kalt und todt!

Zitternd nimmt er in die Arme

Nun das Kind, es trieft das arme

Von der Mutter Bluth so roth.

 

Schüsse, die er höret, ziehen

Ins Gebirg ihn; mit Barbaren

Kämpft ein Grieche; jene fliehen,

Und befreiet von Gefahren,

Zeigt ihm dieser eine bleiche

Junge Frau, die auf die Leiche

Des durchbohrten Säuglings weint;

Trost will dieser Schmerzenreichen

Hochergraut ein Priester reichen,

Und er weint mit ihr vereint.

 

In den Schoß des jungen Weibes

Legt den Findling Jourdain nieder:

«Nahm das Kind dir deines Leibes

Gott, er schenket eins dir wieder;

Nennen sollst du's: Gottesgabe.

Aber auf! und folgt; ich habe

Boote dort bereit zur Fahrt.»

Wie die Gatten folgend danken,

Redet zu dem edeln Franken

So der Priester hochbejahrt:

 

«Zeuch mit Gott, der her dich sandte,

Und er leuchte deinen Wegen;

Der in dir zu uns sich wandte,

Spendet auch durch mich den Segen;

Schau auf diese meine Haare,

Die gebleichet achtzig Jahre,

Nicht der Lust gehör ich an;

Es geziemt mir hier zu wandeln,

An den Brüdern so zu handeln,

Wie du, Fremder, hast gethan.»

 

5

Die Leichen

 

Da, wo Chios einst gewesen,

Herrschet Stille sonder Gleichen;

Auf der Trümmerstatt verwesen

Zwanzig Tausend Christen-Leichen;

Andre füllen Strand und Hafen;

Keine Raja, keine Sklaven

Frönen mehr am öden Ort;

Es beginnt die Pest zu wüthen,

Und, die Seuche zu verhüten,

Zog der Türke weiter fort.

 

Ausgespannt die dunkeln Flügel

Deckt die Nacht die stummen Trümmer;

Doch wer geht, wer gräbt am Hügel

Einsam bei der Lampe Schimmer?

Ach! es ist der Gottesdiener,

Ist der fromme Kapuziner,

Der aus Frankreichs Konsulat;

Armer Greis! ins Grab sie betten

Muß er, die er jüngst von Ketten

Und vom Schwert errettet hat.

 

Das Gekreisch, was hat's zu schaffen,

Angstvoll auf dem Meer erhoben?

«Zu den Waffen! zu den Waffen!

Allah, sollen wir dich loben?

Schwarzer Ali, du sollst wachen!»

Donnerndes Geschützes Krachen

Weckt den fernen Widerhall; –

«Zu den Waffen! Feinde kommen,

Rajas kommen her geschwommen,

Wagen einen Ueberfall!»

 

Und aus finstrer Wolkenschichte

Bricht hervor des Mondes Scheibe;

Schaudernd sehn sie bei dem Lichte,

Daß der Landwind Leichen treibe,

Leichen in gedrängten Scharen,

Raja-Leichen, die da waren

Alis grauses Siegesmal;

Angespült wie von Gedanken,

Legen sie sich um die Flanken

Seines Schiffes sonder Zahl.

 

Bischof Platon, dort, der Greise,

Scheinet starr ihn anzuschauen,

Und es wird sein Bluth zu Eise,

Es erfasset ihn ein Grauen;

Will sich diesem Graus entziehen,

 

Will vor seinen Todten fliehen –

Schwarzer Ali, nur gemach!

Sieh, in deines Kieles Gleise

Ziehn sie wunderbarer Weise

Ihrem Mörder drohend nach.

 

6

Kanaris

 

Mondlos ist die Nacht; im Dunkeln

Sieht man fernher von den Masten

Alis farb'ge Lichter funkeln;

Schwelgend feiert er die Fasten,

Hat auch für ein Fest zu sorgen,

Dem Propheten weiht er morgen

Kinder, die er jüngst geraubt;

Und die fränk'schen Schiffe brachten

Ihm Trophä'n von Kretas Schlachten,

Ihm Balestes bluth'ges Haupt.

 

Siegsmusik und Hohn dem Armen!

Schwelge, schwelge noch Sekunden!

Hält dich fest in Flammenarmen

Doch dein Schicksal schon umwunden.

«Heil dem Kreuze!» – «Feuer! Feuer!»

Held Kanaris, Ungeheuer,

Leitete den Brander gut;

Deine Zeit ist um, die Flammen

Schlagen über dir zusammen,

Unter dir ergrimmt die Flut.

 

Unter gräßlichem Geheule

Stürzen krachend Mast' und Raaen,

Wirbelnd steigt die Feuersäule,

Keine Hülfe wagt zu nahen;

Sonder Führung und Gebote

Ueberfüllen sich die Boote,

Sie verschlingt des Meeres Schoß;

Gluth erfaßt nach kurzem Jammer

Endlich auch die Pulverkammer, –

Ali, du erfüllst dein Los.

 

Schweigsam steuert – angegriffen

Wird sein Boot er selber sprengen –

Held Kanaris zwischen Schiffen,

Die in blinder Flucht sich drängen; –

Keines mag um ihn sich kümmern –

Steuert zwischen Schiffestrümmern,

Bis er freier um sich schaut:

«Heil dem Kreuz!» vor Psaras Strande,

Vor dem teuren Vaterlande,

Flaggt er, als der Morgen graut.

 

«Seht die Flaggen! Heil dem Sieger!

Heil dem Rächer! ihm zum Lohne,

Der erlegt den grimmen Tiger,

Lorbeer, winde dich zur Krone!»

Und, sein Steuerruder tragend,

Landet, schreitet er entsagend

Durch die Haufen, stumm und taub,

Barhaupt, barfuß zur Kapelle,

Und er wirft auf heil'ger Schwelle

Vor dem Kreuz sich in den Staub.

 

2) Pouquevilles «Geschichte der Wiedergeburt Griechenlands». VI. Buch.