<<< Einführung



B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A

 

 

 

 
Annette von Droste-Hülshoff
1797 - 1848
 


 






 



U n r u h e

1816

________________________


Laß uns hier ein wenig ruhn am Strande
FOIBOS Stralen spielen auf dem Meere
Siehst du dort der Wimpel weiße Heere
Reisge Schiffe ziehn zum fernen Lande

5
Ach! wie ists erhebend sich zu freuen
An des Ozeans Unendlichkeit
Kein Gedanke mehr an Maaß und Räume
Ist, ein Ziel, gesteckt für unsre Träume
Ihn zu wähnen dürfen wir nicht scheuen
10
Unermeßlich wie die Ewigkeit.

Wer hat ergründet
Des Meeres Gränzen
Wie fern die schäumende Woge es treibt
Wer seine Tiefe
15
Wenn muthlos kehret
Des Senkbley's Schwere
Im wilden Meere
Des Ankers Rettung vergeblich bleibt.

Möchtest du nicht mit den wagenden Seglern
20
Kreisen auf dem unendlichen Plan?
O! ich möchte wie ein Vogel fliehen
Mit den hellen Wimpeln möcht ich ziehen
Weit, o weit wo noch kein Fußtritt schallte
Keines Menschen Stimme wiederhallte
25
Noch kein Schiff durchschnitt die flüchtge Bahn

Und noch weiter, endlos ewig neu
Mich durch fremde Schöpfungen, voll Lust
Hinzuschwingen fessellos und frey,
O! das pocht das glüht in meiner Brust
30
Rastlos treibts mich um im engen Leben
Und zu Boden drücken Raum und Zeit
Freyheit heißt der Seele banges Streben
Und im Busen tönts Unendlichkeit!

Stille, stille, mein thörichtes Herz
35
Willst du denn ewig vergebens dich sehnen?
Mit der Unmöglichkeit hadernde Trähnen
Ewig vergießen in fruchtlosem Schmerz?

So manche Lust kann ja die Erde geben
So liebe Freuden jeder Augenblick
40
Dort stille Herz dein glühendheißes Beben
Es giebt des Holden ja so viel im Leben
So süße Lust und, ach! so seltnes Glück!

Denn selten nur genießt der Mensch die Freuden
Die ihn umblühn sie schwinden ungefühlt
45
Sey ruhig, Herz, und lerne dich bescheiden
Giebt FOIBOS heller Strahl dir keine Freuden
Der freundlich schimmernd auf der Welle spielt?

Laß uns heim vom feuchten Strande kehren
Hier zu weilen, Freund, es thut nicht wohl,
50
Meine Träume drücken schwer mich nieder
Aus der Ferne klingts wie Heymathslieder
Und die alte Unruh' kehret wieder
Laß uns heim vom feuchten Strande kehren
Wandrer auf den Wogen, fahret wohl!

55
Fesseln will man uns am eignen Heerde!
Unsre Sehnsucht nennt man Wahn und Traum
Und das Herz, dies kleine Klümpchen Erde
Hat doch für die ganze Schöpfung Raum!
 
 
 
<<< Einführung