BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Kaspar Hauser

1812 - 1833

 

Zur Person

 

Kaspar Hauser, Findelkind und Rätsel seiner Zeit, erschien am 26. Mai 1828 als etwa 16-jähriger auf dem Unschlittplatz der Stadt Nürnberg. Er machte den Eindruck eines geistig Zurückgebliebenen und zeigte ein seltsames Verhalten. Bei einer ersten Befragung, bei der er seinen Namen mit „Kaspar Hauser“ angab, behauptete er, solange er denken könne, sei er ganz allein bei Wasser und Brot in einem dunklen Keller gefangengehalten worden. Schließlich sei er von seinem Bewacher nach Nürnberg gebracht worden, mit dem Auftrag an den „Rittmeister des 6. Schwolischen Regiments“ (6. Chevauxlegers-Regiment) ein Schreiben zu übergeben. In diesem Schreiben behauptet ein angeblicher Taglöhner, der Junge sei ihm „gelegt“ worden, er habe ihn heimlich aufgezogen, nun wolle der Junge „Reiter“ werden, wie sein Vater, und der Rittmeister möge ihm das ermöglichen. Dem Schreiben lag auch noch ein Brief von Hausers angeblicher Mutter bei, die seinen Vornamen „Kaspar“ nennt und als Geburtsdatum den 30. April 1812 angibt. Hausers Fall erregte schnell großes Aufsehen und Interesse, sowohl im Inland, aber auch im Ausland. Er wurde zur öffentlichen Attraktion: „Jedermann wurde zu ihm gelassen, der ihn zu besehen Lust hatte.“ (Anselm von Feuerbach). Am 7. Juli 1828 veröffentlichte der Nürnberger Bürgermeister Binder nach vielen Gesprächen mit Hauser eine Bekanntmachung, in der er von dessen Vorgeschichte berichtete. Am 28. Juli 1828 wurde Hauser zur Pflege und Erziehung in das Haus des Gymnasiallehrers und Religionsphilosophen Georg Friedrich Daumer aufgenommen. Dieser führte mit Hauser auch zahlreiche homöopathische und magnetische Experimente durch und attestierte ihm außergewöhnliche Eigenschaften und eine überempfindliche Sensitivität. Am 17. Oktober 1829 wurde Hauser im Keller der Wohnung Daumers mit einer stark blutenden Schnittwunde an der Stirn aufgefunden. Er gab an, von einem Maskierten überfallen und verletzt worden zu sein. Er habe an der Stimme seinen einstigen Bewacher erkannt, dieser habe ihn mit den Worten bedroht: „Du musst doch noch sterben, ehe du aus der Stadt Nürnberg kommst“. Trotz einer ausgesetzten hohen Belohnung konnte der Vorfall nicht geklärt werden. Er befeuerte auch die „Prinzenlegende“, ein Gerücht, nachdem Hauser der 1812 geborene Erbprinz von Baden sei, den man, um seine Thronfolge zu verhindern, beiseite geschafft habe. Allerdings wurden auch erste Zweifel an Hausers Glaubwürdigkeit geäußert. Im April 1830 verletzte sich Hauser auf seinem Zimmer durch einen angeblich versehentlich ausgelösten Pistolenschuß an der rechten Schläfe. Auch dieser Vorfall blieb ungeklärt. Nachdem im Dezember 1831 der englische Adlige Earl Stanhope die Pflegschaft über Hauser erhalten hatte, brachte er diesen auf Anraten Feuerbachs bei Johann Georg Meyer, einem Ansbacher Lehrer, unter. Gleichzeitg versuchte er mit hohem finanziellem Aufwand vergeblich Hausers Herkunft zu klären. Da man der Meinung war, daß Hauser für anspruchsvollere Berufe nicht geeignet sei, wurde er in Ansbach beim Gerichtspräsidenten Feuerbach als Schreiber angestellt. Am 14. Dezember 1833 kam es zu einem mysteriösen Vorfall. Bei einem Spaziergang im Ansbacher Hofgarten erhält Hauser eine lebensgefährliche Stichverletzung. Er behauptet, ein Unbekannter habe ihm diese beigebracht. Am Tatort findet sich ein Zettel in Spiegelschrift mit Andeutungen über Hausers Herkunft. Er stirbt an den Folgen der Verletzung am Abend des 17. Dezember 1833. Die obduzierenden Ärzte sind im Zweifel, ob es sich um Fremdeinwirkung oder eine Selbstverletzung handeln könnte. Auch nach seinem Tod hielt die kontroverse Auseinandersetzung um seine Lebensgeschichte an und sie reicht bis in die Gegenwart. So brachte etwa eine im Jahre 2002 durchgeführte Genanalyse wegen des widersprüchlichen Untersuchungsmaterials keine endgültige Klärung der Erbprinzentheorie. Kaspar Hauser hat jedoch nicht nur Wissenschaftler und Kriminalisten fasziniert, sondern auch Schriftsteller, Filmemacher und Künstler.

 

 

Stille fand sein Schritt die Stadt am Abend;

Die dunkle Klage seines Munds:

Ich will ein Reiter werden.

(Georg Trakl, Kaspar-Hauser-Lied, 1913)

Suis-je né trop tôt ou trop tard?

Qu'est-ce que je fais en ce monde?

Ô vous tous, ma peine est profonde:

Priez pour le pauvre Gaspard!

(Paul Verlaine, Gaspard Hauser chante, 1873/81)

 

 

Texte und Bilder von Kaspar Hauser

 

Texte

Zeichnungen und Aquarelle

Hauser-Portraits

 

 

Rezeption

 

Literarische Rezeption

Film und Musik

 

 

Dokumente, Berichte, Untersuchungen

 

Das Schreiben an den Rittmeister/Der Brief der angeblichen Mutter

(1828)

Das 1833 im Ansbacher Hofgarten aufgefundene Schreiben

(1833)

Jakob Friedrich Binder, Bekanntmachung des Magistrats der Stadt Nürnberg

(1828)

Die Akten zum Fall Kaspar Hauser im Staatsarchiv Wien

(1830 - 1854)

Johann Friedrich Karl Merker: Caspar Hauser, nicht unwahrscheinlich ein Betrüger

(1830)    >>>

Rudolf Giehrl: Kaspar Hauser der ehrliche Findling, als Widerlegung der

Polizeyrath Merkerschen Schrift: „Kaspar Hauser, nicht unwahrscheinlich ein Betrüger“

(1830)   >>>

Franz Hanfstaengl: Skizze der bis jetzt bekannten Lebensmomente

des Findlings Caspar Hauser in Nürnberg

(1830)   >>>

A. B.: Schutzworte für den Nürnberger Findling Caspar Hauser

gegen die Schrift des Polizeiraths Merker

(1830)   >>>

Johann Friedrich Karl Merker: Nachrichten über Caspar Hauser

(1831)   >>>

Anselm von Feuerbach, Wer möchte wohl Kaspar Hauser sein?

Mémoire an Karoline von Baden

(1832)   >>>

Anselm von Feuerbach: Kaspar Hauser oder Beispiel eines Verbrechens

am Seelenleben eines Menschen

(1832)

Georg Philipp Schmidt: Über Caspar Hauser

(1832)   >>>

Georg Friedrich Daumer: Mittheilungen über Kaspar Hauser

(1832)   >>>  1. Heft    >>>  2. Heft

Karl Preu: Der Findling Caspar Hauser

und dessen außerordentliches Verhältniß zu homöopathischen Heilstoffen

(1832)   >>>

Heinrich Fuhrmann: Kaspar Hauser’s Confirmationsfeier am 20. May 1833

(1833)   >>>

Johann Friedrich Karl Merker: Einige Betrachtungen über die von Herrn v. Feuerbach

geschilderte Geschichte Caspar Hausers: enthaltend den Nachweis, daß im neunzehnten

Jahrhundert der Glaube an Wunder und Mährchen nicht verloschen ist

(1833)   >>>

Heinrich Fuhrmann: Trauerrede bei der am 20. Dezember 1833 erfolgten Beerdigung

des am 14. desselben Monats meuchlings ermordeten Kaspar Hauser

(1833)   >>>

Friedrich Wilhelm Heidenreich: Kaspar Hausers Verwundung, Krankheit und Leichenöffnung

(1834)   >>>

Heinrich Fuhrmann: Kaspar Hauser. Beobachtet und dargestellt in der letzten Zeit seines Lebens,

von seinem Religionslehrer und Beichtvater

(1834)   >>>

Philip Henry Stanhope: Wichtige Aufklärungen über Kaspar Hausers Geschichte:

durch den Grafen Stanhope dem Polizeirath Merker mitgetheilt

(1834)   >>>

Johann Michael Zimmermann: Kaspar Hauser in physiologischen, psychologischen

und pathogenisch-pathologischen Untersuchungen beurtheilt

(1834)   >>>

Joseph H. Garnier: Einige Beiträge zur Geschichte Caspar Hausers,

nebst einer dramaturgischen Einleitung

(1834)   >>>

Karl Heinrich von Lang: Kaspar Hausersche Literatur

(1834)   >>>

Philip Henry Stanhope: Materialien zur Geschichte Kaspar Hausers

(1835)   >>>

Philipp Heinrich Welcker: Hauser. Ein lyrisches Gedicht

(1835)

Joseph Schauberg: Aktenmäßige Darstellung der über die Ermordung des Studenten

Ludwig Lessing ... in Zürich geführten Untersuchung.

Zweites Beilagenheft: Beiträge zur Geschichte Kaspar Hausers

(1837)    >>>

Caroline von Albersdorf: Kaspar Hauser oder Andeutungen zur Enthüllung mancher Geheimnisse

über Hausers Herkunft, die Ursache seiner Gefangenhaltung und Ermordung,

Zergliederung des mitgebrachten Briefes, Bezeichnung des Mörders, ...

(1837)    >>>

Caroline von Albersdorf: Kaspar Hauser oder die richtige Enthüllung der Geheimnisse

über Hausers Herkunft, die Ursache seiner Einsperrung, Dauer derselben, ... (2. erw. Aufl.)

(1839)    >>>  1. Band    >>>  2. Band

Sebastian Seiler: Caspar Hauser, der Thronerbe Badens

(1840)    >>>  1. Aufl.    >>>  2. Aufl. (1845)    >>>  3. Aufl. (1847)

Levin Schücking: Die Herkunft Kaspar Hausers [Aus dem Morgenblatt]

[1848]    >>>

Daniel Friedrich Eschricht: Unverstand und schlechte Erziehung.

4 populäre Vorlesungen über Kaspar Hauser

(1857)    >>>

Georg Friedrich Daumer: Enthüllungen über Kaspar Hauser: mit Hinzufügung

neuer Belege und Dokumente und Mittheilung noch ganz unbekannter Thatsachen,

namentlich zu dem Zwecke, die Heimat und Herkunft des Findlings zu bestimmen

und die vom Grafen Stanhope gespielte Rolle zu beleuchten; eine wider Eschricht und Stanhope

gerichtete historische, psychologische und physiologische Beweisführung

(1859)    >>>

Georg Friedrich Kolb [unter Pseud. F. K. Broch]: Kaspar Hauser:

kurze Schilderung seines Erscheinens und seines Todes, Zusammenstellung und

Prüfung des bis jetzt vorliegenden Materials über seine Abstammung,

Mittheilung seither noch nicht veröffentlichter Thatsachen, und kritische Würdigung

der Angaben von Feuerbach, Eschricht und der neuesten von Daumer

(1859)    >>>

Julius Meyer: Authentische Mittheilungen über Caspar Hauser.

Mit Genehmigung der königlich Bayerischen Staatsministerien der Justiz und des Innern

zum erstenmale aus den Gerichts- und Administrativ-Acten zusammengestellt

und mit Anmerkungen versehen

(1872)    >>>

Georg Friedrich Daumer: Kaspar Hauser: Sein Wesen, seine Unschuld, seine Erduldungen

und sein Ursprung in neuer, gruendlicher Erörterung und Nachweisung.

Mit einer Anzahl bisher noch unveröffentlichter Aufsätzen, Nachrichten und Erklärungen

gewichtvoller Beobachter, Zeugen und Sachkenner, namentlich auch zur Ergänzung

des theils an sich mangelhaften, theils noch ungenügend und mit Weglassung

relevanter Bestandtheile mitgetheilten Actenmaterials

(1873)    >>>

Wilhelm Martens: Ueber Caspar Hauser. Ein Vortrag

(1875)    >>>

Otto Mittelstädt: Kaspar Hauser und sein badisches Prinzenthum

(1876)    >>>

W. Höchstetter: Kaspar Hauser (Allgemeine Deutsche Biographie, Band 11)

(1880)    >>>

Georg Friedrich Kolb: Kaspar Hauser. Ältere und neue Beiträge

zur Aufhellung der Geschichte des Unglücklichen

(1883)    >>>

Philipp von Künsberg: Kaspar Hauser, seine Lebensgeschichte

und der Nachweis seiner fürstlichen Herkunft.

Aus nunmehr zur Veröffentlichung bestimmten Papieren einer hohen Person

(1883)    >>>

Antonius von der Linde: Kaspar Hauser. Eine neuzeitliche Legende

(1887)    >>>

Antonius van der Linde: Zum Kaspar-Hauser-Schwindel

(1888)    >>>  I. Kaspar Hauser's erste Selbstbiographie

>>>  II. Die gewonnene Schlacht. Kaspar Hauser und die Kritik

 

 

Sekundäres

 

Kaspar Hauser (Wikipedia)

Hanns Hubert Hofmann: Kaspar Hauser (Neue Deutsche Biographie, 1969)

Anmerkungen zur Kaspar-Hauser-Rezeption (Ulrich Struve, 1998)

200 Jahre: Die umstrittene Geschichte eines Findelkindes (ZEITonline 2012)

200 Jahre: Findelkind Kaspar Hauser: Der Prinz und der Bettelknabe (FAZonline 2012)

Das schaurige Geheimnis des Kaspar Hauser (DIE WELT 2010)

Fritz Trautz, Zum Problem der Persönlichkeitsdeutung: «Gaspar Hauser» von Jean Mistler (1974)

Kaspar Hauser - Die Gen-Analysen (Bayerischer Rundfunk)

Quellen, Kolophon