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B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A

 

 

 

 
Georg Herwegh
1817 - 1875
 


 






 



A u s   d e m
N a c h l a ß


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Sonett
(1845)

Dem Glanz der Throne bin ich wohl entronnen,
Und niemand sucht mich bei den Schmeichler-Chören,
Der bunte Pomp, wie könnt er mich betören!
Um keine kreis ich eurer Tagessonnen.

Doch hab ich wenig oder nichts gewonnen:
Nur  a l l e n  kann die Freiheit angehören,
Die ganze Welt muß sich mit dir empören -
Sonst hast du nur ein eitel Werk gesponnen.

Drum fühl ich tief: Ich bin kein freier Mann,
Und ob ich keines Fürsten Joch mehr schleppe,
So bleibt doch jeder Sklave mein Tyrann.

Ich flieh umsonst Palast und Marmortreppe,
Und alles, was ich mir erobern kann,
Ist Einsamkeit in dieser Menschensteppe.

 

Gedichte an Nathalie Herzen
(1850/52)

I

Ich weiß, dein Vater war der Wind,
Der mit der Woge buhlte, Kind.
Ich weiß, daß alle dich verklagen,
Ich weiß, was deine Schwestern sagen,
Ich weiß, wie falsch die Wellen sind,
Und kenn auch dich, du holdes Kind.

Ich weiß, du wirst aus weißen Händen
Den Todespfeil mir lächelnd senden.
In deinem Arm ist keine Ruh,
Der Wind ist flüchtig nicht wie du.
In deinen Augen steht geschrieben:
Weh allen denen, die mich lieben.

Da tönt mir deine Stimme her -
Ich folge dir und weiß nichts mehr.

II

Ich bin nicht ganz
Von dir getrennt;
Im Abendglanz,
Wenn schweigend brennt
Die Meeresflut
Zu Füßen dir,
O denk die Glut,
Sie kommt von mir -

Vielleicht, vielleicht,
Dann wird dir warm,
Dein Herz beschleicht
Ein stiller Harm,
Und hörbar kaum,
Für sich allein,
Spricht's wie im Traum:
Ich harre dein -

III

Sie war, sie war mein eigen,
Des Frühlings schönste Blume mein,
Mein Herz schlug in den Zweigen
Als Vögelein.

Die Blume ist verdorben,
Verdorben als der Sommer kam,
Das Vöglein ist gestorben
Vor Leid und Gram.

Was soll ich stehn und klagen,
Ein welkes Blatt am Herbstesstrauch -
Wohin du die Blume getragen,
Sturm, trage mich auch.



Am Grabe eines
deutschen Flüchtlings

(Juli 1860)

[Rede im Namen deutscher Flüchtlinge
bei der Beerdigung von A. Schmitt in Zürich]


In der Zeit der Reden und Redensarten ist es nicht meine Sache, Worte zu machen. Wiederum ein Flüchtling, der in fremder Erde begraben wird! Mühe und Arbeit, das war sein Los auf der Welt. Vergeblich wartete er elf Jahre darauf, zurückgerufen zu werden in die Heimat; aber Fürsten und Prinzregenten - sie werden noch manchen warten lassen! Arme, treue Seele, du hast es jetzt überwunden. Sei sie dir leicht, die fremde, republikanische Erde, leichter als die dumpfe heimatliche Luft manchem der Freunde draußen ist! - Morgen tragen sie in das «Invalidenhaus» mit allem Pomp der Erde einen Fürsten, während dich heute ein Dutzend Freunde aus dem Invalidenhaus zum Grabe begleitet! Ich sehe dich lächeln über jenen Pomp! Leb wohl, du braver, ehrlicher Republikaner! Nach altem, frommem Brauch werfe ich eine Scholle Erde auf dein Grab. Leb wohl.
 
 
 
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