B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A
           
  Eduard Mörike
1804 -1875
     
   



D e r   a l t e   T h u r m h a h n .

I d y l l e

Text:
Eduard Mörike, Werke und Briefe
Herausgegeben von H. Arbogast,
H.-H. Krummacher, H. Meyer, B. Zeller
Band 1,1: Gedichte, Ausgabe von 1867
Herausgegeben von H.-H. Krummacher
Stuttgart 2003


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Manuskript der 22zeiligen, ersten Fassung von 1840
(Schiller-Nationalmusuem Marbach)



Zu Cleversulzbach im Unterland
Hundert und dreizehn Jahr ich stand,
Auf dem Kirchenthurn ein guter Hahn,
Als ein Zierath und Wetterfahn.
5
In Sturm und Wind und Regennacht
Hab' ich allzeit das Dorf bewacht.
Manch falber Blitz hat mich gestreift,
Der Frost mein' rothen Kamm bereift,
Auch manchen lieben Sommertag,
10
Da man gern Schatten haben mag,
Hat mir die Sonne unverwandt
Auf meinen goldigen Leib gebrannt.
So ward ich schwarz für Alter ganz,
Und weg ist aller Glitz und Glanz.
15
Da haben sie mich denn zuletzt
Veracht't und schmählich abgesetzt.
Meinthalb! So ist der Welt ihr Lauf,
Jetzt thun sie einen andern 'nauf.
Stolzir', prachtir' und dreh' dich nur!
20
Dir macht der Wind noch andre Cour.

Ade, o Thal, du Berg und Thal!
Rebhügel, Wälder allzumal!
Herzlieber Thurn und Kirchendach,
Kirchhof und Steglein über'n Bach!
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Du Brunnen, dahin spat und früh
Öchslein springen, Schaf' und Küh',
Hans hinterdrein kommt mit dem Stecken,
Und Baste's Evlein auf dem Schecken!
- Ihr Störch' und Schwalben, grobe Spatzen,
30
Euch soll ich nimmer hören schwatzen!
Lieb däucht mir jedes Drecklein itzt,
Damit ihr ehrlich mich beschmitzt.
Ade, Hochwürden, Ihr Herr Pfarr,
Schulmeister auch, du armer Narr!
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Aus ist, was mich gefreut so lang,
Geläut' und Orgel, Sang und Klang.

Von meiner Höh' so sang ich dort,
Und hätt' noch lang gesungen fort,
Da kam so ein krummer Teufelshöcker,
40
Ich schätz', es war der Schieferdecker,
Packt mich, kriegt nach manch' hartem Stoß
Mich richtig von der Stange los.
Mein alt preßhafter Leib schier brach,
Da er mit mir fuhr ab dem Dach
45
Und bei den Glocken schnurrt hinein;
Die glotzten sehr verwundert drein,
Regt' ihnen doch weiter nicht den Muth,
Dachten eben, wir hangen gut.

Jetzt thät man mich mit altem Eisen
50
Dem Meister Hufschmied überweisen;
Der zahlt zween Batzen und meint Wunder,
Wie viel es wär' für solchen Plunder.
Und also ich selben Mittag
Betrübt vor seiner Hütte lag.
55
Ein Bäumlein - es war Maienzeit -
Schneeweiße Blüthen auf mich streut,
Hühner gackeln um mich her,
Unachtend, was das für ein Vetter wär'.
Da geht mein Pfarrherr nun vorbei,
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Grüßt den Meister und lächelt: Ei,
Wär's so weit mit uns, armer Hahn?
Andrees, was fangt Ihr mit ihm an?
Ihr könnt ihn weder sieden noch braten,
Mir aber müßt es schlimm gerathen,
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Einen alten Kirchendiener gut
Nicht zu nehmen in Schutz und Hut.
Kommt! tragt ihn mir gleich vor in's Haus,
Trinket ein kühl Glas Wein mit aus.

Der rußig Lümmel, schnell bedacht,
70
Nimmt mich vom Boden auf und lacht.
Es fehlt' nicht viel, so that ich frei
Gen Himmel einen Freudenschrei.
Im Pfarrhaus, ob dem fremden Gast
War Groß und Klein erschrocken fast;
75
Bald aber in jedem Angesicht
Ging auf ein rechtes Freudenlicht.
Frau, Magd und Knecht, Mägdlein und Buben,
Den großen Göckel in der Stuben
Mit siebenfacher Stimmen Schall
80
Begrüßen, begucken, betasten all'.
Der Gottesmann drauf mildiglich
Mit eignen Händen trägt er mich
Nach seinem Zimmer, Stiegen auf,
Nachpolteret der ganze Hauf.

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Hier wohnt der Frieden auf der Schwell'!
In den geweißten Wänden hell
Sogleich empfing mich sondre Luft,
Bücher- und Gelahrtenduft,
Gerani- und Resedaschmack,
90
Auch ein Rüchlein Rauchtabak.
(Dieß war mir all' noch unbekannt.)
Ein alter Ofen aber stand
In der Ecke linker Hand.
Recht als ein Thurn tät er sich strecken
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Mit seinem Gipfel bis zur Decken,
Mit Säulwerk, Blumwerk, kraus und spitz -
O anmuthsvoller Ruhesitz!
Zuöberst auf dem kleinen Kranz
Der Schmied mich auf ein Stänglein pflanzt'.

100
Betrachtet mir das Werk genau!
Mir däucht's ein ganzer Münsterbau;
Mit Schildereien wohl geziert,
Mit Reimen christlich ausstaffirt.
Davon vernahm ich manches Wort,
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Dieweil der Ofen ein guter Hort
Für Kind und Kegel und alte Leut',
Zu plaudern, wann es wind't und schneit.

Hier seht ihr seitwärts auf der Platten
Eines Bischofs Krieg mit Mäus' und Ratten,
110
Mitten im Rheinstrom sein Castell.
Das Ziefer kommt geschwommen schnell,
Die Knecht' nichts richten mit Waffen und Wehr,
Der Schwänze werden immer mehr.
Viel Tausend gleich in dicken Haufen
115
Frech an der Mauer auf sie laufen,
Fallen dem Pfaffen in sein Gemach;
Sterben muß er mit Weh und Ach,
Von den Thieren aufgefressen,
Denn er mit Meineid sich vermessen.
120
- Sodann König Belsazers seinen Schmaus,
Weiber und Spielleut', Saus und Braus;
Zu großem Schrecken an der Wand
Räthsel schreibt eines Geistes Hand.
- Zuletzt da vorne stellt sich für
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Sara lauschend an der Thür,
Als der Herr mit Abraham
Vor seiner Hütte zu reden kam,
Und ihme einen Sohn versprach.
Sara sich Lachens nicht entbrach,
130
Weil Beide schon sehr hoch betaget.
Der Herr vernimmt es wohl und fraget:
Wie, lachet Sara? glaubt sie nicht,
Was der Herr will, leicht geschicht?
Das Weib hinwieder Flausen machet,
135
Spricht: Ich habe nicht gelachet.
Das war nun wohl gelogen fast,
Der Herr es doch passiren laßt,
Weil sie nicht leugt aus arger List,
Auch eine Patriarchin ist.

140
Seit daß ich hier bin dünket mir
Die Winterszeit die schönste schier.
Wie sanft ist aller Tage Fluß
Bis zum geliebten Wochenschluß!
- Freitag zu Nacht, noch um die Neune,
145
Bei seiner Lampen Trost alleine,
Mein Herr fangt an sein Predigtlein
Studiren; anderst mag's nicht sein;
Eine Weil' am Ofen brütend steht,
Unruhig hin und dannen geht:
150
Sein Text ihm schon die Adern reget;
Drauf er sein Werk zu Faden schläget.
Inmittelst einmal auch etwan
Hat er ein Fenster aufgethan -
Ah, Sternenlüfteschwall wie rein
155
Mit Haufen dringet zu mir ein!
Den Verrenberg ich schimmern seh',
Den Schäferbühel dick mit Schnee!

Zu schreiben endlich er sich setzet,
Ein Blättlein nimmt, die Feder netzet,
160
Zeichnet sein Alpha und sein O
Über dem EXORDIO.
Und ich von meinem Postament
Kein Aug' ab meinem Herrlein wend';
Seh', wie er, mit Blicken steif in's Licht,
165
Sinnt, prüfet jedes Worts Gewicht,
Einmal sacht' eine Prise greifet,
Vom Docht den rothen Butzen streifet;
Auch dann und wann zieht er vor sich
Ein Sprüchlein an vernehmentlich,
170
So ich mit vorgerecktem Kopf
Begierlich bringe gleich zu Kropf.
Gemachsam kämen wir also
Bis Anfang APPLICATIO.

Indeß der Wächter Elfe schreit.
175
Mein Herr denkt: es ist Schlafenszeit;
Ruckt seinen Stuhl und nimmt das Licht;
Gut Nacht, Herr Pfarr! - Er hört es nicht.

Im Finstern wär' ich denn allein.
Das ist mir eben keine Pein.
180
Ich hör' in der Registratur
Erst eine Weil' die Todtenuhr,
Lache den Marder heimlich aus,
Der scharrt sich müd am Hühnerhaus;
Windweben um das Dächlein stieben;
185
Ich höre wie im Wald da drüben -
Man heißet es im Vogeltrost -
Der grimmig Winter sich erbost,
Ein Eichlein spalt't jähling mit Knallen,
Eine Buche, daß die Thäler schallen.
190
- Du meine Güt', da lobt man sich
So frommen Ofen dankbarlich!
Er wärmelt halt die Nacht so hin,
Es ist ein wahrer Segen drin.
- Jetzt, denk' ich, sind wohl hie und dort
195
Spitzbuben aus auf Raub und Mord;
Denk', was eine schöne Sach' es ist,
Brave Schloß und Riegel zu jeder Frist!
Was ich wollt' machen herentgegen,
Wenn ich eine Leiter hört' anlegen;
200
Und sonst was so Gedanken sind;
Ein warmes Schweißlein mir entrinnt.
Um Zwei, Gottlob, und um die Drei
Glänzet empor ein Hahnenschrei,
Um Fünfe, mit der Morgenglocken,
205
Mein Herz sich hebet unerschrocken,
Ja voller Freuden auf es springt,
Als der Wächter endlich singt:
Wohlauf, im Namen Jesu Christ!
Der helle Tag erschienen ist!

210
Ein Stündlein drauf, wenn mir die Sporen
Bereits ein wenig steif gefroren,
Rasselt die Lis' im Ofen, brummt,
Bis's Feuer angeht, saust und summt.
Dann von der Küch 'rauf, gar nicht übel,
215
Die Supp' ich wittre, Schmalz und Zwiebel.
Endlich, gewaschen und geklärt,
Mein Herr sich frisch zur Arbeit kehrt.

Am Samstag muß ein Pfarrer fein
Daheim in seiner Klause sein,
220
Nicht visiteln, herumkutschiren,
Seine Faß einbrennen, sonst hantieren.
Meiner hat selten solch' Gelust.
Einmal - Ihr sagt's nicht weiter just -
Zimmert' er den ganzen Nachmittag
225
Dem Fritz an einem Meisenschlag,
Dort an dem Tisch, und schwatzt' und schmaucht',
Mich alten Tropf kurzweilt' es auch.

Jetzt ist der liebe Sonntag da.
Es läut't zur Kirchen fern und nah.
230
Man orgelt schon; mir wird dabei,
Als säß' ich in der Sakristei.
Es ist kein Mensch im ganzen Haus;
Ein Mücklein hör' ich, eine Maus.
Die Sonne sich in's Fenster schleicht,
235
Zwischen die Cactusstöck' hinstreicht
Zum kleinen Pult von Nußbaumholz,
Eines alten Schreinermeisters Stolz;
Beschaut sich was da liegt umher,
Concordanz und Kinderlehr',
240
Oblatenschachtel, Amtssigill,
Im Dintenfaß sich spiegeln will,
Zutheuerst Sand und Grus besicht,
Sich an dem Federmesser sticht
Und gleitet über'n Armstuhl frank
245
Hinüber an den Bücherschrank.
Da stehn in Pergament und Leder
Vornan die frommen Schwabenväter:
Andreä, Bengel, Rieger zween,
Sammt Ötinger sind da zu sehn.
250
Wie sie die goldnen Namen liest,
Noch goldener ihr Mund sie küßt,
Wie sie rührt an Hillers Harfenspiel -
Horch! klingt es nicht? so fehlt nicht viel.

Inmittelst läuft ein Spinnlein zart
255
An mir hinauf nach seiner Art,
Und hängt sein Netz, ohn' erst zu fragen,
Mir zwischen Schnabel auf und Kragen.
Ich rühr' mich nicht aus meiner Ruh,
Schau' ihm eine ganze Weile zu.
260
Darüber ist es wohl geglückt,
Daß ich ein wenig eingenickt. -
Nun sagt, ob es in Dorf und Stadt
Ein alter Kirchhahn besser hat?

Ein Wunsch im Stillen dann und wann
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Kommt einen freilich wohl noch an.
Im Sommer stünd' ich gern da draus
Bisweilen auf dem Taubenhaus,
Wo dicht dabei der Garten blüht,
Man auch ein Stück vom Flecken sieht.
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Dann in der schönen Winterzeit,
Als zum Exempel eben heut:
Ich sag' es grad' - da haben wir
Gar einen wackern Schlitten hier,
Grün, gelb und schwarz; - er ward verwichen
275
Erst wieder sauber angestrichen:
Vorn auf dem Bogen brüstet sich
Ein fremder Vogel hoffärtig -
Wenn man mich etwas putzen wollt',
Nicht daß es drum viel kosten sollt',
280
Ich stünd' so gut dort als wie der,
Und machet' niemand nicht Unehr'!
- Narr! denk' ich wieder, du hast dein Theil!
Willt du noch jetzo werden geil?
Mich wundert, ob dir nicht gefiel',
285
Daß man, der Welt zum Spott und Ziel,
Deinen warmen Ofen gar zuletzt
Mitsamt dir auf die Läufe setzt',
Daß auf dem G'sims da um dich säß'
Mann, Weib und Kind, der ganze Käs!
290
Du alter Scherb, schämst du dich nicht,
Auf Eitelkeit zu sein erpicht?
Geh' in dich, nimm dein Ende wahr!
Wirst nicht noch einmal hundert Jahr.



Mörikes Turmhahn im Original,
aufbewahrt im Schiller-Nationalmuseum
in Marbach